Ausbruch aus der Konstanz. Darstellung von Varianz innerhalb der Serie "Prison Break"

Eine Analyse des organisationstheoretischen Hintergrunds und der Gefängnisästhetik


Seminararbeit, 2019

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Serie Prison Break

3 Jumping the shark - die Kritik

4. Die narrative Struktur in Prison Break

5 Michaels Pläne und der Faktor Zeit

6. Die Gefängnisse

7. Genre in der Serie Prison Break

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis
9.1 Medienverzeichnis

1. Einleitung

„Der große Plan“ - So beginnt die amerikanische Actionserie Prison Break 2005 mit ihrer ersten Folge auf dem US-Sender Fox. Mit diesem Plottitel könnte Drehbuchautor Paul Scheuring auch seinen großen Plan angekündigt haben, in fünf Staffeln zu beweisen, dass es mehr als nur einen Weg gibt, aus einem Gefängnis zu entkommen und dass es auch ein zweiter und dritter Ausbruch scheinbar mühelos mit der Spannung und der Dramatik eines ersten aufnehmen kann. Die derartige Langlebigkeit, die Popularität und der damit einhergehende Erfolg der Ausbruchssaga, die von 2005 bis 2009 produziert und 2017 fortgesetzt wurde, machen die Serie für eine genauere Analyse besonders reizvoll. So beschäftigt sich diese Arbeit mit der Frage, ob es Paul Scheuring gelungen ist, trotz einer durch einen ähnlichen organisationstheoretischen Hintergrund entstandenen Gleichartigkeit der thematisierten Ausbrüche, mit Hilfe von Varianz diese Konstanz in den Staffeln zu unterbrechen. Die Grundidee der Serie, dass eine Gruppe Gefangener aus Hochsicherheitsgefängnissen ausbrechen muss, bleibt zwar bestehen, doch wird jede Folge durch neue Aspekte charakterisiert, die sie nicht nur von den jeweiligen Vorgänger­Folge unterscheidet, sondern von Staffel zu Staffel die Spannung steigert und die Zuschauerinnen und Zuschauer dadurch fortwährend an die Bildschirme fesselt. Die durch die Ausbrüche entstandene interserielle Kohärenz zwischen den Staffeln soll daher das Untersuchungsobjekt meiner Arbeit sein. Dabei wird zunächst die Konstanz innerhalb der Serie mit dem Handlungsverlauf der fünf Staffeln herausgestellt, um sodann auf die Kritik einiger Zuschauerinnen und Zuschauer eingehen zu können. Im Anschluss beschäftigt sich die Arbeit mit der narratologischen Struktur der Serie Prison Break, um anhand dieser aufzeigen zu können, inwiefern es den Produzenten gelingt, durch Varianz der Handlungsstränge, der Ästhetik der Gefängnisse, der Pläne und der damit zusammenhängenden Zeit die Konstanz innerhalb der Staffeln zu brechen, um Spannung aufrecht zu erhalten, Neugierde zu forcieren und für stets neue Überraschungen zu sorgen. Um einen Einstieg im Folgenden zu erleichtern, wird nun zunächst die Serie mit ihren fünf Staffeln in Kürze vorgestellt, um schon zu Beginn die Konstanz in der Serie aufzeigen zu können.

2. Die Serie Prison Break

In der ersten Staffel der Serie Prison Break geht es um die Brüder Michael Scofield (Wentworth Miller) und Lincoln Burrows (Dominic Purcell). Lincoln wurde zum Tode verurteilt, da er angeblich verantwortlich für den Mord am Bruder der Vize-Präsidentin der Vereinigten Staaten sein soll: „Man killed the vice-president’s brother and in a month, he’s getting the chair, which means no one up this river is more dangerous than him ’cause he’s got nothing to lose now.“ (S01E01, TC: 00:10:15 - 00:10:22). Wegen seiner bevorstehenden Hinrichtung durch den elektrischen Stuhl sitzt Lincoln in Illinois im fiktiven Fox-River-State-Gefängnis in Chicago. Sein jüngerer Bruder Michael, der als Ingenieur vor einigen Jahren am Umbau des Gefängnisses beteiligt gewesen ist und daher mit dem Grundriss der Anlage vertraut ist, ist allerdings von dessen Unschuld überzeugt. Aufgrund dessen plant er einen Gefängnisausbruch für Lincoln, da es aussichtslos erscheint, ihn mit juristischen Mitteln frei zu bekommen. Nach einem am Ende der ersten Staffel geglückten Ausbruch aus dem Hochsicherheitsgefängnis befinden sich die Protagonisten Michael und Lincoln (gemeinsam mit Fernando Sucre (Amaury Nolasco), John Abruzzi (Peter Stormare), C-Note (Rockmond Dunbar), T-Bag (Robert Knepper), Tweener (Lane Garrison) und Haywire (Silas Weir Mitchell)) in Staffel zwei auf der Flucht quer durch Nordamerika. Die Häftlingen haben jedoch einige Verfolger und so müssen sie sich gleichzeitig in einem Rennen mit der Zeit durch mehrere Gefahren hindurch manövrieren. Am Ende von Staffel zwei scheint der Fluchtplan zunächst geglückt. Michael und Lincoln befinden sich in Panama auf einem Boot, das ihnen ein neues Leben in Freiheit eröffnen soll. Michael jedoch wird nach einer kurzen Flucht vor seinen Verfolgern wegen Mordverdacht daraufhin erneut inhaftiert. Er selbst ist nicht Schuld an dem ihm vorgeworfenen Tod von Bill Kim (Reggie Lee), er opfert sich allerdings für den von der Gefängnisärztin des Fox River Staatsgefängnisses Sara Tancredi (Sarah Wayne Callies) ausgeführten Mord und stellt sich selbst. Dieses Mal sitzt er in einem Gefängnis namens Sona ein. In Staffel drei beginnt dann ein erneuter Kampf um den Ausbruch in die Freiheit. Während es in Staffel eins noch Michael war, der seinen Bruder zu befreien versucht, ist es nun Lincoln, der sich außerhalb der Gefängnismauern bemüht, seinen Bruder Michael zumindest in ein humaneres Gefängnis verlegen zu lassen. Nach einem erneut geglückten Ausbruch fiebert der/die Zuschauer/in in der vierten Staffel von Prison Break zum wiederholten Mal der Freiheit der Brüder entgegen. Diese ist dieses Mal jedoch an einige Bedingungen geknüpft und sie müssen sich erneut schweren Herausforderungen stellen und vor einigen Verfolgern flüchten. Im Staffelabschluss opfert sich Michael abermals für seine Liebe Sara, die für den Mord an Christina Hampton (Kathleen Quinlan), Michaels Mutter, verantwortlich gemacht und daraufhin inhaftiert wird: „Sara Tancradi, you’re under arrest for the murder of Christina Hampton.“ (S04E23, TC: 00:02:33 - 00:03:10). Er befreit Sara aus dem Frauengefängnis, indem er zwei Starkstromkabel mit bloßen Händen zusammenführt und so die Verriegelung der Tür kurzzeitig öffnet und dadurch angeblich stirbt. Staffel fünf, mit der die Serie acht Jahre später ihr Revival feierte, wirft die Frage auf, ob es sich damit gleichzeitig auch um das Revival des eigentlich totgeglaubten Michael Scofields handelt. Denn dieser scheint zu leben, allerdings befindet er sich nun zum dritten Mal in einem Gefängnis (Ogygia), welches in dieser Staffel in den arabischen Emiraten liegt. Die weiteren Haupthandlungen ähneln denen der dritten Staffel; es liegt erneut an Lincoln, seinen Bruder von diesem Ort zu befreien. Der/die Zuschauer/in erfährt innerhalb von fünf Staffeln demnach ein fortwährendes Wechselspiel zwischen Inhaftierung, Gefängnis, Ausbruch und Flucht. Diese Konstanz setzt sich folglich aus der Gleichartigkeit der markantesten Grundhandlungsstränge, dem Auftreten von identischen Hauptcharakteren und der Zeit zusammen, die immer wieder eine wichtige Rolle sowohl bei den Ausbrüchen, als auch bei der Flucht spielt. Diese durch die Konstanz entstandene interserielle Kohärenz der Handlungsstränge führt bei den Zuschauerinnen und Zuschauern zu einer zwiespältigen Betrachtung, besonders im Hinblick auf das Zustandekommen einer sechsten Staffel.

3. Jumping the shark - die Kritik

Im Januar 2018 nickten die Programmverantwortlichen nämlich eine weitere Fortsetzung der Serie ab (Bauer 2019). Doch obwohl der Pay-TV-Sender Fox Interesse an Staffel sechs bekundet hat, möchte er die neue Staffel nicht saisonal ausstrahlen, wie es bei neueren Formaten der Fall ist. Stattdessen möchte Fox, dass zusätzliche Staffeln von Prison Break zu etwas Besonderem werden. Dieses Vorgehen soll zu besseren Bewertungen führen (Faulkner 2017). Konkrete Hinweise, welche Richtung die Geschichte einschlagen wird, gab Drehbuchautor Paul Scheuring über Twitter bekannt. Nach Fertigstellung des Drehbuchs zum Staffelauftakt verkündete er im März 2018: „We’re going back to the beginning. Literally the very first frames.“ (Scheuring 2018). Die Serie werde sich mit Staffel sechs also wieder einmal auf ihre frühen Anfänge zurückbesinnen. Doch nach Staffel fünf erntet die Serie gerade wegen ihrer Konstanz sehr viel Kritik. So bemängelt ein Online-Leser der britischen Tageszeitung The Guardian: “Then the exact same goddamn thing happened again a couple of episodes later. That was the shark jumping moment for me“ (Stevenjameshyde 2017). Er beschreibt damit also den Zeitpunkt, an dem Prison Break den Höhepunkt überschritten und er als Zuschauer das Interesse verloren hat. Diese Meinung teilt auch ein weiterer Zuschauer:

That's true [...]. The bit where I gave up is when they are recaptured and need to break out of... a different prison. They really could have kept this down to a single series, or arguably, a three to four hour mini series (tonipolster 2017).

Ob auf Social Media Plattformen wie Twitter und Facebook, oder in Zeitschriften wie TV Movie, Spiegel Online und den Medienmagazinen DWDL und Quotenmeter, kritisiert wird stets, dass die Grundhandlung immer wiederholt wird. Dagegen argumentiert jedoch ein Autor des Web-Magazins Zauberspiegel: „Ein Gefängnisausbruch schon wieder? Ja, aber wundert euch das? Schließlich heißt die Serie »Prison Break«...“ (Adam 2009). Daran knüpft ein weiterer Autor an. Er ist der Meinung, Prison Break halte inhaltlich in jedem Fall mit den ganz großen On-Going-Storys mit; die Serie biete noch viel mehr als nur die Frage, wie man am leichtesten aus einem Hochsicherheitsgefängnis ausbrechen könne. Daneben stellen sich nämlich auch Fragen, wie beispielsweise Lincolns Familie mit der bevorstehenden Hinrichtung umgeht, ob dessen Sohn ins Drogenmilieu abrutscht, was der Secret Service mit dem Tod des Bruders der Vizepräsidentin zu tun hat und warum sie auch diejenigen verfolgen, die an Lincolns Schuld zweifeln (Weis 2007). Nicht zuletzt deswegen schreibt der Journalist Daniel Haas auf der Nachrichtenseite Spiegel Online: „Die Story ist irre, die Logik dubios, das Tempo extrem - perfektes Entertainment eben.“ (2007). Prison Break besticht durch eine sehr hohe Erzähldichte, die nur dadurch aufrechterhalten werden kann, dass immer neue Ereignisse den eigentlichen Plan erschweren. Diese oft unerwartet eintretenden Geschehnisse ergeben zwar jeweils ein weiteres Puzzle-Teil des Ganzen, haben aber auch ihre komplett eigenen Handlungsstränge. So geht es in Folge eins der ersten Staffel um einen Mithäftling, den Michael für das Gelingen seines Plans auf seine Seite ziehen muss, und in der zweiten Episode unter anderem um einen bevorstehenden Krieg der Häftlinge untereinander (Die Schwarzen gegen die Weißen (00:25:51 - 00:27:09)). Auch in den weiteren Folgen und Staffeln ist dieses Muster immer wieder zu erkennen: Eine Geschichte, die in der Folge zuvor und danach keine Rolle mehr spielt. Das führt dazu, dass auch Zuschauer/innen, welche die Serie nur gelegentlich schauen, diese Episoden verstehen können. In der Fortsetzungsserie baut die gesamte Episode jedoch auf der vorangegangenen auf, die zusammenhängende Geschichte kann man aufgrund ihrer narrativen Komplexität also nur nachvollziehen, wenn man der Serie aufmerksam folgt. Jason Mittell meint, den vermeintlichen Grund dafür zu kennen: [...] we want to be competent enough to follow their narrative strategies but still relish in the pleasures of being manipulated successfully. [...] What seems to be key goal across [...] narratively complex television series is the desire to be both actively engaged in the story and successfully surprised through storytelling manipulations. This is the operational aesthetic at work - we want to enjoy the machine’s results while also marveling at how it works (2006, 38).

Der/die Zuschauer/in möchte ihm zufolge kompetent genug sein, um den narrativen Strukturen zu folgen, sich von ihnen jedoch gleichzeitig auch manipulieren zu lassen. Das Hauptziel narrativ komplexer Fernsehserien scheint demnach zu sein, dass sich der/die Zuschauer/in sowohl aktiv mit der Geschichte befasst, als auch durch manipulatives Erzählen erfolgreich überrascht wird. Durch die unterschiedlichen Handlungsstränge, die oft aus unvorhersehbaren Ereignissen bestehen, beweist Paul Scheuring in Prison Break nicht nur an dieser Stelle eine Varianz innerhalb der Staffeln. Doch um die Variabilität in den Handlungssträngen näher beleuchten zu können, bedarf es zunächst einer Einführung in die theoretischen Grundlagen der narrativen Strukturen in Serien.

4. Die narrative Struktur in Prison Break

Der Filmwissenschaftlerin Sarah Kozloff gelingt es, mit Hilfe einer Definition Rimmon- Kenans, eine Geschichte als eine Reihe von Ereignissen, die in chronologischer Reihenfolge angeordnet sind, zu beschreiben. Entsprechend definiert sie ein Ereignis in dieser Geschichte als ein Wechsel von einem Zustand in einen anderen (Rimmon-Kenan 1983, 15, zit. nach Kozloff 1992, 43). Bei narrativ komplexen Serien, die, wie Prison Break, aus mehreren Staffeln mit zahlreichen Folgen bestehen, wird dabei oft von sehr vielschichtigen Handlungsebenen ausgegangen, die häufig schon durch eine große Bandbreite an Charakteren oder Ereignissen gezeichnet werden. In Bezug auf die Dramaturgie von TV-Serien kann zwischen horizontalen - sie erstrecken sich über die ganze Staffel - und vertikalen Handlungssträngen, die in einer Episode auserzählt werden, unterschieden werden (Zu Hüningen 2012). Dies basiert auf der für die Serienforschung elementaren Differenzierung zwischen ,series‘ und ,serial‘:

Series refers to those shows whose characters and setting are recycled, but the story concludes in each individual episode. By contrast, in a serial the story and discourse do not come to a conclusion during an episode, and the threads are picked up again after a given hiatus (Kozloff 1992, 57).

Auf dieser Dichotomie von Kozloff aufbauend kann man also zwei Formen von Serien unterscheiden: Solche, die aus in sich geschlossenen Handlungssträngen bestehen und jene, die fortgesetzte Handlungsstränge erzählen. „Erzählen bedeutet, einen eigenen, gestalteten (d.h. ästhetisch strukturierten) Kosmos zu schaffen, etwas durch Anfang und Ende als in sich Geschlossenes zu begrenzen und zu strukturieren.“ (Hickethier 2011, 111). So definiert Medienwissenschaftler Knut Hickethier eine Grundvoraussetzungen des Erzählens, dass innerhalb der Fiktion alle Teile, alle Ereignisse und alle Formen sich aufeinander beziehen, sich aus diesem Zusammenhang die Funktionalität des jeweils einzelnen Elements erklären lasse und somit auch einen Sinn erlange (ebd.). Dadurch erhalten Anfang und Ende für das Schaffen eines fiktionalen Raums auch eine zentrale Bedeutung, denn in jedem Anfang sei das Ende auch schon vorweggenommen, es werde auf ein Ende hin erzählt. Daraus resultiere auch die Unruhe, die man hat, wenn man auf Geschichten ohne ein Ende mit Sinn stößt (ebd.).

Ein Handlungsstrang, auch Handlungsebene oder auf Englisch storyline genannt, bezeichnet meist einzelne Handlungen oder Handlungsfolgen einer Geschichte in der Drehbuch-Dramaturgie (Zu Hüningen 2012). Bei den einzelnen Handlungssträngen lässt sich zwischen zielorientierten Aktionen und Interaktionen unterscheiden; bei ersteren geht es beispielsweise um eine Zielerreichung oder die Realisierung eines Projektes, während letztere darauf abzielen, soziale Beziehungen zu schaffen, zu kräftigen oder zu beenden (ebd.). In manchen Fällen bleiben Handlungsstränge auch über die gesamte Staffel offen. In Prison Break bleibt beispielsweise bis zum Ende aller fünf Staffeln ungeklärt, ob die Brüder Michael und Lincoln den Gefängnisausbruch schaffen, beziehungsweise überleben, oder ob ihnen die Flucht erfolgreich gelingt. Auch, ob Gefängnisärztin Sara Tancredi Gefühle für Michael entwickelt, bleibt in den ersten beiden Staffeln offen. Je nachdem, ob man sich dabei auf das äußere Geschehen oder die innere Entwicklung einer Figur bezieht, spricht man im Drehbuchjargon bei solchen Bögen auch von „story“- oder „character arcs“ (Blanchet 2011, 57). In einigen Serien können sogar ein oder mehrere Handlungsstränge über den Verlauf der gesamten Serie offenbleiben. Solche Handlungsstränge werden mit dem Begriff „mythology arc“ (ebd.) bezeichnet. So weiß der/die Zuschauer/in bis zum Ende von Prison Break nicht, ob die Hauptcharaktere überhaupt jemals in Freiheit leben können und ob Lincoln unschuldig ist. Das Offenbleiben der Handlungsstränge führt bei den Zuschauenden zu einer steigenden Spannung, die demnach nicht nur über die einzelnen Folgen hinweg aufgebaut wird, sondern sich auch über die gesamte Serie erstreckt.

Zusammen bilden die Handlungsstränge mit ihren Ereignissen und Existenzen also die Grundkomponente, aus denen Geschichten gemacht werden (Kozloff, 1992, 44). Die Seriengeschichte wird nicht nur durch offene, beziehungsweise fortgesetzte oder geschlossene Handlungslinien vorangetrieben, sondern innerhalb jener auch durch die verschiedenen Teilhandlungen, die parallel oder wechselnd zueinander laufen. Einige davon umfassen die gesamte Handlung, andere sind nur von kurzer oder sekundärer Bedeutung. Dies führt nicht nur zu einer zunehmenden Spannung, sondern auch zu einer Abwechslung innerhalb der Staffeln. Wie Roland Barthes als erster Schriftsteller hervorhob, kann eine Hierarchie zwischen den Ereignissen, die aktiv zum Fortschreiten der Geschichte beitragen und denen, die eher routinemäßig oder unwichtig sind, bestimmt werden (Barthes 1977, 93, zit. nach Kozloff 1992, 45). Je nach Bedeutung für die Geschichte wird dabei eine ganze Reihe von Handlungslinien unterschieden, wovon manche einen zentralen Charakter in der Serie Prison Break haben und für Varianz innerhalb der Staffeln sorgen:

Eine Parallelhandlung, die sogenannte „parallel action (Schlichter 2012), existiert neben der Haupthandlung und erzählt eine eigene Geschichte. Anders als die Nebenhandlung kann sie gleichberechtigt sein, steht also nicht im Hintergrund der Haupthandlung. Die beiden Handlungen werden oft als Alternationsmontage, genauer gesagt als Parallelmontage realisiert; eine Verfolgungsjagd stellt dabei eine der am häufigsten verwendeten Umsetzung einer solchen Montage dar (ebd.). So können Parallelhandlungen auf unterschiedlichen Zeitstufen stehen und damit beispielsweise Handlungen, Handlungsoptionen oder Charaktere vergleichen und sie in unterschiedliche Zeitstufen einbetten (ebd.). Prison Break zeigt in der ersten Folge der zweiten Staffel Jäger und Gejagte (Manhunt) zunächst, wie sich FBI-Agent Alexander Mahone (William Fichtner) alle wichtigen Informationen über die fünf Geflüchteten und deren gelungenen Ausbruch vortragen lässt. Als nächstes sieht der/die Zuschauer/in jene Geflüchtete in einem Wald, wie sie sich durch das Gebüsch schlagen und offensichtlich vor jemandem weglaufen. In einer darauffolgenden Sequenz erfährt der/die Zuschauer/in dann, vor wem sie flüchten. Zu sehen in ist in einem weiteren Handlungsstrang eine Einheit von Polizisten, die mit Spürhunden nach den Gefangenen suchen. Diese drei Handlungsstränge, die in einer Alternation gezeigt werden, finden zur gleichen Zeit statt. Da die letzten beiden Handlungsstränge am selben Ort enden, werden im Rhythmus des Schnitts und der dazu unterlegten Musik die zunehmende Dramatik ausgedrückt und so die Spannung erhöht werden. In der Parallelmontage wird zwischen den heranjagenden Polizisten und den Gefangenen hin und her gewechselt. Dabei wird der zunehmende Zeitdruck der Flüchtlinge durch das in der Ferne zu hörende, herannahende Bellen der Spürhunde verdeutlicht. Durch die gewählte Technik jener Montage wird die einfache Linearität durch eine komplexe Form der Simultaneität abgelöst, die zugleich ein Spiel mit der Angstlust der Zuschauerinnen und Zuschauern eröffnet. Der Effekt ist ein doppelter: Einerseits führt die Parallelmontage zur Intellektualisierung der Serie, andererseits intensiviert sie die melodramatische Sensation (Gunning 1994, 99-106 zit. nach Hesse et al. 2016, 59).

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ausbruch aus der Konstanz. Darstellung von Varianz innerhalb der Serie "Prison Break"
Untertitel
Eine Analyse des organisationstheoretischen Hintergrunds und der Gefängnisästhetik
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Medienkultur und Theater)
Veranstaltung
Quality TV
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V958294
ISBN (eBook)
9783346303080
ISBN (Buch)
9783346303097
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstanz, Analyse, Organistation, Gefängnis, Ästhetik, Varianz, Prison Break
Arbeit zitieren
Olivia Schulze Wierling (Autor), 2019, Ausbruch aus der Konstanz. Darstellung von Varianz innerhalb der Serie "Prison Break", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958294

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