Warum reichte Bismarck am 18.03.1890 sein Entlassungsgesuch ein?


Seminararbeit, 1999

12 Seiten, Note: 2


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1. Einleitung

Ein wichtiges Datum in der deutschen Geschichte stellt der 18.03.1890 dar. An diesem Tag verfaßte einer der berühmtesten, bedeutendsten und wichtigsten Personen der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts sein Entlassungsgesuch. Der „Schöpfer des Deutschen Reiches“ von 1870/71, Fürst Otto von Bismarck, bat um die Entbindung aus allen Staatsämtern. Der deutsche Schriftsteller Ernst von Mildenberg schrieb anläßlich der Entlassung Bismarcks:

„Du gehst von Deinem Werte, dein Wert geht nicht von dir, denn wo du bist ist Deutschland, du warst drum wurden wir. Was wir durch dich geworden, wir wissen‘s und die Welt - Was ohne dich wir bleiben, Gott sei’s anheimgestellt.“1

Der Entlassung vorausgegangen war ein fast 2 Jahre lang andauernder Konflikt von Bismarck mit dem letzten Kaiser des Deutschen Reiches, Kaiser Wilhelm II..

Zwischen den beiden „Machern“ der deutschen Politik war ein erbitterter Kampf um die Macht im Staate ausgebrochen. Dieser Konflikt endete mit der Entlassung des „Eisernen Kanzlers“ Fürst Otto von Bismarck.

Wie konnte es zu dieser Zuspitzung in der deutschen politischen Führung in der damaligen Zeit kommen?

Welche Hauptgründe gaben den Ausschlag für den Konflikt zwischen Bismarck und dem deutschen Kaiser?

Auf diese Fragen versucht dieses Referat eine Antwort zu geben. Im ersten Teil des Referates werden die beiden Kontrahenten kurz biographisch vorgestellt. Danach werden die außenpolitische Streitfrage (Rückversicherungsvertrag mit Rußland), die innenpolitischen Streitfragen (Arbeiterfrage, Sozialpolitik), sowie der Konflikt, der auf den unterschiedlichen Charakteren von Kaiser und Kanzler beruhte, erörtert.

2. Kurzbiographien der Kontrahenten

2.1. Fürst Otto von Bismarck

01.04.1815: Geburt in Schönhausen

1832 - 1835: Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten Göttingen und Berlin

1835 - 1839: Gerichtsreferendar in Berlin und Aachen

1847: Heirat mit Johanna von Putkammer

1849 - 1850: Mitglied der Zweiten Preußischen Kammer 1850 - 1851: Mitglied des Erfurter Parlaments

1859 - 1862: Gesandter in St. Petersburg und Paris

1862: Ernennung zum Ministerpräsidenten von Preußen durch Wilhelm I.

1867: Wird mit Gründung des „Norddeutschen Bundes“ Bundeskanzler

1870 - 1871: Führt den Krieg gegen Frankreich und gründet in Versailles das Deutsche Reich

1871: Ist als Reichskanzler zugleich preußischer Ministerpräsident und nur dem Kaiser verantwortlich, er erweitert die Verfassung des Norddeutschen Bundes zur Reichsverfassung

1878: Sozialistengesetz durch Bismarck

1879: Zweibund Deutschlands mit Österreich - Ungarn als Verteidigungsbündnis gegen Rußland

1881: Erneuerung des Drei-Kaiser-Bündnisses

1887: Rückversicherungsvertrag mit Rußland

1890: Entlassung von Bismarck durch Wilhelm II., Bismarck zieht sich nach Friedrichsruh zurück

30.07.1898: Tod Bismarcks im Alter von 83 Jahren in Friedrichsruh2

2.2. Kaiser Wilhelm II.

27.01.1859: Geburt ins Potsdam

1877 - 1879: Offizier im 1. Garderegiment; gleichzeitig Studium in Bonn

1881: Heirat mit Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg- Augustenburg

1888: Thronbesteigung als König von Preußen und Deutscher Kaiser, Entlassung Bismarcks und Einsatz von Leo von Caprivi zum neuen Reichskanzler

1894: Er ernennt von Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst zum Nachfolger von Leo von Caprivi

1898: Förderung des deutschen Flottenbauprogramms

1900: Er ernennt Bernhard von Bülow zum neuen Reichskanzler

1905: Persönlicher Vertrag Wilhelms II. mit dem Zaren Nikolaus II. in Björko

1909: Er ernennt Theobald von Bethmann-Hollweg zum Reichskanzler

1912: Ablehnung des britischen Vorschlages zur Beschränkung des Flottenbaus

1914 - 1918: Repräsentative Funktion als „Oberster Kriegsherr“

1918: Wilhelm II. tritt, dem Rat der Obersten Heeresleitung folgend, auf holländischen Boden über, Unterzeichnung der Thronentsagung am 28.11.1918

1922: Heiratet ein Jahr nach dem Tode seiner ersten Frau erneut (Prinzessin Hermine von Schönaich-Carolath)

1940: Begrüßung der Deutschen Wehrmacht in Doorn (Holland)

1941: Wilhelm II. stirbt am 04.06.1941 im Alter von 83 Jahren im Exil auf Schloß Doorn in Holland3

3. Der Konflikt

Als Kaiser Wilhelm II. am 15.06.1888 den deutschen Thron bestieg, machte er unmißverständlich klar, daß er allein die Führung des Reiches beanspruchte. Er bezeichnete sein Königtum „von Gottes Gnaden“ und nur einer sei Herr im Reich, kein anderer werde geduldet. In das Gedenkbuch der Stadt München schrieb Kaiser Wilhelm II. folgenden Satz: „Suprema lex regis voluntas!“ (Der Wille des Königs ist oberstes Gesetz).4 Seine nicht zu überhörenden Ansprüche darauf, die Macht im Staat selbst auszuüben und Verantwortung tragen zu wollen, verbreiteten sich durch das ganze Land und setzten den Rahmen, in dem das Publikum die politischen Ereignisse bewertete.5

Diesen persönlichen Führungsanspruch des preußischen Königs und gleichzeitig des deutschen Kaisers manifestierte schon Bismarck in einer Rede am 27.01.1863. Bismarck sagte: „Es ist ein eigentümlicher Zufall, daß die Beratung gerade zusammenfällt mit dem heutigen Geburtstag des jüngsten mutmaßlichen Thronerben. In diesem Zusammentreffen sehen wir eine verdoppelte Aufforderung, fest für die Rechte des Königtums, fest für die Rechte der Nachfolger seiner Majestät einzustehen.“6

Welche eine Ironie des Schicksals liegt in den damaligen Worten von Bismarck. Er stärkt mit seinen Ausführungen die Position der Krone und „gräbt sich gleichzeitig sein eigenes politisches Grab“. Denn 25 Jahre nach dieser Rede sollte der 1863 erst 4 Jahre alt gewordene Wilhelm den großen Staatsmann Bismarck zur Einreichung seines Entlassungsgesuches zwingen.

Streitpunkte zwischen Kaiser Wilhelm II. und Bismarck

Die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland

In der Zeit vor 1871, also vor der Gründung des Deutschen Reiches, war die Außenpolitik von Bismarck „expansiv und militärisch entschlossen.“7

Nach der Reichsgründung stand die Wahrung des Status Quo und die Sicherung des Friedens für die Bismarck’sche Außenpolitik im Vordergrund. Durch geschicktes Abschließen von Bündnissen und Verträgen gelang es Bismarck Deutschland einen festen und vor allem konfliktfreien Platz in Europa zu sichern.

Eines dieser Vertragswerke war der Rückversicherungsvertrag mit Rußland vom 18.06.1887. Durch diesen Vertrag sollte eine Annäherung von Rußland an Frankreich verhindert werden und die Gefahr eines eventuellen Zwei-Fronten-Krieges für Deutschland gebannt werden.

Eine Verständigung mit dem Zaren von Rußland, selbst zu seinen Bedingungen, war einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Berlin und St. Petersburg vorzuziehen. Bismarck war deshalb auch bereit, die von dem russischen Botschafter in Berlin gestellten Forderungen zu erfüllen.8

In dem Rückversicherungsvertrag hatten die beiden Partner sich gegenseitig wohlwollende Neutralität zugesichert, falls einer von ihnen in einen Krieg verwickelt werden würde; ausgenommen war nur der Fall eines Angriffskrieges von Deutschland auf Frankreich und Rußland auf Österreich.9

In einem geheimen Zusatzprotokoll verpflichtete sich Deutschland Bulgarien als ausschließliche Einflußsphäre Rußlands anzuerkennen.10

In einem ganz geheimen Zusatzprotokoll verpflichtete sich Deutschland sogar die russischen Interessen in den Fragen der Verteidigung des Zugangs zum schwarzen Meer zu unterstützen. Dieses weitreichende Entgegenkommen Deutschlands in Form dieses Vertrages ließ jede Berücksichtigung der Interessen anderer Bündnispartner (Österreich, England, Italien) vermissen.11

Wilhelm II. war nicht von Anfang an gegen eine Erneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland.12 Der Vertrag, der 1887 geschlossen wurde, war auf 3 Jahre, also bis 1890 befristet. Nach intensiven Gesprächen mit seinen Beratern entschied sich Wilhelm II. für die Nichtverlängerung des auslaufenden Bündnisvertrages mit Rußland. Er hielt den Vertrag für ein Bündnis, welches hinter dem Rücken von Österreich-Ungarn geschlossen wurde und somit für eine Rücksichtslosigkeit gegenüber dem einzigen zuverlässigen Bundesgenossen.13 Die Gefahr einer russisch-französischen Annäherung sah man als geringer an, als die Gefahr des Bekanntwerdens der „Doppelzüngigkeit“ des Rückversicherungsvertrages in bezug auf Österreich-Ungarn.14

Erschwerend kam in diesem Zusammenhang noch hinzu, daß Kaiser Wilhelm II. Mitte März Berichte über russische Truppenbewegungen vom Auswärtigen Amt erhielt. Wilhelm schloß daraus, „daß die Russen im vollsten strategischen Aufmarsche sind, um zum Kriege zu schreiten.“15

Bismarck wies diesen Verdacht energisch zurück, sah aber gleichzeitig seine mühevolle Verständigungspolitik mit Rußland durch die Bedenken von Wilhelm II. gefährdet. Das Verlangen von Wilhelm II. nach Akteneinsicht tat Bismarck mit der Bemerkung ab, daß der Kaiser nie zuvor vorgelegte Aktenstücke rechtzeitig und umfassend bearbeitet habe.16 Auch der Chef des Generalstabes arbeitete längere Zeit daran eine Abkehr von der Bismarck’schen Russlandpolitik heraufzubeschwören. Er versuchte den Kaiser davon zu überzeugen, daß ein Präventivkrieg gegen Rußland unvermeidlich sei, um die deutsche Position in Europa zu stärken.17

Durch die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages kam es, wie es Bismarck befürchtet hatte, zu einer zunehmenden Annäherung von Rußland und Frankreich. Diese wachsende Verständigung führte zum russisch-französischen Zweibund von 1892. Es war also genau das eingetreten, was Bismarck durch seine Bündnispolitik vermeiden wollte, nämlich eine gefährliche Mittelposition in Europa.

Sozialpolitik

Die zunehmende Industrialisierung führte in vielen Fabriken zu katastrophalen Arbeitsbedingung für die Industriearbeiter. In manchen westfälischen Zechen waren die Arbeitsbedingungen fast so primitiv und hart wie in englischen Minen vierzig Jahre davor.18 Deutschland war auf dem Gebiet der Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit und der Fragen der Kinder-und Frauenarbeit sehr rückständig.

Vielen Arbeitern blieb nur noch „der Griff zur Flasche,“ um ihr Leben noch einigermaßen erträglich zu gestalten. Friedrich Engels beschrieb in einem Brief die Lebensumstände von großen Teilen der Arbeiterschaft.

„...Das Arbeiten in den niedrigen Räumen, wo die Leute mehr Kohlendampf und Staub einatmen als Sauerstoff, und das meistens schon von ihrem sechsten Jahr an, ist gerade dazu gemacht, ihnen alle Kraft und Lebenslust zu rauben Von fünf Menschen sterben drei an der Schwindsucht, und alles das kommt vom Branntweintrinken Die reichen Fabrikanten haben ein weites Gewissen, und ein Kind mehr oder weniger verkommen zu lassen, bringt keine Seele in die Hölle, besonders, wenn sie alle sonntags zweimal in die Kirche geht.“19

Im Frühjahr 1889 brach in Westfalen ein großer Bergarbeiterstreik aus. Alle Besitzer von Gruben riefen nach dem Militär und nach staatlicher Hilfe diesen Streik zu beenden.

Die Kommandeure der eingesetzten Truppen berichteten dem Kaiser von den vorgefundenen Tatsachen. Kaiser Wilhelm II empfing am 14.05.1889 eine Delegation von Bergarbeitern. Er versicherte ihnen, daß jeder der einen Wunsch oder eine Bitte vortrüge selbstverständlich das Ohr des Kaisers hätte.

Die soziale Frage war ein großes Anliegen von Wilhelm II..20

Der Kaiser verstand die vorgebrachten Forderungen der Bergleute und konstatierte: “Die Arbeiter lesen Zeitung und wissen, wie das Verhältnis des Lohnes zu dem Gewinne der Gesellschaften steht. Daß sie mehr oder weniger daran teilhaben wollen, ist erklärlich.“21

Wilhelm II. sagte, daß er „roi des gueux“ (König der Bettler) sein wolle und daß die Leute wissen müssen, daß sich der Kaiser um ihr Wohl kümmere.22 Wilhelm wollte zeigen, daß er ein Herz für die Armen hatte und daß das die soziale Frage nach einer Lösung verlangte. Wilhelm II. wollte die Arbeiterschaft als gleichberechtigten Stand in das Kaiserreich integrieren.23 Mit dieser Haltung stand er der Ansicht Bismarcks konträr gegenüber, da dieser die Zeichen der Solidarität mit dem Volk nicht verstehen wollte. Er konnte auch nicht akzeptieren, daß der deutsche Kaiser sich zu den unteren Schichten herabbeugte und durch sein Verständnis das Wohlwollen dieser Schicht erwerben wollte.24

Bismarck dachte in der Arbeiterfrage anders als der deutsche Kaiser. Nach Bismarcks Ansicht erschöpfte sich das sozialpolitische Interesse von Wilhelm II. in „Quack“, „Humbug“ und „humanitäre Phrasen“. Er bezeichnete die Arbeiterschutzgesetze als“ Arbeiterzwangsgesetze. Sie seien überflüssig, da die Erfahrung zeige, daß sich mit fortschreitender Kultur die Lage der Arbeiter von selbst bessere. In den Gegensätzen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sah er ein Naturgesetz. Er forderte staatliche Neutralität in den Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.25

Der deutsche Publizist und Journalist schrieb am 01.08.1896 über die Einstellung Bismarcks zur Arbeiterfrage: „Dieses intuitiv erfassende und gestaltende Genie versagt überall, wo ihm die lebendige Anschauung fehlt, und die Not des Maschinenarbeiters, der sein Leben mit einer mechanischen Bewegung, mit der Herstellung eines winzigen Werkzeugteilchens verbringt und die wimmelnde Brut bei karger Nahrung zu derselben geisttötenden Arbeit erzieht, hat der Edelmann aus dem Jahre 1815 noch nie gesehen.“26

Bismarck war anfangs nicht gewillt irgendwelche Zugeständnisse an die Arbeiterschaft zu machen. Er war aber auf der anderen Seite klug genug zu verstehen, daß durch eine staatliche Sozialgesetzgebung dem „Erzfeind“ Sozialdemokratie ein wenig der Wind aus den Segeln genommen würde. Er versuchte gleichzeitig die Partei der Arbeiter zu vernichten und die Arbeiter durch eine „vorbildliche staatliche Sozialpolitik“ für sich zu gewinnen. Dieser taktische Winkelzug sei wahrlich „den Schweiß des Edlen wert!“27

Die Lösung der Arbeiterfrage war eng mit der Erneuerung des Sozialistengesetzes verbunden. Dieses „Gesetz gegen die gemeingefährlicher Bestrebungen der Sozialdemokratie“ trat bereits am 21.10.1878 in Kraft. Dieses Gesetz hatte das Ziel, die sozialdemokratischen Bestrebungen in Deutschland zu vernichten und die Sozialdemokratie als „reichsfeindliche“ Entwicklung einzudämmen. Durch dieses Gesetz erging ein Versammlungsverbot, ein Verbot für sozialdemokratische Druckschriften und gar ein Verbot zu Gründung von sozialdemokratischen Vereinen.28 Dieses Gesetz stand im Jahre 1890 wieder zur Verlängerung an.

Bismarck setzte sich für eine Beibehaltung der Bestimmung ein. Er vertrat den Standpunkt, daß man, falls das „Sozialistengesetz“ nicht angenommen werde, auch so auskommen müsse und dann aber die Wellen des politischen Kampfes höher schlagen würden, was auch zu bewaffneten Zusammenstößen führen könne.29 Er ging von dem Standpunkt aus, daß der Kampf mit geistigen Waffen gegen die Sozialdemokratie überhaupt nicht zu führen sei, da diese selbst nicht mit den Waffen des Geistes, sondern nur mit Waffen der brutalen Gewalt kämpfe. Die Frage der Bezwingung der Sozialdemokratie war also eine reine Frage der macht, bei der man über juristische Zwirnsfäden nicht stolpern dürfe.30

Die Meinungsverschiedenheiten über die Fragen der Sozialpolitik zwischen Kaiser Wilhelm II und Bismarck nahmen immer schärfere Formen an. Bei einem Essen der Brandenburgischen Stände drohte Wilhelm allen Personen, die sich seinen sozialpolitischen Plänen in den Weg stellen wollten. Er sagte: „Wer mir auf diesem Wege widerstehen will, den zerschmettere ich.“31 Damit war wohl in erster Linie sein Hauptwidersacher Bismarck gemeint.

Der Kaiser teilte Bismarck am 15.03.1890 seine Absicht mit, mit dem neuen Reichstag, der genau wie der vorhergegangene Reichstag die Verlängerung des Sozialistengesetzes ablehnte, regieren zu wollen. Nach einer heftigen Auseinandersetzung forderte Kaiser Wilhelm II. Bismarck zur Einreichung seines Rücktrittsgesuches auf.32 Der innenpolitische Konflikt in Fragen der Sozialpolitik war einer der Hauptgründe für den Rücktritt Bismarcks. Beide Staatsmänner lagen bei der Arbeiterfrage so weit auseinander, daß ein Kompromiß nicht in Sicht war.

Persönliche Gründe

Als Kaiser Wilhelm 1888 den deutschen Thron bestieg, war er gerade 29 Jahre alt. Sein damaliger Reichskanzler Otto von Bismarck 73 Jahre alt. Bismarck gehörte der Generation der Großväter an, Wilhelm II. der Generation der Enkel. Die Väter, zu denen Friedrich III. gezählt hatte, war übersprungen worden.33

Wilhelm II. schrieb zu dem persönlichen Konflikt: „Man hat immer mit alten verdienten Männern zu tun, die mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart leben und in die Zukunft nicht hineinwachsen können.“34

Unterschiede bestanden auch in der Bildung und in ihrem Charakter. Bismarck war ein Universalist, der auf vielen Gebieten beschlagen war und seine Kenntnisse entsprechend einzusetzen wußte. Wilhelm dagegen war ein Generalist, der von sich dachte, über alles unterrichtet zu sein und daher alles beurteilen zu können. Kaiser Wilhelm gefiel die öffentliche Anerkennung und die Bewunderung, die seiner Person entgegengebracht wurde. Bismarck dagegen wirkte lieber hinter den Kulissen.35

Über den jungen Kaiser und dessen sprunghafte Art bestimmte Dinge zu entscheiden formulierte Bismarck einmal: “Der Kaiser ist wie ein Ballon, wenn man ihn nicht fest am Stricke hielte, ginge er wer weiß wohin.“36

Wenige Wochen nach Bismarcks Tod beschrieb Wilhelm II. in einem Brief an seine Mutter den persönlichen Konflikt zwischen ihm und Reichskanzler Bismarck:

„Für den Augenblick war Bismarck Herr des Reiches und das Hause Hohenzollern war so gut wie gar nichts! Ich hatte die Aufgabe die Krone zu retten vor dem überwältigenden Schatten ihres Ministers, die Person des Monarchen erst einmal an seinen Platz zu bringen, die Ehre und die Zukunft unseres Hauses zu retten vor dem verderblichen Einfluß des Mannes, der unseres Volkes Herz gestohlen hatte, und ihn büßen zu lassen, was er an Papa, an Dir und selbst an Großpapa gefrevelt hatte! ...ich warf ihn in den Sand zur Rettung meiner Krone und unseres Hauses!...Europa horcht auf, um zu hören, was sagt und was denkt der deutsche Kaiser?, und nicht, was ist der Wille seines Kanzlers!“37

4. Schluß

Es waren also nicht nur innen- bzw. außenpolitische Gründe, sondern auch persönliche Gründe, die für den Bruch zwischen Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Bismarck führten. Wilhelm sah deutlich voraus, daß es irgendwann zum Konflikt mit Bismarck kommen würde. Doch der „Eiserne Kanzler“ unterschätzte den neuen Monarchen.38 Die Kluft zwischen den beiden Kontrahenten war so groß und unüberbrückbar geworden, daß es zu der Einreichung des Entlassungsgesuches von Bismarck kommen mußte. Ehrgeizige Intriganten flüsterten Wilhelm in der Krisensituation zu, daß Friedrich der Große nie ein Großer geworden wäre, wenn er eine Persönlichkeit wie Bismarck an der Seite gehabt hätte. Mehr als jeder andere Monarch seiner Zeit glaubte Wilhelm II. ein König von Gottes Gnaden zu sein. Es war für ihn unerträglich, wenn jemand seiner monarchischen Gewalt im Wege stand. Bismarck wurde nicht von heute auf morgen gestürzt, weil dies ein zu großer Ansehensverlust für die Monarchie in der Bevölkerung bedeutet hätte. Vielmehr wurde er nach und nach in politische Grabenkämpfe verwickelt und schließlich zunehmend entmachtet.39

In dem Entlassungsgesuch selbst rechtfertigt und bekräftigt Bismarck noch einmal seine politische Haltung, die konträr zu der des Kaisers war. Nach seiner Entlassung sagte Bismarck: „Ich bin nicht freiwillig gegangen. Mich hat man von meinem Spalier, von meinem Amt, von meiner Tätigkeit losgerissen. Tief schmerzt mich die Form, in der das geschehen ist.“40

In einer ersten Stellungnahme sagte Kaiser Wilhelm: „Das Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Stabsschiff ist mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte!“41

Nach der Entlassung Bismarcks wurde eine neue Epoche der deutschen Geschichte, der sogenannte „Wilhelminismus“ eingeläutet. Wilhelm sagte zu Beginn seiner Herrschaft: „Zu großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich euch noch entgegen.“42 Am Ende dieser Epoche stand der 1. Weltkrieg, nach dessen Beendigung im Jahre 1918 Kaiser Wilhelm II. nach Holland emigrierte.

[...]


1 Blum, Hans: Fürst Bismarck und seine Zeit, (Becksche Verlagsbuchhandlung) München 1895, S. 371

2 Haffner, Sebastian; Venohr, Wolfgang: Preußische Profile, (Athenäum Verlag) Königsstein 1980, S. 94

3 Haffner, Sebastian; Venohr, Wolfgang: Preußische Profile, (Athenäum Verlag) Königsstein 1980, S. 202

4 Gutsche, Willibald: Wilhelm II. Der letzte Kaiser des Deutschen Reiches, (Deutscher Verlag der Wissenschaften) Berlin 1991, S. 61

5 Vgl. Röhl C.G. John: Der Ort Kaiser Wilhelm II. in der deutschen Geschichte, (Oldenbourg Verlag) München 1991, S. 4

6 Haffner, Sebastian; Venohr, Wolfgang: Preußische Profile, (Athenäum Verlag) Königsstein 1980, S. 205

7 Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19. Jahrhundert, 5. Auflage, (Leske und Budrich Verlag) Opladen 1996, S. 301

8 Vgl. Palmer, Alan: Bismarck - eine Biographie, (Claassen Verlag) Düsseldorf 1976, S. 367

9 Vgl. Eyck, Erich: Das persönliche Regiment Wilhelms II., (Eugen Rentsch Verlag) Zürich o. J., S. 33

10 Vgl. Buchheim, Karl: Das Deutsche Kaiserreich, (Kölsel-Verlag) München 1969, S. 128f.

11 Vgl. Buchheim, Karl: Das Deutsche Kaiserreich, (Kölsel-Verlag) München 1969, S. 129

12 Vgl. Rall, Hans: Wilhelm II. Eine Biographie, (Verlag Styria) Köln 1995, S. 124

13 Vgl. Herre Franz: Kaiser Wilhelm II. Monarch zwischen den Zeiten, (Verlag Kiepenheuer & Witsch) Köln 1993, S. 105

14 Vgl. Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19. Jahrhundert, 5. Auflage, (Leske und Budrich Verlag) Opladen 1996, S. 336

15 Hertz-Eichenrode, Dieter: Deutsche Geschichte 1871 - 1890, Das Kaiserreich in der Ära Bismarck, (Verlag W. Kohlhammer) Stuttgart 1992, S. 188

16 Vgl. Hertz-Eichenrode, Dieter: Deutsche Geschichte 1871 - 1890, Das Kaiserreich in der Ära Bismarck, (Verlag W. Kohlhammer) Stuttgart 1992, S. 188f.

17 Vgl. Brandenburg, Erich: Von Bismarck zum Weltkrieg, (Im Insel-Verlag) Leipzig, 1939, S. 34

18 Vgl. Palmer, Alan: Bismarck - eine Biographie, (Claassen Verlag) Düsseldorf 1976, S. 388f.

19 Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19. Jahrhundert, 5. Auflage, (Leske und Budrich Verlag) Opladen 1996, S. 186f.

20 Vgl. Rall, Hans: Wilhelm II. Eine Biographie, (Verlag Styria) Köln 1995, S. 86

21 Rall, Hans: Wilhelm II. Eine Biographie, (Verlag Styria) Köln 1995, S. 88

22 Vgl. Gutsche, Willibald: Wilhelm II. Der letzte Kaiser des Deutschen Reiches, (Deutscher Verlag der Wissenschaften) Berlin 1991, S. 57

23 Vgl. Röhl C.G. John: Der Ort Kaiser Wilhelm II. in der deutschen Geschichte, (Oldenbourg Verlag) München 1991, S. 136

24 Vgl. Herre Franz: Kaiser Wilhelm II. Monarch zwischen den Zeiten, (Verlag Kiepenheuer & Witsch) Köln 1993, S. 106f.

25 Vgl. Hank, Manfred: Kanzler ohne Amt, (tuduv-Verlagsgesellschaft mbH) München 1977, S. 546f.

26 Hank, Manfred: Kanzler ohne Amt, (tuduv-Verlagsgesellschaft mbH) München 1977, S. 548

27 Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19. Jahrhundert, 5. Auflage, (Leske und Budrich Verlag) Opladen 1996, S. 293

28 Vgl. Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19. Jahrhundert, 5. Auflage, (Leske und Budrich Verlag) Opladen 1996, S. 288f.

29 Vgl. Balfour, Michael: Der Kaiser, Wilhelm II. und seine Zeit, (Propyläen Verlag) Berlin 1967, S. 136

30 Vgl. Blum, Hans: Fürst Bismarck und seine Zeit, (Becksche Verlagsbuchhandlung) München 1895, S. 375

31 Rall, Hans: Wilhelm II. Eine Biographie, (Verlag Styria) Köln 1995, S. 95

32 Vgl. Rall, Hans: Wilhelm II. Eine Biographie, (Verlag Styria) Köln 1995, S. 95f.

33 Vgl. Herre Franz: Kaiser Wilhelm II. Monarch zwischen den Zeiten, (Verlag Kiepenheuer & Witsch) Köln 1993, S. 100

34 Kaiser Wilhelm II: Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878 - 1918, (Koehler Verlag) Leipzig und Berlin 1922, S. 4

35 Vgl. Herre Franz: Kaiser Wilhelm II. Monarch zwischen den Zeiten, (Verlag Kiepenheuer & Witsch) Köln 1993, S. 100

36 Balfour, Michael: Der Kaiser, Wilhelm II. und seine Zeit, (Propyläen Verlag) Berlin 1967, S. 132

37 Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19. Jahrhundert, 5. Auflage, (Leske und Budrich Verlag) Opladen 1996, S. 321

38 Vgl. Crankshaw, Edward: Bismarck - Eine Biographie, (List Verlag) München 1983, S. 491

39 Vgl. Röhl C.G. John: Deutschland ohne Bismarck, (Laupp Verlag) Tübingen 1969, S. 30

40 Zentner, Kurt: Wilhelm II. und seine Ära, (Bruckmann Verlag) München 1964, S. 30

41 Zentner, Kurt: Wilhelm II. und seine Ära, (Bruckmann Verlag) München 1964, S. 30

42 Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19. Jahrhundert, 5. Auflage, (Leske und Budrich Verlag) Opladen 1996, S. 358

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Warum reichte Bismarck am 18.03.1890 sein Entlassungsgesuch ein?
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Mittelseminar: Verfassung, Regierung und Reichstag im Deutschen Kaiserreich
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
12
Katalognummer
V95121
Dateigröße
356 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Darstellung des Konfliktes zwischen Wilhelm II. und Otto von Bismarck anhand von 3 exemplarisch ausgesuchten Streitpunkten! (Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland, Sozialpolitik und persönlich-charakterliche Gründe)
Schlagworte
Warum, Bismarck, Entlassungsgesuch, Mittelseminar, Verfassung, Regierung, Reichstag, Deutschen, Kaiserreich, Dozent, Rainer, Möhler, Universität, Saarlandes
Arbeit zitieren
Bernd Conrad (Autor), 1999, Warum reichte Bismarck am 18.03.1890 sein Entlassungsgesuch ein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95121

Kommentare

  • Gast am 14.7.2000

    Witzig!.

    Ich finde die Arbeit echt gut, ich war sehr erstaunt als ich deine Arbeit im Archiv vorfand. Auch ich bin an der Uni in SB und schreibe grad die Hausarbeit für das Seminar bei Dr. Möhler....

    Inhaltich nutz mir dein Text nichts, aber formal werde ich ihn als Vorlage nutzen, ist schließlich meine erste Hausarbeit :o)

    Grüsse

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