Ziel dieser Arbeit wird es sein, das Phänomen der hoch strittigen Elternschaften zu betrachten. Es werden Merkmale und mögliche Ursachen des Phänomens aufgezeigt, sowie der Versuch einer Charakterisierung der beteiligten Parteien vorgenommen. Die Arbeit wird zunächst die Merkmale und Definitionen von hochstrittigen Trennungen und Scheidungen darlegen und im Anschluss daran, die individuellen Merkmale der Eltern aufzeigen. Dadurch soll deutlich gemacht werden, dass bereits entsprechende individuelle und interpersonale Dispositionen einen hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsverlauf begünstigen können. Schließlich folgt eine Hinwendung zu den betroffenen Kindern, die Folgen und Empfindungen, mit denen sie konfrontiert sind und zu den Strategien, die sie als Reaktion auf die gegebenen Umstände entwickeln. Abschließend wird dargelegt, welche Maßnahmen zur Entlastung der Kinder getroffen werden können.
Circa 30.000 Kinder, deren Eltern eine Scheidung vollziehen, erleben, neben der eigentlichen Trennung ihrer Eltern, dauerhafte und starke Konflikte der Eltern mit. Das entspricht circa 5- 10 Prozent aller Scheidungen in Deutschland. Diese von starken Emotionen begleiteten Auseinandersetzungen haben einen großen Einfluss auf die kindliche Entwicklung und gehen über die eigene Familie hinaus. Familien, in denen Streitigkeiten vorherrschen, die sich über Jahre hin-weg vollziehen nehmen einen Großteil von Beratungsangeboten sowie gerichtlichen Anhörungen und psychologischen Gutachten ein.
Da dieses Phänomen seit dem Ende der 1990er Jahre zunehmend an Präsenz gewinnt, erscheint eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik als unumgänglich. So geschehen in einer Forschungsgruppe des Entwicklungspsychologen Wassilios E. Fthenakis im Zeitraum von 2000- 2003. Innerhalb dieser Forschungsgruppe "Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft" wurde sich der Thematik der sogenannten Hochstrittigkeit auf wissenschaftlicher Basis genähert, um Merkmale und Ursachen des Phänomens zu untersuchen sowie auch methodologische Erkenntnisse zu dem therapeutischen Umgang mit solchen Partnerschaften zu generieren. Nichtsdestotrotz ist es bis heute nicht gelungen ein eigenes Konzept im Umgang mit hochstrittigen Elternschaften zu entwickeln.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition und Merkmale
3. Individuelle Merkmale der Eltern
4. Ursachen und Entstehungsbedingungen
5. Risiken und Folgen für die Kinder
6. Erleben und Empfinden der Kinder und Jugendlichen
7. Kindliche Strategien
8. Elternverantwortung und Schutzfaktoren
9. Interventions- und Beratungsangebote
10. Resümee
11. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse von hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsprozessen und deren Auswirkungen auf die betroffenen Kinder, um ein besseres Verständnis für das Phänomen sowie für mögliche Entlastungs- und Unterstützungsstrategien zu entwickeln.
- Charakteristika und Definitionsmerkmale von hochstrittigen Familiensystemen
- Individuelle Persönlichkeitsmerkmale der Eltern als Eskalationsfaktoren
- Psychische, emotionale und soziale Folgen für Kinder und Jugendliche
- Entwicklung kindlicher Bewältigungs- und Anpassungsstrategien
- Anforderungen an professionelle Beratungs- und Interventionsangebote
Auszug aus dem Buch
3. Individuelle Merkmale der Eltern
Jörg Fichtner, Peter S. Dietrich, Maya Halatcheva, Ute Hermann und Eva Sandner konnten im Zuge des Forschungsprojektes „Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft“ sechs Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen feststellen, die sie als typisch für die Konfliktpartner in hochstrittigen Trennungs- und Scheidungsfamilien herausstellten:
Das erste Merkmal ist eine „reduzierte Offenheit für neue Erfahrungen“: Die hochstrittigen Elternteile, zeigten in der Untersuchung zu einem großen Teil ein nur sehr geringes Interesse, sich auf neue Erfahrungen, Eindrücke und Erlebnisse einzulassen. Ihre Ansichten waren eher traditionell und konservativ geprägt.
Als weiteres Merkmal wurde eine „reduzierte Verträglichkeit“ deutlich: Die untersuchten hochstrittigen Elternteile zeigten in auffallend geringerem Maße Persönlichkeitsmerkmale wie Vertrauen, Kooperationsfähigkeit und Nachgiebigkeit. Sie neigten also eher zu Misstrauen, distanziertem und kritischen Verhalten.
Eine „als gering erlebte Selbstwirksamkeit in der Elternbeziehung“ stellt ein weiteres Merkmal von hochstrittigen Elternteilen dar: Eine zu gering erlebte Selbstwirksamkeit verursacht bei den jeweiligen Elternteilen in Konfliktsituationen ein Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber dem Partner und der Situation. Handlungsspielräume werden nicht oder kaum wahrgenommen, Handlungsmöglichkeiten werden als gering eingeschätzt und ein Gefühl der Hilflosigkeit ist verstärkt vorhanden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik der Datenlage zu Hochkonfliktscheidungen in Deutschland und betont die negativen Auswirkungen anhaltender elterlicher Konflikte auf die kindliche Entwicklung.
2. Definition und Merkmale: Dieses Kapitel erläutert verschiedene Definitionsansätze zur Hochstrittigkeit und identifiziert zentrale Kriterien wie kindzentrierte Rechtsstreitigkeiten und emotionale Problemlagen zwischen den Eltern.
3. Individuelle Merkmale der Eltern: Hier werden sechs spezifische Persönlichkeits- und Verhaltensmuster vorgestellt, die das Risiko für eskalierende Trennungsprozesse bei Eltern erhöhen.
4. Ursachen und Entstehungsbedingungen: Das Kapitel analysiert die Dynamiken der Konflikteskalation, wobei insbesondere die mangelnde emotionale Ablösung und dysfunktionale Kommunikations- und Attributionsmuster beleuchtet werden.
5. Risiken und Folgen für die Kinder: Hier werden die vielfältigen Belastungen für Kinder dargestellt, die von internalisierenden Effekten bis hin zu familialen Rollenverschiebungen wie der Parentifizierung reichen.
6. Erleben und Empfinden der Kinder und Jugendlichen: Dieses Kapitel gibt Einblicke in die subjektive Perspektive betroffener Kinder, die sich häufig als hilflos, isoliert oder als in den elterlichen Konflikt involvierte Akteure erleben.
7. Kindliche Strategien: Es werden unterschiedliche Reaktionen der Kinder auf die elterliche Hochstrittigkeit diskutiert, wie bedingte Bindungsstrategien oder die Instrumentalisierung des Elternkonflikts.
8. Elternverantwortung und Schutzfaktoren: Der Fokus liegt auf den Möglichkeiten der Eltern zur Reduktion von Belastungen durch eine kindgerechte Kommunikation sowie auf der Bedeutung sozialer Schutzfaktoren für die Resilienz der Kinder.
9. Interventions- und Beratungsangebote: Das Kapitel reflektiert die Herausforderungen bei der professionellen Beratung und betont die Notwendigkeit, Kinder aktiv in den Unterstützungsprozess einzubeziehen.
10. Resümee: Das Resümee fasst die Dringlichkeit stabiler Beratungskonzepte zusammen und stellt fest, dass präventive Ansätze entscheidend sind, um Kinder vor langfristigen Entwicklungsbeeinträchtigungen zu bewahren.
11. Literatur: (Nicht inhaltlich zusammengefasst).
Schlüsselwörter
Hochkonfliktscheidung, Elternschaft, Trennungsfamilien, Kindeswohl, Kinderschutz, Eltern-Kind-Beziehung, Parentifizierung, Loyalitätskonflikt, psychische Belastung, Kommunikationsmuster, Konflikteskalation, Beratungsangebote, kindliche Entwicklung, Bindungsstrategien, Familienrecht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen hochstrittiger Trennungs- und Scheidungsprozesse, deren Ursachen in den elterlichen Persönlichkeitsstrukturen sowie die gravierenden Auswirkungen dieser Konflikte auf das Wohl und die Entwicklung der Kinder.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Charakterisierung von Hochstrittigkeit, die psychologischen Dispositionen der Eltern, die kindliche Perspektive auf das Trennungsgeschehen sowie Strategien zur Entlastung betroffener Familien durch fachliche Beratung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für hochstrittige Familiensysteme zu schaffen und aufzuzeigen, wie durch eine gezielte Einbeziehung der kindlichen Perspektive und professionelle Unterstützung die negativen Folgen für die betroffenen Kinder gemildert werden können.
Welche wissenschaftlichen Methoden liegen der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Auswertung und Synthese existierender Forschungsergebnisse, insbesondere auf Meta-Analysen und Berichte von Institutionen wie dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) zum Thema Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft.
Welche Inhalte werden schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der elterlichen Persönlichkeitsmerkmale, der Dynamiken der Konflikteskalation, der spezifischen Belastungsfolgen für Kinder sowie der Wirksamkeit verschiedener Interventions- und Schutzstrategien.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt am besten beschreiben?
Die wichtigsten Begriffe sind Hochkonfliktscheidung, Kindeswohl, elterliche Hochstrittigkeit, Loyalitätskonflikte, Parentifizierung sowie Interventions- und Beratungsangebote.
Wie gehen betroffene Kinder mit der elterlichen Konfliktsituation um?
Kinder entwickeln oft sogenannte bedingte Bindungsstrategien oder versuchen, sich durch Distanzierung oder gar durch die Instrumentalisierung des elterlichen Konflikts vor der permanenten emotionalen Spannung zu schützen.
Warum ist die professionelle Beratung hochstrittiger Familien so anspruchsvoll?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Berater neben einer hohen Frustrationstoleranz mit dem Problem konfrontiert sind, dass standardisierte Ansätze bei hochemotionalisierten und festgefahrenen Elternsystemen oft nicht greifen und destruktive Dynamiken Fortschritte erschweren.
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- Katrin Geier (Author), 2012, Hochkonfliktscheidungen. Das Phänomen von hoch strittigen Elternschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/949607