Soziale Netzwerke und ihre Bedeutung für Migranten und migrationswillige Personen. Wo beginnt der Einfluss sozialer Netzwerke?


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Hinwendung: Soziales Netzwerk und soziales Kapital

3. Der Einfluss sozialer Netzwerke auf die Migrationsentscheidung

4. Bedeutung, Ausprägung, Formen und Risiken sozialer Netzwerke

5. Soziale Netzwerke, soziales Kapital und Integration

6. Schlussbetrachtung

7 Quellen

1. Einleitung

Wanderungsbewegungen von Personen und Personengruppen haben die menschliche Existenz immer begleitet. Doch vor allem im Zuge der Industrialisierung, Technisierung und Verstädterung immer größerer Teile der Welt und durch die Entstehung von Nationalstaaten haben sich Wanderungen quantitativ und qualitativ stark gewandelt.1

Es existieren unterschiedlichste Gründe, weshalb Personen und Personengruppen aus ihrer Umgebung, ihrer Heimat aufbrechen und sich in eine Zukunft in einem anderen Land oder einer fremden Region begeben. Häufig sind es ökonomische, soziale oder politische Gründe, die Menschen dazu bewegen - aus mehr oder minder selbstbestimmtem Antrieb heraus - ihre Heimat für immer oder über einen bestimmten Zeitraum zu verlassen. Häufig sind es aber auch Flucht und Vertreibung, die Wanderungen zur Folge haben. Dabei stellt es für die meisten Menschen eine Herausforderung dar, in der Fremde anzukommen, sich akzeptiert zu fühlen und ein neues Zuhause zu finden. Besonders herausfordernd stellt sich diese Situation für Personen dar, die in ein fremdes Land aufbrechen. In ein Land, dessen Sprache sie nicht beherrschen, dessen Sitten und Bräuche für sie neu sind und generelle Unsicherheiten über die zukünftige Lebensgestaltung bestehen. So kommt es vor, dass Immigranten/-innen mit Unsicherheiten und Ängsten konfrontiert sind, da sie im Unklaren darüber sind, wie und wo genau sie ihren Lebensunterhalt bestreiten werden, wo und welchen Wohnraum sie finden werden und ob sie sich generell mit allem Fremden und Neuen zurechtfinden werden.

Das Vorhandensein von Landsleuten, Bekannten, Freunden oder sogar Familienmitgliedern am Zielort, könnte die Lebenssituation dieser Personen erheblich entlasten. Denn soziale Netzwerke könnten eine bereits vorhandene Infrastruktur bereitstellen, mit Informationen dienen und eine erste Anlaufstelle bieten. Doch welche Rolle spielen soziale Netzwerke im Migrationsprozess konkret? Wo genau beginnt und wie stark ist der Einfluss sozialer Netzwerke auf Migranten/-innen? Und inwiefern können soziale Netzwerke bei der Integration in die Mehrheitsgesellschaft hilfreich oder sogar hinderlich sein?

2. Theoretische Hinwendung: Soziales Netzwerk und soziales Kapital

Bevor eine tiefergehende Beschreibung der Rolle von Netzwerken für Migranten/-innen erfolgt, soll an dieser Stelle zunächst geklärt werden, was mit sozialen Netzwerken eigentlich gemeint ist und inwieweit diese in den Sozial- und Geisteswissenschaften Beachtung gefunden haben. Außerdem soll ein konkreter theoretischer Bezug hergestellt werden.

Der Begriff soziales Netzwerk beschreibt bestimmte Strukturen von Beziehungen, die unterschiedliche soziale Akteure miteinander verbinden/miteinander verflechten. Im sozialwissenschaftliche Betrachtungsrahmen können soziale Akteure sowohl Personen, als auch Organisationen darstellen. Konkret wurde der Begriff soziales Netzwerk erstmals von John A. Barnes (1954) in einer Feldstudie in einem norwegischen Fischerdorf genannt. Er verglich darin das Beziehungsgeflecht der ansässigen Bewohner mit einem Fischernetz. Erste netzwerktheoretische Auseinandersetzungen finden aber bereits schon in der formalen Soziologie Georg Simmels (1908) statt, die u.a. als Grundlage für später folgende Netzwerkmodelle - z.B. für Theodor Caplows Messung und Definition von ambiences - dienten. Der Sozialanthropologe J. Clyde Mitchell veröffentlichte 1969 eine umfassende und systematische Analyse von Netzwerkdimensionen. Er gilt heute als Begründer der Netzwerkanalyse.2

Im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen sind vor allem Funktionen und Strukturen von Netzwerken. Wobei Strukturen u.a. den Aufbau, die Dichte, das Ausmaß und Differenzierungen von Netzwerken und den ihnen innewohnenden Akteuren veranschaulichen und analysieren sollen. Vorrangige Beachtung in den Sozialwissenschaften sowie in der vorliegenden Arbeit finden aber vor allem Netzwerkfunktionen. Dabei wird häufig unterschieden, welche individuellen oder gesellschaftlichen Funktionsleistungen soziale Netzwerke erbringen.

Die in den frühen 1980er Jahren entwickelte Kapitaltheorie von Pierre Bourdieu setzt die Möglichkeitsräume von Personen in direkten Zusammenhang mit ihrer Ausstattung mit bestimmten Kapitalien. Hierbei unterscheidet Bourdieu zwischen ökonomischen (z.B. Besitz von Geldwerten), kulturellen (z.B. Bildungsgrad), symbolischen (z.B. Prestige) und sozialem Kapital. Soziales Kapital umfasst nach Bourdieu „Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“3. Der Umfang der Ausstattung mit sozialem Kapital hängt einerseits von dem Grad der Ausdehnung und den Mobilisierungsmöglichkeiten des Beziehungsnetzes ab. Andererseits von dem Umfang der Kapitalien, über die die Angehörigen des Beziehungsnetzes verfügen. Dabei ist jeder Akteur darauf bedacht, ein Beziehungsnetz bzw. sein soziales Netz je nach erwartetem Nutzen aufzubauen, aufrechtzuerhalten und auszubauen.4

Auf Grundlage dieses Konzeptes werden soziale Beziehungen für Individuen als unverzichtbare Ressource betrachtet. Denn durch Beziehungen zu Personen, die über nützliche Ressourcen verfügen, ist es möglich ebenfalls Zugang zu diesen Ressourcen zu bekommen.

Bezogen auf die Gruppe der Migranten/-innen kann soziales Kapital von besonders hoher Bedeutung sein, wenn sie mit anderen Kapitalien wie dem ökonomischen oder symbolischen Kapital nur unzureichend ausgestattet sind. Beziehungen zu Verwandten, Landsleuten, Bekannten und Freunden im fremden Umfeld der Aufnahmegesellschaft können beispielsweise wichtige Informationen bereitstellen, Unterkunfts- und Arbeitsplatzmöglichkeiten bieten oder eine finanzielle Unterstützung leisten und somit materielle Bedürfnisse befriedigen, Risiken senken und einen bestimmten Grad an Lebensqualität sichern.

3. Der Einfluss sozialer Netzwerke auf die Migrationsentscheidung

Verfügt also ein Individuum über Verbindungen zu sozialen Netzwerken in einer bestimmten Region, über die es Ressourcen generieren kann, so kann dies die Wanderungsbereitschaft maßgeblich beeinflussen.

Ein Mangel an sozialen Ressourcen oder ein kaum ausgeprägtes soziales Netzwerk im Herkunftsland können beispielsweise die Migrationsbereitschaft erhöhen, oder aber gegenteilig: eine sehr ausgeprägte soziale Netzwerkstruktur im Herkunftsland, kann die Migrationsbereitschaft hemmen. Andererseits wiederum kann das Wissen über ein Vorhandensein von sozialen Netzwerken in einer bestimmten geographisch entfernten Region die Migrationsbereitschaft erhöhen und umgekehrt.5

Hierzu wurden von Neil Ritchey die Affinitätshypothese, die Informations- und die Erleichterungshypothese und von Greame Hugo ergänzend die Konflikthypothese und Ermutigungshypothese formuliert.6 Diese lauten folgendermaßen:

- Die Affinitätshypothese beschreibt eine starke Verwurzelung oder Einbettung in familiäre, verwandtschaftliche oder lokale Strukturen, die das Bedürfnis zur Auswanderung hindern.
- Die Informationshypothese gibt an, dass je mehr Informationen über die zu erwartenden Bedingungen einer Zielregion vorherrschen, also von Angehörigen eines sozialen Netzwerkes übermittelt werden, desto stärker wirkt sich dies auf eine positive Migrationsentscheidung aus.
- Die Erleichterungshypothese besagt, dass Verwandte, Familienangehörige und Freunde potenziellen Migranten/-innen die Ankunft und das Einleben durch vielfältige Hilfen erleichtern. Die kann beispielsweise durch Informationen über freie Arbeitsstellen, Wohnungen, finanzielle Unterstützung oder neue soziale Kontaktmöglichkeiten geschehen.
- Konflikthypothese: Sie gibt an, dass Uneinigkeiten in sozialen Netzwerken und als zu eng empfundene Beziehungsnetzwerke Anreize geben, das betroffene Netzwerk zu meiden. Und schließlich beschreibt die
- Ermutigungshypothese Fälle, in denen Familienmitglieder zur Emigration ermutigt werden, z.B. um durch sog. Remittances (Rücküberweisungen) das Haushaltseinkommen der zurückgebliebenen Familie aufzubessern bzw. deren Lebensrisiken zu verringern.7

Allerdings muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass Angehörige von Netzwerken die Migrationsbereitschaft von einzelnen Personen auch hemmen können. Also solche Familienmitglieder, die einer Migration eher skeptisch entgegenstehen und bewusst die Migrationsabsicht von Familienmitgliedern durch Erwartungsäußerungen und der Artikulation ihrer Ängste dämpfen.

Somit kann der Einfluss von sozialen Beziehungen auf Migrationsentscheidungen nicht eindeutig geklärt werden. Laut der oben ausgeführten Thesen können sie je nach Ausstattung sowohl eine migrationshindernde, als auch -fördernde Wirkung haben.

Ist aber eine Migrationsentscheidung getroffen, stellen soziale Netzwerke bei der Auswahl des Zielortes einen entscheidenden Faktor dar.

Haug und Pointner geben an, dass Migrationsbewegungen, die zwischen zwei Ländern stattfinden nur sehr gering mit Arbeitslosenraten und Lohnunterschieden korrelieren. Der Einfluss dieser Faktoren auf die Migrationsentscheidung würden von vorhandenen sozialen Netzwerken und den daraus zu generierenden Vorteilen und verminderten Risiken übertroffen werden.8 So ist häufig auch die Auswahl der Region/des Niederlassungsortes stark vom Beziehungsnetzwerk beeinflusst. Nach einer Untersuchung von 1997 konzentriert sich die Migrationsbewegung italienischer Migranten/-innen zwischen Deutschland und Italien beispielsweise auf nur wenige Herkunfts- und Zielregionen.9

Laut dieser Argumentation überwiegt bei einer Migrationsentscheidung bzw. bei der Zielortsuche also das Bedürfnis der Erweiterung und des Erhalts von sozialem Kapital über dem Bedürfnis der Erweiterung von ökonomischem Kapital.

[...]


1 Vgl. Treibel, S. 6.

2 Vgl. u.a. Kähler, S. 283ff. sowie Hillmann, S. 605f.

3 Bourdieu zit. n. Baumgart S. 223.

4 Vgl.ebd. S.217ff.

5 Vgl. Haug/Pointner, S. 374.

6 Vgl. ebd., S. 375.

7 Vgl.ebd.

8 Vgl. ebd.S.376.

9 Vgl. ebd. S. 378.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Soziale Netzwerke und ihre Bedeutung für Migranten und migrationswillige Personen. Wo beginnt der Einfluss sozialer Netzwerke?
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V949600
ISBN (eBook)
9783346288318
ISBN (Buch)
9783346288325
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Soziale Netzwerke
Arbeit zitieren
Katrin Geier (Autor), 2012, Soziale Netzwerke und ihre Bedeutung für Migranten und migrationswillige Personen. Wo beginnt der Einfluss sozialer Netzwerke?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/949600

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