Die Darstellung der Schizophrenie in Georg Büchners Erzählung "Lenz"


Seminararbeit, 1999
12 Seiten

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Inhalt:

1. Einleitung

2. Analyse der Schizophrenie der Figur „Lenz"
2.1. Arten der Schizophrenie und ihre Symptome
2.2. Nachweis der Symptome der Schizophrenie in der Figur „Lenz"
2.3. Die äußerliche Beschreibung der Figur „Lenz"
2.4. Über die Aussparung der Ursachen von Lenzens Schizophrenie

3. Erzähltheoretische Analyse
3.1. Analyse der Erzählweise
3.2. Analyse von Stil und Sprache

4. Zusammenfassung

1. Einleitung

In dieser Arbeit werde ich mich mit der Schizophrenie der Figur Lenz in Georg Büchners gleichnamiger Novelle beschäftigen. Nach einer kurzen Definition des Schizophrenie-Begriffs werde ich versuchen die Symptome der Krankheit in der Schilderung der Figur Lenz nachzuweisen.

Im Anschluss daran werde ich in einer Analyse der Erzählweise und des Sprachstils die Darstellung des schizophrenen Lenz` untersuchen.

2. Analyse der Schizophrenie der Figur „Lenz"

2.1. Die Arten der Schizophrenie und ihre Symptome

Die Schizophrenie wird laut Karlheinz Hasselbach als drei Arten von Störungen bei der Wirklichkeitsauffassung definiert. Bei den von der Krankheit Befallenden können Denkstörungen, Wahrnehmungsstörungen und affektive Störungen auftreten.

Wahnvorstellungen, Fehldefinitionen von Situationen und Gegenständen, Desorientierung, Persevation (Hängenbleiben an einem Gedanken oder Wort) und Depersonalitation sind Symptome der Denkstörungen; Halluzinationen besonders taktiler, visueller und auditiver Art weisen auf Wahrnehmungsstörungen hin während Überreaktionen und Gefühlswallungen auf der einen, Apathie auf der anderen Seite, erhöhte Motorik und unangemessene Gefühlsäußerungen Anzeichen für affektive Störungen sind. Selbstgespräche, Verfolgungswahn, Selbstmordversuche und Schizophasie (Sprachverwirrtheit) sind Begleiterscheinungen und Folgen der oben genannten Erscheinungen.1

2.2. Nachweis der Symptome der Schizophrenie in der Figur „Lenz"

Die Figur Lenz wird in Büchners Novelle als kranker, immer wieder schizophrene Anfälle erleidender Mensch, dargestellt. Dabei fallen alle oben genannten Arten der Schizophrenie auf.

Gerhard Irle stellte in seiner Analyse fest, dass Büchner die Phänomene der Geisteskrankheit in einer erstaunlichen Weise zu einem Ganzen vereint hat.2 Dabei sollte man besonders bedenken, wie tastend die Psychiatrie zu Büchners Zeit Krankheitsbilder kategorisieren konnte.3 Büchner war der erste, der die Symptome und den Verlauf der Krankheit mit seinen plötzlichen Schüben, denen Momente geistiger Klarheit folgen, und ihre Progression zum finalen Stupor medizinisch richtig und vollständig beschrieben hat.4 Damit hat Büchner „die Konstituierung des Krankheitsbildes der Schizophrenie vorweggenommen."5 „Erst Kraeplin gelang 1896 eine Sondierung der „Dementia praecox", bis dahin hob sich die Gestalt dieser Psychose nicht scharf genug vom allgemeinen Irresein ab."6

Alle drei oben genannten Arten der Schizophrenie mit unterschiedlichen Symptomen treten bei der Figur Lenz auf. Lenz hat Denkstörungen, die zum Beispiel ganz deutlich hervortreten als Lenz das tote Kind wiederbeleben will und es mit „[S]tehe auf und wandle!" (L 93) zum Gehen auffordert.

Wahrnehmungsstörungen werden gleich auf den ersten Seiten deutlich, auf denen „Lenz als Schizophren[er] vor[gestellt wird], [...] [der] die Landschaft abwechselnd als etwas, was sich an ihn herandrängt und von ihm weicht wahrnimmt, [...] [in der] sich die Gegenstände [...] zu Gestalten verformen"7: „Es war als ginge ihm was nach, und als müsse ihn was Entsetzliches erreichen, etwas das Menschen nicht ertragen können, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm." (L 80), empfindet Lenz. Seine Wahrnehmungen von Raum und Zeit scheinen vollkommen durcheinander zu sein: „Er begriff nicht, daßer so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunter zu klimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse Alles mit ein Paar Schritten ausmessen können." (L 79) Übliche Wahrnehmungsmuster funktionieren bei Lenz nicht. Textstellen, wie „Das Biegen seines Fußes tönte wie Donner unter ihm" (L 80) und „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daßer nicht auf dem Kopf gehn konnte" (L 79), belegen, dass sich irreale Ideen und Vorstellungen in Lenzens Kopf in den Vordergrund drängten. „Eine solchermaßen verschobene Perspektive impliziert einen manifesten Orientierungsverlust, eine Uneindeutigkeit im Verhältnis Ich - Objektwelt."8 Auch für die dritte Art der schizophrenen Erscheinungen, die affektiven Störungen, gibt es in der Figur Lenz einige Beweise. Beispielsweise will er sich auspeitschen lassen, weil er angeblich ein Mörder sei: „Er reichte Oberlin die Gerten mit dem Begehren, er sollte ihn damit schlagen." (L 95) Schon bald darauf liegt er apathisch in seinem Zimmer und fühlt nur noch Langeweile: „[S]ehen Sie, die Langeweile! die Langeweile! o! so langweilig, ich weißgar nicht mehr, was ich sagen soll, ich habe schon alle Figuren an die Wand gezeichnet." (L 95)

Auch die Begleit- und Folgeerscheinungen kann man überall in der Lenz-Figur wiederfinden. Er führte häufig Selbstgespräche: „Wenn er allein war, war es ihm so entsetzlich einsam, daßer beständig laut mit sich redete, rief, und dann erschrak er wieder und es war ihm, als hätte eine fremde Stimme mit ihm gesprochen" (L 98); wirkte schizophan: „Er jagte mit rasender Geschwindigkeit sein Leben durch und dann sagte er: consequent, consequent; wenn jemand etwas sprach: inconsequent, inconsequent" (L 99) und „„Hieroglyphen, Hieroglyphen -" und dann zum Himmel geschaut und wieder: „ja gestorben - Hieroglyphen."" (L 97) Mehrfach versuchte Lenz vergeblich seinem Leben ein Ende zu machen: „da machte er wieder mehre Versuche, Hand an sich zu legen." (L 101)

2.2. Die äussere Beschreibung der Figur „Lenz"

„Würde man einen Steckbrief für Büchners Lenz anfertigen, so würde man staunen, wie wenig an Fakten man über ihn weiß."9 Deshalb deuten auch nur wenige äußere Zeichen auf Lenzens Wahnsinn hin. Der Leser erfährt lediglich dass Lenz Theologie studiert hat, dass aber Literatur sein eigentliches Fachgebiet ist. Er ist künstlerisch begabt, kann gut Zeichnen, Malen und Erzählen. Er liebt lange Spaziergänge und badet kalt.10 Am Anfang beschreibt der Erzähler, dass Lenz ins Gesicht herabhängende blonde Locken und ein blasses, unruhiges Kindergesicht hat. Seine Kleidung wird lediglich als zerrissen beschrieben, weshalb Oberlin ihn für einen Handwerker hält. Andere Kleidungsstücke sind nur Verkleidung, wie der Pelz, den er über der Schulter hat, als er sich von Oberlin auspeitschen lassen wollte, und der Sack, in den er schlüpfte, bevor er nach Fouday ging.

Die Schizophrenie Lenzens wird nur wenig durch sein Äußeres ausgedrückt. Erst durch die Darstellung seiner Gedanken und außergewöhnlichen Handlungen wird die Geisteskrankheit sichtbar.

2.4. Über die Aussparung der Ursachen von Lenzens Schizophrenie

Büchner verweigert sich der Spekulation über die Ursachen von Lenzens Krankheit. Ihre Darstellung ist in der Erzählung fast völlig ausgespart. Statt Gründen für die Krankheit, zeigte Büchner, wie sehr es Lenz um Ruhe ging.11 Immer wieder kommen Äußerungen dazu, wie: „er mußte Oberlin oft in die Augen sehen, und die mächtige Ruhe, die über der ruhenden Natur, im tiefen Wald, in mondhellen, schmelzenden Sommernächten überfällt, schien ihm noch näher in diesem ruhenden Auge, diesem ehrwürdigen ernsten Gesicht" (L 82), „es war ihm ein Trost, wenn er über einige müdgeweinte Augen Schlaf, und gequälten Herzen Ruhe bringen [...] konnte" (L 84) und „Jeder hat was nötig, wenn er ruhen kann, was könnt` er mehr haben!" (L 89) „Bei all diesem Betonen der Ruhebedürftigkeit Lenzens, seines Hinstrebens nach einem stillen Hafen ist Büchner in keiner Weise der Versuchung erlegen, einfach zu konstruieren: unglückliche Liebe in Sesenheim, Enttäuschungen der Welt in Weimar, Entgleisen in die Psychose aus tiefer Sehnsucht nach Ruhe und Vergessen."12

Auch erlag Büchner nicht dem Kurzschluss, die Geisteskrankheit als Folge des Erlebnisses mit Friederike Brion darzustellen. Er hat sich diesbezüglich sehr zurückgehalten und nur nebenbei dargestellt, dass Friederike offenbar eine schmerzliche Rolle im kranken Leben Lenzens spielt.13 „Erst recht nicht hat er die Überlegungen Oberlins zur Genese der Lenzschen Krankheit übernommen.

14 " Dieser hatte in seinem Bericht, der Hauptquelle für Büchners Erzählung, Lenzens Beschäftigung mit den „heutige[n] Modebücher[n]"15, den „Ungehorsam gegen seinen Vater"16, „seine herumschweifende Lebensart"17 und den „häufigen Umgang mit Frauenzimmern"18 für dessen Wahnsinn verantwortlich gemacht.

Mehr Wert als auf die Untersuchung der Ursachen von Lenzens Schizophrenie legte Büchner auf die Darstellung der Phänomenologie des kranken Dichters.19 „Verständlich wird sein Bemühen, den Hiesigen das Erleben aus einer anderen Welt mitzuteilen, es auszusprechen, ihm Bezeichnungen aus der Sprache unseres Erlebens zu geben. Einzig dieses Bemühen [...] wird verständlich, nicht das Ganze, nicht der springende Punkt, von dem alles ausgegangen ist."20

3. Erzähltheoretische Analyse

3.1. Analyse der Erzählweise

Die Novelle wird, im Gegensatz zum Bericht Oberlins, von einem auktorialen 3.-Person- Erzähler erzählt, der von einem alles über- und durchschauendem, nahezu olympischen Standpunkt, die Geschehnisse überblickt und die Gedanken und Gefühle aller Figuren kennt und interpretiert. Durch diese interpretierende und kommentierende Sicht bestimmt er auch die Sicht und das Urteil des Lesers21, der Lenzens Krankheitsausbrüche meistens aus dem Blickpunkt des Betroffenen geschildert bekommt.

Der Erzähler verwendet die Form eines Berichtes sowie die erlebte und die personale Rede. „Der berichtende erste Satz „Den 20. ging Lenz durchs Gebirg" zieht sich in seinen Fortsetzungen, die über den Fortgang des Geschehens berichten, durch den Erzähleingang und mündet in den ihn beschließenden Satz „Er ging durch das Dorf". Die Sätze dazwischen vergegenwärtigen den Gang durchs Gebirge in szenischer Darstellung."22

Landschaftsbeschreibungen des Erzählers und erlebte Rede des schizophren Lenz' wechseln ab. Die erlebte Rede fördert die Illusion des Dabeiseins, indem sie dem Leser die Sicht aufzwingt, in der Lenz die Dinge wahrnimmt, („Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß, er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen" (L 79) und steht damit im Kontrast zu den sachlichen Schilderungen im Bericht23 („Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Thäler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen." (L 79) „In [einer] raschen Abfolge von Impressionen [...] vollzieht sich der Übergang von der Beschreibung zur szenischen Darstellung"24, durch die die Ambivalenz des „normalen" und des schizophrenen Empfinden aufgezeigt wird.

In der personalen Erzählweise, die in den Dialogen mit Oberlin und anderen auftritt, ähnelt das Erzählen der dramatischen Darstellung am meisten, denn darin stimmen, wie im Drama, Erzählzeit und erzählte Zeit, überein.25

Der Schluss der Erzählung, der das Motiv „Weg durchs Gebirg" wieder aufgreift und mit den Gefühlen von Angst, Leere und Last dem Erzählbeginn entspricht, ist nur noch berichtend erzählt.26

3.2. Analyse von Stil und Sprache

Die Erzählung „ist in einer distanzierten, kühlen „wissenschaftlichen" Weise geschrieben, die wie eine Chronik einzig das Geschehen heraustreten läßt. Die Phänomene der Geisteskrankheit stellen sich ohne alles Aufmerksamkeit heischende Pathos dar."27 Dabei wird „das Ungeheuerliche einer psychischen Krankheit [...] in einer Nüchternheit und Sachlichkeit dar[gestellt]"28, wie es sonst bei „ein[em] normale[n] Phänomen, [...] [wie einem] Regenschauer"29 oder einer Landschaftsbeschreibung der Fall ist.

Büchner ließin der Schilderung der Figur Lenzens „innerseelische Phänomene aufleuchten"30, von denen Oberlin in seinem Bericht über seine Erlebnisse mit Lenz im Steintal nichts wusste, und von auch „der Beobachter außen, zumeist auch der Verfasser einer Krankengeschichte, nichts erfahren kann."31 Textstellen wie: „Nur manchmal [...] rißes ihm in der Brust, er stand keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, Alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat" (L 79f.) und kurz danach „Es faßte ihn eine namenlose Angst in diesem Nichts: er war im Leeren!" (L 80) oder nach der misslungenden Wiederbelebung des toten Kindes: „[E]s war ihm, als könne er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen, als könne er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien" (L 93f.), bezeugen dies.

„[M]it einer Tendenz zur Einfachheit des Ausdrucks"32 verwendete Büchner oft kurze, prägnante Sätze, die den Zustand Lenzens kennzeichnen. Er versuchte längere Wortkompositionen zu vermeiden. Er benutzte viele einfache Substantive, mit deren Hilfe er sich um eine Innensicht bemühte, „die das spezifische Erleben von Lenz freizugeben vermag[.]"33 „Während Lenz seine Krankheitsschübe vor allem körperlich erlebt und (nonverbal) ausagiert, geht es dem Erzähler um Vermittlung dieses Zustandes, das heißt zumeist um die Expressivität des Leids, die sich nicht mit filigranen Satz- und Wortkonstruktionen vereinbaren lässt."34

Die gesamte Erzählstruktur ist auf die Lenz-Figur abgestimmt.35 Lenzens Gedanken und Gefühle stehen zu jeder Zeit im Mittelpunkt. Die Nebenfiguren erscheinen nur am Rande. Sie bekommen ihre Gestalt „durch Lenzens selektive Wahrnehmungsweise."36 Durch diese Beschränkung wirken sie bis zum Klischeehaften stilisiert, zum Beispiel als engelshafte Mutter, als bescheidenes Landmädchen und als die hexenhafte Alte im Wald.37

Die Erzählung bietet eine Vielzahl syntaktischer Besonderheiten, die dem Leser das Bild des schizophrenen Lenz' vermitteln helfen. Die Sätze sind oft sehr kurz und hin und wieder auch elliptisch38, beispielweise gleich zu Beginn: „Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Thäler hinunter graues Gestein, Felsen und Tannen." (L 79), „Jetzt, ein anderes Seyn." (L 84) und „Vorüberstreifende Wolken, Blau dazwischen[.]" (L 84) Wie sehr diese Art der Berichterstattung den Leser bereits an die Psyche Lenzens heranführt, wird klar, wenn der Erzähler die Verknüpfung von Lenzens Art zu Sprechens und zu Fühlen beschreibt.39 Dort heißt es: „Im Gespräch stockte er oft, eine unbeschreibliche Angst befiel ihn, er hatte das Ende seines Satzes verloren, dann meinte er, er müsse das zuletzt gesprochene Wort behalten und immer sprechen[.]" (L 98)

Auffällig ist auch der häufige Gebrauch des Pronomens „es." Daraus wird deutlich, dass Lenz nur selten eine Initiative zukommt.40 Lenzens Handlungen scheinen oft von anderen Mächten bestimmt zu sein, die sich ihm aufdrängen und nicht Beschlüssen entsprechen, die seinem eigenen Bewusstsein entstammen.41 Beispiele dafür sind: „es drängte in ihm" (L 79), „Am folgenden Tage befiel ihn ein großes Grauen" (L 94) und besonders: „da trieb es ihn wieder mit unendlicher Gewalt darauf, [...], das Haar sträubte ihm fast, bis er es in der ungeheuersten Anspannung erschöpfte." (L 89) Diese Formen des „es" sind inhaltlich nicht bestimmbar. Das erste „es" ist jenes, das Lenz ständig drängt und treibt.42 Dieses „es" „scheint ihm von außen auferlegt und sitzt doch tief in seinem Innern."43 Das zweite „es", welches ihn erschöpfte, läßt sich genausowenig erklären wie das „darauf" auf das es ihn trieb.44 Die Sprache verschleiert das Geschehen. Doch auch das entspricht Lenzens Seelenzustand.45 Ähnlich funktioniert auch das „ihm" in Verbindung mit „sträuben", welches normalerweise reflexiv verwendet wird. „Des Reflexivpronomens beraubt, scheint das Verbum Lenz stärker zu treffen, als das bei Verwendung der Nominalkonstruktion der Fall gewesen wäre."46

Der einzige Abschnitt, der stilistisch etwas aus dem Rahmen fällt, ist das Kunstgespräch von Lenz mit Oberlin. Dies ist wahrscheinlich auf die „Anmerkungen über das Theater" des historischen Lenz zurückzuführen, welche in einem künstlerischen, stark elliptischen Stil verfasst sind.47

4. Zusammenfassung

Lenz ist die erste Novelle der Weltliteratur, die Geisteskrankheit nicht als etwas Negatives zur Schau stellt. Büchner, der selbst Medizin und Anatomie studiert hatte und gelegentlich selbst von Depression befallen war, zeigte, was im Kopf eines schizophrenen Menschen vorgeht. Er stellte, in einem runden, geschlossenen Entwurf das Krankheitsbild einer Schizophrenie dar, welches ebensogut heute wie vor 150 Jahren aufgezeichnet sein könnte.48 Büchner zeigte, dass Geisteskranke nicht nur krank oder von Gott verdammt, sondern vor allem Menschen sind, die menschliche Gedanken und Gefühle haben, die lediglich anders geordnet sind. „Die Charakterisierung der fremden Welt, in der Lenz lebt, das gleichzeitige in der Realität Verhaftetsein, schließlich das Durchschimmern einer durchaus sinnvollen Gedankenwelt, die einzig anders läuft als die unsere, Motiven folgt, die nicht so rasch durchsichtig werden, die aber doch für den, der aufmerksam ist, nicht des Sinnes entbehren, ist durch Büchner in einer Weise geprägt, die in der Geistesverwirrung wohl durchaus Spuren einer Ordnung ahnen läßt."49

Mit Lenz schuf Büchner Bild eines Menschen, der von einer Vielzahl von inneren und äußeren Zwängen determiniert ist. Die Figuren der Erzählung repräsentieren Menschen, die nur selten vom eigenen Geist bestimmt sind und deren eigener Wille nur eine untergeordnete Rolle spielt.50

Die Analyse zeigt, dass durch die Erzählung das Krankheitsbild der Schizophrenie dem Leser klarer wird. Weil die Erzählung nur um den kranken Lenz kreist und ein großer Teil der Erzählung aus der seiner Sichtweise geschildert wird, kann gar der Leser gar nicht anders, als die Gefühle eines Schizophrenen mitzufühlen, seine Gedanken, mögen sie noch so abwegig sein, mitzudenken. Dieser Effekt entsteht nicht durch die Vorführung der Motivation der Krankheit und auch nicht „weil angstvolles und abstruses Erleben auf seine Wurzeln zurückgeführt worden wäre, sondern einzig deswegen, weil durch die Sprache und die Form der Aussage eine innere Verfassung, ein Fremdheitserlebnis und ein Erlebnis des Nichtmehrbewältigenkönnens mit dem daraus resultierenden Vernichtungsgefühl und Ausgehöhltsein zugleich so dargestellt wird, daßes dem Leser, und nicht nur dem psychiatrischen, dann evident wird."51

Zu diesem Eindruck tragen auch die prägnanten und einfachen Sätze bei, in denen Büchner die Symptome der Schizophrenie in einer bis dahin nicht gekannten Art und Weise aufzeigte. „Eine so vereinfachte, fast auf das Kindlich-Primitive reduzierte Ausdrucksweise entspricht der Verfassung des Helden, die sie manchmal geradezu mimetisch wiedergibt."52 Auch die zum Teil lückenhafte Syntax suggeriert dem Leser die Kommunikationsschwierigkeiten Lenzens, harmonische und ausgeglichene Sätze hätten die besondere psychische Verfassung Lenzens nicht vermitteln können.53

Durch ihren revolutionären Umgang mit dem Thema Geisteskrankheit hat die Erzählung hat „ihren festen Platz in der Geschichte literarischer Wahnsinnsdarstellungen"54 erhalten. Sie „gilt als Musterbeispiel pathographischer Registration: Lenz als sachlicher Krankenbericht, als Dokument einer geschlossenen Schizophreniedarstellung, als phänomenologische Erzählleistung im Hinblick auf die Symptome seelischer Krankheit."55

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Büchner, Georg: Lenz. In: ders.: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe mit Kommentar. Hrsg. v. Werner R. Lehmann. Bd. 1: Dichtungen und Übersetzungen mit Dokumentationen zur Stoffgeschichte. Hamburg, 1967, 77-101, (zit. als L.)

Oberlins Aufzeichnungen und Georg Büchners „Lenz" in Gegenüberstellung. In: Georg Büchner: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe mit Kommentar. Hrsg. v. Werner R. Lehmann. Bd. 1: Dichtungen und Übersetzungen mit Dokumentationen zur Stoffgeschichte. Hamburg, 1967, 435-484.

Sekundärliteratur

Erb, Andreas: Georg Büchner: Lenz. Eine Erzählung. Oldenbourg Interpretationen Bd. 87. München, 1997.

Hasselbach, Karlheinz: Georg Büchner: Lenz: Interpretation. München, 1988.

Hauschild, Jan-Christoph: Georg Büchner: Biographie. Stuttgart, Weimar, 1993.

Irle, Gerhard: Büchners „Lenz" - eine frühe Schizophreniestudie. Zit. nach: Burghard

Dedner: Georg Büchner: Lenz. Text und Kommentar. Frankfurt, 1998, 110-120. Ursprünglich in: Gerhard Irle: Der psychatrische Roman. Stuttgart, 1965, 75-83.

Kahrmann, Cordula/ Reiß, Gunter/ Schluchter, Manfred: Erzähltextanalyse. Eine Einführung mit Studien- und Übungstexten. Königstein/Ts., 1996 4

Schaub, Gerhard: Georg Büchner: Lenz. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart, 1987, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe 1996.

Thieberger, Richard: Georg Büchner: Lenz. (Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur), Frankfurt am Main, Berlin, München, 1985.

[...]


1 Vgl. Hasselbach, 22.

2 Vgl. Irle, 110.

3 Ebd.

4 Vgl. Hasselbach, 22.

5 Irle, 119.

6 Ebd.

7 Hasselbach, 22.

8 Erb, 55.

9 Hasselbach, 67.

10 Vgl. Hasselbach, 67.

11 Vgl. Irle, 114.

12 Irle, 114.

13 Vgl. Irle, 114.

14 Irle, 114.

15 Oberlin, 478.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Vgl. Irle, 115.

20 Irle, 115.

21 Vgl. Hasselbach, 52

22 Hasselbach, 52f.

23 Vgl. Oberlin und Hasselbach, 53

24 Hasselbach, 53.

25 Vgl. Kahrmann/Reiß/Schluchter, 152ff.

26 Vgl. Hasselbach, 54.

27 Irle, 111.

28 Ebd.

29 Ebd.

30 Ebd.

31 Ebd.

32 Thieberger, 34.

33 Erb, 52.

34 Erb, 53.

35 Vgl. Erb, 53.

36 Hasselbach, 65.

37 Vgl. Hasselbach, 65.

38 Vgl. Thieberger, 39.

39 Ebd.

40 Vgl. Thieberger, 40f.

41 Vgl. Thieberger, 41.

42 Ebd.

43 Thieberger, 41.

44 Vgl. Thieberger, 41.

45 Ebd.

46 Thieberger, 41.

47 Vgl. Thieberger, 35.

48 Irle, 119.

49 Irle, 113.

50 Vgl. Hasselbach, 66.

51 Irle, 118.

52 Thieberger, 39.

53 Vgl. Thieberger, 39.

54 Erb, 54.

55 Ebd.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Schizophrenie in Georg Büchners Erzählung "Lenz"
Veranstaltung
Proseminar: Tobende, Melancholiker und Somnambule: Irre-Sein in Literatur und Medizin im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert in Deutschland
Autor
Jahr
1999
Seiten
12
Katalognummer
V94740
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Schizophrenie, Georg, Büchners, Erzählung, Lenz, Proseminar, Tobende, Melancholiker, Somnambule, Irre-Sein, Literatur, Medizin, Jahrhundert, Deutschland
Arbeit zitieren
Christian Suhrbier (Autor), 1999, Die Darstellung der Schizophrenie in Georg Büchners Erzählung "Lenz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94740

Kommentare

  • Gast am 3.4.2002

    nicht schlecht.

    wirklich nicht schlecht! nur ein paar fehler (R, SB, GR, tippfehler), vorallem gegen schluss... vorsicht!!!

  • Gast am 11.4.2002

    klasse.

    sehr gute arbeit. wird mir sicherlich weiterhelfen.

  • Gast am 23.6.2002

    danke sehr!.

    Hi Christian!

    Ich hab deine Hausarbeit noch nich ganz zu Ende gelesen, aber ich glaube, dass sie mir behilflich sein wird. Ein hoch auf das Internet und fleissige Mitmenschen:o)

    bye, bye

  • Gast am 6.10.2003

    Danke schatz.

    hey bin dir sehr dankbar, hat mich top auf meine Deutsch Klausur vorbereitet. Die Fragestellung war direkt darauf abgezielt :D

  • Gast am 26.9.2006

    sehr gut.

    das passt sehr gut fürs probeabi am donnerstag ! 1a !

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