Augusta: Was meinst du, welche Farbe die Marsmenschen haben?
Freundin: Grün.
Augusta: Was für ein Grün? Ich meine, sind sie smaragdgrün oder erbsengrün oder apfelgrün oder flaschengrün oder meergrün oder wie?
Freundin: Also, ich finde, sie haben so ein grünes Grün.
(Aitchison 1997: 65)
Wie dieser kleine Dialog zwischen Augusta und ihrer Freundin zeigen soll, gehen Sprecher anscheinend davon aus, dass manche Wortreferenten grundlegender und einige Objekte bessere Vertreter für die Bedeutung eines Wortes sind als andere. So ist für Augustas Freundin das Grün der Marsmenschen nicht irgendeines, sondern ein besonders grünes Grün. Dies wird auch deutlich, wenn man z.B. einen Pinguin mit einem Vogel, der alle typischen Merkmale eines idealen Vogels trägt, vergleicht. Einige Merkmale des Pinguins stimmen mit diesem idealen Vogel überein, so dass man den Pinguin als Vogel bezeichnen kann. Der Pinguin muss keine feste Anzahl an Vogelmerkmalen haben, um als Vogel charakterisiert zu werden, seine Merkmale müssen nur einigermaßen mit denen des idealen, prototypischen Vogels übereinstimmen. Für Aitchison ist dies eine faszinierende Idee, die jedoch noch überprüft werden muss (vgl. Aitchison 1997: 65f). Dies tat Eleanor Rosch in den 70er Jahren in verschiedenen Experimenten. Aus der Analyse der Ergebnisse dieser Experimente entwickelte sie mit ihren Mitarbeitern die Standardversion der Prototypensemantik. Ziel dieser Prototypensemantik ist es, „die Zonen der gemeinsamen Prototypenkenntnisse zu beschreiben (Kleiber 1998: 31).“ Inzwischen haben Rosch und ihre Mitarbeiter ihre Meinung zu einigen Punkten der Theorie geändert und eine neue Version, die erweiterte Version der Prototypensemantik, erarbeitet.
In dieser Arbeit werde ich zunächst die Standardversion beschreiben, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Begriff des Prototyps und der Kategorisierung liegt. Anschließend werde ich die Probleme der Standardversion darlegen, die zum nächsten Abschnitt, der erweiterten Version der Prototypensemantik, führen. Betrachtet man beide Theorien, stellt sich die Frage, ob die Theorien aufeinander aufbauen und ob die erweiterte Version, wie es ihr Name sagt, eine Erweiterung, Weiterführung und Weiterentwicklung der Standardversion ist. Dies wird im Vergleich beider Theorien im vierten Abschnitt deutlich, auf den abschließend eine kurze Zusammenfassung folgt.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Die Standardversion der Prototypensemantik
2.1 Die horizontale Ebene
2.2 Die vertikale Ebene
2.3 Probleme mit der Standardversion
3. Die erweiterte Theorie der Prototypensemantik
3.1 Vorläufige Lösung
3.2 Die neue, erweiterte Version
4. Vergleich der Versionen
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Standardversion der Prototypensemantik der erweiterten Version gegenüberzustellen, um zu prüfen, ob es sich bei letzterer um eine logische Weiterentwicklung handelt oder um einen Bruch mit den ursprünglichen theoretischen Grundannahmen.
- Grundlagen der Standardversion (horizontale und vertikale Ebene)
- Kritische Analyse der Standardtheorie und ihrer Schwachstellen
- Einführung in die erweiterte Version der Prototypensemantik
- Vergleich der zentralen Thesen und Begriffsverständnisse (Prototyp vs. prototypischer Effekt)
- Diskussion über die Konzepte von Kategorisierung und Polysemie
Auszug aus dem Buch
2.1 Die horizontale Ebene
Auf der horizontalen Ebene wird die innere Struktur der Kategorie aufgezeigt. Wie Dörschner (1996: 43) schreibt, muss auf der horizontalen Ebene erst einmal geklärt werden, was ein Prototyp ist. Rosch beschrieb den Prototyp zunächst als bestes Beispiel, besten Vertreter oder zentrales Element einer Kategorie. Demnach besteht eine Kategorie nicht aus vielen gleichgestellten Elementen, vielmehr gibt es ein zentrales, prototypisches Element, den besten Vertreter, um den sich die übrigen mehr oder weniger guten Vertreter gruppieren.
Rosch (1973) führte ein Experiment durch, in deren Anleitung es hieß, dass es „in dieser Untersuchung um unsere Vorstellungen ginge, wenn wir Wörter benutzten, die sich auf Kategorien beziehen (Aitchison 1997: 66).“ In dem Experiment sollten mehr als 200 Psychologie-Studenten beurteilten, inwieweit gegebene Beispiele gute oder schlechte Beispiele für eine Kategorie sind. Laut Aitchison (1997: 66) sollte die These überprüft werden, dass Menschen einige Vogelarten „vogeliger“, einige Gemüsearten „gemüsiger“ und einige Werkzeuge „werkzeugiger“ erscheinen als andere.
Die Ergebnisse des Experiments zeigten eine große Übereinstimmung in Bezug auf die besten Vertreter einer Kategorie auf. So nannten nahezu alle Studenten das Rotkehlchen als typischen Vertreter für die Kategorie VOGEL und die Erbse für die Kategorie GEMÜSE. Die Ergebnisse dieses Experiments wurden durch weitere Experimente von Rosch und anderen Psychologen bestätigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Diese Einleitung führt in die Grundidee der Prototypensemantik ein, stellt das Forschungsvorhaben vor und gibt einen Überblick über den Vergleich zwischen der Standardversion und der erweiterten Version der Theorie.
2. Die Standardversion der Prototypensemantik: Dieses Kapitel erläutert die horizontale und vertikale Struktur von Kategorien innerhalb der klassischen Standardversion sowie die kritischen Probleme, die zu deren Überarbeitung führten.
3. Die erweiterte Theorie der Prototypensemantik: Hier wird die Entwicklung der erweiterten Theorie beschrieben, wobei insbesondere die vorläufige Lösungsphase und die fundamentale Neuausrichtung der Theorie analysiert werden.
4. Vergleich der Versionen: Dieses Kapitel stellt die beiden Versionen direkt gegenüber und diskutiert den Bruch zwischen den Modellen, insbesondere hinsichtlich des Begriffs des Prototyps.
5. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die wesentlichen Unterschiede der beiden theoretischen Ansätze und bewertet deren Verhältnis zueinander.
Schlüsselwörter
Prototypentheorie, Prototypensemantik, Kategorisierung, Standardversion, erweiterte Version, Familienähnlichkeit, horizontale Ebene, vertikale Ebene, Basisebene, cue validity, Polysemie, Prototypizität, kognitive Semantik, Familienähnlichkeit, Begriffsstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Prototypensemantik von ihrer Standardversion hin zur erweiterten Version und analysiert, inwieweit die neuere Theorie auf der alten aufbaut oder mit ihr bricht.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Schwerpunkte liegen auf der inneren Struktur von Kategorien (horizontale Ebene), der hierarchischen Organisation zwischen Kategorien (vertikale Ebene) und dem Prozess der Kategorisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob die erweiterte Version der Prototypensemantik als logische Weiterführung der Standardtheorie betrachtet werden kann oder ob sie deren Grundprinzipien in einer Weise verwirft, die einen theoretischen Bruch darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse. Sie stützt sich auf die zentrale Fachliteratur zur kognitiven Semantik und vergleicht die theoretischen Thesen der Standardversion mit den späteren Revisionen durch Rosch, Lakoff und andere Autoren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die zwei Versionen der Theorie, beleuchtet die Probleme der Standardversion bezüglich unscharfer Grenzen und Zugehörigkeitsfragen und dokumentiert die Transformation des Prototypbegriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Prototypensemantik, Kategorisierung, Familienähnlichkeit, Basisebene, Polysemie und der Vergleich zwischen Standardversion und erweiterter Version.
Was unterscheidet die „horizontale“ von der „vertikalen“ Ebene in der Standardversion?
Die horizontale Ebene beschreibt die innere Struktur einer Kategorie (wie ein Prototyp das Zentrum bildet), während die vertikale Ebene die hierarchische Anordnung zwischen verschiedenen Kategorien (übergeordnet, Basis, untergeordnet) erklärt.
Warum wird in der erweiterten Version der Begriff „Prototyp“ kritisch hinterfragt?
In der erweiterten Version verliert der Prototyp seinen Status als definierendes, zentrales Element der Kategoriestruktur. Er wird lediglich noch als „prototypischer Effekt“ wahrgenommen, was laut Autor einen Bruch zur ursprünglichen Theorie darstellt.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2007, Standardversion der Prototypentheorie versus erweiterte Version der Prototypentheorie: ein Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94169