Die Funktionen und Rollen des Gretchen in Johann Wolfgang Goethes "Faust"


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Allgemeine Angaben zum Thema und zur Vorgehensweise

2. Hauptteil
2.1 Gretchen als Repräsentantin natürlicher und reiner Unschuld
2.2 Gretchen als Objekt der Begierde
2.3 Gretchen als Repräsentantin des Christentums

3. Schluss
3.1 Resümee

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

1.1 Allgemeine Angaben zum Thema und zur Vorgehensweise

In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich mit den Rollen und Funktionen der Figur Gretchen beziehungsweise Margarete aus Johann Wolfgang Goethes Tragödie „Faust – Der Tragödie Erster Teil“.

Schon während meiner Schulzeit, in der ich das Werk zum ersten Mal las, interessierte es mich, welchen Platz Gretchen in der Fausttragödie einnimmt. Dabei fiel mir beim erneuten Nachdenken auf, dass sie mehrere Funktionen hat und daher unterschiedliche Rollen in der Handlung einnimmt. Diesen Rollen und Funktionen möchte ich daher in meiner Hausarbeit auf den Grund gehen.

Zunächst werde ich noch im Rahmen der Einleitung die Gretchen-Handlung aus dem Gesamtzusammenhang herausnehmen, näher erläutern, darauf eingehen und sie dann wieder in den Gesamtzusammenhang einbetten.

Im Hauptteil werde ich die Rollen, die mir als besonders wichtig erscheinen, benennen und diese mit Hilfe des Werkes „Faust“ untermauern und belegen. Weiterhin möchte ich auch eigene Interpretationen und Gedanken dazu einbringen.

Zuletzt werde ich eine Auswertung der getroffenen Aussagen aus dem Hauptteil vornehmen und daraus ein Resümee erstellen. Mein Ziel ist die Klärung der Frage „Gibt es eine übergeordnete Rolle und/oder Funktion des Gretchen für die gesamte Faustdichtung ‚Faust – Der Tragödie Erster Teil’?“.

Die überaus vielschichtige Handlung von „Faust – Der Tragödie Erster Teil“, die sich mit nahezu allen Themen des menschlichen Lebens auseinandersetzt, weist zwei Schwerpunkte auf: zum einen die Geschichte des Gelehrten Faust, der sich mit dem Teufel verbündet, zum anderen die Tragödie des jungen Bürgermädchens Gretchen, Fausts Geliebten.

Da ich, wie schon zu Beginn erwähnt, den Schwerpunkt dieser Hausarbeit auf Gretchens Tragödie lege, lasse ich den zweiten Schwerpunkt über Fausts Geschichte und seine Verbündung mit Mephistopheles außen vor. An manchen Stellen überschneiden sich beide Schwerpunkte jedoch. In diesen Fällen erwähne ich natürlich auch Teile, die Faust selber betreffen.

Die Gretchen-Handlung ist in drei Hauptphasen unterteilt und strukturiert:

Gretchens Verführung

Gretchens Bedrängnis und Ächtung

Gretchens Katastrophe

Gretchens Verführung beginnt in der Szene „Straße“ durch eine erste Annäherung zwischen ihr und Faust und endet mit der Andeutung der bevorstehenden Liebesnacht in „Marthens Garten“.

In der geschlossenen Szenensequenz „Am Brunnen“, „Zwinger“, „Nacht“ und „Dom“ steigert sich Gretchens Bedrängnis bis hin zur öffentlichen Ächtung.

Gretchens Katastrophe geschieht in den letzten drei Szenen der Tragödie, also „Trüber Tag, Feld“, „Nacht, offen Feld“ und schlussendlich im „Kerker“.[1]

In diesen drei Hauptphasen sind auch alle Rollen und Funktionen der Figur Gretchen vertreten, auf die ich im weiteren Verlauf näher eingehen werde.

Die ‚Gretchentragödie’ ist neben der ‚Gelehrtentragödie’ wichtigster Bestandteil von „Faust – Der Tragödie Erster Teil“.

Mephisto will Faust mit Hilfe von schönen Frauen in Versuchung führen. Leider geht seine Rechnung nicht ganz auf, da Faust dem jungen Bürgermädchen Gretchen begegnet und sich beide ineinander verlieben – trotz Standes- und Bildungsunterschieden.

Trotz allem nimmt die Tragödie ihren Lauf, indem Gretchen den Tod der Mutter, des Bruders und des gemeinsamen Kindes zu verschulden hat. Kurz vor Gretchens Hinrichtung versucht Faust, sie aus dem Kerker zu befreien. Gretchen jedoch rettet ihr Seelenheil durch ihre Weigerung, zu fliehen.[2]

2. Hauptteil

2.1 Gretchen als Repräsentantin natürlicher und reiner Unschuld

Goethe wählte in „Faust – Der Tragödie Erster Teil“ die Figur des Gretchen so aus, dass sie mit ihrem kleinbürgerlichen, beschränkten Charakter im direkten Gegensatz zum Gelehrten Faust steht.

Faust, der Hochgelehrte, ist zum Zeitpunkt des ersten Aufeinandertreffens mit Gretchen bereits seiner Wissenschaft und alles Wissens überdrüssig. Aus diesem Grund erscheint ihm Gretchens einfaches, bürgerliches Leben, das Schlichte an ihr, besonders anziehend.

Sie stellt den Typus der kleinbürgerlichen, reinen Unschuld dar. Mit jeder Faser ihres Seins bleibt Gretchen den kirchlich und sozial gebundenen Anschauungen ihrer kleinen Welt verbunden. Es würde ihr grundsätzlich nicht in den Sinn kommen, sich dieser Welt zu überheben.[3] „In Gretchen schlägt das Gewissen der bürgerlichen Geschlechtsmoral, von der sie sich im Geiste nicht zu befreien vermag“.[4]

Natürlich liegt es aber auch daran, dass es den Leuten der damaligen Zeit generell nicht gestattet war, sich ihres Standes untypisch zu verhalten oder darüber zu erheben.

Gretchen nimmt grundsätzlich betrachtet die Rolle des natürlichen und unschuldigen Wesens ein. Allerdings wird diese Wesensart erheblich gestört, indem Gretchen Faust begegnet. Dies liegt vor allem daran, dass Faust sich wiederum mit Mephisto eingelassen hat. Indirekt wird Gretchen also durch Mephisto von ihrem eigentlichen Weg abgebracht.

So verändert sich im Laufe der Handlung ihre Denkweise Stück für Stück. Genau darin besteht Gretchens Tragödie. Sie wird von den Menschen aus ihrem sozialen Umfeld geächtet, weil sie durch die Verbindung mit Faust in die Schicht des Adels unbewusst einzudringen versucht.

Besonders ihr Bruder Valentin, der das Pendant zu Gretchen darstellt, ächtet sie in der Szene „Nacht. Straße vor Gretchens Haus“. In ihm wohnt das ehrbare Denken der kleinbürgerlichen Gesellschaft, welches eigentlich auch Gretchen innehat. Valentin erfährt durch den Klatsch der Nachbarn, wie es um seine Schwester steht und ist entsetzt über diese Ehrlosigkeit. Er repräsentiert die Bürgermoral und die an ihr orientierte Familienehre. Diese Familienehre zu verteidigen, war Aufgabe der männlichen Familienmitglieder, sie galten als ‚Sachwalter’.[5]

Als Valentin Faust vor dem Haus von Gretchen sieht, möchte er die Schmach seiner Schwester in einem Kampf austragen. Durch dieses Verhalten zeigt sich, wie wichtig es Valentin ist, das untadelige Ansehen seiner Schwester auf seine Weise wiederherzustellen. Besonders interessant ist hierbei, dass er noch nicht einmal von Gretchens Schwangerschaft und den von ihr unwissentlich verursachten Tod der Mutter weiß. Dass sie einen Liebhaber hat, reicht ihm vollkommen aus, um sie vor dem herbeigeeilten Volke öffentlich zu demütigen.[6]

Da Faust buchstäblich mit dem Teufel im Bunde ist, gelingt es Valentin nicht, den Kampf für sich zu entscheiden, da Mephisto Fausts Klinge lenkt. Valentin wird tödlich getroffen und stirbt, nachdem er das schändliche Verhalten Gretchens verflucht (V.3725ff). Er hingegen geht „durch den Todesschlaf/ Zu Gott ein als Soldat und brav“ (V.3774f).

Als Faust und Gretchen zum ersten Mal in der Szene „Straße“ aufeinander treffen, kommt Gretchen gerade von der Beichte. Dies wird durch den anschließenden Dialog zwischen Faust und Mephisto deutlich: „Sie kam von ihrem Pfaffen, der sprach sie aller Sünden frei…“ (V.2621f).

Durch diesen Beichtgang beziehungsweise den Dialog wird ebenfalls sichtbar, dass Gretchen zu Beginn der Gretchen-Handlung ein reines Gewissen hat, indem gesagt wird, dass sie „eben für nichts zur Beichte ging“ (V.2625).

Nach der ersten Begegnung mit Faust sitzt Gretchen in ihrer Stube und singt ein Volkslied. Auch sie ist von diesem ersten Treffen nicht unbeeindruckt geblieben. Das Volkslied vom ‚König von Thule’ ist ihre Möglichkeit, Gefühle zu äußern und sich darüber klar zu werden.

Mit dem Lied von der Treue des Königs von Thule zur Geliebten, der ‚Buhle’, über den Tod hinaus gibt Gretchen zu Beginn ihrer Liebesgeschichte zu Faust den Maßstab an, an dem die Liebe gemessen werden soll. „Dass der König im Lied ein alter Zecher und harter Bursche war, dass von einer Geliebten, nicht von einer Gattin, die Rede ist, rückt die Treue erst ins rechte Licht: Sie ist durch und durch freiwillig, von beiden Seiten geschenkt, Ausdruck und Konsequenz der Liebe!“[7]

[...]


[1] vgl. Schmidt, S.160

[2] vgl. Komp, S.5

[3] vgl. Kobligk, S.122

[4] vgl. Kobligk, S.123

[5] vgl. Schmidt, S.161

[6] vgl. Hamm, S.103

[7] vgl. Hermes, S.54

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Funktionen und Rollen des Gretchen in Johann Wolfgang Goethes "Faust"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
3,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V94480
ISBN (eBook)
9783640103348
ISBN (Buch)
9783640857746
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktionen, Rollen, Gretchen, Johann, Wolfgang, Goethes, Faust
Arbeit zitieren
Inka Lucht (Autor), 2007, Die Funktionen und Rollen des Gretchen in Johann Wolfgang Goethes "Faust", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94480

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