Zur Spannung und zum Mysteriösen im Roman "Der Augensammler" von Sebastian Fitzek


Diplomarbeit, 2020

32 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Thriller als literarische Gattung
1.1. Die inhaltliche Elemente der Handlung
1.2. Die Figuren des Thrillers
1.3. Die Räume im Thriller
1.4. Psychothriller

2. Spannung und ihr Aufbau
2.1. Das Mysteriöse und sein Zusammenhang mit der Spannung

3. Die Zeit und die Narration im Roman ,,Augensammler“

4. Begleitungsumstände im Roman ,,Augensammler“

5. Die Rolle des Geheimnisses im Thriller ,,Augensammler“
5.1. Die Visionen
5.2. Das Motiv des Verbrechens
5.3. Die Art und Weise der Tötung
5.4. Die Zeichen

6. Der Mithelfer als der Schuldiger
6.1. Die Schlußszene und die Lösung

Resümee

Einleitung

Die vorliegende Diplomarbeit setzt sich zum Ziel, das Mysteriöse im Roman Augensammler von Sebastian Fitzek zu analysieren. In dem ersten, theoretischen Kapitel werden die wichtigsten Begriffe dargestellt, die mit der Gattung verbunden sind. Der Roman Augensammler gehört zur Gattung Psychothriller. Aus diesem Grund scheint es notwendig zu sein, von der Definition des Thrillers unter besonderer Berücksichtigung der typischen Elemente auszugehen. Die Autorin wird die typischen Elemente des Thrillers mit den Elementen, die in diesem Roman implizit werden, verglichen. In dieser Gattung spielt die wichtigste Rolle die Spannung und verschiedene Geheimnisse, die diese Spannung hervorrufen können. Es wird in der Arbeit auch beschrieben, was der Spannung ist und was der Begriff Mystery bedeutet. Die theoretische Grundlegung, die mit dem Thriller verbunden ist, basiert auf der Theorie von Peter Nusser. Es soll untersucht werden, was als mysteriös in diesem Roman gilt und warum. Es handelt sich dabei nicht nur um die Geschehnisse, sondern auch um die Helden, die in den unbekannten Umständen erscheinen sowie um ihren Zusammenhang mit der ganzen Geschichte. Es scheint auch notwendig zu sein, den Begriff Spannung beschreiben und zu bestimmen, was die Spannung hervorruft. Es wird auch dabei der Zusammenhang zwischen dem Mysteriösen und der Spannung präsentiert.

Im zweiten, analytischen Kapitel werden verschiedene mysteriöse Elemente untersucht. Die Autorin wird ihre Rolle in diesem Roman sowie die Umstände, in denen diese Geheimnisse gelöst werden, schildern. Der zweite Teil dieses Kapitels befasst sich mit der Theorie des Thrillers. Dieser Teil setzt sich zum Ziel, die theoretischen Elemente, die mit dem Aufbau des Thrillers verbunden sind, darzustellen. Es wird dabei gezeigt, mit welchen typischen Elementen des Thrillers der Leser in diesem Roman zu tun hat. Es geht unter anderen um die Helden und ihre Zusammenhänge mit dem Verbrechen.

Die Arbeit schließt mit Resümee.

1. Thriller als literarische Gattung

Der Begriff „Thriller“ stammt vom englischen Wort ,,thrill‘‘ und bedeutet ,,Schauer, Erregung, Sensation‘‘.1 Diese Gattung ist sowohl ein Film- als auch Romangenre und teilt sich in verschiedene Subgenres. Charakteristisch für dieses Genre ist die Erzeugung eines Thrills, einer Spannung, die fortlaufend ist. Diese Spannung dauert während des gesamten Handlungsverlaufs. Das ist ein Spiel zwischen Erleichterung und Anspannung.2 Der Leser hat im im Thriller mit verschiedenen Situationen zu tun hat, die auf seine Emotionen Einfluss haben. Sie rufen beispielsweise die Angst oder die Neugier hervor. Die Hauptelemente der Handlung stützen sich auf die Unsicherheit, die Spannung und das Geheimnis.3

1.1. Die inhaltliche Elemente der Handlung

Der Thriller ist mit dem Kriminalroman verbunden. Eine wichtige Differenz zwischen Thriller und Detektivroman betrifft Elemente, die Wichtigkeit der Aktion betreffen. Vorrangig sind im Falle des Thrillers gegenüber den >analysis<-Elementen, die >action<-Elemente, die in dieser Gattung vorrangig sind. Der Held muss die Aufgabe, die er übernommen hat, bewältigen. Im Kriminalroman ist der Mord der Ausgangspunkt, oft wird er geplant und bringt eine Reihe begangener Verbrechen mit sich, die Gefahr und verschiedene Reaktionen von den auslösen. Das Verbrechen im Thriller wird in actu (als Ausführung oder Planung) gezeigt. Die Reaktion auf die Bedrohung ist etwas, was den Leser fasziniert. Diese Bedrohung, Unwissenheit und ein Geheimnis ruft in dem Leser die Spannung hervor.4 Beim Thriller kann man, ähnlich wie beim Detektivroman, den Vorgang der Fahndung in verschiedene Teilaspekte im Inhalt zerlegen. Sie sind sowohl durch den Kampf als auch durch seine Begleitumstände (das heißt Verfolgung, Flucht, Gefangennahme, Befreiung) bestimmt.

Die Fahndungsarbeit steht häufig zu Beginn, als Auftakt. Es setzt den Helden in Bewegung. Der Auftrag wird von den Personen, die privat sind, gegeben. Diese Personen werden durch ein Verbrechen verletzt oder sie fühlen sich gefährdet. Die Art und Weise der Verfolgung unterschiedlich sein, wobei die Überwachung als ihre schwächste Form gilt. In dieser Form werden die Verhaltensweisen der Verdächtigen von Helden oder Mitarbeitern kontrolliert. Ihre stärkere Form ist die Suche nach dem Täter und seinen Komplizen. Der Held bemüht sich durch Befragungen von Augenzeugen die fliehenden oder sich versteckenden Gegner ausfindig zu machen. Das >Mitgehen< des Lesers ist durch dabei geschilderte Aktionen möglich. Wenn die Verfolgung die stärkste Form annehmen wird, wird das verstärkt. Durch eine Verlängerung der Machtverhältnisse oder durch sich ändernde Bedingungen für den Helden kann die Verfolgung ins Gegenteil umschlagen und zu Flucht werden. Die Existenz des Protagonisten steht auf dem Spiel. Das ist eine kritische Situation für ihn. Es spielt dabei keine Rolle, ob er den anderen schützenden Platz findet, oder ob er sich versteckt.5 Die Flucht von dem Helden kann misslungen sein. Es gibt auch Situationen, in denen sie einfach unmöglich ist. Manchmal gerät der Protagonist in Gefangenschaft. Er wird nicht selten gefoltert. Der Held befindet sich in einer existenzbedrohenden Grenzsituation. Er will sich befreien und greift zu einer List oder benutzt eine Hilfe der Anderen. Die Autonomie ist dem Helden zurückgegeben. Es führt zur entscheidenden Auseinandersetzung oder erneuten Verfolgung des Gegners. Der Thriller stellt verschiedene Kampfsituationen dar, die oft ungünstig für den Helden ausgehen, weil sie zu seiner Gefangennahme führen.6

Der Held reagiert sehr oft auf die Provokationen. Sie gehen von seinen Gegenspielern (anders gesagt von outgroup) aus. Seine Gewalt erscheint so immer als Notwehr gerechtfertigt. Wenn der Held einen Kampf verliert, wird er nie getötet, die Rettung ist immer möglich. Der Held kann seine Kräfte reaktivieren und sich befreien. Die Hilfe kann auch von außen kommen.7

Die Fahndungsarbeit führt in den Schlussszenen zum entscheidenden Kampf. Dieser Kampf endet mit der Überwältigung des Gegners. Die Überführung des Täters geht oft im Sieg des Helden auf. Im Thriller steht am Ende der Tod. Egal, ob dieser Tod freiwillig oder unfreiwillig ist. Der Triumpf des Helden wird sinnfällig genossen, was man besonders in den Schlussszenen sieht.8

1.2. Die Figuren des Thrillers

Die Figuren des Thrillers teilen sich, ähnlich wie in den anderen Gattungen, in gute und böse Helden. Im Thriller kann der Leser ohne Probleme das Gute und das Böse erkennen. Diese These beschreibt genau Peter Nusser.

,,Die Figuren des Thrillers stehen sich in biopolarer Anordnung gegenüber. Sie werden – wenn nicht sofort, so doch mehr oder weniger schnell […] – als Angehörige der ingroup oder outgorup erkennbar, sie zeigen, wer sie sind und wo sie stehen, so dass die in der Sekundärliteratur durchweg anzutreffende Unterscheidung nach den moralischen Kriterien von >Gut< und >Böse< gerechtfertigt erscheint […].‘‘9

Die Figuren zeigen dem Leser ihre Angehörigkeit. Jeder Protagonist zeigt, wo er steht. Dadurch ist es sofort oder mit der Zeit möglich, ihn einer bestimmten Gruppe zuzuordnen, das heißt zu ingroup (die Eigengruppe, das Gute) oder zu outgroup (Fremdgruppe, das Böse). Die Figuren sind ständig gruppiert, das heißt, sie werden negativ oder positiv bewertet.

Im Thriller treten auch solche Protagonisten auf, die als Opfer gelten. Ihre Bedeutung ist oft nicht eindeutig. Peter Nusser äußert seine Meinung dazu in seinem Text Der Kriminalroman folgendermaßen:

,,Es ist wohl möglich, dass es dem Kreis der outgruop angehört, zumal wenn sich diese im Handlungsverlauf aus Konkurrenzgründen oder Angst selbst zugrunde richtet.‘‘10

Peter Nusser behauptet, dass das Opfer zu einer Fremdgruppe gehören kann. Diese Person wird ein Opfer aus verschiedenen Gründen, aus Angst oder Konkurrenzgründen. Der böse Held kann sich aus dem Folterknecht in das Opfer verwandeln. Das sogenannte Opfer richtet sich zugrunde selbst. Normalerweise ist jedoch das Opfer am meisten Angehöriger der Eigenegruppe. Das Wissen von den Motiven ist hilfreich bei der Bewertung oder der Rechtfertigung des Helden, was auch von bestätigt wird. ,,Ähnlich wie beim Detektivroman gelingt die Angleichung des Helden an den Leser vor allem durch die Darstellung der Beweggründe seines Tuns.‘‘11 Der Leser hat eine Chance, den Helden zu verstehen, weil die Motive seines Handels beschrieben sind. Er kann den Protagonisten schlecht bewerten oder sich mit ihm identifizieren und den Helden rechtfertigen.

Das nächste Zitat zeigt, dass nicht nur die Tat, sondern die Art und Weise wichtig ist, wie die Tat begangen wird. Es ist nicht zu übersehen, dass es dem Leser zu erfahren ermöglicht wird, mit wem er zu tun hat und was ihn bedroht. Dieses Wissen hilft den Helden beim Kampf mit dem Feind. ,,Die Moral ihrer Handlung steht nie ernstlich zur Debatte, sondern gilt als gesichert. Nicht dass sie töten, sondern allenfalls, wie sie es tun.‘‘12 - stellt Nusser fest. Die Art und Weise, wie der Mörder sein Opfer tötet, spielt eine große Rolle. Die Art und Weise des Handels sagt viel über die Person, mit der wir zu tun haben. Der Mensch kann aus verschiedenen Gründen töten, wie zum Beispiel aus Rache, Selbstverteidigung, Eifersucht, Liebe. Er kann aber auch den Mord als Spiel behandeln und ohne bestimmten Grund töten. Der letzte Aspekt, der hinsichtlich der Helden wichtig ist, ist die Perspektive des Opfers. Peter Nusser zeigt diese Perspektive in seinem Werk Der Kriminalroman folgendermaßen:

,,Die Perspektive des Opfers kann zweifellos psychologisch interessante Studien ergeben, im allgemein wird sie jedoch nur als Nervenkitzel für den Leser gewählt, was freilich unter ideologiekritischem Gesichtspunkt nicht harmlos erscheint: Denn steht der Leser in der Perspektive des Opfers, so muss ihn die Gewalttat besonders stark berühren […].‘‘13

Wenn wir den Thriller aus der Perspektive des Opfers lesen, können wir das fühlen, was der Held fühlt. Er hält uns in Spannung und verursacht den Nervenkitzel. Den Leser muss die Gewalttat, der Mord, die Bedrohung stark berühren, weil er alles aus der Perspektive des Opfers betrachtet. Andere wichtige Gruppe von den Helden ist die Gruppe der Verbrecher und Personen, die ihnen helfen. Es gibt auch die Gruppe von Polizisten und wie im ersten Fall – die Mithelfer. Nicht immer stehen diese zwei Gruppen gegenüber. Der Leser stößt dabei auch oft auf die korrumpierte Gesellschaft, was aus dem folgenden Zitat zu entnehmen ist:

,,Denn nicht immer sind >Gut< und >Böse< […] gleichgewichtig verteilt, nicht immer steht der überschaubaren Gruppe der Verbrecher und ihrer Helfer eine ebenso große Gruppe von Polizisten und Helfern gegenüber. Oft ist vielmehr ein einzelner, aus dessen Perspektive der Leser das Geschehen mitvollzieht auf sich selbst gestellt angesichts einer total korrumpierten Gesellschaft, in der jeder auf irgendeine Weise an Verbrechen teil hat.‘‘14

Diese zwei Gruppen sind oft nicht gleichgewichtig verteilt. Es geht nicht nur um die Zahl, sondern auch um die Loyalität der angehörigen Menschen. Es ist möglich, dass jemand, der auf den ersten Blick den Mörder finden möchte, den Anteil an diesem Verbrechen haben kann. In der korrumpierten Gesellschaft kann das Verbrechen versteckt bleiben. Der richtige Mörder kann als Mithelfer gelten. In den Extremfällen gibt es sogar eine Möglichkeit, dass der Polizist der richtige Mörder ist. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Rollen der Protagonisten sich im Laufe der Handlung ändern können. Der Held, der früher auf der Seite des Guten war, kann ein richtiger Feind sein.

1.3. Die Räume im Thriller

Im Thriller hat die Darstellung von Räumen und Gegenständen verschiedene Unterhaltungsfunktionen. Die Räume und Gegenstände schaffen im Thriller eine spezifische Atmosphäre. Die Aktion des Thrillers spielt oft in Großstädten, aber die Umgebung verändert sich. Nusser stellt Folgendes fest:

,, Der überschaubaren Umgebung, dem isolierten, oft die Aura des Zufluchtsortes ausstrahlenden Raum des Detektivromans steht im Thriller der Raum der Großstadt, verbunden mit dem jähen Wechsel der Umgebung, gegenüber. Die Vielfalt der Schauplätze und die zur Großstadt gehörende Vielseitigkeit entsprechen der ständig bewegten Handlung.‘‘15

Verschiedene Veränderungen in der Umgebung und allgemeine Vielseitigkeit sind mit der schnellen Handlung verbunden. Die Vielfalt des Raumes hat Einfluss auf den Helden und die Situationen, in denen er sich befindet. Die Schnelligkeit der Handlung und ihr Wechsel hält den Leser in Spannung und löst die Neugier aus.

Die Helden haben viele Auswegmöglichkeiten. Sie können beispielsweise fliehen, sich verstecken, das Verbrechen verbergen. Der Raum im Thriller ist geheimnisvoll und beinhaltet >mystery< Elemente. Peter Nusser äußert sich dazu folgendermaßen: ,,[…] sind die Kulissen auch im Thriller […] um des sensationellen, das >mystery< Elemente verstärkenden Effekts willen aufgebaut, denn sie verbergen das Verbrechen eher als dass sie es enthüllen […].‘‘16

Das Verbrechen wird verborgen und kann erst später enthüllt werden. Verschiedene >mystery< Elemente rufen wirkungsvoll die Spannung hervor und bringen den Leser zum Nachdenken, „was passieren würde/passiert hätte, wenn…‘‘.

1.4. Psychothriller

Der Psychothriller ist ein Subgenre des Thrillers. Wie schon der Name darauf hindeutet, ist er durch psychologische Aspekte gekennzeichnet. Der Konflikt, der im Psychothriller auftritt, ist eher emotional oder geistig als physisch. Die physische Gewalt verliert dabei an Bedeutung. Die charakteristischen Merkmale des Psychothrillers lassen sich aus dem folgenden Zitat entnehmen.

,,With a psychological thriller the conflict (battle) is through the mind, skills, and wit of main characters, reversing the more normal thriller “plot over character” expectations ie. a psychological thriller reader needs to understand the character, character can (sometimes) be slightly more important than plot […]There are Life and death situations and certainly at the end (climax) but this could well involve death or danger to the mind or intrinsic identity or values of the hero rather than a physical threat. […] Motives and intentions are more important than technical aspects of how a crime is done.‘‘17

Die Figur und ihr Charakter sind im Psychothriller am wichtigsten. Es geht um das Verstehen des Handelns von Protagonisten. Manchmal ist der Charakter und verschiedene Eigenschaften der Figuren wichtiger als die Fabel. Die Figuren des Psychothrillers können interessanter als die ganze Handlung sein. Der Leser kennt ihre Empfindungen und Gedanken. Im Falle des Psychothrillers geht nicht nur um physische Bedrohung, sondern auch um die Bedrohung des Geistes, oder der inneren Identität. Der Psychothriller hält den Leser in Spannung von Anfang bis zum Ende. Der Leser wartet mit Ungeduld auf das Ende. Im Psychothriller sind die oft am Anfang versteckten Motive des Handels an wichtigsten. Der böse Held erklärt oft im Laufe der Zeit, was und warum er dies und das machen möchte. Hier können die Rückschauen erscheinen, die manchmal die Motive des Handels erklären.

2. Spannung und ihr Aufbau

Am Anfang ist es erwähnenswert, was die Spannung bedeutet. Wichtig ist auch dabei die Suspense, weil von Helmut Bonheim die Spannung als der Oberbegriff für die Suspense gilt. Er spricht davon in seinem Werk. ,,In the course of even a first reading of this text we may well experience Spannung both as suspense and as tension: suspense involves the question: ‘What happened then?’ and tension the question: ‘What is the import of this event?“18 Aus seiner Feststellung lässt sich entnehmen, dass diese Begriffe sich in gewissem Sinne überschneiden. Wir haben mit der Frage ,,Was passiert dann?‘‘ zu tun. Etwas ruft die Neugier hervor, weil es unvorhersehbar ist. Die nächste Frage betrifft die Bedeutung von diesen Ereignissen. Die Definition von Suspense kann man im Concise Oxford Dictionary als ,,state of usually anxious uncertainty or expectation or waiting for information‘‘ finden, also die Unsicherheit, die Furcht, die Erwartungen und das Warten auf eine Information. Alvin Fill definiert die Spannung in seinem Werk Das Prinzip Spannung als etwas, was alle Bereiche des Lebens umfasst. Er teilt die Spannung in ,,Eutension‘‘, das heißt wünschenswerte Spannung und Dystension, anders gesagt unangenehme Spannung.19 Carl Boost definiert die Spannung als ein Gefühlszustand mit der Teilnahme an dem Vorgang oder Zustand und der Erwartung einer Lösung.20 Der Leser wartet auf die Lösung mit der Faszination. Verschiedene Geschehnisse, die beispielsweise den Protagonisten bedrohen oder einen direkten Einfluss auf den weiteren Ablauf der Geschichte haben, rufen die Neugier hervor. Die Spannung ist etwas, was eine wichtige Rolle im literarischen Text spielt. Der Schriftsteller hat eine Aufgabe, den Leser für sein Werk zu interessieren. Es gibt viele Faktoren, die auf das Interesse des Lesers einen Einfluss haben. Einer von ihnen ist die Spannung und die Art und Weise, wie sie hervorgerufen wird. Thomas Anz definiert die Spannung‘‘ ,in seinem Werk Spannung in der Literatur als ,,Das spannende Spiel mit Ungewissheiten‘‘. Er stellt dabei Folgendes fest:

,,Spannung kommt allerdings durchaus ohne lebensbedrohliche Situationen aus. Als spannend werden Vorstellungen von Situationen und Ereignisse bereits dann empfunden, wenn man nicht genau weiß, aber geradezu begierig wissen will, wie es in der Zukunft weitergeht oder wie sich ein vergangenes, dunkles, geheimnisvolles Geschehen wirklich abgespielt hat. Andeutungen oder Vorausdeutungen stimulieren den Rezipienten dazu, Vermutungen über zukünftige oder vergangene Ereignisse anzustellen und erfahren zu wollen, ob sie richtig oder falsch waren.‘‘21

Eine wichtige Rolle spielt hier das Geheimnis, das mit verschiedenen Situationen verbunden ist, die auf die ganze Geschichte einen Einfluss haben. Das Geheimnis ist ein bewährtes Mittel, das die Spannung wirksam hervorrufen kann. Der Leser hat ein begrenztes Wissen und das Verhalten der Antagonisten oder Protagonisten gibt ihm zu denken. Er analysiert die Verhaltensweise des Helden und versucht das Geheimnis zu lösen. Der Roman ist dann spannend, wenn der Leser mit vielen Mysteriösen zu tun hat und über weitere Geschehnisse nachdenken muss. Er weiß nicht wie die Ereignisse in der Zukunft weitergehen und ist neugierig, wie die vergangenen Geschehnisse sich abgespielt haben. Der Leser stellt seine Vermutungen über vergangene und zukünftige Geschehnisse an, die richtig oder falsch sein können. Das ist ein spannendes Rätsel für den Leser. Alvin Fill beschreibt das folgendermaßen: ,,Spannung ist Gegensatz in einer Funktion der Zeit. Aber Spannung ist nicht Selbstzweck: sie strebt nach Lösung.‘‘22 Sie ist mit der Suche verbunden. Wenn man über den Thriller spricht, ist das am meisten eine Fahndung. Der Leser will eine Antwort auf die bohrende Frage finden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Art und Weise, wie der Schriftsteller den Leser in Spannung halten kann. Die polnische Autorin – Katarzyna Krzan, teilt den emotionalen Zustand des Helden in vier Phasen, das heißt: die Emotion, der Gedanke, die Entscheidung und die Tätigkeit.23 Der Held geht also, unter dem Einfluss von den Emotionen, vom Denken zum Handeln. Katarzyna Krzan behauptet, dass der Aufbau der Spannung sich mit der Verzögerung des Handels verbindet. Der Held trifft eine Entscheidung unter dem Einfluss der eigenen Gedanken und Emotionen, aber es gilt als ein Geheimnis. Die Lösung und die Erklärung des Motivs bleiben unbekannt. Dem Leser wird erst die Folge des Handels gezeigt, er wird also in Spannung gehalten.24

2.1. Das Mysteriöse und sein Zusammenhang mit der Spannung

Bei der Analyse der Spannung und des Mysteriösen im Thriller ist es erwähnenswert zu erklären, was das Mysteriöse eigentlich bedeutet. Dieses Wort stammt aus dem lateinischen ,,Mysterium‘‘ und gilt als etwas, was nicht zu durchschauen oder zu erklären ist. Das Mysteriöse ist ein Geheimnis, etwas Rätselvolles.25 Es gibt keine einzelne, akademische Definition für diesen Begriff. Es liegt in der Ansicht des Betrachters und ist von Genre abhängig, mit welchem der Leser zu tun hat.26 Dieser Begriff spielt eine wichtige Rolle für den Thriller, in dem der Schriftsteller die Spannung hervorrufen will. Die >Mystery<-Elemente, mit denen der Leser im Kriminalroman und in seinen Subgenres zu tun hat, spielen eine große Rolle. Sie rufen die Neugierigkeit hervor und wecken größeres Interesse. Das Mysteriöse ist streng mit der Spannung verbunden. Sie treten zusammen in den gefährlichen Situationen auf, in denen der Held bedroht ist. Thomas Anz stellt fest:

,,Gefährliche Situationen und Informationsunsicherheiten haben eines gemeinsam: Sie sind mit Unlustgefühlen verbunden, die den Wunsch erzeugen, sie zu beseitigen. Grundlegend für die Erzeugung von Spannung ist vielfach, dass wir als Leser oder Zuschauer mit den Wünschen oder Zielen von Figuren konfrontiert werden, die uns sympathisch sind und für die wir in Konfliktsituationen Partei ergreifen, dass die Erfüllung dieser Wünsche oder das Erreichen der Ziele auf Hindernisse stößt und länger auf sich warten lässt. Rätsel […] werden in der Literatur mit einer ähnlichen Spannungsdramaturgie inszeniert wie in vielen Fernsehformaten.‘‘27

Die Informationsunsicherheiten, also auch die Geheimnisse verbinden sich mit den Unlustgefühlen. Der Leser hat eine Gelegenheit sich der Ziele, Gefühle und Wünsche des Helden bewusst zu werden. Er hat eine Möglichkeit mit ihnen konfrontiert zu werden. Wenn der Held eine Sympathie weckt, ergreift er für die konkrete Partei (in diesem Fall nimmt er für den Protagonisten oder seltener den Antagonisten Partei). Der Leser wartet auf die Lösung, die günstig für den Helden wird, also er erwartet die Erfüllung der Wünsche oder das Erreichen der Ziele. Die Rätsel, die der Held lösen muss, ist etwas, was ihn fasziniert. Er hat eine Möglichkeit, seine eigenen Vermutungen anzustellen und auf ihre Erfüllung zu warten. Es soll jedoch dabei nicht vergessen werden, dass das immer noch ein Geheimnis ist. Das Wissen ,,Was passiert dann?‘‘ gilt für ihn als die Notwendigkeit. Alles, was regelmäßig ist, ist spannungslos. Wenn es kein Rätsel gibt, ruft das Werk kein Interesse des Lesers hervor. Das Geheimnis ermöglicht, den Leser für das Werk zu interessieren. Alvin Fill beschreibt es in seinem Werk Das Prinzip Spannung folgendermaßen: ,,Spannungslos ist alles Vorhersagbare, Regelmäßige, Gleichgemachte; sofort alles sagen, keine Rätsel offen lassen, Sehnsucht sofort befriedigen vorhersagbar sprechen und agieren: Das sind Handlungsweisen, die keine Spannung erzeugen.‘‘28 Alles was vorhersagbar ist, ist für den Leser langweilig. Der Spaß vom Lesen ist unmerklich. Die spannenden Werke, also vor allem der Thriller und seine Subgenres, sollen reich an verschiedenen Unklarheiten und Geheimnissen sein. Wenn der Roman keine regelmäßige Struktur hat und den Leser zu denken zwingt, ruft er die Spannung hervor und weckt das Interesse des Rezipienten.

[...]


1 Berul, Karl: Cassell’s German and English Dictionary. London 1952, S. 593.

2 Vgl. Ofenloch, Simon: Über den Thriller. ARTE, 16. Februar 2011.

3 Vgl. https://pl.wikipedia.org/wiki/Dreszczowiec, letzte Zugang am 2.Mai 2017

4 Vgl. Nusser, Peter: Der Kriminalroman S. 54f.

5 Vgl. Nusser, Peter: Der Kriminalroman, S. 57f.

6 Ebd., S. 57

7 Ebd., S. 57f.

8 Ebd., S. 58

9 Nusser, Peter: Der Kriminalroman, S. 61

10 Ebd., S..62

11 Ebd., S..65

12 Nusser, Peter: Der Kriminalroman, S. 65

13 Ebd., S. 71

14 Ebd., S. 61

15 Nusser, Peter: Der Kriminalroman, S.71

16 Ebd., S.72

17 https://hunterswritings.com/2012/10/12/elements-of-the-psychological-thriller-mystery-suspense-andor-crime-fiction-genres/

18 Helmut Bonheim: Spannung, Suspense, Tension – A survey of Parameters and a Thesis. In: Raimund Borgmeier/ Peter Wenzel (Hg.): Spannung. Studien zur englischsprachigen Literatur. Trier 2001, S. 1–9, hier S. 8

19 Fill, Alvin: Das Prinzip Spannung, S. 9

20 Boost, Carl: Neue Untersuchungen zum Wesen und zur Struktur des deutschen Satzes. Berlin 1959, S. 18

21 Anz, Thomas: Spannung in der Literatur. Über das lustvolle Spiel mit Unlustgefühlen, S.19

22 Ebd.

23 Krzan, Katarzyna: Zacznij pisać. Motywacyjny poradnik pisarza., S. 104

24 Vgl. Ebd., S. 104

25 http://www.duden.de/rechtschreibung/mysterioes

26 Vgl. Wenzel, Julian: Faszinationskraft des Geheimnisvollen - Narrative Analyse der mysteriösen Elemente in Twin Peaks und Lost, S. 6

27 Anz, Thomas: Spannung in der Literatur. Über das lustvolle Spiel mit Unlustgefühlen, S.20

28 Fill, Alvin: Das Prinzip Spannung, S. 13

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Zur Spannung und zum Mysteriösen im Roman "Der Augensammler" von Sebastian Fitzek
Hochschule
Uniwersytet Zielonogórski
Note
1
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V944517
ISBN (eBook)
9783346279880
ISBN (Buch)
9783346279897
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spannung, mysteriösen, roman, augensammler, sebastian, fitzek
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Zur Spannung und zum Mysteriösen im Roman "Der Augensammler" von Sebastian Fitzek, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944517

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