Die poetologischen Konzepte Paul Celans und Gottfried Benns. Gegenkonzepte der Nachkriegsmoderne?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2. Gottfried Benns Probleme der Lyrik
2.1 Subjektivität
2.2 Artistik
2.3 Das moderne Gedicht
2.4 Form und Worte
2.5 Wirklichkeitszertrümmerung
2.6 Das „absolute Gedicht“
2.7 Zusammenfassung

3. Paul Celan
3.1 Bremer-Ansprache
3.2 Büchner-Preis-Rede
3.2.1 Kunst und Dichtung
3.2.2 Gegenwort
3.2.3 „Ich-Ferne“
3.2.4 Atemwende
3.2.5 20. Jänner
3.2.6 „Im Lichte der U-Topie“
3.2.7 Meridian
3.2.8 Zusammenfassung

4. Vergleich
4.1 Kunst und Dichtung
4.2 Subjektivität und Objektivität
4.3 Monolog und Dialog
4.4 Zeitlichkeit der Dichtung
4.5 Sprache und Wirklichkeit

5 Zusammenfassende Beobachtungen

6. Literaturverzeichnis

1 Einführung

Gottfried Benn, der seit Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes Morgue (1912) zu den wichtigsten Vertretern des literarischen Expressionismus zählt, nimmt in den 1950er Jah­ren hinsichtlich seiner lyriktheoretischen Schriften eine zentrale Stellung in der Literatur der Nachkriegszeit ein, wobei die Rede Probleme der Lyrik (1951) eine Art ‘Comeback‘ des poeta doctus darstellt.

Benns Stellung ist dabei nicht singulär: „Das absolute Gedicht - nein, das gibt es gewiß nicht, das kann es nicht geben!“1 - Paul Celan bezieht mit diesem Ausruf eine scheinbar klare Gegenposition zu Benn, der 1951 zur ersten Verleihung des Büchner-Preises gegenwärtig war.

Neben Celan gibt es weitere Positionen im Benn’schen „Spannungsfeld“, wozu u.a. Hans Egon Holthusens Versuch über das Gedicht (1954) und Theodor W. Adornos Rede über Lyrik und Gesellschaft (1957) zuordnen sind. Da Benn und Celan gewissermaßen herrausragende Positionen ihrer Zeit darstellen, soll der Fokus dieser Arbeit auf diesen beiden Vertretern und deren poetologischen Konzepten liegen.

Der Begriff der Poetologie stellt dabei eine „deskriptive, also theoretisch analysierende, philosophisch systematisierende oder auch historisch typologisierende Beschäftigung mit vergangenen, gegenwärtigen oder zeitübergreifenden Grundsätzen, Regeln, Verfahrenswei­sen beim Schreiben [...] von Poesie“2 dar.

Ziel dieser Arbeit ist nun zum einen, die poetologischen Konzepte dieser beiden Verteter anhand ihrer wichtigsten theoriepogrammatischen Zeugnisse herauszuarbeiten und die These zu untersuchen, inwieweit Celan eine bewusste Gegenpositionen zu Benn einnimmt. Zum anderen soll der Versuch unternommen werden, offenzulegen auf welcher Wirklichkeits- und Sprachauffassung die jeweilige poetologische Theorie begründet wird.

Ich argumentiere dafür, dass Celan sich in eine bewusste Gegenposition zur Benn’schen Poetologie begibt.

2 Gottfried Benns Probleme der Lyrik

Zu Beginn soll nun die Poetologie Benns betrachtet werden, die in mehreren seiner Schriften und Essays von ihm selbst thematisiert wird. In seiner autobiographischen Schrift Doppelle­ben (1950) finden sich seine Ansichten vom absoluten Kunst- und Künstlertum wieder, die in der Rede Probleme der Lyrik (1951) weiter ausgeführt werden und sich zu einer viel zitierten „Ars poetica“3 für die junge lyrische Generation etablierten.

Benn unternimmt in der Rede Probleme der Lyrik den Versuch, normative Aspekte des mo­dernen Gedichts in theoretischer Art und Weise darzustellen und zugleich poetologisch das lyrische Verfahren zu schildern, das dieser Modernität enstprechen soll. In der Herausarbei­tung seines poetologischen Konzeptes ist die kritische Auseinandersetzung Reinhold Grimms in Die problematischen Probleme der Lyrik eine der wichtigsten Forschungsgrundlagen, die neben inhaltlicher Deutung auch auf die Rezeptionslage und die kompilatorisch, eklektische Vorgehensweise Benns aufmerksam macht.

2.1 Subjektivität

Benn nimmt neben lyriktheoretischen Aspekten auch eine wichtige Position bezüglich einer modernen Auffassung von Subjektivität ein, deren Implikationen für die Individualität in späterer Gegenüberstellung zu Celan von Wichtigkeit sind. Der Begriff des „Phänotyps“ ist dabei grundlegend. Dieser wird zwar nicht explizit in seiner Rede erwähnt, ist aber dennoch für das Subjektivitätsverständnis Benns relevant. Mit dem Begriff des „Phänotyps“ strebt Benn den Versuch an, die dichterische Subjektivität deskritip zu erfassen.

Es ist kein Zweifel, daß es einen nach Form und Inhalt beschreibbaren Umkreis gibt, innerhalb dessen der Zugehörige einer bestimmten Generation echt und repräsentativ wirkt [...]. Wo dieser Zugehörige Ausdrucksmittel findet, spricht aus ihm der Schnitt­punkt von deszendentem Prozeß und schweigenden, aber im gegenwärtigem Keim, [...]: spricht aus ihm der Phänotyp, [,..].4

Der Phänotyp spricht demnach, wenn der Zugehörige einer Generation Ausdrucksmittel fin­det. In Benns Doppelleben heißt es weiter: „Der Phänotyp ist das Individuum einer jeweiligen Epoche, das die charaktertistischen Züge dieser Epoche evident zum Ausdruck bringt, mit dieser Epoche identisch ist, [,..].“5 Für Benn ist der Phänotyp kein individueller Charakter, sondern ein kollektiver. Er geht soweit, zu sagen, der Phänotyp gleiche sich mit der Eoche.

Diese Überlegungen spielen auch für die „Frage nach dem Ich“6 (PdL, S. 511) in den Problemen der Lyrik eine grundlegende Rolle.7 Dafür spricht auch die kurz Zeitspanne von einem Jahr, die während der Publikation des Textes Doppelleben und der Rede liegt.

2.2 Artistik

Die normative Darlegung des >modernenc Gedichtes beginnt Benn mit der Feststellung: „Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten - ein Gedicht wird gemacht“ (PdL, S. 506). Von dieser These aus gelangt Benn zu einer Charakterisierung des neuen Gedichts, der Lyrik „[als] ein Kunstprodukt“ (PdL, S. 506). Durch diese Auffassung schlägt Benn die Verbindung zu dem von Nietzsche geprägten Begriff der >Artistikc, der sich für Benn als ein „ungeheuer ernster Begriff und ein zentraler“ (PdL, S. 510) herausstellt, den er wie folgt definiert:

Artistik ist der Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen neuen Stil zu bilden, es ist der Versuch gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust (PdL, S. 510).

Hier wird von Benn die Selbstreferentialität der Kunst reformuliert. Zudem wehrt er sich ge­gen die negative Konnotation des Künstlichen als etwas Gemachtes, das uns später bei Celan als eben solches wiederbegegnen wird und stellt diese Komponenten in einer umgekehrten Wertung als zentrale Aspekte seiner Poetik dar. Wie Lampart formuliert, ist die Benn’sche moderne Lyrik von zwei Schwerpunkten her gekennzeichnet, wobei zum einen von der „kul­turkritischen Diagnose des allgemeinen Verfalls der Inhalte, zum anderen von einer Antwort auf diese Krise im Konzept der Artistik“8 gesprochen wird.

Benn stellt sich bewusst in eine Ahnenreihe der europäischen Moderne von Baudelaire, Valéry, Mallarmé bis Pound, nennt daneben auch Rilke und George. Hierbei wird auch er­sichtlich, dass Benn eine europäische Komponente in die moderne Lyrik einbringen will. Da­bei macht Grimm auf die wenigen originalen Teile von Benn selbst aufmerksam: „Er ist hier vollkommen eklektisch und kompilatorisch“9, wobei nur der Nietzsche-Teil eine Ausnahme bilde.10 Benns kompilatorische Art wird dadurch sichtbar, dass die Nennung seiner Quellen teilweise gänzlich fehlt oder durch unpersonale Benennungen ersetzt wird.11

2.3 Das moderne Gedicht

Benn charakterisiert das „moderne Gedicht“, indem er es ex negativo definiert: Es dichtet nicht an, ohne „äußere Staffage und innerem Bezug“, enthält keine durch das Wort „wie“ an­geführte Vergleiche, keine klischeebehafteten Farben und verzichtet auf einen „seraphischen Ton“.12 Benn stellt in diesem Zusammenhang heraus, dass der große Dichter ein Realist ist: „er belädt sich mit Wirklichkeiten“ (PdL, S. 513).

Von dem, was ein modernes Gedicht nicht ist, schlägt Benn den Bogen zum „Vorgang beim Entstehen eines Gedichts“ (PdL, S. 514), wobei hier darauf hingewiesen werden sollte, dass diese Aussage widersprüchlich zu seiner eigenen Erkenntnis zu Beginn der Rede scheint.13 Dabei hebt Benn drei Punkte hervor:

Der Autor besitzt:

1. einen dumpfen schöpferischen Keim, eine psychische Materie.
2. Worte, die in seiner Hand liegen, zu seiner Verfügung stehen, mit denen er umgehen kann, die er bewegen kann, er kennt sozusagen seine Worte. Es gibt nämlich etwas, was man die Zuordnung der Worte zu einem Autor nennen kann. [...]
3. besitzt er einen Ariadnefaden, der ihn aus dieser bipolaren Spannung herausführt, mit absoluter Sicherheit herausführt, denn — und nun kommt das Rätselhafte: das Gedicht ist schon fertig, ehe es begonnen hat, er weiß nur seinen Text noch nicht. Das Gedicht kann gar nicht anders lauten, als es eben lautet, wenn es fertig ist (PdL, S. 514).

Aus der ,,psychische[n] Materie“ des Autors bilde sich nach Benn das Gedicht, denn „das wäre, [...] also der Gegenstand, der zu einem Gedicht gemacht werden soll“ (PdL, S. 517). In der weiteren Ausführung kommt Benn zum Schluss, dass es „keinen anderen Gegenstand für die Lyrik als den Lyriker selbst“ (PdL, S. 517) gebe.

Als „Keim“, ist die psychische Materie Beginn der lyrischen Produktion, kann also nicht übergangen werden. Das Gedicht kann somit nicht vollends einer personalen Komponente entledigt werden.14 In Rückblick auf Benns Phänotypen-Lehre, ergibt sich daraus dennoch keine Individualität - in den Problemen der Lyrik heißt es: „jedes Gedicht hat seine home­rische Frage, jedes Gedicht ist von mehreren, das heißt von einem unbekannten Verfasser“ (PdL, S. 515).

In diesem Kontext ist Benns Einstellung zum individuellen Leben herauszuheben: „Her­kunft, Lebenslauf - Unsinn!“15 Dabei ist erneut im Rückblick auf den Phänotyp-Exkurs zu erkennen, dass die biographischen, individuellen Leben sich nicht eskamotieren lassen, das Individuelle nicht pauschalisiert, sondern „zum Ausdruck des modernen oder auch zeitlosen Subjekts“16 wird.

Diesen Sachverhalt versucht Benn noch einmal zu verdeutlichen: „Irgendetwas in Ihnen schleudert ein paar Verse heraus [...]. Ist das erste vielleicht subjektiv, bringt das zweite die objektive Welt heran, es ist das formale, das geistige Prinzip“ (PdL, S. 515).

2.4 Form und Worte

Die lyrische Produktion beinhaltet nach Benn neben der psychischen Materie das formale Prinzip, das er mit der objektiven Komponente des Gedichts verknüpft. Die subjektiven In­halte des schöpferischen Keims werden formal objektiviert. Für Benn ist „die Form ja das Gedicht“ (PdL, S. 516).

Nach Benn überwinde das Ich seine Orientierungslosigkeit durch das Wort und findet Halt in der Selbstidentifikation mit dem Wort. „Das Bewußtsein wächst in die Worte hinein, das Bewußstsein transzendiert in die Worte“ (PdL, S. 518).

Die Beziehung vom lyrischen Ich17 zum Wort wird von Benn durch den biologischen Ter­minus „Flimmerhaar“ umschrieben, den er aus seinem 1923 verfassten Text Lyrisches Ich zitiert und durch weiteres Rezitieren seiner früheren Werke die Kontinuität seiner Gedanken postuliert.

Es gibt im Meer lebend Organismen des unteren zoologischen Systems, bedeckt mit Flimmerhaaren. [...] Von solchen Flimmerhaaren bedeckt stelle man sich einen Men­schen vor, nicht nur am Gehirn, sondern über den Organismus total. Ihre Funktion ist eine spezifische, ihre Reizbemerkung scharf isoliert: sie gilt dem Wort, ganz besonders dem Substantivum, weniger dem Adjektiv, kaum der verbalen Figur. Sie gilt der Chiffre, ihrem gedruckten Bild, der schwarzen Letter, ihr allein (PdL, S. 518).

Benn charakterisiert nun einen Menschen, der ein primäres Verhältnis zum Wort durch den beschriebenen „Flimmerhaar“-Organismus besitzt und dessen Beziehung zum Wort nicht erlernbar, demnach eine physiologische Beziehung zum Wort sei.18

Dabei wird das Wort vom lyrischen Ich isoliert wahrgenommen und ist zudem in der Wahr­nehmung zeitlich begrenzt: „Nicht immer sind diese Flimmerhaare tätig, sie haben ihre Stun­de.“ Das lyrische Ich setzt Benn nun mit einem ,,durchbrochene[n] Ich, ein[em] Gitter-Ich,“ gleich, wobei eine Wirklichkeitszertrümmerung vollzogen werden könne. Diese Wirklich­keitszertrümmerung wird als Teil seines poetologischen Konzeptes etabliert.

2.5 Wirklichkeitszertrümmerung

In Benns Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts von 1955 konkretisiert Benn diesen Be­griff. Dem „Chaos von Realitätszerfall und Wertverkehrung“19 steht seine Generation in ihrer „inneren Grundhaltung als Wirklichkeitszertrümmerung“ gegenüber.20 Die „Wirklichkeits­zertrümmerung“ kann somit „als das darauf reagierende ästhetische Programm der expres­sionistischen Generation“21 aufgefasst werden. Dabei ist wichtig zu betonen, dass sich Ben­ns Subjektauffassung hier wiederfindet, indem der Mensch eine materiale Reduktion in der literarischen Sprache erfährt.22 Die Umwälzungen in der Physik untermauern Benns Wahr­nehmung durch die „Zertrümmerung der naturwissenschaftlichen“ Weitsicht nach Newton, hin zur modernen Quantenphysik.23

In den Problemen der Lyrik wiederum wird der Begriff der „Wirklichkeitszertrümmerung“ oder auch „Zusammenhangsdurchstoßung“ als poetologisches Konzept zur Lyrikproduktion angeführt, indem sie „Freiheit schafft für das Gedicht - durch Worte“ (PdL, S. 519).

Die Wirklichkeitszertrümmerung kann nach Benns Erläuerungen durch den Rauschwert des Wortes vollzogen werden - demnach ist durch die lyrische Produktion, durch den be­schriebenen „Flimmerhaar“-Organismus, eine lyrisch erschaffene Wirklichkeit möglich, die als eine Art Gegenrealität bezeichnet werden kann.24 Das Gedicht, das dabei entsteht, be­zeichnet Benn als das „absolute Gedicht“. Zuvor konkretisiert er das „Ich von heute“.

Benn fordert eine Ganzheitlichkeit, die sich auf kulturelle Umstände bezieht und eine sprachliche Haltung impliziert:

Da steht also ein solches Ich, sagt sich: ich heute bin so. Diese Stimmung liegt in mir vor. Diese meine Sprache, sagen wir, meine deutsche Sprache, steht mir zur Verfügung. Die­se Sprache mit ihrer Jahrhunderte alten Tradition, [...] seltsam geladenen Worten. Aber auch die Slang-Ausdrücke, Argots, Rotwelsch, von zwei Weltkriegen in das Sprach­bewußtsein hineingehämmert, [...] sind in meinem Besitz. Ich von heute, [...] dies Ich arbeitet an einer Art Wunder, einer kleinen Strophe, der Umspannung zweier Pole, dem Ich und seinem Sprachbestand, arbeitet an einer Ellipse, deren Kurven erst auseinander­streben, aber dann sich gelassen ineinander senken (PdL, S. 524).

Darin begründet Benn die Wortwahl des Dichters, die repräsentativ für die Zeit steht und damit die Abkehr vom schönen Gedicht bedeuten könne.25 Er stellt zudem die Isolierung des lyrischen Ichs in bewusster Abgrenzung an die „Mitte“ heraus. Diese erfolgt u.a. durch die paradoxe Lage, die Mitte vertrage in der Wissenschaft alles, in der Kunst nichts. Benn hebt dabei heraus, dass auch die moderne Technik, wie „die Kybernetik“ etwas mit der Lyrik zu tun hat: „Der Lyriker kann garnicht genug wissen, er kann gamicht genug arbeiten, er muß an allem nahe dran sein, er muß sich orientieren, wo die Welt heute hält, [...] “(PdL, S. 528).

Dabei erinnert Benns Formulierung auch an eine Maschine - Störungsmöglichkeiten als Gefährdung der Objektivität müssen vom Dichter beseitigt werden: „er muß sein Gedicht abdichten gegen Einbrüche, Störungsmöglichkeiten, sprachlich abdichten, und er muß seine Fronten selbst bereinigen“ (PdL, S. 529).

Nach den Erläuterungen zur lyrischen Produktion und Beschreibung des lyrischen Ichs, benennt Benn das Gedicht, das gemachte Kunstprodukt, als das „absolute Gedicht“ (PdL, S. 529).

2.6 Das „absolute Gedicht“

Das absolute Gedicht ist nach Benn gleichbedeutend mit dem „Gedicht ohne Glauben, das Gedicht ohne Hoffung, [...], an niemanden gerichtet“ (PdL, S. 529). Dabei betont Benn die Montagetechnik, mit der die Worte im Gedicht zusammengesetzt werden und gleichzeitig die „Dunkelheiten und Seinsabgründe“ (PdL, S. 529), die hinter diesen Worten liegen. Diese „latente Existenz“ der Worte (PdL, S. 520), die Benn abschließend in seinem Worte-Exkurs erwähnt, lässt er ungeklärt.

Dem Wort kommt, in Rückbesinnung auf Benns Ausführungen, eine höhere Stellung zu.

„Worte schlagen mehr an als die Nachricht und den Inhalt, sie sind einerseits Geist, aber andererseits das Wesenhafte und Zweideutige Dinge der Natur“ (PdL, S. 518).

In semiotischem Sinne werden hier zwei Dinge impliziert. Zum einen erzeugen die Worte Wirklichkeit und bilden diese nicht bloß ab. Zum anderen ist das Gedicht als Kunstprodukt selbstreferentiell und an „niemanden gerichtet“, demnach kommunikativ abgeschlossen. Die Kunst bekommt dadurch den Status der „einzigen existentiellen Praxis, die sich »der form­fordernden Gewalt des Nichts« entgegensetzen lässt.“26

Der „monologische Zug“ des modernen, „absoluten“ Gedichts, stellt sich nach Benn wider der Frage „ob die Sprache überhaupt noch einen dialogischen Charakter in einem metaphy­sischen Sinne hat“ (PdL, S. 532). In einem Briefwechsel an Oelze schreibt Benn: „Man will ja mit einem Gedicht nicht ansprechend sein, gefallen, sondern es soll die Gehirne spannen u. reizen, aufbrechen, durchbluten, schöpferisch machen“.27 Das Gedicht fungiert also als Stimulans. „Allein das Schöpferische ist das Bindeglied zwischen Autor und Leser“28

Für Benn ist das Gedicht „transzendent“ (PdL, S. 530), den Menschen übersteigend. Zu­dem spricht er das absolute Gedicht, in Analogie zur modernen Physik, von derZeit los: „Das absolute Gedicht braucht keine Zeitwende, es ist in der Lage, ohne Zeit zu operieren, wie es die Formeln der modernen Physik seit langem tun“ (PdL, S. 531).29

Benn benutzt die moderne Physik, d.h. die Quantenphysik, um daraus Parallelen für die Grundlage seiner eigenen Poetologie zu ziehen. Seine anfängliche Ablehnung physikalischer Konzepte wandelt sich mit der Formulierung der Quantentheorie in eine postivere Haltung. Die absolute Poesie, die die wichtigste Komponente seiner Poetologie darstellt, wird in der Benn Forschung bislang nur von Streim30 ausführlich in Verbindung zu Benns Interesse an der modernen Physik gebracht.

Die Quantentheorie und Benns Beschäftigung damit scheint hinsichtlich seiner Theorie des Absoluten von Relevanz zu sein. In seinen Texten, in denen er die moderne Physik themati­siert, hebt er vor allem den Wertezerfall der physikalischen Weitsicht nach Newton durch die Quantentheorie und deren Bedeutung für die Wahrnehmung der Realität hervor. So schreibt Benn 1933 im Bekenntnis zum Expressionismus, der Expressionismus „war die komplette Ent­sprechung im Ästhetischen der modernen Physik und ihrer abstrakten Interpretation der Wel- ten [...].“31 Die absolute Poesie, gleichermaßen wie die moderne Physik, schaffen eine neue Wirklichkeit, die Benn das „Absolut Reale“32 nennt. In diesem Sinne kann auch der Begriff der „Wirklichkeitszertrümmerung“ als Zertrümmerung der anschaulichen, physischen Wirk­lichkeit zugeordnet werden, die nach Benn durch die lyrische Produktion vernichtet werden und, in Analogie zur modernen Physik, eine metaphysische Wirklichkeit beschreiben könne. Es geht ihm dabei nicht um Abbildung und Wiedergabe der Natur, sondern um Sinnstiftung: „Farben und Klänge gibt es in der Natur, Worte nicht“ (PdL, S. 518).

Mit seiner Interpretation der modernen Physik, könnte Benn auch die Losgelöstheit vom Individuum untermauert gesehen haben, basierend auf der Tatsache, dass die quantenmecha­nischen Messungen durch den Beobachter verfälscht werden, der Beobachter dadurch obsolet, der Mensch in Messergebnissen nicht abgebildet wird.

Benn übernimmt vor allem die Denkweise der Abstraktion33 durch Formen und Funktio­nen, die in der modernen Physik hinsichtlich der anschaulichen Natur geschieht, um dadurch das „Absolut Reale“ zu beschreiben. In Rückblick auf Benns Darlegung wird die Einsamkeit des modernen Ichs zu einer anthropologischen Konstante,34 die über „die produktive Umset­zung der Einsamkeit in Form“35 in der „Darstellung des Absoluten“36 mündet. Dieser Prozess des Absoluten wird von Benn anhand des „Orangenstils“ der absoluten Prosa beschrieben.37 Inmitten von Sektoren und Fruchtteilen, die in die Mitte tendieren, umgeben, liegt die Wur­zel, „der Phänotyp, der Extistentielle“.38 Abstraktion kennzeichnet bei Benn demnach auch ein „ästhetisch-anthropologisches Produktionsprinzip.“39

[...]


1 Celan, Paul: Der Meridian. Vorstufen - Textgenese - Endfassung. Tübinger Ausgabe. Hg. v. Bernhard Bö­schenstein und Heino Schmull et al. Frankfurt am Main 1999 [im Folgenden: M mit Bezeichnung des Ab­schnittes der Rede in der Endfassung], S. 10, 38c.

2 Fricke, Harald: Poetik. In: Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexi­kons der deutschen Literaturgeschichte. Hg. v. Jan-Dirk Müller. Band III, P-Z. Berlin / New York 2003, S. 100-105, hier S. 101.

3 Bender, Hans: »Mein Gedicht ist mein Messer«. In: KritSt 1, 248-250, hier S. 249.

4 Benn, Gottfried: Roman des Phänotyp. In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd 4, Hg. v. von Gerhard Schuster. 8 Bde. Stuttgart 1986-2001, S. 388.

5 Benn, Gottfried: Doppelleben. In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd 5, Hg. v. Gerhard Schuster. 8 Bde. Stuttgart 1986-2001, S. 151.

6 Benn, Gottfried: Probleme der Lyrik. In: Ders.: Essays und Reden. In der Fassung der Erstdrucke. Herausge­geben von Bruno Hillebrand. Gesammelte Werke in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt am Main 1989 [im Folgenden PdL], S. 505-535.

7 Sideras, Agis: Paul Celan und Gottfried Benn. Zwei Poetologien nach 1945. Würzburg 2005, S. 15f.

8 Lampart, Fabian: Nachkriegsmodeme. Transformationen der deutschsprachigen Lyrik 1945- I960. Berlin / Boston 2013 (linguae u. litterae, Bd. 19), S. 114.

9 Grimm, Reinhold: Die problematischen >Probleme der Lyrik<. In: Ders.: Versuche zur europäischen Literatur 1994, S. 277-309, hier S. 283.

10 Ebd„ Vgl. S. 283.

11 „Einer von ihnen schreibt: [...]“; (PdL, S. 507); „Ein anderer sagt“; „Ein dritter“ (PdL, S. 517).

12 Vgl. Grimm, Reinhold: Die problematischen Probleme der Lyrik. S. 287: Auch hier weist Grimm auf die fehlende Orinalität und des weiteren auf die fehlende Orginellität hin:„Derlei ist einfach schlecht - und folglich auch kaum dazu geeignet, allzuviel zu beweisen.“

13 „Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten - ein Gedicht wird gemacht“ (PdL, S. 506).

14 Vgl. Sideras, Agis: Paul Celan und Gottfried Benn, S. 30.

15 Benn: Doppelleben, S. 169.

16 Meyer, Theo: Kreative Subjektiviätt bei Gottfried Benn. In: Gottfried Benn - Wechselspiele zwischen Bio­graphie und Werk. Hg. von Matias Martinez. Göttingen 2007, S. 171-201, hier. S. 194.

17 Das lyrische Ich wird von Benn als das sich im für die Lyrikproduktion notwendigen Bewußseinszustand befindende Subjekt aufgefasst (Vgl. Sideras: Paul Celan und Gottfried Benn, S. 112.). Jedoch ist dieser Begriff mit einer gewissen Unschärfe behaftet.

18 Vgl. PdL, S. 518.

19 Benn: Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts, In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd 6, Hg. v. Gerhard Schuster. Bde 8. Stuttgart 1986-2001, S. 217

20 Ebd., S.213

21 Hanna, Christian M. /Reents, Friederike (Hrsg.): Benn-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart 2016, S. 355.

22 Ebd., S. 355.

23 Benn: Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts, Bd 6, S. 215.

24 Benn-Handbuch, S. 356.

25 Sideras, Agis: Paul Celan und Gottfried Benn, S. 23.

26 Vgl. Benn-Handbuch, S. 307.

27 Benn, Gottfried: Briefe an F. W. Oelze. Hg. v. von Harald Steinhagen u. Jürgen Schröder, 3 Bde. Wiesbaden /München 1977-1980. BdII/I, S. 55.

28 Meyer, Theo: Kreative Subjektiviät bei Gottfried Benn. In: Gottfried Benn - Wechselspiele zwischen Biogra­phie und Werk. Hg. von Matias Martinez. Göttingen 2007, S. 171-201, hier S. 193

29 An dieser Stelle sollte darauf hingewiesen werden, dass die Aussage Benns aus physikalischer Sicht nicht stimmt, denn die Wellenfunktion die den quantenmechanischen Zustand des Systems repräsentiert, ist zeitabhängig und kann mithilfe der Schrödingergleichung zu jedem beliebigen Zeitpunkt berechnet werden.

30 Streim, Gregor: >Risse im Parthenon*. Reflexionen der modernen Physik in Gottfried Benns Poetik des Abso­luten, in Ders.: Ästhetik von unten. Empirie und ästhetisches Wissen. S. 403- 427.

31 Benn, Gottfried: Bekenntnis zum Expressionismus. In: Essays und Reden. In der Fassung der Erstdrucke. Hg. v. von Bruno Hillebrand. Gesammelte Werke in der Fassung der Erstdrucke. 4 Bde. Frankfurt am Main 1989, Bd3, S. 269.

32 Benn, Gottfried: Physik 1943. In: Essays und Reden. In der Fassung der Erstdrucke. Hg. v. von Bruno Hille­brand. Gesammelte Werke in der Fassung der Erstdrucke. 4 Bde. Frankfurt am Main 1989, Bd 3, S. 399.

33 es ist die Richtung auf eine Bewußtsein und Ausdruck werdende Welt, mit einem Wort: auf Abstraktion“ (PdL, S 531).

34 Rädulescu, Raluca: Monologe und Dialoge der Moderne: Gottfried Benn, Paul Celan und José F.A. Oliver. Band 2. Literaturwissenschaft. Wien/Zürich/Münster 2016, S. 70.

35 Meyer, Theo: Kreative Subjektiviät, S. 96.

36 Ebd., S. 81.

37 Benn, Gottfried: Doppelleben, S. 448.

38 Rädulescu, Raluca: Monologe und Dialoge der Moderne, S. 70.

39 Streim, Gregor: >Risse im Parthenon*, S. 420.

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Details

Titel
Die poetologischen Konzepte Paul Celans und Gottfried Benns. Gegenkonzepte der Nachkriegsmoderne?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Neuphilologische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V950159
ISBN (eBook)
9783346292551
ISBN (Buch)
9783346292568
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paul Celan, Gottfried Benn, Poetologie, Poetik, Nachkriegsmoderne, Moderne, Konzepte
Arbeit zitieren
Flora Hess (Autor), 2020, Die poetologischen Konzepte Paul Celans und Gottfried Benns. Gegenkonzepte der Nachkriegsmoderne?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950159

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