Grenzüberschreitungen - Kommunikation als Erzählproblem in Uwe Johnsons Romanen "Das dritte Buch über Achim" und "Zwei Ansichten"


Magisterarbeit, 1998

104 Seiten


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1. Inhalt

2. Einleitung

3. Ausgangssituation - Uwe Johnson zu Beginn der sechziger Jahre

4. Beschreibungsschwierigkeiten - „Berliner Stadtbahn (veraltet)“

5. „Das dritte Buch über Achim“ - „damit du überrascht wirst und glaubst zu verstehen“
5.1. Grundsätzliches
5.2. Die doppelte Umsetzung von ‘Kommunikation’
5.2.1. Die Reise - Erfahrungen in einem anderen Land
5.2.2. Beispiele für ‘Gespräche’ am angegebenen Ort

6. „ Nun mal was anderes “ - Intermezzo: Ein Märchen

7. „Zwei Ansichten“ - Ein Liebesroman ohne Liebe
7.1. Grundsätzliches
7.2. Schwierigkeiten mit der Fortbewegung - Eine ‚Sportwagengeschichte‘
7.3. Zwei Orte - Die Einsamkeit des Herrn B.
7.4. Ein ganz gewöhnliches Mädchen aus Ostberlin

8. Münden in der Mitte - Uwe Johnson nach „Zwei Ansichten“

9. Schluß

10. Literaturverzeichnis

Einfügungen in eckigen Klammern [ ] stammen vom Verfasser der vorliegenden Arbeit. Als Auslassungszeichen wird das übliche Symbol [...] verwendet. Die Fußnoten nennen als Titel nur die Kopfzeile, nicht Zusatz- oder Untertitel. Bibliographisch exakte Nachweise finden sich im Literaturverzeichnis. Die Fußnoten treten als Endnoten gewöhnlich am Ende der Seite auf, welche sie verzeichnet; Ausnahmen von dieser Regel sind auf das verwendete Textverarbeitungssystem zurückzuführen.

2. Einleitung

Kommunikation: das ist ein Wort mit zwei, allerdings unscharf voneinander abgegrenzten, Bedeutungsebenen. Zum einen meint der Begriff, sich herleitend vom lateinischen Wort communicare, man teile etwas mit jemandem, mache etwas mit jemandem gemeinsam und, in seiner intransitiven Form, man berate sich mit jemandem, man verkehre mit anderen, kurz: man komme mit jemandem zusammen. Diese Bedeutung findet sich heute vor allem in der katholischen Abendmahlshandlung, der Kommunion.

Die zweite Bedeutung von ‘Kommunikation’ ist heute allgemein wesentlich geläufiger und meint schlicht, man spreche mit anderen, bespreche sich mit ihnen, teile sich ihnen, ob gesprächsweise, in schriftlicher oder auch nonverbaler Form, also durch ein bestimmtes Verhalten, mit.

Diese Erklärungen zeigen, weshalb von ‘unscharf’ voneinander abgegrenzten Bedeutungen die Rede sein muß, denn das eine, also das ‘sich jemandem mitteilen’ hängt wesentlich mit einem ‘Zueinanderkommen’, einem, wenn auch möglicherweise durch elektronische Hilfsmittel wie dem Telephon bewerkstelligten, ‘Beisammensein’ zusammen.

Kommunikation in seinen beiden Bedeutungen darzustellen ist eines der zentralen Gegenstände und Probleme schriftstellerischer Praxis. In Poetiken und poetologischen Untersuchungen geht es nicht nur darum, zu erläutern, wie ein fiktionaler Text aufgrund von biographischen, psychologischen, künstlerischen und jedenfalls sehr subjektiven Gründen entsteht, wie dieser Text sich aus Bestandteilen zusammensetzt, die dann diffus mit dem Begriff ‘Handlung’ bezeichnet werden können, sondern es geht auch immer um die Frage, wie das Zusammenkommen und das Umgehen des Romanpersonals miteinander dargestellt werden und, im Sinne des Programms und der Zielsetzung des jeweiligen Autors, als integrativer Bestandteil des künstlerischen Textes wirken kann.

Die spezifischen Probleme erzählter Kommunikation am Beispiel einiger Texte Uwe Johnsons darzustellen, geschieht nicht aus Willkür oder aus einer akademischen Laune heraus, sondern liegt ‘in der Natur der erzählten Sache’. Uwe Johnson, dessen ersten veröffentlichten Roman „Mutmassungen über Jakob“ Günter Blöcker in einer zeitgenössischen Rezension als ‘Roman der beiden Deutschland’1 bezeichnet und, da der Rezensionstitel alsbald in der leicht veränderten Form ‘Dichter der beiden Deutschland’ streng auf Johnson selbst bezogen wurde, fast schon ‘gebrandmarkt’ hat2, war ein Schriftsteller, der sich in seinen Arbeiten nicht nur immer wieder, akribisch, selbstquälerisch und von der einzigen Richtigkeit seiner Bemühungen höchst überzeugt, um die Darstellung der erfaßbaren Wirklichkeit3, also auch zwangsläufig um den Prozeßdieser Erfaßbarkeit und wie er in einen fiktionalen Text überzeugend eingehen, ihn sogar strukturieren und lesenswert machen kann, bemüht hat, sondern der sich zudem als ‘Raum’ seiner Erzählkunst, nahezu ausschließlich zumindest in den großen Prosaarbeiten vor der Tetralogie „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl I - IV“, Deutschland, genauer: die beiden Deutschland und die in ihnen und durch sie herrschenden Lebensumstände, ausgesucht hat.

Johnsons Beweggründen für diese ‘Wahl’ im einzelnen nachzuspüren kann nicht Aufgabe dieser Arbeit sein und läßt sich, zumindest in ihren Grundzügen, an anderer Stelle nachlesen4. Festzustellen bleibt, daßUwe Johnson nicht nur als Person der Zeitgeschichte ein ‘Grenzgänger’, ein ‘Grenzüberschreiter’ im ganz wörtlichen Sinn war, sondern daßsich der Erzähler Johnson immer wieder um die Darstellung der Grenzüberschreitung, um das andere und das eine Deutschland und wie es zu diesem Zustand kommen konnte, um das mögliche Leben in diesen beiden ‘Staaten einer Nation’5, also kurz: um das Zusammenkommen trotz getrennter Verhältnisse, sowohl im abstrakten politischen als auch im persönlich-zwischenmenschlichen Bereich, bemüht hat. Dabei ragt ‘Das Politische’ zwangsläufig in ‘Das Persönliche’ hinein und fokussiert sich in der Sprache, vermeintlich einer beiden Deutschland gemeinsamen, und im Sprachgebrauch, also dem (romanhaften) Sprechen der dargestellten Personen miteinander und - wie noch zu zeigen sein wird - häufig ‘gegeneinander’. Die Grundlage allen Verständnisses, des ‘einander Verstehens’, liegt im verständlichen miteinander sprechen - und genau diese Grundlage ist durch politische Verhältnisse und, auf diese zurückführend und wiederum aufbauend, durch eine ‘geteilte Sprache’ empfindlich gestört - in den Romanen Johnsons und auch, wie sich inzwischen deutlich herausgestellt hat, in der ‘außerliterarischen’, also der erlebbaren Welt schon der fünfziger Jahre. Das gerade in Beziehungskrisen geflügelte Wort „Du kannst mich einfach nicht verstehen!“ erfährt in den Romanen Johnsons eine spezifische und sehr praktische Interpretation - wie soll man sich auch verstehen, wenn eine fast schon babylonische Begriffs-, Bedeutungs- und Bezeichnungsverschiedenheit existiert.

Daßdiese ‘Verständnisverwirrung’ nicht ausschließlich auf die sich einschleichenden und doch immer deutlicher hervortretenden Unterschiede zwischen ‘diesen’ und ‘jenen’ Deutschen zurückzuführen ist, sondern eben auch auf immer existente Unterschiede zwischen Leben und Meinungen des einen und des anderen Individuums, läßt sich den im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehenden Arbeiten Johnsons bereits indirekt entnehmen - im Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl I - IV“ wird diesem Problem wesentlich deutlicher Rechnung getragen.

Im folgenden wird ‘Kommunikation als Erzählproblem’ in einer im wesentlichen an der Chronologie der Entstehung und Publikation der untersuchten Texte orientierten Darstellungsweise geschildert6 ; für die Auswahl der Romane „Das dritte Buch über Achim“ und „Zwei Ansichten“ spricht, daßsie den Übergang zwischen Johnsons Früh- und Spätwerk markieren.

„Das dritte Buch über Achim“ komplettiert Johnsons ‘deutsch-deutsche Trilogie’, in welcher Lebens- und Zeitgeschichte(n) geschickt mit verhalten erzählten Liebesgeschichten, jeweils zwischen einer Frau und zwei Männern, verknüpft werden.

„Zwei Ansichten“, Mitte der sechziger Jahre publiziert, gehört weder direkt zu diesem Zyklus, noch zu Johnsons umfangreichen Spätwerk; es handelt sich um einen Roman ‘in between’, der von Kritik und Lesern bis heute mit einer Mischung aus Mißtrauen und Nachsicht betrachtet wird - und gerade deshalb um ein ebenso bemerkenswertes wie aufschlußreiches, wenn auch zu Unrecht im Schatten der anderen Arbeiten Johnsons stehendes Werk. Die Auseinandersetzung mit diesem Roman konfrontiert den Rezipienten zwangsläufig mit den politischen Ereignissen der jüngsten deutschen Vergangenheit; mit dem Phänomen, daßgerade ein Mangel an Kommunikation, nicht nur zwischen einzelnen Menschen, sondern auch, bildlich ausgedrückt, zwischen Staaten, ein Gefühl entstehen lassen kann, das sich als schmerzlich empfundene Sehnsucht, als Gefühl von einem Verlust, nur ungenau beschreiben läßt, und das auf perfide Art den Blick auf pragmatische Gegebenheiten sentimental verstellt.

Ein eingeschobener Exkurs über das von Johnson übersetzte Märchen Philipp Otto Runges „Von dem Fischer un syner Fru“ dient nicht nur dem ‘Atemholen’ des Lesers, sondern vor allem der Erweiterung des im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehenden Erzählproblems - seine eher spielerische Variante in ganz anderen und (vielleicht) harmloseren literarischen Gefilden; und auch hier findet der Leser eine ‘Grenzüberschreitung’.

3. Ausgangssituation - Uwe Johnson zu Beginn der sechziger Jahre

„Die Personen sind erfunden. Die Ereignisse beziehen sich nicht auf ähnliche sondern auf die Grenze: den Unterschied: die Entfernung und den Versuch, sie zu beschreiben.“7

Uwe Johnsons Roman „Mutmassungen über Jakob“ bildete, zusammen mit Heinrich Bölls „Billard um halbzehn“ und Günter Grass´ „Die Blechtrommel“8 den literarischen ‚Paukenschlag‘ der Frankfurter Buchmesse 1959 - drei Romane, die mit Recht als „richtungweisend“9 bezeichnet werden. Johnsons Roman konnte nur im Westen erscheinen - und zugleich Johnsons Existenz als Bürger der DDR10 beenden, obgleich Johnson „das Land D.D.R.“11 bevorzugte, sogar meinte, „es [schreibend] endgültig erworben zu haben wie ein Eigentum“12. Das war eine naive oder zumindest eine sich naiv gebende Auffassung, und Johnson, klug genug und gut beraten, erkannte rechtzeitig, daßein Beharren auf seiner Heimat, auf seinem vermeintlichen Recht, in dieser Heimat bleiben zu können, sowohl in persönlicher als auch in künstlerischer Hinsicht fatal gewesen wäre.

Am 10. Juli 1959, dem Tag, an welchem in einer hessischen Druckerei Johnsons Name auf den Titel seines Romans gesetzt wurde, verließer die DDR mit dem Zug, stieg an einem Bahnhof „im britischen Sektor von Berlin [aus], verstand [...] es als einen Umzug“13.

Umzug, nicht Flucht - eine für das Selbstverständnis Johnsons wichtige Unterscheidung, die bedeutet, er habe die DDR nicht als ihr Feind, also „in großer Eile, unter gefährlicher Bedrohung“14 verlassen, sondern eher in einem Gefühl freundschaftlicher Erinnerung an eine ‚strenge und wunderliche Lehrerin‘. Einige Jahre später beschreibt Johnson seine Stimmung wie folgt:

„In der DDR sind noch einige persönliche Orte, die Orte der Kindheit, der Jugend. Dort sind Freundschaften, Landschaften, Teile der Person. Es ist Vergangenheit. Es hat neun oder zehn oder zwölf Jahre gedauert. Nun ist es vorbei.“15

Johnson ließsich in Berlin-Friedenau nieder, in unmittelbarer Nachbarschaft Günter Grass´, schräg gegenüber einem Haus, in dem Erich Kästner gewohnt hat. Johnsons ‚Erstling‘16 sorgte für die Aufmerksamkeit der literarischen Öffentlichkeit, erwartungsgemäßauch für wütende Angriffe aus der DDR17, und verkaufte sich, gemessen an den exorbitanten Schwierigkeiten, die der Roman für die Leser bereithielt18, recht ordentlich19. Johnson richtete sich in den neuen Verhältnissen ein, nahm Kontakt auf zur Gruppe 47 und somit zu den führenden literarischen ‚Kollegen‘ seiner Zeit, erhielt im März 1960 den Fontane-Preis und, zur Sicherung des Lebensunterhalts noch wichtiger, im Dezember 1960 ein ‚Sonderhonorar‘ von seinem Verlag Suhrkamp20.

Ein in dieser Art mit dürren Worten präsentierter biographischer Ausschnitt täuscht zwangsläufig über die Schwierigkeiten eines neuen Lebensabschnitts, der nicht nur das literarische Debüt, sondern auch einen ‚Umzug‘ in ein doch ganz anderes Deutschland und damit den ‚Bezug‘ einer anderen Sicht auf die Welt, einer scheinbar gleichen und doch bestenfalls nur ‚ähnlichen‘ Sprache, in der sich diese Welt artikuliert und die sie wiederum bezeichnet, umfaßt, hinweg. Gerade dieser Sprache mußte das von Johnson erwartete neue Buch Rechnung tragen - zumal der Autor in „Mutmassungen über Jakob“ bereits unter Beweis gestellt hatte, daßes ihm ganz besonders auf den Dialog, auf die Sprech- und Redeweisen (und die sich in sie kleidenden, durch sie auch verkleidenden Denkweisen) ankam.

Den möglichen Anfang eines neuen Romans verfaßte Johnson schon im September 195921, doch wie hier buchstäblich ‚ins Blaue‘ hineinerzählt wird, befriedigte Johnson keineswegs, war den neuen Verhältnissen nicht angepaßt oder besser: nahm sie nicht in sich auf.

Der neue Roman konnte diese ‚neuen‘ und, wie sich gerade im Lauf des August 1961, als der Roman bereits geschrieben und gesetzt war, zeigte, sich immer noch rapide ändernden und verschlechternden ‚Verhältnisse‘, nämlich die des Lebens in der einen Hälfte, und des Erinnerns der anderen Hälfte eines geteilten Landes, nur ‚in sich aufnehmen‘, indem er es sich zur Aufgabe machte, genau diese Verhältnisse, die Grenze im politischen und im mental-psychologischen Sinn, zu beschreiben - und somit das Problem der Kommunikation in seinen beiden Bedeutungen, dem physischen ‚Zueinanderkommen‘, also einem ‚Grenzübertritt‘, und dem menschlichen ‚sich einander nähern‘, also dem miteinander sprechen, um sich auch wirklich zu verstehen. Ein gefährliches und in dieser Form und Radikalität ganz neues Sujet, dessen poetologische Dimension nicht nur der schließlich veröffentlichte Roman selbst verdeutlicht, sondern auch ein Aufsatz, den Johnson im April 1961, als die Arbeiten am Roman abgeschlossen waren22, schrieb, und der später mit dem zum Titel „Berliner Stadtbahn“ hinzugesetzten Adjektiv „veraltet“ erschien - denn die, wie Johnson es nennt, „Abtrennung Westberlins im August 1961 [hatte] einige Einzelheiten des Aufsatzes historisch gemacht“23.

Der Roman, der nach einigen Querelen24 als „Das dritte Buch über Achim“ zunächst, zwei Wochen nach dem Bau der Mauer, als Vorabdruck in der Süddeutschen Zeitung erschien (eine Veröffentlichungsentscheidung, die selbst ein Politikum darstellt, denn das Buch bringe „das geteilte Deutschland zu einer gemeinsamen literarischen Sprache“ und solle nicht nur „für die zeitgenössische Literatur unseres [sic!] Landes würdig“ einstehen, „sondern auch dessen Not“ festhalten25 ), liefert die Beschreibung einer gescheiterten Beschreibung - einige Gründe für ein solches Scheitern sind dem Aufsatz „Berliner Stadtbahn - veraltet“ zu entnehmen, der deshalb an dieser Stelle zuerst diskutiert wird.

4. Beschreibungsschwierigkeiten - „Berliner Stadtbahn (veraltet)“

Es ist, will man im geteilten Deutschland über das geteilte Deutschland schreiben, nicht mehr ohne weiteres möglich, „schlicht und streng anzufangen“26, selbst dann nicht, wenn es sich um einen doch eigentlich marginalen Erzähleinschub handelt, um ein Intermezzo, das innerhalb eines Textes nur „eine Pause bewirken“27 und gar nichts wesentliches zum „Zusammenhang“28 beitragen soll, wenn es also beispielsweise um die Beschreibung eines gewöhnlich keine besondere Aufmerksamkeit erregenden, ‘sich immer ähnlich’29 bleibenden Vorgangs, wie um das Aussteigen einer Person aus einem in den Stadtbahnhof eingefahrenen Zug, um das Überschreiten des Bahnsteigs und das sich anschließende Verlassen des Bahnhofsgebäudes, handelt.

Mit diesem Szenario und dem Widerstand des Szenarios gegen eine Verwendung seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß, beginnt Uwe Johnson einen immer noch lesenswerten und vieldiskutierten Aufsatz, der sich mit dem in seinem Titel genannten Gegenstand deutsch-deutscher Verkehrsverbindung nur mittelbar beschäftigt, sich statt dessen aber mit den Problemen, etwas zu benennen und zu beschreiben, das zwar jeder Leser kennen wird, ein öffentliches Verkehrsmittel und dessen Benutzer und Bahnhöfe, das aber im vorgeschlagenen (Berliner) Zusammenhang eben doch mehr und ganz anderes ist als eine beliebige Stadtbahn, akribisch auseinandersetzt.

Der Name des Schauplatzes, Berlin, ‘funktioniert’, wie ein Verfasser sich das wünschen muß, steht an sich für „eine Groß-Stadt“30 mit den ihr eigenen Verbindungen und Vernetzungen, mit Menschen und deren Beziehungen untereinander, mit Medieneinrichtungen und Kommunikation, mit geschäftiger Aktivität, und natürlich auch mit Nahverkehr und der üblichen Benutzung seiner Einrichtungen: „Der Anblick ist nicht kompliziert. In zutreffende Worte gesetzt sollte er verständlich und beiläufig wirken auf jedermann, der über Anschauung oder Erfahrung für den Begriff Groß-Stadt verfügt.“31 Aber: Diese Großstadt ist eben eine sehr spezielle, sie ist geteilt und zerschnitten, ein Umstand, den Johnson schon durch seine eigenwillige Schreibung des Begriffs ‘Großstadt’ signalisiert: „Die Grenze zerlegt den Begriff.“32

Ein zerlegter Begriff für einen ‘einmaligen’ und ‘unerhörten’ Anblick, ein ‘zerlegtes Wort’, das mühsam eine ‘zerlegte Wirklichkeit’ in sich aufzunehmen sucht, ein Name für eine Stadt, welcher nicht mehr den Charakter einer eindeutigen Benennung, sondern den eines politischen Appells, sogar einer ideologischen Feststellung hat. „Es gibt nicht: Berlin. Es sind zwei Städte Berlin [...]. Berlin zu sagen ist vage und vielmehr eine politische Forderung, wie die östliche und die westliche Staatenkoalition sie seit einiger Zeit aufstellen, indem sie der von ihnen beeinflußten Hälfte den Namen des ganzen Gebietes geben als sei die andere nicht vorhanden oder bereits in der eigenen enthalten.“33

Diese Problematisierung des ‘einen Namens für zwei Städte’, für das vielleicht wichtigste Zentrum des sogenannten ‘Kalten Krieges’, konkretisiert sich am zu beschreibenden Ort zum Zeitpunkt der Niederschrift des Aufsatzes noch nicht unübersehbar in einer Grenze aus Stahlbeton, Stacheldraht, Panzersperren, überwacht von Hunden und Menschen, später auch von elektronischen Gerätschaften und Tötungsanlagen, sondern, so Johnson, in der elektrischen Stadtbahn, „die aus einem dörflichen Ort im ostdeutschen Staat auf die Reise geschickt wird, [...] an der Stadtgrenze [hält] und [...] durchsucht [wird]“34, um von Westberlin nach Ostberlin zu kommen, und auf dem Rückweg vor Westberlin wieder durchsucht werde, um dann „auf einigen Westberliner Bahnhöfen“35 zu halten - und so wird, wie man schon dieser Zusammenfassung entnehmen muß, aus einer eigentlich einfachen und ganz selbstverständlichen Reise (und im Text also auch aus einer Beschreibung dieser Reise), ein politischer Akt, in den sich, wie objektiv der Erzähler oder Berichterstatter sich auch geben möge, immer eine Haltung ‘einschleicht’, die ihm ein Leser wird vorhalten können. Wenn dann noch geschrieben wird, daß„ein junger Mann“ den Zug an einem dieser Westberliner Bahnhöfe verläßt, ein Fahrgast also, der inzwischen „zweimal seinen Ausweis vorgewiesen und die Handtasche zur Kontrolle geöffnet“36 haben könne, dann wird an einer solchen Textpassage sehr deutlich, daßdie Fahrt eher eine Reise37 ist, der Fahrgast aber kann, aufgrund der den politischen Systemen zugrunde gelegten unterschiedlichen Weltanschauungen, die wiederum die Sprache (maß-)regeln, aufgrund also, wie Johnson es nennt, von zwei unterschiedlichen „Informationssystemen“38, „für das eine andere zum Verräter werden“39.

Man sieht: Diese Zustände, wie Johnson selbst sie nennt40, dürfen in einer Beschreibung eines Berliner Stadtbahnhofs, in der Beschreibung des ganz banalen Vorgangs, eine S-Bahn zu benutzen, aber eben nicht eine beliebige, sondern die Berliner, nicht verlorengehen - diese Zustände bilden die eigentliche Geschichte, sind das eigentliche Objekt der Beschreibung, ‘dürfen’ (und müssen) ihren eigenen Begriff verlangen, und zwar nicht, „weil sie pittoresk und intensiv wären, sondern weil sie die Grenze der geteilten Welt darstellen: die Grenze zwischen den beiden Ordnungen, nach denen heute in der Welt gelebt werden kann“41.

Die gewöhnliche Sprache, die an einem solchen Ort immer politische Sprachregelungen wiedergebe, reiche nicht mehr aus: „Eine Grenze an dieser Stelle wirkt wie eine literarische Kategorie. Sie verlangt die epische Technik und die Sprache zu verändern, bis sie der unerhörten Situation gerecht werden.“42

Dieses Zitat führt ins Zentrum einer Poetik, und somit auch ins Zentrum des Erzählproblems ‘Kommunikation’, Uwe Johnsons, der sich in seinen Werken vor „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl I - IV“ hauptsächlich, und auch in der großen Tetralogie noch in wesentlichem Maß, um eine wahrhaftige Beschreibung der deutsch-deutschen Grenzsituation und um das, was diese Grenze ihren ‘Anwohnern’, ihren ‘Bewohnern’ zufügt, bemüht43.

‘Wahrheitsgemäßes’ Schreiben über die Grenze bedeute, das zu Beschreibende, somit auch die Art, wie es beschrieben wird, an den oben schon genannten ‘Informationssystemen’, beziehungsweise „an zwei gegensätzlichen Tendenzen der Wahrheitsfindung“44 zu prüfen. Johnson meint hier nicht nur die üblichen ‘Realitätsverfremdungen und - verzerrungen’, die bei der Wiedergabe von Eindrücken allen Augenzeugen, also auch und erst recht ‘elektronischen’ wie Photoapparaten und Fernsehkameras, willentlich und unwillentlich unterlaufen - er betont vielmehr, daß„diese subjektiv oder technisch verursachten Fehler“45 noch anwachsen, „sobald sie mit der fruchtbareren [und vielleicht furchtbareren] Fehlerquelle der Tendenz verbunden zum Schema werden“46.

Politik und Ideologie verstellen die Wirklichkeit und erschweren es so noch zusätzlich, diese in einen fiktionalen Text dergestalt ‘einzubauen’, daßsie die Fiktion einerseits glaubhafter gestaltet, und andererseits sich diese Fiktion nicht einer Verschleierung der tatsächlichen Zustände schuldig macht, sondern die ‘Wirklichkeit’, hier strikt im außerliterarischen Sinn, in ihr pointiert und ‘kenntlich’ vor das Auge des Lesers gebracht wird - ein hoher Anspruch, dem gerecht zu werden sich Johnson schon in den fünfziger Jahren bemüht hat47. Natürlich gerät ein Verfasser, der sich von den genannten sehr spezifischen Problemen nicht abschrecken läßt (sondern sich im Gegenteil von ihnen ‘angezogen’ fühlt, um einen noch schwachen Begriff zu benutzen), selbst ins Dickicht des Realitäts/Fiktionsgeheges, macht sich selbst der einen, der anderen oder auch noch einer dritten Tendenz verdächtig, denn die von ihm zur Vermittlung und Verdeutlichung der beschriebenen Verhältnisse ‘erfundenen’ Personen haben immer und zwangsläufig mehr mit ihrem ‘Erfinder’ gemein, als diesem (und seinen Lesern) recht sein kann. Auch vermeintlich objektive Quellen können täuschen, zumal sie in aller Regel selbst Teil der einen oder anderen Informationspolitik sind48.

Das Problem des Verfassers sei es, so Johnson, daßer mit seiner Erzählung, durch seinen Erzähler (oder durch seine Personen, die miteinander über ‘ihre’ Auffassungen von ‘Wirklichkeit’ sprechen), wieder ein Schema schafft, das „spezifisch literarische Fehler produzieren“49 könne: „Er [der Verfasser] kann für allgemein halten, was einzeln ist. Er kann typisch nennen, was privat ist. Er kann ein Gesetz erkennen wollen, wo nur eine statistische Häufung erscheint. Unablässig ist er in der Gefahr, daßer versucht etwas wirklich zu machen, das nur tatsächlich ist.“50 Alle genannten Aspekte widersprechen einer möglichst genauen ‘Verarbeitung’ von Wirklichkeit, führen in eine Sackgasse, die im gewählten Thema implizit ist und die eben gerade die Beschreibung einer unspektakulären Angelegenheit, wie eine S-Bahn - Fahrt sie eigentlich vorstellt, schnell beendet. Das Obskure und Einmalige der Berliner Situation, die auch ein Bild für die deutsch-deutsche, sogar für die weltpolitische ist, mußin ihre schriftstellerische Bearbeitung eingehen, führt zu ihrer Komplikation und Verwirrung, vielleicht sogar zu ihrem Scheitern51. Damit ist das Problem des Ausdrucks angesprochen, der ‘auf Widerstände stoßenden sprachlichen Artikulation’52. „Die beiden Herrschaftsordnungen, unter denen entlang der Grenze gelebt wird“53, wirken direkt hinein in das Private, Menschliche und Intime, in Nachbarschafts- und Freundschaftsverhältnisse und in die Worte, die benutzt werden, um von ihnen zu reden, wirken sich also auf die Kommunikation aus und somit, in einem Text, wieder auf die Art, wie sie zu beschreiben sei. Die vermeintliche Nähe, die scheinbare Gleichheit der Sprache - deutsch wird hüben wie drüben gesprochen -, täuscht über die tatsächlich herrschenden großen Unterschiede hinweg, verdeckt ein Kommunikationsproblem, das sich im wahren Wortsinn aus der Differenz zwischen dem, was man sagt, und dem, was man meint, speist. Uwe Johnson veranlassen solche Überlegungen zu der Feststellung: „Echtes Ausland ist selten so fremd“54 - ein Gefühl, das Johnson in „Das dritte Buch über Achim“ besonders in Karsch manifestiert, der ständig mit den Oberflächen von scheinbar bekannten Lebensweisen, scheinbar bekannten Alltags- und Stadtansichten konfrontiert wird, und doch mit den Gegebenheiten in der von ihm besuchten sächsischen Stadt nicht vertraut, ‘nicht warm’ werden kann; das ‘Andere’ ist gegenwärtig und doch so schwer in jene Worte zu fassen, die gewöhnlich beschreiben und resümieren, was einer ganz unterschiedlichen, einer ‘westlichen’ Alltäglichkeit entstammt. Die Sprache droht zu scheitern, nicht mehr zu erfassen, geschweige denn adäquat wiederzugeben, was der ‘anderen’ Wirklichkeit, in diesem Fall jener der DDR, entspricht.

„Mithin führt der Reisende mit sich Namen von Gegenständen, Glaubenssätzen, politischen Verhältnissen, die es nicht gibt, wo er eben aussteigt: deren Namen dort nicht geläufig sind. Da diese Namensgebung parteiisch und wertend verfährt, ist sie ohnehin nicht tauglich für den Text.“55

Johnson konstatiert, es werde den Reisenden Mühe kosten, „sein Zeichensystem dem Bezeichneten adäquat zu verändern, [...] das Zeichensystem des fremden Landes zu erlernen [...] und endlich ein eigenes nach seinen persönlichen Erfahrungen anzustimmen“56. Diese Überlegungen werden in Johnsons Aufsatz natürlich nicht aus philosophischer Muße und etwa ‘ins Blaue’ hinein gemacht, sondern aus poetologischen Gründen - ein Schriftsteller stellt sich selbst die ‘Gewissensfrage’, hier also vor allem die Frage nach der Gewissenhaftigkeit seiner Arbeit, ob er denn auch verantworten könne, wie er ‘über die Grenze’ schreibe.

Der Aufsatz „Berliner Stadtbahn (veraltet)“ mündet, abgesehen von der Frage nach dem Platz des Erzählers, nach seinem ‘verdächtigen’ Standpunkt, sofern er sich einfach voraussetzungslos und ‘göttergleich’57 über seinen erfundenen Schauplatz setzt, in eine nüchterne Schlußfolgerung, die in sich die immense Schwierigkeit vom Schreiben über die beiden Deutschland birgt:

„Ein Text, der sich mit diesem Aspekt des Vorgangs [also dem, das eigene Zeichensystem zu hinterfragen, zu verändern und zu einem neuen und eigenen zu kommen] befassen will, wird eine Sprache gebrauchen müssen, die beide Gegenden in einen Griff bekommt und zudem überregional verständlich ist.“58

Die Bedeutung des Aufsatzes „Berliner Stadtbahn (veraltet)“, der auf Uwe Johnsons im Verlauf seiner ersten USA-Reise an der Wayne-State- University gehaltenen Vortrag „The Berlin Border of the Divided World as a Place of Writing“59 fußt, kann für ein Verständnis der Poetik Uwe Johnsons kaum überschätzt werden. Hier finden sich, in aller Kürze und trotz der Diffizilität und Ernsthaftigkeit (im schriftstellerischen wie im politischen Sinn) des Themas mit geradezu humoristischem Schwung erzählt, alle wesentlichen Aspekte von Johnsons schreibenden Versuchen, das wahrhaftig Geschehende im geteilten Deutschland in seine Erzählungen aufzunehmen und es so, obwohl staunend über die offenkundige Absurdität, einem Begreifen wenigstens näher zu führen. Das geteilte Land ist ein ‘unerhörtes’ Grundproblem, aus dem sich gerade für den Schriftsteller weitere grundsätzliche Probleme der Sprachfindung, des Schilderns, des Beschreibens ableiten. Johnson macht es sich speziell im Roman „Das dritte Buch über Achim“ zur Aufgabe, spezifische ‘Beschreibungsschwierigkeiten’, die sich aus der Tatsache der Teilung, aus der Existenz der Grenze, ergeben, zu beschreiben, wobei dem Problem der Kommunikation (in seinen beiden Bedeutungen) zwangsläufig eine besondere Rolle zukommt - Leben besteht in wesentlichen Aspekten aus Kommunikation, aus Mitteilungen, aus dem Versuch, durch Benennung das Erlebte und Gesehene ‘dingfest’ zu machen, es ‘in den Griff’ zu bekommen und es so aus seiner Komplexität und Verworrenheit herauszulösen. Fatalerweise ist aber gerade der Sprache, ihren Begriffen, den Mitteilungen, der Kommunikation zu mißtrauen - und die Bedrohung des Menschen nimmt, angesichts des (drohenden) Versagens seines Hauptordnungsmittels, existentielle Ausmaße an, wie am Beispiel des kranken und verwirrten Karsch60, aber auch mit Hilfe des dicklichen, unbeweglichen, ständig trinkenden und sich nicht wohlfühlenden, obwohl ‘jungen Herrn B.’61 demonstriert wird. Die physische Unbehaglichkeit der beiden Protagonisten ist ein Symbol für die Krise ihrer Begriffe, ihrer Wahrnehmung eines Landes, das geteilt, zertrennt, in einem ‘unnatürlichen’ und ‘kranken’ Zustand ist, und dem selbst die Sicherheit ‘seiner’ Sprache abgeht - eine ‘Demontage des Bewußtseins’ zeigt sich hier, eine Kriegsfolge, mit der so nicht zu rechnen war.

5. „Das dritte Buch über Achim“ - „damit du überrascht wirst und glaubst zu verstehen“

5.1. Grundsätzliches

62 Johnsons zweiter veröffentlichter Roman63, tatsächlich sein drittes Buch, sorgte bei seinen ersten Lesern für Aufsehen64 und ist bis heute einer der wichtigsten literarischen Texte über die ‘ganz nahe, ganz fremde’ DDR65 - seit Beginn der neunziger Jahre mußdieser Roman sogar in einem ganz praktischen Sinn als ‘benutzbar’ gelten, für jene inzwischen heranwachsende Generation ehemaliger West- und Ostdeutscher, welche mit der DDR nur noch Erinnerungsschemen ihrer Kindheit verbinden, aber keine rechte Vorstellung mehr davon haben, welche Bedeutung diesem besonderen Land nicht nur in politischer, sondern vor allem in ganz menschlich-emotionaler Hinsicht zukam. „Das dritte Buch über Achim“ bildet, zusammen mit seinen Vorgängern „Mutmassungen über Jakob“ und „Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953“ eine ‘historische Trilogie’ im besten Wortsinn, eine Trilogie, innerhalb welcher auf einen ‘Roman des Sehens’66 ein ‘Roman des Sprechens’67, und auf diesen wiederum ein ‘Roman des Schreibens’68 folgt, eine Trilogie, die sich durch einen schärferen Blick ‘über die Grenze’ auszeichnet und die ein genaueres Bild vom Leben in und mit der DDR vermittelt, als manche trockene geschichtswissenschaftliche Monographie. Alle drei Romane haben die DDR zum Schauplatz, doch die Perspektive ist in „Das dritte Buch über Achim“ erstmals eine stringent westliche, ein Umstand, der dem Buch eine nahezu ethnologische Dimension verleiht. Karsch, ein Journalist, reist aus Hamburg in eine große Stadt in Sachsen, die als Leipzig identifizierbar ist. Die Reise wird zunächst ‘in eigener Sache’ unternommen, als Besuch seiner Freundin und ehemaligen Geliebten Karin, doch der Freundschaftsbesuch ändert seinen Charakter, als Karsch von ‘offizieller’ (DDR-)Seite damit beauftragt wird, ein Buch über den berühmten Radrennfahrer Achim zu schreiben. Karsch ist ein westdeutscher Observator der Lebensumstände in der DDR; er observiert aber nicht im Sinn einer ‘geheimdienstlichen Agententätigkeit’, sondern zunächst beiläufig und einfach um Verständnis bemüht, schließlich mit professionellem und doch immer etwas unentschlossen wirkendem Habitus - und mußsich schließlich das Scheitern seiner Bemühungen eingestehen. Das ‘andere’ Deutschland bleibt fremd, die Biographie Achims, die zu viele Ziele verfolgt, zu unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden soll und nicht einfach ein Stück Nachkriegsgeschichte, sondern auch ein Stück (unbewältigter und unverstandener) Kriegsgeschichte spiegelt, kann nicht zu Ende geschrieben werden, und das Ende des Romans (das eigentlich sein Anfang ist) zeigt Karsch mit vielen offenen Fragen zurück im heimischen Hamburg.

Mit seinem Roman „Das dritte Buch über Achim“ zeigt sich der ‘umgezogene’ Schriftsteller Uwe Johnson einmal mehr als ‘Grenzüberschreiter’ und „Registrator“69, als hochartifizieller Historiograph einer in fiktionale Form gegossenen Wirklichkeit, die er selbst erlebt hatte und die sich ‘im Westen’ doch niemand so richtig vorstellen konnte oder, schärfer im Sinn des Romans formuliert, von der sich nur wenige ‘einen Begriff’ machen konnten. Die ersten Seiten des Romans münden in eine kursiv gesetzte Frage, die trotz oder gerade wegen ihrer Eindeutigkeit Erklärungsnöte auslöst, in welche Karsch während seines DDR-Besuchs gerät und die ihn auch im Anschlußan diese Reise nicht verlassen, die zugleich symptomatisch sind für jeden, der versucht, über das ‘andere Deutschland’ in schriftlicher oder mündlicher Form zu kommunizieren:

„ Wie war es denn? “ 70

5.2. Die doppelte Umsetzung von ‘Kommunikation’

Die in der Einführung genannten beiden Bedeutungen des Begriffs ‘Kommunikation’ finden sich in Johnsons Roman „Das dritte Buch über Achim“ eingearbeitet, wobei die eine Bedeutung, das ‘Zueinanderkommen’, im vorliegenden Fall also die Reise Karschs über die innerdeutsche Grenze nach Sachsen, das Initial der romanhaften Handlung bildet, und die andere Bedeutung, das ‘miteinander sprechen’ und, darauf aufbauend, der Versuch, einander zu verstehen, sich leitmotivisch durch den gesamten Roman zieht und seinen Gang strukturiert.

Die erzählerische Realisierung der beiden Bedeutungen wird im folgenden, einer größeren Klarheit geschuldet, in gesonderten Unterkapiteln dargestellt. Dabei darf nicht übersehen werden, daßbeide Bedeutungen eng miteinander verknüpft sind und, gerade im untersuchten Beispiel, einander bedingen.

5.2.1. Die Reise - Erfahrungen in einem ‘anderen’ Land

71 „[...] der zweite Roman [...] beschreibt die Situation ‘drüben’, in der DDR, oder genauer: er handelt von der fast unausmeßbaren Entfernung, welche diese Grenze zwischen den beiden Deutschland eingerichtet hat. Deshalb erzählt der Roman die Geschichte eines Besuchs, der von Westen nach Osten fährt.“72

„Das dritte Buch über Achim“ beginnt, salopp formuliert, mit seinem Ende73 - der heimgekehrte Karsch legt sich selbst und einem nicht genauer bezeichneten, nur durch seine kursiv gesetzten Fragen und ‘Zwischenrufe’ in Erscheinung tretenden anderem Westdeutschen74 gegenüber Rechenschaft ab und muß, gleich zu Beginn dieses Versuchs, Unsicherheit ‘kleinmütig’75 eingestehen, da die Reise, über die es zu berichten gilt, eben keine gewöhnliche, sondern eine ‘innerhalb’ des durch eine Grenze getrennten Deutschland ist - und so ein nahezu unglaublicher politischer Umstand ‘zwischen’ den Menschen steht und sich zugleich ‘vor’ eine schlichte Berichterstattung schiebt. Es ist, das wird dem Ich-Erzähler, der sich auf den ersten Seiten des Romans teils Karsch, teils aber auch Karin personal nähert, gleich zu Beginn seiner Beschreibung klar (und auf diese Weise auch dem Leser verdeutlicht), ganz etwas anderes, von einer Reise zum Beispiel nach Italien zu erzählen, als von einer, die den Reisenden von Hamburg nach Leipzig, hinter die ‘lange Grenze, die drei Meilen vor der Küste anfängt’ und den ‘freundlichen Strand der Ostsee’ entstellt76, führt.

Der Telephonanruf, „die Verbindung [...], die eigentlich undenkbar war und nicht möglich“77, der Karsch zum Aufbruch aus Hamburg veranlaßt, wird auf ein ‘doppeltes Ja’78 reduziert erzählt - ein ‘Gespräch’ als Chiasmus, das in seiner Kürze den ‘vertrunken-verwirrten’ Zustand Karschs ebenso zeigt, wie seinen einzigen entscheidenden Gegenstand, nämlich die Tatsache, daßKarsch ohne große Worte zu einer Reise über die „Demarkationslinie“79 bereit ist.

Auch der private Charakter des Besuchs wird schon allein durch den Umstand, daßam anderen Ende der Leitung eine Frauenstimme spricht, zumindest impliziert -wenngleich die vorhergehenden, an einen Spionageroman erinnernden Beschreibungen vom Weg des Gesprächs durch die Telephondrähte über die Grenze hinweg eine ‘politische Hintergrundillustration’ liefern.

Die sich an die ‘Gesprächsschilderung’ anschließenden stichwortartigen Erläuterungen zu Karschs Person bleiben im Konjunktiv, bleiben Mutmaßungen, die dem Erzählanfang etwas nebulöses und vages verleihen. Diese konjunktivische Erzählhaltung setzt sich bis zur Mitteilung von Karschs Abreise fort, verrät mögliche Verwirrung der Zurückgebliebenen und verweist außerdem auf das Affektive der Reiseunternehmung:

„Er [Karsch] soll von einem Augenblick auf den anderen abgereist und verschwunden sein, als sogar seine Freunde noch zuversichtlich das Telefon an sich zogen, seine Nummer wählten und beim ersten Pfeifton unverändert gewißwaren er werde die linke Hand von der Schreibmaschine nehmen unachtsam den Schallarm abheben und ans Ohr holen, da er den Blick nicht vom Geschriebenen entfernte (so hatten sie ihn beobachten können): Karsch.“80

Karsch ist also nicht nur abgereist, er ist ‘verschwunden’: deutlicher läßt sich kaum ausdrücken, daßeine Reise von Hamburg nach Sachsen eine Entfernung meint, die zum Verblassen des Reisenden führt, zu seinem Verlust. Zur Bekräftigung diese Umstands schreibt Karsch, als drei Wochen der erzählten Zeit vergangen sind, einen Brief nach Hamburg, in welchem er seine „zurückgelassenen [sic!] Freunde“81 bittet, „sie möchten doch seine Wohnung in Ordnung halten und gelegentlich benutzen, damit sie sich nicht ausschaltete: als wolle er [Karsch] Telefon Gaszufuhr Elektrizität gleich zur Hand haben und weiterhin erwartet werden; [...] Der Ton war gleichmütig, die Unterschrift unzweifelhaft die von Karsch. Aber nach einiger Zeit war er so unverständlich entfernt, daßsie nicht einmal mehr über ihn reden mochten.“82

Die Freunde sind ‘zurückgelassen’, die Entfernung ist ‘unverständlich’, ganz so, als befände Karsch sich auf einer Reise zu einem anderen Planeten. Die geradezu verstörende Dimension der Entfernung ist keine einseitige, also eine, die nur von den hamburger Freunden empfunden wird. Erst allmählich („Er kam sich vor wie zu Besuch, er meinte: morgen noch nicht aber nächstens fahre ich zurück.“83 ), dann, mit Fortschreiten der Dauer seines Aufenthalts, immer deutlicher („Also blieb er noch [aus ‘Neugier auf dieses Land’]. Für eine Weile: dachte er.“84, und im Zusammenhang mit der ‘Schreibmaschinen-Episode’85: „Warum er das Land noch nicht verlassen wollte weißer nicht mehr; [...] die erste Lösung eines Rätsels, die verlangte eine folgende und würde ganz verloren gehen mit größerer Entfernung. [...] Nicht anders als träge schrieb er seinen zurückgelassenen Freunden den Brief, mit dem er ihnen seine Wohnung anempfahl86, und vergaßihn.“87 ) verschwindet für Karsch in der DDR sein ‘Gefühl für Hamburg’, bemerkt Karsch, daßsein ‘Besuch’ eher einer ethnologischen Expedition mit ungewissem Ausgang und sogar ungewisser Rückkehr gleicht. Nicht nur Karsch ist gleichsam ‘aus der Welt’, ‘seine Welt’ ist auch für ihn verschwunden. Die Zitate belegen, daßdie ‘Entfernung’ (im gegenständlichen wie im abstrakten Sinn), als mahnende Erinnerung in den Gefühlen und Gedanken Karschs vorkommt - aber so indirekt und ‘unbewußt’, geradezu unwillig, Karsch sie wahrnimmt, so knapp wird sie erzählt.

Wesentlich deutlicher tritt diese Entfernung aus den Beschreibungen der Szenerie, des Alltags in der DDR hervor. Karsch geht „locker und neugierig und westdeutsch“88 durch die sächsische Stadt, und die ‘Zwischenfrage’ „ Verhielt er sich auf dieser Reise anders als auf seinenüblichen?89 veranlaßt den Erzähler zu einer Erläuterung der unbefangenen und geradezu naiven Art, mit der Karsch in diese ‘mehr als benachbarte’ und doch so weit entfernte Stadt gekommen ist: „Karsch nahm es auf mit dieser Stadt wie mit allen denen seiner Welt, die er besucht hatte nach dem Krieg“90. Und doch ist Karsch sensibel, vielleicht auch nur akribisch genug, um zu begreifen, daßdiese Stadt ganz anders und nicht eine ‘seiner Welt’ ist, denn er sieht auf seinen Stadtrundgängen zwar den äußeren Anschein, auch die „Bombenlücken“91, bemerkt aber dennoch, „daßer nichts verstehen werde mit Vergleichen [...]: dies war etwas für sich allein und zu erfassen nur von sich aus; er kannte es nicht“92.

Dieses ‘Gefühl von Fremde’ verankert sich in den Möglichkeiten, von, über und in dieser Fremde zu sprechen, von Möglichkeiten also, die sich in der DDR als (zunächst erstaunlich) eingeschränkt und verzwickt zeigen. Schon früh weist der Text nicht nur auf die unterschiedlichen ‘Oberflächen’, auf unterschiedliche Ansichten hin, sondern auch auf unterschiedliche Begriffe und Worte, kurz: auf eine andere Sprache. Als Karsch auf dem Weg zu Karin ist, auf der Autobahn, erinnert er sie und ihre inzwischen ganz getrennten Lebenssphären in einer bezeichnenden Weise: „Erst in der letzten Zeit hatte sie [Karin] sich offenbar daran gewöhnt daßer in seiner Entfernung von sechshundert Kilometern geduldig bereit war zu Auskünften über seinen Tagesablauf und zu Gesprächen über die Freunde, die sie gemeinsam hatten aus der Zeit eines möblierten Zimmers in einer Parkstraße von Westberlin: als wohnten sie in einer Stadt nebeneinander und hätten gleiche Worte für Vergleichbares.“93 Die ‘Worte’ sind nicht mehr gleich, und ob es überhaupt Vergleichbares gibt, ist zumindest fragwürdig.

Wenige Seiten weiter heißt es noch klarer, wieder bezogen auf Karsch, der einmal mehr eine Ruine in Augenschein nimmt: „[...] solche Fremdheiten überkamen ihn oft in den ersten Tagen, er fand sich nicht in die Sprache des Landes.“94

Die kleine Geschichte über ein norwegisches Waschmittel, das Karsch in einem Idiom, das norwegisch klingt, in Norwegen erhält, und die Karschs Absicht gemäßeigentlich Ähnlichkeit „aller Städte seiner Welt“95 demonstrieren soll, führt im Gegenteil diese ‘Ähnlichkeitstheorie’ am Beispiel von zwei in ihrer Substanz doch gleichen Sprachen vollends ad absurdum. Alles ist anders in der DDR, „offenbar aßund trank man nicht das selbe, [...] es gab andere Mengen und Arten von Autos“96, und wenn, ‘selten’, es etwas ‘gemeinsames’ zu betrachten gebe, dann erinnere es „an die gemeinsame Vorgeschichte der beiden deutschen Staaten“97, und somit, ist hier zu ergänzen, auch daran, daßes inzwischen zwei sehr getrennte Geschichten gibt.

Das ‘Waschmittel-Kapitel’ endet mit einer direkten Reflexion über die ‘andere Sprache’ und verweist zugleich, erstmals im Romantext, auf das unausweichliche Scheitern Karschs an einem Auftrag, den er in diesem Anfangsstadium des Romans noch gar nicht erhalten hat, von dem weder er noch der Leser weiß. Diese Reflexion über die unterschiedlichen Sprachen erfüllt hier außerdem die Funktion, auf ihren besonderen Problemkontext im Rahmen eines fiktionalen Textes zu verweisen, auf die Notwendigkeit für einen solchen Text, das Sprach- und Ausdrucksproblem, also das Kommunikationsproblem, in seinen ästhetischen und diskursiven Kern zu stellen. Die Kommunikation wird zu einem wesentlichen Thema des Textes, also auch zu einem der wesentlichen Erzählprobleme bei seiner Verfertigung. Über Kommunikation zu erzählen, also anders ausgedrückt über Kommunikation zu kommunizieren, erscheint wie ein literarischer Salto und ist nur möglich, wenn das Personal des Romans oder wenigstens einer der Protagonisten selbst immer wieder über Sprache(n) nachdenkt, über vermeintlich Vergleichbares und doch ganz Verschiedenes. Ein solches ‘Problembewußtsein’ realisiert Johnson in Karsch, wenn er seinen Erzähler, der sich hier wieder einer personalen Erzählhaltung Karschs annähert, folgendes berichten läßt:

„Die Sprache, die er [Karsch] verstand und mit der er verständlich über den Tag gekommen war, redete ihn noch oft in die Täuschung von Zusammengehörigkeit hinein, wieder hielt er beide Staaten für vergleichbar, wollte in Gedanken sie reinweg zusammenlegen, da doch ein vergessenes Ladenschild oder die Sprache oder das vertraute Aussehen öffentlicher Gebäude in einem Land an das andere erinnerten [sic!]; dann aber gingen die Ähnlichkeiten nicht auf in einander: die golden und schwarz aufgemalte Zigarettensorte hatte man dort vor fünfzehn Jahren zum letzten Mal kaufen können, die öffentlichen Gebäude regierte ein anderes Gesetz, dessen Sprache nämlich ordnete das Bild der Straße und nicht das Gespräch der Leute, die da gingen oder hier aus den Häusern niederblickten in der kühlen ruhigen Luft des Abends auf Kissen gestützt und redend: die Sprache der staatlichen Zeitungen verstand Karsch nicht.“98

Kein Zufall ist es, daßdiese Gedanken in einer Situation entstehen, in der Karsch, Karin und Achim, die ja auch ein ‘erotisches Dreieck’ bilden99, in eine ‘Verständnisschwierigkeit’ geraten, die der bedächtige Achim eher ‘nebenher’ löst. Die „Täuschung von Zusammengehörigkeit“ meint auch das ‘täuschende’ und in sich nicht aufklärenden ‘Zwischenfarben’ bewegende Geflecht der Beziehungen der Bestandteile des ‘erotischen Dreiecks’ untereinander, aber schon im nächsten Teilsatz dringt die Politik in die Erwägungen ein, zeigt ihre in den geschilderten Beziehungen und Zuständen dominante Rolle.

Besonderes deutlich wird Karschs Rolle als ‘Forschungsreisender’, als Stellvertreter der westlichen Leser des Romans, wenn Szenen des Alltagslebens, auf den Straßen, in Lokalen100 oder Geschäften stattfinden. Beispielhaft sei hier nur die berühmte „Schreibmaschinen-Geschichte“ genannt, der schon Baumgart in seinem zeitgenössischen Funk-Essay die Veranschaulichung eines ‘chinesischen’ (also fern - östlichen) „Zeremoniell[s] von Formalitäten und Rücksichten“101 bescheinigt.

Der Entschluß, eine Schreibmaschine zu kaufen fällt im Roman als Bekräftigung von Karschs Beschluß, es mit einer Beschreibung von Achims Leben zu versuchen. Karin sagt bei einem Bummel durch die Stadt doppeldeutig, Karsch solle sich ‘mal’ entscheiden, und der Erzähler beendet den vorhergehenden Absatz102 mit der nüchternen und auf die folgenden Komplikationen, die in ihrer schon surrealistischen Absurdität jedem Satiriker Ehre machten, absolut nicht hinweisenden Feststellung: „Karsch wollte eine Schreibmaschine kaufen gehen.“103 Darauf ‘ruft’ der anonyme ‘Zuhörer’ überrascht (und, wie gewöhnlich, kursiv) dazwischen: „ Er hatte doch zu Hause eine stehen!104, ein Ausruf, der in seiner Heftigkeit das Unverständnis des ‘Zuhörers’ ebenso zeigt wie eine wider besseres Wissen105 artikulierte Befürchtung, Karsch gehe nun endgültig in der DDR verloren, beschaffe sich dort schließlich nicht nur Unterkunft und Bekanntschaften, sondern auch Arbeitsgerät. Wie zur Beschwichtigung erläutert der Erzähler, Karsch hätte bei einer Ausreise zur Einholung der heimatlichen Schreibmaschine seine Aufenthaltsgenehmigung verloren.

Diese, genau betrachtet, ohnehin nicht sehr befriedigende Erklärung106 wird zusätzlich entkräftet durch den Erzählerhinweis, Karsch wisse nicht mehr, weshalb er das „das Land noch nicht verlassen wollte“107, und durch sich anschließende Mutmaßungen des Erzählers über mögliche ‘Bleibegründe’ Karschs.

Die Geschichte vom Kauf der Schreibmaschine, die nach einem harten Perspektiv- und Stilwechsel unter der Zusatzüberschrift „Versuch: eine Schreibmaschine kaufen“108 in nahezu idyllischem Tonfall beginnt109, ist eine Karin, Karsch, das Geschäft und nicht zuletzt die gesellschaftlichen Verhältnisse satirisch beschreibende Miniatur110, deren politische Bewandtnis sich in den zum Verkauf stehenden Bürogerätschaften manifestiert - in dem ‘fremden’ Land DDR ist alles verdächtig, was sich zum Äußern einer, und sogar noch eigenen, Meinung eignet, ist respektive jeder, der sich solche Geräte verschafft, potentieller Staatsfeind. Die reichlich manieriert erscheinende Verkaufsverhandlung wird durch „lautes sächsisches Gespräch“111 unterbrochen, und es erscheint jemand, der sich nun tatsächlich verdächtig macht, indem er nach einer Kopiermaschine fragt und dem Verkäufer sogleich zu verstehen gibt, daßer ihm die „Nummer vom Personalausweis“112 nicht anvertrauen wolle.

Um diese Vorgänge richtig einzuordnen ist es nicht von Belang, daßdiese Personalausweisnummer „nur beim Kauf von Schreib- und Rechenmaschinen abgefordert werde für die Archive der Polizei“113, so die Erklärung des Verkäufers - wesentlich ist allerdings, daßsolche Sitten in solchen Ländern existieren und hier, in einer „unnötigen Geschichte“114, die alles andere als das ist, beschrieben werden. Die „Schreibmaschinen- Geschichte“, von einem ‘über den Dingen’ schwebenden Erzähler, der sich sogar den Luxus auktorialer Züge leistet, dargeboten, erfüllt nicht nur die Funktion, textimplizit Karsch (und textexplizit dem Leser) zum wiederholten Mal vor Augen zu führen, wie anders die DDR, verglichen mit der Bundesrepublik, ist, wie sehr sich sogar Verkaufsgespräche in einem Land, dessen zwei Teile gegensätzlichen und einander tendenziell negierenden Weltanschauungen gehorchen, unterscheiden, sondern sie liefert zugleich ein humoriges115 Beispiel für einen der vielen kleinen (und größeren) Steine, die Karsch in den Weg gelegt werden und die eine Erfüllung seiner Aufgabe zunächst erschweren, dann, in ihrer Summierung, sogar scheitern lassen. Karsch benutzt im Fortgang der Handlung Achims Schreibmaschine - ein ‘Held des sozialistischen Sports’ ist natürlich über jeden Zweifel an seiner Integrität erhaben, besitzt alle begehrten Geräte, wenngleich ohne sie zu nutzen. Achim ist in jeder Hinsicht privilegiert - von der Gleichheit aller Menschen, einem Ideal (nicht nur) sozialistischer Staatsverfassungen, ist nichts zu merken.

Achims von Karsch benutzte Schreibmaschine ist, enthebt man sie ihrer reinen Gegenständlichkeit für die Erzählung, ein Symbol für das Bemühen eines Westdeutschen, die ‘ungewöhnliche’ ostdeutsche Umgebung schreibend zu systematisieren, Symbol eines weiteren und letztlich wieder vergeblichen Versuch Karschs, „mit der Gegend ins Benehmen“116 zu kommen. Karsch macht sich ernsthaft an die Arbeit, doch lapidar lautet ein erster Kommentar, jetzt wieder aus Karschs Perspektive: „Mit der Leserlichkeit ging es an.“117 Nicht weniger, aber auch nicht mehr - und daßmit dieser ‘Leserlichkeit’ nicht nur die Typographie von Achims Schreibmaschine gemeint ist, sondern auch die Leserlichkeit des Anfangs seiner Biographie, sowie, im metaphorischen Sinn, die ‘Leserlichkeit’ und ‘Lesbarkeit’ von Karschs immer noch neuen und ihm immer unbehaglich bleibenden Umwelt, ist evident. Die Parallelerzählung „Eine Reise wegwohin“118 beschreibt Karschs Unbehaglichkeit, aber auch sein Bewußtsein von dieser Unbehaglichkeit mit Worten, die auch einen Gemütszustand schildern, der bis in die heutige Zeit für ‘Westdeutsche’ in ‘Ostdeutschland’, für ‘Ostdeutsche’ in ‘Westdeutschland’, manchmal zuzutreffen scheint: „[...] die Ansichtskarten gaben mit Baudenkmälern Nachricht wo er war, er war da nicht. Nicht mit dem Fußauf dem Schuhputzerbock, mit Würstchen in der Hand, nicht mit den leichten Münzen in der Hosentasche fand er in den Alltag. Er blieb auf der Durchreise.“119

Und in dieser ‘chinesischen’ Fremde soll Karsch eine Sprache für die Beschreibung eines Lebens finden, die diesem Leben und seinen Umständen ebenso gemäßwird, wie sie es in einen ganz anderen Lebensraum, in dem ganz andere sprachliche Begriffe dominieren, transportieren soll. Eine unmögliche Aufgabe, wie Karsch spätestens im Anschlußan die Ereignisse im Büromaschinen - Geschäft ahnt, und nur zu gern scheint er sich ‘von warmen Westwinden’120 zur Rückfahrt verleiten lassen zu wollen, um sein Vorhaben zu vergessen121. Doch geradezu vorwitzig schaltet sich der ‘Zuhörer’ vor dieses ‘erste Ende’ der Erzählung, mit einer Frage, die den fiktionalen Rahmen der Dialogsituation zwischen ihm und Karsch beinah zum Bersten bringt, die das Spiel zwischen Narration und Meta - Narration fast übertreibt:

„ Und wieso sind es dann noch so eine Masse Seiten? “ 122

5.2.2. Beispiele für ‘Gespräche’ am angegebenen Ort

„Was sparsam ist an dem Gespräch ist nicht gemeint als angenehme Spannung; es liegt aber an der Erzählung. Denn: kommt einer dahin, begreift er nichts, alles in diesem Land will für sich angesehen werden und zeigt sich nicht im Vergleich, er spricht die Sprache und kann sich nicht verständlich machen, sie haben da anderes Geld und andere Regierung: damit soll er sich eines Tages vereinigen; was tut der Besucher? der fragt, der redet in einem mehr als hier steht.“123

Die zweite wesentliche Säule des Romans „Das dritte Buch über Achim“ bilden, von der ‘grenzüberschreitenden’ Gesamtsituation abgesehen, seine Gespräche, wobei im Mittelpunkt immer die Gespräche zwischen Karsch, Achim und Karin stehen.

Auf die den Roman einrahmende, umstritten zu bewertende ‘Dialogsituation’ zwischen dem durch ein kursives Schriftbild kenntlich gemachten ‘Zuhörer’ und einem Berichterstatter, der unschwer als der heimgekehrte Karsch zu identifizieren ist, wurde bereits eingegangen; zusammenfassend bedeutet dieser erzählerische Rahmen, daßder gesamte Roman eine dialogische, also einer kommunikativen Szenerie entstammende Grundstruktur aufweist.

Johnsons Manier, Gespräche zu verrätseln, indem der Leser weitgehend im Unklaren darüber gelassen wird, wer gerade spricht, läßt sich besonders klar dem Roman „Mutmassungen über Jakob“124 ‘entlesen’. Einen wesentlichen Beitrag zu der Unsicherheit des Lesers, wessen Äußerungen er gerade liest, leistet Johnsons Verfahren, in Gesprächen nicht die üblichen diakritischen Zeichen zu benutzen, sondern auch bei längeren Dialogen den Redeeinsatz mit einem ‘Gedankenstrich’ zu kennzeichnen125 - ein Kunstgriff, der allen Dialogen zusätzlich eine gewisse ‘Innerlichkeit’, etwas ‘Monologisierend-Reflektierendes’ gibt.

Dieser Methode bleibt Johnson auch in „Das dritte Buch über Achim“ treu - obwohl Dialoge hier, gemessen an „Mutmassungen über Jakob“, zugunsten von reflektierenden Beschreibungen und nahezu essayistisch-journalistischen Einschüben, die vor allem auf Karschs Reportage-Stil verweisen126, etwas in den Hintergrund treten.

Im folgenden werden einige dem Roman „Das dritte Buch über Achim“ entstammende Gesprächssituationen als Beispiele für ‘erzählte Kommunikation’ dargestellt und analysiert. Eine solche Analyse verdeutlicht, daßdie Gespräche ein tieferes Verstehen zwischen den an ihnen beteiligten eher verhindern als befördern - ein Problem, das zwar auch, aber nicht ausschließlich aus der Spezifik des geschilderten Orts resultiert; es gehört darüber hinaus zu dem von Johnson häufig thematisierten Phänomen, daßMenschen schon aufgrund ihrer Subjektivität und Individualität, aufgrund ihrer ‘Persönlichkeitsunterschiede’, nur sehr unvollkommen, und dann meist dem Fluch des Mißverständnisses unterliegend, miteinander kommunizieren können und wollen.

Das erste Gespräch, das Karsch nach seiner plötzlichen Abreise führt, findet im wahren Wortsinn ‘auf der Grenze’127 statt und wird in indirekter Rede zusammengefaßt wiedergegeben. Karsch trifft auf jene starren Formeln der Grenzpolizei, auf die höflich- dürren Floskeln, die jedem Besucher der DDR mit der Zeit geläufig wurden, und fährt anschließend „etwas mürrisch im nachmittäglichen Staub und Grasduft“128 weiter. Solche bis 1989 immer alltäglicher werdenden ‘Grenzgespräche’ eignen sich kaum zur direkten Wiedergabe - sie finden an einem ‘Ort zwischen den Orten’ und also gleichsam ‘hinter einer Wand’ statt, sie sind ungewollt, werden beiden Seiten durch die Anwendung von Dienstvorschriften, Ideologien, Zwängen und Verpflichtungen aufgedrängt, dienen ohnehin nicht einer landläufigen Verständigung, sondern einem nunmehr verbalen und ‘geistigen’ Fixieren der Grenze - der Besucher ist nicht eigentlich erwünscht, er hat sich zu benehmen, wie man ihm sagt, er ist hier nicht mehr der Mensch, der er vorher war. Ein solches Gespräch dient vorrangig der Mahnung - einer Mahnung, die so indirekt und dennoch deutlich ist wie das kurze ‘Grenzgespräch’ im Roman.

Die nächste, erwartungsgemäß‘typische’ kommunikative Situation, die sich unmittelbar an die Schilderung vom Grenzübertritt anschließt, ist das Wiedersehen mit Karin. Aber: zumindest im Roman „Das dritte Buch über Achim“ werden Lesererwartungen von herzlicher, vielleicht stürmischer Begrüßung herb enttäuscht. Bezüglich der Begrüßungsszene lohnt sich ein direkter Vergleich des Romans mit der Erzählung „Eine Reise wegwohin, 1960“. Vorwegnehmend ist festzustellen, daßein fremdes und ‘enttäuschtes’ Gefühl in beiden Texten, jeweils sowohl implizit wie explizit, aus der Szene resultiert - trotzdem hat diese ‘Enttäuschung’, die aus der Beiläufigkeit und Kälte des Ablaufs der Begrüßung erwächst, unterschiedliche Aspekte.

Im Roman heißt es unmittelbar vor Karschs Ankunft: „Ihre [Karins] Einladung war beiläufig gewesen und ohne Freundlichkeit und erklärt mit nichts.“129

Auch die Erzählung verzeichnet die ‘Zufälligkeit’ von Karins Anruf130, enthält sich aber weiterer Einschätzungen, so daßder Leser einen etwas ‘helleren’ Eindruck von dem bevorstehenden Treffen erhält.

Die eigentlichen Minuten der Ankunft, das Abstellen des Autos vor dem Haus, in dem Karin wohnt, eine Beschreibung des Hauses selbst, werden im Roman ausführlich erzählt, mit einem Blick für Details131, vor allem aber auch mit einem Schwenk der Erzählsituation auf Karin, die dazu dient, ihre ‘Enttäuschung über Karschs Mißtrauen’132 auszudrücken. Solche Beschreibungen, nicht nur des ‘äußerlichen’, sondern auch des ‘innerlichen’ Geschehens, fehlen der Erzählung „Eine Reise wegwohin, 1960“. Hier heißt es lapidar: „Die Ankunft ließsich privat an. Man umarmt sich nach der langen Zeit.“133 Das klingt nach der Einleitung eben der erwarteten überschwenglichen Begrüßung - aber schon das unpersönliche, steife und ‘redensartliche’ Pronomen verrät, daßEntfernung und Fremdheit hier dominieren, und auch im weiteren Verlauf die Erzählung kennzeichnen werden. Einen Dialog zwischen Karsch und Karin verzeichnet die Erzählung nur indirekt, das zwischen den beiden ehemals einander Liebenden Gesagte bleibt vage und erscheint ‘gezwungen lässig’. Karsch lehnt ein Getränk zunächst ab, nimmt es dann, der erzählten Zeit gemäßnur einige Minuten später, doch an - es entsteht der Eindruck, hier ‘beschnüffelten’ sich zwei Menschen, die sich zwar sympathisch sind, die aber durch mehr als nur einen gewissen Trennungszeitraum voneinander entfernt sind.134 Diese erste ‘Kontaktphase’ mündet in einen desillusionierenden Gedanken, der unschwer als Gedanke Karschs zu identifizieren ist: „[...] und nach einer Weile saßen sie so unaufmerksam nebeneinander wie in der Zeit, die auf ihre Trennung gefolgt war, gegen seinen Willen“135. Hier wird eine alte Wunde Karschs berührt. Er fühlt sich nicht an ‘die guten alten Zeiten’ erinnert, sondern an die schlechten. Der Eindruck von Fremdheit, der Karschs Zeit in der DDR überschattet, ist also kein rein politischer, erklärt sich nicht allein aus den ‘sichtbaren’ Umständen, sondern kündigt sich hier auch als Teil des Privaten an, schiebt sich zwischen ehemals miteinander vertraute Menschen.

Im Roman wird die gleiche Szene ebenfalls sehr kühl beschrieben, erhält aber aufgrund der genauen Beschreibung des Zimmers und mehr noch des Aussehens Karins einen nicht ganz so deutlich herben Unterton. Karsch sieht Karin mit Distanz, aber auch mit Wärme, ist schließlich von der Ähnlichkeit, die sie mit seinem erinnerten Bild von ihr tatsächlich hat, ‘überfallen’136. Der Unterschied zwischen den erzählten Aspekten des Wiedersehens von Karsch und Karin manifestiert sich in den unterschiedlichen Schlußfolgerungen, die Karsch im Roman und in der Erzählung zieht: Hier mündet der Bericht von seiner Begegnung mit Karin in einen massiven Bruch der erzählten Zeit, einen Vorgriff, der mit den Worten ‘am Ende der dritten Woche’137 einsetzt, dort in den traurigen Satz: „Er [Karsch] entschloßsich, höchstens eine Woche zu bleiben.“138

Beide Beschreibungen zeigen übereinstimmend, wie sehr sich das Verhältnis zwischen Karsch und Karin verändert, abgekühlt, hat. Es gibt eine Grenze zwischen den beiden, die sich aus den ‘Bausteinen’ Zeit, politisches System und, nicht zu vergessen, Achims Person zusammensetzt. Im Roman weißKarsch, es komme auf ihn selbst „gar nicht an“139 (sondern an seiner statt auf Achim), in der Erzählung ist Karsch „unbehaglich [...] vor der Begegnung mit dem Radrennfahrer Achim T. [...]“140.

Johnson gelingt es, wie die beiden analysierten Textauszüge belegen, private und politische Elemente, die Entfremdung bedeuten, kunstvoll miteinander zu verbinden. Seine Protagonisten kommunizieren miteinander, allerdings nicht im offenen und Mißverständnisse möglichst ausräumenden, direkt wiedergegebenen Gespräch, sondern in einer eher non-verbalen Form des Beobachtens, des Erinnerns, des Vergleichens, des Taxierens. Die Zwischenfrage „ War sie [Karin] verändert?141 veranlaßt den Erzähler, aus der Erzählsituation Karschs heraus ausweichend zu antworten: „Sie war veränderlich“142. Der Versuch, eben diese Veränderungen in Worte zu fassen, endet mit der sprachkritischen und Karschs Ungewißheit verratenden Feststellung: „[...] die Worte vergleichen und sind offen nach überallhin“143. Hier mißtraut ein Journalist seinen eigenen Fähigkeiten, hier zeigt er, wie ihm sein ureigenes Handwerkszeug zu entgleiten droht. Karin „war vergnügt sich kenntlich zu machen auf eine nicht wörtliche Art. Das ist nicht genauer“144, verweist aber einmal mehr auf das Grundproblem Karschs, das der Roman darstellt, nämlich darauf, daßeine Beschreibung schwierig, sogar unmöglich ist. Was bei Karin schon nicht gelingen will, kann erst recht nicht in bezug auf Achim, in bezug auf ein ‘beispielhaftes’ Leben in der DDR, gelingen. Freilich, um diesen Umstand noch einmal zu betonen, gelingt dem Schriftsteller Johnson, indem er Karschs ‘Wort- und Sprachfindungsschwierigkeiten’, Karschs ‘Beschreibungsschwierigkeiten’ darstellt, mit Hilfe von zahlreichen Beispielen aus dem Lebensumfeld und dem inneren Erleben Karschs illustriert, genau die Beschreibung, um die sich Karsch, wenn auch, zumindest bezogen auf das Biographie-Projekt, vergeblich, bemüht. Wird allerdings eine der wichtigsten meta-narrativen Ebenen des Romans in diese Überlegungen mit einbezogen, so stellt sich die Frage, ob nicht auch Karsch im mündlichen Bericht, nach seiner Heimkehr, dem zurückgebliebenen Freund (oder, wie Johnson es sieht, den zurückgebliebenen Freunden145 ) gegenüber, eine genaue und angemessene Beschreibung gelingt - wenn man den vorliegenden Roman als ‘Protokoll’ von Karschs Reisebericht ansieht.

Wichtige Gespräche des Romans basieren auf einem anderen ‘Buch im Buch’, also auf den ‘Interviews’, die Karsch mit Achim führt, um den ‘Rohstoff’ der zu verfassenden Biographie zu erhalten. Die ‘Auftragserteilung’ durch den ‘Redakteur’146 Fleisg erfolgt an ‘öffentlichem Ort’, in einem Gasthaus, und während des ‘Auftragsgesprächs’ formuliert Fleisg, was Karsch künftig beschäftigt und letztlich, aufgrund seiner persönlichen Interpretation, die sich grundsätzlich von der Achims unterscheidet, versagen läßt: „Sie müßten die Oberfläche des Straßenbildes abheben können! Das Wichtigste geschieht unter ihr!“147

Es stellt sich bald heraus, daßKarsch ‘unter der Oberfläche des Straßenbildes’ auf Geschehnisse stößt, die in seiner Manier niemand beschrieben haben will. Achim steht der Idee, Gegenstand eines weiteren Buches zu sein („[...] Von mir gibt es schon zwei Bücher. (Er meinte: über ihn, und: daßer sie möglich gemacht hatte.)“148, verfaßt von dem ‘Durchreisenden’149 Karsch, ohnehin skeptisch gegenüber -der Radrennfahrer ist ein einfacher und in mancher Hinsicht sicher naiver Mann, welcher sich von der Ehre, die ihm ständig erwiesen wird, leicht ermüdet zeigt.

Karsch hingegen, der sich von den Möglichkeiten, die der Auftrag ihm zu offerieren scheint, also sich mit gutem Grund noch länger in der fremden DDR aufhalten zu können, vielleicht tatsächlich einen langen Blick ‘unter die Oberfläche’, ‘hinter die Kulissen’ werfen zu können, angezogen fühlt, hat, als er das Projekt in Angriff nimmt, eine recht klare Vorstellung vom Ablauf des Buches150 - aber schon ein möglicher Ausgangspunkt leitet vom Allgemeinen über das Spezielle wieder in das Allgemeine, zeigt einen (eigentlich beliebigen) Menschen als Dreh- und Zielscheibe nicht nur seiner persönlichen Welt, sondern als Person der Zeitgeschichte, die sich an ihm vollzieht und durch ihn sichtbar gemacht werden muß, soll sein Leben als das Kontinuum erscheinen, das es eben ist, und nicht als Vakuum - die Aufgabe erscheint plötzlich komplexer als zunächst gedacht, und „schon hier war Karsch nicht wohl“151.

Abgesehen davon, daßin diesem ‘Kapitel’152 der Schriftsteller Johnson einmal mehr in verschlüsselter, in den fiktionalen Text eingearbeiteter Form Einblick in seine Werkstatt gibt, zeigt das ‘Kapitel’ Karschs Schwierigkeiten mit einer Beschreibung und verweist schon zu diesem erzählerisch frühen Zeitpunkt auf den nicht zufriedenstellenden Ausgang des Projekts153. Salopp formuliert läßt sich festhalten, daßdie zu schreibende Biographie, die an sich ein Kommunikationsmedium ist, Karsch vor ein unlösbares Erzählproblem stellt, ein Umstand, zu dem Achims ebenso ‘maulfaule’ wie den Interessen seines Staates (und, wie stets bei Biographien, auch den eigenen) verpflichtete Art, von sich und über sein Leben zu sprechen, entscheidend beiträgt.

Die Schwierigkeiten beim Schreiben von Achims Biographie, die vorrangig auf den unterschiedlichen Auffassungen von Wichtigem und Unwichtigem und somit auf unterschiedlichen Wahrheitsbegriffen, auf den schon beschriebenen ‘Tendenzen’ beruhen, werden beispielhaft im ausführlichen ‘Kapitel’ „ War Achim das so recht?154 dargestellt.

Vor diesem ‘Kapitel’ finden sich schon diverse ‘Snapshots’, Sequenzen und Geschichten aus Achims Leben - der (textexplizite) Leser, wie auch der (textimplizite) Zuhörer hat zu diesem Erzählzeitpunkt also schon einen Eindruck von Karschs Biographie-Projekt bekommen, er kann sich unter Achims Leben, obgleich alle Schilderungen nur Ausschnitte, Fragmente, zeigen, schon einiges vorstellen. Diese ‘Fragmente’ sind als ‘unauthorisierte’ Teile der Biographie zu verstehen, als ‘Arbeitsproben’, die, das ‘Kapitel’ „ War Achim das so recht “ macht das deutlich, den Intentionen und Wünschen des Bechriebenen teilweise erheblich widersprechen - nicht, weil sie, textimplizit gedacht, unwahre Begebenheiten schilderten, sondern weil sie Achim tendenziös oder nebensächlich erscheinen.

Zu Beginn des ‘Kapitels’, das ein ausführliches Reflektieren über die bisher erkennbare Gestalt der Biographie enthält, stellt der Erzähler unmißverständlich fest: „Sein Leben nach dem Krieg gefiel Achim nicht wie es bei Karsch vorkam.“155 Das Kapitel situiert in Prag, wo Achim sich als Teilnehmer eines Radrennens durch mehrere sozialistische Länder aufhält. Achim und Karsch sprechen über jene „zwanzig Seiten“156, die der Journalist Achim vorlegt.

Die Minuten der Diskussion, die eine Konfrontation zwischen Biograph und seinem Objekt darstellen, sind beiden Beteiligten peinlich. Achim wird als „kumpanenhaft zwinkernd“157 charakterisiert; der Erzähler (und mit ihm Karsch, aus dessen personaler Erzählsituation der Text hier einmal mehr berichtet) vermutet aufgrund dieser Mimik, Achim wolle „[...] (wahrscheinlich) zugestehen daßer nicht gelebt haben wollte wie ein anderer das aufschrieb: daßeiner nicht schreiben wird wie ein anderer lebt [...]“158. Speziell der letzte Teilsatz verweist auf ein zentrales Problem (nicht nur) dieser Biographie; wie auch immer einer dem anderen sein Leben erzählt, er wird immer anderes als das Gesagte wiederfinden, wird sich selbst, wenn überhaupt, nur verschwommen erkennen, wird erst recht nicht den ‘Geschmack’ der eigenen Erinnerungen vernehmen - abgesehen davon, daßniemand in der Lage ist, sich derart genau und unbestechlich an vergangene Zustände und Aktionen zu erinnern, daßdiese genau so aufgeschrieben werden können, wie sie sich in der seinerzeit erkennbaren Realität zugetragen haben. Biographisches Schreiben bedeutet immer, eine Auswahl zu treffen, manches zu betonen und anderes zu vernachlässigen - bedeutet also, ein anderes Leben einer Redaktion zu unterziehen, die sich nur zu leicht die Mißgunst des ‘Protagonisten’ zuziehen kann. Genau dieses Problem vollzieht sich an Achim - angefangen von nicht mehr zu erinnernden ‘bunten Kuhflecken an beläutetem Bahndamm’159 über eine ‘Fickerei in einer Scheune’160 bis zur ‘heiligen Neugier’161, die Karsch Achim an einem „fünfzehnjährigen Mädchen aus Ostpreußen“162 unterstellt - das letztgenannte Beispiel zeigt, daßAchim nicht die (intime) Geschichte an sich kritisiert, sondern Karschs Wortwahl163 - eine Kritik, die wieder zu dem zentralen Problem des Romans führt, der Verwendung von Wörtern, der Verwendung von Sprache, und ihrer Fragwürdigkeit.

Karsch wird sich bewußt, daßer „aber nur die sprachliche Außenseite von Achims Leben“164 ‘gewinnen’ kann - er stößt einmal mehr auf veritable ‘Verständigungsschwierigkeiten’, die zwischen zwei grundverschiedenen Männern, die außerdem noch in einander sehr fremden Welten (im persönlichen, beruflichen und auch politischen Sinn) leben, gar nicht überraschend sein können. Diese Verschiedenheit wird sehr schön in dem Satz „Seine [Achims] Sekunden waren stets länger oder kürzer ausgespannt als die Sätze von Karsch; und standen sie nicht nebeneinander in unterschiedlicher Haut, und war da je zu erwarten daßKarsch diesen listig wohlwollenden Schlag zwischen die Schulterblätter auch nur ungefähr verstand und ergänzte?165 “ artikuliert. ‘Ungefähr’ ist überhaupt eines der zentralen Wörter des Romans, zugleich eines der zentralen Probleme der schriftstellerischen Praxis Johnsons, denn das Erfassen und Wiedergeben von Wirklichkeit in fiktionalen Texten kann eben, manischem Genauigkeitsbemühen zum Trotz, immer nur ‘ungefähr’, im besten Sinn künstlerisch verfremdet und dann nicht mehr exakt, geschehen166.

Das Gespräch zwischen Achim und Karsch, das vielleicht auch ein ‘ruhiger Streit’ genannt werden muß, gerät in seinem Verlauf immer stärker in eine ‘stumme’, ‘unterirdische’ Verständigungsebene, die immer größere Möglichkeiten für Mißverständnisse bereit hält. Was Achim beschrieben und was er ‘gestrichen’ haben will167, kann er Karsch zwar eindeutig und entschieden vermitteln; allein, die Gründe für seine Ansichten rutschen tief in seinen geistigen Hintergrund, in einen nicht mehr (oder zumindest für Achim nicht) formulierbaren Bereich. Umgekehrt gelingt es Karsch nicht, Achim seine Gründe für die Verfertigung einer bestimmten Geschichte seines [Achims] Lebens nahe zu bringen, und schon gar nicht, weshalb diese Geschichte in die Form gebracht wird, die Karsch für die einzig mögliche hält. Das Gespräch gerät in eine Sackgasse - ein typischer ‘communication breakdown’. Karsch vermutet (wissen kann er das nicht), Achim könne „an Verzögerung und Tonfall einer fremden Antwort [erkennen], ob er verstanden war“168, schweigt und wartet. Auch Achim wartet, und nach einer Pause von unbestimmter Länge sagt „einer von ihnen [hier sind die beiden austauschbar] in überredendem Ton na“169. Aus der ‘kommunikativen Sackgasse’ führt ein weiteres, für sich stehendes „Na?“170, das sich sowohl Achim oder Karsch, aber auch dem später in Hamburg Bericht erstattenden Karsch, oder sogar einem sich hier selbst zuredenden, hier neutraler und neugierig auftretenden Erzähler, sogar einem (zwangsläufig textimpliziten) Leser oder Zuhörer zuordnen läßt - auch wenn es hier nicht kursiv auftritt, was alle Fragen über die Person, die dieses ‘Na?’ in den Text stellt, auflösen würde. Aber, unabhängig von der Überlegung, wem dieses eigenartige ‘Na?’ gehört, nimmt Achim den nicht verlorenen, sondern abgelegten Faden wieder auf - und als Ergebnis dreht sich das Gespräch weiter im Kreis. Auf die für die Niederschrift einer Biographie essentielle Frage, wie eine Auswahl aus dem präsentierten ‘Lebensmaterial’ vorzunehmen sei, was wichtig sei und was nicht, finden weder Karsch noch Achim eine Antwort, die beide befriedigen würde171, auch wenn Karsch zu verstehen glaubt, er solle Achims Meinungen schreiben172.

Eher ‘nebenbei’ kündigt das ‘Kapitel’ die bekannte ‘Geschichte mit der Dreigangschaltung’173 an, und somit einen dunklen Punkt in Achims Biographie, den Achim gesprächsweise erwähnt, der sich aber einer Beschreibung in der geplanten Biographie entzieht, da ein solcher ‘Fleck auf dem makellosen Blauhemd Achims’ unauslöschlich bliebe, fände er sich erst einmal niedergeschrieben174. Das Wiederfinden dieses ‘staatsfeindlichen Ausrutschens’ des jungen Achim wiegt allerdings wenig gegen das Verhalten des, innerhalb der erzählten Zeit gesprochen, inzwischen angesehenen DDR - Bürgers und Funktionärs Achim T., verglichen mit dessen Verhalten am 17. Juni 1953. Erst die abschließenden Sequenzen des Romans lüften das große Geheimnis, als Karsch ein Brief von hoher Stelle, die sich im Roman als Herr Fleisg personifiziert, überstellt wird, ein Brief, der ein demaskierendes und eine ganz andere Wahrheit präsentierendes Photo enthält, das Achim als Teilnehmer an den Arbeiteraufständen zeigt175 - eine Enthüllung, die Karin, bei der Brieferöffnung nicht nur anwesend, sondern sie an Karschs Seite vornehmend, zu dem verständnislos-erschrockenen Ausruf veranlaßt: „[...] hat dir das denn keiner sagen mögen!“176. Dieses Ereignis, das jeden Leser wenigstens zu der Frage bringen muß, weshalb denn überhaupt das Risiko eingegangen wurde, einen westlichen Journalisten mit den Recherchen zur Biographie einer Person zu beauftragen, die sich in vergangener Zeit so hetzerisch und konterrevolutionär, der Diktion der DDR - Bürokratie angenähert, betragen hat (eine Frage, die der Roman zwar aufwirft, aber nicht beantwortet, und die symptomatisch für Johnsons Vorliebe für kleine zusätzliche Verrätselungen ist177 ), illustriert aber außerdem in besonders krasser Form, daßGespräche und (vermeintliche) Verständigungen über Leben und Taten einer anderen Person nicht zwangsläufig zu einem stimmigen, der Wahrheit gemäßen Bild führen, sondern daßauch genaue Recherchen, psychologisches Einfühlungsvermögen, selbst das entschlossene Bemühen um Objektivität, nicht verhindern können, daßsich Lügen und Halbwahrheiten nicht nur im Gesagten verbergen, sondern erst recht im Verschwiegenen. Für Karsch berührt das ihm in die Hände gespielte Photo an erster Stelle seine Arbeit, seine professionelle Auffassung von Wahrheit, und bestärkt ihn in einem gesunden und aus Distanz resultierenden Mißtrauen - für Karin aber ist die Entdeckung von Achims ‘Lebenslüge’ schwerwiegender, weil hier ihre, trotz einer zwischenzeitlich vollzogenen Trennung von Achim, fraglos immer noch vorhandenen Emotionen beschädigt werden. Vor diesem Hintergrund mußdas folgende Zitat gelesen werden:

„Sehr für sich allein erstaunt stand sie auf, strich sich den Rock glatt wie zum Weggehen [diese Geste symbolisiert hier den Abschlußeines Lebensabschnitts] und sagte so gesenkten Kopfes abwesend: Das habe ich nicht gewußt. Das wußte ich nicht: sagte sie stillgeworden. Es war offenbar daßsie sich nicht helfen konnte. Das hatte sie sieben Jahre nicht gewußt, denn so lange war es her.“178

Die letzten beiden Sätze verleihen Karins Reaktion eine eigenartige Doppeldeutigkeit, denn sie verschleiern, ob sich ihr Unwissen auf Achims Teilnahme am Aufstand, oder nur auf den Umstand, daßKarsch nichts von diesen Ereignissen in Erfahrung bringen konnte, bezieht. Im einen wie im anderen Sinn verraten ihre Worte aber maßlose Enttäuschung und Kränkung. Da Karin ‘sehr für sich allein erstaunt’ ist, der Erzähler sie zweimal sagen läßt, sie habe nichts davon gewußt, und sie im Sagen schon ‘stillgeworden’ ist, mutlos verstummt, läßt sich zumindest annehmen, daßsich ihre verletzte Reaktion nicht darauf gründet, daßKarsch nichts von Achims Beteiligung an den Vorgängen im Juni 1953 wußte, sondern darauf, daßsie selbst über diese Ereignisse in Achims Vergangenheit nicht informiert war. Diese Interpretation bedeutet weiter, daßKarins Entsetzen sich nicht darauf gründet, daßAchim, der Musterknabe, sich einst, unter welchen Umständen auch immer und zeitlich jedenfalls eng befristet, aus seiner selbstgewählten staatlichen Anpassung emanzipiert hatte, wenngleich diese Auflehnung für sein Leben auch weitgehend folgenlos geblieben ist. Karin hat im Lauf des Romans schon mehrfach, sehr deutlich aber, als sie sich gegen die Zwangskollektivierung ausspricht179, unter Beweis gestellt, daßsie im Fortschritt ihrer schauspielerischen Karriere ihren politischen und ‘moralischen’ Verstand nicht vollends eingebüßt hat. Sie ist offenkundig nicht über Achims Verhalten, das seinerzeit der verlangten Linientreue widersprach, schockiert, sondern darüber, daßAchim ihr im Lauf ihrer Beziehung nichts davon erzählt hat. Karin blickt hier, mit Hilfe des Photos, hinter die Fassade von Achims ‘dem Sachwalter’180 wohlgefälligen Leben - sie sieht gewissermaßen hinter Achims Schweigen und mußfeststellen, daßsein Vertrauen zu ihr immer nur eingeschränkt war, daßAchim die ‘offizielle Maske’ nie völlig abgenommen hat. Dieser ‘Kommunikationsbruch’ ist, wie stets im Roman, zweidimensional: er hat die beschriebene private, ‘zwischenmenschliche’ Komponente, aber eben auch, eng mit dieser verknüpft und sogar auf ihr aufbauend, eine politische. Das Leben in einem totalitären System produziert zusätzliche und sehr spezielle Rede- und Schweigemuster, somit auch eingeschränkte Verständigungs- und Verständnismuster.

Aber selbst, wenn die andere und insgesamt unwahrscheinlichere Interpretation auf diese Textstelle angewendet wird, die davon ausgeht, daßKarin zwar von Achims Verhalten sieben Jahre zuvor weiß, aber erst jetzt erfährt, daßweder Achim noch eine andere Quelle Karsch über das Abweichen vom ‘aufrechten sozialistischen Verhalten’ informiert hat, bleibt die Tatsache bestehen, daßhier auf die Fragwürdigkeit von Mitteilungen und ‘Lebens-Erzählungen’ verwiesen wird, mithin auf die Schwierigkeit, benötigtes Wissen über eine Person in Erfahrung zu bringen, es zu ordnen und zu verstehen.

Die analysierten Beispiele aus Johnsons Roman „Das dritte Buch über Achim“ belegen, daßdieses Buch seine Brisanz und Aktualität zum einen seinem (erzählten) Ort, einer Stadt in der DDR, verdankt, also vor allem seiner Beschreibung der Entdeckungsreise Karschs, der es anfänglich zwar „mit dieser Stadt wie mit allen denen seiner Welt, die er besucht hatte nach dem Krieg“181 aufnehmen will, aber sensibel genug ist, sogleich zu merken, daß„dies etwas für sich allein und zu erfassen nur von sich aus“182 ist, und zum anderen aus seinen durch den gesamten Romantext immer wieder aufgezeigten Verständigungs-, Beschreibungs- und Kommunikationsschwierigkeiten, die, in Ergänzung zu den vielerorts dargestellten sehr ‘menschlichen’ Problemen, sich ‘dem anderen’ verständlich zu machen, aus den von Johnson so bezeichneten unterschiedlichen ‘Informationsschemata’ entstehen, also eine (auch) sprachlich realisierte politische Grenze meinen. Die Brüchigkeit und Kompliziertheit der Kommunikation unter den beschriebenen Umständen rekonstruiert und etabliert Johnson nicht nur durch eine „zersplitterte, poröse Textoberfläche“183, durch narrative und meta-narrative Ebenen, durch ‘Bücher im Buch’184, sondern auch durch Dialoge, die einen unruhigen und fragmentarischen, nicht ‘zu Ende gedachten und gesprochenen’ Eindruck hinterlassen185. Dazu paßt, daßder Roman mit einer Frage, also ‘mitten im Dialog’ endet, mit einer Frage, die an den Anfang des Romans zurückführt und den gesamten Text ‘dazwischen’ als Rekonstruktionsversuch der Reiseerlebnisse erscheinen läßt186 - abgesehen davon, daßerst diese letzte Frage des Romans den Schlußzuläßt, daßder sich wiederholt in den Text einschaltende Ich-Erzähler der heimgekehrte Karsch ist, weite Teile des Textes eine ‘Verschriftlichung’ einer mündlichen Kommunikation von Karsch mit einem Zuhörer sind.

Läßt man sich auf Johnsons, im Roman „Das dritte Buch über Achim“ kunstvoll ausgeführtes Vexierspiel zwischen literarischer Fiktion und außerliterarischer Erlebbarkeit der Welt ein, liegt endlich doch das Buch (genauer: eines von mehreren möglichen Büchern), das Karsch auftragsgemäßhätte schreiben sollen, vor - außerhalb der „Welt des Romans“ ist diese Feststellung selbstverständlich, wenngleich das vorliegende Werk ein Roman, und nicht von einem fiktiven Karsch, sondern von dem sehr realen Schriftsteller Uwe Johnson, ist. Aber auch innerhalb der literarischen, fiktionalen Welt ist etwas Schriftliches entstanden - die Beschreibung einer Beschreibung, oder zumindest die Beschreibung des Versuchs einer Beschreibung. Diese umständliche Formulierung deutet an, daßJohnsons Roman an sich Grenzen überschreitet: Genregrenzen, die wiederum Teil ihrer Fiktion sind (vom (negierten) Reisebericht über die Biographie bis zum Gespräch, bis zum (fiktional) mündlichen Bericht und (fiktional) schriftlichen Fragment), aber eben auch die Grenze zwischen den diversen, romanhaften ‘Büchern im Buch’ und dem tatsächlich vorliegenden, lesbaren Buch, dem Roman, wie der Vorsatz eindeutig klarstellt - eine Grenzüberschreitung, die einerseits artistisches Spiel ist und Teil typisch Johnsonscher, literarischer Komik, andererseits aber Ausdruck von Johnsons intensiver Suche nach den Möglichkeiten, Romane zu schreiben, die nicht einfach ‘modern - realistisch’ sind oder ohne weiteres in eine andere literarische Kategorie passen, sondern die ‘wahr’ sind auf ihre fiktionale Weise, also wahrhaftig für einen Leser.

6. „Nun mal was anderes“- Intermezzo: Ein Märchen

187 Johnson zeigte sich zeit seines Lebens von mythischen und märchenhaften Stoffen fasziniert. Eine seiner frühesten Arbeiten ist die Übersetzung von „Das Nibelungenlied“ aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche. Eine weitere frühe Übersetzungsarbeit ist „Israel Potter“ von Herman Melville, dessen großartiger Roman „Moby Dick“ zum Grundbestand der abendländischen literarischen Bildung gehört. Heute den Namen ‘Melville’ zu nennen, bedeutet, sogleich das Bild von einem mit dem Wal kämpfenden Kapitän Ahab aus dem visuellen Gedächtnis hervor zu holen. Es läßt sich darüber spekulieren, ob Johnsons Übersetzung von Melvilles weit hinter der Bekanntheit des großen Romans zurückbleibender Erzählung „Israel Potter“ ursächlich aus der Beschäftigung mit dem ‘Roman vom Wal’ hervorgegangen ist; daßJohnson „Moby Dick“ kannte, steht außer Frage, ebenso wie die Tatsache, daßmaritime Sujets im allgemeinen188 und, populär ausgedrückt, ‘großes Meeresgetier’ im besonderen, Johnson zu verschiedenen Zeitpunkten seiner schriftstellerischen Entwicklung zumindest als Bildvorrat dienten189. Zu diesen Gedanken paßt Johnsons ‘übersetzende Nacherzählung’ des bekannten Märchens nach der schriftlichen Fassung von Philipp Otto Runge „Von dem Fischer un syner Fru“190. Dieses Märchen, das Johnson in seinem Nachwort als „Geschichte einer unglücklichen Ehe“191 kennzeichnet, eine Formulierung, die einen biographischen Grund für Johnsons ‘Übersetzung’ anklingen läßt, ist auch die Geschichte einer mangelnden Verständigung zwischen den Eheleuten.

Die Frau, unglücklich, maßlos und machtgierig, befiehlt ihrem Mann, der „dümmlich in seiner Genügsamkeit“192, schwach und voller dunkler Vorahnungen über den Ausgang der sein Leben auf den Kopf stellenden Ereignisse ist - die befehlshabende Frau ignoriert die Einwände des Mannes völlig, alle Versuche, sie vom Unrecht und der Undankbarkeit ihrer Forderungen zu überzeugen, scheitern. Das Märchen schematisiert, seiner Gattung gemäß, stark; die ‘Dialoge’ zwischen Mann und Frau verlaufen nach einem gleichbleibenden Muster, wenn auch die Warnungen des Mannes im Verlauf der Geschichte an Intensität gewinnen. Der Butt, der im Märchen die Funktion der Wünsche erfüllenden, aber nicht ganz geheuren Fee erfüllt, gibt den Forderungen der Fischersfrau, die ihm durch den Fischer vermittelt werden, in erstaunlichem Maßnach, bis sie schließlich „wie der liebe Gott“193 werden will und, die unausweichliche Lehre des Märchens, alles verliert.

Mit dieser Frau ist nicht verständig zu reden, umgekehrt ist sie in ihrer Selbstsucht nicht zu verstehen.

‘Kommunikation’ ist natürlich nur ein kleiner Nebenaspekt des Märchens, stellt hier kein Erzählproblem, sondern einen Teil des erzählten Problems dar. Aber: das Märchen zeigt drastisch, wie ein großes Glück zunichte gemacht werden kann, wenn zu einer grundsätzlich unbefriedigenden Situation194 eitle Selbstüberschätzung und ein Mangel an Verständigungsbereitschaft hinzu kommen. Die ‘etwas andere’ Moral des Märchens ist: wer den anderen nicht mehr versteht, verstehen will oder verstehen kann, bewegt sich in einem Teufelskreis, der die möglichen Entwicklungen des Lebens wieder an ihren Ausgangspunkt zurückführt.

Verständnis, in einem allgemeiner gehaltenen Sinn also Kommunikation, die weit über das bloße Erteilen von Befehlen hinausgehen muß, ist die Grundlage aller Veränderung - wobei diese Veränderung sich allerdings nicht unbedingt in einem erwarteten Rahmen bewegen muß, wie die Geschichte von Herrn B. und Frau D. zeigt.

7. „Zwei Ansichten“ - Ein Liebesroman ohne Liebe

7.1. Grundsätzliches

Der Titel dieses Kapitels ist eine Provokation - nicht nur, weil hier ein Buch Uwe Johnsons generalisierend als ‚Liebesroman‘ bezeichnet wird, sondern vor allem, weil überhaupt von einem ‚Roman‘ geschrieben wird, somit eine Gattungsbezeichnung Verwendung findet, die der Vorsatz des publizierten Buches nicht verzeichnet. Johnson selbst nennt sein 1965, zunächst als Vorabdruck in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung195 erschienenes Werk „eine einfachere Geschichte, großenteils sogar geeignet für das traditionelle Verfahren, die Entwicklung von Gefühlsregungen zu beschreiben“196. Ein ‚traditionelles Verfahren‘ findet sich im Roman, so wird das Buch, Johnsons Bedenken zum Trotz, im folgenden genannt, tatsächlich angewendet, vor allem hinsichtlich seiner streng geordneten Kapitelsymmetrie: Die Erzählung ist unterteilt ihn zehn Kapitel von allerdings sehr unterschiedlicher Länge, von welchen jeweils fünf den Protagonisten B. beziehungsweise die Protagonistin D. in den Mittelpunkt des Erzählten rücken, wobei auf ein ‚B.-Kapitel‘ immer ein ‚D.-Kapitel‘ folgt. Es handelt sich also, verglichen mit den Vorgängern des Romans, um einen relativ einfach gebauten Text, der seinen Titel schon in seiner Erzählstruktur realisiert - der Leser erhält, inhaltlich wie formal, zwei Ansichten, also zwei Sichtweisen, die im gebotenen Zusammenhang einander ergänzende Alternativen darstellen197. Die strikte Kapiteleinrichtung des Romans verfolgt aber noch einen weiteren Zweck, denn sie führt dem Leser in ebenso einfacher wie beeindruckender Weise die Trennung der beiden Protagonisten vor. B. und D. sind ‚völlig für sich‘, eingezwängt in ihre eigenen Lebensumstände und -bedingungen, aus denen sich nur D. zum Ende der Romans befreit - allerdings nicht, indem sie tatsächlich eine Liebesbeziehung mit B. eingeht, sondern, indem sie in der Bundesrepublik, in der ‚Neuen Welt‘198, mit den üblichen Hoffnungen ein eigenes Leben anfängt. Schon die äußere Form des Romans weist auf die Unmöglichkeit von Kommunikation im Sinn eines Verständnisses für den anderen, eines Verstehens des anderen, hin.

Reinhard Baumgarts zeitgenössische Rezension des Romans „Zwei Ansichten“ trägt den Titel „Nicht Romeo, nicht Julia“199 und verweist so, wenn auch als Negation, auf einen Leseeindruck, den die Lektüre des Romans zwangsläufig vermitteln muß. In der Tat können Johnsons Protagonisten, insofern den berühmten dramatischen Personen Shakespeares ähnlich, nicht zueinander kommen - allerdings, und hier liegt der entscheidende Unterschied, bilden Romeo und Julia ein tief liebendes, an den Umständen ihrer Liebe schließlich zugrunde gehendes Paar, während Johnsons B. und D. keine wirkliche Liebe verbindet, sondern bestenfalls das Gefühl einer staatlich erzwungenen und im wörtlichen Sinn zementierten Trennung - der Roman zeigt, daßdie Grenze an dieser Stelle wie eine ‚emotionale Kategorie‘ wirkt, um ein sprachliches Bild Johnsons aufzunehmen. Die Liebe oder das, was B. für Liebe hält (und sich selbst manchmal nicht recht zu glauben scheint200 ) ist eine Fiktion, eine Trotzreaktion auf eine zwar unmenschliche, für das Leben Bs aber eigentlich gar nicht so entscheidende Aktion der DDR. Was B. mit D. verbindet, ist nicht zu vergleichen mit jener Liebe zwischen einem ‚Bauernjungen‘ und seinem ostdeutschen Mädchen, von welcher der Roman, seine ‚Hauptgeschichte‘ konterkarierend, auch erzählt201 - wenn „Zwei Ansichten“ ein ‚Romeo-und-Julia-Motiv‘ realisiert, dann eher in diesen beiden ‚Nebenfiguren‘, deren Geschichte, die in einem (dem weiten Feld der Kommunikation zugehörenden) Aspekt B. involviert202, nur angedeutet wird und deren Fortgang also der Phantasie des Lesers überlassen bleibt.

Kommunikation als Erzählproblem am Beispiel des Romans „Zwei Ansichten“ zu untersuchen, bedeutet, vorweg festzustellen, daßeine eigentlich zu erwartende Kommunikation zwischen den beiden Protagonisten nicht stattfindet, mehr noch, daßeine Liebe zwischen diesen Protagonisten nicht existiert, eine Kommunikation als Verständigung zwischen zwei ‚Partnern‘ also gar nicht stattfinden kann. Im Roman „Das dritte Buch über Achim“ steht eine fundamentale Kommunikationsschwierigkeit, das grundlegende Problem von zwei unterschiedlichen Sprachgebräuchen und divergierenden Sprechweisen, immer zwischen den Personen - die Erzählung formuliert dieses Problem, indem sie ihre ‚östlichen‘ Gesprächspartner (und deren Diktion) mit einem westlichen Besucher, einem ‚Grenzgänger‘ konfrontiert. In „Zwei Ansichten“ wird dieser Komplex noch einmal aufgegriffen, zeitgeschichtlich aktualisiert und am Beispiel einer ‚Zweier-Beziehung’, die eigentlich eine ‚Nicht-Beziehung‘ ist, konkretisiert. Hier provoziert der Bau der Mauer ein Verhältnis, ein Verlangen nach Kommunikation, welches er zugleich verhindert. Mißverständnisse und, als Teil davon, vermeintliche Gefühle entstehen, zu welchen es im geschilderten Beispiel ohne Mauer gar nicht hätte kommen können. Die Mauer macht, das ist die Ironie der Geschichte, nicht etwa eine Liebe unmöglich, sondern läßt den Eindruck von verhinderter Liebe, zumindest für die Person Bs203, entstehen. Damit ist auch eine allegorische Qualität des Romans angesprochen: B. und D., im Text, als Zeichen einer ‚Entindividualisierung‘ und einer gewissen Beliebigkeit, reduziert auf die Anfangsbuchstaben ihrer Namen204, können auch für die Staaten Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik stehen, die durch die Grenze in ‚fremder‘ und befremdlicher Liebe aneinander gekettet, wenn auch, wenigstens bis zum Fall der Mauer im November 1989, nicht miteinander vereint waren. Die Lesart, die beiden Namen als ‚Platzhalter‘ für zwei Staaten zu lesen, ist nicht neu. Johnson selbst hat ihr widersprochen205, und auch Baumgart schreibt in seiner Rezension, eine ungestüme Analogsetzung ablehnend: „Leise, zwischen den Zeilen, wird gelegentlich darauf gepocht, diese beiden Personen seien typisch, seien Produkte zweier Gesellschaftsverfassungen. Es ist gut, daßdiese Andeutung oder Absicht zwischen den Zeilen stecken bleibt. Sie ist armseliger als dieses Buch, sie entspricht bestenfalls dem Klischee vom „Dichter der beiden Deutschland“.206 Dennoch: Die hier angesprochene Lesart liegt nahe, und ihr zumindest kurz zu folgen zeigt, daßJohnson aus heutiger Sicht mit „Zwei Ansichten“, geradezu prophetischen Weitblick beweist, denn im Anschlußan den Wegfall der Trennung hat sich gezeigt, daßmanche ‚Gemeinsamkeit‘ der de facto seit Jahrzehnten getrennt voneinander lebenden (west- und ost)deutschen Bevölkerung sich eine Demaskierung als nur scheinbar sicheres Bindeglied gefallen lassen mußte. Auch in der außerliterarischen Realität existierte (und existiert in einigen Bereichen bis in die Gegenwart) eine Fremdheit, die sich im fadenscheinigen Gewand von gewaltsam getrennter Liebe gefiel - bis das Zueinanderkommen und die sich damit ergebenden Möglichkeiten, endlich über ideologische und physische Grenzen zu blicken, manche Enttäuschung (auf beiden Seiten) nach sich zog. Das deutsch-deutsche Alltagsleben nach dem Wegfall der Mauer zwischen Ost und West zeigt sich zwar keineswegs so gleichgültig und harsch, wie D. sich B. gegenüber im letzten Kapitel des Romans zeigt207 - dennoch sind einige Parallelen nicht von der Hand zu weisen. Johnsons Roman „Zwei Ansichten“ ist also nicht ‚nur‘ ein Buch, das zum möglichen Verständnis von noch gar nicht so lange zurückliegenden historischen Begebenheiten beitragen kann, sondern „Zwei Ansichten“ beweist zusätzlich gerade im ‚Deutschland nach der Wende‘, nach dem Ende des Kalten Kriegs, eine Sensibilität und Aktualität, die Bewunderung verdient.

Diese allgemein auf Interpretationsmöglichkeiten des Romans „Zwei Ansichten“ hinweisenden Gedanken gestatten einen ersten, einführenden Überblick auf einen Text Uwe Johnsons, mit dem Leser sich immer noch nur schwer anzufreunden vermögen - ein Umstand, der sich (ausnahmsweise) nicht erheblichen Lektüreschwierigkeiten verdankt, sondern, eine Ironie der Literaturrezeption, eher deren Abwesenheit. Leser, die mit den vor „Zwei Ansichten“ publizierten Werk Johnsons vertraut sind, scheinen anderes, vage ‚gewichtigeres‘ zu erwarten. Bis in die heutige Zeit folgen viele Leser offensichtlich den Eindrücken eines der ersten Rezipienten (und Kritiker) des Romans überhaupt, Siegfried Unselds, der, in der Zusammenfassung Neumanns, bemängelte, es gehe „mit der ‚D.‘ nach dem Mauerbau so etwas wie eine Entwicklung nicht mehr vor sich“208, und der sogar „nörgelte über Unstimmigkeiten bei der Beschreibung von Kraftfahrzeugen“209. Kurz (und schlecht), so Neumann, unter Bezugnahme auf Unselds Kommentare, weiter: „Gemessen am enthusiastischen Echo, das die beiden vorausgegangenen Bücher hervorgerufen hatten, war dies eine deutlich kühle Reaktion. Sie mag der objektiven Qualität des Textes entsprochen haben, Johnson erfuhr sie dennoch als Kränkung."210

Solche negativen Einschätzungen halten sich bis in die achtziger und neunziger Jahre, wie beispielhaft ein Blick in Kindlers Literatur Lexikon belegt, das Johnson im Zusammenhang mit „Zwei Ansichten“ ungenau bescheinigt, hier sei die verwickelte Syntax der ersten beiden Romane dem klareren Berichten des wissenden Autors gewichen. Abgesehen davon, daßein ‚wissender Erzähler‘ sich erheblich von einem ‚wissenden Autor‘ unterscheidet, gibt sich der Erzähler der „Zwei Ansichten“ zwar eine ‚wissende Attitüde‘, bleibt dabei aber so nah beim Erleben seiner Protagonisten, daßder Wohlinformiertheit des Erzählers zum Trotz eher der Eindruck von personalen Erzählsituationen entsteht - zumal der Erzähler im vorletzten Kapitel des Romans unverhofft persönlich auftritt211, was den Leser zu der Überlegung verleitet, woher dieser Erzähler denn die ganze Geschichte in ihren beiden Perspektiven (der Bs und der Ds) denn wissen will - die bloße ‚Erste Hilfe‘ im Anschlußan Bs Unfall gibt keine befriedigende Erklärung.

Die Kritik im vielzitierten und vielbeachteten ‚Kindler‘ mündet in die gönnerhafte Feststellung, Johnson sei bisweilen, des Schlichten ungewohnt, ins „gefällig Simple“ abgesackt, wobei ihn das Auskosten der Gefahren des Durchschnittlichen erst zu seinem großen Roman Leben der Gesine Cresspahl“ befähigt habe212.

„Zwei Ansichten“ ist das ‚Stiefkind‘ von Kritikern und Lesern Johnsons, obgleich Bemerkungen über eine ‚objektive Qualität‘ des Textes, welche also eine geringe meinen, zumindest fragwürdig erscheinen müssen.

Im folgenden wird der Roman unter dem speziellen Aspekt der Aufgabenstellung dieser Arbeit ‚aufgeschlagen‘ - dabei wird sich zeigen, daßauch der Roman „Zwei Ansichten“, der, wie bereits angedeutet, werkgeschichtlich eine Position zwischen dem sogenannten Früh- und dem Spätwerk Johnsons einnimmt, eine außerordentlich hohe Qualität eignet.

7.2. Schwierigkeiten mit der Fortbewegung - Eine ‚Sportwagengeschichte‘

„Der junge Herr B. konnte die Hand auf großes Geld legen und kaufte einen Sportwagen.“213

Der erste Satz des ersten Kapitels in „Zwei Ansichten“ ist einfach, übersichtlich, erscheint sogar ein wenig banal. Hier findet sich nichts von einem ‚Hineinstürzen‘ in einen Text, nichts von einem Anfang, der den Leser mit der ihn verwirrenden Vermutung überfällt, er habe den eigentlichen ‚Anfang‘ soeben verpaßt. Das anachronistisch wirkende, anonymisierende Abkürzen des Namens eines Protagonisten ist zwar im Gegenwartsroman ungewöhnlich, kann aber als Ironie oder erzählerischer Spleen aufgefaßt werden, dessen Auftreten vielleicht amüsiert, aber sicher nicht verstört. Der erste Satz ermöglicht es dem Leser, in ‚Herrn B.‘ einen erfolgreichen, glücklichen, ungestümen und gutgelaunten, sicherlich attraktiven Mann zu sehen, dem sein Leben leicht von der Hand geht und der allen Grund hat, einer Zukunft optimistisch entgegen zu sehen.

Nichts von alledem stimmt, aber das ist zu diesem Zeitpunkt der Lektüre noch nicht abzusehen. Eine erste Warnung erfolgt schon auf der folgenden Seite, die den ‚ausländischen Sportwagen‘, einen ‚roten Ponton‘214, als jenes „Unglücksauto“215 bezeichnet, als das es sich im weiteren Verlauf des Textes für B. erweisen wird.

Ein roter, ausländischer Sportwagen - das ist ein geradezu erotisches Gefährt, das nicht allein für schnelle und aufsehenerregende Fortbewegung sorgt, sondern auch die Potenz (materiell, physisch und psychisch) seines Besitzers schrill verkündet. Ein solches Auto ist ein Symbol für Kraft und ungebremsten Vorwärtsdrang. Die Erzählung belegt, daßBs sich mit dem Sportwagen verknüpfende Gedanken ähnlicher Natur sein müssen, denn B. kann, nach erfolgreicher Reparatur des aus einem Schleusenbecken gefischten Wagens, eine Nacht lang nicht schlafen, ist in Hingebung und Liebe zu seinem Auto, einem „hochbeinige[n] sprungsüchtige[n] Ding“ entbrannt216.

Im übernächsten Satz ist das Objekt der Bewunderung, in den Worten des Erzählers, dann wieder ein gar nicht Ehrfurcht gebietender „Karren“217, der B. sogar mehr zu faszinieren vermag als die Aussicht auf sexuelle Abenteuer218. Der Wagen wird zum bestimmenden Element in Bs kleiner norddeutscher Welt, er wird zum Synonym für Aufbruch und ‚Weltläufigkeit‘, und ist tatsächlich doch nur Ausdruck von Großmannssucht und kindischem Spieltrieb. B. jedenfalls glaubt, ohne den Wagen nicht mehr auszukommen, er ist ihm unentbehrlich219.

Welchem erzählerischen Zweck dient die ausführliche Beschreibung von Bs ebenso erotischer wie gewöhnlicher Faszination, die sich mit seinem neuen ‚Spielzeug‘ verbindet, als ‚Aufmacher‘ des Romans? Natürlich handelt es sich nicht nur um eine mokante Illustration eines ‚jungmännlichen‘ Geisteszustands. Wirklich interessant für den weiteren Verlauf des Romans wird die ‚Sportwagengeschichte‘ mit jenen Sätzen, die eine Verbindung zwischen dem Datum von Bs fünfundzwanzigsten Geburtstag, dem ‚Verschwinden‘ des teuren Wagens, und einem weltgeschichtlichen Ereignis an einem ‚neuralgischen‘ Ort herstellen: „Er [B.] wurde fünfundzwanzig Jahre alt im August 1961. Leider kam ihm dieser Wagen im gleichen Monat abhanden. Er hielt sich damals in Westberlin auf [...].“220

Wie schon Johnsons vorausgegangene Bücher schlägt auch dieser Roman eine Brücke zwischen der ihm eignenden fiktionalen Zeit und Welt, und den außerliterarischen Zeitläuften, oder, um es genauer zu formulieren: die historischen Abläufe bilden das den gesamten Roman konstituierende Gerüst. Der 13. August 1961 ist der Tag, an welchem die Grenze innerhalb Berlins zwischen den drei ‚westlichen‘ und dem ‚östlichen‘ Sektor geschlossen wurde - ein Datum, ein Ereignis, das ‚innerhalb‘ wie ‚außerhalb‘ der romanhaften Welt existiert. Dieser Tag im August schränkt, im wahren wie im übertragenen Wortsinn, die Bewegungsfreiheit zunächst der Berliner, der Deutschen, letztlich sogar der Menschheit drastisch ein. Der ‚eiserne Vorhang‘, bislang noch an manchen Stellen fadenscheinig und durchlässig, wird gestopft und schottet einander feindlich gegenüberstehende politische Systeme, also vor allem die ihnen bei- und untergeordneten Menschen, voneinander ab, auch wenn er, von Westen nach Osten, partiell immer noch durchlässig ist. Berlin verliert seine Freizügigkeit - und, im Roman, verliert B. seinen geliebten Sportwagen, also ebenfalls einen, wenn auch nur für ihn wesentlichen, Teil seiner Unabhängigkeit, seiner Kraft, seines Selbstbewußtseins.

Zu diesem Erzählzeitpunkt ist B. noch nicht bewußt, wie einschneidend die Veränderungen, die sich aus dem Diebstahl des Sportwagens ergeben, für sein Leben sein werden. Erst viel später, im Anschlußan einen für alle Beteiligten überaus peinlichen Besuch Bs bei den Eltern des Diebes, merkt B., daßdieser „Sohn aus reichem Haus ihn um etwas Unersetzbares gebracht hatte: er konnte nicht mehr durch ostdeutsches Gebiet fahren, da dessen Polizei den Besitzer des zerstörten Wagens der Beihilfe zu dem mißglückten Fluchtversuch verdächtigen konnte. Er konnte nicht mehr nach Berlin. Er hätte denn fliegen müssen.“221 Auch hier, nicht in der Geschichte, aber in dem durch sie formulierten ‚Bewußtwerdungsprozeß‘, besteht eine Parallele zu einer Entwicklung, die sich (besonders deutlich) in Berlin im Lauf jener Monate und Jahre vollzieht, die dem August 1961 folgen. Es ist nicht vermessen zu behaupten, daßdie Konsequenzen, die sich aus der ‚Abriegelung‘ der Sektorengrenze und dem sich unmittelbar anschließenden Bau der Berliner Mauer ergaben, in ihren ganzen Ausmaßen erst allmählich ins Bewußtsein der Bevölkerung, aber auch der politisch Handelnden, drangen. Schmerzlich und ‚unerhört‘ war der Prozeßvon Anfang an - wie bedeutsam und wie dauerhaft der aus ihm resultierende Zustand sein würde, ließsich im August 1961 noch nicht prognostizieren.

Interessanterweise erhält B. seine durch den Sportwagen symbolisierte Bewegungsfreiheit gegen Ende des Romans, zumindest scheinbar, zurück - er kauft sich, naiv und trotzig, ein anderes sportliches Auto als Ersatz für das gestohlene und bei einem Fluchthilfeversuch zerstörte. Dieser Kauf findet statt, als D. sich bereits ‚auf der Flucht‘ befindet. Übertragen ausgedrückt bedeutet das also, daßeine doppelte, wenn auch erzählerisch ironisch gebrochene, Befreiung stattfindet: D. befreit sich aus der DDR (und somit aus ihrem ‚unbeweglichen‘ Leben), B. hingegen befreit sich aus seinem ganz persönlichen (und davon abgesehen ganz unbedeutenden) ‚immobilen‘ Zustand. Die Geschichte kommt aber zu keinem glücklichen Ende. Angesichts des neuen Wagens kommt bei B. keine rechte Freude auf222 ; zu allem Überflußhat der Wagen schon nach wenigen Stunden eine Panne223. Das Fortkommen, die Bewegung, ist nach wie vor schwierig - die Zeit läßt sich nicht zurückdrehen, und auch mit einem schnellen Auto kann B. nicht in den ‚unbeschwerten‘ Juli 1961 zurückfahren. B. und D. kommen nicht so zusammen, wie B. sich das sicher gewünscht hat: Er verunglückt, zurückzuführen auf Erschöpfung und auch auf die Ahnung davon, daßer sich hinsichtlich einer Liebe zu D. etwas vorgemacht hat, kurz vor dem Ziel, und D. besucht ihn nur „der Form halber, und weil die Wirtin ihr zugeredet hatte“224.

Kommunikation hat immer auch mit der Möglichkeit, Kontakt aufnehmen und überhaupt herstellen zu können, zu tun. In „Zwei Ansichten“ ist diese Möglichkeit, wie schon in „Das dritte Buch über Achim“, durch die politische Situation innerhalb der ‚beiden Deutschland‘ stark eingeschränkt. Verschärft wird diese Einschränkung noch durch den Umstand, daßdurch „Zwei Ansichten“ im ganz wörtlichen Sinn ‚die Mauer läuft‘ - der Roman spielt nicht ausschließlich vor, sondern auch während und unmittelbar nach dem Mauerbau.

Johnson sucht und findet ein Bild für die Behinderungen, die durch diese Mauer ganz unmittelbar entstehen - Behinderungen der Reise- und Bewegungsfreiheit für Westdeutsche, Reise- und, etwas spitz formuliert, Bewegungsverlust für Ostdeutsche. Diese komplexen Zusammenhänge erzählt Johnson einerseits ‚unverschlüsselt‘, indem von Grenze und Mauerbau, von Fluchtversuchen, Fluchthelfern, aber auch von Alkoholismus, Selbstmorden aus Verzweiflung und seelischen Verwüstungen berichtet wird, andererseits aber auch verschlüsselt in Form einer zunächst nur ironisch wirkenden Geschichte von Erwerb und Verlust eines roten Sportwagens, die sich, gleichsam als roter Faden, durch den ganzen Text zieht. Ein Gegenstand, der seinem Besitzer B. das Fortkommen erleichtern und das Selbstwertgefühl stärken soll, wird durch seinen Verlust zur Metapher einer (textimplizit wie textexplizit) jeden betreffenden Behinderung, Eingrenzung, Einmauerung.

7. 3. Zwei Orte - Die Einsamkeit des Herrn B.

„Überdies bedarf der Versuch der Verständigung zumindest der Illusion, es werde Verständigung gewünscht.“225

Im Buch „Zwei Ansichten“ seien, durch den Titel, nicht nur die alten Bedeutungen des Wortes Ansicht, die vue, der Prospekt, die ‚schlichte‘ Verschiedenheit der Meinungen226 eingearbeitet, sondern es handele sich auch um ein Buch über seine Orte - „vornehmlich die Städte Berlin, auch eine kleine Stadt in Holstein, und die Flugzeuge dazwischen“227.

Herr B. ist, das vorangegangene Kapitel legt diese Deutung bereits nahe, ein ‚Entwurzelter‘, der eine Liebe sucht, die es nicht gibt, und der sich an keinem seiner Orte, weder in seiner ‚holsteinischen Stadt‘, noch in Berlin, wohl und heimisch fühlen kann.

Nach dem Verlust des Wagens, gewissermaßen ‚geplündert und entehrt‘ in seinen kleinen Heimatort zurückgekehrt, steht B. das traumhafte Bild des ostberliner Mädchens228 ‚zwischen‘ seiner alten Existenz und einer neuen, behelfsmäßigen, zu deren Aufbau, wenn ein so großes Wort für seine kläglichen Versuche überhaupt angebracht ist, B. sich zwingen muß. Seine ‚abhängige‘ Stellung mit ihren ‚erzieherischen‘ Bedingungen229 läßt ihm „Wut in die Schläfen“230 steigen, und es scheint nur eine Frage der ‚demütigenden Zeit‘, bis B. endgültig den Ort wechselt, also nach Berlin umzieht. Tatsächlich unternimmt B. einen solchen Versuch später, aber nur halbherzig, unentschlossen, mit der ihn kennzeichnenden Schwerfälligkeit231, und der Schlußdes Buches läßt nicht die Folgerung zu, B. habe aus seinen unglücklichen Versuchen, zu D. zu finden, wenigstens mehr Entschiedenheit gelernt und die Kraft für einen neuen Anfang, in der großen Stadt Berlin etwa, gewonnen.

Tatsächlich verfolgen Bs Besuche in Berlin, seine kurzen und längeren Aufenthalte in dieser Stadt, vordergründig immer das Ziel, mit D. Kontakt aufzunehmen - bei der Lektüre dieser Unternehmungen entsteht aber sehr bald der Eindruck, daßB. für so etwas, sogar für eine Fluchthilfe, nicht der rechte Mann sein kann. Zu unsicher bewegt er sich in der ihm ungewohnt großen Stadt, und selbst in der Kneipe, die schließlich zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort wird, verhält er sich linkisch und bemerkenswert provinziell, obgleich gerade ‚typisch‘ Berliner Kneipen (wie die von Johnson geschilderte232 ) alles andere als ‚weltläufig‘ sind.

B. bleibt ‚zwischen‘ den Orten (und somit ‚zwischen‘ einem Ende und einem neuen Anfang), gerade so, als befände er sich, metaphorisch gedacht, im Verlauf des Romans ständig in den so ungeliebten Flugzeugen zwischen Hamburg und Berlin233 - er kommt nicht an sein Ziel, und diese alptraumartigen Reisen kündigen bereits an, daßBs Bestrebungen, sich mit D. zu ‚vereinigen‘, letztlich kein Glück beschieden sein wird. Zu diesem ‚schleichenden‘ Realitätsverlust, auch im Sinn eines Verlusts jeglichen Zufluchtsortes, paßt Bs Beruf als Photograph. Zu Beginn verweist der Roman auf einen beruflichen Erfolg Bs, auch wenn es sich bei dem angesprochenen Bildband nicht um ein Objekt von besonderem künstlerischen oder dokumentarischen Wert handelt, sondern um eines jener bemüht ‚blau behimmelten‘ Werbegeschenke, mit welchen jede noch so unbedeutende und gesichtslose Stadt sich um Touristen und die Anerkennung verdienter Bürger bemüht234. Mit Bs Besuchen (oder seiner Suche, die auch eine nach einer ‚verlorenen Zeit‘, nämlich jener vor dem Bau der Mauer ist) in Berlin wandelt sich sein Aufgabengebiet respektive sein Sujet235, und B. wird ‚zwangsläufig‘ und doch uninspiriert zu einem ‚politischen Photographen‘236, hat, das ist die entscheidende Formulierung des Erzählers, „oft [...] das Gefühl zu leben wie in einem Film“237.

Auch das ‚Sprachproblem‘, das Verstehen und Benutzen von lokal gebräuchlichen Formulierungen, wird im Text formuliert. Dieses Phänomen, von Johnson immer wieder aufgegriffen, steht zwar nicht so unmittelbar im erzählerischen Mittelpunkt, wie das im Roman „Das dritte Buch über Achim“ der Fall ist, findet sich aber doch als Zeichen von Fremdheit, hier trügerisch in vermeintliche Gewöhnung an die Stadt und das Sprechen ihrer Bewohner gekleidet, wieder: „Er [B.] glaubte sich angenommen in der Stadt, seit er sich nicht mehr verfuhr im unterirdischen Bahnnetz, seit er einem Einheimischen hatte eine Straße weisen können, er glaubte sich ja wunder wie vertraut und eingesessen, wenn er gängige Ausdrücke benutzte und sagte: beim Bäcker ist die Boulette nicht gewesen, nur weil sie ganz und gar nach Fleisch schmeckte, wenn er dachte: wird ich mal Gas geben auf die Dame, wollte er sich um eine bemühen [...].“238 Eindeutig stellt der Erzähler fest, daßjedes eventuell aufkeimende Gefühl von neuer Heimat trügerisch, sogar selbstbetrügerisch, ist. B. redet hier mit fremder Zunge, ohne sich darauf zu verstehen - und ist dabei weit von Karschs Sensibilität, die über das Bemerken von Unterschieden weit hinaus geht, entfernt. B. plappert nach, was ihm neu ist - und redet sich so immer mehr in seine Isolation hinein.

Die bereits angesprochene „Kneipe südlich der City, die nach einer Haltestelle der Untergrundbahn hieß“239 wird B. zum Beweis für das Existieren der Stadt240, und obgleich ihm hier, im ‚Wohnzimmer des Berliners‘, das aufgesetzt berlinische vergeht, er also zumindest ahnt, daßmehr zur Kenntnis dieser Stadt und ihrer Bewohner gehört als ein Photoapparat und eine diffus private Aufenthaltsbegründung, bleibt er in seiner Verständnislosigkeit und Unbeweglichkeit gefangen.

Auch in „Zwei Ansichten“ gibt es also das Motiv des ‚fremden Besuchers‘, aber B., ein nicht besonders intellektueller, keiner tiefschürfenden Reflexion fähiger Reisender, der sich zudem ständig mit großen Mengen alkoholischer Getränke benebelt, ist in seiner nicht nur ausschließlich provinziellen, sondern auch sehr deutschen Engstirnigkeit nicht ohne weiteres mit Karsch in „Das dritte Buch über Achim“ zu vergleichen. In „Zwei Ansichten“ ist ein einfacher Mann sehr verloren in einer neuerdings geteilten Stadt, und seine Nervosität und Traurigkeit über den Verlust eines Menschen, mit welchem ihn tatsächlich kaum mehr als ein flüchtiges sexuelles Abenteuer verbindet, erinnert an die Reaktion eines trotzigen Kindes auf die Wegnahme eines eigentlich gar nicht geliebten Spielzeugs. Jetzt ist auf einmal lebenswichtig, was unter anderen Umständen unbedeutend erschiene.

Die bereits mehrfach erwähnte Kneipe ist noch aus einem anderen Grund der wohl bemerkenswerteste Ort des Romans. Einerseits zeigt sich hier, daßan einem Kommunikationsschauplatz schlechthin gerade die Kommunikation zu einem unlösbaren Problem werden kann, andererseits handelt es sich um einen fiktionalen Schauplatz, welchen Johnson leicht verwandelt nicht nur im Roman, sondern auch in einer ebenfalls 1965 publizierten Erzählung verwendet. Auch „Zwei Ansichten“ hat also eine ‚Parallelerzählung‘, die ohne Kenntnis des Romans zu lesen und zu verstehen ist, und die doch einen Nebenstrang der romanhaften Handlung aufgreift und ausformuliert, allerdings ohne Verwendung einer Figur, die in Erzählung und Roman den gleichen Namen trägt: gemeint ist Uwe Johnsons Beitrag zum Kursbuch Nr. 1 „Eine Kneipe geht verloren“241. Die umfangreiche Erzählung (sie als ‚Aufsatz‘ zu bezeichnen scheint, ihres halb-dokumentarischen Charakters und der ‚journalistischen‘ Beschreibung von Fluchthilfeverfahren242 zum Trotz, nicht ganz angemessen, da der Gesamthabitus der Erzählung fiktional ist und der Erzähler sich hier in der Tat einen wissenden Gestus gestattet), übernimmt eine Art ‚additive‘ und allgemeiner gehaltene Präsentation der Fluchthilfe und ihrer Organisation, mit welcher B. im Roman „Zwei Ansichten“ konfrontiert wird. Die Erzählsituation bezieht sich hier stärker auf eine junge Wirtin, eine Studentin, die nicht unbedingt jene aus „Zwei Ansichten“ sein muß, die aber, genau wie die gesamte Lokalität, sehr ähnliche Züge trägt243. Vor allem nimmt die Erzählung eine ganz gewöhnliche Kneipe in einem bis August 1961 ganz gewöhnlichen Jahr zum Anlaß, den nach dem Bau der Mauer sehr veränderten, ‚verschworenen Alltag‘244 darzustellen.

Das unbedenkliche Plaudern der Gäste nimmt „an jenem Sonntagmorgen“245 einen ganz anderen Charakter an. Es ist etwas verloren gegangen, wobei die Dimension des Verlusts erst allmählich in das Bewußtsein der auf Frühschoppen und Skat harmlos eingestellten Gäste dringt. Endlich reden „nahezu alle mit allen [...], und fast alle standen, wie bei Beratungen zu einem raschen, gemeinsamen Aufbruch“246. Die Wirtin ahnt die persönlichen und privaten Konsequenzen des ideologisch- historischen Ereignisses, als ihr eine flüchtige Bekannte in den Sinn kommt, eine Grete aus Ostberlin247. Jetzt ist es mit einem Mal unmöglich, „auf ein Bier nach dem Kino mit älterer Verwandtschaft, die das Mädchen vor Mitternacht an die Ringbahn brachte“248 aus dem kommunistischen Sektor der Stadt zu kommen. Das Ende der Freizügigkeit, die Zerschlagung des S- Bahn-Stadtringes, ein Kommunikationsabbruch, ein Verlust von persönlichen Kontakten, von Freundschaften, von Menschen - all das mag der jungen Wirtin als Stellvertreterin der Berliner Bevölkerung, unformuliert und als amorpher Bewußtseinsinhalt, einfallen. In der Erzählung zeigt sich dann, daßaus guten Absichten (die Wirtin hält sich einiges auf ihre „Erfahrungen mit öffentlichen Katastrophen“249 zugute), gewöhnliche, trotzdem illegale ‚Verschworenheit‘ wird, und alles in absurden oder wenigstens lächerlichen Anklagen und Verfahren endet - die Kneipe geht verloren, und mit ihr die Initiative und Energie der Menschen, sich in Auflehnung zu engagieren, sich nicht ohne weiteres in Unvermeidliches zu fügen. „Eine Kneipe geht verloren“ ist fraglos die spannendste und auch lakonischste Erzählung über ‚Wege zur Fluchthilfe‘ in der deutschen Literatur - sie stellt nicht nur einen Kommentar zu „Zwei Ansichten“ dar, sondern ist eine zusätzliche Bearbeitung eines in den Roman zwar eingearbeiteten, aber doch zugunsten einer genaueren Betrachtung von weniger speziell gestalteten Elementen nicht ganz zu Ende geführten Themas.

Die Wirtin der Erzählung macht zwar einen ähnlich resoluten Eindruck250 wie jene des Romans - sie ist aber dennoch eher ein personifiziertes Beispiel für eine Verwicklung in politische Abläufe, und nicht die ‚ungnädige Übermutter‘ des Romans, an welche sich ein nervlich völlig zerstörter B. am Schlußvon „Zwei Ansichten“ förmlich klammert251. Dieser Romanschlußzeigt den Zusammenbruch von Kommunikation (und hier damit den Zusammenbruch einer selbstverschuldeten Illusion) am Beispiel von Telephongesprächen zwischen B. und der Wirtin, die, zunächst „ein wenig grimmig“252, dann grob und unerklärlich253 klingen, um abschließend ganz in bloßen Rufzeichen zu verstummen254. So kündigt sich an, daßD. tatsächlich weit davon entfernt ist, B. zu heiraten - und eine vielleicht tragische Liebesgeschichte, wie es tatsächlich viele gegeben haben mag und wie sie auch der Roman nennt255 findet nicht statt - lediglich ein jämmerliches Zurückbleiben Bs, des möglicherweise unsympathischsten Protagonisten, den Johnson je erzählt hat. Das für B. sicherlich tragische Ende läßt kein Mitleid beim Leser entstehen - man stellt sich statt dessen eine in dicke Mullbinden von Kopf bis Fußverpackte, höchstens lächerliche Comicfigur vor, einen ‚Ritter von der traurigen Gestalt‘, dem aber dramatische Größe gänzlich abgeht.

B. hat im Lauf des Romans viele Fragen, metaphorisch gesagt, zwischen Orten und zwischen Zeiten, gestellt. Antworten sind ihm kaum zuteil geworden, und wenn, sind sie nicht in seinem Sinn, verstärken höchstens sein Unverständnis und sein im ganzen eher peinliches Verhalten. B.erinnert, obgleich Johnsons Roman bei einem solch gewagten Vergleich nur verlieren kann, gelegentlich an den (oder die) ‚K. - Helden‘ in den Romanen „Der Proceß“ und „Das Schloß“ Franz Kafkas256 - das Irren der Protagonisten durch eine fremdgewordene Welt, das zwar andauernde, aber doch unentschlossen und lethargisch wirkende Ringen um Verständnis und Erklärung, das Kämpfen um Anerkennung, und eine Kommunikation, die im Roman als deren Unmöglichkeit geschildert wird, verbindet die genannten literarischen Beispiele.

Nicht nur B. fühlt sich fremd in der Großstadt Berlin, nicht nur den Berliner Bürgern wird die eigene Stadt verwandelt durch den Bau der Mauer, wie in kurzer Form „Eine Kneipe geht verloren“ darlegt; auch D. wandert zwischen den Welten, und kommt weder mit der einen noch der anderen in ein rechtes Benehmen257. D. zeigt eine Unsicherheit, die nicht nur eine ihrem Alter entsprechende ist, sondern die auch beispielhaft für die junger Ostdeutscher in den Zeiten unmittelbar vor, während und unmittelbar nach dem Mauerbau steht - und B. ist nicht etwa der wahre Anlaßfür ihre Flucht, sondern nur deren Auslöser. D. geht es nicht um Emotion, sondern um Pragmatismus.

7. 4. Ein ganz gewöhnliches Mädchen aus Ostberlin

„Das Schlimmste kommt euch noch. Jetzt täglich über eintausend Leute warfen den ostdeutschen Ausweis weg, in der Woche ein Dorf, im Monat eine kleine Stadt, und aller Angst vor der Fremde verengte der D. den Hals, als ginge sie heute schon mit.“258

Ein Zitat noch aus der Anfangsphase des Romans, das doch schon eindeutig darauf verweist, daßD. sich, wenn auch erst halb bewußt, gegen ein Leben in der DDR entscheiden wird. ‚Heute‘ geht sie noch nicht, Angst spürt sie deutlich, aber das Bleiben wird immer schwerer und kann eines Tages nur noch unmöglich sein. D. hat sich, für einen Menschen ihrer einfachen und eher unpolitischen Herkunft, schon zu Beginn des Romans weit von dem offiziell geforderten ‚treuen‘ staatsbürgerlichen Verhalten eines DDR- Bewohners entfernt. Natürlich nimmt sie nicht an verbotenen Veranstaltungen dissidentischer Kreise statt; aber sie richtet sich ihr Leben, in einem ihr möglichen bescheidenen Umfang, selbst ein, ohne die Vormundschaft des Staates über sie einfach zu akzeptieren. Sie wohnt „heimlich [...] am Rand der nördlichen Innenstadt“259, leistet sich eine Affäre mit Herrn B., dessen Ansichten von einer Liebe sie aber nur ‚ulkig‘ findet, und den sie bei einem Wiedersehen im März 1961 „nicht so bald erwartet“260 hat.

Diese Beschreibungen der Gedanken Ds lassen an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig, und spätestens an dieser Stelle des Romans wird klar, daßJohnson hier nicht die alte Geschichte von Romeo und Julia neu erzählt. Zumindest D. ist nicht nur durch die (noch) nicht ganz undurchlässige Grenze zwischen den beiden Deutschland von B. getrennt; ihre Gefühle sind offenkundig einfach nicht stark genug. D. befindet sich in einer Umorientierungsphase, sie ist, salopp gesagt, endgültig flügge geworden, weißaber nicht eindeutig zu sagen, wohin ihr Lebensweg sie führen soll. Besondere Bindungen zu ihrer Heimat, den noch von Kindheit gewohnten Lebensumständen, bestehen nicht. Die Mutter ist ihr eher lästig, einzig einem jüngeren Bruder fühlt sie sich verbunden. Die Nacht von Samstag auf Sonntag, in welcher ‚die Grenzen Westberlins gesichert‘ werden, verbringt D. bei ihrer Mutter in Potsdam. Am Sonntagmorgen denkt D. kurz über ihr Verhältnis zu jenem Staat, den sie „bei Lügen ertappt hatte“261 nach - Gedanken, die zeigen, daßD., im allgemeinen ‚gleichgültig gegen Politik‘262, vor dem Mauerbau kein überzeugter Protestant und Kämpfer gegen sozialistische Weltsicht war, sich aber ‚ihrem‘ Staat gegenüber reserviert und skeptisch verhielt. Jetzt, an diesem 13. August, hat sich freilich einiges verändert:

„Sie hatte unter diesem Staat gelebt wie in einem eigenen Land, zu Hause, im Vertrauen auf offene Zukunft und das Recht, das andere Land zu wählen. Eingesperrt in diesem, fühlte sie sich hintergangen, getäuscht, belogen; [...].“263

Eine Ansicht, die sicher viele DDR-Bürger zeit der Existenz des Staates geteilt haben. An diesem Beispiel läßt sich einmal mehr zeigen, wie stark die Verschränkung zwischen literarischer, fiktionaler Welt, und ‚außerliterarischer‘ Erlebniswelt in den Werken Johnsons ist, wie fließend die Übergänge hinsichtlich zeitgeschichtlicher, dokumentarischer Anmutung und romanhafter Schilderung sind.

Zusammenfassend ist zu Ds Gefühls- und Bewußtseinslage zu sagen, daßD. selbst manches in ihrem noch jungen Leben unklar ist, daßihre Zufriedenheit mit den beiden Alltagswelten, der westlichen und der östlichen, sich in engen Grenzen hält, daßsie es aber als eine geradezu persönliche Beleidigung empfindet, plötzlich ihrer Freizügigkeit beraubt zu werden. Die DDR als ‚strenge und wunderliche Lehrerin‘264 überschreitet ihre Kompetenzen, vielleicht nicht unbedingt, was man ihr zutrauen konnte, aber doch, was man ihr zutrauen mochte. D. ist ganz in ihre eigenen Probleme eingesponnen, und eine feste Beziehung zu B. kommt ihr gar nicht in den Sinn; sie verweigert sogar, nachdem B. einige Anstrengungen unternommen hat, mit ihr in Kontakt zu treten, eine schriftliche Kommunikation: „In ihrem Brief bat sie ihn auf Briefe zu verzichten. Der Ton war verbindlich, wie an einen Fremden gerichtet.“265 Natürlich kann die Vermutung angestellt werden, Ds Verhalten sei so reserviert, weil sie in einer Beziehung mit einem Westdeutschen aufgrund der politischen Verhältnisse keine Zukunft sehen könne; ihre Ablehnung sei eine brutale, aber verständliche Form von Selbstschutz. Für eine solche Vermutung liefert der Roman aber keine Anhaltspunkte; hingegen ist die amüsierte und sehr distanzierte Weise, in welcher D. an B. denkt (was überhaupt selten genug geschieht) ein Hinweis darauf, daßD. ihre Affäre überhaupt nicht nahe geht - der Schlußdes Romans beweist diesen ‚Leserverdacht‘.

Im sechsten Kapitel des Romans spitzt sich die Lage für D. zu, und es läßt sich eine Parallele zwischen ihrem Leben und dem Leben Bs konstruieren, denn beide fühlen sich, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, einsam und unwohl. D. verliert nicht nur ihren geliebten Bruder, der „über die Grenze, weg aus dem Staat, in eine undenkbar entfernte Gegend“266 flieht, sondern auch ihre heimlich bewunderten ‚intellektuellen‘ Freunde, die vor dem Bau der Mauer ihren Staat unterstützten und jetzt auf einer wissenschaftlichen Reise in Westeuropa vor der Mauer ‚abwarten‘267. „Die D. glaubte sich im Stich gelassen“268, und läuft einige Zeit ziellos durch ihr Leben, das noch isolierter und ereignisloser geworden ist269. In dieser ‚grauen‘ Situation denkt sie dann doch an B., wundert sich über sein von ihr gewolltes Stillhalten270, „konnte nicht wünschen, ihn zu kränken“271 - doch all das hat mit Liebe nichts zu tun, entspricht wohl eher dem vagen Gefühl, nicht einen anderen Menschen, sondern ein anderes Land verloren zu haben, eine ‚nicht mehr vorstellbare Brücke‘272, eine Bewegungsfreiheit, eine Kommunikationsmöglichkeit. Der Gedanke zur Flucht liegt nahe, aber D. denkt ihn nicht mit Sehnsucht und vorfreudig erregtem Sinn, sondern „einfach aus Überdruß, ohne viel Hoffnung, sich zu verbessern“273.

Also ringt D. sich durch, B. einen Brief mit der Bitte, ihr bei der Flucht zu helfen, zukommen zu lassen. Der Inhalt ihres Schreibens, den ein ‚B - Kapitel‘ überliefert, ist lapidar, ungelenk und verkrampft genug, um keine besonderen Hoffnungen zu wecken274, was auch B. zu spüren scheint.

Trotzdem ist der ‚Mauerstein‘ damit ins Rollen gebracht, und das achte Kapitel liefert die Schwierigkeiten, die D. mit der Niederschrift des denkbar kurzen Briefes hatte, nach. Bezeichnenderweise ist B. für sie inzwischen nur noch eine blasse Vorstellung, ein Traumbild, eine irreale Erinnerung275 - was nicht verwundern kann, denn die beiden haben sich, wie bereits erläutert, nur zweimal kurz gesehen, sind sich eigentlich sehr fremd. Dazu paßt, daßauch B. sich nicht mehr sicher sein kann, ob sein erinnertes Bild von D. überhaupt noch mit einer realen D. übereinstimmt; ihre Augenfarbe erinnert er jedenfalls nicht mehr, ein wichtiger Umstand, der D. schließlich endgültig dazu verleitet, es mit ihm im Westen gar nicht erst zu versuchen: „Sie hatte auffällig blaue Augen. Sie konnten heller oder tiefer blau aussehen, je nach dem Licht der Umgebung. Der junge Herr B. hatte sie hereingelegt mit einem Paßfür graugrüne Augen. Sie wollte nicht mehr. Er wußte von ihr nicht einmal die Augen.“276

„Zwei Ansichten“ endet für D. mit dem Aufbruch in die ‚neue Welt‘, also mit dem Aufbau einer neuen Existenz in der Bundesrepublik, für B. im Krankenhaus, verlassen und mit einer vagen Bestätigung, D. wolle seinen Heiratsantrag überlegen277, woran sie natürlich nicht entfernt denkt. Für D., die keine besonderen Hoffnungen mit dem Westen verbindet, gibt es also doch so etwas wie einen neuen, vielleicht sogar besseren Anfang, für B. hingegen, der Hoffnungen, wenn auch absurde, in die Zeit nach Ds Flucht gesetzt hat, wird nichts bleiben als wieder in seine kleine holsteinische Stadt zu gehen, in einem Photolabor zu arbeiten und hin und wieder dem Lokalanzeiger ein Foto von lokalen Ereignissen zu verkaufen.

Zunächst können B. und D. nicht zusammen kommen (abgesehen davon, daßD. eine solche Absicht zu keiner Zeit ernsthaft gehegt hat), und als sie endlich beide ‚auf sicherem westlichen Boden‘ sind, stellt sich heraus, daßsie nicht zusammen kommen wollen, daßsie sich, im sehr direkten Sinn, nichts zu sagen haben.

Die erzählerische Realisation dieses Problems wurde bereits dargelegt; auf den Roman zurückblickend ist festzustellen, daßJohnson die Trennung (im physischen wie im emotionalen Sinn) der beiden Protagonisten im gesamten Roman strikt einhält, ihre Kommunikationsschwierigkeiten, sowohl im Sinn des gegenseitigen Treffens, als auch im Sinn des miteinander Sprechens, durch eine Schilderung des Ablaufs jenes ‚schwierigen und gefährlichen‘ Jahres (genauer: der Zeit seit August) 1961 jeweils aus dem Blickwinkel der Protagonisten heraus darstellt. B. und D. leben sehr unterschiedlich, haben sehr unterschiedliche Ansichten von dem, was sie für ihr Leben als wesentlich erachten, und das Ende des Romans zeigt ihre andauernde Trennung, die keineswegs ausschließlich auf die besonderen Probleme der geteilten Nation Deutschland, die sich auf ihre ‚Beziehung‘ auswirken, sondern auch auf zwischen B. und D. bestehende, letztlich unüberwindliche ‚zwischenmenschliche‘ Verständnisschwierigkeiten, zurückzuführen ist.

„Was wir hier lesen, ist also nicht das handelsübliche Melodram, kein Abgußvon Romeo und Julia, denen nun eine Grenze zerstört, was Liebe genannt werden könnte. Erzählt wird die Geschichte einer doppelten Illusion und Enttäuschung, eine private Geschichte, nur forciert durch eine zeitgeschichtliche Bedingung, eben die Grenze.“278

8. Münden in der Mitte - Uwe Johnson nach „Zwei Ansichten“

Die Niederschrift von „Zwei Ansichten“ markiert recht genau eine zeitliche ‚Mitte‘ von Uwe Johnsons Schaffen. Frühe ernsthafte Schreibversuche datieren, wie Johnson in „Begleitumstände“ ausführt, im Herbst oder Winter 1952279. Die letzten fünf ‚Tageskapitel‘ des Romans „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ entstehen im April 1983280 - wobei nicht übersehen werden darf, daßerste Überlegungen (und bald auch Studien) zu diesem Buch schon im Winter 1966/67 angestellt werden281.

Mit „Zwei Ansichten“ endet also gewissermaßen das ‚Früh - und Mittelwerk‘ Uwe Johnsons - es folgen längere Aufenthalte in New York (ab 1. Juni 1966 arbeitet Johnson als Schulbuchlektor für Harcourt, Brace & World282 ), der Beginn der Niederschrift von „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“283, intensive schriftstellerische Tätigkeit, die Jahre später in eine Krise gerät, die sich mit persönlichen Schwierigkeiten paart und zu jenen eigenartigen Verdächtigungen und Schreibhemmungen führt, welche als Johnsons ‚writers block‘ Mitte der siebziger Jahre immer noch Anlaßbiographischer Forschung und literargeschichtlicher Legendenbildung sind284.

„Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl I - IV“ ist, pathetisch ausgedrückt, nicht nur der Roman, mit dem Johnsons schriftstellerisches Werk, aber auch das Leben des Autors, einen Abschlußfindet, sondern auch das Buch, indem sich Johnsons Figuren wieder versammeln, in welchem sie kleinere Rollen spielen285, in das die verschiedenen bisher erzählten Geschichten Johnsons münden und, wenngleich natürlich streng organisiert, eine Eigendynamik zu entwickeln scheinen.

Die Kommunikationsschwierigkeiten, die Johnson in ihren politischen und öffentlichen, aber auch in ihren privaten und intimen Bezügen immer wieder in seinen Fiktionen schildert, gehen sowohl in den Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ als wesentliches Element des Erzählens und des Erzählten ein, als sie sich auch in Johnsons Leben im Lauf der siebziger Jahre immer gewaltiger, immer grotesker auswirken.

Vor diesem Hintergrund ist auch Johnsons in den Poetik-Vorlesungen enthaltene, wenngleich in Humor gekleidete, dennoch resignative Äußerung zu verstehen:

„Und beherrschte mich etwas, was ich einen pädagogischen Eros habe nennen hören, so wäre ihm vollauf Genüge getan mit dem Ergebnis, dass auch nur einer von Ihnen, der heute noch anbandeln möchte mit einer Ausrichtung seines Lebens auf das so genannte Schreiben, in einigen Wochen versichert: gewarnt worden sei er allerdings.“286

Poetik als Warnung - das ist hier mehr als bloße Koketterie, das ist die Bilanz eines kreativen, erfolgreichen und doch unglücklichen Lebens.

9. Schluß

Kommunikation als Erzählproblem am Beispiel der Romane „Das dritte Buch über Achim“ und „Zwei Ansichten“ von Uwe Johnson zu untersuchen, ist nicht möglich ohne darzustellen, wie Kommunikation in beiden Romanen eingesetzt wird. Dabei stellt sich heraus, daßbeide Romane, „Das dritte Buch über Achim“ schwächer, „Zwei Ansichten“ stärker, Romane über die Schwierigkeit, sogar die Unmöglichkeit von Kommunikation sind. Diese Schwierigkeit ist sowohl auf die in die Romane eingeschriebenen zeitgeschichtlichen ‚Begleitumstände‘, also auf die zunächst politische, dann auch in einer Mauer und befestigten Grenze manifestierten, Trennung der beiden deutschen Staaten zu suchen. Die grundsätzliche Bedeutung von Kommunikation, gleichsam ihre Essenz, besteht in der Möglichkeit, einander zu besuchen, einander zu sehen, um dann miteinander zu sprechen, sich über immer bestehende Meinungs- und Auffassungsunterschiede hinweg zu verständigen. Diese Möglichkeit ist in Deutschland, von den ausgehenden vierziger Jahren bis 1989, empfindlich eingeschränkt, besteht ab 1961 sogar, von Ausnahmen abgesehen, nur noch für den ‚westdeutschen‘ Teil der Bevölkerung. Schon in dieser sehr ‚physischen‘ Bedeutung sind die beiden Romane, von denen einer kurz vor, der andere während und kurz nach dem Mauerbau, der Grenzschließung, spielt, als Romane ‚behinderter Kommunikation‘ zu verstehen. Sie zeigen diese Thema genau durch die romanhafte Zeit ihrer Handlung, aber auch dadurch, daßin beiden Romanen immer wieder von ‚Besuchen‘ und von ‚Besuchsversuchen‘ erzählt wird.

Die Trennung ist aber nicht nur ‚physischer Natur‘, sondern auch sprachlicher und damit geistiger und mentaler. Die Welt wird wirklich, indem man sie formuliert, und die Art der Formulierung wirkt sich sowohl auf die Wirklichkeit der Welt aus, wie auch diese Wirklichkeit die Formulierung beeinflußt. Es besteht eine sehr enge Interaktion zwischen Welt und Sprache - ein Thema, das Johnson (und eigentlich jeden Schriftsteller) zwangsläufig interessieren muß, stellt doch die Schaffung literarischer Kunstwerke einen Dialog zwischen außerliterarischer Realität und ‚erfundener‘, literarischer Welt her. Johnson zeigt in seinen Werken aber nicht nur die Probleme einer literarischen Umsetzung außerliterarischer Phänomene, eine erwünschte Wechselwirkung zwischen einer Realität, die in der Fiktion erkennbar ist, die Fiktion dadurch erweitert und wahrhaftiger gestaltet, bis diese Fiktion wiederum auf die Realität des (expliziten) Lesers trifft und sie so um neue Aspekte bereichert, sondern verweist, in Aufsätzen wie „Berliner Stadtbahn (veraltet) “, aber auch in der Praxis des Romanschriftstellers, auf jene unterschiedlichen Sprachen, die sich unterschiedlichen Weltanschauungen verdanken, die gerade im geteilten Deutschland existierten und die nicht nur Schriftstellern (ihnen aber im Verlauf ihrer Arbeit besonders) zum Problem wurden.

In Erweiterung der zu schildernden Schwierigkeiten des Zusammenkommens geht es in den vorgestellten Texten selbstverständlich auch um das miteinander Sprechen, um die Verständigung an sich - und auch hier stehen, in den untersuchten Beispielen, wie auch im Gesamtwerk Johnsons, wieder die Probleme bei solchen Verständigungsversuchen im Vordergrund.

Im Roman „Das dritte Buch über Achim“ finden sich durchaus Gespräche wiedergegeben, aber es bleibt häufig der Eindruck, die miteinander Sprechenden hätten sich zwar einiges zu sagen, scheitern aber an der Überwindung des Unterschieds zwischen ihrem ‚Ich‘ und der Person des anderen. Dieses ‚zögernde und mißverständige‘ Sprechen erreicht Johnson, indem er Gespräche in einer mit Erzählerkommentaren durchsetzten Weise aufzeichnet287, sie in einer die Verwirrung und das Ringen um Verständigung und Aufklärung direkt nachzeichnenden Art präsentiert288, oder auch, indem Gespräche in direkter Rede wiedergegeben werden, die dann sehr anschaulich macht, wie Formulierungen im Ungesagten verharren, wie beide Sprecher Voraussetzungen beim jeweils anderen annehmen, ohne genau den Hintergrund des anderen zu kennen - eine ‚Redeweise‘, die Mißverständnisse selbst dann provozieren kann, wenn beide Kommunikationspartner einander gut kennen, jedenfalls eine Redeweise, die einem Leser sehr bekannt vorkommen muß, auch wenn sie im Zusammenhang mit der Lektüre des Romans sperrig und kompliziert wirken kann289.

Der junge Herr B. erfährt in ‚seiner‘ Kneipe in Berlin besonders deutlich, wie ausgestoßen und unverstanden man sich fühlen kann, wenn man als ‚Fremdkörper‘ in ein geschlossenes System eindringt - geredet wird in solchen Kneipen viel, aber zumindest B. versteht nahezu nichts; es bleibt ein „Gesprächsgeräusch“290, ein Raunen der Verständnislosigkeit und der Isolation.

Die erzählerische Darstellung von Kommunikation berührt erwartungsgemäßeine, vielleicht die zentrale Komponente einer Poetik Uwe Johnsons, die sich mit einem Schlagwort als ‚Poetik der Wahrhaftigkeit‘ umschreiben läßt. Um einen Text wahrhaftig zu gestalten, bedarf es nicht nur umfangreicher (zeit-)geschichtlicher Recherche, wie Johnson sie zur Niederschrift seiner Romane, auch und vor allem natürlich des vierbändigen Opus „Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl I - IV“ betrieb291, sondern auch immer wieder dem ‚Ablauschen‘ von ganz alltäglichen Gesprächen, die zum einen als Vorlage für den charakteristischen Tonfall in Gesprächssituationen der jeweils zu erarbeitenden Texte dienen, zum anderen aber auch inhaltlich Anregungen für ein wirklichkeitsgetreues und scheinbar absichtsloses Erzählen geben - immerhin setzt ‚biographisches‘ und ‚autobiographisches‘ Erzählen nicht ein, wenn ein Wissenschaftler das Leben einer berühmten Persönlichkeit in einem umfangreichen Buch nachzeichnet, oder wenn diese berühmte Persönlichkeit selbst ihre Memoiren verfaßt. Die erzählte Biographie, das ist eine sehr direkt ‚orale‘ Biographie, die jeder Mensch zu gewissen Zeiten, in gewissen Situationen präsentiert, beispielsweise wenn ein Satz ganz harmlos mit der Einleitung „Du kannst dir nicht vorstellen, was mir gestern passiert ist...“ beginnt. So erzählen ‚reale‘ Menschen aus und von ihrer Realität, und so sollten folglich auch Romanfiguren von ihren (fiktionalen, also auch fiktiven) Erlebnissen erzählen - ohne dabei ‚unrealistisch‘ oder jedenfalls plump artifiziell und eindimensional zu wirken.

Einer der Gründe, weshalb Johnson seine Personen häufig und gerne Kneipen und ähnliche Lokalitäten frequentieren läßt, besteht darin, daßdie Kneipe ein (im doppelten Wortsinn) sehr ‚oraler‘ Ort ist, an dem getrunken und geredet wird - ein Ort der Kommunikation, des Zusammenkommens und Erzählens schlechthin. Im posthum publizierten Band mit kurzen Prosaskizzen „Inselgeschichten“ finden sich einige Gespräche verzeichnet, die der in der Maske eines ‚Charles‘ in seiner Stammkneipe ‚The Napier‘ auftretende Uwe Johnson seinen Insulanern ‚abgelauscht‘ hat292, und die belegen, daßJohnson sich bis zum Schlußfür Gespräche, auch und gerade über scheinbar Nebensächliches, interessiert hat - der Leser erhält Johnsons literarische Bearbeitungen dieser Gespräche, die vielleicht für eine spätere Verwendung in größeren fiktionalen Zusammenhängen beabsichtigt waren. Gewiß: In den Skizzen der „Inselgeschichten“ schreibt der ‚späte‘ und abgeklärte Johnson, erlaubt sich humoristische Delikatessen wie das ‚literarische Aufheben‘ eines besten englischen Spleen dokumentierenden Barschilds mit der Aufschrift „DO NOT THROW / CIGARETTES ON THE FLOOR / AS PEOPLE LEAVING ON / THEIR HANDS AND KNEES / WILL BE BURNT“293 - ein ‚anderer‘ Johnson als der Autor der ‚deutsch-deutschen Romane‘. Aber noch die ‚späten‘ Handübungen zeigen, was die ‚frühen‘ Romane bereits angelegt und in ihren Mittelpunkt gestellt haben: den von sich und sich selbst erzählenden Menschen, der immer den Mittelpunkt seiner ganz persönlichen Welt darstellt und sich, wenngleich oft vergebens, um Verständnis seiner selbst, seiner Mitmenschen, seiner Zeit und Welt bemüht.

Johnsons Romane sind ‚Kommunikationsromane‘ im besten Sinn. Sie zeigen Schwierigkeit und Dilemma des Zusammenkommens und miteinander Sprechens, die komplizierten politischen und sozialen Gehege, in denen Menschen sich bewegen müssen, das Ringen um Ausdruck, das Bemühen um Überwindung einer Isolation, die sich am Beispiel von gewaltsam voneinander getrennten Staaten ebenso zeigt wie am Beispiel von Menschen, die beieinander sitzen und sich doch nichts zu sagen haben, von Menschen auch, denen ihre Umgebung und die allgemein gebräuchliche Sprache fremd ist - ob es sich dabei um jenes ‚ausgestoßene‘ Gefühl handelt, das der Provinzler B. in der Kneipe in Westberlin verspürt, oder ob dabei jenes sehr direkte Fremdheitsgefühl der Lisbeth ‚Papenbrock- Cresspahl‘ gemeint ist, die frisch vermählt nach England zieht und sich weder in Richmond noch in der englischen Sprache wohl fühlt, um sich schließlich auch in den Gesprächen mit Cresspahl (also in seiner Gesellschaft) nicht mehr wohl zu fühlen - „sie fror vor dem fremden November“294.

Johnson ist, so gelesen, nicht ‚nur‘ ein scharfsinniger und bis zur Pedanterie akribischer Archivar speziell (aber nicht ausschließlich) deutsch-deutscher Zustände, obgleich gerade seine Texte vor „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl I - IV“ auch für den an deutsch-deutscher Geschichte interessierten Leser, ihrer Schwierigkeit zum Trotz, von besonderem Interesse sind. Johnson ist aber auch ein Autor, der die ‚menschliche‘ Dimension seiner Personen ungewöhnlich ernst nimmt - wenn auch immer im Rahmen eines bewußten literarischen ‚Spiels‘, das gerade im Lauf der siebziger Jahren schon die Züge einer Obsession, die manche persönliche Katastrophe überdeckt, annimmt295.

Johnson heute zu lesen bedeutet immer, mit der erstaunlichen Modernität und Aktualität seiner Texte konfrontiert zu werden, obgleich die Mauer 1989 ‚gefallen‘, obgleich der ‚Eiserne Vorhang‘ Geschichte ist. Diese Aktualität resultiert aus den bereits angesprochenen Komponenten ‚Menschlichkeit‘ und ‚Historizität‘, die in allen Texten Johnsons zu entdecken sind - aus den beiden Komponenten also, die sich aus Johnsons akribischer Suche nach ‚Wahrhaftigkeit‘ ergeben, und die wiederum zu einem Teil auf genauen Recherchen, zum anderen Teil auf einem stark entwickelten Sinn für verwickelte und allen möglichen Mißverständnissen zwangsläufig unterworfenen menschlichen Bestrebungen beruhen. Als Beispiel für das Staunen und die sehr persönlichen Gedanken, die eine Lektüre von Johnsons Romanen bis heute begleiten, können Monika Marons und Marcel Beyers Reflektionen über ihre persönlichen (‚östlichen‘ und ‚westlichen‘) Leseerfahrungen mit Texten Johnsons dienen - der Text ist hier in der Tat Teil einer die Zeiten und Fiktionen überbrückenden Kommunikation, nicht nur von Autor zu Leser, sondern auch ‚innerhalb‘ des Lesers296.

Das letzte Wort über (allerdings scheiternde) Kommunikation gebührt Johnson selbst:

„Auf der Straße liegt der Schnee hoch aufgeschaufelt am Rinnstein, aber die kleinen Vögel werden schon übermütig. Auf dem Balkon sitzt schweigend ein dicker, schwarzer, es ist der uns immer besucht, aber wir kennen seinen Vornamen nicht, so kann man schlecht ins Gespräch kommen. Das Kind schreit und möchte vielleicht mit dem Alphabet spielen, das kann es aber noch nicht haben bei seinem Alter; [...].“297

10. Literaturverzeichnis

Dieses Verzeichnis führt sämtliche primär- und sekundärliterarischen Werke auf, aus welchen die vorliegende Arbeit zitiert, welche im Text genannt werden oder welche die Entstehung der Arbeit begleitet haben.

Zitiert wurde ausschließlich nach verläßlichen Textausgaben, allerdings nicht zwangsläufig nach gebundenen oder Erstausgaben. Die Jahresangabe bezieht sich auf das Jahr der Publikation der verwendeten Ausgabe.

1. Primärliteratur

1.1. Werke und Schriften Uwe Johnsons (alphabetisch nach dem ersten Wort des Titels geordnet)

Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen.

Frankfurt / M. 1989.

Berliner Sachen. Aufsätze.

Frankfurt / M. 1992.

(Enthält: Berliner Stadtbahn (veraltet); Boykott der Berliner Stadtbahn; Das soll Berlin sein. Antwort auf Zuschriften; Nachtrag zur S - Bahn; Rede zum Bußtag. 19. November 1969; Versuch, eine Mentalität zu erklären. Über eine Art DDR - Bürger in der Bundesrepublik Deutschland; Eine Kneipe geht verloren; Über eine Haltung des Protestierens; Concerning an Attitude of Protesting; Berlin für ein zuziehendes Kind; How to Explain Berlin to a Newcoming Child; Vergebliche Verabredung mit V.K.; Gespräch mit einem Hamburger.)

Das dritte Buch über Achim.

Frankfurt / M. 1988.

Der 5. Kanal.

Mit einer editorischen Notiz von Raimund Fellinger.

Frankfurt / M. 1987.

(Enthält: Johnsons Kritiken des DDR - Fernsehens, verfaßt im Auftrag der Zeitung DER TAGESSPIEGEL, Berlin, Juni - Dezember 1964.)

(Fortsetzung 1.1.)

„Entwöhnung von einem Arbeitsplatz“. Klausuren und frühe Prosatexte.

Mit einem philologisch-biographischen Essay hrsg. von Bernd Neumann.

Frankfurt / M. 1992.

(Enthält: Arnold Zweig: „Der große Krieg der weißen Männer“, ein Romanzyklus; Wesen und Funktionen des Staates in der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus; Thomas Otway: „Venice Preserved“ & Literatur im Englischen XVII. (Jahrhundert); Das Leben Franz Kafkas; Heines Deutschlandkritik im „Wintermärchen“; Welche literarischen Fragen wurden auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongress im Januar 1956 in Berlin behandelt?; „Maria Magdalena“: Theorie und Praxis der Hebbel - Dramatik; Analyse eines Schauspiels von Bertolt Brecht „Der gute Mensch von Sezuan“; Nachwort (zu Jean Paul Richter, Schulmeisterlein Wuz); „Beschreibung Gabrieles“ (1952); Brief an Kurt Hoppenrath (1954); Der Wahlgang (1957); Wilhelm Tell von Schiller (1957); Jonas zum Beispiel (1957); Fußballspielende Jungen (15. 3. 1957); Gerücht vom Zwirn (1958); Variation zum Gerücht vom Zwirn (1957).)

Eine Reise nach Klagenfurt.

Frankfurt / M. 1993.

Heute Neunzig Jahr.

Aus dem Nachlaßhrsg. von Norbert Mecklenburg. Mit einem Nachwort von Norbert Mecklenburg: „Zur gemeinsamen Entstehung von Heute Neunzig Jahr und Jahrestage. Eine philologische Studie.“ Frankfurt / M. 1996.

Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953.

Mit einem Nachwort von Siegfried Unseld.

Frankfurt / M. 1991.

Inselgeschichten.

Herausgegeben von Eberhard Fahlke.

Frankfurt / M. 1995.

(Enthält: I.: Ach! Sie sind ein Deutscher?; Ein Vorbild; Kein Einzelfall; Kein Einzelfall II; Ein unergründliches Schiff; Seien Sie vielmals bedankt; Thank you; An mildernden Umständen wären noch anzuführen; Bäume, Bäume Fortsetzung; II.: Erkundungen; In „Max Frischs Zimmer“; Wegbeschreibung; Von Sheerness weiss ich...; What brought you to Sheerness!; Die Esplanade, gleich vor dem Haus; Schräg links gegenüber meinem Fenster; Das Haus westlich von diesem; Warnung vor der Gegend; 18:30 bis 20:30; It´s all in the mind, Charles; ...aber keine Spur, Charlie; Das ist der echte Charlie; Das Seaview hat mich wieder; Da sitzen die Kerls; „Shempehn“; Die Hunde mögen mich nicht; Unfreiwillige Reise; Nennen wir sie Dotty; Welcome back; But why trust me?; Zwei Belege; What do you

(Fortsetzung 1.1.)

do for a living, Charlie?; Gute Idee, Charlie; Die beiden Charlies; Vier Charlies; Tee für Charlie; Sehen Sie, Charles?; Der Freund meiner späten Jahre, Charles; Damit Charles auch das Richtige aufschreibt; Wie geht´s denn allen so...; Admiral Harvey; Deutsches mitten im Englischen; Kent: „Englands Garten“; „Shakespeare of Sheerness“; Tage in Sheerness; Wir sind hier Gäste; So reden wir; Aufenthaltserlaubnis; Insulare Manieren; Eingemeindet; The Sheerness Times - Guardian; Brian - Leider auch „Johnson“; Die Katzen der Nachbarschaft; Manchmal gelingt etwas; „Wendy“; Einer meiner Freunde in Sheerness; Die alte Leichenhalle; In Loving memory of Major. Eberhard Fahlke: Auf der Suche nach „ Inselgeschichten “.)

Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Band I - IV.

Frankfurt / M. 1988.

Karsch, und andere Prosa.

Nachwort von Walter Maria Guggenheimer. Vorschläge für JohnsonLeser der neunziger Jahre von Norbert Mecklenburg.

Frankfurt / M. 1990.

(Enthält: Osterwasser; Beihilfe zum Umzug; Geschenksendung, keine Handelsware; Eine Reise wegwohin, 1960; Jonas zum Beispiel.)

Mutmassungen über Jakob.

Frankfurt / M. 1990.

Porträts und Erinnerungen.

Herausgegeben von Eberhard Fahlke.

Frankfurt / M. 1988.

(Enthält: „Schicksalhaft“ war es nicht; Brief an Walser; Einer meiner Lehrer; „Gewiss, es ist ihm eine Sache schief gegangen in Westberlin.“ Zu Witold Gombrowicz; An den Merkur; Dead Author´s Identity In Doubt - Publishers Defiant; Identität des verstorbenen Autors zweifelhaft - Verleger verweigern Auskunft; Beisetzung Giangiacomo Feltrinelli; Einatmen und hinterlegen; „Du hast mich mitgenommen in viele Gegenden...“ Hans Werner Richter zum fünfundsechzigsten Geburtstag; Besuch im Krankenhaus. Erinnerung an Margret Boveri; Erinnerungen an Titus; „Mir bleibt nur, ihr zu danken.“ Zum Tod von Hannah Arendt; „Was mir an Ihrem ‚Lübecker Podium‘ gefiel.“ Otto Hamkes zum siebzigsten Geburtstag; „Erinnerungen an Hans Werner Richter“. Zu seinem siebzigsten Geburtstag; „Schultafel“ - Hann Trier zum vierundsechzigsten Geburtstag; Photographie der „Schultafel“; „Dem Fleiss zuliebe, oder doch zumindest dem Willen dazu.“ Siegfried Unseld - 20 Jahre Verleger; Twenty-five years with Jake, a. k. a. Bierwisch; „Sie haben Ihre Heimat behalten dürfen.“ Werner Düttmann zum sechzigsten Geburtstag; Erinnerung; Anhang; Editorisches Nachwort.)

(Fortsetzung 1.1.)

Skizze eines Verunglückten.

Frankfurt / M. 1982.

„Wo ist der Erzähler auffindbar?“. Gutachten für Verlage 1956 - 1958.

Mit einem Nachwort hrsg. von Bernd Neumann.

Frankfurt / M. 1992.

(Enthält: Gutachten zu Frank Wedekind; Franz Werfel; Peter Altenberg; Charles Kingsley; „Hypathia oder Neue Feinde mit altem Gesicht“; Felix Hollaender; „Der Weg des Thomas Truck“; James Barke, „Immortal Memory“; Dymphana Cusack und Florence James, „Come in Spinner“; Werner Gnüchtel, „Flucht vor dem eigenen Ich“; Rudolf Bartsch. „Die Lüge geht mitten durchs Herz“; Wolfgang Weyrauch, „bericht an die regierung“; Karl Mundstock, „Helle Nächte“.)

Versuch, einen Vater zu finden. Marthas Ferien.

Hrsg. und mit einer editorischen Notiz sowie einem Nachwort von Norbert Mecklenburg.

Frankfurt / M. 1988.

(Enthält: Text und Toncassette. Uwe Johnson liest „Versuch, einen Vater zu finden“ und „Marthas Ferien“; Sendungen des Norddeutschen Rundfunks vom 23. 12. 1975 und 21. 02. 1978.)

Zwei Ansichten.

Frankfurt / M. 1992.

1.2. Übersetzungen von Uwe Johnson (alphabetisch geordnet nach den Namen derübersetzten Autoren)

Das Nibelungenlied.

Hochdeutsche Prosafassung von Manfred Bierwisch und Uwe Johnson.

Leipzig 1983.

Knowles, John: In diesem Land.

Aus dem Amerikanischen von Uwe Johnson.

Frankfurt / M. 1990.

(Fortsetzung 1.2.)

Melville, Herman: Israel Potter. Seine fünfzig Jahre im Exil.

Aus dem Amerikanischen von Uwe Johnson.

Leipzig 1991.

Runge, Philipp Otto / Johnson, Uwe: Von dem Fischer un syner Fru. Ein

Märchen nach Philipp Otto Runge mit sieben kolorierten Bildern von Marcus Behmer. Mit einer Nacherzählung und einem Nachwort von Uwe Johnson.

Frankfurt / M. 1983.

1.3. Werke anderer Autoren (alphabetisch nach Autorennamen geordnet)

Böll, Heinrich: Billard um halbzehn.

Köln, Berlin 1959.

Grass, Günter: Die Blechtrommel.

Darmstadt 1959.

Joyce, James: Dubliner.

Deutsch von Dieter E. Zimmer.

Frankfurt / M. 1985.

Kafka, Franz: Der Proceß.

Frankfurt / M. 1993.

Kafka, Franz: Das Schloß.

Frankfurt / M. 1992.

Melville, Herman: Moby Dick oder Der Wal.

Deutsch von Richard Mummendey.

München 1964.

Shakespeare, William: Romeo und Julia.

Übersetzt von A. W. Schlegel.

Berlin 1988.

2. Sekundärliteratur

2.1. Bibliographien zum Werk Uwe Johnsons

Riedel, Nicolai: Uwe Johnson. Bibliographie 1959 - 1975. Zeitungskritik und wissenschaftliche Literatur.

Bonn 1976.

Riedel, Nicolai: Uwe Johnson. Bibliographie 1959 - 1980. Band 1. Das schriftstellerische Werk und seine Rezeption in literatur- wissenschaftlicher Forschung und feuilletonistischer Kritik in der Bundesrepublik Deutschland.

Bonn 1981.

Riedel, Nicolai (Hrsg.): Uwe Johnsons Frühwerk im Spiegel der deutschsprachigen Literaturkritik. Dokumente zur publizistischen Rezeption der Romane Mutmassungenüber Jakob, Das dritte Buchüber Achim und Ingrid Babendererde.

Bonn 1987.

2.2. Monographische Arbeiten und Sammelbände

Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Die Gruppe 47. Ein kritischer Grundriß.

München 1987.

Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Uwe Johnson.

München 1980.

Auerochs, Bernd: Erzählte Gesellschaft. Theorie und Praxis des Gesellschaftsromans bei Balzac, Brecht und Uwe Johnson.

München 1994.

(Fortsetzung 2.2.)

Baumgart, Reinhard: Deutsche Literatur der Gegenwart. Kritiken, Essays, Kommentare.

München 1995.

(Enthält u.a. die zitierten Kritiken „Die DDR - ganz nah, ganz fremd. Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim“; „Nicht Romeo, nicht Julia. Uwe Johnson: Zwei Ansichten“.)

Baumgart, Reinhard (Hrsg.): Über Uwe Johnson.

Frankfurt / M. 1970.

Bengel, Michael (Hrsg.): Johnsons ‚Jahrestage‘.

Frankfurt / M. 1985.

Berbig, Roland / Wizisla, Erdmut (Hrsg.): „Wo ich her bin...“. Uwe Johnson in der D.D.R..

Berlin 1993.

Bond, D. G.: German History and German Identity: Uwe Johnson´s „Jahrestage“.

Amsterdam, Atlanta 1993.

Boulby, Mark: Uwe Johnson.

New York 1974.

Einsiedel, Wolfgang von u.a. (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Band 13. Nachträge.

München 1986.

Endres, Elisabeth: Die Literatur der Adenauerzeit.

München 1983.

Fahlke, Eberhard (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. Uwe Johnson. Eine Chronik in Briefen und Bildern.

Frankfurt / M. 1994.

(Fortsetzung 2.2.)

Fahlke, Eberhard (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. Uwe Johnson im Gespräch.

Frankfurt / M. 1988.

(Enthält u.a. folgende zitierte Beiträge: Uwe Johnson: Auskünfte und Abreden zu Zwei Ansichten. Auf Fragen von Mike S. Schoelman; Uwe Johnson: Marie H. Cresspahl, 2.-3. Januar 1972; Arnhelm Neusüss: Über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit; Horst Bienek: Werkstattgespräch mit Uwe Johnson; Reinhard Baumgart: Uwe Johnson im Gespräch.)

Fellinger, Raimund (Hrsg.): Über Uwe Johnson.

Frankfurt / M. 1992.

(Enthält u.a. folgende zitierte Beiträge: Günter Blöcker: Roman der beiden Deutschland; Marcel Reich-Ranicki: Registrator Johnson; Gisela Ullrich: „Das dritte Buch über Achim“.)

Fries, Ulrich / Helbig, Holger (Hrsg.): Johnson - Jahrbuch.

Göttingen (1994) ff..

Gansel, Carsten / Riedel, Nicolai (Hrsg.): Uwe Johnson zwischen Vormoderne und Postmoderne. Internationales Uwe-Johnson- Symposium 22. - 24. 09. 1994.

Berlin 1995.

Gerlach, Rainer / Richter, Matthias (Hrsg.): Uwe Johnson.

Frankfurt / M. 1984.

Golisch, Stefanie: Uwe Johnson zur Einführung.

Hamburg 1994.

Gotzmann, Werner: Uwe Johnsons Testamente oder Wie der Suhrkamp Verlag Erbe wird. Mit einem Nachwort von Elisabeth Johnson.

Berlin 1996.

Grambow, Jürgen: Literaturbriefe aus Rostock.

Frankfurt / M. 1990.

(Darin besonders: Garantiert durch Wirklichkeit. Uwe Johnson S. 27 - 52.)

Grambow, Jürgen: Uwe Johnson.

Reinbek 1997.

(Fortsetzung 2.2.)

Groth, Joachim-Rüdiger (Hrsg.): Literatur im Widerspruch. Gedichte und Prosa aus 40 Jahren DDR.

Köln 1993.

Groth, Joachim-Rüdiger / Groth, Karin (Hrsg.): Materialien zu „Literatur im Widerspruch. Gedichte und Prosa 40 Jahren DDR“. aus Kulturpolitischer Überblick und Interpretationen.

Köln 1993.

Hanuschek, Sven: Uwe Johnson.

Berlin 1994.

Helbig, Holger: Beschreibung einer Beschreibung. Untersuchungen zu Uwe Johnsons Roman „Das dritte Buch über Achim“.

Göttingen 1996.

Helbling, Brigitte: Vernetzte Texte. Ein literarisches Verfahren von Weltenbau. Mit den Fallbeispielen Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson und einer Digression zum Comic strip Doonesbury.

Würzburg 1995.

Jens, Tilman: Unterwegs an den Ort wo die Toten sind. Auf der Suche nach Uwe Johnson in Sheerness.

München 1984.

Kaiser, Alfons: Für die Geschichte. Medien in Uwe Johnsons Romanen.

St. Ingbert 1995.

Kleßmann, Christoph: Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955 - 1970.

Bonn 1988.

Literarisches Colloquium Berlin (Hrsg.): Deutsch - Gefrorene Sprache in einem gefrorenen Land?

Berlin 1964.

Mecklenburg, Norbert: Die Erzählkunst Uwe Johnsons. Jahrestage und andere Prosa.

Frankfurt / M. 1997.

Mecklenburg, Norbert: Erzählte Provinz. Regionalismus und Moderne im Roman.

Königstein / Ts. 1982.

Migner, Karl: Uwe Johnson. Das dritte Buch über Achim.

München 1966.

Neumann, Bernd: Uwe Johnson.

Hamburg 1996.

Nöldechen, Peter: Bilderbuch von Johnsons Jerichow und Umgebung. Spurensuche im Mecklenburg der Cresspahls.

Frankfurt / M. 1991.

Post-Adams, Ree: Darstellungsproblematik als Romanthema in Mutmassungen über Jakob und Das dritte Buch über Achim.

Bonn 1977.

Raddatz, Fritz J.: Zur deutschen Literatur der Zeit 1. Traditionen und Tendenzen. Materialien zur Literatur der DDR.

Reinbek 1987.

Riordan, Colin: The Ethics of Narration. Uwe Johnson´s Novels from Ingrid Babendererde to Jahrestage.

London 1989.

Schaefer, Eduard (Hrsg.): Lerngegenstand: Literatur. Studien und Unterrichtsmodelle zu Max Frisch, Peter Weiss, Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson.

Göttingen 1977.

Schlosser, Horst Dieter / Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.): Poetik.

Essays über Ingeborg Bachmann, Peter Bichsel, Heinrich Böll Hans Magnus Enzensberger, Wolfgang Hildesheimer, Ernst Jandl, Uwe Johnson, Marie Luise Kaschnitz, Hermann Lenz, Paul Nizon, Peter Rühmkorf, Martin Walser, Christa Wolf und andere Beiträge zu den Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

Frankfurt / M. 1988.

Schmitt, Hans-Jürgen (Hrsg.): Die Literatur der DDR.

Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 11.

München 1983.

Schmitz, Walter: Uwe Johnson.

München 1984.

Schwarz, Wilhelm Johannes: Der Erzähler Uwe Johnson.

Bern 1973.

Strehlow, Wolfgang: Ästhetik des Widerspruchs. Versuche über Uwe Johnsons dialektische Schreibweise.

Berlin 1993.

Unseld, Siegfried / Fahlke, Eberhard (Hrsg.): Uwe Johnson. „Für wenn ich tot bin“.

Frankfurt / M. 1991.

Walser, Martin: Wie und wovon handelt Literatur. Aufsätze und Reden.

Frankfurt / M. 1980.

Weiskopf, F. C.: Verteidigung der deutschen Sprache. Versuche.

Berlin 1960.

(Darin besonders: ‚Ostdeutsch‘ und ‚Westdeutsch‘ oder Über die Gefahr der Sprachentfremdung.)

3. Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Periodika

Bachmann, Dieter (Hrsg.): Uwe Johnson. Jahrestage in Mecklenburg.

In: Du. Die Zeitschrift der Kultur. H. 10. 1992.

Baumgart, Reinhard: [Insgesamt neun Artikel mit Einleitungen zu den Fortsetzungen des Erstdrucks von Uwe Johnsons Roman „Das dritte Buch über Achim“. Die Artikel tragen die Überschriften „Zur ersten Fortsetzung“, „Zur zweiten Fortsetzung“ bis hin „zur letzten Fortsetzung“.]

In: Süddeutsche Zeitung. Wochenendausgaben vom 02./03. 09. 1961 bis 28./29. 10. 1961.

Behncke, Waldrun: Das Uwe-Johnson-Archiv in Frankfurt. Per Mausklick nach Mecklenburg.

In: Rheinische Post. 23. 08. 1997.

Berbig, Roland: Lieber Herr Johnson! Ihre verbesserliche Margret Boveri!

In: Die Zeit. 11. 08. 1995.

Beyer, Marcel: Eine Haltung des Hörens. Die Schweigegeneration, die Fragegeneration und Uwe Johnsons ‚An-Merkungen‘.

In: Die Zeit. 28. 11. 1997.

Drescher, Horst: Zu Uwe Johnson.

In: Sinn und Form. 42. 1990. H. 2. S. 346 - 353.

Grambow, Jürgen: Heimat im Vergangenen.

In: Sinn und Form. 38. 1986. H. 6. S. 134 - 157.

Johnson, Uwe: Eine Kneipe geht verloren.

In: Kursbuch 1. 1965. S. 47 - 72.

Johnson, Uwe: Briefe an Charlotte Luthe.

In: Neue deutsche Literatur. 41. 1993. H. 8. S. 78 - 95.

Johnson, Uwe: Ein Brief aus New York.

In: Kursbuch 10. 1967. S. 189 - 192.

Karasek, Hellmuth: Der Richter als Lenker.

In: Der Tagesspiegel. 03. 03. 1997.

Maron, Monika: Ein Schicksalsbuch. Warum ich in der DDR Uwe Johnson nicht las.

In: Die Zeit. 28. 11. 1997.

[Redaktion:] Wir wissen, daßwir unseren Lesern einiges zumuten,...

In: Süddeutsche Zeitung. 26./27. 08. 1961.

Reich, Hans H.: Sprache und Politik.

In: Münchener Germanistische Beiträge. Band 1. 1968.

Walser, Martin: Was Schriftsteller tun können. Zu dem Roman von Uwe Johnson.

In: Süddeutsche Zeitung. 26./27. 08. 1961.

Zimmer, Dieter E.: Gespräch mit Uwe Johnson.

In: Die Zeit. 26. 11. 1971.

Danksagung

Besonderer Dank gebührt meinem akademischen Lehrer und Betreuer der vorliegenden Arbeit, Herrn Prof. Dr. Reinhard Baumgart, dessen Vorlesungen und Seminare an der Technischen Universität Berlin nicht nur sehr informativ waren, sondern darüber hinaus die Liebe zur Literatur beförderten.

Herzlichen Dank auch an Herrn Prof. Dr. Conrad Wiedemann für die Zeit und Muße, die er der Begutachtung meiner Arbeit gewidmet hat.

Ohne die unermüdliche Unterstützung meiner Eltern, Benno und Marlene Wildemann, wäre an ein Studium nicht zu denken gewesen.

Und ich danke Steffi Schubert - sie selbst weißam besten, wofür...

[...]


1 Vgl. Fellinger: Über Uwe Johnson, S. 47 - 50.

2 Johnsons heftige Ablehnung dieses gutgemeinten Titels dokumentiert Johnsons Gespräch mit Baumgart am 02. 08. 1967 in München. In: Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. Vgl. besonders S.223f.

3 Vgl. ein Zitat Uwe Johnsons: „Mit dem Schreiben möchte ich die Wahrheit herausfinden. Mit meinen Personen und Geschichten versuche ich näher an das tatsächliche Leben heranzukommen.“ Zitiert nach: Schlosser / Zimmermann: Poetik. S. 94f.

4 Vgl. vor allem: Neumann: Uwe Johnson.

5 Dieser Begriff verdankt sich dem Titel von Kleßmanns geschichtswissenschaftlicher Monographie „Zwei Staaten, eine Nation“.

6 Die kleine Einschränkung ergibt sich aus dem Umstand, daßeiner der wichtigsten poetologischen Texte Johnsons, „Berliner Stadtbahn (veraltet)“, der 1961 entstand, aber erst 1975 in Buchform der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, aufgrund der in ihm präsentierten Argumente einer ‘Sprachverwirrung’ hier interpretiert wird, bevor einzelne ‘Kommunikationsprobleme’ in den beiden Romanen „Das dritte Buch über Achim“ und „Zwei Ansichten“ eingehend dargestellt und gedeutet werden.

7 Johnson: Das dritte Buch über Achim, S. 301 (n.p.).

8 Diese drei Romane werden im Literaturverzeichnis bibliographisch nachgewiesen.

9 Endres: Die Literatur der Adenauerzeit. S. 249.

10 Im folgenden wird diese Abkürzung einheitlich, außer in Zitaten, die auf einer anderen Schreibweise bestehen, für die Deutsche Demokratische Republik benutzt.

11 Johnson: Begleitumstände. S. 152.

12 Ebd.

13 Johnson: Begleitumstände: S. 153.

14 Ebd.

15 Johnson: Berliner Sachen. S. 63.

16 Sein zweites Buch nach „Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953“, das aber erst nach Johnsons Tod veröffentlicht wurde.

17 Vgl. dazu beispielsweise Johnson: Begleitumstände. S. 154 - 156, und Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 94.

18 Vom unchronologischen Erzählen über die Dialogisierung des Textes ohne eindeutige ‚Sprecherkennzeichnung‘ bis hin zu einer ungewöhnlichen Interpunktion und Orthographie, um nur die Hauptprobleme zu nennen.

19 Vgl. Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 90.

20 Vgl. Johnson: Begleitumstände. S. 166.

21 Vgl. Johnson: Begleitumstände. S. 167 - 170.

22 Vgl. Neumann: Uwe Johnson. S. 403.

23 Zitiert nach: Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 99.

24 Vgl. dazu Johnson: Begleitumstände. S. 173 - 177, und Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 99f.

25 Die Zitate entstammen der mit dem Kürzel der Redaktion unterzeichneten Einleitung zum ersten Teil des Romanabdrucks. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 204 / 1961.

26 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 7.

27 Johnson: Berliner Sachen. S. 7.

28 Ebd.

29 Ebd.

30 Johnson: Berliner Sachen. S. 8.

31 Ebd.

32 Ebd.

33 Johnson: Berliner Sachen. S. 9.

34 Ebd.

35 Ebd.

36 Beide Zitate: Johnson: Berliner Sachen. S. 9.

[leicht] zum Flüchtling, für das

37 Als ‘Reisende’ werden Berliner, die mit der Stadtbahn fahren, noch heute von den Angestellten der Betreibergesellschaft tituliert.

38 Vgl. das mit Neusüss geführte Gespräch vom 10. 09. 1961 „Über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“. In: Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. S. 189.

39 Ebd.

40 Johnson: Berliner Sachen. S. 10.

41 Ebd. Eine weitere, gewissermaßen moralische Rechtfertigung für die besonderen Erzählprobleme, die die Berliner Zustände als symptomatisch deutsche Zustände einem Erzähler stellen, liefert Johnson ebenfalls in seinem Gespräch mit Neusüss: „Eigentlich hätten wir nach 1945 alle still sein müssen. Ich jedenfalls würde mich eigentlich nicht darüber [über Deutschland] äußern mögen. Das ist ein Land mit einer Schande, die nicht vergeben werden kann. Das Einzige, was ein Reden oder Schreiben über Berlin rechtfertigen könnte, das ist eben die Teilung, die Grenze, die Entfernung. Und dies, weil ich meine - und das ist natürlich eine Ausrede -, daßdiese Grenze in Deutschland vielleicht stellvertretend ist für den Unterschied in den beiden heute angebotenen Arten zu leben und für die Dringlichkeit der Alternative, die die eine eben für die andere darstellt. Das könnte die Welt interessieren, und das gibt uns ein Recht zu sagen: wir sind da, wir sind beachtenswert. Aber sonst nichts!“ In: Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. S. 189.

42 Johnson: Berliner Sachen. S. 10.

43 Fahlke urteilt also oberflächlich, wenn er schreibt, die poetologischen Äußerungen [des Aufsatzes „Berliner Stadtbahn (veraltet)“] seien „vor allem auf die Formprobleme dieses [„Das dritte Buch über Achim“] Romans zu beziehen“. Vgl. Fahlke: Die Katze Erinnerung.S. 99.

44 Johnson: Berliner Sachen. S. 11.

45 Ebd.

46 Ebd.

47 Vgl. dazu den Absatz „Moderner Realismus“ von Mecklenburg (in: Mecklenburg: Die Erzählkunst Uwe Johnsons. S. 20 -27), außerdem die in diesem Absatz kurz zitierten Erläuterungen Fahlkes zu Johnsons Aufsatz „Schicksalhaft war es nicht“ (in: Johnson: Porträts und Erinnerungen. S. 129 -134 (speziell S. 134)), sowie den dort erläuterten Aufsatz von Johnson: „Schicksalhaft war es nicht“, ebenfalls in: Johnson: Porträts und Erinnerungen. S. 7ff, speziell S. 7.

48 Vgl. Johnson: Berliner Sachen. S. 13f.

49 Johnson: Berliner Sachen. S. 14.

50 Ebd.

51 Dieses Scheitern erlebt Uwe Johnsons Figur, der Journalist Karsch, im Roman „Das dritte Buch über Achim“ - dem Schriftsteller Johnson hingegen gelingt es, indem er das Scheitern Karschs erzählt, von den ‘Grenzverhältnissen’ in Deutschland sehr überzeugend zu berichten.

52 Vgl. Johnson: Berliner Sachen. S. 18.

53 Ebd.

54 Johnson: Berliner Sachen. S. 18.

55 Johnson: Berliner Sachen. S. 19. Das hier formulierte gilt sowohl für den Reisenden von Ost nach West, als auch für den Reisenden von West nach Ost.

56 Johnson: Berliner Sachen. S. 20.

57 Vgl. Johnson: Berliner Sachen. S. 20.

58 Ebd.

59 Vgl. Neumann: Uwe Johnson. S. 381, und Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. S. 188f.

60 Nicht vorrangig im Roman „Das dritte Buch über Achim“, sondern besonders deutlich in der ‘Begleiterzählung’ „Eine Reise wegwohin“. In: Johnson: Karsch, und andere Prosa. S.29 - 81.

61 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten.

62 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 7.

63 Publiziert im Herbst 1961. Vgl. Neumann: Uwe Johnson. S. 404.

64 So schreibt Walter Jens in der ZEIT von einem Buch, das Johnson „auf der Schwelle der Meisterschaft“ zeige. Vgl. Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 105.

65 Vgl. Baumgart: Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 48.

66 Vgl. Johnson: Ingrid Babendererde.

67 Vgl. Johnson: Mutmassungen über Jakob.

68 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim.

69 Vgl. den Aufsatz von Marcel Reich-Ranicki: „Registrator Johnson“ (in: Fellinger (Hrsg.): Über Uwe Johnson. S. 103.).

70 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 10.

71 Der Titel dieses Kapitels lehnt sich an den einer größeren Übersetzungsarbeit Johnsons an: John Knowles: In diesem Land.

72 Baumgart: Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 48.

73 Ein erzählerisches Verfahren, das Johnson schon in seinen Romanen „Ingrid Babendererde“ und „Mutmassungen über Jakob“ angewendet hat, obgleich der in seinen ersten Satz hineinfallende, sich selbst gewissermaßen ins Wort fallende Anfang des Romans „Das dritte Buch über Achim“ eine neue, künstlerisch noch kühnere Form präsentiert.

74 Möglicherweise eine Frau, will man das weibliche Personalpronomen der ersten Zeile so deuten. Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 7. Über die ‘Verrätselung’ des Sprechers des Rahmendialogs gehen die Meinungen auseinander; so kennzeichnet Gisela Ullrich die aus seinen Fragen abzuleitenden Vorstellungen des „anonym bleibenden Freund[s]“ als „naiv“ und „übertrieben“, ohne weiter auf die erzählerische Darstellung des ‘Zuhörers’, die ja eher eine ‘Nicht-darstellung’ ist, einzugehen. (Vgl. Fellinger (Hrsg.): Über Uwe Johnson. S. 127.). Norbert Mecklenburg bezeichnet den gesamten Rahmendialog schlicht als ‘unnötig undurchsichtig’ (Vgl. Mecklenburg: Die Erzählkunst Uwe Johnsons.S. 24.).

75 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 7.

76 Vgl. Ebd.

77 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 9.

78 „[...] und sagte ohne zu fragen ja. Ja: sagte er [...].“ In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 9.

79 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 9.

80 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 9.

81 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 12.

82 Ebd.

83 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 21.

84 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 37.

85 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 102 - 108.

86 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 12.

87 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 102.

88 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 12.

89 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 20.

90 Ebd.

91 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 21. Was solche ‘Kriegsüberbleibsel’ in einem fiktionalen Text weiter aussagen, über ihre vordergründig illustrative und gegenständliche Beschreibungsebene hinaus, ist wieder dem bereits vorgestellten Aufsatz „Berliner Stadtbahn (veraltet)“ zu entnehmen. In: Johnson: Berliner Sachen. S. 7 - 21. Hier besonders S. 14ff.

92 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 21.

93 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 10. [Hervorhebung von mir.]

94 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 19. [Hervorhebung von mir.]

95 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 22.

96 Ebd.

97 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 23.

98 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 23f.

99 Wie es auch in den beiden anderen ‘frühen’ Romanen Johnsons, „Ingrid Babendererde“ und „Mutmassungen über Jakob“ vorkommt.

100 Lokale und Kneipen sind in der Prosa Johnsons immer beliebte Kommunikations- und Beobachtungsorte; auf diese Örtlichkeiten, mit denen Johnson sich bis in den ‘späten’ semiautobiographischen Band „Inselgeschichten“ hinein gerne beschäftigt hat, wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer eingegangen.

101 Baumgart: Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 49.

102 Inzwischen ist die literaturwissenschaftliche Forschung zu dem Schlußgekommen, diese ‘Absätze’ bildeten die eigentlichen ‘Kapitel’ des Romans. Ullrich schlägt diese Terminologie bereits in ihrer 1977 erschienenen Arbeit vor (Vgl. Fellinger (Hrsg.): Über Uwe Johnson. S. 116 - 138, besonders S. 129f.), eine Auffassung, die durch Mecklenburgs aktuelle Studie unterstützt wird (Vgl. Mecklenburg: Die Erzählkunst Uwe Johnsons, in dem hier geschilderten Zusammenhang besonders S. 184).

103 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 102. 104 Ebd.

105 Immerhin finden diese ‘Zwischenrufe’ erst nach der endgültigen Rückkehr Karschs nach Hamburg statt.

106 Karsch arbeitet im Auftrag ‘höchster’ Stellen, weshalb sollte es da nicht möglich sein, dringend benötigtes Material zu beschaffen, ohne, gleich einer unerwünschten Person, an einer erneuten Einreise gehindert zu werden?

107 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 102. [Hervorhebung von mir. Dieses ‘noch’ läßt sich im zeitlichen wie im aufzählenden Sinn interpretieren - beides ist hier gemeint.] 108 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 102. Die Überschrift hat einen fast schon appellativen Charakter, als riefe sie ihre Forderung Karsch und, spöttisch, den Lesern zu. 109 „Zu später Stunde an einem jener Tage im Frühling, da die weiche Luft die Passanten noch lange nach Schlußder Arbeit wie ziellos durch die Geschäftsstraßen treibt, [...].“ In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 102.

110 Zu Karin: „Die Dame war im Alter eines möglichen Eheschlusses und keine von denen, die im Schoßgeknickt werden von einem engen Rock, [...]“, zu Karsch: „Über den Herrn ist nur zu sagen daßer kurz und träge eintrat wie mitgezogen“, zum Verkäufer: „[...] er [hinterließ] von sich das Bild wohlgefälliger Hemdkrageneleganz und fahriger Bereitschaft zu allem möglichen Dienst am Kunden [...]“. In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 103.

111 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 105. 112 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 106.

113 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 106. Innerhalb der romanhaften Handlung leistet diese Bemerkung den entscheidenden Beitrag zur Verhinderung des Kaufs. 114 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 108.

115 Humoristischen Tendenzen im Werk Johnsons ist ein ganzes Kapitel in Mecklenburgs Studie gewidmet: „Zwei fremde Sachen unter einem Hut. Humoraspekte in Uwe Johnsons Werk.“ In: Mecklenburg: Die Erzählkunst Uwe Johnsons. S. 89 - 145. Darin besonders der Absatz „Die Staatsmacht zum Tanzen bringen“ (S. 101 - 107), der sich einer Episode aus „Das dritte Buch über Achim“ widmet.

116 Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 35.

117 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 109.

118 Der komplette Titel lautet: „Eine Reise wegwohin, 1960.“ In: Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 29 - 81.

119 Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 35. [Hervorhebung von mir.]

120 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 108. Daßdie ‘Nachmittagswinde’ aus dem Westen kommen, darf hier unterstellt werden.

121 Vgl. Ebd.

122 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 108. Die Frage nach den ‘Seiten’ deutet darauf hin, daßder kursiv gesetzte ‘Rahmendialog’ doch nicht als reines ‘Gespräch’ aufzufassen ist, sondern sich zumindest auf ein von Karsch verfaßtes Typoskript, dessen Fragmente im Roman mehrfach genannt werden, stützt.

123 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 119f.

124 So hat schon Jürgen Becker in einem zeitgenössischen Rundfunkbeitrag über die sich „in Gesprächen zwischen unsichtbar bleibenden Partnern“ zerfasernde Handlung gesprochen. Zitiert nach: Fellinger (Hrsg.): Über Uwe Johnson. S. 54.

125 In der Literatur des 20. Jahrhunderts ein zwar nicht weit verbreitetes, aber kein einmaliges Verfahren - James Joyce ist bis heute der vielleicht berühmteste Ve rtreter jener Gruppe von Schriftstellern, die sich mit ‘häßlichen Gänsefüßchen’ nicht anfreunden mochten; schon in Joyce´ erstem größeren Werk, der Kurzgeschichtensammlung „Dubliner“, wendet er jenes Verfahren an, Dialoge zu kennzeichnen, das einige Jahrzehnte später auch Uwe Johnson für angemessen hält.

126 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. U. a. S. 177f, S. 221ff, S. 235f - eine Beschreibung von den Auswirkungen des Rennradbaus auf seine fahrphysikalischen Leistungen, die den ‘Zuhörer’ zu dem verzweifelten Ausruf veranlaßt „ Hör endlich damit auf! “ [S. 237], und außerdem, von der technischen Akribie, die Johnsons Beschreibung hier zeigt, abgesehen, die kurze Schilderung einer ‘kleinen’ Episode aus Achims Adoleszenz vermittelt, die sein Talent für das Rennfahren und alles damit Zusammenhängende in den Vordergrund stellt.

127 Johnson selbst hat, im Zusammenhang mit der Position des Erzählers (und des Erzählten), dem Begriff ‘auf der Mauer’ im metaphorischen, ausdrücklich nicht im wörtlichen Sinn, zugestimmt. Vgl. Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. S. 207.

128 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 10.

129 Ebd.

130 Vgl. Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 32.

131 So der „gewichtige rauchschwarze Stuck der Hausfronten“; In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 10.

132 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 11.133 Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 33.

134 Zu diesen Beschreibungen vergleiche: Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 33f.135 Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 34.

136 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 11.

137 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 12. 138 Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 34. 139 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 12. 140 Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 34. 141 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 33. 142 Ebd.

143 Ebd.

144 Ebd.

145 Vgl. Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. S. 199.

146 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 39. Fleisg ist gewißkein gewöhnlicher Redakteur, sondern zumindest ‘nebenbei’ mit der Wahrung staatlicher Interessen betraut - mithin ist er ein ‘offizieller’ Vertreter der DDR.

147 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 39.

148 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 44.

149 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 44.

150 Vgl. Ebd.

151 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 47.

152 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 44 - 52.

153 „Er [Karsch] unternahm den Anfang noch einige Male von wechselnden Ansichten und Umständen, immer enttäuschter am Ende ließer das sein.“ In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 52.

154 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 165. Das ‘Kapitel’ endet mit Seite 182.

155 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 165.

156 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 166.

157 Ebd.

158 Ebd.

159 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 166.

160 Vgl. Ebd.

161 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 167.

162 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 167.

163 „[...] heilige Neugier [...] war Achim nicht faßlich, denn er benutzte eins der beiden Worte [‘heilig’] gar nicht und das andere nicht für solche Gelegenheiten [...].“ In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 167.

164 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 167.

165 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 168.

166 Ein Problem, das sich nicht nur auf fiktionale, sondern auf alle Texte, sogar auf alle Erinnerungen und jede nur mögliche Darstellungsform bezieht. Johnsons Sonderstellung resultiert aus dem Umstand, daßer sich zeit seines Schaffens speziell um die komplizierten Möglichkeiten des Ungefähren, um die immer verschwommene Grenze zwischen dem Vagen und dem Genauen, bemüht hat.

167 Vgl. zu dieser Formulierung: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 172.

168 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 172.

169 Ebd.

170 Ebd.

171 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 174f.

172 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 175.

173 In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 202 - 210. Ausführlich wird diese Geschichte in Mecklenburgs aktueller Studie interpretiert (In: Mecklenburg: Die Erzählkunst Uwe Johnsons. S. 181 - 195); es handelt sich um eine Geschichte von einer Grenzüberschreitung Achims - im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn, denn hier emanzipiert sich Achim, wenn auch scheu und vorsichtig, von den ihm eingeprägten Lehrmeinungen, im ostdeutschen Staat sei alles und besser zu haben als im westdeutschen. Es is t die Geschichte eines, allerdings nicht durchgängig vollzogenen und von Achim so genutzten Initiationserlebnisses zwischen der blauäugigen Naivität der Jugend und einem schrittweisen Erkennen der wahren Abläufe. Sicher ist es übertrieben zu behaupten, der ‘Westen’ mit seinen vielfältigen Möglichkeiten öffnete Achim Herz und Verstand; zu bedrohlich erscheinen Achim die bunten Glitzerwelten, in welchen er sich verloren fühlt, und deren Produkte ihn auch noch dazu verführen, einen kriminellen Akt zu begehen - eine Gangschaltung im Westen zu kaufen, Ostgeld über die Grenze zu schmuggeln. Nach seiner Rückkehr in die DDR setzt aber kein nennenswert kritisches Hinterfragen der ‘ostdeutschen Verhältnisse’ ein, sondern eher deren Akzeptanz als ‘ruhige Nische’ - eine Nische, die nicht vollkommen ist, aber so, daßman sich in ihr einrichten kann. Diese Geschichte darf ‘natürlich’ nicht Eingang in die Biographie finden, und ein solcher Wunsch Achims trägt maßgeblich zum Scheitern des ganzen Projekts bei (Vgl. zu diesem Aspekt: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 210 - 214).

174 Vgl. Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 210.

175 Vgl. das ‘Kapitel’ „ Nun mal was anderes “, in: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 252 - 261.

176 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 261.

177 Insofern vielleicht vergleichbar mit der in „Mutmassungen über Jakob“ geschilderten, rätselhaften Rückkehr Gesines, die zudem mit einer Waffe und einem Photoapparat ausgerüstet ist, in die DDR

178 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 261.

179 Vgl. das ‘Kapitel’ „ Was hatte sie denn für Sorgen? “, in: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 189 - 200.

180 Diese eigenwillige Formulierung wendet Johnson gerne für den Vorsitzenden des Staatsrats der DDR an - beispielsweise in: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 241.

181 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 20.

182 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 21.

183 Mecklenburg: Die Erzählkunst Uwe Johnsons. S. 195.

184 Vgl. Ullrichs Aufsatz. In: Fellinger (Hrsg.): Über Uwe Johnson. S. 117.

185 Vgl. zum Beispiel Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 118f.; ein Gespräch zwischen Karsch und Karin, in welchem sich der Erzähler je einen ‘Blick’ in die Gedanken Karschs und Karin erlaubt und so auf ‘innere’ Vorgänge hinweist, welche die Personen einander nicht erzählen.

186 Gemeint ist hier die Frage „- Wie war es denn?“ (Johnson: Das dritte Buch über Achim.S. 300.), die auch die Frage „ Wie war es denn? “ (Johnson: Das dritte Buch über Achim. S.10.) ist.

187 Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 252.

188 Von den ersten ‘Ostsee - Szenen’ im Roman „Ingrid Babendererde.“ über die Eingangsschilderungen des ersten Bandes von „Jahrestage“ bis zur dokumentarischen Erzählung „Ein unergründliches Schiff“ (zuletzt erschienen in: Johnson: Inselgeschichten.).

189 So in der ‘fabelhaften’ und einem der größten Mythenschätze, der Bibel, entlehnten Erzählung „Jonas zum Beispiel“. In: Johnson: Karsch, und andere Prosa. S. 82ff.

190 Runge / Johnson: Von dem Fischer un syner Fru.

191 Runge / Johnson: Von dem Fischer un syner Fru. S. 49.

192 Ebd.

193 Runge / Johnson: Von dem Fischer un syner Fru. In Runges niederdeutscher Version „[...] ik will warden as de lewe gott“: S. 23, in Johnsons Übersetzung S. 43.

194 Diese ‘Unglückssituation’ resultiert für Johnson aus dem Liebesverlust: „Es ist eben kein glücklich liebendes Paar, für das Raum wäre in der kleinen Hütte; jedoch, statt das zu begreifen, sucht sie ihr Wohlbefinden in der Vergrößerung des Ausmaßes.“ In: Runge / Johnson: Von dem Fischer un syner Fru. S. 49.

195 Vgl. Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 162.

196 Johnson: Auskünfte und Abreden zu Zwei Ansichten. (Auf Fragen von Mike S. Schoelman). In: Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. S. 88.

197 Dieses Verfahren erinnert nicht nur an große ‚Geschichtenromane‘, beispielsweise ‚viktorianischer‘ oder russischer Provenienz, sondern auch an Werke der Kriminal- und Thrillerliteratur. Johnsons Vorliebe für diese Genre, die seinen eigenen Werken ‚ablesbar‘ ist, bedarf einer eigenständigen Untersuchung.

198 Vgl. zu dieser Bezeichnung: Johnson: Zwei Ansichten. S. 240f.

199 In: Baumgart: Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 52 - 55.

200 Beispielsweise im Gespräch mit einem möglichen Fluchthelfer. Befragt nach dem Grund für seinen Wunsch, D. zur Flucht ‚über die Grenze‘ zu verhelfen, antwortet B., der Grund sei Liebe. Die aggressive Nachfrage des Fluchthelfers führt dann zu unentschiedenem Stammeln: „Ach... naja... Naja.“ In: Johnson: Zwei Ansichten. S. 160.

201 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. 5. Kapitel, besonders S. 66 - 81.

202 Ebd.

203 D. ist in diesem Punkt wesentlich rationaler - an Liebe zu B. kann sie nur in distanziertbelustigter Weise denken. Vgl. dazu den ersten Beschreibungsversuch, den der Erzähler aus ihrer Situation heraus gibt: „Sie brauchte die Adresse auch für die Briefe eines jungen Westdeutschen, mit dem sie etwas angefangen hatte im Januar, eine Liebschaft, eine Bändelei, eine Woche, ein Verhältnis, einen Anfang, sie wußte das Wort nicht und nicht warum.“ In: Johnson: Zwei Ansichten. S. 13.

204 Die amerikanische Übersetzung „Two Views“ bezeichnet B. als Beate und D. als Dietbert. Erst in „Begleitumstände“ bietet Johnson Nachnamen an: B. erscheint hier als „Dietbert B(allhusen)“, D. als „Beate Dusenschön“ - zwei Namen, die sich jetzt zwar aus der Anonymität ihrer bloßen Anfangsbuchstaben befreien, in ihrer ‚D-B-Überschneidung‘ aber wieder auf eine Person, einen ‚Archetyp‘ für beide Geschlechter, zurück verweisen. In: Johnson: Begleitumstände. S. 407.

205 Vgl. dazu die zusammenfassende Beschreibung von Fahlke. In: Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 165.

206 Baumgart: Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 53.

207 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 242.

208 Neumann: Uwe Johnson. S. 526.

209 Ebd.

210 Neumann: Uwe Johnson. S. 526.

211 Johnson: Zwei Ansichten. S. 239.

212 Vgl. Einsiedel u. a. (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon im dtv. S. 11111f.

213 Johnson: Zwei Ansichten. S. 7.

214 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 8.

215 Johnson: Zwei Ansichten. S. 8.

216 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 8f.

217 Johnson: Zwei Ansichten. S. 9.

218 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 9.

219 Vgl. Ebd.

220 Johnson: Zwei Ansichten. S. 9.

221 Johnson: Zwei Ansichten: S. 89.

222 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 235.

223 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 236f.

224 Johnson: Zwei Ansichten. S. 242.

225 Johnson: Porträts und Erinnerungen. S. 23.

226 Vgl. Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. S. 86.

227 Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. S. 87.

228 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 21f.

229 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 22.

230 Johnson: Zwei Ansichten. S. 22.

231 Vgl. zu Bs ‚Umzug‘ speziell Kapitel 7. In: Johnson: Zwei Ansichten. S. 128 - 178.

232 Vgl. besonders: Johnson: Zwei Ansichten. S. 73 - 77 und S. 146 - 151.

233 Vgl. zu den Beschreibungen von Bs ‚Flugängsten‘, die sehr viel mit der ihn ängstigenden Stadt und seiner persönlichen Situation zu tun haben, besonders: Johnson: Zwei Ansichten: S. 20, 31f, 68, 132f. Im letztgenannten Beispiel erscheint B. der Überflug der Grenze zwischen West- und Ostdeutschland bezeichnenderweise wie ein „gefährliches Eindringen nach Ostdeutschland“, wie eine „riskante Expedition“ -„[...] und wieder war ihm [B.] bange vor der fremden Stadt, in die fliegen mußte, wem ihre Umgebung nicht geheuer war“. [Zitat in: Johnson: Zwei Ansichten. S. 133.]

234 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 7.

235 Die alten Motive der Heimatstadt scheinen Bs Lethargie zu verstärken: „[...] ihm fielen aber handelsfähige Motive nicht ein, er war unerklärlich müde, Bilder zu suchen, überhaupt müde [...]“. In: Johnson: Zwei Ansichten. S. 64.

236 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 140ff.

237 Johnson: Zwei Ansichten. S. 142.

238 Johnson: Zwei Ansichten. S. 143.

239 Johnson: Zwei Ansichten. S. 146. Johnson dürfte sich für dieses (fiktionale) Lokal (reale) Kneipen in der Nähe seiner Wohnung in der Niedstraße, einen Steinwurf vom Bundesplatz entfernt, zum Vorbild genommen haben.

240 „[...] denn manchmal und insgeheim wollte ihm diese winzige Pinte mit ihrem verträglichen, auch besorgten Gesprächsgeräusch deutlicher für die Stadt vorkommen als was er tagsüber an Stelle der Stadt fotografierte.“ In: Johnson: Zwei Ansichten.S. 148.

241 Später unter demselben Titel in der ‚Aufsatzsammlung‘ „Berliner Sachen“ veröffentlicht. Vgl. Johnson: Berliner Sachen. S. 64 - 94.

242 Vgl. besonders: Johnson: Berliner Sachen. S. 77 - 81. Interessanterweise übernahm Johnson genau diesen Passus in seine „Frankfurter Vorlesungen“. Vgl. Johnson: Begleitumstände. S. 259 - 263.

243 Der Hinweis auf die Henriettenstraße, also den Sitz der auch in „Zwei Ansichten“ vorkommenden Fluchthelfer, deutet zumindest darauf hin, daßdie Wirtin der Erzählung jene des Romans sein könnte. Vgl. Johnson: Berliner Sachen. S. 88.

244 Vgl. Johnson: Begleitumstände. S. 263.

245 Johnson: Berliner Sachen. S. 69. Gemeint ist der Morgen des 13. August 1961.

246 Johnson: Berliner Sachen. S. 70.

247 Vgl. Ebd.

248 Ebd.

249 Johnson: Berliner Sachen. S. 74.

250 Vgl. Johnson: Berliner Sachen. S. 65f.

251 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. Kapitel 9. S. 235 - 239.

252 Johnson: Zwei Ansichten. S. 236.

253 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 237.

254 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 238.

255 Die beiden schon erwähnten Nebenstränge der Handlung, die von dem unglücklichen Bauernjungen und dem Dieb des Wagens berichten (Vgl. für beide Fälle: Johnson: Zwei Ansichten. Kapitel 5)

256 Hier wie dort findet sich die Reduktion des Namens des Protagonisten auf die Anfangsmajuskel. Die Romane Kafkas stellen übrigens Kommunikation und deren Schwierigkeit entschieden in ihren erzählerischen Mittelpunkt. Jeder Kafka-Leser kennt die Versuchung, den Protagonisten einige klare Antworten in ihre rätselhafte und sich immer weiter verrätselnde Romanwelt hinein zuzurufen. Erzählt wird von Verwirrung und der Abwesenheit jeder Antwort.

257 Vgl. dazu beispielsweise die aus ihrer Sicht geschilderten Reflexionen über den ‚Westen‘ und Westberlin im besonderen. In: Johnson: Zwei Ansichten. S. 41 - 44.

258 Johnson: Zwei Ansichten. S. 41.

259 Johnson: Zwei Ansichten. S. 12.

260 Johnson: Zwei Ansichten. S. 13.

261 Johnson: Zwei Ansichten. S. 46.

262 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 46.

263 Johnson: Zwei Ansichten. S. 47.

264 Vgl. Johnson: Berliner Sachen. S. 54. Überhaupt ist der Aufsatz „Versuch eine Mentalität zu erklären. Über eine Art DDR-Bürger in der Bundesrepublik Deutschland “ (In: Johnson: Berliner Sachen. S. 52 - 63) wichtig nicht nur in einem politisch-sozialen Sinn, sondern auch im literaturwissenschaftlichen - er bietet gewissermaßen eine Erklärung der Mentalitäten Johnsonscher Figuren, die sich im Clinch mit ihrem Staat befinden, ihn aber doch nicht in Bausch und Bogen verdammen mögen, bietet also ein wichtiges Hintergrundwissen zum Verständnis von Johnsons Werken.

265 Johnson: Zwei Ansichten. S. 29.

266 Nämlich nach Bayern. In: Johnson: Zwei Ansichten. S. 98.

267 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 104.

268 Johnson: Zwei Ansichten. S. 105.

269 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 105 - 110.

270 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 125.

271 Johnson: Zwei Ansichten. S. 126.

272 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 126.

273 Johnson: Zwei Ansichten. S. 127.

274 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 163.

275 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 194.

276 Johnson: Zwei Ansichten. S. 233.

277 Vgl. Johnson: Zwei Ansichten. S. 242.

278 Baumgart: Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 54.

279 „Man hätte denken sollen, er sei längst fertig, nach einem ganzen Jahr immerhin. In der Tat gab es jetzt einen Text von 90 Seiten zu je zweitausend Anschlägen, und offenbar hatte er die bittere Prüfung bestanden, dass er einer alten Frau mit sehr erhobener Stimme in die Maschine diktiert werden musste, denn sie war recht harthörig, und es waren Dinge, die sagt man im Winter 1953 auf 1954 besser leise und nur zu Leuten, die Verlass bewiesen haben.“ In: Johnson: Begleitumstände. S. 73f.. [Hervorhebungen von mir.]

280 Vgl. Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 291f..

281 Vielleicht sogar schon im Sommer 1966. Vgl. zu den ‚Werkphantasien‘ vor allem: Neumann: Uwe Johnson. S. 588 - 605.

282 Vgl. dazu Johnsons launigen Brief vom 01. Juli 1966 an Manfred Bierwisch. In: Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 185f..

283 Innerhalb Johnsons unnachahmlicher Fiktionalisierung seiner Realität eine Folge einer ‚Begegnung‘ mit Mrs. Cresspahl ‚auf der Südseite der 42. Strasse‘, die dem Plan, noch ein Buch mit ihr und über sie zu schreiben, zunächst erschrocken-ablehnend gegenüber steht - eine Ansicht, die sich in ihrem fremdsprachigen [!] Ausruf „Oh no. Not again.“ artikuliert. Vgl.: Johnson: Begleitumstände. S. 406 - 409. Das Datum dieser ‚Begegnung‘ ist der 18.04. 1967, ein Dienstag. Der erste Tag der Niederschrift des neuen Romans ist der 29. 01. 1968. Vgl. zu diesem Datum: Johnson: Begleitumstände. S. 424.

284 Vgl. Neumann: Uwe Johnson. S. 701 - 761.

285 Beispielsweise der Hamburger Journalist Karsch (Erwähnung in: Jahrestage. S. 118), über Jakob und Jöche (Vgl. Jahrestage. S. 121) bis zu D.E., der schon in frühen Fassungen von „Ingrid Babendererde“ vorkommt und inzwischen, als Freund der ‚Rumpffamilie‘ Cresspahl, mit Gesine und Marie über Tonbänder (von Gesine als „Phonopost“ bezeichnet. In: Jahrestage. S. 143.) Kontakt hält.

286 Johnson: Begleitumstände. S. 24.

287 Als Beispiel diene hier Karschs Gespräch mit Herrn Fleisg. In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 38 - 41.

288 Vgl. das ‚Verhör‘, mit dem Achims Vater seinen jungen Sohn nach dem ‚Verschwinden‘ der Mutter belegt. In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 89.

289 Vgl. das Gespräch zwischen Achims Vater und (vermutlich) einem seiner Vorgesetzten. In: Johnson: Das dritte Buch über Achim. S. 131. Diese ‚direkten‘ Gespräche, die sich vor allem durch Johnsons Roman „Mutmassungen über Jakob“ ziehen, lösen nach einigen Fragen und Antworten die beiden am Gespräch beteiligten Personen für den Leser ineinander auf - solche Gespräche werden schnell zu einem ‚Stimmengewirr‘, das beispielsweise in Gaststätten mitzuerleben ist und repräsentiert nicht nur eine Verrätselung der Sprecher, sondern auch eine Kommunikation in vielleicht einfachen Sätzen, die dennoch codiert wirken muß.

290 Johnson: Zwei Ansichten. S. 148.

291 Vgl. dazu den immer noch lesenswerten Aufsatz „Bücher: gesammelt und geschrieben, um die Geschichte aufzuheben. Uwe Johnsons Bibliothek“, in welchem Fahlke vor allem auf die Bedeutung von Nachschlagewerken (hierzu zählt er auch die insgesamt 153 Bände des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, 36 Bände des amerikanischen Nachrichtenmagazins TIME und 12 Ordner mit Zeitungsausschnitten aus der NEW YORK TIMES), Lexika (wie die schöne Ausgabe von „Meyers Konversationslexikon“ aus dem Jahr 1890) und Regionalica, also vor allem umfangreiche Sammlungen von Werken zu Mecklenburg, Berlin, New York und Kent, für Johnsons Art zu schreiben verweist. In: Schlosser / Zimmermann (Hrsg.): Poetik. S. 110 - 132.

292 Vgl. Johnson: Inselgeschichten. Besonders S. 86 - 89, 129 - 132 und auch 145, obwohl die hier geschilderten Situationen nur mittelbar mit ‚Kneipengesprächen‘ in Verbindung stehen.

293 Johnson: Inselgeschichten. S. 129.

294 Johnson: Jahrestage. S. 123. Zu Lisbeths ‚Sprachproblemen‘, die vor allem auf ihre zunehmende innere Ferne zu Heinrich verweisen, vgl. z. B. S. 122f.

295 Vgl. zu solchen literarischen Spielen beispielsweise den fiktiven Nachruf „Dead Author´s Identity In Doubt; Publisher´s Defiant“ (in: Johnson: Porträts und Erinnerungen. S. 28 - 37), das ‚Interview‘ mit „Marie H. Cresspahl, 2.-3. Januar 1972“ (in: Fahlke (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. S. 90 - 110, aber auch die bereits zitierten „Auskünfte und Abreden zu ‚Zwei Ansichten‘“, die auf Fragen eines (fiktiven) Mike S. Schoelman antworten (in: Fellinger (Hrsg.): Über Uwe Johnson. S. 155 - 158).

296 Vgl. Maron: „Ein Schicksalsbuch“ und Beyer „Eine Haltung des Hörens“; beide Artikel in: DIE ZEIT Nr. 49 / 1997.

297 Johnson im Neujahrsbrief 1963 an seinen Englischlehrer Wilhelm Müller. In: Fahlke (Hrsg.): Die Katze Erinnerung. S. 133.

104 von 104 Seiten

Details

Titel
Grenzüberschreitungen - Kommunikation als Erzählproblem in Uwe Johnsons Romanen "Das dritte Buch über Achim" und "Zwei Ansichten"
Veranstaltung
Technische Universität Berlin; Fachbereich I: Kommunikations- und Geschichtswissenschaften; Institut für Deutsche Philologie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften
Autor
Jahr
1998
Seiten
104
Katalognummer
V94758
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit, in der ich mich mit Kommunikationsproblemen am Beispiel zweier Romane von Uwe Johnson auseinandersetze, bei Rückfragen bin ich wie folgt zu erreichen: SANDSEIFESODA Werbung, Benno M. Wildemann, FON 030 42 100 800 FAX 030 42 100 806
Schlagworte
Grenzüberschreitungen, Kommunikation, Erzählproblem, Johnsons, Romanen, Buch, Achim, Zwei, Ansichten, Technische, Universität, Berlin, Fachbereich, Kommunikations-, Geschichtswissenschaften, Institut, Deutsche, Philologie, Allgemeine, Vergleichende, Literaturwissenschaften
Arbeit zitieren
Benno M. Wildemann (Autor), 1998, Grenzüberschreitungen - Kommunikation als Erzählproblem in Uwe Johnsons Romanen "Das dritte Buch über Achim" und "Zwei Ansichten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94758

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