Standardversion der Prototypentheorie versus erweiterte Version der Prototypentheorie: ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Die Standardversion der Prototypensemantik
2.1 Die horizontale Ebene
2.2 Die vertikale Ebene
2.3 Probleme mit der Standardversion

3. Die erweiterte Theorie der Prototypensemantik
3.1 Vorläufige Lösung
3.2 Die neue, erweiterte Version

4. Vergleich der Versionen

5. Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

Augusta: Was meinst du, welche Farbe die Marsmenschen haben? Freundin: Grün.

Augusta: Was für ein Grün? Ich meine, sind sie smaragdgrün oder erbsengrün oder apfelgrün oder flaschengrün oder meergrün oder wie?

Freundin: Also, ich finde, sie haben so ein grünes Grün. (Aitchison 1997: 65)

Wie dieser kleine Dialog zwischen Augusta und ihrer Freundin zeigen soll, gehen Sprecher anscheinend davon aus, dass manche Wortreferenten grundlegender und einige Objekte bessere Vertreter für die Bedeutung eines Wortes sind als andere. So ist für Augustas Freundin das Grün der Marsmenschen nicht irgendeines, sondern ein besonders grünes Grün. Dies wird auch deutlich, wenn man z.B. einen Pinguin mit einem Vogel, der alle typischen Merkmale eines idealen Vogels trägt, vergleicht. Einige Merkmale des Pinguins stimmen mit diesem idealen Vogel überein, so dass man den Pinguin als Vogel bezeichnen kann. Der Pinguin muss keine feste Anzahl an Vogelmerkmalen haben, um als Vogel charakterisiert zu werden, seine Merkmale müssen nur einigermaßen mit denen des idealen, prototypischen Vogels übereinstimmen. Für Aitchison ist dies eine faszinierende Idee, die jedoch noch überprüft werden muss (vgl. Aitchison 1997: 65f). Dies tat Eleanor Rosch in den 70er Jahren in verschiedenen Experimenten. Aus der Analyse der Ergebnisse dieser Experimente entwickelte sie mit ihren Mitarbeitern die Standardversion der Prototypensemantik. Ziel dieser Prototypensemantik ist es, „die Zonen der gemeinsamen Prototypenkenntnisse zu beschreiben (Kleiber 1998: 31).“ Inzwischen haben Rosch und ihre Mitarbeiter ihre Meinung zu einigen Punkten der Theorie geändert und eine neue Version, die erweiterte Version der Prototypensemantik, erarbeitet.

In dieser Arbeit werde ich zunächst die Standardversion beschreiben, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Begriff des Prototyps und der Kategorisierung liegt. Anschließend werde ich die Probleme der Standardversion darlegen, die zum nächsten Abschnitt, der erweiterten Version der Prototypensemantik, führen. Betrachtet man beide Theorien, stellt sich die Frage, ob die Theorien aufeinander aufbauen und ob die erweiterte Version, wie es ihr Name sagt, eine Erweiterung, Weiterführung und Weiterentwicklung der Standardversion ist. Dies wird im Vergleich beider Theorien im vierten Abschnitt deutlich, auf den abschließend eine kurze Zusammenfassung folgt.

2. Die Standardversion der Prototypensemantik

Die Standardversion der Prototypen wurde Mitte der siebziger Jahre von E. Rosch und ihren Mitarbeitern entwickelt. Diese nehmen eine Zweiteilung von Kategorie und Kategorisierung vor. Es gibt zum einen die horizontale Dimension oder Ebene, die die innere Struktur der Kategorie und die Gesetzmäßigkeiten ihrer Organisation (vgl. Dörschner 1996: 53) aufzeigt, und zum anderen die vertikale Dimension bzw. Ebene, die die interkategoriellen Strukturen darlegt.

2.1 Die horizontale Ebene

Auf der horizontalen Ebene wird die innere Struktur der Kategorie aufgezeigt. Wie Dörschner (1996: 43) schreibt, muss auf der horizontalen Ebene erst einmal geklärt werden, was ein Prototyp ist. Rosch beschrieb den Prototyp zunächst als bestes Beispiel, besten Vertreter oder zentrales Element einer Kategorie. Demnach besteht eine Kategorie nicht aus vielen gleichgestellten Elementen, vielmehr gibt es ein zentrales, prototypisches Element, den besten Vertreter, um den sich die übrigen mehr oder weniger guten Vertreter gruppieren. Rosch (1973) führte ein Experiment durch, in deren Anleitung es hieß, dass es „in dieser Untersuchung um unsere Vorstellungen ginge, wenn wir Wörter benutzten, die sich auf Kategorien beziehen (Aitchison 1997: 66).“ In dem Experiment sollten mehr als 200 Psychologie-Studenten beurteilten, inwieweit gegebene Beispiele gute oder schlechte Beispiele für eine Kategorie sind. Laut Aitchison (1997: 66) sollte die These überprüft werden, dass Menschen einige Vogelarten „vogeliger“, einige Gemüsearten „gemüsiger“ und einige Werkzeuge „werkzeugiger“ erscheinen als andere. Die Ergebnisse des Experiments zeigten eine große Übereinstimmung in Bezug auf die besten Vertreter einer Kategorie auf. So nannten nahezu alle Studenten das Rotkehlchen als typischen Vertreter für die Kategorie VOGEL und die Erbse für die Kategorie GEMÜSE. Die Ergebnisse dieses Experiments wurden durch weitere Experimente von Rosch und anderen Psychologen bestätigt. In Abbildung 1 (Aitchison 1997: 68) ist das Ergebnis für die Kategorie VOGEL zu sehen. Alle Vögel gruppieren sich um das prototypische Rotkehlchen. Taube, Spatz und Kanarienvogel sind dem Rotkehlchen sehr ähnlich und ihm daher auch in der Abbildung sehr nahe. Pinguin und Strauss ähneln dem Rotkehlchen dagegen nicht so sehr, weshalb sie am Rand der Kategorie zu finden sind.

Abbildung 1. Abstufung der Kategorie VOGEL.

Nach Kleiber (1998: 32) wird der Prototyp nur dann als solcher akzeptiert, wenn er hoch frequent ist, so dass eine interindividuelle Stabilität gegeben ist. Er betrachtet den Prototyp als das beste Exemplar, das mit einer Kategorie assoziiert wird. Ein Vertreter gilt also dann als Prototyp einer Kategorie, wenn sich viele Sprecher einig sind, dass dieses Beispiel besser ist als andere Vertreter dieser Kategorie. Ein Prototyp ist folglich das Exemplar, das von Sprechern als bestes Exemplar einer Kategorie anerkannt und am häufigsten genannt wird. Wichtig hierbei ist, dass nicht ein einzelnes Individuum, sondern eine große Sprechergemeinschaft den Prototyp als bestes Exemplar ansieht. Woraus abzuleiten ist, dass individuelle Einzelexemplare (z.B. mein Kanarienvogel) nicht als Prototypen anerkannt werden, da sonst die interindividuelle Stabilität (nicht jeder kennt meinen Kanarienvogel) nicht mehr gegeben wäre. Ein Prototyp muss alle typischen Eigenschaften, die die Mitglieder einer Kategorie aufweisen, in sich vereinen. Nach Dörschner (1996: 49) ist es hierfür nicht notwendig, dass der Prototyp real existiert, es kann sich dabei auch um eine abstrakte Einheit, ein kognitives Konstrukt handeln. Über die typischen Eigenschaften einer Kategorie müssen sich die Sprecher einer Gemeinschaft einig sein. Für Dörschner (1996: 45) sind die typischen Eigenschaften nicht gemeinsame Kenntnisse über etwas, sondern vielmehr das, was Sprecher allgemein vermuten. Nutz jemand z.B. das Wort Vogel, so kann man davon ausgehen, dass ermit dem Vogel nicht seinen eigenen Kanarienvogel meint, sondern eher einen typischen Vogel. Zwar gibt es von Sprecher zu Sprecher unterschiedliche Begriffe, die mit einem Wort in Verbindung gebracht werden, dies gilt aber nur für die Begriffe am Rand einer Kategorie, im Kern nimmt Dörschner (1996: 45) eine gewisse Konstanz an, die er als Grundlage jeglicher Kommunikation nennt. Es stellt sich nun die Frage, wie sich die typischen Eigenschaften eines Prototyps bestimmen lassen. Wie Dölling (2007) schreibt, haben die Merkmale des Prototyps einer Kategorie einen hohen Erkennungswert (cue validity). Diese cue validity wird von Rosch et al. (1976) als Bestimmungsgröße für die typischen Eigenschaften genannt, sie ist „ein mathematischer Ouotient aus der Häufigkeit, mit der ein Merkmal bei den Mitgliedern einer Kategorie erscheint und der Frequenz, mit der dasselbe Merkmal bei allen anderen Kategorien auftritt (Dörschner 1996: 50).“ Als Beispiel nennt Dölling (2007) das Merkmal ‚hat Federn’ für die Kategorie VOGEL. Dies hat einen großen Erkennungswert, da nahezu alle Mitglieder der Kategorie dieses Merkmal aufweisen und es bei Nichtmitgliedern nicht zu finden ist. Die Merkmale ‚Flügel haben’ und ‚fliegen können’ haben dagegen einen geringen Erkennungswert, da auch Nichtmitglieder wie Insekten fliegen können und auch, da Mitglieder wie z.B. der Pinguin nicht richtig fliegen können. Prototypen sind also diejenigen Vertreter einer Kategorie, die die meisten typischen Merkmale einer Kategorie und gleichzeitig am wenigsten Merkmale, die auch zu anderen Kategorien gehören, und zusätzlich die höchste cue validity aufweisen (vgl. Dörschner 1996: 52).

Durch die Annahme eines Prototyps ergibt sich eine neue Konzeption für die Kategorie und die Kategorisierung, die sich auf folgende Thesen, die Grundthesen der Standardversion, stützt (Kleiber 1998: 33f.).

1. Eine Kategorie hat eine prototypische innere Struktur.
2. Der Repräsentativitätsgrad eines Exemplares entspricht dem Grad seiner Zugehörigkeit zur Kategorie.
3. Die Grenzen zwischen den Kategorien bzw. Begriffen sind unscharf.
4. Die Vertreter einer Kategorie verfügen nicht über die Eigenschaften, die allen Vertretern gemeinsam sind; sie werden durch eine Familienähnlichkeit zusammengehalten.
5. Die Zugehörigkeit zu einer Kategorie ergibt sich aus dem Grad der Ähnlichkeit mit dem Prototyp.
6. Über diese Zugehörigkeit wird nicht analytisch, sondern global entschieden.

Anders als im Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen (NHB-Modell) angenommen, verfügen die Vertreter einer Kategorie nicht über Eigenschaften, die allen gemeinsam sind. Es gibt keine feste Menge von Merkmalen und kein Merkmal ist für die Zugehörigkeit zu einer Kategorie unbedingt notwendig. Wie Löbner (2003: 255) schreibt, werden Kategorien durch Prototypen definiert. Die innere Struktur einer Kategorie besteht aus einem Kern, dem Prototypen (in Abbildung 1 das Rotkehlchen), um den sich die anderen Vertreter der Kategorie gruppieren. Je repräsentativer ein Vertreter für seine Kategorie ist, desto größer ist auch sein Zugehörigkeitsgrad. So ist das Rotkehlchen als Prototyp der für die Kategorie VOGEL repräsentativste Vertreter. Es ist ein besserer und mehr Vogel (Codier 1980: 212) als z.B. ein Pinguin. Das Rotkehlchen gehört der Kategorie VOGEL also mehr an als der Pinguin und hat demzufolge auch einen höheren Zugehörigkeitsgrad, der durch seine Anordnung im Zentrum der Kategorie zum Ausdruck gebracht wird (Abbildung 1). Aus dem unterschiedlichen Grad an Zugehörigkeit ergibt sich, dass die Mitglieder einer Kategorie nicht alle denselben Status haben. Es gibt eine Hierarchie mit dem Prototyp an der Spitze bzw. im Zentrum der Kategorie. Aus der Gleichsetzung von Repräsentativitäts- und Zugehörigkeitsgrad folgt außerdem, dass die Grenzen zwischen den Kategorien unscharf sind. Nach Lakoff (1972) stellt sich die Frage, welche Kriterien über den Grad der Zugehörigkeit entscheiden. Welcher Vertreter zu einer Kategorie gehört, ergibt sich aus dem Grad der Ähnlichkeit mit dem Prototyp, demnach werden die Kategorien durch die Familienähnlichkeit zusammengehalten. Der Begriff der Familienähnlichkeit, der von dem Philosophen Wittgenstein (1958) im Zusammenhang mit einer Analyse zur Kategorie SPIEL eingeführt wurde, besagt, dass Vertreter einer Kategorie miteinander verbunden sein können, ohne gemeinsame Eigenschaften zu haben. Sie werden durch Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen zusammengehalten, die sich überschneiden (vgl. Kleiber 1998: 33ff.). Wie Dörschner (1996: 46f.) schreibt, ist es nicht notwendig, dass alle Exemplare einer Kategorie gemeinsame Merkmale haben, nur benachbarte Elemente müssen sich mindestens ein Merkmal teilen, woraus sich eine minimale Voraussetzung in der Form AB BC CD DE ableitet. So wird die Kategorisierung nicht mehr analytisch vorgenommen, stattdessen wird auf der Grundlage des Vergleichs mit dem Prototyp global entschieden, welche Elemente einer Kategorie zugeordnet werden.

Die innere Struktur einer Kategorie lässt sich zusammenfassend folgendermaßen beschreiben.

Die innere Struktur vieler natürlicher Kategorien besteht aus dem Prototyp der Kate- gorie (den eindeutigsten Vertretern, den besten Beispielen) und den nicht- prototypischen Exemplaren, welche in der Rangfolge angeordnet sind, die sich von den besten zu den weniger guten Beispielen erstreckt (Rosch 1975: 544, zit. nach Kleiber 1998: 34).

Zusammengehalten werden die Kategorien durch die Familienähnlichkeit, deren Grad über die typischen Eigenschaften bestimmt wird, die wiederum durch die cue validity gemessen werden (Dörschner 1996: 53). In Abbildung 2 (Löbner 2003: 266) sind die Annahmen der Prototypentheorie und ihr Zusammenhang, wie ich ihn eben beschrieben habe, zusammengefasst.

Abbildung 2. Annahmen der Prototypentheorie.

2.2 Die vertikale Ebene

Wie Dörschner (1996) schreibt, werden in der vertikalen Ebene die Strukturen zwischen den Kategorien dargelegt. Als Ausgangspunkt für die Beschreibung der vertikalen Ebene nennt Kleiber (1998: 55) die Beobachtung, dass ein und dasselbe Ding Verschiedenes sein kann und somit auch unterschiedlich kategorisiert werden kann. Brown (1958: 14, zit. nach Kleiber 1998: 55) nennt hierfür als Beispiel einen Hund, der nicht nur ein Hund, sondern auch ein Boxer, Vierbeiner und Lebewesen ist, wobei die unterschiedlichen Ausdrücke unterschiedlichen Kategorien angehören. In Bezug auf den Hund wären Vierbeiner und Lebewesen höher und Boxer tiefer einzuordnen. Wie Berlin et al. (1974) beobachtet haben, unterliegen die Ebenen der Kategorisierung einer bestimmten Hierarchie, wobei es eine privilegierte Ebene gibt, die in kognitiver Hinsicht hervorsticht (vgl. Kleiber 1998: 57f.). Rosch et al. (1976) führten den Gedanken von Berlin et al. unter psycholinguistischen Gesichtspunkten weiter und schlagen für die interkategorielle Hierarchie eine Klassifikation von drei Ebenen vor (die übergeordnete Ebene, die Basisebene und die untergeordnete Ebene). In Abbildung 3 (Löbner 2003: 273) wird dies anhand eins Beispiels deutlich. Auf der Basisebene sind die Kategorien GITARRE, SAXOPHON und KLAVIER angeordnet. Diese gehören alle der übergeordneten Ebene MUSIKINSTRUMENT an und auf der untergeordneten Ebene sind ihnen verschiedene Unterkategorien (z.B. SCHLAGGITARRE und E-GITARRE) zugeordnet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Standardversion der Prototypentheorie versus erweiterte Version der Prototypentheorie: ein Vergleich
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Sprache und Kommunikation)
Veranstaltung
Kognitive Semantik
Note
1,3
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V94169
ISBN (eBook)
9783640104635
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Standardversion, Prototypentheorie, Version, Vergleich, Kognitive, Semantik
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Standardversion der Prototypentheorie versus erweiterte Version der Prototypentheorie: ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94169

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