Im Folgenden wird versucht, eine Antwort auf die Fragen zu finden, ob es möglich ist, ein falsches Geschmacksurteil zu fällen, indem gezeigt wird, dass Geschmacksurteile sowohl innerhalb eines subjektiven als auch innerhalb eines objektiven Kontexts gefällt werden können und dabei jeweils kontextabhängig gültig sind. Dafür wird im zweiten Abschnitt zuerst argumentiert, dass Geschmacksurteile einer subjektiven, von individuellen Voraussetzungen und Erfahrungen abhängigen Sphäre entspringen, wonach im dritten Abschnitt gezeigt wird, inwiefern sie ebenso Gegenstand einer objektiven Sphäre sind, die allgemein anerkannte Maßstäbe und Konzepte beinhaltet. Der daraus hervorgehende Doppelcharakter wird im vierten Abschnitt anhand der Theorie des empirischen Kontextualismus erklärt. Dabei wird verständlich, warum sich widersprechende Urteile über dasselbe Geschmacksobjekt gleichzeitig gültig sein können. Im fünften Abschnitt werden die erarbeiteten Ergebnisse zusammengetragen und Implikationen dieser Antwort für Lösungen alltäglicher Probleme mit Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf Geschmacksurteile gegeben.
Bei gustatorischem Geschmack kommt es häufig zu Meinungsverschiedenheiten, wie folgendes Beispiel veranschaulicht:
Josh: „Der ‚Nobilo Icon Sauvignon Blanc‘ vom letzten Mal hat mir nicht geschmeckt. Er war mir viel zu fruchtig – das ist einfach kein guter Wein.“ Anne: „Wirklich? Sauvignon Blanc muss ein bisschen fruchtig sein, das ist ein guter Wein! Er
schmeckt mir hervorragend.“ Josh und Anne sprechen über denselben Wein und äußern sich widersprechende
Geschmacksurteile darüber. Es scheint, als können zwei sich widersprechende Geschmacksurteile über dasselbe Geschmacksobjekt gleichzeitig gültig sein. Es ist aber vorstellbar, dass die Diskussion weitergeht und Anne Josh mit Argumenten zu überzeugen versucht, warum der Wein doch gut ist: Anne: „Obwohl er fruchtig ist, ist er nicht süß, sondern trocken und funktioniert perfekt zu frischen, sommerlichen Gerichten. Stell ihn dir eisgekühlt zu einem frisch gegrillten Fisch vor. Genau so muss ein Sauvignon Blanc sein!“ Sollte Josh nun einsehen, dass der Wein doch gut ist? Hat er Gründe dafür? Oder ist seine persönliche Meinung darüber indiskutabel? Wie kann man solche Meinungsverschiedenheiten verstehen und wie kann man sie, falls überhaupt, lösen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Subjektive Sphäre gustatorischer Geschmacksurteile
2.1 interindividuelle Voraussetzungen
2.2 situative Voraussetzungen
2.3 Veränderung des eigenen Geschmacks durch Wissen
3 Objektive Sphäre gustatorischer Geschmacksurteile
3.1 Unterschiedliche Konditionen von Geschmacksobjekten
Und schmeckenden Personen
3.2 Objektive Wert- und Qualitätssysteme
4 Erklärung des Doppelcharakters: Der empirische Kontextualismus
5 Konklusion
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den scheinbaren Widerspruch zwischen der Subjektivität individueller Geschmacksurteile und der objektiven Beurteilung von Geschmacksobjekten, um ein Modell zu entwickeln, das beide Aspekte koexistent erklärbar macht.
- Die subjektive Natur von Geschmack basierend auf individuellen Erfahrungen und physiologischen Voraussetzungen.
- Die Rolle objektiver Wert- und Qualitätssysteme in kulinarischen Kontexten.
- Die Anwendung des empirischen Kontextualismus zur Auflösung von Meinungsverschiedenheiten über Geschmack.
- Die Analyse von situativen Faktoren, die unsere Wahrnehmung beeinflussen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Objektive Wert- und Qualitätssysteme
Ein weiteres Argument für die Objektivität von Geschmacksurteilen ist die Existenz von Wert- und Qualitätssystemen für bestimmte Nahrungs- und Genussmittel (wie es sie z.B. für Wein gibt).
Es gibt spezielles Vokabular zum Beschreiben von Geschmackseigenschaften, Berufe wie Restaurant- und Weinkritikerln und Diskussionen und Gespräche über gustatorische Geschmacksurteile.
Ohne die Möglichkeit, Geschmacksurteile unabhängig von individuellen Empfindungen und Wertungen der schmeckenden Person fällen zu können, gäbe es keinen ersichtlichen Grund für all diese Dinge. Warum sollte es Wertsysteme für den Geschmack von Wein oder eine Diskussion über das richtige Braten von Fisch geben, wenn es keine objektiven Urteile darüber gibt, wie etwas schmecken oder zubereitet werden soll?
Damit einhergehend kann man vermuten, dass die meisten Menschen intuitiv der Meinung wären, dass eine ausgebildete Sommeliere nicht genauso viele Gründe hat, ihr Geschmacksurteil über einen Wein zu ändern, wie ein Laie, die/der nichts über Weinkultur weiß.
Der Grund dafür ist, dass es objektive Quellen für gustatorische Geschmacksurteile gibt. Sommeliers sind beispielsweise innerhalb normativer Dimensionen, wie etwa der VDP-Qualitätspyramide oder Weingesetzen, ausgebildet.
Es ist wichtig zu erkennen, dass es bei objektiven Urteilen, wie sie in ebensolchen Bewertungsrundlagen getätigt werden, nicht um Urteile des persönlichen Geschmacks einer Person geht, wie z.B. in A. Es geht darum zu sehen, wie Geschmacksurteile nicht nur von individuellen Voraussetzungen abhängen, sondern auf einer anderen, objektiven Ebene ebenso von etablierten Normen und Konzepten (z.B. das Trinken von Weißwein zu Fisch), den intrinsischen Eigenschaften von Geschmacksobjekten (z.B. Süße von Zucker oder Bitterkeit von Spargel)11, ihrer Einteilung in genieß- und ungenießbar (z.B. aufgrund von Giftigkeit) und der Bildung innerhalb bestimmter Gebiete (z.B. Erlernen eines spezifischen Vokabulars, um den Geschmack von Wein zu beschreiben) und in diesem Sinne durchaus richtig oder falsch sein können (vgl. Smith 2007: 41-52).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt anhand eines Beispiels in die Problematik widersprüchlicher Geschmacksurteile ein und erläutert den Aufbau der Untersuchung.
2 Subjektive Sphäre gustatorischer Geschmacksurteile: Dieses Kapitel begründet die Subjektivität von Geschmack durch individuelle Erfahrungen, physiologische Voraussetzungen und situative Einflüsse.
2.1 interindividuelle Voraussetzungen: Es wird dargelegt, wie physiologische und kulturelle Faktoren die Bildung von Geschmacksurteilen bei verschiedenen Personen beeinflussen.
2.2 situative Voraussetzungen: Hier wird analysiert, wie unterschiedliche Situationen und Kontexte die Wahrnehmung desselben Geschmacksobjekts durch dieselbe Person verändern können.
2.3 Veränderung des eigenen Geschmacks durch Wissen: Dieses Kapitel zeigt auf, wie kognitives Wissen über ein Produkt die sensorische Wahrnehmung und damit das Geschmacksurteil langfristig verändern kann.
3 Objektive Sphäre gustatorischer Geschmacksurteile: Es wird argumentiert, dass Geschmacksurteile auch objektiven Standards folgen können, die über die persönliche Vorliebe hinausgehen.
3.1 Unterschiedliche Konditionen von Geschmacksobjekten: Dieser Abschnitt behandelt die Bedeutung der äußeren Bedingungen und der sensorischen Voraussetzungen beim Verkosten.
3.2 Objektive Wert- und Qualitätssysteme: Hier werden fachliche Normen und Expertensysteme als Grundlage für objektive Qualitätsbeurteilungen untersucht.
4 Erklärung des Doppelcharakters: Der empirische Kontextualismus: Dieses Kapitel führt den empirischen Kontextualismus ein, um zu erklären, wie Geschmacksurteile kontextabhängig sowohl subjektiv als auch objektiv gültig sein können.
5 Konklusion: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und zeigt den Nutzen der Kontextunterscheidung für den Umgang mit kulinarischen Meinungsverschiedenheiten auf.
Schlüsselwörter
Geschmacksurteil, Gustatorischer Geschmack, Subjektivität, Objektivität, Empirischer Kontextualismus, Kulinarik, Sommelier, Wahrnehmung, Wertesysteme, Kontextabhängigkeit, Geschmackspräferenzen, Sensorik, Qualitätsstandards, Nostalgie, Ernährung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, warum Geschmacksurteile bei widersprüchlichen Meinungen oft beide als "gültig" empfunden werden und wie dieser Doppelcharakter philosophisch begründet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit bewegt sich im Bereich der Philosophie des Geschmacks und untersucht das Spannungsfeld zwischen individueller Subjektivität und objektiven Qualitätsmaßstäben.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie ein Geschmacksurteil einerseits rein subjektiv sein kann und andererseits im Kontext objektiver Standards als korrekt oder inkorrekt bewertet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin nutzt eine analytische philosophische Herangehensweise, ergänzt durch die Theorie des empirischen Kontextualismus, um die Wahrheitsgehalte von Aussagen kontextabhängig zu erklären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der subjektiven Voraussetzungen (Erfahrung, Situation, Wissen) und der objektiven Sphäre (Qualitätssysteme, Konditionen), um darauf aufbauend eine synthetische Erklärung zu finden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Geschmacksurteil, subjektive und objektive Sphäre, empirischer Kontextualismus sowie die Rolle von Wissen und situativen Faktoren bei der kulinarischen Bewertung.
Wie erklärt die Autorin den Unterschied zwischen einem Laien und einem Sommelier?
Der Unterschied liegt im Zugang zu objektiven Quellen und normativen Qualitätssystemen (wie Weinkultur oder VDP-Standards), die es dem Experten erlauben, Urteile auf einer normativen Ebene zu fällen, die dem Laien so nicht zur Verfügung stehen.
Was bedeutet die "kontextabhängige Gültigkeit" eines Urteils?
Ein Urteil ist nicht absolut "wahr" oder "falsch", sondern bezieht sich auf einen bestimmten Kontext (z.B. den Wissensstand oder das Ziel der Aussage). Innerhalb dieses Rahmens kann die Aussage korrekt sein, während sie in einem anderen Kontext (mit anderen Maßstäben) als inkorrekt bewertet wird.
Warum spielt die Erinnerung bzw. Nostalgie eine Rolle für den Geschmack?
Erinnerungen beeinflussen die Erwartungshaltung und die emotionale Bewertung eines Geschmacksobjekts, was erklärt, warum dasselbe Produkt in unterschiedlichen Lebensphasen oder an unterschiedlichen Orten unterschiedlich beurteilt wird.
- Arbeit zitieren
- Julia Held (Autor:in), 2020, Der Doppelcharakter gustatorischen Geschmacks. Warum kein Geschmacksurteil falsch ist und weshalb man trotzdem Recht haben kann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/948270