Islam, Volksglaube und Mystik in Taha Husayns Al-Ayyam


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

22 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung.

1. Al-Ayyām: Ein autobiographisches Detail
1.1 Eine moderne arabische Autobiographie
1.2 Tāhā Husayns Kindheit und Bildungsweg

2. Der orthodoxe Islam.
2.1 Memorieren als Lebenserfüllung
2.2 Methodik als Mittel zur Erforschung des Islam

3. Der islamische Volksglaube
3.1 Heilung und Krankheitsbekämpfung
3.2 Volksglaube zur Vertreibung und Abwendung von Unheil

4. Islamische Mystik: Sufismus
4.1 Sūfīs und Dikr
4.2 Der Sūfī-Šayh
4.3 Psychische Abhängigkeit vom Šayh

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Tāha Husayns al-Ayyām[1] ist ein in der dritten Person verfaßter autobiographischer Roman, der 1926 erstmals als Fortsetzungsroman in der Zeitung al-Hilāl veröffentlicht wurde. 1929 wurde dieser dann in Buchform herausgegeben. Die von Tāhā Husayn diktierten Lebenserinnerungen bilden hier den ersten Teil[2] seiner mühsamen Kindheit bis zu seinem 12. Lebensjahr. Dieser erste Roman gehört zu den Anfängen der modernen arabischen Romanliteratur und erlangte internationale Anerkennung durch zahlreiche Übersetzungen in verschiedene Sprachen.

In dieser Arbeit wird zunächst die Rolle dieser Autobiographie in der modernen arabischen Literatur kurz angerissen. Nach einem flüchtigen Einblick in Tāhā Husayns wichtigsten Etappen seines Bildungsweges soll das Ziel dieser Untersuchung die Darstellung der verschiedenen Facetten des islamischen Glaubens im Roman al-Ayyām sein. Dieser kurze Roman erlaubt einen Einblick in die unterschiedliche Praxis des Islam. Orthodoxer Islam, islamischer Volksglaube und mystischer Glaube im Islam werden hier gegenübergestellt. Tāhā Husayns Erinnerungen beschreiben dieses Trium in einer ägyptisch-traditionellen Landgesellschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts. Diese Gesellschaft stellt einen Mikrokosmos dar, der tief in seinen Traditionen verwurzelt ist.

Anhand einer textnahen Analyse werden die wichtigsten Stellen herangezogen und im Kontext interpretiert. Das Ziel dieser Untersuchung beinhaltet die Darstellung und Deutung der drei nahe beieinander liegenden Phänomene und die damit verbundene Position des Autors im Roman zu diesem Trium.

Eine Einbettung in Tāhā Husayns reformpolitischen Aktivitäten zum Islam wird kaum berücksichtigt.

1. Al-Ayyām: Ein autobiographisches Detail

Al-Ayyām repräsentiert einen Ausschnitt oder ein Teilstück einer dreiteiligen Autobiographie, die die Erinnerung an eine zurückliegende Kindheit beinhaltet, was als literarische Darstellung des eigenen Lebens oder größerer Abschnitte daraus[3] definiert werden kann. Man muß präzisieren und eine genauere Einordnung dieses Werkes vornehmen, was mit der Benennung autobiographischer Roman gewährleistet wäre.

[Der Autobiographische Roman ist eine] literarische Transposition der Biographie [...] des Autors in ein fiktionales Geschehen. Im Gegensatz zur Autobiographie unterliegt die Darstellung damit nicht mehr nur der Forderung unbedingter Wahrhaftigkeit, sondern künstlerischen Strukturgesetzen, d.h., die biographischen Vorgänge werden nicht um ihrer selbst willen berichtet, sondern einer Symbolstruktur unterworfen [...][4]

Al-Ayyām umfaßt Erinnerungen, die Auslassungen von biographischen Fakten zulassen und Ereignisse, Personen oder Motive besonders hervorheben. Die Blindheit, die Familie und die Kritik an der islamischen Gesellschaft schaffen ein autobiographisches Detail in Tāhā Husayns Werk.

1.1 Eine moderne arabische Autobiographie

Al-Ayyām gilt in der modernen arabischen Literatur als etwas Einzigartiges, Besonderes und vor allem etwas Neues. Tāhā Husayns Werk war und ist immer noch ein sehr einflußreicher Subtext für viele moderne arabische autobiographischen Werke.

Dieser autobiographischer Roman ist für die moderne arabische Literatur insoweit von großer Bedeutung, da eine persönliche Lebensgeschichte in Form von Erinnerungen im Mittelpunkt steht, was die Verarbeitung eigener Erlebnisse beinhaltet - genauer, der mühsame Weg eines armen Jungen, dem schließlich Erfolg und Triumph im Verlauf seines Lebens widerfährt. Der psychologische Hintergrund wird nicht unterdrückt, sondern noch verstärkt durch die explizite Schaffung eines dafür erklärenden eigenen Kapitels, der in Form einer Widmung, das Anliegen erklärt[5].

Die Autobiographie war schon im Mittelalter als literarische Form im Schrifttum der Araber bekannt. Beispiele hierfür liefern u.a. die autobiographischen Werke von al-Ġazālī (1111) und Ibn Haldūn (1406).[6]

Das autobiographische Schaffen im Islam ist weniger an die Persönlichkeit als an die Sache gebunden. Die Erlebnisse des Einzelnen bieten nicht als solche an sich den Anreiz zu ihrer Mitteilung, sondern nur durch ihren allgemeingültigen lehrhaften Gehalt. Während so äußere Geschehnisse des Lebenslaufes, die Tatsachenbiographie, aus dem Gefühl eines geschichtlich belehrenden Interesses heraus häufig der Bewahrung für wert gehalten werden, bleibt die Darstellung der neben diesen äusseren einhergehenden inneren Vorgänge, die psychologische Autobiographie, zu deren lehrhafter Ausgestaltung es neben der psychologischen Einsicht einer überlegen sichtenden geistigen Arbeit bedarf, stark im Hintergrund.[7]

Daraus geht hervor, daß die arabischen Autobiographien in der Tradition der arabisch-islamischen Literatur nur eine Art Lebenslauf darstellten und keine der Autobiographien [...] [ist] aus dem Bewußtsein eines Eigenwertes des einmalig Persönlichen entstanden [...][8]. Tāhā Husayn setzte so mit al-Ayyām u.a. einen Anfang[9].

Es besteht also ein Unterschied zwischen der traditionellen arabischen Autobiographie und der modernen von Tāhā Husāyn. Malti-Douglas formuliert es treffend: [...] there is a basic difference between classical and modern Arabic conceptions of literature that lies not in the forms of the genres [...]. The literary text ceases to be an expression of collective norms and becomes a personal work, expressing, and centering on, the individual.[10]

Die Individualität und das Persönliche sowie die Entwicklung des Charakters sind die Grundzüge des modernen autobiographischen Romans, was den Unterschied zur mittelalterlichen arabischen Autobiographie ausmacht.

1.2 Tāhā Husayns Kindheit und Bildungsweg

Er kann sich weder auf den Namen des Tages besinnen noch ihm im Lauf der Monate und der Jahre den Platz zuweisen, den ihm Allah gegeben hat. Nicht einmal an die Tageszeit kann er sich mehr erinnern. Er kann all das nur annähernd bestimmen.[11]

[...] er entsinnt sich, daß sein Gesicht zu jener Zeit einen Windhauch spürte [...]. Zur Zeit der Dämmerung muß es wohl gewesen sein, glaubt doch der blinde Knabe sich erinnern zu können, daß er, der ja das wirkliche Licht und die wirkliche Finsternis gar nicht kennengelernt hatte [...][12]

Mit diesen Worten beginnt Tāhā Husayn den ersten Teil seines autobiographischen Romans al-Ayyām, indem er im Verlauf seine beeindruckende und vor allem einsame Kindheit in Blindheit in stark anschaulichen Bildern vorführt, die ein Zeichen für sein immenses Vorstellungvermögen sind.

Tāhā Husayn wurde 1889 in ‘Izbat al-Kīlū als siebtes Kind von insgesamt 13 Geschwistern geboren. Er entstammte einer einfachen Familie aus einem einfachen Dorf. Im Alter von zwei Jahren erkrankte Tāhā Husayn an Ophtalmie, einer normalerweise leicht zu behandelnden Augenentzündung. Da zu dieser Zeit im Dorf die medizinische Versorgung im modernen Sinne noch nicht funktionierte oder gar existierte, verlor er nach einer fatalen Fehlbehandlung beim Bader sein Augenlicht, was ihm Einsamkeit und Außenseitertum bringt. Nichtsdestotrotz verliert er nicht den Lebensmut und bewahrt sich einen gewissen Optimismus, der ihn auch dank seiner Willensstärke und Neugierde vorantreibt. Sein nicht zu stillender Lern- und Wissensdrang beschert ihm einen unglaublichen Weg und vor allem Bildungsweg, der für einen Blinden außergewöhnlich erscheint[13].

In seiner frühen Kindheit besuchte er die Dorfschule in seinem Ort trotz seiner Blindheit. Dort bestimmte das Auswendiglernen und Memorieren des Koran das

Leben des damals kleinen Jungen. 1902 wurde er im Alter von 12 Jahren unter der Aufsicht seines älteren Bruders an die Azhar-Universität geschickt. Dort verabscheute er die konservative Haltung der Professoren sowie deren rückständigen pädagogischen Methoden, die als Hauptaugenmerk das unreflektierte Memorieren beinhalteten. Seine gegnerische Haltung bescherte ihm eine Verweigerung eines Abschlusses im Jahre 1912. Mit der Gründung der säkularen Universität in Kairo (1908), wo ägyptische und europäische Dozenten lehrten eröffneten sich für Tāhā Husayn neue Perspektiven. Er kehrte der Azhar den Rücken und verzichtete auf die traditionelle Gelehrsamkeit, obwohl seine Aussichten im islamischen Gemeinwesen als Blinder recht vielversprechend waren.

[...]


[1] Eine arabische Ausgabe ist die von Dār al-Ma‘ārif: Husayn, Tāhā: Al-Ayyām. Vol. I, Kairo 1971.

Für die Hausarbeit wird die deutsche Übersetzung von Marianne Lapper benutzt: Tâhâ Hussein: Kindheitstage. Berlin und Weimar 1973

[2] Der zweite Teil erschien 1940. Der dritte Teil erschien 1955 als Fortsetzungsroman (wie der erste Teil) unter dem Titel „Mudakkirāt Tāhā Husayn“ in der Zeitschrift „āhir as-sā’a“ in Kairo. Die Gebundene Ausgabe erfolgte erst 1967.

[3] Metzler-Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen. Hg. von Günther u. Irmgard Schweikle. Stuttgart 1990 (2. Auflage). S. 34a

[4] ebd., S. 35ab

[5] Das 20. Kapitel ist in sich so komplex, daß eine eigene Untersuchung angebracht wäre. Aus diesem Grund wird nicht näher darauf eingegangen, da es sonst den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

[6] Rosenthal, Franz: Die arabische Autobiographie: In Analecta Orientalia 14, Studia Arabica I (1937), 1-40

[7] ebd., S. 11

[8] ebd., S. 40

[9] Entgegen anderer Meinungen ist Malti-Douglas der Auffassung, daß Tāhā Husayns al-Ayyām nicht das erste moderne autobiographische Werk ist: Taha Husayn’s is not, by any means, the only modern autobiographiy in Arabic.

Malti-Douglas, Fedwa: Blindness and Autobiography. Princeton 1988. S. 11

[10] ebd., S. 10

[11] http://www.frcru.eun.eg/www/scieland/hcairo/university.htm

[12] Kindheitstage, S. 5

[13] In den arabischen Ländern wird er voller Bewunderung der „Eroberer der Dunkelheit“ (Qāhir az-Zalām) genannt. Malti-Douglas, S. 14

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Islam, Volksglaube und Mystik in Taha Husayns Al-Ayyam
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Seminar für Semitistik und Arabistik)
Veranstaltung
HS Fellachen und Beduinen
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V9472
ISBN (eBook)
9783638161695
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Volksglaube, Mystik, Taha, Husayns, Al-Ayyam, Fellachen, Beduinen
Arbeit zitieren
M. A. Firdaous Fatfouta-Hanka (Autor), 2002, Islam, Volksglaube und Mystik in Taha Husayns Al-Ayyam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9472

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