Civic Journalism. Die Revolution im amerikanischen Journalismus?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
23 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Eingrenzung - Versuch einer Definition

2. Hintergründe
2.1 Hutchinson Kommission
2.2 Situation der amerikanischen Presse
2.3 Gesellschaftliche und politische Einflussfaktoren

3. Die Philosophie dahinter
3.1 Grundannahmen
3.2 Reaktion auf die Situation Anfang der 1990er Jahre
3.3 Ziele
3.4 Mittel und Wege

4. Kritische Betrachtung

5. Beispielhafte Initiativen und Projekte – The Pew Trusts
5.1 The Pew Center
5.2 The Madison Project

6. Civic Journalism in der internationalen Perspektive

7. Schlussbemerkungen

8. Quellennachweis

1. Einleitung

Civic Journalism, was verbirgt sich hinter diesem amerikanischen

Phänomen der 1990er Jahre?

Übersetzt ins Deutsche heißt es soviel wie `bürgerlicher Journalismus`. In der etwas weiteren Übersetzung als „ein Journalismus mit und für den Bürger“ offenbart sich die Philosophie, die dahinter steht. Synonyme Bezeichnungen wie Public Journalism oder Community Journalism zeigen weitere Grundideen. Die Medien und im besonderen die Presse arbeitet mit und für die Öffentlichkeit und die Gemeinschaft der Bürger.

Doch ist Journalismus nicht immer an seine Rezipienten und damit in einer Demokratie wie in den USA an die Bürger gerichtet? So sollte es im Idealfall der Presse – und Medienarbeit sein, allerdings hat sich diese ursprüngliche Rollenverteilung heute sichtlich verschoben. Aus dem „watch dog“ ist vielfach ein „attack dog“ geworden, Medien, die sich über Skandal- und Sensationsberichte profilieren, ohne dabei hinterfragen, ob dies unbedingt den Menschen bei der Bewältigung ihrer Aufgaben als Bürger hilft. Wenn man als Leser oder Fernsehzuschauer über die beiden extremsten Gegenpositionen hinsichtlich eines Themas oder Ereignisses informiert wird, so ist diese bipolare Berichterstattung in den wenigsten Fällen geeignet, sich eine realisierbare und ausgewogene Meinung zu einem Themas zu bilden. Bildlich gesprochen sind die zumeist vorgestellten Seiten (schwarz und weiß) zu radikal, um die Mehrheit der Menschen zu überzeugen. Die konsensausgerichteten Zwischenmeinungen, (die Grautöne), werden selten beleuchtet. Begründung - wo liegt deren aufsehenerregender Konflikt- und damit Nachrichtenwert?

Ein Anliegen des Civic Journalism ist es, genau diese Zwischentöne mit einzubeziehen, in der Auffassung der „Public Journalists“ hat ein Thema nicht nur zwei Seiten sondern meist noch mindestens eine mehr. Und der Rezipient hat ein Recht darauf, auch davon zu erfahren, um sich seine Meinung, die konstituierend für eine funktionierende Demokratie ist, bilden zu können.

Das Ziel der folgenden Arbeit ist die kritische Betrachtung, inwieweit die Bewegung des Civic Journalism dieser selbstgesetzten Aufgabe gerecht wird, welche Mittel eingesetzt werden und mit welchem Erfolg.

Im ersten Teil werden die Ursachen, die zu der Entwicklung und Verbreitung dieses Berichterstattungsstils im amerikanischen Mediensystem geführt haben, analysiert. Im folgenden soll das dahinterstehende Konzept, was genau ist Civic Journalism, und was ist das andere oder neue daran, beleuchtet werden, um darauf aufbauend die vorhandenen kritischen Stellungnahmen gegenüber zu stellen.

Der zweiten Teil der Arbeit wird die konkrete Vorgehensweise und Arbeit anhand der Initiative der Pew Trusts und eines Fallbeispiels, das „We the people / Winsconsin“ Projekt umreißen.

Abschließend wird die Bewegung des Civic Journalism aus internationaler Perspektive betrachtet und versucht zu klären, inwieweit es sich um ein typisch amerikanisches Phänomen oder um eine grundlegende Reform im Journalismus handelt.

1.1 Eingrenzung - Versuch einer Definition

Problematisch ist die bisher fehlende eindeutige Definition, was man unter Civic Journalism versteht. Ist es eine Grundeinstellung der Journalisten oder eine Summe bestimmter Techniken oder eine spezifische Zielvorstellung oder am Ende gar eine neue Art von Journalismus? Gerade die fehlende Abgrenzung macht eine wissenschaftlich ausgerichtete Auseinandersetzung mit dem Thema schwierig, ebenso wie eine kritische Betrachtung, da ungeklärt bleibt, worauf sich die Kritik bezieht und in welchen Fällen sie berechtigt oder unberechtigt ist.

Als Grundlage dieser Arbeit soll folgende Definition gelten:

Civic Journalism ist ein durch Dialog und Interaktivität geprägter Journalismus mit dem Ziel, umfassend zu informieren, zu erklären und die Rezipienten dazu zu befähigen, ihre Aufgaben als Bürger in einer funktionierenden Demokratie aktiv wahrzunehmen. Das zentrale Anliegen ist „to empower people to do their job as citizens“[1].

Dabei bleiben traditionelle journalistische Grundwerte, wie Objektivität und Ausgewogenheit in der Information, weiterhin die Basis. Allerdings werden diese ergänzt durch Werte, wie Bürgernähe und Dialog, sowie die Nutzung neuer Techniken, wie beispielsweise die Computergestützte Recherche und die Initiierung von öffentlichen Debatten zwischen Politikern und Bürgern. Somit ist Civic Journalism als eine erweiterte Form mit eigener Philosophie des traditionell amerikanischen Journalismus zu betrachten.

2. Hintergründe

2.1 Der Hutchinson Report 1947 und gegenwärtige Wirkungen

Bereits 1947 war eines der Ergebnisse des Hutchinson Reports die Forderung nach einer freien und verantwortlichen Presse. Empfohlen zur Umsetzung dieser Forderung wurde die Schaffung von Bürgerforen, die jährlich die Pressearbeit bewerten sollten. Die Studie, unter der Leitung von Robert Maynard Hutchins, damaliger Kanzler der Universität von Chicago, ist ein Produkt landesweiter Anhörungen von Bürgern, finanziert durch die Time, Inc. Ein vielversprechender Ansatz, nur leider wurde der Report von den Zeitungen, die es betrifft, schlicht ignoriert.

Trotzdem ist die Forderung nach freien und gleichzeitig verantwortungsvollen Medien heute noch immer aktuell. Hutchins selbst äußerte sich 1989 besorgt über die konzentrierte und nicht konkurrierende Massenkommunikation. Besitzer und Verleger seien mehr um ihre Werbekunden besorgt sind , als darüber ihrem Publikum guten Journalismus zu bieten. Als Indikatoren sah er die reduzierte Anzahl von politischen Nachrichten oder Berichten und deren Tendenz zu personalisierten Darstellungen von Verhalten. Der Focus hat sich von einer inhaltlichen Berichterstattung zu Personality-Shows verschoben.[2]

Als eine Reaktion auf diese Entwicklung initiierte Tom Rosenstiel, selbst Medienkritiker, 1997 das „Commitee of Concerned Journalists“ (CCJ), welches bisher mehr als tausend Journalisten, Verleger, Besitzer und Professoren in Foren zusammengebracht hat. Inhaltlich wollte man unter Einbeziehungen der verschiedenen betroffenen Zielgruppen neue journalistische Standards klären, beziehungsweise in Hintergrund geratene wieder ins Blickfeld rücken. Laut Rosenstiel bräuchten heutige und zukünftige Journalisten nicht nur ihr Handwerkszeug, sondern ebenso Werte und Prinzipien, dies sei grundlegend, um verantwortungsvoll arbeiten zu können. Einer der einflussreichsten Unterstützer Rosenstiel´s Initiative ist Bill Kovach, früherer Herausgeber des Atlanta Constitutional-Journal und heute Kurator der Niemann Stiftung für Journalismus in Harvard.

Später entwickelte sich auf Basis des CCJ das Project for Excellence in

Journalism, welches noch heute landesweit für die originär in dem Hutchinson Report von 1947 niedergelegten Ziele eintritt.[3]

2.2 Situation der amerikanischen Presse

Die amerikanischen Tageszeitungen gelten als „Dinosaurier“[4] der Medienbranche? Sind sie eine vom Aussterben bedrohte Spezies, oder werden sie sich neu in der Konkurrenz zu elektronischen Medien und dem Fernsehen etablieren können? Die Entwicklungen der Presse in den 1990er Jahren weist eine hohe Konzentration des Zeitungsmarktes auf. Marktbeherrschend sind die als Aktiengesellschaft geführten Medienkonzerne und Verlage, die durch Aufkäufe oder Fusionen entstanden sind.[5] Zusätzlich zu der Konzentration der Eigentümer kommt es zu einer Abnahme der Anzahl erscheinender Zeitungen, gab es 1975 noch 1756 Tageszeitungen in den Vereinigten Staaten, so schrumpfte deren Anzahl 1999 auf nur noch 1483. Der Großteil davon sind Regional- und Lokalzeitungen, was sich inhaltlich in der von soft news geprägten Nachrichtenberichterstattung widerspiegelt. Zudem finanzieren sich die Zeitungen deutlich mehr als in Deutschland (65,1%) über Anzeigen und Werbungsbeilagen, teilweise zu über 80 Prozent.

Bis auf wenige Ausnahmen (USA Today, New York Times und Washington Post) kam es vor allem zu Beginn der 1990er Jahre zu drastischen Auflagenrückgängen. Trotzdem konnte aufgrund der Rationalisierungsmaßnahmen intern, dem gesteigerten Anzeigenerlös sowie der Preiserhöhung für den Abonnement- und Einzelverkauf Gewinne erwirtschaftet werden.[6] Allerdings muss sich die amerikanische Zeitungsbranche mit einer veränderten Wettbewerbssituation in Konkurrenz zu anderen Medien auseinandersetzen. Folgende Trends und die in Abschnitt 2.4 beschriebene Reaktion der Zeitungen darauf scheinen essentiell für das zukünftige Überleben.

Vor allem die sinkenden Reichweiten der Zeitungen sind besorgniserregend. Lasen 1970 noch 78 Prozent der Bevölkerung täglich Zeitung, so waren es 1994 bereits nur noch 61, 5 Prozent. Der Anteil der Nichtzeitungsleser stieg bis Mitte der 1990er Jahre auf mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Besonders bei jungen Leuten und berufstätigen Frauen ist ein rapide nachlassendes Interesse an Tageszeitungen zu beobachten. Außerdem verringerte sich ebenso die Nutzungsdauer und es besteht eine hohe Selektion des Informationsangebotes.[7]

[...]


[1] Lünenborg, Margret: Praktizierte Bürgernähe. In: Journalist 1/2000.

[2] Vgl. Reeves, Richard: Rends or Mends. In: Trust Newsletter Vol. 2/Number 2 /Spring 1999. S.11f.

[3] Rosenstiels Initiative ist der Leitartikel von Reeves, Richard: Rends or Mends. In: Trust Newsletter Vol. 2/Number 2 /Spring 1999. S.8-14.

[4] Ruß-Mohl, Stephan: Tanz dert Dinos. Zeitungen und Zeitungsjournalismus in den USA: Innovationsdynamik auf schrumpfenden Markt In: Wenzel, Harald: Die Amerikanisierung des Medienalltags. Frankfurt a. M. 1998. S. 127.

[5] Zum Beispiel Gannet Co., der derzeit größte US-Zeitungskonzern, der durch die Übernahme der Multimediesa Inc. nunmehr 93 Tageszeitungen besitzt vgl. Ruß-Mohl, Stephan: Tanz dert Dinos. Zeitungen und Zeitungsjournalismus in den USA: Innovationsdynamik auf schrumpfenden Markt In: Wenzel, Harald: Die Amerikanisierung des Medienalltags. Frankfurt a. M. 1998. S. 129.

[6] Vgl. Ruß-Mohl, Stephan: Tanz dert Dinos. Zeitungen und Zeitungsjournalismus in den USA: Innovationsdynamik auf schrumpfenden Markt In: Wenzel, Harald: Die Amerikanisierung des Medienalltags. Frankfurt a. M. 1998. S. 129ff.

[7] Vgl. Ruß-Mohl, Stephan: Tanz dert Dinos. Zeitungen und Zeitungsjournalismus in den USA: Innovationsdynamik auf schrumpfenden Markt In: Wenzel, Harald: Die Amerikanisierung des Medienalltags. Frankfurt a. M. 1998. S. 137-139.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Civic Journalism. Die Revolution im amerikanischen Journalismus?
Hochschule
Universität Leipzig  (Kommunikations- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Das Mediensystem der USA
Note
1.0
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V9490
ISBN (eBook)
9783638161831
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Civic Journalism; USA
Arbeit zitieren
Katja Beitat (Autor), 2001, Civic Journalism. Die Revolution im amerikanischen Journalismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9490

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