Der Mittelmäßige liebt nur das Leichtdefinierbare.
Das Problem wohlformiert, analysiert und gelöst.
Aber Architektur ist nicht nur das Lösen von Problemen.
Architektur ist eine Feststellung.
Hans Hollein, ARCHITEKTUR- INHALT UND FORM (1964)1
Vielleicht waren es nostalgische Gedanken, entsprungen aus der Sehnsucht nach
Wärme und Schönheit? Vielleicht war es einfach an der Zeit etwas zu ändern? Die
Architekturlandschaft, die wir vor uns sahen, farb- und schmucklos, mit all ihren
scharfen Kanten, schnitt uns in die Augen.
Die Gebäudeklötze, wie Kometen vom Himmel gefallen, wahllos in die Welt gesetzt,
ohne Achtung vor ihrer Umwelt, der natürlichen Landschaft um sie herum.
„Das Wort »Fassade« ist uns zum Begriff der Vortäuschung und des Falschen geworden.
Doch mit dieser modernen Moral der Vereinfachung und der Rückführung der Architektur
auf die elementaren und primären Formen ging einher, daß unsere Städte zu einer
Ansammlung glatter Kästen wurden, denen man schließlich nur noch ihre leistungsstarke
Zweckmäßigkeit als Raumcontainer ansah. Und um uns breitet sich der Ozean der
Monotonie aus.“2
Dies war der Zeitpunkt an dem die Postmoderne ihren Einzug in die Architektur
erhielt. Die Rückbesinnung zum Menschen, seinen Bedürfnissen und seiner Umwelt
trifft in den 1970er und 80er Jahren auf immer größer werdende Resonanz.
Der 1934 in Wien geborene Architekt Hans Hollein gehört zu den bekanntesten
Vertretern der postmodernen Architektur. Das Abteimuseum in Mönchengladbach ist
einer seiner innovativsten Beiträge zur Architektur der Gegenwart. Mit diesem Bau
prägte er in den 80er Jahren den Begriff der Architekturlandschaft und der Collage.
Bei Hollein kommt es zu einer Verschränkung dieser beiden Begriffe. Zum einem hat
der Bau den Ansprüchen postmoderner Forderungen zu genügen, was zu einem
collageartigen Gefüge an unterschiedlichen Architektursprachen führt. Zum anderen
soll er seiner Umwelt gerecht werden und sich integrativ in die ihn umgebende
architektonische Landschaft einfügen. Dies kann zu einer „Verlandschaftlichung“ der
Architektur selbst führen.
Im Rahmen dieser Proseminarsarbeit soll herausgearbeitet werden, inwieweit Hans
Holleins Museumsbau in Mönchengladbach den postmodernen Werten gerecht wird.
Aufgrund des Unfangs der Arbeit wird nur auf die äußerlichen Elemente des Baus eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Die Postmoderne
1.1 Der Begriff der Postmoderne
1.2 Postmoderne Architektur
1.2.1 Entstehung postmoderner Architektur als Reaktion auf die Moderne?
1.2.2 Sprachliche Pluralität nach Charles Jencks
1.2.3 Fiktion nach Heinrich Klotz
2. Die Postmoderne am Beispiel Hans Holleins
2.1 Museum Mönchengladbach
2.2. Bauwerk ist wieder Kunstwerk
2.3 Architekturlandschaften
III. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit das Museum Mönchengladbach von Hans Hollein als architektonisches Schlüsselwerk den Werten und theoretischen Anforderungen der Postmoderne gerecht wird. Im Zentrum steht dabei die Analyse, wie Hollein durch die Verschränkung von Architekturlandschaft und Collage auf die kritisierten Defizite der funktionalistischen Moderne reagiert.
- Entwicklung des Begriffs der Postmoderne und dessen Bedeutung für die Architektur
- Sprachliche Pluralität und das Konzept der Doppelkodierung nach Charles Jencks
- Die Rolle der Fiktion als Gegenentwurf zum reinen Funktionalismus nach Heinrich Klotz
- Planungsgeschichte und gestalterisches Konzept des Mönchengladbacher Museums
- Integration von Architektur und Landschaft als Antwort auf das moderne Stadtgefüge
Auszug aus dem Buch
1.2.3 Fiktion nach Heinrich Klotz
Woher resultiert die Uniformität, der Jencks Pluralismus entgegen wirken will? Indem sich die Moderne von der Tradition abwendet, schlimmer noch einen Bruch herbeiführt, indem sie auf totalen Purismus schwört, jedes Symbol, jedes Ornament strikt untersagt, sich somit von allen traditionellen Zwängen befreit, ergibt sie sich einen neuen, selbst erschaffenen Zwang: dem des Funktionalismus. Der Funktionalismus greift in den Lebensraum des Menschen ein. Dieses Eingreifen kann bis zur Bevormundung führen. Es heißt nicht mehr form follows function, sonder life follows architecture. Heinrich Klotz formuliert das Problem in „Revision der Moderne “ folgendermaßen: Der bloße Rechtkant stand zu Beginn der Moderne für Reinheit und Klarheit. Er sollte Ruhe in sein völlig überladenes und gleichzeitig sinnentleertes Umfeld bringen. Heute hat „der Klotz“ seine Aura der Aufgeklärtheit“ verloren.
Klotz Vorschlag verlangt nicht die Dekreditierung von Funktion. Funktion war von jeher eine Selbstverständlichkeit. Aber die Form soll nicht mehr stur der Funktion folgen, der Bau soll wieder erzählen. Die narrativen Inhalte, die schon im vorigen Kapitel erwähnt wurden, sind Mittel des Fiktiven. Der Bau erschöpft sich nicht nur in seinen konstruktiven Bedingungen, er bietet eine Plattform um Inhalte darzustellen. Klotz postmoderne Formel lautet somit: Nicht nur Funktion, sondern auch Fiktion. Natürlich ist mit einer Verbindung von Inhalten mit geometrischen Formen nicht alles vollendet:
„Erst wenn das Bauwerk nicht in sich selbst verharrt, wenn also stereometrische Autonomie perfekter Volumina zerstört wird und stattdessen Verweise, Bezüge und Assoziationen über das Bauwerk hinaus erlaubt sind, eröffnet sich die Möglichkeit der architektonischen Fiktion.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit leitet in das Thema ein, indem sie die Sehnsucht nach einer Architektur jenseits der modernen Monotonie beschreibt und das Museum Mönchengladbach als zentrales Beispiel einführt.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert theoretische Grundlagen der Postmoderne sowie deren architektonische Umsetzung im Museum Mönchengladbach.
1. Die Postmoderne: Dieses Kapitel erörtert die historische Begriffsgenese und die theoretischen Konzepte von Charles Jencks und Heinrich Klotz als Basis für die postmoderne Architektur.
1.1 Der Begriff der Postmoderne: Untersuchung der zeitlichen und inhaltlichen Entwicklung des Begriffs von der Literaturkritik bis hin zur allgemeinen Kulturanalyse.
1.2 Postmoderne Architektur: Betrachtung der Abkehr vom reinen Funktionalismus hin zu einer narrativen, architektonischen Vielfalt.
1.2.1 Entstehung postmoderner Architektur als Reaktion auf die Moderne?: Diskussion über die Versuche postmoderner Architekten, die Moderne nicht zu negieren, sondern durch Zitate und Symbole zu erweitern.
1.2.2 Sprachliche Pluralität nach Charles Jencks: Erläuterung des Konzepts der Doppelkodierung, bei der ein Gebäude sowohl Architekten als auch Laien auf verschiedenen Ebenen anspricht.
1.2.3 Fiktion nach Heinrich Klotz: Analyse der Forderung, dass Architektur neben der Funktion wieder erzählerische und fiktionale Qualitäten besitzen muss.
2. Die Postmoderne am Beispiel Hans Holleins: Konkrete Anwendung der zuvor erläuterten Theorien auf das Bauwerk in Mönchengladbach.
2.1 Museum Mönchengladbach: Darstellung des Planungsprozesses und der städtebaulichen Integration des Museums unter der Leitung von Johannes Cladders.
2.2. Bauwerk ist wieder Kunstwerk: Untersuchung der Materialwahl und der formalen Gestaltung, die auf verschiedene historische und moderne Archetypen verweist.
2.3 Architekturlandschaften: Analyse der besonderen Einbettung des Museums in die natürliche Topographie und die Inspiration durch Pueblo-Siedlungen.
III. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, wie Hollein durch Mehrsprachigkeit und die Versöhnung von Moderne und Geschichte dem Bau eine neue, authentische Seele verleiht.
Schlüsselwörter
Postmoderne Architektur, Hans Hollein, Museum Mönchengladbach, Architekturlandschaft, Collage, Doppelkodierung, Charles Jencks, Heinrich Klotz, Funktionalismus, Fiktion, Narrative Architektur, Architekturtheorie, Moderne, Bauwerk als Kunstwerk, Raumkonzept
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Museum Mönchengladbach von Hans Hollein als ein bedeutendes Beispiel für postmoderne Architektur und analysiert dessen architektonische Formsprache vor dem Hintergrund theoretischer Debatten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Doppelkodierung und der architektonischen Fiktion sowie die Art und Weise, wie ein Gebäude durch Zitate und narrative Inhalte eine Brücke zwischen Moderne und Geschichte schlägt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit Holleins Entwurf durch sein collageartiges Gefüge und seine Einbettung in die Architekturlandschaft den postmodernen Idealen gerecht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine vergleichende Analyse, indem sie die Entwürfe von Hans Hollein mit den theoretischen Forderungen von Charles Jencks und Heinrich Klotz abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Postmoderne und eine vertiefende, praxisorientierte Analyse des Museumsbaus in Mönchengladbach.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt von Begriffen wie Postmoderne, Architekturlandschaft, Collage, Doppelkodierung und Funktionalismus.
Warum spielt das Pueblo-Konzept für Hollein eine wichtige Rolle?
Hollein orientierte sich an der nahtlosen Verbindung von Bebauung und Gelände bei Pueblo-Siedlungen, um das Museum Mönchengladbach integrativ in die vorhandene Topographie einzufügen.
Wie erreicht Hollein eine "Doppelkodierung" bei seinem Museumsbau?
Er verwendet verschiedene Materialien und Bautypen, die einerseits auf moderne Konstruktionen (z. B. Werkhallen) und andererseits auf traditionelle oder historische Referenzen verweisen, wodurch unterschiedliche Besuchergruppen gleichzeitig angesprochen werden.
- Arbeit zitieren
- Fleur Cannas (Autor:in), 2007, Postmoderne Architektur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94620