Das Heilige Römische Reich

Die weltgeschichtliche Bedeutung des antiken und mittelalterlichen Kaisertums im Geschichtsbild Ottos von Freising


Essay, 2007
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

In seinem Geschichtswerk Chronica sive Historia de duabus civitatibus, welches er ab 1143 über vier Jahre lang verfaßte,[1] liefert uns Otto von Freising ein sehr detailliertes Bild über die weltgeschichtliche Bedeutung und das Selbstverständnis des Kaisertums während der Spätantike und frühen Stauferzeit. In seiner Weltchronik[2] gewinnen wir über den „Kampf zweier entgegengesetzter Prinzipien“[3] hinaus Einblicke in eine Welt des Denkens, die sowohl von einer heilsgeschichtlichen Determination der Zeitläufte als auch der vermittelnden Position eines Geistlichen in der Frage nach geistlicher wie weltlicher Macht und deren Strategien und theologischen Rechtfertigungen zum Machterhalt zeugen.

Das Selbstverständnis des Kaisertums kulminiert bei Otto von Freising um die Auslegung des Gleichnisses der vier Weltreiche im Buch David, der Zweischwerter/Gewalten-Lehre und der Translationstheorie. Ersteres und letztere sind auf das Ende der Welt gerichtet, um am Jüngsten Tag ihrer endgültigen Bestimmung gerecht werden.[4]

Um Ottos von Freising Geschichtsverständnis begreifen zu können, müssen wir uns zu allererst Lebensumstände und Bildungshorizont des Bischofs vergegenwärtigen. Wie bei vielen Persönlichkeiten des Mittelalters ist auch von Otto kein Geburts-, sondern nur das Sterbejahr überliefert, welches auf 1158 datiert. Sicher ist nur, daß er als fünfter Sohn von elf das Säuglingsalter überlebenden Geschwistern zwischen 1109 und 1114 geboren wurde.[5] Als Sohn einer Salischen Prinzessin, nämlich Agnes, der Tochter Heinrichs IV., und dem Babenberger Markgraf Leopold III. war Otto zugleich ein Halbbruder König Konrads III. und Onkel Friedrichs I., dem er seit dessen Thonbesteigung im März 1152 als Berater treu zudiensten war.[6]

Für den noch jungen Knaben aus bestem Hause war die geistliche Laufbahn vorgesehen. Sein Vater errichtete in seiner Pfalz das Chorherrenstift Klosterneuburg, dessen Probst nach der Stiftsgründung der minderjährige Otto wurde. 1138 erhob ihn Konrad III. zum Bischof von Freising.[7] Doch schon sein Amt als propositus in Klosterneuburg sicherte ihm eine unabhängige Lebensstellung. Die reiche Pfründe ermöglichten es dem Heranwachsenden, eine Studienreise nach Frankreich zu unternehmen, wo er in Paris unter anderem bei Hugo von St. Viktor mit den Lehren der Frühscholastik vertraut gemacht wurde.[8] Hier wurde der Grundstein für sein wissenschaftliches und theologisches Denken gelegt, auf welchem seine späteren Geschichtswerke[9] beruhen sollten. „Schulgerecht wurden die Erkenntnisse erarbeitet und weitergegeben, unter dem Postulat kritisch nachvollziehbarer Objektivität, wozu vor allem Begriffserklärung und logisch zwingende Argumentation gehörten, nicht lediglich autoritätsgläubige Übernahme vorformulierter Lehrmeinungen. Trotzdem,“ so schreibt W. Goetz, „stand die Frühscholastik vorrangig im Dienst des christlichen Glaubens.“[10]

Otto nutze seine Reise nicht nur als Grand Tour eines jungen Chevaliers, sondern war tatsächlich bestrebt, sich einen reichhaltigen Schatz aus Wissen und Weisheit anzueignen. Vor allem die ars dialectica hatte es ihm angetan, so daß er später in seinen Werken eine argumentative Schärfe an den Tag legte, die diese heute immer noch einzigartig erscheinen läßt.

Daß Otto ausgerechnet eine Historia verfaßte, mag dem Einfluß Hugos von St. Viktor geschuldet sein. In den damals gelehrten septem artes liberales galt die „Geschichtswissenschaft“ nicht als eigenständiges Fach, sondern wurde als Unterabteilung der Poesie gewertet. Bis zu Hugos umfassendem Lehrbuch aller Wissenschaften, dem Didascalicon,[11] werteten die damaligen Gelehrten die Geschichte als Form der Rhetorik- und Moralerziehung. Hugo maß ihr einen höheren Bildungswert bei und interpretierte den Lauf der Welt von einem theologisch-philosophischen Standpunkt aus.[12] Genau diese Züge trägt später auch Ottos Weltchronik.

Goetz konstatiert, daß der junge Probst Otto in Hugos Unterricht erste Hinweise empfangen haben mag, daß „sich in der bunten Ereignisfülle der Vergangenheit der Finger Gottes erkennen lasse und ihr ein Gesamtkonzept zugrunde liege: ein durch die Zeiten wirkender und sich in ihnen verwirklichender Heilsplan des Schöpfers.“[13]

Doch schon in der Spätantike gab es Deutungsmodelle von geschichtlichen Ereignissen und der „Planhaftigkeit göttlichen Handelns.“[14] Die Heilsbedeutung des Römischen Reiches schilderte bereits Bischof Eusebius von Caesarea († 339), der Biograph des ersten christlichen Kaisers Konstantin.[15]

Nach Eusebius bildete die Einigung des Erdkreises durch Augustus die notwendige Voraussetzung für Jesu Erlösungstat und die Ausbreitung der wahren Kirche. Daraus resultiere eine Verantwortung für den jeweiligen Herrscher, an der Verwirklichung des göttlichen Heilsplanes mitzuwirken.[16] Otto vertritt in seiner Historia ähnliche Ansichten.

Das Geschichtsmodell, welches auf der Danielvision beruht und für Otto den Kern seiner Betrachtungen zum Reich und dessen Verantwortung vor Gott und der Geschichte bildet, stammt von dem 419 gestorbenen Kirchenvater und Bibelübersetzer[17] Hieronymus.[18] Nach der Offenbarung des Propheten Daniel sei die Weltgeschichte auf vier Universalmonarchien begrenzt. Das letzte Weltreich sei das Römische, nach dessen Untergang der Erlöser komme und die Apokalyptischen Reiter das Jüngste Gericht einleiten. Kirchenvater Augustinus[19] († 430) fügte der Historie noch eine dualistische Komponente hinzu.[20] In seiner De civitate Dei schildert er den Ablauf der Ereignisse als steten Kampf zwischen Gut und Böse, Gottesstaat (civitas dei) und Teufelsstaat (civitas diaboli).[21]

Einen weiteren Bestandteil von Hugos und letztlich Ottos Weltsicht liefert Isidor von Sevilla († 636).[22] Er bemüht für die Deutung der Geschichte die Schöpfungswoche als Analogie zu einer Abfolge von sechs Zeitaltern bis zum Eintritt des Gottesfriedens am ewigen Sabbat.[23] Auch für ihn ist die Zeit auf Erden begrenzt, bis nach einer Endphase apokalyptischen Schreckens das Reich Gottes kommen werde.[24]

Diese altchristlichen Weltanschauungen übernahm Otto von Freising, um seine eigene Geschichtsvorstellung und in dieser seine Reichsidee zu entwickeln. Als Universalhistoriker könne er „aus dem Rückblick in die Vergangenheit erkennen, an welcher Station des Geschichtsweges die Gegenwart angekommen sei. Vor allem war sein Anliegen, die Historie so zu interpretieren, daß aus ihr das Handeln Gottes mit dem Menschen erfahrbar würde.“[25]

Das Besondere an seiner Weltchronik ist der zeitliche Rahmen, der sich von der Vergangenheit über die Gegenwart auch auf die Zukunft erstreckt, sie also nicht nur von rebus gestis berichtet, sondern ebenso kommende Ereignisse mit Bestimmtheit aus dem Verständnis des göttlichen Heilplanes ableitet. Otto glaubt, daß zu seiner Zeit der Weg der Geschichte erschöpft sei und – die Welt im Greisenalter stehend – das Jüngste Gericht unmittelbar bevorstehe.[26] „Wir aber, die wir am Ende der Zeiten angelangt sind, lesen nicht nur in den Historienbüchern, von der angstvollen Not des Menschengeschlechts; wir finden sie durch die Erfahrungen unserer Zeit in den eigenen Herzen wieder.“[27]

[...]


[1] vgl. Goetz, Werner, Otto von Freising, in: ders., Lebensbilder aus dem Mittelalter. Die Zeit der Ottonen, Salier und Staufer, 2. Aufl., Darmstadt 1998, S. 290.

[2] Otto von Freising: Chronica sive Historia de duabus civitatibus, hrsg. von Adolf Hofmeister, MGH SS rerum Germanicarum, 2. Aufl., Hannover/Leipzig 1912, Nachdruck Hannover 1984.

[3] Goetz, Lebensbilder, S. 290.

[4] vgl. Spörl, Johannes, Grundformen hochmittelalterlicher Geschichtsanschauung. Studien zum Weltbild der Geschichtsschreiber des 12. Jahrhunderts, München 1935, S. 51-72.

[5] vgl. Goetz, Lebensbilder, S. 283.

[6] vgl. Schmidt, Ulrich, Otto von Freising, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL), Bd. VI, Herzberg 1993, Spalten 1373-1375.; ebenso Goetz, Lebensbilder, S. 282f.

[7] ebenda.

[8] Goetz, Lebensbilder, S. 283.

[9] neben seiner Historia verfaßte er auch noch ein Buch über die res gestae Friderici.

[10] ebenda.

[11] vgl. Hugo von Sankt Viktor, Didascalicon de studio legendi. Studienbuch (lateinisch-deutsch), Hrsg. und übers. von Thilo Offergeld (Fontes Christiani, Bd. XXVII), Freiburg u. a. 1997.

[12] Goetz, Lebensbilder, S. 285.

[13] ebenda.

[14] ebenda.

[15] ebenda.

[16] vgl. Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Hrsg. u. eingeleitet von Heinrich Kraft, übers. v. Philipp Haeuser, 2. Aufl., München 1981.

[17] die im Folgenden zitierten lateinischen Bibelpassagen entstammen der Vulgataübersetzung des Hl. Hieronymus in der Ausgabe: Biblia Sacra iuxta vulgatam versionem, Hrsg. Deutsche Bibelgesellschaft u. eingeleitet von Roger Gryson, 4. verb, Aufl., Stuttgart 1994.

[18] vgl. Tilli, Michael, Hieronymus, in: BBKL, Bd. II, Hamm 1990, Spalten 818-82.; s. auch Nautin, Pierre, Hieronymus, in: Müller, Gerhardt u.a. (Hrsg.), Theologische Realenzyklopädie, Bd. 15, Berlin 1986, S. 304-315.

[19] vgl. Bautz, Friedrich Wilhelm, Augustinus, in: BBKL, Bd. I, Hamm 1990, Spalten 272-300.

[20] vgl. Goetz, Lebensbilder, S. 285.

[21] vgl. Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat, übers. von Alfred Schröder (Bibliothek der Kirchenväter), München 1911-16.

[22] vgl. Tenberg, Reinhard, Isidor, in: BBKL, Bd. II, Hamm 1990, Spalten 1374-1379.

[23] vgl. Isidor von Sevilla, Chronica maiora, Hrsg. von Theodor Mommsen (DMGH), Hannover 1894.

[24] vgl. Goetz, Lebensbilder, S. 285.

[25] ebenda.

[26] vgl. Goetz, Lebensbilder, S. 291.

[27] zit. nach Goetz, Lebensbilder, S. 291.

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Details

Titel
Das Heilige Römische Reich
Untertitel
Die weltgeschichtliche Bedeutung des antiken und mittelalterlichen Kaisertums im Geschichtsbild Ottos von Freising
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V94659
ISBN (eBook)
9783640103690
ISBN (Buch)
9783640115488
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heilige, Römische, Reich, Sven Lachhein
Arbeit zitieren
Sven Lachhein (Autor), 2007, Das Heilige Römische Reich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94659

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