Was ist das Wesen der intellektuellen Anschauung in Fichtes Wissenschaftslehre?

Textgrundlage bilden die Erste und die Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre von 1797


Seminararbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das philosophische System Fichtes
2.1 Die Wissenschaftslehre als Lehre vom Wissen
2.2 Fichtes Methode

3. Die intellektuelle Anschauung als Kern des fichteschen Systems der Wissenschaftslehre
3.1 Die intellektuelle Anschauung in der 1. Einleitung in die Wissenschaftslehre
3.1.1 Die Objekte des Bewusstseins
3.1.2 Das Ich wird sich selbst zum Objekt
3.1.3 Die Freiheit als eine Neigung bestimmter Menschen
3.1.4 Die Intelligenz als „Thun“
3.2 Die intellektuelle Anschauung in der 2. Einleitung in die Wissenschaftslehre
3.2.1 Die zwei Reihen des geistigen Handelns
3.2.2 Das „Seyn“
3.2.3 Die intellektuelle Anschauung
3.2.3.1 Die Selbstkonstitution des Ich: das Zurückkehren in sich
3.2.3.2 Die intellektuelle Anschauung der „absoluten Selbstthätigkeit des Ich“

4. Schlussbetrachtung
4.1 Zusammenfassung
4.2 Kritik

5. Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Johann Gottlieb Fichte prägt im Jahr 1794 den Begriff der Wissenschaftslehre, der das System seiner Philosophie bezeichnet. Im selben Jahr veröffentlicht er seine „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“. Aus dem Untertitel ersichtlich ist sie als „Handschrift für seine Zuhörer“, Jenenser Studenten, gedacht. Unsere Textgrundlage hier bildet die erste und zweite Einleitung in die WL. Beide veröffentlicht er 1797 im „Philosophischen Journal“. Auch hier will Fichte seinen Lesern schriftlich sein System darlegen, und zwar ist die „2. Einl.“ für Leser gedacht, die schon ein philosophisches System haben, die „1. Einl.“ folglich für den philosophisch Unentschlossenen oder Einsteiger. Mit dem Titel „Einleitung“ beider hier zu behandelnder Texte macht Fichte uns klar, was er beabsichtigt. Er legt nicht einmal Grundzüge fest, sondern leitet mit allgemeinen Betrachtungen in sein Denken ein. Er führt Begrifflichkeiten wie Vorstellungen, Notwendigkeit, „Thathandlung“, Anschauung ein und stellt seine grundlegenden Widersacher im philosophischen Denken, die Dogmatiker, vor. Er stellt die Unvereinbarkeit beider Systeme fest und grenzt sein Denken von der materialistischen oder dogmatischen Sichtweise, das „Erkenntnisvermögen [sei] durch das Objekt gesetzt und bestimmt“1, ab.

Ich werde anhand der Textausgabe „Fichtes Werke“, herausgegeben von Immanuel Hermann Fichte2, sein Konzept der intellektuellen Anschauung nachzeichnen. Ich werde Textstellen aus den beiden Einleitungen sowie der im selben Band vorhandenen „Grundlage der gesamten WL“ verwenden. In der Zusammenfassung sollen diese verschiedenen Betrachtungen zusammengeführt und vor allem aufgrund der Differenz der ersten und zweiten Einleitung analysiert werden. Unterstützend habe ich Peter Baumanns’ „Fichtes Wissenschaftslehre“ von 1974, Adolf Schurrs „Philosophie bei Fichte, Schelling und Hegel“ von 1974 und Ingeborg Schüsslers „Die Auseinandersetzung von Idealismus und Realismus in Fichtes Wissenschaftslehre“ von 1972 benutzt.

Zitate folgen der Rechtschreibung, die in der zu Grunde gelegten Textausgabe „Fichtes Werke“ Band I vorherrscht. Zur Vereinfachung und besseren Lesbarkeit habe ich die Titel der Texte, auf die Bezug genommen wird, abgekürzt und sie dem Abkürzungsverzeichnis beigefügt. In der oben angeführten Sekundärliteratur wird das Ich groß geschrieben, wenn es im Kontext von Fichtes WL gemeint ist. Ich habe diese Darstellung übernommen. Da bestimmte Wörter wie „Thathandlung“ oder „Seyn“ eine ihnen von Fichte zugeschriebene Bedeutung haben, werden sie in Anführungszeichen gesetzt, auch wenn kein Zitat angeführt wird. Zu Anfang werde ich die Methode der Philosophie Fichtes kurz darstellen, die er in § 1 in „Grundlage der WL“ selbst festlegt: „Wir haben den absolut ersten, schlechthin unbedingten Grundsatz alles menschlichen Wissens aufzusuchen.“

2. Das philosophische System Fichtes

2.1 Die Wissenschaftslehre als Lehre vom Wissen

Fichte bezeichnet diejenige Wissenschaft als Wissenschaftslehre, welche die Aufgabe, die er ihr zuerkennt, lösen kann. Dabei verwendet er den Begriff WL und Philosophie synonym. Warum er gerade „die Wissenschaftslehre“ und nicht „meine Philosophie“ sagt, liegt an der Methode, auf die die WL aufgebaut ist und auf deren Betonung er beim Leser großen Wert legt. „[] kehre deinen Blick von allem, was dich umgiebt, ab, und in dein Inneres - []“3 ist seine erste Forderung an den Leser. Er will klar machen, dass es um das Subjekt, um seinen Zuhörer geht, der sozusagen der Protagonist im Denken Fichtes ist. Er stellt fest, dass sich aus einer Selbstbeobachtung verschiedene unmittelbare Bestimmungen unseres Bewusstseins ergeben. Diese nennt er auch Vorstellungen. Einige seien völlig von unserer freien Denkhandlung, andere nicht von unserem Zutun abhängig. Er sagt, dass „einige unserer Vorstellungen von dem Gefühle der Freiheit, andere von dem Gefühle der Nothwendigkeit begleitet [sind]“4. Die Gesamtheit der notwendigen Gefühle ist die Erfahrung. Fichte will den Grund aller Erfahrung angeben und ist der Meinung, dass die Wissenschaft, die dieses leistet, die (oder seine) Philosophie ist.

In der „2. Einl.“ wird Fichte schon genauer, indem er schreibt, dass der Gegenstand der WL etwas „Lebendiges und Thätiges [ist], das aus sich selbst und durch sich selbst Erkenntnisse erzeugt, und welchem der Philosoph bloss zusieht.“5 Hier stellt er die Erfahrung schon als etwas Lebendiges dar, was auf das Subjekt einwirkt oder von ihm erzeugt wird. Der Philosoph, d. i. derjenige, der sich einlässt, auf die Weise Fichtes die Philosophie zu begreifen und anzuwenden, soll diese lebendige Erfahrung als eine Tätigkeit des Subjekts selbst begreifen. Er soll dieser Tätigkeit zusehen und erkennen, dass sie dasselbe Vorgehen ist wie dieses Zusehen, die Anschauung.

2.2 Fichtes Methode

Die WL hat den Anspruch, die Bedingungen der Möglichkeit unseres Erkennens zwingend aus einem Prinzip zu begründen. Unser Erfahrungs-Erkennen spezifiziert Fichte als das „System der vom Gefühl der Nothwendigkeit begleiteten Vorstellungen“ oder einfach: die Erfahrung. Dabei ist ihm wichtig, dass es nicht darum geht, warum einige Vorstellungen frei und andere notwendig sind. Schon hier „setzt“ er sie als frei oder nicht.6 Fichtes Anspruch, ein grundlegendes Prinzip der WL anzugeben, folgt dem Grundsatz der logischen Deduktion. Diese ist bestimmt als die Ableitung einer Aussage B, der Konklusion, aus anderen Aussagen A1, , An, den Prämissen. Dabei stellt er fest, „ihr Objekt liegt sonach nothwendig ausser aller Erfahrung.“7 Er folgt damit der logischen Annahme, dass eine Begründung nicht Teil des zu Begründenden sein darf und diese nicht selbst aus ihnen vorhergehenden Prämissen bestehen dürfen. Damit wäre Fichtes Anspruch auf Letztbegründung nicht erfüllt. Diese systematische Form seiner Philosophie nennt er deshalb WL, weil sie die Oberste aller Wissenschaften bilden soll und den Grund aller Wissenschaften anzugeben hat. Im Gegensatz zu den anderen Erfahrungswissenschaften sieht Fichte seine WL außerhalb diesen stehend, da sie die unverrückbare Prämisse angeben soll, auf der alle anderen Wissenschaften aufbauen. Über seinen ersten Grundsatz schreibt Fichte: „Beweisen oder bestimmen lässt er sich nicht, wenn er absolut erster Grundsatz seyn soll.“8

3. Die intellektuelle Anschauung als Kern des fichteschen Systems der Wissenschaftslehre

3.1 Die intellektuelle Anschauung in der 1. Einleitung in die Wissenschaftslehre

Aus der Betrachtung von Fichtes Methode der logischen Deduktion aus einem Grundsatz ergeben sich zwei Fragen: 1. Wie lautet dieser Grundsatz? und 2. Wer legt diesen Grundsatz fest? In der 1. Einleitung, die für den philosophischen Laien gedacht ist, gibt er in Kapitel 4 die Antworten.

3.1.1 Die Objekte des Bewusstseins

Alles, was im Bewusstsein vorkommt, nennt Fichte Objekte des Bewusstseins. Er unterscheidet drei verschiedene Objekte. Zum einen kann ich mir Dinge schlicht ausdenken als Leistung meines eigenen Denkens, zum anderen existieren in meinem Bewusstsein auch Dinge, die nicht von mir erzeugt wurden und somit quasi von außen herkommen. Das ist, was wir und auch Fichte Erfahrung nennen. Die dritte Art von Objekten beschreibt er ihrem „Daseyn“ nach als vorhanden, ihrer Beschaffenheit nach aber abhängig von einer freien Geisteshandlung. Fichte nimmt eine Freiheit des Ichs an, „dieses oder jenes zu denken“9.

3.1.2 Das Ich wird sich selbst zum Objekt

Das Ich hat bisher noch nichts anderes getan als mit Freiheit gedacht, also aus eigenem Antrieb Objekte des Bewusstseins erzeugt. Jetzt aber lässt Fichte sein Ich, wie oben schon erwähnt, nach innen blicken. Es soll von seinem Gedachten abstrahieren, denn nur so kann sich das Ich bewusst werden, was es ist und warum es so denkt. „Dass ich mir gerade so bestimmt erscheine und nicht anders, gerade als denkend, [] soll meinem Urtheil nach abhangen von meiner Selbstbestimmung: ich habe zu einem solchen Objecte mit Freiheit mich gemacht.“10 Das Ich ist nun das Objekt des eigenen Bewusstseins, was immer schon vorhanden ist, aber seine Beschaffenheit selbst bestimmt. Fichte spricht hier noch nicht von „gesetzt“, sondern von „bestimmt“. Um zu betonen, dass sich das Ich, das die Abstraktion von seinem eigenen Denken schon vollzogen hat, außerhalb der Erfahrung bestimmt hat, greift er auf den Begriff „Ich an sich“11 zurück. In dieser populären Einführung versucht Fichte zwar diesen Ausdruck zu vermeiden, da er zu stark an das „Ding an sich“ erinnert. Trotzdem gibt er auf Seite 427 zu, ihn entgegen aller Zweifel zu verwenden und erhebt das Ich an sich zum „Objekt des Idealismus“12. Hier meint er seinen Idealismus, also sein System, die WL.

Das „Ding an sich“ der Dogmatiker, gegen die er sich in dieser 1. Einleitung ausspricht, macht ein freies Selbstbewusstsein unmöglich. Alle Erfahrung sei durch dieses bestimmt und es ließen sich keine Vorstellungen erzeugen, die nicht von ihm ihren Ursprung nähmen. Die Realität, die der Dogmatiker dem „Ding an sich“ zuschreibt und auf dem er sein System aufbaut, hält Fichte für eine verfehlte Annahme. Der entscheidende Unterschied, den er mit dem verwandt klingenden Begriff des „Ich an sich“ deutlich machen will, ist dass seinem System eine freie Handlung zu Grunde liegt. Diese geht dann über ins Abstrahieren und kommt somit zu dem von Fichte behaupteten unmittelbaren Selbstbewusstsein. Es ist deshalb nur behauptet, weil er es in niemandem nachweisen kann (und will). Jeder muss diese freie Handlung selbst vollziehen.13

[...]


1 „1. Einl.“: S. 421.

2 Fichte, Immanuel Hermann (Hrsg.): Fichtes Werke, Bd. 1, Zur theoretischen Philosophie 1, Berlin 1971.

3 „1. Einl.“: S. 422.

4 „1. Einl.“: S. 423.

5 „2. Einl.“: S. 454.

6 „1. Einl.“: S. 423.

7 „1. Einl.“: S. 425.

8 „Grundlage der WL“: S. 91.

9 „1. Einl.“: S. 427.

10 Ebenda.

11 „1. Einl.“: S. 428.

12 „1. Einl.“: S. 427.

13 Siehe „1. Einl.“: S. 429.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Was ist das Wesen der intellektuellen Anschauung in Fichtes Wissenschaftslehre?
Untertitel
Textgrundlage bilden die Erste und die Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre von 1797
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V94526
ISBN (eBook)
9783640103515
ISBN (Buch)
9783640112142
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wesen, Anschauung, Wissenschaftslehre, Fichte, intellektuelle
Arbeit zitieren
Manuel Dominik Pollak (Autor), 2008, Was ist das Wesen der intellektuellen Anschauung in Fichtes Wissenschaftslehre?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94526

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