Charles Fouriers "Phalanstère". Künstlerische Systeme in einer utopischen Gesellschaft des idealen Zusammenlebens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

30 Seiten, Note: 1,0

J. Krieg (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kunst als System

3. Utopie
3.1. Utopie im Allgemeinen
3.2. Utopie im Städtebau

4. Charles Fourier
4.1. Die Zeitumstände: Frankreich im 18. Jahrhundert
4.2. Der Utopiegedanke Charles Fouriers
4.3. Das Phalanstère
4.3.2. Architektur und Innere Struktur des Phalanstères
4.3.3. Charles Fourier und die Kunst

5. Fourier Rezeption

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

9. Anhang

1. Einleitung

Systeme […] können ihre Funktion dann und nur dann erfüllen, wenn sie äußere Komplexität reduzieren und innere, das heißt strukturelle Komplexität aufbauen. Ein System ohne hinreichende Abschirmung von den unendlich vielfältigen Vorgängen in seiner Umgebung würde aufhören, sich zu reproduzieren; es würde an einer nicht zu verarbeitenden Übermenge an Umwelteinflüssen zugrundegehen. 1

Die Kunst als System unterlag schon immer einem Funktionswandel und positioniert beziehungsweise definiert sich immer wieder neu in der Gesellschaft. Besonders deutlich ist dies anhand der Auflösung hierarchischer Klassensysteme zu beobachten, die in der Kunst zu großen Funktionsanpassungen führte.

Künstlerische Systeme können beispielsweise als Konstruktionen gelten, die Strukturen eines bereits bestehenden Systems darlegen oder konstruktive und technische Systeme entwerfen. Für das 19. Jahrhundert sind insbesondere jene künstlerischen Systeme zu nennen, die eine Umbildung der Gesellschaft zum Ziel haben. Darunter fällt beispielsweise die 1919 gegründete Kunstschule Bauhaus, die als Konzept, Kunst und Handwerk zu einem komplexen System zusammenführt. Doch bereits bevor Bauhaus einen Gegenentwurf zum Historismus und der Massenproduktion entwarf und die Architektur als Gesamtkunstwerk mit anderen Künsten verband, entstanden Systeme, die sich architektonische Ideen zunutze machten, um Einfluss auf die Gesellschaft und das Leben zu nehmen. Als Beispiel kann die sich im 18. Jahrhundert entwickelnde Verknüpfung der Lebenswelt von realen Existenzen mit bisher unbekannten architektonischen Möglichkeiten genannt werden, die sich im Städtebau realisieren sollte.

Die Utopie als Wunschbild einer neuen Gesellschaft und eines neuen idealen Zusammenlebens zeigt sich unteranderem bei dem französischen Gesellschaftstheoretiker Charles Fourier (1772-1837), der ein Vertreter des Frühsozialismus und ein Kritiker des Kapitalismus war. Um seine Ziele zu erreichen, schlägt Fourier ein praktisch-räumliches Experiment vor, das sogenannte Phalanstère.

Anhand dieser erdachten landwirtschaftlichen beziehungsweise industriellen Produktions- und Wohngemeinschaft wird in dieser Arbeit untersucht, inwiefern Fourier ein bestimmtes ‚System‘ nutzt und welche Auswirkungen es auf die Gesellschaft hat. Insbesondere soll der Fokus auf dem künstlerischen System liegen. Dabei stellt sich die Frage, welche Funktion das System erfüllt und welches Ziel verfolgt wird, welcher Impulsquelle sich das System bedient sowie ob die utopische Idee, die unter einer Art ‚Versuchsglocke‘ entsteht auch eine Chance zur Umsetzung findet.

Im Folgenden sollen daher zunächst die Begriffe des ‚künstlerischen Systems‘ und der ‚Utopie‘ geklärt werden, um anschließend auf den utopischen Städtebau und spezieller auf Fouriers Projekt eines Phalanstères sowie auf die Rezeption seiner Ideen einzugehen. Als Basis der Untersuchungen wurden neben den Schriften des Charles Fouriers2 insbesondere auf Günther Behrens3 zurückgegriffen. Zudem sind die Untersuchungen von Walter Kieß4 und Neil McWilliam5 grundlegend für die Beantwortung der Forschungsfrage.

2. Kunst als System

Als System6, wird allgemein ein Konstrukt bezeichnet, das aus zusammenhängenden Teilen besteht. Diese Teile gehen durch Verknüpfungen oder Beziehungen Interaktionen beziehungsweise Wechselwirkungen ein und bilden in diesem wechselseitigen Austausch ein funktionales Gefüge.

Systeme sind nicht nur gelegentlich und nicht nur adaptiv, sie sind strukturell an ihrer Umwelt orientiert und können ohne Umwelt nicht bestehen. Sie konstituieren und sie erhalten sich durch Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt, und sie benutzen ihre Grenzen zur Regulierung dieser Differenz. 7

Nach Niklas Luhmann ist es für ein System wichtig, sich an der Umwelt zu orientieren und gleichzeitig Grenzen zu wahren. Mithilfe von Grenzen ist es dem System möglich sich ebenso zu öffnen, wie zu schließen, wobei die Geschlossenheit gleichzeitig die Bedingung für die Offenheit darstellt und sich das System aus dieser Polarität speist. Von einem offenen System wird gesprochen, wenn das System räumlich und zeitlich abgrenzbar ist und sich von seiner Umgebung absetzt. Dieses System kann dadurch mit der Umgebung im Austausch stehen. Selbstreferenzielle Systeme sind demnach geschlossene Systeme, da sie ihre eigene Strukturänderung selbst produzieren.8

Ein System kann selbst aus einzelnen Systemteilen zusammengesetzt oder Teil eines großen Systems sein. Neben Begriffen wie dem politischen System ist auch das Gesellschaftssystem von besonderer Bedeutung. Das Gesellschaftssystem besteht aus Strukturen von Organisationsformen einer Gesellschaft, die sowohl kulturelle als auch soziale nicht-staatliche und ökonomische Aspekte verbinden. Auch in der Kunst können Systeme ausgebildet werden, die Korrelationen, soziale Beziehungen sowie Wechselwirkungen hervorbringen und eine neue künstlerische Logik schaffen können.

Allerdings sind Systeme nicht nur Module, die aneinandergereiht werden und untereinander funktionieren. Sie können auch in ihrer Funktion ein neues Modell erschaffen, welches wiederum Wechselwirkungen eingeht. Doch wie können diese Modelle auf die Kunst sowie auf das Leben einwirken? Inwiefern können Systeme Lebensvollzüge begreifbar machen?

Vor dem 15. Jahrhundert war die künstlerische Produktion eng mit den religiösen Ansichten verknüpft und konnte sich den ästhetischen Bedürfnissen des Weltlichen nur bedingt zuwenden. Der Künstler stand im Hintergrund und war seinem Handwerk untergeordnet. Durch den Lösungsprozess von der Kirche und vom Adel sowie die Etablierung von kunstinternen Institutionen begann eine Entwicklung hin zum autonomen Kunstverständnis. Dieser Autonomisierungsprozess der Kunst sowie des Künstlers kann als fundamentale Voraussetzung gesehen werden, damit sich die Kunst als System funktional differenzieren konnte.9 Besonders in der Aufklärung entstanden künstlerische Systeme, die sich utopischen Wunschbildern bedienen und das Ziel einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ersehenen. Diese Utopien haben sich insbesondere im Städtebau und in der Wohnungsplanung manifestiert.

3. Utopie

3.1. Utopie im Allgemeinen

Der Begriff der Utopie ist im heutigen Sprachgebrauch mehr negativ als positiv behaftet. Wenn etwas als utopisch beschrieben wird, dann wird es zwar als schön, aber auch als nicht sofort oder nie realisierbar angesehen. Es handelt sich um ein Wunschbild eines künftigen Zeitalters. Dies leitet sich auch durch die etymologische Herkunft ab. Der Begriff Utopie lässt sich aus dem altgriechischen Wörtern ou und tópos herleiten und bedeutet so viel wie nicht-Ort beziehungsweise nirgendwo.10 Hinsichtlich des Wesens einer Utopie, veranschaulichte der Philosoph Ernst Bloch in seinem Werk Das Prinzip Hoffnung die Entwicklung der Utopie vom Tagtraum hin zum gesellschaftlichen Modell. Diese Vergesellschaftlichung kann sich in der Familie, in Gruppen sowie in Kulturen ausbreiten und etablieren.11 Damit ein Gedanke zu einer Utopie werden kann, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Zunächst ist ein resigniertes Individuum grundlegend, das versucht etwas gegen seine Unzufriedenheit zu unternehmen. Doch alleine dieser Drang nach Veränderung macht noch keine Utopie aus, sondern der ‚ Plan ’ eines Individuums. Eine Utopie braucht das Vorhandensein einer kollektiven Unzufriedenheit, welche dann zu einem kollektiven Streben nach Veränderung führt.

Zusammengefasst heißt dies, dass Utopien sich aus der Unzufriedenheit sowie aus der Suche nach möglichen Methoden, Verfahren und Systemen eines Kollektivs zusammensetzen, um die Lebensumstände zu verbessern.

Zukunftsprojektionen sind kein spezifisches Phänomen unserer Zeit, sondern schon lange in der Suche nach neuen Zukunftsmodellen verwurzelt.12 Im Mittelalter manifestierte sich der Gedanke von Utopien in erster Linie in Märchen oder Mythen anhand einer Vorstellung von noch unentdeckten Ländern wie beispielsweise Eldorado.13 Wegen des im 15. Jahrhundert entwickelten Buchdrucks, der nun vom aufkommenden Bürgertum genutzt wurde, und des allmählichen Verfalls des Feudalsystems, entstanden weite Schriften, Staatsromane und Reisebeschreibungen zu imaginären Südseevölkern sowie auch geheime Verfassungsentwürfe und Reformkonzepte.14 Zu dieser Zeit entwickelte der französische Gesellschaftstheoretiker Charles Fourier sein Gesamtwerk, welches insgesamt 20 Bände umfasst. In all diesen Schriften folgert er jedoch immer wieder „die stufenweise Auflösung der unüberschaubaren und herrschaftlichen Gesamtgesellschaft in eine Vielzahl von Großkommunen (zwischen 500 und 1800 Personen), die in einer Verbindung von Autarkie, solidarischem Austausch und Marktorientierung die Gesamtheit der Produktions- und Lebenszusammenhänge unter sich regeln sollen.“15 Zeitgleich formuliert der britische Fabrikant und Utopist Robert Owen die Forderung nach der Dezentralisierung und der Auflösung des Widerspruchs zwischen Stadt und Land.16

Utopiegedanken, wie sie Fourier und Owen beispielsweise hatten, können auch mit dem Begriff des Zukunftsentwurfs gleichgesetzt werden, da sie Entwürfe, mit dem Ziel erstellen, die utopischen Vorstellungen und Normen in die Wirklichkeit umzusetzen. Innerhalb von Utopien unterscheidet man somit zwischen der konkreten Realutopie und der illusionären beziehungsweise abstrakten Utopie. Die konkrete Utopie kann als normativ-analytischer Gegenpol zum aktuellen Zeitgeschehen gesehen werden und stützt sich häufig auf aktuelle Prognosen futurologischer Forschungsergebnisse. Dabei hätte sie zusätzlich das Potenzial, unter entsprechenden gesamtgesellschaftlichen Konstellationen Wirklichkeit zu werden. Im Gegensatz hierzu ist die abstrakte bzw. illusionäre Utopie nicht umsetzbar. Sie „entsteht ursächlich aus der Sehnsucht nach Flucht aus der ihr bedrohlich erscheinenden Realität in die ideale Zukunft, in das Leben im Schlaraffenland. Ihre Planungsmittel und Methoden sind irrational, d.h. die projizierte ideale Zukunft nimmt die Form einer phantastischen Spekulation, eines mythischen Wunschbildes an.“17

3.2. Utopie im Städtebau

Schon immer waren die Städteplanung und die Architektur stark von der zukunftsbezogenen Wissenschaft beeinflusst worden und sollten künftige Entwicklungsrichtungen vorwegnehmen. Architektur ist auch noch heute das äußere Abbild der sozialen Verhältnisse, durch sie kann man auf die Gesellschaftsform einer jeden Zeitepoche schließen. Die Idee beziehungsweise der Gedanke einer Stadtplanung macht sich die Utopie als ein Instrumentarium zunutze, um städtebauliche Szenarien zu entwickeln. Heide Berndt ging sogar so weit zu sagen, dass „aus gesellschaftlicher Sicht ist Städteplanung bereits die ‚konkret werdende Utopie‘ “18. Die utopische Architektur soll immer eine Veränderung der Gesellschaft bedeuten, ein idealtypisches Zusammenleben schaffen sowie ein konfliktfreies Leben für die Bewohner ermöglichen. Ruft man sich heute beispielsweise die 3 Millionen Stadt von Le Corbusier vor Augen, so wird einem schnell bewusst, dass es sich bei der städtebaulichen Utopie meist um extreme Superlative Vorstellungen handelt, die sich mit der Frage der Bodennutzung, der funktionellen Gliederung, die Einbeziehung der Natur beschäftigt. Die utopische Architektur kann jedoch auch Ausdruck der Wandlung von sozialen Beziehungen und der Neuorganisation von gesellschaftlichen Institutionen sein.

Als einer der bedeutendsten Utopisten für die frühe Industrialisierung kann der britische Sozialpolitiker Robert Owen (1771-1858) genannt werden. Seine Stadtutopie, insbesondre der ‚Villages of New Harmony‘, entwickelte er primär an seinem idealisierten Bild vom Menschen und der Gesellschaft. Dabei spielt die Belehrung eine große Rolle, da sie für ihn zur Heranbildung und Erziehung eines neuen, besseren, guten Menschen beiträgt. Das bauliche Umfeld, das als ein notweniger und optimale baulicher sowie soziale Umstand gesehen wird, soll so gestaltet werden, dass es positiv auf die Erziehung und den Reifeprozess des Menschen einwirken kann. Um diese optimalen baulichen Begebenheiten zu schaffen, nutzt er die städtebauliche Utopie als Instrument zur Darstellung sowie zur Verwirklichung seiner sozialen Ideen.

Die Entwicklung vom Absolutismus zur Aufklärung und somit von der höfischen zur bürgerlichen Architektur wird in Frankreich in der sogenannten Revolutionsarchitektur offensichtlich. Unterschieden wird dabei zwischen der umsetzbaren ‚realen Revolutionsarchitektur‘ und der nicht umsetzbaren ‚utopischen Revolutionsarchitektur‘. Hier ist insbesondere der von dem französischen Architekten Étienne-Louis Boullée entworfene Kenotaph für Isaac Newton zu nennen, der 1784 entworfen wurde und als Höhepunkt der utopischen Revolutionsarchitektur angesehen werden kann (Abb. 1).19 Wie die meisten utopischen Architekturentwürfe wurde der Kenotoph nicht realisiert. Allerdings spiegelt der Wunsch nach solchen Entwürfen eindrucksvoll den gesellschaftlichen Wandel nach der französischen Revolution wider.20

4. Charles Fourier

4.1. Die Zeitumstände: Frankreich im 18. Jahrhundert

So wie in England die soziale Krise das Land beeinflusste, wurde auch Frankreich durch seine politischen Probleme beeinflusst. Der Kampf zwischen dem Bürgertum und der Krone hielt weiterhin an und der Staat hatte die Gesellschaft sowohl „polarisiert“21 als auch „zentralisiert“22. Die Hemmung der wirtschaftlichen Entwicklung durch den französischen Spätabsolutismus sowie die finanziellen Belastungen der zahlreichen Kriege ließ Frankreich gesellschaftlich und ökonomisch hinter England rücken. Die Position konnte erst durch das Aufbäumen des dritten Standes, welches zu einer kurzen Phase der Herrschaft der ‚Gleichen‘ führte, überwunden werden.23 Im Zuge der Aufklärung entstanden mit der Idee der Menschenrechte Vorstellungen eines gleichberechtigten und herrschaftsfreien Zusammenlebens.24 Diese frühen sozialistischen Theorien, die Utopien eines gerechten Idealstaates sowie den Gedanken an Gemeineigentum beinhalten, werden als Frühsozialismus oder auch, wie von Karl Marx zusammengefasst, als utopischer Sozialismus bezeichnet.

Francois Noël, genannt Gracchus, Babeuf (1760-1797), der als erster moderner Sozialrevolutionär und als Haupt der ‚Verschwörung der Gleichen‘ gesehen werden kann, strebte danach, mithilfe der revolutionären Regierung die Landwirtschaft und Gewerbe zu Produktionsgemeinschaften zusammenzufassen. Hierdurch werde ein „kollektives Eigentum, mit Verteilung des Lebensnotwendigen nach dem Bedürfnis aus staatlichen Magazinen, in welche die Produktionsgemeinschaften ihre Erzeugnisse einliefern“25, entstehen. Gleichzeitig erfordere dieser Gedanke eine neue Form des Zusammenwirkens, die durch eine neue gesellschaftliche Moral sowie durch gleiche und öffentliche Erziehung geschaffen werden sollte.

4.2. Der Utopiegedanke Charles Fouriers

Als in Frankreich die große bürgerliche Revolution von 1789 bis 1795 ausbrach, war Charles Fourier (1772-1837) siebzehn Jahre alt und begann eine kaufmännische Lehre in Lyon. Nachdem sich sein gegründetes Handelsunternehmen nicht halten konnte, war er als Makler, Warenkontrolleur und Leiter einer statistischen Behörde sowie Kassierer tätig. Durch diese Erfahrung erfuhr Fourier selbst wie es ist, aus einer früheren angesehenen Familie zu kommen und zu einem Lohnempfänger deklassiert zu werden. Somit erlebte er am eigenen Leib, wie die Volksmasse empfand und nach der Revolution um den Erhalt ihrer Früchte kämpften. Es kristallisierte sich heraus, dass die als Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit deklarierte Idee sich als Recht des Stärkeren entpuppte und die Vorstellung, die Revolution könne die Menschenrechte erkämpfen, verblasste.26 Dieses Wissen über die Kluft von Arm und Reich nutzte Fourier, um eine auf gemeinsamer Arbeit basierende Gemeinschaft, die in einer harmonischen Gesellschaft lebt, zu gründen. „Nirgendwo suchte das verwundete, verzweifelte Gemüt mit mehr Unruhe nach neuen Lösungen der Fragen nach dem Schicksal der Menschen“27 als in Lyon.

Die Idee Fouriers basierter in erster Linie darauf, Sexualität und Arbeit jenseits von Gewalt und Zwang miteinander zu vereinen. „Er träumte von einem Perpetuum mobile aus Wirtschaft und Eros.“28 Während ihm der Handel als gelernter, aber auch erfolgloser Kaufmann und die Ehe widerstrebten, galt seine Hingabe insbesondere der Fauna. Vor allem in seiner vierjährigen Zurückgezogenheit zwischen den Jahren 1816 und 1820 verstärkt sich seine Naturverbundenheit sowie der Drang nach sexueller Freiheit.29 Zu dieser Zeit entstand auch sein erotisches Hauptwerk Le nouveau monde amoureux (Aus der neuen Liebeswelt), welches allerdings nahezu unbeachtet blieb. Auch die späteren Werke wie beispielsweise die Théorie des quatre mouvements et des destinées générales30 wurden von Fouriers Zeitgenossen, seinen Schülern und auch von der nachfolgenden Generation kaum zur Kenntnis genommen oder zensiert, indem sie versuchen, den erotischen Teil zu eliminieren und die Gedanken über die Ökonomie zu retten.31

In der Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen beschreibt Fourier, dass die Welt aus drei ewigen unerschaffenen und unzerstörbaren Prinzipien bestehe.32 Auch der Mensch setze sich aus drei Prinzipien zusammen: Den Trieben als aktives und bewegendes Prinzip, dem Körper als passives und bewegtes Prinzip und der Intelligenz als neutrales und regulierendes Prinzip. Fourier verknüpft die Prinzipien, indem er darlegt, dass Gott den Menschen mit seiner Triebhaftigkeit schuf, damit dieser glücklich sei. Die Befriedigung dieser gottgegebenen Triebe führe dann schließlich zur Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit Gott. Die Unterdrückung dergleichen hingegen sei schädlich und zerstöre die Harmonie. Aus diesem Grund sei bewiesen, dass nicht die menschlichen Triebe schädlich für den Menschen und die Gesellschaft seien, sondern die soziale Organisation der Gesellschaft, welche die Befriedigung dieser Triebe unterbindet.33 Fourier nennt schließlich vier Bewegungen oder, wie er später nachreicht, fünft Bewegungen, die die Welt und den Menschen in Tätigkeit setzen.

Gleichzeitig spielte auch Luxus eine große Rolle. Fourier wollte die Kluft zwischen arm und reich überwinden, indem er in seinem Gesellschaftsentwurf Luxus für jeden forderte. Denn das unbedingte Streben nach Glück sei auch ein Streben nach innerem und äußerem Luxus. Der innere Luxus ist dabei die Gesundheit, die durch die innere Harmonie, also durch das Ausleben der Triebe, erhalten bleibe.

Ist der Mensch darauf aus, alle die genannten Triebe zu befriedigen und gleichzeitig inneren wie auch äußeren Reichtum zu erfahren, so kann er dies nach Fourier nicht in der Isolation als Einzelwesen erreichen, sondern nur in einer Organisation seinesgleichen.34

[...]


1 Koschorke, Albrecht; Vismann, Cornelia (Hrsg.): Widerstände der Systemtheorie. Kulturtheoretische Analyse zum Werk von Niklas Luhmann. Berlin 1999.

2 Fourier, Charles: Aus der neuen Liebeswelt. Hrg. v. Daniel Guerin. Klaus Wagenbach. Berlin 1977; Ders.: Ökonomisch-Philosophische Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Lola Zahn. Berlin 1980; Ders.: Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen. Hrg. v. Theodaor W. Adorno. Politische Texte. Europäische Verlagsanstalt Frankfurt am Main 1966.

3 Behrens, Günter: Die soziale Utopie des Charles Fourier. Köln 1977.

4 Kieß, Walter: Sozialutopie und Städtebau. Die Stadtbaumodelle der Sozialutopisten in der Frühzeit der Industrialisierung. Stuttgart 1969.

5 McWilliam, Neil: Dreams of Happiness. Social Art and the French Left, 1830-1850. Princeton 1993.

6 Altgriechisch für ‚aus mehreren Einzelteilen zusammengesetztes Ganzes‘. Duden: Das Fremdwörterbuch. 11. Auflage. Berlin 2016. S. 1044.

7 Luhmann, soziale System. S. 35. Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt Main 1987. 15. Auflage von 2012, S. 35f.

8 Ebd. S. 478.

9 Obwohl sich die Kunst jedoch aus der Abhängigkeit von Adel und Kirche lösen konnte, steht sie in weiteren neuen Abhängigkeitsverhältnissen zu privaten Auftraggebern und muss sich an dem Interesse der Käufer auf dem freien Kunstmarkt orientieren und behaupten.

10 Erstmalig findet diese Bezeichnung seine Verwendung in dem 1516 erschienen Romans De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia von Thomas Morus (1478-1535).

11 Schwendter, Rolf: Utopie. Hamburg 1994. S. 19.

12 Beispielsweise Platons Dreiklassengesellschaft. Auch kann der Staatsroman der ‚Sonnenstaat‘ von Iambulos (3. Jh. v. Chr.) genannt werden (Vgl. hierzu Schwendter. S. 8). Welche weiteren utopischen Schriften aus dieser Zeit existierten, ist allerdings nicht nachvollziehbar. Beispielsweise könnten einige beim Brand der Bibliothek von Alexandria verloren gegangen sein.

13 Trotz der frühen Einflüsse wird die Utopie, im heutigen Sinne des Wortes, in das 16. Jahrhundert datiert. Hier sind drei Persönlichkeiten zu nennen: Zum einen mit dem britischen Kanzler Thomas Morus, welcher den Staatsroman Utopia verfasste sowie gleichzeitig namengebend für das Genre ist. Zum anderen sei hier auf den Dominikanermönch Tommaso Campanella (1568-1639) verwiesen, der den sogenannten „Sonnenstaat“, wie schon Morus, auf einer Insel sieht, die durch drei Sonnenpriester regiert wird und wo man keine Armut und kein Privateigentum kennt. Der dritte Name, welcher im 16. Jahrhundert den Utopiegedanken prägte, ist der von Francis Bacon (1561-1626). In seinem Fragment Neu Atlantis bezieht er sich auf eine Gesellschaft, die technologisch-innovativ sein soll (Vgl. Schwendter. S. 9).

14 Vgl. ebd.

15 Ebd. S. 10.

16 Vgl. ebd.

17 Lang, Leonie: Urbane Utopien der Gegenwart. Stuttgart 1987. S. 8.

18 Berndt, Heide: Das Gesellschaftsbild bei Stadtplanern. Stuttgart 1968. S. 155.

19 Dabei handelt es sich um einen Entwurf einer 150 Meter hohen Kugel, welche die Sphäre des Universums symbolisieren soll und im Inneren durch eine Perforation den Sternenhimmel darstellt.

20 Schäfer, Bernhard: Architektursoziologie. Grundlagen, Epochen, Themen. 3. Aufl. Wiesbaden 2014. S. 8.

21 Hochadel und Hochklerus scharrten sich um den Thron, während die Menschen des dritten Standes im Verhältnis reine Untertanen blieben (Vgl. Hofmann, Werner: Ideengeschichte der sozialen Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts. 6. erw. Aufl. Berlin; New York 1979. S. 39).

22 Nur an einem Punkt in der Hauptstadt wurden die maßgeblichen Entscheidungen getroffen (Ebd. S. 40).

23 Vgl. ebd.

24 Doch erst mit der Emanzipation des Bürgertums bekamen diese Ideen eine politische Stoßkraft.

25 Hofmann. S. 43.

26 Vgl. Fourier. 1980. S. XXI.

27 Ebd. S. XXII.

28 Winter, Michael: Fourier, Charles. In: Lutz, Bernd (Hrg.): Metzler-Philosophen-Lexikon: von den Vorsokratikern bis zu den neuen Philosophen. Stuttgart; Weimar 2003. S. 228-231. Hier S. 228.

29 Vgl. ebd.

30 Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen (1808); Théorie de l’Unité universelle (1822), Le nouveau monde industriel et sociétaire (1829) sowie La fausse industriel (1835); Postum veröffentlicht : Le nouveau monde amoureux (1967).

31 Allerdings führt dies zu einem Zerfall seiner Ideen, denn die Ökonomie kann nach Fourier ohne die Erotik nicht funktionieren und umgekehrt. Weshalb spätere Versuche der Fourieristen, die Ideen Fouriers umzusetzen, stets scheiterten (Vgl. Winter. S. 228).

32 Diese seien zum einen Gott, der das aktive und bewegte Prinzip verkörpert, die Materie, mit ihrem passiven und bewegten Prinzip und die mathematischen Gesetze der Gerechtigkeit, die dem regulierenden Prinzip folgen. Fourier 1966.

33 Die Triebe, bestehend aus einmal den fünf Sinnen des Körpers: Geruch, Gehör, Gesicht, Geschmack und Gefühl sowie die vier Triebe der Seele: Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz und Familiensinn, sind nach Fourier von drei steuernden Trieben beherrscht: Der Trieb der Intrige, der Trieb nach beständiger Abwechslung, der Trieb nach der Begeisterung (Bebel, August: Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien. 3. Auflage. Stuttgart 1907. S. 18).

34 In seinem Werk Aus der neuen Liebeswelt führt er die Bedeutung der Trieberfüllung weiter aus und stellt die Liebe in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: „ Um die Wünsche der verschiedenen Altersstufen zu befriedigen und ihnen gänzlich neue Liebesgüsse zu verschaffen, muß ich den Vorsichtsmaßnahmen der Zivilisation in allen Punkten widersprechen, denn sie führen zu einer Ordnung, die außerstande ist, den verschiedenartigen Neigungen gerecht zu werden.“ (Fourier. 1977. S. 57).

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Charles Fouriers "Phalanstère". Künstlerische Systeme in einer utopischen Gesellschaft des idealen Zusammenlebens
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
30
Katalognummer
V947440
ISBN (eBook)
9783346283740
ISBN (Buch)
9783346283757
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Utopie, Städtebau, System
Arbeit zitieren
J. Krieg (Autor), 2019, Charles Fouriers "Phalanstère". Künstlerische Systeme in einer utopischen Gesellschaft des idealen Zusammenlebens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947440

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