Der Europäische Emissionshandel im Kontext globaler Nachhaltigkeitsstandards. Faktoren der Effektivität, Effizienz und Fairness


Bachelorarbeit, 2020

42 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Forschungsinteresse
1.2 Forschungsstand
1.3 Konzeption der Arbeit

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Nachhaltigkeit: ein weitläufiger Begriff
2.1.1 Ökologische Nachhaltigkeit
2.1.2 Ökonomische Nachhaltigkeit
2.1.3 Soziale Nachhaltigkeit
2.2 Kriterienkatalog

3 Empirische Analyse
3.1 Der Europäische Emissionshandel: ein Überblick
3.2 Die verschiedenen Komponenten des Emissionshandels in Bezug auf Nachhaltigkeit
3.2.1 Obergrenze der Emissionen
3.2.2 Erstvergabe der Zertifikate
3.2.3 Sektoren und Verbindlichkeit
3.2.4 Linking
3.3 Der Europäische Emissionshandel und die Nachhaltigkeitskriterien: eine vergleichende Bilanz
3.3.1 Ökologische Dimension
3.3.2 Ökonomische Dimension
3.3.3 Soziale Dimension

4 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

1 Einleitung

1.1 Fragestellung und Forschungsinteresse

Der Begriff Nachhaltigkeit ist heute eingeflügeltes Wort: Er begegnet unsin der Werbung, im Tourismus und in der Politik und macht nun mehr keinen Halt vor diversen Joghurt- und Teeverpackungen.Trotz der inflationären Gebrauchsweise des Begriffswirftdie nüchterne Bilanz über eine konkrete Umsetzung durch globale Abkommen und nationale Parteiprogramme große Zweifel auf. Die weltweiten Veränderungen der Ökosysteme haben zwar zum allgemeinen Wohlstand und zur wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen, doch würden diese Errungenschaften „durch wachsende Kosten in Form der Schwächung vieler ökosystemischer Dienste, ansteigender Risiken bei nichtlinearen Änderungen und Verschlimmerung der Armut eines Teiles der Menschen“ (MillenniumEcosystemAssesment 2005: 1) zu einem hohen Preis erkauft. Dazu gehören Umweltschäden, aber auch diverse Probleme, die wirtschaftliche und sozialeFragen betreffen.Ebenso wie Klimaveränderungen sich über kurz oder langauch auf die ökonomische (z.B. durch häufiger auftretende Starkwettereignisse, die zu Schäden in der Landwirtschaft führen) und auf die soziale Ebene (z.B. durch den Meeresspiegelanstieg, der Küstenstädte bedroht) auswirken, wird eine Bevölkerung, die in Armut lebt,anfälliger für ökologische und soziale Katastrophen sein.

Bereits der Brundtland-Bericht1 unterstrich die hohe Interdependenz der ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionvor mehr als 30 Jahren. Unter dem Titel Our Common Future wurde der Dreiklang unter dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung zusammengeführt undlöste bald darauf eineinternationale Debatte aus. Auch wenn die Forderungen des Berichts aufgrund mangelnder Konkretisierungen auf Kritik stießen, ist das Dokument in seiner Bedeutsamkeit ein Meilenstein. So ist es Ausgangspunkt der Weltklima-Konferenz in Rio de Janeiro 1992, aus der später die Agenda 212 hervorging. Eine Vielzahl an Kontroversen und Interessen machen das Leitbild zu einem überaus komplexen Gefüge, das seit einiger Zeitauch Eingangin das Agenda-Setting derEuropäischen Uniongefunden hat. Im Jahr2001 wurde auf Initiative der Europäischen Kommission die erste Strategie für Nachhaltige Entwicklung3 ins Leben gerufen, die sich an den Zielen der Agenda 21 orientierte (vgl. Europäische Kommission 2001: 8). Gleichzeitig gehört die EU aber auchweltweit zu einem der größten Emittenten von Treibhausgasen und ist damitmaßgeblich am anthropogenen Klimawandel beteiligt (vgl. Lindenthal2009:10).Mit dem Europäischen Emissionshandel, der am 1. Januar 2005 in Kraft trat, will die Union dieserEntwicklung entgegenwirken.In Form von Emissionsberechtigungen erwerben die Teilnehmer des Emissionshandels je nach Bedarf Zertifikate, die sie beim Ausstoß einer Tonne CO2 vorlegen müssen. Wissenschaftlerbetonen indessen die ökologisch „treffsichere“ und wirtschaftlich „kosteneffiziente“ Art, um Treibhausgasemissionen zu senken (vgl. Rudolph et al. 2018, Wittmann/Wolfsteiner 2011, Weizsäcker/ Hargroves 2010). In der überarbeiteten EU-Strategie für nachhaltige Entwicklung heißt es ausdrücklich, dass marktbasierte Instrumente die nachhaltige Entwicklung unterstützen sollen (vgl. Europäische Kommission 2001: 13).

Vor diesem Hintergrund möchte sich die vorliegende Arbeitmit der Frage beschäftigen, ob die Planung des Europäischen Emissionshandelsden global gesetzten Nachhaltigkeitsstandardsfolgt.Sind vor dem Hintergrund „Nachhaltiger Entwicklung“ Aspekte der ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimension eingeflossen? Oder wurden diese außer Acht gelassen mit dem vordergründigen Ziel, die Kyoto-Vereinbarungen4 zu erfüllen?In diesem Zusammenhang schreibt das Verbundvorhaben Jet-Set5 im Auftrag des Ministeriums für Bildung und Forschung:

„Mit der Entwicklung von Emissionshandelssystemen (EHS) wird der in Europa bislang vorwiegend ordnungsrechtlichen ausgerichteten Umweltpolitik ein marktwirtschaftliches Instrumentarium hinzugefügt […]. Über das Ausmaß der ökologischen, wirtschaftlichen, institutionellen und sozialen Folgewirkungen besteht jedoch weiterhin ein großer Informations- und Forschungsbedarf […]“ (Braun/Santarius 2005: 2).

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie eine fruchtbare Planung von marktwirtschaftlichen Maßnahmen, die effektiven Umweltschutz vorsehen und gleichzeitig auch die sozialen und wirtschaftlichen Systeme nicht aus dem Blick verlieren, ist weiterhin erforderlich (vgl. Kapitel 1.2). Die vorliegende Arbeit möchte somit einenBeitrag zu der Frage leisten, ob marktbasierte Instrumente wie der Europäische Emissionshandel aus einer mehrdimensionalen Perspektive heraus diskutiert werden und sich somit auf europäischer Ebene um ein ganzheitliches Konzept bemüht wird.Die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit lautet in diesem Sinne: Spiegeln sich in der Planung des Europäischen Emissionshandels die verschiedenen Dimensionen des Leitbildes von nachhaltiger Entwicklung wider ?

1.2 Forschungsstand

Trotz des Aufflammens klimapolitischer Debattenum den Begriff „Nachhaltigkeit“ findet sich in der Literatur nur eine überschaubare Anzahl an Veröffentlichungen, die sich mit dem Europäischen Emissionshandel in Bezug auf Nachhaltigkeit auseinandersetzen.Im Jahr 2002 schrieb Achim Brunnengräber einen wissenschaftlichen Beitrag mit dem Titel Umwelt – oder Gesellschaftskrise? – Zur politischen Ökonomie des Klimas. Der Autor spricht in seinem Aufsatz von einem „falschen Klima in der Gesellschaft“ (Brunnengräber 2002: 200), um effektive Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen. Dies liege an dem Fokus auf eine wirtschaftliche Instrumentendebatte, wie z.B. dem Emissionshandel, wodurch eine Debatte um alternative tiefgreifende Veränderungen wie einen „weitreichenden energiepolitischen Strukturwandel“ (ebd.: 209) verhindert würde. Brunnengräber kritisiert somit kurz heruntergebrochen die ökonomisch-technisch geprägte Debatte und fordert im Gegensatz dazu ein sozial-ökologisches Krisenkonzept als ein Gegenentwurf zu den heute immer noch verteidigten Paradigmen eines stetig steigenden Wirtschaftswachstums, ressourcenverbrauchenden Lebensstilen und hohen Mobilitätsansprüchen. Zwar schreibt Brunnengräber nicht direkt zum Europäischen Emissionshandel, doch stehen seine Erläuterungen im Zusammenhang mit den Beobachtungen der vorliegenden Arbeit, die ebenfalls einen klaren Fokus einer eingefärbten Debatte erkennen lassen.

Noch bevor der Emissionshandel im Jahr 2005 in Kraft tritt, beginnt das vom Bundesministerium für Umwelt geförderte und vom Wuppertal-Institut koordinierte Verbundvorhaben JET-SET (Joint Emission Trading as a Socio-Ecological Transformation) zu den sozial-ökologischen Folgewirkungen eines Europäischen Emissionshandels zu forschen. Das Projekt beleuchteteine Reihe von Fragestellungen, die insbesondere die ökonomischen, institutionellen und zum Teil auch sozialen Auswirkungen des „flexiblen Klimaschutzinstruments“ (Schüle et al. 2005: 2) betreffen. Das Ergänzungsprojekt Gender Studies und Emissionshandel zeigte, dass eine Betrachtungsweise aus einem gerechtigkeits-perspektivischen Blickwinkel „soziale Schwächen“ eines marktwirtschaftlichen Instrumentszum Vorschein bringen kann.

Marc Dusseldorpkommt noch im Jahr 2017 zu der Einschätzung, dass es in der Literatur bislang keine „wohlbegründete Bewertung“ (Dusseldorp 2017: 4) politischer Klimaschutzmaßnahmen in Bezug auf Nachhaltigkeit gebe. Im Gegensatz zur konzeptuellen Ebene, die in Dokumenten wie dem Brundtland-Bericht, der Agenda 2021 bzw. 2030 festgesetzt ist, ist es nicht gelungen, diese Leitlinien auch zielführend bei der Planung konkreter Maßnahmen einzubeziehen.

Rudolph et al. (2018) machen in Howtobuildtrulysustainablecarbonmarkets einigekonkrete Vorschläge, wie der EU-Emissionshandel ausgestaltet sein müsste, um den Ansprüchen einer nachhaltigen Entwicklung zu genügen.Die Autoren geben Empfehlungen zu Designmerkmalen und kommen zu dem Schluss, dass der Emissionshandel in seinem momentanen Zustand nicht nachhaltig sei. Dies liege u.a. an der mangelhaften Umsetzung durch eine ungenügende Abdeckung aller Sektoren, einem zu hohen Anteil freier Zertifikate und einem fehlenden Mindestpreis pro Tonne. Dementsprechend plädieren die Autoren für eine dringende Umgestaltung des Europäischen Emissionshandels.

Auch der Volkswissenschaftler Achim Lerch kommt zu dem Schluss, dass es bei einem Emissionshandel auf die genauen Designmerkmale ankomme und machtkonkrete Vorschläge zu der Festlegung des „Caps“6, zur Erstvergabe von Zertifikaten, zum Handelssystem und zu den fortwährenden Kontrollmechanismen (vgl. Lerch 2019:124f.).Zudem reflektiert er über Chancen und Risiken des Europäischen Emissionshandels in Zusammenhang mit den verschiedenen Nachhaltigkeitsdimensionen, die er anhand der 17 Ziele der Agenda 2030 ableitet. Er stellt dabei fest, dass sich der europäische ETS auf 14 von insgesamt 17 Zielen der Agenda 2030 unmittelbar bzw. mittelbar auswirke.

In Die Etablierung der Energiepolitik in Europa (2017) beleuchtet Kristina Kurze die europäische Energiepolitik aus konstruktivistisch-diskursiver Perspektive. Die Autorin geht dabei ausführlich auf die diskursive Ebene des policy-making in Bezug auf die Dekarbonisierungs-Agenda der Europäischen Union ein. Sie konstatiert in ihrer Analyse verschiedene „storylines“, allen voran die „lowcarboneconomy-storyline“, die einen bestimmten diskursiven Pfad in der EU-Institutionen-Debatte darstellen. Die ‚lowcarboneconomy-storyline‘ führe ihrer Meinung nach dazu, dass die Energie- und Klimapolitik entlang eines wachstumsbasierten Wohlstandsmodell-Narrativ diskutiert würde (vgl. Kurze 2017: 387). Dazu gehöre auch eine vordergründige Diskussion um eine harmonische Verknüpfung zwischen Ökologie und Ökonomie, die insbesondere durch kosteneffiziente Instrumente erreicht werden.

1.3 Konzeption der Arbeit

Ziel der Bachelorarbeit ist es, herauszufinden, welche Aspekte der verschiedenen Dimensionen von nachhaltiger Entwicklung in denAusgestaltungsprozess des Europäischen Emissionshandels eingeflossen sind. Die Untersuchungsebene istsomit die Planungsebene im gesetzgebenden Prozess innerhalb der Europäischen Union.

Zunächst beschäftigt sich der theoretische Teil der Arbeit im zweiten Kapitel mit dem Leitbild von nachhaltiger Entwicklung. Der300-seitige Brundtland-Bericht dient als Ausgangspunkt der weltweiten Diskussion zur nachhaltigen Entwicklung,bleibt dabei allerdings bei allgemein gültigen Aussagen (vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012: 34). Aus diesem Grund wurde sich dazu entschieden, den theoretischen Teil der vorliegenden Arbeit auf ein weiteres Dokument im Kontext globaler Nachhaltigkeitsstandards zu beziehen:Die Agenda 21 stützt sich als eines der Abschlussdokumente der Weltklima-Konferenz von Rio de Janeiro7 auf die Ausführungen des Brundtland-Berichts, konkretisiert das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung und dient als Wegbereiter des Kyoto-Protokolls, aus welchem schließlich der Europäische Emissionshandel hervorging. Die Agenda 21 bildet auchdas Fundament für internationale und nationale Nachhaltigkeitsstrategien, dieauf dem Integrationsprinzip beruhen:die Gleichwertigkeit derdrei DimensionenÖkologie, Ökonomie und Soziales (vgl. Möller 2010: 45). Mit Hilfe dieser Hauptdokumente und einschlägiger Sekundärliteratur wurde zunächst in Kapitel 2.1 erläutert, wie sich die einzelnen Dimensionen beschreiben lassen, um dann daran anknüpfend in Kapitel 2.2 einen Kriterienkatalog zu erstellen.

Die empirische Analyse im dritten Kapitel stellt den Kern der vorliegenden Arbeit dar.Zunächst wurde dazu auf die Selektion von „natürlichen Daten“ (vgl.Salheiser 2014: 813) zurückgegriffen. Es handelt sich hierbei um offizielle Textdokumente der EU-Organe, die den Emissionshandel auf der Konzeptionsebene betreffen. Sie wurden nach ihrer wissenschaftlichen Relevanz bezüglich des Forschungsgegenstandes ausgewählt und können einen gezielten Einblick in die Planungsphase des Emissionshandels vermitteln. Hierzu zählen ein Grünbuch der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2000, der Beschluss über die Emissionshandelsrichtlinie im Jahr 2003 und die Änderungen der Richtlinie im Jahr 2009 bzw. 2018, sowie Mitteilungen der Kommission an den Rat und das Parlament. In Kapitel 3 wird gefragt, ob und wie die Beobachtungen, die sich aus den Dokumenten ziehen lassen, den theoretischen Ausführungen in Kapitel 2 entsprechen. Dazu werden die Dokumente qualitativ inhaltsanalytisch anhand der gebildeten Kriterien ausgewertet. Zunächst werdenin Kapitel 3.1 die verschiedenen Designmerkmale des EU ETS genauer betrachtet, wobei auf die Obergrenze der Emissionsbudgets, die Erstvergabe der Emissionszertifikate, die Sektoren des EU ETS bzw. deren Verbindlichkeit und das Linking mit anderen KohlestoffmärktenBezug genommenwird.Die Betrachtung der Designmerkmale ermöglicht es diese auf ihre ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekte hin zu untersuchen und Veränderungen bei der Ausgestaltung, die über die Jahre gemacht wurden, nachzuvollziehen. Vor diesem Hintergrund zieht Kapitel 3.2eine vergleichende Bilanz des gesamten Europäischen Emissionshandels, indem die drei Dimensionen von nachhaltiger Entwicklung nacheinander abgearbeitet werden.

DieSchlussbetrachtung, mit der sich das vierte Kapitel beschäftigt, fasst die Ergebnisse der empirischen Analyse zusammen und stellt sie in einen weitläufigeren Kontext.Es soll diskutiert werden, warum es sinnvoll ist, politische Maßnahmen einer „Nachhaltigkeitsprüfung“ zu unterziehen und welche Schwierigkeiten dabei auftreten. Zudem wird über die aufgetretenen Probleme bei der theoretischen Konzeption von Nachhaltigkeit und die daraus resultierenden Herausforderungen für die empirische Analyse reflektiert.

2 Theoretischer Hintergrund

In der Literatur gibt es eine Vielzahl an zum Teil stark auseinanderlaufenden Nachhaltigkeitskonzepten, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Das folgende Kapitel hat deshalb nicht den Anspruch, eine Theoriediskussion anzuleiten, sondern es bezieht sich größtenteils auf die anthropozentrische Ausrichtung des normativen Leitbildes des Brundtland-Berichts und die Ausführungen von Hauff/Kleine (2009), die einen einführenden Überblick über nachhaltige Entwicklung geben. Die theoretischen Ausführungen werden in Kapitel 2.2 durch die Handlungsempfehlungen der Agenda 21 (Vereinte Nationen 1992) konkretisiert. Die Aufteilung in ökologisch, ökonomisch und sozial entspricht dem Drei-Säulen-Konzept von Nachhaltigkeit, das in der Wissenschaft breiten Konsens findet (vgl. von Hauff/Kleine 2009: 17). Die Entscheidung für diese theoretische Konzeption soll jedoch keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass das Säulen-Konzept durchaus auf massive Kritik stößt(vgl. z.B. Ott/Döring 2004; Kopfmüller et al. 2001).

2.1 Nachhaltigkeit: ein weitläufiger Begriff

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ geht ursprünglich auf den Bereich der Forstwirtschaft zurück. Schon im 18. Jahrhundert wurde formuliert, dass das ökonomische Handeln mit der Reproduktion von natürlichen Ressourcen – in diesem Falle dem des Holzes – in Einklang gebracht werden müsse (vgl. Osranek 2017: 23). Die Entwicklungen zwischenforstwirtschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Wechselwirkungen verlieren sichin den darauffolgenden Jahrhunderten, da „die Wissenschaftsdisziplinen der Ökologie und Nachhaltigkeit bis in die 1970er-Jahre weitgehend vernachlässigt wurden“ (von Hauff/Kleine 2009: 4).Besonders während der Zeit der industriellen Revolution schien derandauernde technische Fortschritt ein unbegrenztes Wachstum zu ermöglichen, währendder Faktor Natur weitgehend ausgeklammert blieb.Durch zunehmende soziale, ökologische und ökonomische Herausforderungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entbrannte ein Diskurs, der verantwortungsvolles Handeln forderte und dem ungehemmten Wachstum der vergangenen Jahrzehnte Einhalt gebot.8 Der Brundtland-Bericht9 brachte den Begriff„Nachhaltige Entwicklung“ auf die globale Bühne(vgl. Jörrisen 1999: 15).

Die Brundtland-Kommissionlegtefest, dass eine Entwicklung immer dann nachhaltig sei,„wenn sie die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß [sic!] künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (von Hauff 1987: 47).Das Ziel ist somit eine dauerhafte Erfüllung menschlicher Interessen, ohne dass die natürlich vorhandenen Ressourcen in zu starkem Maße verbraucht werden. Diesemenschlichen „Bedürfnisse“sieht die Kommission im direkten Zusammenhang mitder Bekämpfung von Armut, denn „eine Welt, in der die Armut herrscht, wird immer zuökologischen und anderen Katastrophen neigen“ (ebd.:10).Die Brundtland-Kommission stößt demnach aufvier zentraleProbleme, auf die es gemeinsame globale Lösungen zu finden gilt: Das ist erstens derRaubbau an natürlichen Lebensgrundlagen, zweitensdie wachsende Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung, drittens die zunehmende Anzahl an in absoluter Armut lebender Menschen und viertens die Bedrohung von Frieden und Sicherheit.Im Umkehrschluss ergeben sich daraus die Imperative zur nachhaltigen Entwicklung, so nämlich:

- die Bewahrung der Umwelt
- die Herstellung von sozialer Gerechtigkeit
- die Gewährleistung von politischer Partizipation.

Wie ein roter Faden zieht sich die Frage nach Gerechtigkeit durch den Brundtland-Bericht, die sich in intra- bzw. intergenerationelle Gerechtigkeit gliedert.Es geht hierbei umdie Frage nach einer „gerechten Verteilung von Gütern zwischen Generationen und zwischen den Personen innerhalb einer Generation“ (Ott/Döring 2004: 41). Der Gerechtigkeitsbegriff, der somit als konstitutives Element einer nachhaltigen Entwicklung aufgefasst wird, müsse immer dimensionsübergreifend gelten.

2.1.1 Ökologische Nachhaltigkeit

Ökologisches Kapital umfasst „den in Ökosystemen vorhandenen Bestand an erneuerbaren Ressourcen, Land, ökologische Faktoren wie Nahrungskreisläufe, Klimasysteme, solare Einstrahlung, Gleichgewichte und Tragfähigkeit. […] Darüber hinaus schließt das „Naturkapital“ das ökologische Kapital eines geografisch abgegrenzten Raums zuzüglich der darin verfügbaren nicht-erneuerbaren Ressourcen ein“ (von Hauff/Kleine 2009: 15f.).In einem Bericht der Vereinten Nationen mit dem Titel EcosystemsAnd Human Well-being wird von „Ökodienstleistungen“ gesprochen, da die Natur Nahrung, Wasser, Holz, Fasern und genetische Ressourcen kostenlos zur Verfügung stellt. „[S]ie reguliert Klima, Überflutungen, Krankheit, Wasserqualität und Abfallbeseitigung, sie bietet Erholung, ästhetischesVergnügen und spirituelle Erholung und unterstützt die Bodenbildung und den Nährstoffkreislauf“ (Hermann 2016: 11). Vor diesem Hintergrund möchte die ökologische Nachhaltigkeit in erster Linie erzielen, dass die heute lebenden Menschen einen schonungsvollen Umgang mit den auf der Erde vorhandenen Ressourcen verfolgen.

In allen Ökosystemen, in denen sich Menschen heute aufhalten, greifen sie in diese ein: Sie ernten die Nahrungsnetze ab oder „unterbrechen vielfältig die Stoff- und Energiekreisläufe“ (Hermann 2016: 11). Infolgedessen braucht es einen angemessenen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Zu der Frage, wie dieser angemessene Umgang ausgestaltet werden soll, driften in der Forschung zwei Strömungen auseinander: Die schwache Nachhaltigkeit schließt eine Substituierbarkeit des Naturkapitals durch anthropogenes Kapital ein, starke Nachhaltigkeit sieht Naturkapital nicht als ersetzbar an.10 Vor derAusgangspräambel des Brundtland-Berichts, die garantieren will, dass die Bedürfnisse der zukünftigen Generationen in dem Maße gedeckt werden, wie die der heute lebenden, ist die schwache Nachhaltigkeit kritisch zu betrachten.11 Unentbehrliche FunktionennatürlicherProzesse wie beispielsweise die Photosynthese oder die Erhaltung sensibler Ökosystemekönnten nicht gänzlich durch künstliches Kapital ersetzt werden (Grunwald/Kopfmüller 2012: 67).Hauff/Kleine (2009)führen in diesem Zusammenhangdas Konzept von Herman Dalyan.ErneuerbareRessourcen ließen sich demnachnur in solchem Maße abbauen, wie sie sich auch regenerieren; endliche Ressourcen dürfen nur dannverbraucht werden, wenn andere Substitutionsmöglichkeiten garantiert sind und Emissionen lassen sich nur in dem Maße verursachen, bis die Grenzen der Aufnahmefähigkeit als natürliche Senke erreicht sind (vgl. von Hauff/Kleine 2009: 32). Abbildung 1 veranschaulicht die Erläuterungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Ökologische Nachhaltigkeit in Anlehnung an Daly (1990: 2)

2.1.2 Ökonomische Nachhaltigkeit

Die ökonomische Nachhaltigkeit verfolgt das Ziel einer „ausreichenden bzw. gewünschten Lebensqualität“ (von Hauff/Kleine 2009: 18) im quantitativen sowie im qualitativen Sinne. Dies beinhaltet,dass der materielle Wohlstand nicht über die Verschuldung der nächsten Generation verübt wird (vgl. Schuster 2013: 15).Das ökonomische Kapital, das das wirtschaftliche Produktionskapital in Form von Sach-, Wissens- und Humankapital abdeckt, darf also nach diesem Verständnis im Laufe der Zeit nicht geschmälert werden.

Im Brundtland-Bericht kommt demwirtschaftlichen Wachstum eine Schlüsselrolle zu, wohingegen bereitsseit den 1970er-Jahren kontroverse Meinungendarüber existieren, welche Rolle das Wirtschaftswachstum im Zusammenhang mit dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung spielen soll.12 DieWachstumstheorie betont neben der Sicherung und Steigerung des materiellen Wohlstands bei wachsender Bevölkerung auch die Sicherung der Sozialsysteme und Investitionen in den Umweltschutz, indie Bildung und in die Entwicklungszusammenarbeit (vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012: 68). Im Brundtland-Bericht lässt man stetigem Wirtschaftswachstum neben dem technischen Fortschritteine Schlüsselrollebei der globalen Armutsbekämpfung zukommen. Aus globaler Perspektive könne das Potential der ärmeren Länder nur dann ausgebaut werden, wenn die Industriestaaten an dem Wachstumsprinzip festhielten (vgl. von Hauff 1987: 53ff.). Insbesondere legt der Brundtland-Bericht einen Fokus auf die Wachstumsraten in Entwicklungsländern, die einen Wert von fünf Prozent erreichen sollen. Nicht nur bei der Bekämpfung von Armut in den Entwicklungsländern wird dem Wirtschaftswachstum diese Rolle zugewiesen, sondern auch in Bezug auf intergenerationelle Gerechtigkeit in den Industrieländern.Dabei forderte der Brundtland-Bericht jedoch ein Wachstum, das eine „umweltschonende Qualität“ (von Hauff/Kleine 2009: 53) annimmt.13 Es ginge dabei um ein dauerhaftes Gleichgewicht, das nicht auf Kosten von Lebensqualität oder Umwelt basiert, sondern auf technischem Fortschritt oder aufsozialer, institutioneller bzw. technischerInnovation (vgl.Beemsterboer/Kemp 2016: 72). Häufig wird in diesem Zusammenhang auch von einer Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wachstum gesprochen (vgl. Pufé 2012:98).

2.1.3 Soziale Nachhaltigkeit

Die soziale Nachhaltigkeit strebt Gerechtigkeit unter den Menschen an, sodass allen Mitgliedern einer Gemeinschaft Verwirklichungschancenwie Wohlstand, Chancengleichheit und soziale Sicherheit zugänglich gemacht werden (Schuster 2013: 14). Soziale Sicherungssysteme sind eine Möglichkeit, diesenAnsprüchen gerecht zu werden.Wie also können die Ressourcen zwischen Generationen am besten verteilt werden? Diese Frage stellt sich die Verteilungsgerechtigkeit, die den Zugang zu Chancen und Ressourcen sowohl innerhalb einzelner Länder und Gesellschaften als auch im globalen Verteilungskonflikt zwischen den reichen Industrieländern und den wirtschaftlich ärmeren Schwellen- und Entwicklungsländern fordert (vgl. Fischer-Kowalski 1995: 5).Die soziale Dimension von Nachhaltigkeitberührt damit die zentrale Forderung nach der Befriedigung der Grundbedürfnisse aller heute und zukünftig lebenden Menschen. Unter Grundbedürfnissen sind die Möglichkeiten zu verstehen, „ein Leben so führen zu können, dass die Selbstachtung nicht in Frage gestellt wird“ (vgl. von Hauff/Kleine 2009: 20). Konkreter geht es um die Gewinnung bzw. den Erhalt von sozialen Ressourcen eines Individuums oder einer Gruppe wie der Toleranz, Solidarität, Integrationsfähigkeit, Gemeinwohlsicherung, Rechts- und Gerechtigkeitssinn.

In diesem Zusammenhang wird auch von der Aufrechterhaltung bzw. der Steigerung des sozialen Kapitals gesprochen. Dieses umschließt „den Bestand an sozialen Netzwerken, Vertrauen und kooperationsfördernden Werten und Normen einer Gesellschaft“ (vgl. ebd.: 21). In diesem Sinne kann soziales Kapital durch gezielte Maßnahmen vergrößert werden, wenn die soziale Integration einzelner Personen oder gewisser Bevölkerungsschichten gelingt. Vertrauen in die Regierungsinstitutionen spielt ebenso eine Rolle wie dieBeziehung zwischen Staat und der Zivilgesellschaft im Allgemeinen. Soziale Nachhaltigkeit stellt somit ein Zusammenspiel aus der individuellen und gesellschaftlichen Ebene dar:Ein Individuum, das seine Lebenschancen verwirklich sieht, wird auch dazu neigen, für das Wohlergehen der Gesellschaft zu sorgen (vgl. Möller 2010: 45).

[...]


1 Im Angesicht immer größerer Herausforderungen im ökologischen, ökonomischen und sozialen Bereich gründeten die Vereinten Nationen 1983 die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (WCED), aus der die Brundtland-Kommission hervorging. Ihr zentrales Anliegen war die Erarbeitung einer Handlungsempfehlung für die internationale Staatengemeinschaft, dem der Brundtland-Bericht Rechnung trug (vgl. von Hauff/Kleine 2009:6).

2 Die Agenda 21 setzte Maßstäbe zur nachhaltigen Entwicklung für das 21. Jahrhundert und wurde 2015 von der Agenda 2030 der Vereinten Nationen abgelöst.

3 Die europäische Strategie für nachhaltige Entwicklung wurde 2006 überarbeitet, wobei die drei Nachhaltigkeitsdimensionen enger miteinander verzahnt werden sollten, „um eine Dynamik aufrechtzuerhalten, in der sich wirtschaftliches Wachstum, soziale Sicherheit und Umweltschutz wechselseitig verstärken“ (Europäische Kommission 2005: 3).

4 176 Staaten unterzeichneten 2005 ein Abkommen, das im Zuge der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen als Kyoto-Protokoll bekannt wurde. Es hatte zum Ziel, die globalen Emissionen der Länder zu begrenzen (vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012: 27).

5 Das Forschungsprojekt Jet-Set (Joint Emissions Trading associo-ecologicaltransformation) war ein Verbundprojekt des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen und des ISOE im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

6 Der „Cap“ legt beim Emissionshandel die Höchstgrenze der zu emittierenden erlaubten Treibhausgase pro Jahr fest (vgl. Wolfsteiner/ Wittmann 2011: 97).

7 Die Weltklima-Konferenz von Rio de Janeiro wurde auf Vorschlag der Brundtland-Kommission als UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) im Jahr 1992 abgehalten (vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012: 25).

8 Die Veröffentlichung des Buches die Grenzen des Wachstums des Club of Rome im Jahr 1972 geben den Anstoß zu dieser Debatte. Zur zunehmenden Aufmerksamkeit, die der nachhaltigen Entwicklung gewidmet wurde, schreiben die Autoren Grunewald/Kopfmüller (2012): „Die Abhängigkeit der Menschheit von den natürlichen Grundlagen der Erde wurde erst intensiv thematisiert, als der unbekümmerte Fortschrittsoptimismus gegen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre angesichts der negativen Folgen des technischen Fortschritts und der Produktions- und Lebensstile vor allem in den Industriestaaten ein Ende fand“ (20).

9 Der Brundtland-Bericht ist nach der damaligen norwegischen Premierministerin Gro Harlem Brundtland, die den Vorsitz der Kommission innehielt, benannt.

10 Die Anhänger schwacher Nachhaltigkeit halten es somit für tragbar, dass das Naturkapital durch Sachkapital ersetzt werden kann (z.B. durch den Bau einer Verkehrsstraße für die eine bewaldete Fläche weichen muss), wohingegen die Vertreter der starken Nachhaltigkeit sich für eine „Nicht-Austauschbarkeit“ (Grunwald/Kopfmüller 2012: 66) natürlicher mit künstlichen Ressourcen aussprechen.

11 Ott/Döring (2004) beziehen sich in Theorie und Praxis starker Nachhaltigkeit in diesem Zusammenhang auf das Argument der „Wahlfreiheit für zukünftige Generationen“ (160). Starke Nachhaltigkeit sei insgesamt das freiheitlichere Konzept, indem es späteren Generationen die Optionen für den Umgang mit Naturkapital offenließe.

12 Aufgrund des begrenzten Rahmens der Arbeit kann diese Diskussion hier nicht weiter ausgeführt werden.

13 Im Brundtland-Report heißt es hierzu: „But policy makers guided by the concept of sustainable development will necessarily work to assure that growing economies remain firmly attached to their ecological roots and that these roots are protected and nurtured so that they may support growth over the long term“ (WECD 1987: 132).

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Der Europäische Emissionshandel im Kontext globaler Nachhaltigkeitsstandards. Faktoren der Effektivität, Effizienz und Fairness
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
42
Katalognummer
V948981
ISBN (eBook)
9783346329653
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europäischer Emissionshandel, Nachhaltige Entwicklung, CO2-Bepreisung, Nachhaltigkeit
Arbeit zitieren
Seraphina Roos (Autor), 2020, Der Europäische Emissionshandel im Kontext globaler Nachhaltigkeitsstandards. Faktoren der Effektivität, Effizienz und Fairness, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/948981

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