Die natürliche Erziehung nach Jean-Jacques Rousseau in dem Werk "Émile oder über die Erziehung"


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begrifflichkeiten
2.1 Kindheit
2.2 Erziehung

3. Die Geschichte von Kindheit und Erziehung
3.1 Sonderstellung der Kinder
3.2 „Entdeckung“ der Kindheit und Erziehung
3.3 Konkretisierung des Kindheitskonzepts und der Erziehung

4. Jean-Jacques Rousseau
4.1 Leben
4.2 „Émile oder über die Erziehung“

5. Die natürliche Erziehung
5.1 Naturzustand
5.2 Naturverständnis
5.3 Erziehungsverständnis
5.4 Erziehungskonzept

6. Wirkungsgeschichte Rousseaus

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Alltag begegnen uns oft Hinweisschilder wie „Betreten der Baustelle verboten! Eltern haften für ihre Kinder!“ oder „Die Beschäftigung von Kindern ist verboten!“. Diese zeigen uns, dass Kinder einer anderen Behandlung als Erwachsene bedürfen. Laut dem Jugendschutzgesetz §1 endet die Kindheit in Deutschland mit 14 Jahren. Bis dahin sind sie laut dem Strafgesetzbuch §19 schuldunfähig. Dies verdeutlicht welche besondere Wertigkeit der Abschnitt der Kindheit als besondere Lebensphase für uns hat, sogar vor dem Gesetz. In dieser Arbeit wird ersichtlich, dass dem nicht schon immer so war. Die Kindheit und die daraus folgende Erziehung haben sich bis hin zu unserem heutigen Verständnis über einen langen Zeitraum entwickelt. Zu dieser Entwicklung hat der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, welcher in der Zeit der Aufklärung wirkte, einen großen Teil beigetragen. Aus seiner Kritik an dem damaligen Erziehungsverständnis heraus entstand sein pädagogisches Hauptwerk „Émile oder über die Erziehung“. Es stellt die Fiktion einer von der Natur ausgehenden, geglückten Erziehung dar. Von diesem Traum einer gelungenen, natürlichen Erziehung und seinem Beitrag zu einem neuen Erziehungs- und Kindheitsverständnis soll diese Arbeit handeln (vgl. Böhm, Soetard 2012, S.7). Zum exakten Verständnis der Arbeit müssen vorerst die Begriffe der Kindheit und Erziehung erläutert werden. Im weiteren Verlauf wird die Entwicklung des Kindheits- und Erziehungsverständnisses in zwei Abschnitten thematisiert. Der erste Abschnitt stellt diese Entstehung skizzenhaft dar, während im zweiten Abschnitt deren konkretere Entwicklungen zur Zeit der Aufklärung erläutert werden.

Es folgt eine kurze Betrachtung der Biografie Rousseaus, um seine Gedanken besser einordnen zu können. Gegenstand der darauffolgenden Analyse wird eine Konkretisierung des Verständnisses der natürlichen Erziehung nach Rousseau sein. Diese wird größtenteils im Kontext des Werkes Émile stattfinden, weshalb das Hauptwerk zuvor noch grob in Form und Inhalt gesondert beleuchtet wird. Auf diesem Vorverständnis aufbauend wird dann die natürliche Erziehung in vier Teilaspekten genauer betrachtet. Zuerst der Begriff des Naturzustandes, auf welchen dann eine Betrachtung des konkreteren Naturverständnisses Rousseaus folgt. Aus dem Verständnis der Natur ergibt sich dann Rousseaus Verständnis der Erziehung, welches im nächsten Teilpunkt beleuchtet wird. Der Autor schildert in seinem Werk Émile ein konkretes Erziehungskonzept, welches zusätzlich noch separat betrachtet wird.

Um Rousseaus Beitrag zu unserem heutigen Verständnis von Kindheit und Erziehung zu verdeutlichen, wird zusätzlich die Wirkungsgeschichte Rousseaus beleuchtet. Durch die Betrachtung der genannten Teilpunkte wird deutlich, ob Rousseau einen revolutionären Beitrag zur Entwicklung der Erziehung geleistet hat. Die wissenschaftliche Arbeit fasst abschließend die erarbeiteten Erkenntnisse zusammen.

2. Begrifflichkeiten

2.1 Kindheit

Die Kindheit, wie sie heute größtenteils erlebt wird, hat in dieser Form nicht immer existiert. Bis hin zu unserem heutigen Kindheitsverständnis unterlief sie einer starken Wandlung. Diese Tatsache macht es so bedeutend, dass Kindheit immer in ihrem gesellschaftlichen und historischen Kontext betrachtet wird. So versteht man in der westlichen Welt etwas völlig anderes unter Kindheit als beispielsweise in afrikanischen Ländern. Aber was genau verstehen wir unter Kindheit? Das plurale und sich wandelnde Verständnis von Kindheit macht es schwer eine genaue Definition zu formulieren. Laut dem Lexikon bezeichnet Kindheit heute „die Gesamtheit der gesellschaftlichen und privaten Vorstellungen über Kinder und der ihnen entsprechenden formellen und informellen Praktiken des Umgangs mit Kindern und diese Vorstellungen und Praktiken norminierenden Strukturen“ (Rathmayr, Bernhard 2007, S.398).

Heute ist unser Verständnis von Kindheit auf der Erkenntnis aufgebaut, dass Kinder „liebevolle Zuwendung brauchen, spielen und lernen müssen“ (Konrad, Schultheis 2008, S.21). Wenn in dieser Arbeit von dem Begriff der „modernen Kindheit“ gesprochen wird, ist genau die hier angesprochene von Liebe und Akzeptanz geprägte Auffassung der Kindheit gemeint. Zugleich wird auch der Begriff der „modernen Elternliebe“ immer wieder Erwähnung finden, welcher eben diese Auffassung der Kindheit bei den Eltern zum Ausdruck bringen soll.

2.2 Erziehung

„Für das menschliche Leben, für die gesamte menschliche Bildung, gibt es nichts Bedeutenderes als Vollkommenheit der Erziehung“ (Schleiermacher 1826/2000, S.36). Diese Worte stammen von dem evangelischen Theologen und Philosophen Friedrich Schleiermacher. Er zählt zu den Begründern der Pädagogik und schreibt der Erziehung einen sehr großen Wert zu. Auch in dieser Arbeit wird der Erziehungsbegriff im Kontext der natürlichen Erziehung nach Rousseau immer wieder Erwähnung finden, weshalb dieser im Folgenden detaillierter erläutert wird. Der Erziehungsbegriff befand sich über die vergangenen Jahrhunderte in einem stetigen Wandel und muss ebenfalls immer im historisch-gesellschaftlichen Kontext beleuchtet werden. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass der Erziehungsbegriff ohne eine konkrete oder ausdrückliche Begriffsbestimmung verwendet wird (vgl. Wulf 1984, S.187). Zudem findet sich in der Erziehungswissenschaft, welche den Rahmen dieser Arbeit bildet, eine große Vielfalt an Definitionen (vgl. ebd.).

Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka formulierte eine rationelle Definition:

„Unter Erziehung werden soziale Handhabungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen mit psychischen und (oder) sozial-kulturellen Mitteln in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten“ (Brezinka 1971, S.613).

In unserem heutigen über mehrere Jahrhunderte entstandenen Erziehungsverständnis ist das Ziel einer solchen Erziehung vor allem die Internalisierung von Werten und Normen. Auf dem Weg vom zu Erziehenden hin zum Erzieher soll eine autonome und gewissenhafte Persönlichkeit entstehen (vgl. Wulf 1984, S.187f.).

3. Die Geschichte von Kindheit und Erziehung

3.1 Sonderstellung der Kinder

Heute ist es für uns geradezu selbstverständlich, dass Kinder einer eigenen und besonderen Behandlung bedürfen. Kinder sind frei von Verantwortung, sie sollen nicht arbeiten, sollen frei und unbeschwert diesen ganz besonderen Lebensabschnitt erleben (vgl. Konrad, Schultheis 2008, S.12). Aus diesem Verständnis heraus fällt es heute vielleicht schwer sich vorzustellen, dass Kindheit keineswegs schon immer einen besonderen und geschonten Raum darstellte. Unsere moderne Vorstellung von Kindheit ist besonders geprägt von einer emotionalen Eltern-Kind-Beziehung sowie von der Akzeptanz, dass Kinder liebevolle Zuwendung brauchen und ganz eigene Bedürfnisse haben (vgl. ebd., S.12, S.21). Diese Form der Kindheit, wie wir sie heute kennen, hat sich über einen langen, prozesshaften Zeitraum entwickelt. Dieser wird im Folgenden erläutert und in den Kontext zu Jean Jacques Rousseau gesetzt.

3.2 „Entdeckung“ der Kindheit und Erziehung

Im Jahre 1960 erschien das Werk die „Geschichte der Kindheit“, verfasst von dem französischen Arzt und Historiker Philippe Ariès. Er analysierte verschiedenste Kunstwerke ausgehend vom Mittelalter bis in die Neuzeit und fokussierte sich hierbei besonders auf den Wandel der Darstellung von Kindern. Aus seinen Beobachtungen schlussfolgerte er, dass in diesem Zeitalter „kein Platz für Kindheit war“ (Ariès 1975/ 2007, S.92). Diese Aussage stützt er auf die Beobachtung, dass in der von ihm analysierten Epoche Kinder gänzlich unkindlich und falsch dargestellt wurden (vgl. ebd.). So zeige sich in verschiedensten Kunstwerken, dass die portraitierten Kinder in ihrer Darstellung eher „kleinen Erwachsenen“ glichen, anstatt in realistischer und „kindlicher“ Form abgebildet zu werden (vgl. Konrad, Schultheis 2008, S.13).

„Eine ottonische Miniatur des 11. Jahrhunderts (1) gibt uns auf eindrucksvolle Weise einen Begriff davon, daß der Künstler den kindlichen Körper in einer Weise deformierte, die unserem Empfinden und unserer Anschauungsweise gänzlich unvertraut sein muß. Gegenstand der Miniatur ist die Szene aus dem Evangelium, wo Jesus die Kindlein zu sich kommen läßt; der lateinische Text spricht eindeutig von parvuli1 . Doch umgibt der Miniaturmaler Jesus mit acht normalen Männern, die nicht das geringste kindliche Merkmal aufweisen: es sind einfach verkleinerte Ausgaben von erwachsenen Männern. Lediglich hinsichtlich ihrer Größe unterscheiden sie sich von ihnen“ (Ariès 1975/2007, S.92, Hervorhebung im Original).

Die hier deutlich gewordene nicht-kindgemäße Darstellung der Heranwachsenden nennt Ariès als einen Beleg für die Inexistenz der Kindheit vor dem 16. Jahrhundert. Dies sei jedoch nicht nur in den bildlichen Darstellungen der Fall, sondern genauso in der konkreten Lebenswirklichkeit. Im Alltag der damaligen Zeit galt die Kindheit als bloße Übergangsphase, welche keine besondere Bedeutung hatte (vgl. Ariès 1975/2007, S.93). Es gab kaum Unterscheidungen zwischen der Lebenswelt der Erwachsenen und der der Kinder. Vielmehr galt ein Kind schon dann als Erwachsener (und wurde auch auf Gemälden als ein solcher dargestellt), sobald es gehen und sprechen konnte. Zudem habe es in der früheren Zeit keine besonderen, emotionalen Bindungen zwischen Eltern und Kind gegeben, so wie wir es heute als die „moderne Elternliebe“ kennen (vgl. Konrad, Schultheis 2008, S.13).

Die Entwicklung des modernen Konzepts von Kindheit, als eine besondere Lebensphase mit ganz eigener Wertigkeit, fand laut Ariès erst ab dem 16. Jahrhundert ihren Anfang.2 Eltern hätten erst dann begonnen ihre Kinder zu lieben (vgl. ebd.). Diese Einschätzung wurde jedoch durchaus auch kritisiert, beispielsweise von dem französischen Historiker Emanuel LeRoy Ladurie. In seinem Werk „Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294–1324“ versucht LeRoy Ladurie die gedankliche und alltägliche Welt der Bewohner eines Dorfes im Hochmittelalter, also noch lange vor dem 16. Jahrhundert, zu rekonstruieren. Seinen Beobachtungen zufolge sei Ariès nicht berechtigt „zu der Vermutung, dass diese Leute ihre Kinder weniger geliebt hätten als wir unsere“ (LeRoy Ladurie 1993, S.234). LeRoy Ladurie geht es hierbei jedoch nicht um die „moderne Elternliebe“, wie wir sie heute kennen. Vielmehr gründet er diese vor allem auf ganz reale Lebensumstände: und zwar auf die Sorge um das eigene Wohlergehen (vgl. ebd., S. 232). Von Armut betroffene Bevölkerungsschichten hatten meist viele Kinder, von welchen sie in gewisser Weise auch abhängig waren. Die Kinder waren für die Verbesserung des Familieneinkommens nützlich und stellten gleichzeitig so etwas wie eine „Altersvorsorge“ für ihre arbeitsunfähig gewordenen Eltern dar. „Kurzum: Kinder besaßen für ihre Eltern einen materiellen Wert. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurden sie von ihren Eltern geliebt“ (Konrad, Schultheis 2008, S. 15). Es ist festzuhalten, dass sich die Kindheit nicht erst ab dem 16. Jahrhundert entwickelte. Vielmehr lässt sie sich auf ein prozesshaftes Geschehen zurückführen, welches bereits im hohen Mittelalter seinen Anfang nahm (vgl. Konrad, Schultheis 2008, S.16).

Sobald man Kinder als solche begreift, muss man sie folglich auch anders behandeln. In diesem Kontext kommt neben der Kindheit auch das Thema der Erziehung auf (vgl. ebd.). Erziehungskonzepte entstanden schon lange vor dem Mittelalter. Bereits in der Zeit der griechischen Antike wurden konkrete Überlegungen bezüglich einer Erziehung verschriftlicht. Beispielsweise Platons 374 v. Chr. entstandenes Hauptwerk „Politeia“ ist laut Rousseau „die schönste Abhandlung von der Erziehung, die jemals geschrieben wurde“ (Böhm 2004, S.9). Als der berühmteste Schüler von Sokrates war Platon der Erste, der sich Gedanken darüber machte, wie ein staatliches Erziehungs- und Bildungssystem aufgebaut sein sollte und welche Aufgaben es mit sich bringt. Er beschäftigte sich mit der politischen Bedeutung von Erziehung und welche diese für ein funktionierendes Gemeinwesen hat (vgl. Dammer 2015, S.60). Platon legt das sogenannte „Höhlengleichnis“ als einen konkreten Bildungsvorgang dar (vgl. Lischewski 2014, S.11), durch welchen der Mensch „zur Erkenntnis der alles sonnenartig erhellenden Idee des Guten“ (Böhm 2004, S.24) kommen kann. Dieses philosophische Konzept Platons ist bis heute eines der einflussreichsten Bildungskonzepte im pädagogischen Denken (vgl. Lischewski 2014, S.13).

3.3 Konkretisierung des Kindheitskonzepts und der Erziehung

Es wurde nun deutlich, dass es sehr schwer ist einen klar definierten Anfangszeitpunkt von Kindheit und somit auch von Erziehung festzulegen. Die Wurzeln des Prozesses der „Entdeckung“ der Kindheit reichen weit zurück. Als eine Schlüsselepoche kann hierfür jedoch die Zeit der Aufklärung genannt werden, welche im Folgenden erläutert wird. In dieser Epoche gewinnt, neben der fortschreitenden Entwicklung der Kindheit, auch der Aspekt der Erziehung immer mehr an Bedeutung.

Es ist schwer der Epoche der Aufklärung eine genaue zeitliche Datierung zuzuschreiben. Im Kontext dieser Arbeit ist besonders die Zeitspanne vom 17. Jahrhundert bis zum 18. Jahrhundert relevant (vgl. Dammer 2015, S.169).

Die auch als „Zeitalter der Vernunft“ bekannte Aufklärung zeichnet sich durch große sozialgeschichtliche, wirtschaftliche, religiöse, politische und wissenschaftliche Veränderungen und Umschwünge aus (vgl. Dammer 2015, S.168-171), auf welche hier nicht genauer eingegangen wird. Böhm bezeichnet die Aufklärung als „einen Rückzug des Menschen auf die Vernunft, verbunden mit einer doppelten Ablösung von der Natur und der Tradition“ (Böhm 2004, S.57). Die Menschen lösten sich von der Orientierung an Autoritäten und steuerten im Gegenzug immer mehr in eine Richtung des Selbstdenkens (vgl. Böhm 2004, S.57). Hier gilt es auch die bis dahin herrschende Gesellschaftsordnung der Ständegesellschaft zu erwähnen. Die Menschen wurden in einen Stand hineingeboren und hatten keine Möglichkeit sich aus diesem heraus zu lösen und sozial aufzusteigen. Durch die Aufklärung aber entwickelte sich ein neuer Stand heraus: das Bürgertum. Durch diese Entwicklung wurde es den niederen Ständen ermöglicht, lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Dieser Erwerb von Wissen lässt den neuen Stand des Bürgertums als einen Träger der Aufklärung verstehen, aus welchem sich viele Veränderungen herausbildeten (vgl. Schmid 2006, S.16).

So entstand auch ein ganz neuer Blick auf die Erziehung: man erkannte, dass der Mensch vernunftbegabt ist und die Anlage zum vernünftigen Handeln hat. Diese Anlagen kann er aber nur dann entfalten, wenn er Förderungen und Anregungen durch die Erziehung erhält. Aus diesem Grund wird die Aufklärung auch oft als das „Jahrhundert der Pädagogik“ bezeichnet. Dies ist insofern zutreffend, als die Pädagogik ein unverzichtbares Instrument dieses Zeitalters darstellt, aus welchem unterschiedlichste pädagogische Formen und Ideen hervorgingen (vgl. Dammer 2015, S.173). Die sogenannten Philanthropen, die Freunde der Aufklärung, betonten diesen Aspekt der Erziehung für das Individuum wie auch für die Gesellschaft. Die zahlreich von den Philanthropen veröffentlichten Theorien der frühkindlichen Erziehung trugen einen großen Teil zu unserem heutigen Kindheitsverständnis bei (vgl. Konrad, Schultheis 2008, S.17f.). Neben den vielen theoretischen Erziehungsentwürfen forderten die Freunde der Aufklärung zudem auch konkret in der Praxis richtig zu handeln und das öffentliche Schulwesen zu stärken. Das Erziehungs- und Bildungswesen bildete sich immer weiter aus und Schulen entstanden nach dem Prinzip der Aufklärung (vgl. Schmid 2006, S.17f.).3

Die Kindheit gewann an Bedeutung und die Heranwachsenden wurden nun nicht mehr als bloßes ökonomisches Gut angesehen, sondern um ihrer selbst willen geliebt (vgl. Konrad, Schultheis 2008, S.18). Der Weg hin zu unserem heutigen modernen Verständnis von Kindheit als einer eigenen Lebensphase wurde geebnet. In diesem Kontext der Entwicklung der Kindheit und Erziehung gilt es nun Jean-Jacques Rousseau zu nennen. Dieser begründete mit seinem Werk „Émile – oder über die Erziehung“, welches im Jahre 1762 veröffentlicht wurde, ein konkretes Erziehungskonzept. Die Bedeutung und Besonderheiten dieses Konzepts werden nun im weiteren Verlauf der Arbeit genauer analysiert und erläutert.

4. Jean-Jacques Rousseau

4.1 Leben

Wenige haben so viel Aufmerksamkeit auf ihre Person gelenkt wie Jean-Jacques Rousseau. Diese Aufmerksamkeit verdankt er nicht seinem abenteuerlichen Lebenslauf, sondern vor allem seinen autobiografischen Schriften (vgl. Rang 1959, S.17), welche noch bis heute einen großen Anklang finden und immer wieder rezipiert werden (vgl. Lischewski 2014, S.142)

Als Sohn eines Uhrmachers wurde Jean-Jacques Rousseau am 28. Juni 1712 in Genf, dem französischsprachigen Teil der Schweiz, geboren. Nach einer Lehre als Kupferstecher ist er in unterschiedlichsten Städten zu Hause. Es beginnt eine Zeit der Wanderschaft. Einige Jahre lebt er in Annency bei Madame de Warens, die großen Einfluss auf Rousseau ausübte. Sie veranlasste unter anderem, dass er zur katholischen Kirche übertrat (vgl. Franke-Meyer, Reyer 2015, S.21). Im Jahre 1740 tritt Rousseau in Lyon eine Stelle als Hauslehrer an. Er selbst verzeichnete dort bei seiner Arbeit allerdings keine großen erzieherischen Erfolge und gab die Stelle nach einem Jahr wieder auf (vgl. Dammer 2015, S.194f.). Dennoch gilt Rousseaus erste dort entstandene Schrift, der „Plan zur Erziehung des Herrn Sainte-Marie“, als Grundlage für sein pädagogisches Denken (vgl. ebd., S.195). Nach seiner Übersiedlung nach Paris pflegt er einen einflussreichen Umgang mit der Pariser Oberschicht. Rousseau schreibt hier an einem großen Werk, dem ersten Diskurs, welches ihn über Nacht berühmt machte. In Paris lebte er mit Thérèse Levasseur in einer Beziehung, aus welcher fünf Kinder hervorgingen. Rousseau ließ jedoch alle Kinder in einem Weißenhaus großziehen, was ihn als den Autor eines Erziehungsromans in ein diffuses Licht rückt.

Durch die Veröffentlichung des Romans „Émile – oder über die Erziehung“ 1762, welcher als Rousseaus einflussreichstes Werk gilt, geriet er allerdings in großen Konflikt mit Frankreich und der Schweiz. Es folgte eine schwierige Lebensphase. Sein Werk Émile wurde unmittelbar nach dem Erscheinen verboten, und gegen Rousseau wurde ein Haftbefehl erlassen. Diesem entzieht er sich durch eine Flucht ins Ausland. Fünf Jahre später kehrt er wieder nach Frankreich zurück, wo er, psychisch stark angeschlagen, am 2. Juli 1778 in Ermenonville bei Paris stirbt (vgl. Franke-Meyer, Reyer 2015, S.21f.).

[...]


1 lat. parvuli meint hier: Kleinkinder

2 Auch diesen Wandel hin zur moderneren und liebevollen Kindheit analysiert Ariès durch die Betrachtung verschiedenster Kunstwerke vom 11. Jahrhundert bis ins 17. Jahrhundert hinein (Ariès 1960, 2007, S.92-111)

3 Die Schulen waren keine Erfindung, welche erst die Aufklärung mit sich brachte. Bereits die Antike zeichnete sich durch ein hoch entwickeltes Schulwesen aus, und auch Klosterschulen gab es schon im frühen Mittelalter. Diese Möglichkeit auf Bildung war damals jedoch ein Privileg für Kleriker, und sollte nun der gesamten Breite der Kinder zugänglich werden (vgl. Konrad/Schultheis 2008, S.17).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die natürliche Erziehung nach Jean-Jacques Rousseau in dem Werk "Émile oder über die Erziehung"
Hochschule
Universität Augsburg  (Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Grundfragen pädagogischen Denkens und Handelns
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V947442
ISBN (eBook)
9783346283467
ISBN (Buch)
9783346283474
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rousseau, Erziehung, Kindheit, Revolution, Erziehungswissenschaft, Geschichte der Erziehung, Jean-Jacques Rousseau, Emile oder über die Erziehung
Arbeit zitieren
Hannah Adam (Autor), 2020, Die natürliche Erziehung nach Jean-Jacques Rousseau in dem Werk "Émile oder über die Erziehung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947442

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