"Positiver" Sextourismus. Utopie oder realisierbare Faktizität?


Bachelorarbeit, 2018

90 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung in die Thematik
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Vorgehensweise

2 Motive der SextouristInnen
2.1 Körperliche Bedürfnisse
2.2 Psychologische Bedürfnisse

3 Sextouristinnen
3.1 Liebestourismus
3.2 Männliche Prostituierte

4 Die Schattenseiten des Sextourismus
4.1 Handelsware Mensch
4.2 Kindersextourismus
4.3 HIV und andere STDs

5 Herkunftsländer und Reiseziele – eine Abgrenzung
5.1 Sextourismus in Europa
5.2 Sextourismus in Südostasien
5.3 Sextourismus in Lateinamerika
5.4 Sextourismus in Afrika

6 Handlungsvorschläge zur Verbesserung des Sextourismus
6.1 Korruption und Kriminalisierung
6.2 Reduktion des Menschenhandels
6.3 Minimierung von Kindersextourismus
6.4 Vorbeugung von STDs

7 Kritische Stellungnahme

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

AIDS Erworbenes Immundefektsyndrom

BIP Bruttoinlandsprodukt

ECPAT End Child Prostitution, Child Pornography, Trafficking of Children for Sexual Purposes

EU Europäische Union

HIV Humane Immundefizienz Virus

ILO Internationale Arbeitsorganisation

SECTT Sexuelle Ausbeutung im Reisen und Tourismus

STDs Sexuell übertragbare Krankheiten

UNAIDS Gemeinsames Programm der Vereinten Nationen für HIV/AIDS

UNICEF Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen

UNODC Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung

UNWTO Weltorganisation für Tourismus

WHO Weltgesundheitsorganisation

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Kathryn Bolkovac in Sarajevo 1999 (The Telegraph 2012)

Abbildung 2: Tätowiertes Opfer von Menschenhändlern (Spanische Nationalpolizei 2012)

Abbildung 3: Geflüchteter minderjähriger Prostituierter in Athen (RT 2018)

Abbildung 4: Orang Utan Show in Thailand (WordPress 2017)

1 Einführung in die Thematik

1.1 Problemstellung

“Die Verbindung zwischen zwei Menschen wird unter anderem auch durch Sex und Befriedigung hergestellt. Aus diesem Grund soll der Mensch keine Angst haben, ihn zu genießen” (Brehme, 2016). Dieses griechische Zitat spiegelt die Notwendigkeit der Menschen wider, sich mittels sexueller Aktivitäten besser kennenzulernen, zu vereinen, und schließlich fortzupflanzen (Stephenson & Meston, 2015). Des Weiteren schildert das Zitat die Signifikanz, sie deshalb bedenkenlos und ohne Schuldgefühle durchzuführen zu können (Flynn, et al., 2016). Das Thema betrifft einige Leser der vorliegenden Arbeit persönlich und andere zumindest auf indirektem Wege, da sexuelle Bedürfnisse für die Mehrheit der Menschen von essentieller Bedeutung sind und nach Stewart zu den Grundbedürfnissen zählen (Stewart, 2012). Das Phänomen Sex- bzw. Prostitutionstourismus wird von Rivers Moore als Vergnügungsreisen wohlhabender Touristen definiert, mit dem fast ausschließlichen Zweck, sexuelle Kontakte mit der einheimischen, meist notleidenden Bevölkerung der besuchten Länder aufzunehmen, um deren Armut und Dependenz auszunutzen, und Befriedigung der eigenen Sexualität durch Dienste von zumeist Prostituierten zu erlangen (River Moore, 2011). Williams hingegen beschreibt Sextourismus mehr als ein Über- einkommen bei dem beide Parteien voneinander profitieren und SexdienstleisterInnen sich über ihr eigenes Handeln bewusst sind und weder als glückliche Individuen noch als ausgebeutete Sklaven dargestellt werden (Luminais, 2016). Beide Definitionen nennen dabei als Ursache die wirtschaftlich schlechten Verhältnisse der bereisten Nationen, wie es die Gynäkologin und Rei- semedizinerin Flörchinger schildert. Überwiegend betrifft dies Entwicklungsländer. Soziale Unsi- cherheiten und der Mangel an finanziellen Mitteln, Arbeitsplätzen, beruflichen Alternativen und Bildung (Flörchinger, 2010), verbunden mit sozialen Notlagen wie bspw. der Obliegenheit die eigenen Kinder zu versorgen, treiben Menschen in die Prostitution (Hanna & Oliva, 2016). Auf der anderen Seite stehen die fortschreitende Globalisation und die damit verbundene Möglichkeit für TouristInnen von Industrienationen schnell und günstig diverse Destinationen zu bereisen (Colomer, 2017). So schreibt Winkler, die österreichische Geschäftsführerin der internationalen Kinderrechtsorganisation End Child Prostitution, Child Pornography & Trafficking of Children for Sexual Purposes (ECPAT), dass parallel zur wachsenden Anzahl von gewöhnlichen TouristInnen auch die Menge der SextouristInnen weiter steige (Proyer & Winkler, 2011). Diese Kombination erklärt den global deutlich zunehmenden Sextourismus und den Sachverhalt, dass dieser für viele Länder mittlerweile einen Wirtschaftsfaktor darstellt. So bewirkt er zwar für einen Großteil der Bevölkerungen in bestimmten Regionen eine gewisse Stabilität (Ward Pelar, 2010), doch es sollte nicht übersehen werden, dass jene Menschen enorm auf die Präsenz von SextouristInnen und deren Ausgaben angewiesen sind (Ssewanyana, et al., 2018). Unabhängig davon hat er noch andere negative Aspekte zur Folge, wie bspw. die Abart Kindersextourismus (Kosuri & Jeglic, 2015). Mit der geht auch der Menschenhandel einher (Koops, Turner, Neutze, & Briken, 2017) und auch die Gefahr der Verbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten (STDs), wird dadurch gesteigert (Bishop & Limmer, 2018). Ob es nun zu rechtfertigen ist, dass SextouristInnen die Armut anderer Menschen nutzen um sich anhand sexueller Kontakte zu befriedigen und sich ggf. fortzupflanzen, ist klärungsbedürftig. Außerdem steht es offen, ob sich die sexuellen Handlungen im Austausch mit finanziellen Mitteln oder anderen Zahlungsarten für beide Parteien genießen oder sich zumindest die negativen Kriterien beseitigen ließen (Rodriguez Garcia, 2001).

1.2 Zielsetzung und Vorgehensweise

Da es noch nicht bekannt ist, ob Sextourismus anhand von Ansätzen zu dessen Verbesserung zu einer Art “positivem Sextourismus” verwirklicht oder dazu entwickelt werden kann, ist es Ziel dieser Arbeit einen Beitrag zur Beantwortung der Frage zu leisten, inwieweit die Handlungsvor- schläge die derzeitigen Herausforderungen überwinden können. Angesichts dieses Forschungs- defizits wird erörtert, ob es trotz des stetig wachsenden Sextourismus und seinen Konsequenzen möglich ist, dass Menschenrechte geachtet und die Ausbreitung von STDs verhindert werden können (Rodriguez Garcia, 2001). Zu Beginn der Arbeit werden die Beweggründe für Sextouris- tInnen konkretisiert, auf physische sowie psychische Motive differenziert und die Unterscheidun- gen zu weiblichen Sextouristen, dem Liebestourismus sowie zu männlichen Prostituierten dargelegt. Anschließend werden die Schattenseiten des Sextourismus wie der Menschenhandel, Kindersextourismus und die Verbreitung von STDs, im speziellen das Humane Immundefizienz Virus (HIV) da es von vielen als gefährlichste Geschlechtskrankheit klassifiziert wird, ausführlich beleuchtet (Howson, Harrison, & Law, 1996). Die meisten SextouristInnen stammen nach Anga- ben von Thompson, Kitiarsa und Smutkupt aus Industriestaaten aus West- und Nordeuropa, Australien, den USA und Kanada (Thompson, Kistiarsa, & Smutkupt, 2016). Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) berichtet, dass auch aus Entwicklungs- und Schwellenländern (UNODC, TOCTA, 2013), SextouristInnen in einen Nach- barstaat reisen, um sexuelle Kontakte zu knüpfen. Dies wird aus Untersuchungen des Kinder- hilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) bestätigt (UNICEF, 2006). Zieldestinationen für ProstitutionstouristInnen seien nach Informationen von Robinson, hauptsächlich Länder der Dritten Welt (Robinson, 2006). Auch Winkler merkt an, dass sich das Phänomen Sextourismus in der heutigen Zeit zwar weltweit ereignet, doch schwerpunktmäßig in den ärmeren Gebieten stattfindet. Deshalb fokussiert sich der folgende Teil der Arbeit mit wenigen Ausnahmen auf Entwicklungsländer (Proyer & Winkler, 2011). So werden nur bestimmte Kontinente und Regionen untersucht und ergänzend auf die zuvor genannten negativen Aspekte des Sextourismus analysiert. Darauf aufbauend werden Vorschläge für eine positive Entwicklung und Wandlung des derzeitigen Sextourismus und seinen Nachteilen erörtert, damit die Forschungsfrage beantwortet werden kann. Im Schlussteil wird kritisch Stellungnahme bezogen und die Arbeit abschließend mit einem Gesamtfazit vollendet.

2 Motive der SextouristInnen

2.1 Körperliche Bedürfnisse

Die Motive von SextouristInnen lassen sich allgemein gesehen in zwei Hauptkategorien einteilen, sprich in körperliche und psychologische Bedürfnisse (Rasskazova, Ivanova, & Sheldon, 2016). Diese zwei Faktoren werden bei jeder/m SextouristIn individuell kombiniert und gehen auf die jeweiligen persönlichen Begierden zurück. Die Mehrheit der Männer haben in den meisten Fällen ausschließlich Sex als Motivation, wobei Frauen für gewöhnlich eher dazu tendieren ein Liebeser- lebnis zu suchen (Bauer, 2013). Die körperlichen Bedürfnisse beinhalten physikalische Aspekte wie unerfüllte sexuelle Wünsche, die für den Großteil der Menschen Grundbedürfnisse darstellen und mit Schlafen, Essen und Trinken gleichzusetzen sind (DAZ, Deutsche Apotheker Zeitung, 2013). In den Heimatländern mangelt es an alleinstehenden Frauen und Männern (Pettman, 1997) und in den anvisierten touristischen Destinationen sind jene zu finden. Auch die Preise welche dort für sexuelle Kontakte bezahlt werden, würden dabei eine wichtige Rolle spielen (Kellerman, 2014), da individuelle sexuelle Wünsche nur hochpreisig von Prostituierten erfüllt werden können (Pettman, 1997). Denn in vielen westlichen Industrienationen wie den Niederlan- den, Deutschland, Dänemark und der Schweiz ist Prostitution einerseits legal, doch andererseits sind die Dienstleistungen um ein Vielfaches höher als in Dritte Welt Ländern, weshalb SextouristInnen in wirtschaftlich schwächere Staaten reisen (Telegraph, 2016). Die meisten SextouristInnen, egal ob männlich oder weiblich, sind nach Rawlinson entweder alleinstehend oder frisch von ihren Lebensgefährten getrennt. Insbesondere Ältere leben alleine in ihren Heimatländern und sind dadurch einsam, was bei ihnen Langeweile hervorruft kann und es ihnen an Abwechslung fehlen lässt (Rawlinson, 2016). Sie suchen in vorrangig Dritte Welt Ländern nach einem vorübergehenden Partner, welchen sie gegebenenfalls auch mit in ihr Heimatland bringen können. Die dortigen Prostituierten entsprechen häufig mehr ihren Erwartungen da sie oft bereitwillige Charakterzüge haben, jünger sind und von SextouristInnen als exotisch betrachtet werden (Pettman, 1997). Zudem schreibt The Guardian, dass es in ihrer Heimat schwierig sei eine Beziehung mit einer jüngeren Person einzugehen, weil es gegen gesellschaftliche Normen und kulturelle Richtlinien verstoßen würde (Bindel, The Guardian, 2007). Die Zeit berichtet, dass es für die Betroffenen nicht nur kompliziert sei sexuelle Beziehungen mit jungen Leuten aufzubauen, weil sie zu alt für diese seien, sondern auch weil es ihnen die Prostitutionsgesetze in einigen westlichen Staaten erschweren würden (Zeit, 2017). Prostitution findet in all den Ländern zwar immer noch statt, nur besteht für die Kunden ein erhöhtes Risiko, da sie mit Geld- oder Gefängnisstrafen verurteilt werden können. Denn nach dem Nordischen Modell, welches bspw. in Schweden, Island und seit 2016 auch in Frankreich in Kraft ist, werden nicht die Prostituierten kriminalisiert, sondern nur deren Kunden. Infolgedessen können solche Menschen ihre sexuellen Sehnsüchte nicht befrie- digen (Tzermias, 2016). Fernerhin seien SextouristInnen nach Angaben von UNICEF in vielen Fällen pädophil oder haben andere pathologische Neigungen, welche in den Herkunftsländern illegal oder tabuisiert sind. Um ihre Affinitäten ungestraft ausleben zu können, reisen jene Perso- nen bewusst in Länder, in denen Prostitution entweder gesetzlich erlaubt, toleriert oder nur selten strafverfolgt wird (UNICEF, 2006). So führen die körperlichen Bedürfnisse in erster Linie auf unerfüllte Sexualleben zurück (Stephenson & Meston, 2015). Was die Einteilung der unterschiedlichen Typen von SextouristInnen angeht, ließen sich SextouristInnen laut Flörchinger in hetero- und homosexuelle Männer, Pädophile und Sextouristinnen kategorisieren. Die Übergänge zwischen den einzelnen Klassifikationen seien dabei überlappend (Flörchinger, 2010).

2.2 Psychologische Bedürfnisse

Psychologische Bedürfnisse setzen sich hingegen aus hedonistischen Neigungen und Leitbilder der Modernität zusammen. Eines der größten Begehren des Menschen sei die Erfüllung sinnli- cher Begierden. Der Hedonismus ist somit für die meisten Menschen von essentieller Bedeutung um ein schönes und erfülltes Leben zu führen. Sie streben nach Vergnügen und Wohlbefinden und versuchen ihr Leben ausgiebig zu genießen (Parackal, 2016). So sind sich Einige nicht über die voraussichtliche Ausbeutung ihrer vorübergehenden Partner bewusst. Für andere hingegen ist es irrelevant, wie manche Prostituierten fühlen und denken (Božić, Jovanović, & Dragin, 2018). Außerdem ist die heutige Zeit Grund dafür, dass Menschen einen starken Drang nach Freiheit und neuer Erlebnisse entwickeln und dass das Verlangen nach Zugehörigkeit gesteigert wird (Crompton, 1979). Deshalb ist die Modernität Auslöser für die Langeweile im Leben vieler Men- schen, und lässt sich auf Veränderungen der Gesellschaft, der ständigen Terminplanung, der Veralltäglichung und der staatlichen Kontrolle zurückführen (Tepanon, 2006).

Westliche Nationen sind sehr verschieden im Vergleich zu Ländern der Dritten Welt. Gründe dafür sind unter anderem, dass in entwickelten Industriestaaten immer mehr ein Wandel in eine indivi- dualistische Gesellschaft zu beobachten ist (Robson, 2017). Außerdem vermissen westliche Tou- ristInnen in ihren Heimatländern echte Freundschaften und tiefe innige Beziehungen. Diese seien dort schwerer zu finden da sie durch Sozialhilfen nicht so sehr aufeinander angewiesen und die Menschen deshalb generell oberflächlicher seien. Als Folge dessen fühlen sie sich einsamer, leiden vermehrt unter Depressionen und bilden zunehmend ein Verlangen nach Zugehörigkeit (Scott, Ciarrochi, & Deane, 2004). Selbige Individuen können zu SextouristInnen werden, welche Beziehungen für den gesamten Zeitraum ihres Urlaubs suchen und nicht das Gefühl haben wol- len, nur für den sexuellen Akt zu bezahlen. Darüber hinaus unterstützen sie oft die Familien der Prostituierten finanziell (Hoefinger, 2011). Derartige Praktiken werden auch unter dem sogenann- ten Girlfriendsex verstanden, wenn er von männlichen Prostitutionstouristen durchgeführt wird (Gezinski, Karandikar, Levitt, & Ghaffarian, 2015). Des Weiteren sind durch die Gleichberechti- gung viele Frauen alleinstehend und Regeln ihren Alltag ohne die finanzielle Hilfe von Männern (Cohen & Broschak, 2013). Die Veränderung der Geschlechterrolle verursacht bei Männern in zunehmendem Maße Minderwertigkeitsgefühle, da sie die Besorgnis haben, die Kontrolle über verschiedene Aspekte in ihrer Gesellschaft, wie bspw. die Rolle des Familienoberhauptes, zu verlieren (Bennetts, 2018). Deshalb streben Männer, doch auch Frauen nach Abwechslung, Erholung und Abenteuer um sich aus ihrem kontrollierten, stressvollen und sich immer wiederholenden Alltag zu flüchten (Cohen & Broschak, 2013).

3 Sextouristinnen

Weltweit ist die Anzahl der weiblichen Sextouristen gemäß Villemain um einiges geringer als die der männlichen. Jedoch sei in den letzten Jahren ein stetiger Anstieg der Frauen zu beobachten, die sexuelle Aktivitäten mit männlichen Prostituierten in anderen Ländern aufsuchen (Villemain, 2015). Die Mehrheit der Sextouristinnen seien dabei wohlhabende, weiße, ältere alleinstehende Frauen, aus westlichen Wohlstandsländern aus Skandinavien, den USA, Kanada, Australien, oder Großbritannien (Bindel, Dailymail, 2013). In den 70er Jahren sind diese Frauen häufig in die Karibik nach Jamaika, Barbados oder Haiti gereist (Gillfeather Spetere, 2014). Danach mit stei- gender Tendenz nach Südostasien wie Thailand (Phuket) (Sudakov, 2007) oder Indonesien (Bali) (Shay, 2010) und in der heutigen Zeit werden Staaten wie Kenia, Tunesien, Marokko, Ägypten und andere Nationen im Mittelmeerraum wie die Türkei, Griechenland, Italien und Spanien bevorzugt (Aston, 2018). Beliebte Destinationen für Sextouristinnen sind immer öfter Länder, die nach der westlichen Klischeevorstellung einen Überfluss an jungen, schönen und sexuell attrak- tiven Männern bieten.

3.1 Liebestourismus

Liebestourismus bedeutet für viele Frauen eine Möglichkeit, sich von gescheiterten Ehen, miss- glückten Beziehungen und unerfüllte Sexualleben zu erholen und abzulenken. Sie sind alleinste- hend, getrennt oder geschieden und meistens berufstätig (Yates, 2016). Die Interaktion zwischen den Geschlechtern beim Liebestourismus wird dabei laut Phillips von beiden Seiten mehr als Romanze dargestellt. Sie verläuft anders als die klassische Prostitution mit männlichen Sextou- risten bei der die Bezahlung mit Bargeld erfolgt, ausschließlich der sexuelle Kontakt gesucht wird und nur von kurzer Dauer ist (Phillips, 2008). Frauen aus dem 21. Jahrhundert tendieren hierbei eher dazu, ebendiese Romanze nach außen hin als “Beziehung” erscheinen zu lassen obwohl es sich dabei nur um eine etwas andere und sanftere Art von Prostitution handele (Adshade, 2010). Es kann davon ausgegangen werden, dass sie auf der Suche nach einer emotionalen und romantischen Bindung während der Dauer ihres Aufenthalts oder auch darüber hinaus sind (Jeffreys, 2010). Sie begehren nach Nähe und Vertraulichkeit jedoch würden körperliche Annä- herungen und Sex dabei nicht von ihnen ausgeschlossen oder sind sogar gewünscht. Überdies wollen sie einen aufmerksamen Liebhaber, der sie spüren lässt, dass sie etwas Besonderes sind. Einige suchen demgegenüber nach einer echten Beziehung und wollen mehr als nur ein roman- tisches Urlaubserlebnis (Sanchez Taylor, 2006). Die Frauen haben dabei die Entscheidungs- macht und wählen somit ihren Partner selbst aus. Dank ihrer wirtschaftlichen Privilegien, anderen Lebensstandards und ihrer Unabhängigkeit, bestimmen sie in der Regel das Ausmaß und die Länge der Beziehungen. Oft dauern diese “Liebesbeziehungen” mehrere Monate oder Jahre und überschreiten die Dauer des Aufenthalts (Johnson, 2016). So ist es nicht immer einfach, zwischen Sextourismus und echten Beziehungen zu unterscheiden (Luminais, 2016).

3.2 Männliche Prostituierte

Die sich prostituierenden Männer, werden von den Sextouristinnen nicht unbedingt als Prostitu- ierte bezeichnet und sind nur vereinzelt in Bordellen oder auf dem Straßenstrich tätig. Um die Beziehungen nicht zu unwesentlich erscheinen zu lassen, werden stattdessen Begriffe wie Beach Boys, Renties oder Gigolos verwendet (Johnson, 2016). Sie ließen sich bspw. am Strand dabei beobachten, wie sie Sodas verkaufen oder Surfkurse anbieten (Phillips, 2008). Andere versuchen Touristinnen zu imponieren, indem sie sich an Badestränden oberkörperfrei sportlich betätigen und nebenbei würden sie einen romantischen Urlaub für die immer größer werdende Nachfrage der Sextouristinnen offerieren. Es wird den Frauen deutlich gemacht, dass sie für sie zur Verfü- gung stehen und versuchen werden, ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten (Campbell C. , 2013). Sie halten Ausschau nach bestimmten Typen von Frauen. Bevorzugt wer- den ältere Damen ab etwa 40 Jahren, oder auch jüngere übergewichtige Frauen, welche nicht zu selbstbewusst erscheinen und sich somit leichter verführen ließen. Die Männer spielen unter anderem verschiedene Rollen und täuschen genau die Persönlichkeiten vor, welche die jeweiligen Frauen am meisten ansprechen und ihr Interesse wecken (Johnson, 2016). Mit verschiedenen Maschen würde versucht die Frauen zu beeinflussen und zu verführen, bis bei ihnen Gefühle entstehen oder sie sich verlieben. Das beinhalte das Verändern der Stimme und des Benehmens, und es würden unentwegt Schmeicheleien und Komplimente gemacht (Aston, 2018). Anders als bei den meisten männlichen Sextouristen verläuft die Bezahlung gewöhnlich nicht direkt mit Bargeld. Die Männer erhoffen sich, dass die Frauen ihnen Hotelzimmer, sowie Essen, Getränke und verschiedene Aktivitäten bezahlen. Campbell schreibt, dass stellenweise auch Kleidungsstücke, Smartphones, Schmuck oder gar Fahrzeuge verschenkt werden (Campbell C. , 2013). Nach der Dauer des Aufenthalts bemühen sie sich den Kontakt mit Textnachrichten, Anrufen oder Emails aufrechtzuerhalten um ggf. Geld oder andere Geschenke gesendet zu bekommen (Mc Laren, 2018).

4 Die Schattenseiten des Sextourismus

4.1 Handelsware Mensch

Schon vor tausenden Jahren wurden Menschen für verschiedene Zwecke entführt und verkauft. So haben Europäer vor etwa 400 Jahren mehr als zwölf Millionen Afrikaner an die unterschied- lichsten Teile der Welt deportiert und versklavt (Alvarez Lopez, 2015). Die Sklavenbesitzer zwan- gen ihre Leibeigenen nicht nur zu arbeiten, sondern misshandelten sie zusätzlich in vielen Fällen sexuell. Deshalb ist der Menschenhandel verbunden mit sexueller Ausplünderung kein neues Phänomen und hat sich derzeitig verschlimmert (Walters & Davis, 2011). So berichten Hachey und Phillippi, dass durch Globalisierung und die rapide Evolution neuer digitaler Technologien wie Soziale Netzwerke und die Möglichkeit online anonym zu kommunizieren, den Menschen- händlern neue Türen geöffnet wurden. Die modernen neuen Optionen werden benutzt um Opfer zu rekrutieren, Transaktionen durchzuführen und vereinfacht grenzüberschreitend zu agieren (Hachey & Phillippi, 2017). Der Menschenhandel umfasst Menschenrechtsverletzungen wie das Recht auf Leben, Freiheit, Gleichheit, Würde und Sicherheit, Nicht-Diskriminierung, Gesundheit und alle Rechte, die den Arbeitsschutz betreffen (Latković, 2014). Die Opfer sind von physischen und psychischen Misshandlungen oft schwer traumatisiert und selbst wenn sie dem modernen Sklavenhandel und der Ausbeutungssituation entkommen, können sie sich von den Erlebnissen nur selten vollständig regenerieren (Du, 2017). Die UNODC berichtet, dass etwa 2,4 Millionen entführte Menschen wie Waren von Menschenhändlern gehandelt werden wobei sich die Anzahl der Opfer vom Jahr 2002 bis 2012 verdoppelt hat. Die jährlichen weltweiten Gewinne werden dabei auf 32 Milliarden USD geschätzt (UNODC, Human Trafficking – People for Sale, 2012). Die Welt berichtet, dass der Menschenhandel mittlerweile noch vor dem Drogen- und Waffen- handel dadurch an erster Stelle der profitabelsten illegalen Einkommensquellen steht (Naumann, 2018). Bezüglich dem Global Report on Trafficking in Persons 2016 des UNODC sind 80 % der Betroffenen Frauen und Kinder und nur jedes fünfte Opfer ist männlich und volljährig. Die Men- schen werden für diverse Absichten wie Zwangsarbeiten, Zwangsehen, als Kindersoldaten, zum Betteln oder der Entnahme von Körperorganen verkauft. Der Großteil der Leidtragenden wird mit 54 % jedoch zur sexuellen und kommerziellen Ausbeutung rekrutiert (UNODC, GLOBAL REPORT ON TRAFFICKING IN PERSONS, 2016). Entsprechend eines Berichts der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) des Jahres 2017 sind etwa 99 % dieser sexuell exploitierten Personen weiblich und nur ein minimaler Teil davon männlich (ILO, International Labour Organization, 2017). Der kommerzielle Handel von Menschen die für sexuelle Zwecke verschleppt und verkauft werden, resultiert dabei zu einem großen Teil aus der dauerhaften und steigenden Nachfrage von SextouristInnen an Prostituierten (SHI, 2007). Die Opfer werden auf verschiedene Weise rekrutiert. Sie werden entweder entführt und mit Drohungen und Gewalt ge- nötigt oder es werden ihnen in ihren Heimatländern falsche Versprechungen über ein besseres Leben mit einer sicheren Arbeit und einem guten Einkommen gemacht (Gugić, 2014). Vorgebli- che Freunde und enge Verwandte stellen dabei mit 51 % den Hauptanteil der Vermittler dar (Shresthe, Karki, Suwal, & Copenhaver, 2015). Die Frankfurter Allgemeine meldete, dass in Nigeria, welches als wichtigstes nichteuropäisches Herkunftsland für illegal eingeschleuste Sexarbeiterinnen in Europa gilt, Frauen mit Hilfe solcher Versprechen angelockt würden. Familien schicken demnach ihre Töchter nach Europa, damit sie Geld nach Hause senden können. Doch auf der Reise oder nach Ankunft wird ihnen bewusst gemacht, dass sie bis zu 35.000 EUR als Schuld für die Reise an ihre Schlepper abzahlen müssen (Rosenfelder, 2017). Da sie von ihren Peinigern massiv unter Druck gesetzt werden und unter Angstzuständen leiden, prostituieren sie sich daraufhin nach Informationen des Spiegels in Zielländern wie Deutschland in Asylunterkünften und Bordellen um ihre Schuld zu begleichen (Neumann, 2015). Der Stern schreibt, dass der Vertrag schon vorab in Nigeria mit Hilfe eines Schamanen gefestigt wird, welcher ein abergläubisches Ritual an den Frauen durchführt, um sie einfacher kontrollieren und prostituieren zu können (Rauss, 2017). Sie werden derart manipuliert, dass sie glauben, dass ihnen oder ihrer Familie schlimmes zustoßen würde, wenn sie das Ritual brechen und ihre Schlepper und Zuhälter bei der Polizei denunzieren. The Guardian gab an, dass der Aberglaube so ausgeprägt sei, dass nur eine von 20 verschleppten Nigerianerinnen bei der Polizei aussagen würde (Tondo & Kelly, 2017).

Die Transportrouten der Menschenhändler variieren und sind abhängig von den Herkunftsländern der Opfer. Über 50 % der Betroffenen werden von südostasiatischen Ländern wie Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam in westliche Industrienationen verschleppt, weshalb diese Staaten als internationale Umschlagpunkte für den Menschenhandel gelten (UNODC, Human Trafficking People for Sale, 2012). Burmesische und laotische Frauen, sowie staatenlose Menschen aus den Bergregionen Thailands werden innerhalb des Goldenen Dreiecks, eine Region im Grenzgebiet der Nationen Laos, Thailand und Myanmar (Swe & Chambers, 2011), und über dessen Grenzen hinaus in Bereiche krimineller Organisationen verkauft. Die illegalen Operationen werden von bestechlichen Polizisten und Politikern nicht nur toleriert, sondern bewusst gefördert um finanziell daraus zu profitieren (Gugić, 2014). Deshalb haben viele Regierungen kein Interesse an der Bekämpfung des Menschenhandels oder der Legalisierung von Prostitution in ihren Ländern (Chia, 2016). Aber auch einige mittel- und osteuropäische Länder, sind Herkunfts-, Transit- oder Bestimmungsländer. Eine eindeutige Kategorisierung ist dabei jedoch schwierig und nicht exakt bestimmbar, da wirtschaftliche und politische Veränderungen die typischen Herkunftsstaaten in Zielländer umwandeln können. Viele Staaten sind gleichzeitig Herkunfts-, Transit- und Zielländer o- der haben überlappende Rollen (Follmar Otto & Rabe, 2009). In der Mehrzahl der Fälle werden dabei Menschen aus ökonomisch schwächeren Nationen in reichere Industrieländer gehandelt (UNODC, TOCTA, 2013). Staaten der ehemaligen Sowjetunion wie Russland, Bolivien und Mol- dawien gelten dabei generell als Herkunftsländer. Polen und die Tschechische Republik bspw. als Herkunfts- und Zielländer und Deutschland, Frankreich und die Niederlande als typische Ziel- länder (UNODC, GLOBAL REPORT ON TRAFFICKING IN PERSONS, 2016). Der Sexhandel findet auch gehäuft an der Grenze zwischen den USA und Mexiko statt. Jährlich werden ge- schätzte 20.000 junge Frauen und Kinder von Mexiko in die Vereinigten Staaten geschmuggelt (CNN, 2010). Die Betroffenen kommen entweder aus Mexiko selbst, oder sie stammen aus an- deren lateinamerikanischen Ländern wie z.B. Guatemala oder Belize. Sie werden von Menschen- händlern über Städte wie Tijuana, Nuevo Laredo, und Matamoros über die Grenze gebracht (Rietig, 2015). Der Hauptanteil der Opfer wird aus dem mexikanischen Bundesstaat Chihuahua und der sich dort befindenden Stadt Juárez in den US amerikanischen Bundesstaat Texas trans- portiert wo sie als Prostituierte in Bordellen, dem Straßenstrich, oder in der Pornoindustrie zum Arbeiten gezwungen werden (Ravelo Blancas, 2017). Etwa 500 der Verschleppten sterben jedes Jahr anhand von Hitze und schlechten Transportbedingungen bei dem Versuch die Grenze zu überschreiten, wobei die Dunkelziffer erheblich höher geschätzt wird (Territo & Glover, 2013). Vor und während der Reise werden sie von den Schleppern meist gut behandelt und es werden ihnen falsche Versprechungen über einen sicheren Arbeitsplatz gemacht. Zusätzlich bekommen sie auf dem Transportweg Geschenke wie Kleidung, Kosmetikprodukte und Schmuck um sie zu beruhi- gen (Walters & Davis, 2011). Nach Ankunft in der Zieldestination in den Vereinigten Staaten werden sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie für die Reise in der Sexindustrie arbeiten müssen um wie die Nigerianerinnen eine hohe Geldsumme als Schuld an die Schlepper abzahlen zu können (Garza, 2016). Da sich die Frauen und Mädchen in der Mehrheit der Fälle illegal im Land aufhalten und von ihren Erpressern mit Vergeltungsmaßnahmen, Morddrohungen und Gewaltanwendungen unter Druck gesetzt werden, sind sie ihnen hilflos ausgesetzt und richten sich nur selten an die Polizei (Ravelo Blancas, 2017). So kommen polizeiliche Ermittlungen nur langsam voran und Menschenhändler werden trotz neuer verschärfter Gesetze kaum vor Gericht gebracht und verurteilt. Hinzu kommt, dass die Strafen für den Menschenhandel weitaus milder ausfallen verglichen mit dem Drogen- und Waffenhandel. Ebendiese Faktoren lassen den Menschenhandel für Kriminelle attraktiver werden, da es ein geringes Risiko verbunden mit einer hohen Gewinnspanne gibt (Rietig, 2015). Auch in Japan fallen jährlich rund 50.000 junge Mädchen und Frauen dem Menschenhandel und der damit verbundenen Zwangsprostitution zum Opfer. Die japanische Mafia Organisation Yakuza lockt sie mit falschen Versprechungen aus Südamerika, Russland, Südkorea und China auf den ostasiatischen Inselstaat. Dort angekommen wird ihnen ihr Pass abgenommen und sie müssen eine Schuld in Höhe von etwa 50.000 $ in einem der 21.000 vorhandenen Sexetablissements abzahlen (Stafford, 2017). Trotz internationaler Kritik an der japanischen Regierung, hielt sich diese bis heute zurück weshalb noch kein spürbarer Fortschritt zur Bekämpfung und Verminderung des Menschenhandels für sexuelle Zwecke in Japan ersichtlich wurde (Queen, 2015). Auch in Indien werden jährlich tausende Kinder zwischen 10 und 17 Jahren für sexuelle Zwecke entführt und ausgebeutet. Jede acht Minuten wird ein minderjähriges Mädchen als vermisst gemeldet, wobei es sich in den meisten Fällen um Muslime aus niedrigen Kasten handelt. Indien wurde deshalb als Drehscheibe des Menschenhandels in Südasien klassifiziert und gilt in der Region als Herkunfts-, Transit- und Zielland (Rani & Manglam, 2016).

Auch vermeintliche Hilfs- bzw. Friedensorganisationen seien nach Jennings im Menschenhandel involviert, so wie das folgende Beispiel bestätigt (Jennings, 2010). In den 1990er Jahren waren demnach mehr als 60.000 scheinbare Friedenstruppen der Vereinten Nationen, auch Blauhelme genannt, in dem südosteuropäischen Staat Bosnien Herzegowina stationiert, um in dem ehema- ligen Kriegsgebiet für Frieden und Sicherheit zu sorgen (Vandenberg, 2007). Laut der damaligen US amerikanischen Polizistin Kathryn Bolkovac, welche speziell für sexuellen Missbrauch und Prostitution im Krisengebiet eingesetzt wurde, wurden junge Mädchen aus der Ukraine, Molda- wien und anderen osteuropäischen Ländern nach Bosnien geschleust, um den Friedenstruppen als Sexsklavinnen zu dienen (Slanjankic, 2016). Sie befragte hunderte Mädchen und Frauen die als Prostituierte in desolaten Bordellen neben den UN Stützpunkten auf verunreinigten Matratzen arbeiten mussten (Prügel & Hayley, 2013). Die Zahl der entführten Frauen für solche Zwecke wird von internationalen Hilfsorganisationen auf über 5.000 geschätzt (Kanzleiter, 2002), wobei sich unter ihnen elfjährige Mädchen befanden, welche unter Drohungen von Blauhelmen (Prügel & Hayley, 2013) und Soldaten der Organisation des Nordatlantikvertrags misshandelt und verge- waltigt wurden (BBC, BBC, 2004). Dem US Nachrichtensender Microsoft/National Broadcasting Company zufolge, haben nur wenige Frauen Fluchtversuche unternommen, da sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von ihren Peinigern gefunden und gefoltert oder getötet worden wären. Dar- über hinaus trauten sich viele der Opfer nicht bei der Polizei auszusagen, da Blauhelmsoldaten in engem Kontakt mit einheimischen Polizisten standen (Geyer, 2002). Durch die Immunität wel- che den UN Friedenssoldaten zusteht (Sweetser, 2008) und das Verbot die Untersuchungen ab- zuschließen, wurde trotz gefundener Beweise keine Anklage gegen beschuldigte Soldaten erho- ben. Verdächtigen Menschenrechtlern war es zu keinem Zeitpunkt erlaubt, die Geschehnisse gründlich zu inspizieren und wurden unverzüglich von ihrer Mission abgezogen (Slanjankic, 2016). Nachdem die Menschenrechtsaktivistin Kathryn Bolkovac ihr Buch Whistleblower veröffentlichte, gab es eine internationale Empörungswelle (Prügel & Hayley, 2013) welche die UN im Jahr 2003 dazu veranlasste, einen grenzüberschreitenden Beschluss ohne Toleranz für Frie- denstruppen welche dem sexuellen Missbrauch von Minderjährigen beschuldigt wurden, zu verabschieden (UNWOMEN, 2015). Obwohl die UN zusätzlich das Fehlverhalten einiger Blauhelme öffentlich bestätigte, ist der genannte Beschluss in der Realität nicht wirkungsvoll, da es nahezu unmöglich sei, diesen effektiv durchzusetzen und zu kontrollieren (Maiello, 2017). Die Menschen- rechtsaktivistin wurde während ihren Ermittlungen ohne ersichtlichen Grund von ihrem Arbeitge- ber entlassen und geht davon aus, dass die UN systematisch versucht die Untersuchungen der Fälle in Bosnien Herzegowina zu verheimlichen (Bolkovac, 2011). Bis heute lehnt die UN es ab, Aufklärungsteams in die betroffenen Gebiete zu senden (Slanjankic, 2016), obwohl es wiederholt Belege dafür gäbe, dass Verwaltungsmitarbeiter der UN in den Menschenhandel für sexuelle Zwecke involviert sind (Kanzleiter, 2002). Für ihre Enthüllungen wurde Kathryn Bolkovac im Jahr 2015 für den Friedensnobelpreis nominiert (Gayman, 2015).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Kathryn Bolkovac in Sarajevo 1999 (The Telegraph 2012)

4.2 Kindersextourismus

Ein weiteres Phänomen, das durch Sextouristen begünstigt wird und stark mit dem Menschen- handel zusammenhängt, ist der Kindersextourismus (BKA, o.J.). Denn wie zuvor in Punkt 2.2 beschrieben, haben viele Sextouristen pädophile Tendenzen, welche sie versuchen in entfernten Ländern auszuleben (Dombert, et al., 2016). Obwohl die hohe Wachstumsrate der internationalen Touristenankünfte für Dritte Welt Länder einen immensen finanziellen Nutzen darstellt (Rieckhof, 2013), bringt dieser zusätzlich hohe Gefahren für Kinder mit sich. In Anlehnung eines Reports der Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) des Jahres 2016 sorgen Fortschritte in der Infor- mationstechnik dafür, dass pädophile Sexualstraftäter einfacher und anonymer mit Minderjähri- gen in den Zielländern Kontakt aufnehmen können und die Sexuelle Ausbeutung im Reisen und Tourismus (SECTT) vorantreiben (UNWTO, 2016). Der aktuellsten UNICEF Studie zufolge wer- den knapp zwei Millionen Minderjährige weltweit zu Prostitution und Pornografie gezwungen. Verschiedene Beweggründe treiben sie in die Hände von Menschenhändlern welche sie kom- merziell sexuell ausbeuten (UNICEF, Zerstörte Kindheit, 2008). Die Zahl der Kinderprostituierten wird in Brasilien zwischen 500.000 und zwei Millionen geschätzt. In Thailand reichen die Schät- zungen auf 800.000, in Indien auf 400.000 und auf den Philippinen auf 100.000 Menschen (Basfeld, 2016). Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges höher liegen, da sexuell missbrauchte Kinder anhand von Angstzuständen nur selten ihren Missbrauch offenbaren (Bahali, Akcan, Tahiroglu, & Avci, 2010). Sie stammen mehrheitlich aus armen Verhältnissen und zerstörten Fa- milien mit alkoholsüchtigen Eltern oder sind in Kinderheimen herangewachsen (Basfeld, 2016). Ergänzend können einfache Familien von ländlichen Regionen der Dritten Welt durch die schnelle Industrialisierung und die voranschreitende Globalisierung auf dem Arbeitsmarkt nicht mithalten (Sathyanarayana & Babu, 2012). Deshalb verkaufen sie ihre Kinder an Bordelle und Agenturen in der Hoffnung, durch das zusätzliche Einkommen das Überleben der gesamten Familie abzu- sichern (Gregg, 2010). Nach Montgomery verkaufen sie sie in dem Glauben, dass sie schnell und einfach große Summen Geld nach Hause schicken können und sie dabei um ein Vielfaches mehr verdienen als in der Landwirtschaft oder mit einfachen Fabrikarbeiten. Den Eltern ist dabei nicht immer bewusst, dass ihre Kinder zuerst einen großen Betrag an ihre Ausbeuter abzahlen müs- sen. Insgesamt werden die Risiken dabei sehr unterschätzt (Montgomery, 2015). Auch sexueller Missbrauch in der Familie begünstigt das Abgleiten der zwischen 7 und 18 jährigen Kinder in die Sexindustrie (Basfeld, 2016). Sie fliehen von ihrem Zuhause auf die Straße und müssen sich in jungen Jahren selbst versorgen. Die Prostitution ist dabei für viele Kinder der einzige Ausweg aus der Armut (Marbella & Rosas, 2017). Durch häusliche sexuelle Gewaltakte werden sie schon früh sexualisiert, was ihren Charakter so verformt, dass sie offener für sexuelle Verhältnisse mit erwachsenen Personen sind. Das macht es außerdem einfacher für Menschenhändler, sie zu ent- führen und an ältere Menschen zu prostituieren (UNICEF, Zerstörte Kindheit, 2008). Entspre- chend der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden allein in Deutschland jährlich rund eine Million Kinder Opfer sexueller Gewalt durch Erwachsene in Schulen, Familien, Kinderheimen oder an Arbeitsplätzen. Europaweit sind es geschätzte 18 Millionen (WHO, Weltgesundheitsorganisation, 2014) und global gesehen etwa 223 Millionen Kinder (UNICEF, Zerstörte Kindheit, 2008). Den Großteil der Kunden minderjähriger Prostituierter stellen in vielen ärmeren Regionen der Welt ausländische Touristen dar (O'Grady, 1997), welche nach O’Grady, einem der Initiatoren von ECPAT (Tomes, 2013), eine sexistische, paternalistische und rassisti- sche Einstellung aufweisen. Hinsichtlich seinen Untersuchungen missbrauchen sie Kinder, ohne dabei ein Unrechtsbewusstsein oder gar Schuldgefühle zu entwickeln (O'Grady, 1997). So wer- den aufgrund der Globalisierung des Sextourismus immer mehr pädophile Touristen mit minder- jährigen Prostituierten in den touristischen Ballungszentren gesehen (Weber, 2010). Die Geschäftsführerin von ECPAT Österreich, Astrid Winkler, geht davon aus, dass Pädophile mit Hilfe des Sextourismus ihrer pathologischen Neigung im Ausland nachgehen, um der Strafverfolgung ihrer heimischen Behörden einfacher zu entgehen, was in Kapitel 2 erläutert wurde (Winkler, 2006). Um das Risiko von Infektionen durch STDs wie HIV zu verringern, werden Kinder von Sextouristen bevorzugt (UNICEF, UN News, 2003), obwohl gerade diese erhöhten Risiken einer Infektion ausgesetzt sind (Moreira Silva, Zandonade, & Miranda, 2015). Auch Kinder mit Behinderungen werden deshalb Opfer von Vergewaltigungen, da sie wehrloser sind und als nicht infiziert gelten.

In einigen Ländern Asiens, Europas, Amerikas und in weiten Teilen Afrikas ist hierneben ein Aberglaube verbreitet, wonach Sex mit einer Jungfrau das erworbene Immundefektsyndrom (AIDS) heilen könne (Groce & Trasi, 2004). Infizierte Männer suchen dementsprechend in Staa- ten in denen sie sich Straffreiheit erhoffen, nach minderjährigen Sexualpartnern (Montgomery, 2015). Um sexuelle Kontakte mit Minderjährigen herzustellen, nutzen Täter verschiedene Mach- tungleichheiten:

- Ökonomische Machtungleichheit

Missbraucher stellen finanzielle Mittel, Konsumgüter und Nahrungsmittel für die Opfer und deren Familien bereit. Überdies werden Rechnungen und Schulgebühren bezahlt, worauf die Betroffe- nen angewiesen sind (Montgomerz, 2008).

- Notwendigkeit des Einkommen

Kinder prostituieren sich da sie notleidend sind und dies für sie eine Möglichkeit darstellt, der Armut zu entgehen. Auch in Fabriken misshandeln Arbeitgeber ihre minderjährigen Angestellten sexuell. Aufgrund der finanziellen Abhängigkeit und Drohungen der Arbeitgeber sie zu entlassen, fügen sie sich der SECTT (Nazish, 2018).

- Physische Machtungleichheit

Nicht nur die Tatsache, dass Erwachsene körperlich stärker sind als Kinder, sondern auch im Zusammenhang mit militärischen Konflikten gibt es erhöhte Risiken für Kinder. Durch den mögli- chen Verlust der Eltern sind sie verstärkt auf die Hilfe älterer Menschen angewiesen welche die komplizierten Umstände für ihre Zwecke nutzen um sie sexuell zu missbrauchen (Dierig, 2005).

- Ungleichheit der Geschlechter

Insbesondere in konservativen und patriarchalischen Gesellschaften wird Männern mehr Macht als Frauen zugeschrieben. Personen weiblichen Geschlechts sind der Dominanz von Männern untergeordnet und speziell junge Mädchen setzten sich seltener zur Wehr und sind somit leich- tere Opfer für pädophile Sextouristen (Gaetano, 2016).

- Autoritäre Machtungleichheit

Lehrer Polizisten und andere Autoritäten nutzen ihren Einfluss um Minderjährige sexuell zu miss- brauchen, da sie wissen, dass es nur in den seltensten Fällen zu ernsten Konsequenzen für sie kommen kann (Ayala, 2017).

Die Auswirkungen auf sexuell missbrauchte Kinder sind gravierend. Sie leiden unter mental psy- chischen und physischen Schäden, die in manchen Fällen ihr ganzes Leben hindurch andauern (Konopka, 2015). Sie können mit STDs wie HIV und dem Herpes Virus infiziert werden und innere Verletzungen davontragen. Die geistigen Störungen verursachen bei den Opfern Verhaltensstö- rungen wie Depressionen, Alkoholsucht, Angstpsychosen (Norman, et al., 2012), Gefühle von Isolation, Hilflosigkeit und posttraumatische Symptome. Zudem sind sie in erhöhtem Maße Selbstmordgefährdet und (Fondacaro, Holt, & Powell, 99) in vielen Fällen tragen die Verhaltens- störungen zu Spaltungen innerhalb der Familie bei. In späteren Jahren können Aggressionen und Misshandlungen, welche ihnen widerfahren sind, nachgeahmt und auf unschuldige Personen an- gewandt werden (Konopka, 2015). Außerdem können die sexuellen Misshandlungen fatale sozi- ale Auswirkungen auf das nachfolgende Leben der Opfer haben. In etlichen Ländern werden Kinderprostituierte oder Opfer von Vergewaltigungen die zurück zu ihren Familien wollen, diskri- miniert und von der Gesellschaft wegen ihrer Vergangenheit ausgeschlossen (Rani & Manglam, 2016). Die fehlende Empathie von Familienangehörigen und früheren Freunden verschlimmern die mentale Verfassung der Opfer zusätzlich (Vyjayanthi, Praveen, Girish, Chandrika, & Sathyanarayana, 2017).

4.3 HIV und andere STDs

Jährlich wird eine große Anzahl an SextouristInnen während ihren Reisen mit HIV und anderen Geschlechtskrankheiten infiziert (Simkhada, Sharma, van Teijlingen, Beanland, & RL, 2016). Genaue Zahlen sind schwer festzustellen, da sich viele TouristInnen zwar im Ausland anstecken, die Symptome jedoch erst in den Heimatländern auftreten, was die Erfassung des Herkunftslan- des erschwert (Walker, La Roque, & Sotir, 2012). Gemäß Studien der WHO war die Anzahl neuer HIV Infektionen in der Europäischen Union (EU) im Jahr 2015 mit 153.000 Fällen auf dem Rekordhoch (WHO, Regionalbüro für Europa, 2016). Global gesehen wird die Zahl neuer HIV Infizierter im Jahr 2017 von dem Gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) auf zwischen 1,4 und 2,4 Millionen geschätzt (UNAIDS, UNAIDS, 2018). Gründe dafür sind neben dem Gebrauch von unhygienischen Spritzen bei Drogenkonsumenten (Des Jarlais, et al., 2018), der Sextourismus und die damit verbundene Prostitution (DAZ, Deutsche Apotheker Zeitung, 2017). Neben der Gefahr einer Ansteckung von HIV sind andere STDs unter Reisenden verbreitet wie bspw. Genitalherpes, Bakterielle Vaginosis, Syphilis, Genitalwarzen, Genitalpilz, Trichomoniasis (Swamiappan, Chandran, & Prabhakar, 2016), Tripper und Chlamydien (Richens, 2005). Um der Ansteckung mit STDs vorzubeugen, schützen sich viele TouristInnen unter Anwendung von Kondomen. Menschen die ausschließlich verreisen um sexuelle Kontakte herzu- stellen, haben dagegen ein höheres Risiko sich anzustecken, da sie meistens mehrere Sexual- partner haben und sich generell seltener schützen (Rice, et al., 2013). So sind sie mitverantwort- lich an der weltweiten Verbreitung von HIV (Weinreich & Schäfer, 2006). Das Risiko wird dabei erhöht, wenn ungeschützter Geschlechtsverkehr mit einheimischen Prostituierten in Entwick- lungsländern mit einer hohen STD Rate stattfindet und obwohl 71 % aller Reisenden Kondome bei sich trägt, werden sie in der Realität nur von etwa der Hälfte benutzt. Auch der Konsum von Alkohol und anderen Drogen steigert die Gefahr einer Ansteckung, da so unverantwortlicher gehandelt wird (Richens, 2005). SexarbeiterInnen in den Touristendestinationen sind sich dem hohen Risiko und den verbundenen Komplikationen durch STDs nicht immer bewusst. Da es ihnen oftmals an der nötigen Bildung mangelt, verzichten sie auf Kondome (Bishop & Limmer, 2018).

Es kommt auch vor, dass vor allem weibliche Prostituierte nach geschütztem Sex mit ihren Klienten verlangen, doch sich der Beharrlichkeit männlicher Sextouristen nicht widersetzen können. Das geschehe vorwiegend in Regionen und Kulturen, in denen Männer übergeordnete Rollen haben (Richens, 2005) und ungeschützten Geschlechtsverkehr anhand von Gewaltanwendungen erzwingen. Des Weiteren bekräftigt Avert, dass mehrere Kunden eine Bezahlung verweigern würden, wenn der Geschlechtsakt nur mit Kondom vollzogen werden kann. Andere bieten erhöhte Geldbeträge für sexuelle Dienstleistungen an, was viele Sexdienstleisterinnen schwer ablehnen können, da sie auf das Geld angewiesen sind (Avert, SEX WORKERS, HIV AND AIDS, 2018). So fallen Prostituierte verstärkt der ökonomischen Machtungleichheit (Montgomerz, 2008) und der Ungleichheit der Geschlechter zum Opfer (Gaetano, 2016). Der Drang nach ungeschütztem Sex resultiert vielmals aus dem Glauben westlicher Sextouristen, dass er sicher sei und als adäquate maskuline Vorgehensweise angesehen wird. Sie assoziieren Geschlechtskrankheiten wie den HI Virus fast ausschließlich mit Homosexuellen (Bishop & Limmer, 2018). Die stetig steigenden Zahlen von HIV Infizierten innerhalb homosexueller Sextouristen bekräftigen zwar diese Annahme (Mao, et al., 2018), doch auch heterosexuelle Prostitutionstouristen werden immer häufiger mit STDs infiziert (Avert, 2018). Vorwiegend unter älteren heterosexuellen Reisenden zwischen 50 und 75 Jahren nehmen die HIV Neudiagnosen zu, da sie in Bezug auf STDs weniger aufgeklärt sind und sie deshalb vermehrt auf Kondome verzichten (Prati, Mazzoni, & Zani, 2015). Die hohe Anzahl an Neudiagnosen unter Senioren hängt außerdem damit zusammen, dass sie in der heutigen Zeit als wichtige Zielgruppe in der Tourismusindustrie gelten. Die Kombination ihrer Freizeit und finanziellen Möglichkeiten steigert die Reiselust, wobei die Ansteckungsgefahr auf Reisen durch sexuelle Kontakte erhöht wird (Pircher, o.J.). In schwerwiegenden Fällen sind sich SextouristInnen oder Prostituierte über ihre Infektion mit STDs bewusst, und haben ungeachtet dessen ungeschützten Geschlechtsverkehr mit nichtsahnenden Sexualpartnern (WashingtonPost, 2017). Dank verschiedener Gegenmaßnahmen zur Bekämpfung von HIV/AIDS und anderen STDs ist in den letzten Jahren trotz erhöhten Werten in der EU die Anzahl neuer Infizierter weltweit gesunken. Dennoch sterben jährlich noch immer etwa eine Million Menschen an den Folgen von AIDS (UNAIDS, UNAIDS, 2018).

5 Herkunftsländer und Reiseziele – eine Abgrenzung

5.1 Sextourismus in Europa

Beliebte europäische Staaten für männliche Sextouristen sind Deutschland, die Niederlande, Griechenland, Spanien (Focus, 2017) und osteuropäische Länder wie die Ukraine, Moldawien (Sierpinski, 2013) Bulgarien (Michella, 2010), Tschechien, Ungarn und Rumänien. Spanien steht weltweit inzwischen an dritter Stelle der meistbesuchten Destinationen von Sextouristen. Nur die Nationen Brasilien und Thailand zeichnen jährlich mehr Besucher auf, was auch damit in Verbin- dung steht, dass Prostitution in Spanien gesetzlich erlaubt ist. Es werden täglich Einnahmen von fünf Millionen EUR vermutet, was ca. 0,35 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gleichkommt (Velasco, 2016). Im Jahr 2017 haben allein auf Mallorca fast 2.000 Prostituierte gearbeitet (Focus, 2017) und in ganz Spanien wird die Anzahl auf zwischen 300.000 und 400.000 SexarbeiterInnen geschätzt. Einer der Hauptgründe für diese hohen Ziffern ist der Zulauf der vielen Geflüchteten, welche als illegale Einwanderer in den letzten Jahren nach Spanien ausgewandert sind und 90 % der dort arbeitenden Prostituierten ausmachen (Benavides, 2011). Jeweils ein Drittel der SexdienstleisterInnen stammt aus Lateinamerika und Afrika, etwas mehr als 20 % kommen aus anderen Ländern der EU und nur etwa 10 % sind aus Spanien selbst (Palma, 2017). Über die westliche Mittelmeerroute gelangen die Geflüchteten über Marokko nach Spanien (Wuttke, 2017). Nicht selten werden Frauen aus Nigeria schon von Schleppern, welche als Menschenhändler agieren, und sich daran bereichern in dem sie als Fluchthelfer illegale Migration fördern, zur Prostitution genötigt (Strauch, 2017). Da die Frauen in Spanien keine Perspektive haben, werden sie auch dort von kriminellen Banden gefoltert, sexuell missbraucht und zur Prostitution gezwungen (Wuttke, 2017). Unter den Geflüchteten befinden sich viele Kinder welche ungeachtet deren Alter als Kinderprostituierte und in der Pornoindustrie arbeiten müssen (ECPAT, Factsheet Spain, 2010). Doch nicht nur geflüchtete Kinder werden sexuell ausgebeutet, sondern auch Kinder aus Osteuropa und Lateinamerika welche nach Spanien transportiert werden. Vereinzelt werden sie von den Menschenhändlern mit Barcodes und der von ihnen noch abzuzahlenden Schuld tätowiert um sie als lebende Handelswaren zu degradieren (Galvez & Dominguez, 2017). Überwiegend sind es Mädchen, welche von ihren Entführern betört werden und die emotionale Gebundenheit für ihre Zwecke ausnutzen (ECPAT, Factsheet Spain, 2010). Der florierende Handel von Menschen ist hauptsächlich durch die Armut der Entwicklungsländer und deren Ausbeutung von Industrienationen und korrupte Regierungen entstanden (Moreno Jimenez, 2015). Die spanische Gesetzgebung in Bezug auf sich prostituie- rende Frauen ohne Aufenthaltsgenehmigung ist relativ schwach und auch eine Strafverfolgung von Zwangsprostitution und sexuellem Missbrauch findet nur selten statt. Das mache es für Zuhälter einfach, eine Vielzahl an Frauen und Kindern illegal zu beschäftigen (Focus, 2017). Durch die hohe Anzahl an Sexarbeiterinnen im Land und der Tatsache, dass Spanien von Ländern mit strengen Prostitutionsgesetzen umgeben ist, lässt Spanien für Sextouristen so attraktiv werden. Jeder dritte Kunde der in Spanien arbeitenden Prostituierten ist ein Tourist (Benavides, 2011). Hinzu kommt, dass Spanien laut Forbes im Jahr 2017 nun vor den USA mit 82 Millionen Besuchern die zweitbeliebteste Touristendestination der Welt geworden ist (Goldstein, 2018). Die HIV Infiziertenrate in Spanien ist nach Maßgabe von UNAIDS mit 0,4 % relativ gering und unter Prostituierten sind etwa 2 % mit dem Virus infiziert (UNAIDS, Country factsheets, Spain, 2017). Wie in Spanien ist Prostitution auch in Griechenland legal und weit verbreitet. Die Regelungen und Gesetze werden dabei nicht beachtet und deshalb arbeiten SexarbeiterInnen regelmäßig illegal oder in Grenzbereichen (Reinschmidt, 2016). Im Jahr 2015 waren es etwa 20.000 Frauen und Männer im ganzen Staat. Der Großteil arbeitete illegal auf der Straße und nur schätzungsweise 1.000 davon arbeiteten legal in Bordellen und waren registriert. Das war ein Anstieg der Anzahl von Prostituierten von 150 % seit dem Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008 (Zikakou, 2015). Wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit finanzieren sich viele StudentInnen ihr Studium, in dem sie ihren Körper verkaufen (Höhler, 2017). Andere Leidtragende des wirtschaftlichen und politi- schen Systems flüchten sich in die Prostitution um ihre Familien ernähren zu können (Hielscher, 2017). Anhand der Mehrzahl der SexdienstleisterInnen stieg auch die HIV Rate von 2010 bis zum Jahr 2017 um 32 % auf 0,2 % in der Gesamtbevölkerung des Landes. Sie ist somit zwar immer noch sehr niedrig im Vergleich zu anderen Ländern, doch gerade in der Sexindustrie sind die Zahlen enorm gestiegen (UNAIDS, Country factsheets, Greece, 2017). Durch das steigende Angebot werden außerdem die Preise für sexuelle Dienstleistungen immer geringer (Hielscher, 2017). Griechenland hat sich dementsprechend zur europäischen Nation entwickelt, in der SextouristInnen am wenigsten für ihre Begierden bezahlen müssen. Vor der Wirtschaftskrise lagen die Preise bei durchschnittlich 50 EUR pro Stunde und in der heutigen Zeit bieten Prostituierte ihre Dienste für 2 EUR pro halbe Stunde an (Durden, 2015). Manche prostituieren sich für etwas zu Essen wie z.B. ein Sandwich oder ein Stück Kuchen um nicht hungern zu müssen (Carassava, 2015). Da viele von ihnen Akademiker sind und zuvor gute Arbeitsstellen belegten, bewerben sie sich im Ausland und hoffen erfahrungsgemäß vergebens auf eine Rückmeldung (Reid, 2015). Auch in Griechenland leben Geflüchtete aus Ländern wie der Türkei, Syrien, Afghanistan, Pakistan, Marokko und anderen Staaten aus dem arabischen Raum. Für Neuankömmlinge gibt es weder ausreichend Betten in Geflüchtetenheimen noch genug Arbeit um zu überleben (Ozimek, 2018). Menschenrechte werden weder von Schleppern, noch von Küstenwachten geachtet und einen wirklichen Schutz ist den Geflüchteten folglich nicht garantiert (Strauch, 2017) In erster Linie werden minderjährige Jungen aus diesem Grunde in die Prostitution getrieben und sind somit ein ideales Ziel für ältere pädophile Männer (Horner, 2017). Denn obwohl ihnen durch internationale Verträge Schutz und Zugang zu Bildung in Schulen und einer medizinischen Grundversorgung gewährt werden sollte, wird dieses Recht in der Realität nicht durchgesetzt (Aswestopoulos, 2017). So nutzen SextouristInnen aus Kanada, Frankreich, Deutschland, und anderen europäischen Ländern die ökonomische und politische Lage Griechenlands, und der dort lebenden Menschen aus (RTDeutsch, 2018). Daneben hat der Bürgermeister Giannis Bou- taris der Stadt Thessaloniki auf Kreta versucht die wirtschaftliche Situation mit Hilfe eines Antriebs des Sextourismus und der Gründung eines städtischen Pornosenders zu verbessern. Er erhielt heftige Kritik der Kirche und von Konservativen doch mehrere griechische EU Experten zollen ihm Anerkennung und unterstützen ihn dabei (Kálnoky, Moutzouri, & Roumeliotis, 2012).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Tätowiertes Opfer von Menschenhändlern (Spanische Nationalpolizei 2012)

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Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
"Positiver" Sextourismus. Utopie oder realisierbare Faktizität?
Hochschule
Hochschule Heilbronn Technik Wirtschaft Informatik
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
90
Katalognummer
V944971
ISBN (eBook)
9783346333582
ISBN (Buch)
9783346333599
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tourismus, Touristik, Sextourismus, BWL, Nachhaltigkeit, Sustainability, International Business
Arbeit zitieren
Marco Huber (Autor:in), 2018, "Positiver" Sextourismus. Utopie oder realisierbare Faktizität?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944971

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