Entwicklungspsychologische Theorien als Grundlage für die Wahrnehmungsförderung in der Sonderpädagogik


Examensarbeit, 1998

99 Seiten, Note: 2,0


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INHALTSVERZEICHNIS

0. VORWORT

1. EINFÜHRUNG IN DIE PROBLEMATIK

2. DIE WAHRNEHMUNG
2.1. Neurophysiologische und psychophysische Grundlagen
2.1.1. Allgemeine Sinnesphysiologie
2.1.1.1. Grunddimensionen der Empfindungen
2.1.1.2. Allgemeine objektive Sinnesphysiologie
2.1.1.3. Allgemeine subjektive Sinnesphysiologie
2.1.2. Die Somatosensorik
2.1.2.1. Systematik und Definition
2.1.2.2.übersichtüber zentrale Strukturen
2.1.2.3. Die Anatomie des somatosensorischen Systems
2.1.2.4. Mechanozeption (Tastsinn)
2.1.2.4.1. Mechanorezeptoren der Haut
2.1.2.4.2. Psychophysik der taktilen Wahrnehmung
2.1.2.5. Propriozeption (Tiefensensibilität)
2.1.2.6. Der Aufbau des Körperschemas
2.1.2.6.1. Aktives Berühren
2.1.2.7. Nocizeption (Schmerzempfindung)
2.1.2.7.1. Die Nocizeptoren
2.1.2.7.2. Beispiele für schmerzbeeinflussende Faktoren
2.1.3. Das interindividuelle Wahrnehmungserleben
2.1.4. Entwicklungspsychologische Perspektive nach Goldstein
2.2. Wahrnehmungspsychologie
2.2.1. Die strukturalistische Auffassung
2.2.2. Die Gestalttheorie
2.2.3. Die Theorie der sozialen Wahrnehmung
2.2.4. Wahrnehmung als sinnliche Widerspiegelung
2.2.5. Weitere Theorien
2.2.5.1. Derökologische Ansatz von Gibson
2.2.5.2. Der Kognitionismus
2.2.5.3. Die Anpassungsniveau-Theorie
2.2.6. Die Organisation der Wahrnehmung
2.2.6.1. Figur und Grund
2.2.6.2. Gruppierung
2.2.6.3. Gute Gestalt
2.2.6.4. Veränderungen und Sättigung der Wahrnehmungsorganisation
2.2.6.5. Aufmerksamkeitsschwankungen
2.2.6.6. Die Bedeutungshaltigkeit der Wahrnehmung

3. ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGISCHE THEORIEN
3.1. Lerntheoretische Aspekte der Wahrnehmungsentwicklung nach Kephardt
3.2. Die Entwicklung der Wahrnehmung als eine Form der Anpassung
3.3. Die affektiven und sozialen Faktoren der Wahrnehmungsentwicklung
3.4. Die Reifung und Entwicklung der Wahrnehmung nach Jean Ayres
3.4.1. Einzelne Entwicklungsschritte
3.4.1.1. Die Berührung und Feinmotorik
3.4.1.2. Die Grobmotorik
3.4.1.3. Die Tiefensensibilität
3.5. Die Theorie der neurologischen Organisation

4. WAHRNEHMUNGSFÖRDERUNG
4.1. Wahrnehmungsstörungen und deren Ursachen
4.1.1. Entwicklungsdefizite aufgrund einer Störung der sensorischen Integration
4.1.1.1. Störungen der motorischen Entwicklung
4.1.1.2. Die „ taktile Abwehr “
4.1.2. Die taktil-kinästhetische Wahrnehmungsstörung
4.1.3. Störung der Wahrnehmung bei Geistigbehinderten
4.1.4. Klassifikation von Wahrnehmungsstörungen
4.2. Konzepte zur Wahrnehmungsförderung
4.2.1. Wahrnehmungsförderung als Lernprozeß mit aktiver Bedeutungserfassung
4.2.1.1. Wahrnehmungsförderung durch Spielen
4.2.1.2. Der handlungsbezogene Unterricht
4.2.1.3. Wahrnehmungsförderung bei schwerst Geistigbehinderten
4.2.2. Die Doman - Delacato - Therapie
4.2.2.1. Kurze Darstellung der Therapie
4.2.2.2. Kritikpunkte und Chancen der Therapie
4.2.3. Die sensorische Integrationsbehandlung nach Ayres
4.2.3.1. Behandlung der taktilen Abwehr
4.2.3.2. Behandlung bei Störungen der motorischen Entwicklung
4.2.3.3. Schlußfolgerungen
4.2.4. Die Basale Stimulation nach Fröhlich
4.2.4.1. Somatische und haptische Anregung
4.2.5. Die integrative Gestaltungstherapie nach Besems / van Vugt
4.2.6. Weitere Konzepte zur Förderung und Therapie durch ganzheitl. Leibarbeit
4.2.6.1. Hatha-Yoga
4.2.6.2. Dehnungsmassage mit cerebral behinderten Menschen nach Fikar
4.2.6.3. Das methoden-integrierte Lernen mit dem Körper nach Fikar / Fikar

5. SCHLUßBETRACHTUNG

6. LITERATURVERZEICHNIS

7. ANLAGE FÜR DIE WISSENSCHAFTLICHE HAUSARBEIT

0. VORWORT

Ausschlaggebend für die Auseinandersetzung mit dem Thema waren für mich Erfahrungen mit einer Therapie zur Wahrnehmungsförderung, die ich über ein Jahr lang im Rahmen des Zivildienstes mit einem schwerst mehrfachbehinderten Jungen gesammelt habe. Hierbei handelt es sich um die Förderung nach DOMAN und DELACATO. Die enge Beziehung, die ich während der Doman- Delacato-Therapie zu dem Jungen aufgebaut habe, war zwar geprägt von positiven Erfahrungen im Hinblick auf gewisse Entwicklungsfortschritte, auch von glücklichen und freudigen Momenten aufgrund von Beobachtungen, die mir einen Weg zur Kommunikation mit dem Jungen zu erschließen schienen. Doch ebenso oft war diese Zeit auch geprägt von Rückschlägen, Mißverständnissen, traurigen und hilflosen Situationen.

Dies war der Nährboden dafür, daß kritische Standpunkte gegenüber dieser Therapie, sowie Einblicke in andere Fördermaßnahmen, wie die „Basale Stimulation“ nach FRÖHLICH, die Frühförderung, die indische Babymassage, etc., mich dazu veranlaßten, meine Erfahrungen neu zu überdenken.

Aus dieser Motivation heraus will ich mich im folgenden mit der Wahrnehmungsförderung beschäftigen. Besondere Beachtung soll dabei auf der taktilen Stimulation geschenkt werden. Am Anfang meiner Arbeit steht folgender Gedanke:

Taktile Stimulation wird zwar bei unterschiedlichen Wahrnehmungsstörungen angewendet, es lassen sich jedoch bei allen Therapien gewisse Ähnlichkeiten finden.

Das Grundprinzip aller Maßnahmen äußert sich für mich darin, daß „Massagetechniken“ unter Zuhilfenahme der unterschiedlichsten Materialien meist mit motorischen Aktivitäten gekoppelt werden. Die Ziele, die bei der Behandlung gesetzt werden, sind jedoch nicht immer dieselben. Sie ergeben sich nicht nur aus der Art der Störung, sondern auch aus verschiedenen entwicklungspsychologischen Hintergründen bzw. Sichtweisen. Mit der Zielsetzung verbunden ist auch die Art und Weise, wie diese Maßnahmen ausgeführt werden.

Um dies zu verdeutlichen, sollen nun einige Gesichtspunkte einer Wahrnehmungsförderung durch taktile Stimulation dargestellt werden. Durch den Rahmen dieser Arbeit mußte ich aus der vielschichtigen und umfangreichen Thematik Schwerpunkte auswählen, die innerhalb der vorgegebenen Grenzen einen möglichst umfassenden Einblick vermitteln können.

1. EINFÜHRUNG IN DIE PROBLEMATIK

Will man sich mit Wahrnehmungsförderung auseinandersetzen, so muß man im Vorfeld wissen, was Wahrnehmung überhaupt ist. Die Wahrnehmung zu definieren erscheint schwieriger als man glaubt. HOLZKAMP äußert sich zur Wahrnehmung:

„Wahrnehmung erscheint für den, der sich damit beschäftigen will, von vornherein in einer doppelten, widersprüchlichen Weise. Einerseits ist Wahrnehmen ein selbstverständlicher Bestandteil unserer alltäglichen Lebenstätigkeit, ... andererseits ist ... dem Menschen kaum etwas so problematisch geworden wie gerade die Wahrnehmung.“1

SCHRAML beschreibt die Problematik folgendermaßen:

„Im Bereiche der Wahrnehmung ist ein schwer zu differenzierendes Verhältnis der Teilfaktoren gegeben.“2 Viele Autoren haben versucht, die Wahrnehmung zu definieren. Dabei wollte man herausfinden, wie unsere Wahrnehmung geartet ist, wie sie sich entwickelt, wie sie funktioniert, und warum sie so funktioniert. Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Die Ergebnisse der unterschiedlichen Arbeitsmethoden, die zum Versuch der Klärung dieser Fragen gefunden wurden, will ich in den Kapiteln 2: „Die Wahrnehmung“ und 3:

„Entwicklungspsychologische Theorien“ darstellen. Dabei beschränke ich mich hauptsächlich auf den Bereich der Haut- und Tiefensinne.

Die nächste Frage, der ich in Kapitel 4: „Wahrnehmungsförderung“ nachgehen will ist, ob sich aus diesen Erkenntnissen heraus Erklärungen oder zumindest Gründe für Störungen in der Wahrnehmungsentwicklung finden lassen und in weiterführender Konsequenz, welche Schlußfolgerungen sich daraus für eine gezielte und vor allem sinnvolle Wahrnehmungsförderung ergeben. Dazu werde ich die Methoden und Hintergründe unterschiedlicher Konzepte vergleichen. Die Erkenntnisse, die sich aus dieser Vorgehensweise für mich eröffnen, werde ich an den entsprechenden Stellen darstellen.

2. DIE WAHRNEHMUNG

Zunächst beleuchte ich die Wahrnehmung auf der greifbarsten Ebene, der Physiologie der Sinne. Von der allgemeinen Sinnesphysiologie ausgehend, fokussiere ich Hautsinne und Tiefensensibilität. Durch diese Vorgehensweise wird auch deutlich, daß die physiologischen Erkenntnisse einige Fragen aufwerfen oder zumindest offen lassen, die auf einer anderen Ebene geklärt werden müssen: der Wahrnehmungspsychologie.

2.1. Neurophysiologische und psychophysische Grundlagen

2.1.1. Allgemeine Sinnesphysiologie

In diesem Abschnitt werden nun einige allgemeine Grundsätze der Sinnesphysiologie dargestellt. Die folgenden Ausführungen sind allgemein gehalten, um die darauffolgenden Darstellungen der Hautund Tiefensinne in einen Gesamtzusammenhang zu setzen.

Grundsätzlich wird die Sinnesphysiologie in zwei Bereiche unterteilt (Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Abbildungsverhältnisse in der Sinnesphysiologie (sinngemäß nach Dudel, S. 192)

Die objektive Sinnesphysiologie beschäftigt sich mit der Analyse der Leistungen von Sinnesorganen. Rezeptorpotentiale, Impulsfrequenzen sensorischer Gehirnzentren und Nervenzellen sind mit Hilfe der Chemie (Botenstoffe) und der Physik (elektrische Spannungsfelder) meßbar. In der Literatur findet man für diese Vorgehensweise auch den Ausdruck „physiologische Untersuchungen“ der Wahrnehmung.

Die subjektive Sinnesphysiologie analysiert und betrachtet die individuellen Empfindungen, die durch Phänomene der Umwelt ausgelöst und durch die Sinnesorgane vermittelt werden. Die individuellen Empfindungen werden miteinander verglichen, um zu einem besseren Verständnis der Tätigkeiten des menschlichen Geistes, der menschlichen Empfindungen und Wahrnehmungen zu gelangen. In den folgenden Abschnitten wird auch von sogenannten „psychophysischen Aspekten“ der Wahrnehmung gesprochen. Diese kann man der subjektiven Sinnesphysiologie zuordnen.

2.1.1.1. Grunddimensionen der Empfindungen

Empfindungen sind nach DUDEL durch vier Dimensionen charakterisiert. Die Dimension der Räumlichkeit beschreibt die Lokalisation des Reizes, z.B. ein Berührungsreiz auf der Haut. Die Zeitdimension zeigt, daß ein Reiz immer einen festgelegten Anfang und ein Ende hat. Qualität und Modalität sind Auswahlkriterien spezifischer Sinnesorgane (Modalitäten der Haut sind Wärme, Kälte, Vibration, Druck, Schmerz). Die Dimension der Intensität schließlich läßt sich durch die Frequenz der Aktionspotentiale oder die Amplituden der Rezeptorpotentiale beschreiben.

2.1.1.2. Allgemeine objektive Sinnesphysiologie

Wie aus Abbildung 1 ersichtlich wird, werden Umwelteindrücke zunächst mit den Sinnesorganen aufgenommen.

„In den Sinnesorganen sind Rezeptoren darauf spezialisiert, auf bestimmte Reize optimal zu reagieren.“3

Die Lage und die Empfindlichkeit der Rezeptoren auf bestimmte, sogenannte adäquate Reize bestimmen den spezifischen Bauplan der Sinnesrezeptoren. Die Rezeptoren reagieren jedoch nicht nur auf adäquate Reize, sondern können beispielsweise immer durch elektrischen Strom erregt werden. Weiterhin können starke Druckänderungen oder Änderungen des chemischen Milieus auf die meisten Rezeptoren einwirken. Die Rezeptoren reagieren also nicht nur auf einen bestimmten physiologischen Reiz, sondern sprechen auch auf andere Modalitäten an, jedoch nicht mit der gleichen Empfindlichkeit. Erst die zentrale Verarbeitung der von den Rezeptoren kommenden Impulsmuster, die Verknüpfung von Funktionen gleichartiger Rezeptoren und der Vergleich mit Informationen aus benachbarten Rezeptoren anderer Modalität beschreiben den Charakter eines adäquaten Reizes.

„Auf dem Gebiet der Hautsinne kann es sogar schwierig sein, den adäquaten Reiz für einen bestimmten Rezeptor zu definieren. Es gibt z.B. Druckrezeptoren, die sowohl auf kleine Druckänderungen wie auch empfindlich auf Temperaturänderungen reagieren. In diesem Fall läßt es sich nur durch das Studium der zentralen Verarbeitung der von diesen und benachbarten Rezeptoren vermittelten Impulsfolgen klären, welche Modalität der adäquate Reiz hat.“ 4

Diese Impulsmuster, die von den Rezeptoren ausgelöst werden, erreichen die sensorischen Gehirnzentren über Nervenbahnen, die vielfach synaptisch verschaltet sind. Die synaptischen Verschaltungen bewirken, daß Erregungen entweder verstärkt (Summation) oder abgeschwächt (Hemmung) werden. Die Hemmung kann eine sogenannte Divergenz hervorrufen, was bedeutet, daß der Reiz zwar schlechter lokalisierbar wird, jedoch auch schwächere Reize ihre Effekte weitergeben können. Durch die synaptische Verschaltung in sensorischen Nervenzellen kann noch ein anderer Effekt, die sogenannte Konvergenz, auftreten. Hier können schwache Erregungen aus benachbarten Rezeptoren durch räumliche Summation der synaptischen Potentiale eine Depolarisation auslösen. Durch die Hemmung wird erreicht, daß die Erregung der übergeordneten Gehirnzentren kontrolliert wird. Dies geschieht auf der Ebene der ersten Verschaltungen durch laterale Hemmung ebenso wie durch zentrale Hemmung aus übergeordneten Zentren.

Diese speziellen synaptischen Verknüpfungen sind weitestgehend angeboren. Allerdings sind sie in empfänglichen Perioden des Wachstums durch Übungs- und Lernfaktoren beeinflußbar (vergleiche Abschnitt „Entwicklungspsychologische Perspektive nach Goldstein“).

Ein weiteres Charakteristikum der Reizaufnahme sind die rezeptiven Felder. Ein rezeptives Feld bildet die Gesamtheit aller Punkte des Körpers, von denen aus eine bestimmte Nervenzelle erregt werden kann. Diese rezeptiven Felder überlappen sich sehr stark.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Rezeptives Feld für Berührungsreize auf der Haut des Unterarms mit dem zugehörigen zentralen Neuron, in dem während des Reizes eine erhöhte Frequenz von Aktionspotentialen gemessen wird. (aus Dudel, S. 197)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Überlappung rezeptiver Felder (aus Dudel, S. 197)

Eine Bestimmung des Reizortes ist durch den Vergleich der Rezeptiven Felder mehrerer Nervenzellen möglich. Ein Rezeptives Feld setzt sich in der Regel aus Zentrum und Peripherie zusammen. Diese reagieren meist gegensätzlich. Wirkt das Zentrum erregend, so wirkt die Peripherie hemmend. Es gibt auch hemmende Zentren, hier wirkt dann die Peripherie erregend. Diese so organisierte Umfeldhemmung ermöglicht eine Kontrastverschärfung und das räumliche Unterscheidungsvermögen der Gehirnzentren wird verbessert. Dieser Mechanismus ist bei sich bewegenden Reizen besonders ausgeprägt.

Diese kurze und stark zusammengefaßte Darstellung der Erkenntnisse aus der allgemeinen objektiven Sinnesphysiologie soll genügen. Näheres wird im Abschnitt „Die Somatosensorik“ dargestellt.

2.1.1.3. Allgemeine subjektive Sinnesphysiologie

In der objektiven Sinnesphysiologie kann man Reizantworten mit Hilfe physikalischer und chemischer Methoden feststellen.

Die Methodik der subjektiven Sinnesphysiologie setzt sich aus unterschiedlichen Meßverfahren zusammen, die Empfindungen oder Wahrnehmungen einordnen und charakterisieren wollen. Für eine genauere Beschreibung dieser Verfahrensweisen ist im Rahmen dieser Arbeit kein Platz, jedoch ist es sinnvoll, als Ausgangspunkt die Fragestellungen der subjektiven Sinnesphysiologie genauer zu betrachten. Wie sind die Grunddimensionen von Empfindung und Wahrnehmung geartet, d.h. wie sind diese in Abhängigkeit voneinander ausgeprägt?

Verschiedene Messungen der Intensität einer Empfindung versuchen die Schwellenwerte für diese zu bestimmen. Ebenso wird nach der sogenannten Unterschiedsschwelle gefragt. Die Unterschiedsschwelle beschreibt die kleinste Einheit, um die ein Reiz verstärkt werden muß, damit das Individuum einen Empfindungszuwachs überhaupt wahrnimmt. Ergebnis dieser Messungen waren Gesetze, die sich durch verschiedene Potenzfunktionen ausdrücken ließen. Im Vergleich lassen sich objektiv gemessene Reizantworten und subjektive Empfindungsintensitäten mit dem gleichen Exponenten beschreiben.

Weitere Kriterien der Reize sind beispielsweise die Dimensionen des Raumes und der Zeit. Wenn sich mehrere Dimensionen simultan ändern, wird die Intensität eines Reizes von mehreren Faktoren beeinflußt. Die Frage nach der Intensität bei simultanen Dimensionsänderungen muß also ebenfalls geklärt werden. Gemessen wird hier, inwieweit die Intensität des Reizes z.B. von Änderungen der Reizfläche und der Reizdauer beeinflußt wird.

„Die quantitativen Aussagen über die Wirkungen der simultanen Änderung verschiedener Reizdimensionen auf die Intensität der Empfindungen sind besonders wichtig, weil solche komplizierten Reizänderungen den natürlichen Reizen in unserer Umgebung näher stehen als die isolierte Änderung einer Intensität oder eines Ortsparameters“5

Oft summieren sich Reize bei simultanen Änderungen nur unvollständig, anders ausgedrückt, bei einer Reduzierung der einen Dimension reicht eine lineare Steigerung in einer anderen Dimension nicht aus, um die ursprüngliche Intensität des Reizes wieder empfinden zu können. Am Beispiel der simultanen Änderung der Stärke D und der Fläche F eines Druckreizes läßt sich die Empfindungsintensität E durch die Gleichung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

darstellen. Diese Summe ist also um den Faktor 2DF kleiner als (D+F)2. Ein Beispiel kann dies veranschaulichen: Bezieht man diese Produktregel auf den Lichtsinn, so muß bei Dunkelheit ein schnell zu erkennendes Warnzeichen an einer Autobahn eine möglichst große Fläche haben. Die Dimension des Raumes bestimmt den Kontrast eines Reizes. Mißt man im visuellen Bereich die subjektive Helligkeitsempfindung beim Betrachten verschiedener Bildanteile, so weicht die Empfindungsintensität von der physikalischen Verteilung der Helligkeit ab. Dies äußert sich konkret darin, daß z.B. eine helle Fläche unmittelbar neben der Trennungslinie zur dunklen Fläche heller erscheint als der Rest der Fläche. Auch die dunkle Fläche erscheint direkt neben der Trennungslinie dunkler. Eine solche Kontrastüberhöhung wird auch in anderen Sinnesmodalitäten festgestellt. Diese Beobachtungen sind analog zu Erkenntnissen aus der objektiven Sinnesphysiologie, nämlich der lateralen Hemmung in sensorischen Zellen durch die Organisation der Rezeptiven Felder. Fast regelmäßig ändert sich die Empfindungsintensität während der Dauer eines Reizes. Versuchspersonen schätzen z.B. die Intensität eines Geruchsreizes mit zunehmender Dauer immer schwächer ein. Eine Herabsetzung der Empfindungsintensität wird als Adaptation bezeichnet. Nach Ende eines Dauerreizes ist häufig eine Verbesserung der Empfindlichkeit eines Reizes festzustellen. Man spricht in diesem Fall von einer Deadaptation. In allen Empfindungsmodalitäten außer beim Schmerz wird das Phänomen der Adaptation gefunden. Das bedeutet, daß vor allem Reizänderungen besonders gut wahrgenommen werden können. So kann aus der Menge der Informationen aus den Sinnesorganen das wesentliche herausgefiltert werden. Wie schnell und wie stark die Empfindung adaptiert, ist bei den verschiedenen Modalitäten unterschiedlich.

In der objektiven Sinnesphysiologie wird durch Messung der Impulsfrequenz an den Rezeptoren und an zentralen Neuronen ebenfalls Adaptation festgestellt. Die Ergebnisse stimmen überwiegend mit den Beobachtungen aus der subjektiven Sinnesphysiologie überein.

Häufig haben Sinneswahrnehmungen auch affektive Komponenten. Diese lassen sich oft nur durch Wortpaare wie angenehm/unangenehm, beruhigend/störend, schön/häßlich, usw. beschreiben. Auch diese Affekte treten in verschiedenen Intensitäten auf, die sich ebenfalls messen lassen. Schließlich bestimmt der Affekt einer Sinneswahrnehmung unser Verhalten. Je nach Behagen oder Unbehagen reagiert das Individuum entsprechend unterschiedlich. Ebenso wird die Intentionalität der Wahrnehmung beeinflußt.

„Erst dieses Wollen der Empfindung macht sie zu meinem persönlichen Erlebnis, bewirkt, daß sie meine persönliche Zeit ausfüllt, macht sie zu meiner Erfahrung, deren Wiederholbarkeit und damit Voraussagbarkeit ich in der Zukunft zur Grundlage meines Handelns machen kann.“6

Wenn man die objektive und subjektive Sinnesphysiologie betrachtet, so wird deutlich, daß sich beide Disziplinen zwar unterschiedlicher Arbeitsmethoden bedienen, jedoch die Ergebnisse häufig übereinstimmen. Das Verhalten eines Individuums wird durch die Verarbeitung der Sinnesreize in höheren Zentren des Gehirns mitbestimmt. Oft werden Verhaltensänderungen durch bestimmte Sinnesreize ausgelöst. Die hier nicht weiter dargestellten Methoden der Konditionierung aus der objektiven Sinnesphysiologie zur Beobachtung der Relationen von Reiz und Verhalten und unsere sprachlichen Äußerungen über subjektive Erlebnisse (Methode der subjektiven Sinnesphysiologie) könnten eine Brücke zwischen der objektiven und der subjektiven Sinnesphysiologie bilden.

2.1.2. Die Somatosensorik

2.1.2.1. Systematik und Definition

„Die Sinnesmodalitäten der Haut und ihre Anhangsstrukturen, nämlich die Mechanorezeption, die Thermorezeption und die Nocizeption (Schmerzempfindung), werden mit der Tiefensensibilität und der Schmerzsensibilität des gesamtenübrigen Organismus als somato-viscerale Sensibilität zusammengefaßt.“7

Die oben aufgeführte Definition dient lediglich zur Einordnung der verschiedenen Modalitäten in eines von mehreren möglichen Gliederungssystemen. Der Schwerpunkt der folgenden Darstellungen liegt bei der Somatosensorik. Auf die viscerale Sensibilität wird hier nicht näher eingegangen.

2.1.2.2. Übersichtüber zentrale Strukturen

Alle Meldungen der Rezeptoren werden im Zentralnervensystem auf zwei Ebenen verarbeitet. Die erste Ebene bildet das afferente oder sensorische System, dessen Anatomie im nächsten Abschnitt näher besprochen wird. Die zweite Ebene bildet das efferente (motorische) und integrative System. Zu ihm gehören vier funktionelle (Sub-) Systeme, die vom sensorischen System vorverarbeitete Informationen erhalten. Dies sind das assoziative System, das limbische System, das motorische System und das vegetative System.

„Das komplexe, bisher wenig erforschte Zusammenwirken dieser Gehirnbereiche muß als die Grundlage unseres Verhaltens angesehen werden. Im Hinblick auf Sinnesreize besteht Verhalten aus Wahrnehmungen und Reaktionen mit kognitiven (bewußt erkennenden), affektiven (gefühlsmäßigen), motivationalen (antriebserzeugenden), motorischen und vegetativen Komponenten.“8

2.1.2.3. Die Anatomie des somatosensorischen Systems

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: stark vereinfachte Darstellung der neuronalen Bahn von den Hautrezeptoren zum Rückenmark. (aus Goldstein, S. 434)

Der Weg eines Impulses, der durch einen Reiz, beispielsweise in den Mechanorezeptoren (Berührungsrezeptoren), ausgelöst wurde, läuft über eine Reihe von Schaltstationen. Die Komplexität dieser Verschaltungen soll hier kurz aufgezeigt werden. Diese Darstellung ist allerdings stark vereinfacht und erhebt nicht den Anspruch der Vollständigkeit, denn hierfür müßten einige Differenzierungen und weitere Merkmale aufgezeigt werden. Es sollen hier nur einige möglichst einfache und überschaubare Prinzipien erklärt werden, um eine klare Übersicht zu gewinnen.

Die Nervenfasern, die an den Rezeptoren entspringen, werden zunächst gebündelt. Diese gebündelten Nervenfasern nennt man periphere Nerven. Sie laufen an dem der Körperregion entsprechenden Rückenmarkssegment über die sogenannte hintere Spinalnervenwurzel in das Rückenmark ein (siehe dazu Abbildung 4). Diese Regionen überlappen sich sehr stark.

„... dies rührt daher, daß die Hinterwurzelfasern sich beim Wachstum in die Peripherie umbündeln [...], besonders in den Nervengeflechten [...]. So enthält ein peripherer Nerv Fasern aus mehreren benachbarten Hinterwurzeln, und jede Hinterwurzel enthält Anteile verschiedener Nerven.“9

Daher kommen die Informationen in einer Hinterwurzel aus mehreren Körperregionen. Würde ein peripherer Nerv durchtrennt werden, so hätte dies größere und umfassendere Ausfallerscheinungen zu Folge, als bei der Durchtrennung einer hinteren Spinalnervenwurzel.

Im Rückenmark befinden sich zwei wichtige Bahnen für diese sensorischen Nerven. Beide Bahnen dienen unterschiedlichen Wahrnehmungsfunktionen. Die erste Bahn, der mediale Lemniscus, besteht aus dicken Nervenfasern. Hier laufen die Informationen für die Berührungswahrnehmung und die Tiefensensibilität. Die zweite Bahn, der spinothalamische Trakt, besteht aus dünnen Nervenfasern. In dieser Bahn laufen überwiegend Signale für die Temperatur und Schmerzwahrnehmung. Auf ihrem Weg zum Thalamus kreuzen sich beide Bahnen mit den Bahnen aus der anderen Körperhälfte. Im Thalamus sind diese Nervenfasern in zahlreichen Kernen synaptisch verschaltet.

„Der Thalamus kann [...] als Tor und Verteilerstation aller afferenten Systeme zu den entwicklungsgeschichtlich jüngeren Endhirnstrukturen betrachtet werden, die zielgerichtetes und bewußtes Verhalten ermöglichen.“10

Ein wichtiger Kern des somatosensorischen Systems ist der Ventrobasalkern. Von hier aus laufen die Signale dann zu den entsprechenden sensorischen Gehirnzentren, (SI und SII). Diese Cortexareale liegen auf dem Scheitellappen. Auch die Afferenzen aus den anderen Schaltkernen laufen zu anderen Arealen des somatosensorischen Cortex.

Durch diese Verschaltungen ergibt sich eine Projektion der jeweils kontralateralen Körperhälfte in das SI-Areal, hier findet die taktile Diskrimination und die bewußte Wahrnehmung von Raum und Zeit statt. Verletzungen in diesem Bereich führen zu Wahrnehmungsdefiziten (beispielsweise wird die Lokalisierbarkeit eines Reizes reduziert). Diese Defizite lassen sich jedoch durch die Übernahme dieser Funktionen von anderen Cortexarealen wieder ausgleichen. Die Somatopie der Cortexareale bedeutet, daß Körperregionen mit hohem taktilen Auflösungsvermögen im Cortex durch entsprechend größere Bereiche repräsentiert sind.

In das SII-Areal werden beide Körperhälften somatotopisch abgebildet. Vermutlich ist das SII mitverantwortlich bei der gleichzeitigen Koordination beider Körperhälften, wie zum Beispiel beim beidhändigen Greifen oder Tasten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Darstellung der Abbildungsverhältnisse im sensorischen und motorischen Cortexbereich (aus Goldstein, S. 445)

In den nächsten Abschnitten werde ich nun näher auf die einzelnen Sinnesmodalitäten der Somatosensorik und deren spezifische Rezeptorsysteme eingehen.

2.1.2.4. Mechanozeption (Tastsinn)

Die Haut enthält eine Reihe von mechanosensiblen Rezeptoren, die an Qualitäten der Mechanorezeption beteiligt sein können. Druck-, Berührungs-, Vibrations- und Kitzelempfindungen sind Qualitäten des Tastsinnes. Auf der Haut sind die Punkte für die einzelnen Empfindungsqualitäten in unterschiedlicher Dichte verteilt. Allgemein läßt sich beobachten, daß die Auflösung beispielsweise für Druck und Berührungsempfindung auf der Hautoberfläche nicht überall gleich geartet ist. So sind in den Fingerkuppen und in den Lippen die Tastpunkte besonders dicht gelegen, dagegen sind auf den Oberarmen oder auf dem Rücken die Tastpunkte stärker verstreut.

Auch interindividuell zeigen sich Unterschiede des subjektiven Empfindens für diese Punkte. Nicht jede Person hat dieselbe Empfindungsschwelle für die jeweiligen Qualitäten.

Das Auflösungsvermögen für Druck- und Berührungspunkte ist bei gleichzeitiger Reizung mehrerer Punkte deutlich schlechter als bei der Reizung mehrerer Punkte hintereinander. Dies läßt sich anhand der Eindrucktiefe, die notwendig ist, um die Empfindungsschwelle zu überschreiten, beobachten. Jedoch läßt sich dieses Auflösungsvermögen durch Übung schon nach kurzer Zeit deutlich verbessern. Bei fehlender Übung geht diese Verbesserung allerdings wieder verloren. Auch durch Ermüdungserscheinungen, Abkühlung der Haut oder verringerte Durchblutung kann das Auflösungsvermögen verschlechtert werden.

2.1.2.4.1. Mechanorezeptoren der Haut

Um eine bessere Übersicht über die einzelnen Rezeptoren zu erhalten, habe ich mich für eine tabellarische Darstellung entschieden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Tabelle zeigt eine Gliederung der verschiedenen Mechanorezeptoren. Es ist anzunehmen, daß diese Rezeptoren als Haupttypen für die jeweilige Qualität verantwortlich sind, jedoch antworten normalerweise mehrere Rezeptortypen gleichzeitig auf ein und denselben Reiz. Die Unterschiede zwischen den Qualitäten sind also fließend und in unserer alltäglichen Erfahrung nicht genau definierbar.

Die Mechanorezeptoren sind unterschiedlich gebaut. Die folgenden Abbildungen sollen deren Bau und Lage in der Haut verdeutlichen.

Merkel-Zellen Meissner-Körperchen Ruffini-Körperchen Pacini-Körperchen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Die wichtigsten Rezeptoren für die taktile Wahrnehmung. (aus Goldstein, S. 433)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Querschnitt durch die unbehaarte Haut. (aus Goldstein, S. 433)

2.1.2.4.2. Psychophysik der taktilen Wahrnehmung

Wenn man die vier Rezeptorsysteme der taktilen Wahrnehmung in der unbehaarten Haut psychophysisch, also mit den Möglichkeiten der subjektiven Sinnesphysiologie, untersucht, so ergibt sich, daß diese vier Subsysteme auf jeweils andere Frequenzen der taktilen Reizung ansprechen. Somit führt jedes Subsystem zu einer anderen Wahrnehmung. Alle vier Subsysteme liegen insgesamt in einem Frequenzbereich von 0,3 und über 500 Hz. Teilweise überschneiden sich jedoch die Frequenzbereiche der einzelnen Subsysteme.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Psychophysische Subsysteme der taktilen Wahrnehmung. PC steht für "Pacini-Körperchen", NP steht für "nichtpacinisch". (aus Goldstein, S.436)

Unter Zuhilfenahme der Tabelle aus dem Abschnitt "Die Mechanorezeptoren" kann man erkennen, daß jedes Subsystem auf einer der dargestellten Rezeptorarten basiert. Diese bilden daher die neuronale Basis der vier psychophysischen Subsysteme. Jedes Subsystem ist mit einer speziellen Wahrnehmung verbunden. Zusammenfassend läßt sich nun sagen, daß es zwei Arten von langsam adaptierenden Fasern (SA I und SA II) und zwei Arten von schnell adaptierenden Fasern gibt. Die Rezeptoren und Reize dieser Fasern decken sich mit den Wahrnehmungen der psychophysischen Subsysteme. Abbildung 9 faßt die Ergebnisse aus der objektiven und der subjektiven Sinnesphysiologie nochmals zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Zusammenhänge zwischen den vier Arten von Rezeptorendigungen (links), den vier Arten von mechanorezeptiven Fasern (Mitte) und den vier psychophysischen Subsystemen (rechts). Man beachte auch den Zusammenhang zwischen dem Reiz, der jede Faser optimal erregt, und der Wahrnehmung, die mit jedem psychophysischen Subsystem verbunden ist. (aus Goldstein, S. 438)

2.1.2.5. Propriozeption (Tiefensensibilität)

Die Empfindungen der Tiefensensibilität können zwar von den Rezeptoren der Haut mitvermittelt werden, die eigentlichen Propriorezeptoren liegen aber überwiegend in den Muskeln, Sehnen und Gelenken. Die Qualitäten der Propriozeption sind der Stellungssinn, der Bewegungssinn und der Kraftsinn.

Der Stellungssinn ermöglicht uns eine Orientierung über die Winkelstellung der Gelenke und damit insgesamt über die Stellung der Gelenke zueinander. Dieser Sinn adaptiert kaum oder überhaupt nicht. Es ist uns leicht möglich, die Stellung der Gelenke aus der einen Körperhälfte mit der anderen zu imitieren, aber es fällt uns schwer, den genauen Winkelgrad in Worte zu fassen, was biologisch auch wenig Bedeutung hätte.

Bei einer aktiven oder passiven Bewegung unserer Gelenke können wir auch ohne visuelle Kontrolle die Richtung und die Geschwindigkeit der Bewegung wahrnehmen. Ausmaß der Winkeländerung und Geschwindigkeit bestimmen die Wahrnehmungsschwelle.

Der Kraftsinn ermöglicht uns, die notwendige Muskelkraft aufzubringen, um eine bestimmte Bewegung auszuführen.

Welche Rezeptorsysteme nun für die einzelnen Qualitäten verantwortlich sind, ist nicht endgültig geklärt. Man geht davon aus, daß in erster Linie das Zusammenspiel der Rezeptoren in den Gelenkkapseln, den Muskeln, den Muskelspindeln, der Haut, im Bindegewebe, und in den Sehnenorganen für die Wahrnehmung der Qualitäten in ihrer Gesamtheit verantwortlich ist. Das bedeutet, daß alle Rezeptorsysteme gleichzeitig und kontrolliert aktiviert sein müssen, um Bewegung, Gelenkstellung und Kraftaufwand wahrnehmen zu können.

Ein wichtiger Faktor der Tiefensensibilität ist die Aktivität der motorischen Gehirnzentren. Diese senden nämlich ihre Informationen nicht nur zur Muskulatur, sondern leiten zusätzlich eine sogenannte „Efferenzkopie“ ihrer Aktivität den sensorischen Gehirnzentren zu, die an der Wahrnehmung der Tiefensensibilität beteiligt sind. Das bedeutet, daß diesen sensorischen Zentren schon im voraus die vorgesehene Muskelaktivität gemeldet wird. Diese Kopie kann mit den Informationen der Propriorezeptoren verglichen werden. Dadurch werden die tatsächlich wichtigen Informationen herausgefiltert. Weitere Möglichkeiten zur Konkretisierung dieser Informationen bieten die afferente und die efferente Hemmung.

Ein weiterer Aspekt der Tiefensensibilität ist die unterschiedliche Art der Reaktionen von Neuronen, die Signale von den Propriorezeptoren erhalten. Neuronen, die nur dann feuern, wenn ein Glied in eine bestimmte Richtung (beugen bzw. strecken) bewegt wird, adaptieren sehr schnell und feuern daher um so stärker, je höher die Geschwindigkeit der Bewegung ist. Daneben gibt es Neuronen, die dann optimal ansprechen, wenn ein Glied bewegt wird und anschließend in einer bestimmten Stellung gehalten wird. Diese Neuronen adaptieren langsam und ihre Antwortintensität hängt vom Grad der Beugung bzw. Streckung des Gliedes ab. Weiterhin gibt es sogenannte Stellungsneuronen, die bei einer gehaltenen Stellung des Gliedes maximal feuern. Diese Neuronen sprechen optimal auf die Bewegung oder Stellung nur eines bestimmten Gelenkes an. Es gibt aber auch Neuronen, die nur optimal antworten, wenn mehrere Gelenke gleichzeitig bewegt werden. Man kann sich leicht vorstellen, welch enorme Informationsmenge im Cortex verrechnet werden muß, wenn man bedenkt, daß der Mensch über 60 Gelenke hat.

2.1.2.6. Der Aufbau des Körperschemas

Der Aufbau der räumlichen Tastwelt setzt sich zusammen aus der Tiefensensibilität, der Mechanorezeption und teilweise auch aus den Temperaturempfindungen der Haut. Hauptsächlich wird uns die Tastwelt durch die sich aktiv bewegende Hand vermittelt. Obwohl die visuellen Eindrücke bei der Raumwahrnehmung eine wesentliche Rolle spielen, sind eine Vielzahl von Umwelteigenschaften überwiegend über die Tastfunktionen vermittelbar.

„Der subjektive Gesamteindruck der Stellung des Körpers im Raum wird im wesentlichen gewonnen aus einer integrativen Auswertung der über den Stellungssinn erhaltenen Informationen mit von den Labyrinthen der Gleichgewichtsorgane kommenden Informationen über die Stellung des Kopfes im Schwerefeld der Erde“11

Das sich so entwickelnde Körperschema festigt sich im Laufe der Entwicklung immer mehr. Schädigungen in den zuständigen Cortexarealen können zu Orientierungsstörungen oder zum (teilweisen) Verlust des Bewußtseins der eigenen Körperlichkeit führen. Solche Ausfälle haben zur Folge, daß sich Patienten selbst in einer ihr vertrauten Umgebung verlaufen, oder daß sie eine Körperhälfte beim An- und Auskleiden oder bei der Körperpflege völlig ignorieren. Welche Rolle das aktive Berühren beim Aufbau des Körperschemas spielt, wird im folgenden Abschnitt näher betrachtet.

2.1.2.6.1. Aktives Berühren

Das aktive Berühren ist ein alltäglicher Vorgang. Im Gegensatz zu allen Untersuchungen, die bisher aufgezeigt wurden, wird hier zum einen das Zusammenspiel von Propriozeption und Mechanozeption, zum anderen eben dieses aktive Abtasten, Manipulieren und Bewegen berücksichtigt. Die bisherigen Untersuchungen wurden an passiven Probanden durchgeführt, und einzelne Reize wirkten auf ihre Haut ein. An dieser Stelle soll nun eine psychophysische Analyse des aktiven Berührens dargestellt werden. Die Physiologie des aktiven Berührens basiert auf den oben dargestellten Abläufen der Mechano- und Propriozeption.

Zum Vergleich der subjektiven Empfindungen des aktiven und passiven Berührens wird ebenfalls die Fähigkeit untersucht, Gegenstände durch aktives bzw. passives Berühren zu erkennen.

„Demonstrationsversuch: Der Vergleich von aktivem und passivem Berühren Bitten Sie eine Person, fünf oder sechs kleine Gegenstände auszuwählen, die Sie erkennen sollen. Schließen Sie Ihre Augen und lassen Sie sich jeden Gegenstand von der Person in die Hand legen. Sie sollen das Objekt allein durch Tasten erkennen. Achten Sie dabei genau auf das, was Sie wahrnehmen:

Ihre Finger- und Handbewegungen, Ihre Tastempfindungen und Ihre Gedanken. Machen Sie dies mit drei Gegenständen und strecken Sie dann Ihre Hand flach aus, halten Sie sie still und lassen Sie die Person jeden der übrigen Gegenstände auf Ihrer Hand umherbewegen, so daß sich ihre Oberflächen und Konturen über Ihre Haut bewegen. Sie haben dieselbe Aufgabe wie zuvor: den Gegenstand zu erkennen und darauf zu achten, was Sie wahrnehmen, während der Gegenstand über Ihre Hand bewegt wird."12

Dieser Versuch zeigt, daß sich bei passivem und aktivem Berühren das, was wir wahrnehmen und welche Art von Informationen wir erhalten, folgendermaßen unterscheiden. Beim aktiven Berühren wird das Erlebte eher mit dem Gegenstand, den wir berühren, also dem Objekt an sich verbunden, während beim passiven Berühren überwiegend unsere Empfindungen auf der Haut wahrgenommen werden. Auch die relative Bewegung zur Haut wird beim aktiven Berühren meist weniger wahrgenommen als beim passiven Berühren.

Warum bei diesen Arten der Berührung unterschiedliche Wahrnehmungseindrücke entstehen, ist nicht geklärt. Allerdings weiß man, daß eine wichtige Eigenschaft des aktiven Berührens die bewußte Absicht, die Form eines Gegenstandes festzustellen, ist. Außerdem spielt bei dieser Art des Berührens nicht nur die Mechanozeption eine Rolle, sondern auch die Propriozeption. Die Hände werden in verschiedener Weise über den Gegenstand bewegt. Durch Hin- und Herbewegen, Drücken, Umfassen und Konturnachfahren wird der Gegenstand solange abgetastet, bis seine Form festgestellt ist.

Wenn man nun die Fähigkeit des Erkennens von Gegenständen mit beiden Arten des Berührens untersucht, läßt sich allgemein feststellen, daß das aktive Berühren dem passivem überlegen ist. Allerdings kann man auch beim passiven Berühren Gegenstände erkennen, wenn diese über die Hand bewegt werden. Wird der Gegenstand lediglich in die Hand gelegt, fällt es sehr schwer, dessen Form zu erkennen. Demzufolge ist also der wichtigste Faktor der Unterscheidung von Gegenständen die Bewegung. Durch Übung kann aber das passive Berühren auch ohne Bewegung dem aktiven Berühren ebenbürtig werden. So hat ein Versuch gezeigt, daß geübte Braille-Schrift Leser auch ohne Bewegung die Buchstaben gleich gut erkannten wie beim aktiven Berühren.

Die besondere Bedeutung des aktiven Berührens liegt im Erkennen von dreidimensionalen Gegenständen. Hier ist die aktive Berührung der passiven eindeutig überlegen. Das Abtasten und Erkennen von dreidimensionalen Formen bezeichnet man als haptische Wahrnehmung. Bei der haptischen Wahrnehmung wird deutlich, wie mehrere Wahrnehmungssysteme zusammenarbeiten. Nicht nur die Informationen des sensorischen Systems, die Empfindungen der Haut (Berührung, Temperatur etc.) und die Bewegungen der Finger und Hände vermitteln, sondern auch andere Systeme liefern wichtige Informationen. Das motorische System ist verantwortlich für die Bewegung der Gelenke, hier der Finger und Hände. Das dritte System ist das kognitive System. Hier werden die Informationen des sensorischen und des motorischen Systems verarbeitet und koordiniert.

„Beispielsweise benötigt das motorische System zur Steuerung der Finger und Hände die sensorischen Informationen aus den Fingern und Händen, weiters die Wahrnehmung der Stellung der Finger und Hände, sowie die Kognitionen, die entscheiden, welche Information über den Gegenstand noch gebraucht wird, damit er schließlich erkannt werden kann.“13

An der Wahrnehmung sind also weit mehr Prozesse beteiligt als nur die Aktivität der Rezeptoren. Häufig wird die Reizung der Rezeptoren durch kognitive Prozesse beeinflußt. Diese Komplexität, die in ihrem konkreten Ablauf kaum erforscht ist, wird auch im folgenden Abschnitt, "Nocizeption" deutlich.

2.1.2.7. Nocizeption (Schmerzempfindung)

Die Qualitäten des Schmerzsinnes:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10: Schmerzqualitäten. (sinngemäß nach Zimmermann, S. 246)

Anhand der Abbildung 10 wird deutlich, wie sich die unterschiedlichen Qualitäten des Schmerzes einteilen lassen. Grundsätzlich kann man Schmerzempfindung in die beiden Qualitäten somatisch und visceral unterteilen.

Der somatische Schmerz kann entweder von der Körperoberfläche (Oberflächenschmerz) oder vom Körperinneren (Tiefenschmerz) kommen. Man spricht hier von Subqualitäten des somatischen Schmerzes. Beim Oberflächenschmerz sind zwei Schmerzphasen mit unterschiedlichem Charakter erkennbar: der erste und der zweite Schmerz.

„Sticht man zur Auslösung eines Oberflächenschmerzes die Haut mit einer Nadel, so empfindet man einen Schmerz von hellem Charakter, der gut lokalisierbar ist und nach Aufhören des Reizes schnell abklingt. Diesem ersten Schmerz folgt oft, besonders bei hohen Reizintensitäten, [...] ein zweiter Schmerz von dumpfem (brennendem) Charakter, der schwerer zu lokalisieren ist und nur langsam abklingt.“14

Der Tiefenschmerz ist ebenfalls schwerer zu lokalisieren und von dumpfem (pochendem) Charakter. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Kopfschmerz. Weiterhin ist der Tiefenschmerz oftmals von vegetativen Reaktionen wie Übelkeit und Krankheitsgefühlen begleitet.

Der viscerale Schmerz ähnelt dem Tiefenschmerz im Bezug auf Charakter und Nebenerscheinungen. Bei den nachstehenden Darstellungen habe ich den Schwerpunkt jedoch auf den somatischen Schmerz gelegt.

Eindeutige adäquate Reize für den Schmerz lassen sich nicht finden, da alle Reize, die potentiell gewebeschädigend oder tatsächlich gewebeschädigend sind, Schmerz auslösen können. Auch die Intensität desselben Schmerzreizes ist individuell unterschiedlich, da bei der subjektiven Empfindung auch Ablenkung, Aufmerksamkeit und Assoziationen eine bedeutende Rolle spielen. Schmerzreize können mechanischer, thermischer oder chemischer Natur sein. Zu den chemischen Schmerzreizen kann man einige körpereigene Stoffe zählen , die Schmerz erzeugen können. Dazu gehören zum Beispiel Acetylcholin, Serotonin, Histamin und weitere unbekanntere Polypeptide.

Zur Schmerzadaption läßt sich aus subjektiven Befunden schließen, daß der Schmerz nicht adaptiert, sondern die gereizte Körperregion eher sensibilisiert wird.

2.1.2.7.1. Die Nocizeptoren

Es gibt verschiedene Hypothesen, die den Mechanismus der Schmerzempfindung erklären. Eine der wesentlichen und heute fundierten Hypothesen ist die Spezifitätstheorie. Nach ihr gibt es für Reize besonderes hoher Intensität spezielle Schmerzrezeptoren (Nocizeptoren), deren Erregung unmittelbar zu einer Schmerzempfindung führt. Wie bei der Mechanozeption gibt es auch für die Nocizeption spezielle Schmerzpunkte, die noch zahlreicher auf der Hautoberfläche verteilt sind als die Druckpunkte. Dieser Befund macht wahrscheinlich, daß die Nocizeptoren nicht identisch mit anderen Hautrezeptoren sind. Diese Nocizeptoren reagieren beim Menschen in erster Linie auf Reize hoher gewebeschädigender Intensität. Sie sind sowohl thermosensitiv als auch mechanosensitiv. Auch in den Eingeweiden und Muskeln wurden spezielle Nocizeptoren gefunden, die auf chemische, thermische oder mechanische Reize hoher Intensität reagieren. Zahlreiche Befunde ergaben, daß die Schmerzrezeption über freie Nervenendigungen in der Haut, den Eingeweiden und überall dort, wo sonst noch Schmerz ausgelöst werden kann, erfolgt.

2.1.2.7.2. Beispiele für schmerzbeeinflussende Faktoren

Der psychische Zustand eines Menschen (z.B. durch kulturelle Einflüsse und/oder individuelle Erfahrungen) beeinflußt die Schmerzwahrnehmung beträchtlich. Dies läßt sich anhand einiger Beispiele aufzeigen.

Als erstes Beispiel möchte ich eine Zeremonie beschreiben, die in einigen Teilen Indiens praktiziert wird (siehe Abbildung 11).

„Die Zeremonie wurzelt in einer alten Praxis, nach der ein Mitglied einer sozialen Gruppe dafür ausgewählt wird, die Macht der Götter darzustellen. Der Auserwählte (oder "Zelebrant") hat die Aufgabe, während eines bestimmten Abschnitts des Jahres in einer Reihe von benachbarten Dörfern die Kinder und Feldfrüchte zu segnen. Bemerkenswert an diesem Ritual ist, daß dabei Stahlhaken, die mit starken Seilen an einem besonderen Karren befestigt sind, auf beiden Seiten des Rückens unter seine Haut und Muskeln geschoben werden [...].Der Karren wird dann von Dorf zu Dorf gebracht. Gewöhnlich hält sich der Mann an den Seilen fest, wenn der Karren bewegt wird. Doch auf dem Höhepunkt der Zeremonie in jedem Dorf hängt er frei nur an den Haken in seinem Rücken, um die Kinder und die Ernte zu segnen. Erstaunlicherweise zeigt der Mann während des Rituals keinerlei Anzeichen von Schmerz; er scheint sich vielmehr in einem "Zustand der Verzückung" zu befinden.“15

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 11: Rechts: Stahlhaken im Rücken des "Zelebranten". Links: Der Zelebrant wird so an einem Karren von Dorf zu Dorf bewegt. (aus Goldstein, S. 455)

Ein Erklärungsversuch für solche Phänomene wurde an der Universität Tübingen gestartet. Menschen, die sich unter Hypnose befinden, haben anscheinend eine veränderte Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung.

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Abbildung 12: "Der Körper ist zwar aktiv, aber das Gehirn befindet sich in einem "Mikroschlaf", der die Schmerzen ausblendet. So enthält das EEG des Fakirs während des Schmerzreizes [...] deutlich mehr schlafähnliche Frequenzanteile als das von wachen Kontrollpersonen, die einen zugefügten Schmerzreiz mental unterdrücken sollten [...]. Ähnliche Spitzen zeigt das EEG auch bei Menschen mit anderen "hochaktiven Trance-Zuständen", beispielsweise bei Marathonläufern." (aus Luczack, S. 21)

Wie solche Trance-Zustände die Verarbeitung der Schmerzreize im Zentralnervensystem verändern, ist noch ungeklärt. Man nimmt an, daß diese Schmerzunempfindlichkeit durch die extrem gesteigerte Vorstellungskraft und Konzentration auf andere, so entstehende Wahrnehmungen ermöglicht wird. Körpereigene Opiate sollen jedenfalls keine Rolle spielen.

„Die gesamte Aufmerksamkeit werde derart absorbiert, daß bestimmte Affekte, wie der Schmerz im Gehirn "abgespalten" werden können.“16

Die Hypnose eröffnet jedenfalls neue Aspekte und Fragestellungen, deren Klärung die komplexen Zusammenhänge erweitern und/oder zu einem besseren Verständnis der Abläufe in den höheren Zentren führen könnte.

Auch andere Beobachtungen zeigen, wie der psychische Zustand die Schmerzwahrnehmung beeinflußt. Nach einer Operation äußern Patienten häufig Unbehagen und verlangen nach einem Schmerzmittel. Sie assoziieren mit der Operationswunde meist eine mehr oder minder schwere Erkrankung. Kriegsverletzte dagegen baten nach einer schweren Operation, wie beispielsweise der Amputation eines Beines, seltener um ein Schmerzmittel, da sowohl der Streß im Kampfeinsatz als auch die Assoziation, nicht mehr an der Front und somit in Sicherheit zu sein, sie scheinbar schmerzunempfindlicher machten. Auch der sogenannte Placebo-Effekt zeigt, daß die Schmerzempfindung durch Verabreichung eines als schmerzlinderndes Medikament ausgegebenen Placebos, beeinflußt wird. Einen weiteren Befund ergab eine klinische Studie. Patienten, die über einen bevorstehenden Eingriff und dessen Folgen ausreichend aufgeklärt waren und Entspannungstechniken gegen Schmerz erlernt hatten, wollten nach der Operation weniger Schmerzmittel und waren einige Tage früher genesen als Patienten, die nicht aufgeklärt wurden.

Eine der zahlreichen und größtenteils noch unbekannten Mechanismen, wie höhere Zentren die Schmerzempfindung beeinflussen können, beschreibt eine viel diskutierte Hypothese: die GateControl-Theorie nach RONALD MELZACK und PATRICK WALL (1965, 1988).

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Abbildung 13: Links: Querschnitt durch das Rückenmark mit Substantia gelatinosa (dunkelgrau). Rechts: Der von Melzack und Wall vorgeschlagene Schaltkreis für die Filter-Kontroll-Theorie.(aus Goldstein, S. 456)

Die Substantia gelatinosa, ein Bereich im Hinterhorn des Rückenmarks, und Übertragungszellen (T- Zellen) in der Nähe des Hinterhorns bilden dieses sogenannte Filter-Kontrollsystem. In der Substantia gelatinosa sind zwei Arten von Zellen, die das Filtersystem beeinflussen. Die SG+ Zellen öffnen den Schmerzfilter, indem sie erregende Signale an die Übertragungszellen senden, sie sind von dünnen Nervenfasern, sogenannten S-Fasern, innerviert (diese leiten auch Impulse der Nocizeptoren weiter). Die SG- Zellen schließen den Schmerzfilter, indem sie hemmende Signale an die T-Zellen senden, sie sind von dicken Nervenfasern (L-Fasern) innerviert. Diese dicken Fasern leiten Informationen über taktile, nichtschmerzhafte Reize weiter (vergleiche „Die Anatomie des somatosensorischen Systems“). Weiterhin haben höhere Zentren einen direkten Einfluß auf die SG- Zellen und können so den Schmerzfilter schließen.

„Zwar ist der neuronale Schaltkreis, den die Filter-Kontrolltheorie vorschlägt, in seiner spezifischen Form nicht allgemein akzeptiert (Nathan 1976), doch zahlreiche Forschungsarbeiten stützen die These, daß die Schmerzwahrnehmung nicht nur von Signalen der Nocizeptoren, sondern auch von Signalen von Fasern, die nichts mit der Schmerzwahrnehmung zu tun haben, sowie von höheren Zentren beeinflußt wird.“17

Die durch Akupunktur erzielte Schmerzreduktion läßt sich mit der Gate-Control-Theorie erklären. Wenn an den Nadeln, die an bestimmten Stellen des Körpers in die Haut gestochen wurden, gedreht oder ein elektrischer Strom an diese angeschlossen wird, kann dies eine Schmerzlosigkeit ohne Verlust des Bewußtsein hervorrufen (Analgesie). Der Filter wird durch die Stimulation an den Nadeln geschlossen, weil dadurch die L-Fasern oder Fasern, die vom Gehirn kommen, aktiviert werden.

Reizt man bestimmte Gehirnareale mit elektrischen Impulsen, so ist ebenfalls eine Reduktion der Schmerzempfindlichkeit beobachtbar. Man nennt dieses Phänomen „stimulationsbedingte Analgesie“. Diese Wirkung der Gehirnstimulation wurde in vielen Experimenten bestätigt und stärkt die Hypothese, daß höhere Zentren die Schmerzwahrnehmung beeinflussen.

Eine weitere bedeutende Rolle bei der Schmerzwahrnehmung spielen die Endorphine. Endorphine sind körpereigene Substanzen, die den Opiaten in ihrer Funktion stark ähnlich sind. Sie werden im Gehirn produziert und können den Schmerz auf dieselbe Art und Weise lindern wie schmerzlindernde Medikamente, da sie im Gehirn genau an den gleichen Stellen wirken. Mit Hilfe des Medikamentes Naloxon wurden weitere Zusammenhänge zwischen Endorphinen und Schmerzwahrnehmung gefunden.

Naloxon hemmt die Wirkung von Opiaten. Akupunktur und stimulationsbedingte Analgesie verlieren ihre Wirkung unter dem Einfluß von Naloxon. Naloxon hemmt also die Wirksamkeit der Endorphine und verhindert somit die Möglichkeit der höheren Zentren, bei Akupunktur oder „stimulationsbedingter Analgesie“ schmerzlindernde Signale auszusenden.

Auch der Placebo- Effekt verliert mit Naloxon seine Wirkung. Dies bedeutet, daß es eine physiologische Erklärung dieses Effektes gibt, nämlich die Wirkung von Endorphinen. Letztlich spielen die Endorphine auch bei der streßinduzierten Analgesie eine Rolle. Was in Tierexperimenten nachgewiesen wurde, bestätigt sich auch in subjektiven Erfahrungen. Unter dem Einfluß von Streß wird die Schmerzempfindlichkeitsschwelle erhöht. Ein Beispiel kann dies verdeutlichen: Ein Mensch, der Extremsportarten, wie beispielsweise Fallschirmspringen betreibt, ist in der ersten Zeit enormem Streß ausgesetzt, weil ihn die Erfahrung des freien Falls überfordert. Selbst wenn der Fallschirm geöffnet ist, fällt die erste Erleichterung schnell ab, da die Landung auch noch unbeschadet vollzogen werden muß. Verletzungen, wie Prellungen oder Stauchungen bei der Landung, werden oft erst Stunden später wahrgenommen.

Weitere Faktoren, welche die Komplexität der Prozesse, die bei der Schmerzwahrnehmung eine Rolle spielen, veranschaulichen, sind abnorme oder spezielle Schmerzformen. Im Rahmen dieser Arbeit soll aber an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden. Ich verweise stattdessen auf SCHMIDT, R.F. S.251.

Wie bei allen Sinnesmodalitäten ist relativ viel über die Funktionsweise der Rezeptoren und deren Verschaltungen und Bahnen zum Gehirn bekannt. Trotzdem weiß man heute sehr wenig über die tatsächlichen Prozesse der Verarbeitung in den höheren Zentren.

2.1.3. Das interindividuelle Wahrnehmungserleben

Grundsätzlich läßt sich aus den bisher dargestellten Zusammenhängen schließen, daß die Wahrnehmung der Menschen individuell gestaltet ist. Das bedeutet, dasselbe Reizmuster kann bei mehreren Personen zu unterschiedlichem Wahrnehmungserleben führen. Wie viele Faktoren bei der Wahrnehmung eine Rolle spielen, wurde in diesem Kapitel angedeutet. Nicht nur die individuelle Beschaffenheit der Sinnesorgane im Bezug auf Rezeptorstrukturen (beispielsweise das Fehlen eines Zapfenpigments bei farbfehlsichtigen Menschen) bestimmt das subjektive Wahrnehmungserleben der Menschen, sondern auch die zentrale Verarbeitung der Informationsmuster, der psychische Zustand, individuelle Vorerfahrungen, äußere Einflüsse, wie Streß und Kultur. Dies wird besonders bei der Schmerzwahrnehmung deutlich. Viele Wahrnehmungsqualitäten ähneln sich vielleicht mehr oder weniger, doch wird es wohl immer eine Variationsbreite innerhalb gewisser Grenzen geben.

„Doch unabhängig davon, was ich glaube, muß man sich stets vor Augen halten, daß es keine Möglichkeit gibt, genau festzustellen, was andere Menschen erleben, nicht nur bei der Schmerzwahrnehmung - die, wie gesagt wohl am schwierigsten interindividuell zu vergleichen ist- sondern auch bei allen anderen Sinnesmodalitäten. So lebt nicht nur Ihr Hund oder Ihre Katze in einer anderen Wahrnehmungswelt als Sie, sondern soweit wir das beurteilen können, leben auch andere Menschen in einer anderen Wahrnehmungswelt als Sie.“18

An dieser Stelle möchte ich darauf verweisen, daß genau diese Erkenntnis auch während meiner Recherchen für diese Arbeit deutlich hervorgetreten ist. Selbst in der nur für dieses Kapitel verwendeten Literatur fanden sich unter den verschiedenen Autoren wohl einige übereinstimmende Meinungen und Hypothesen, doch ebenso stieß ich immer wieder auf unterschiedliche, teilweise sich widersprechende Erklärungsversuche. Ein Beispiel hierfür ist die Gate-Control-Theorie. SCHMIDT/THEWS sind überzeugt, daß der neuronale Schaltkreis dieser Theorie heute nicht mehr zu halten ist, während GOLDSTEIN sich eindeutig für diese Hypothese ausspricht und beide sich auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu befinden glauben. Wohl stützen sich alle Autoren auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse, jedoch allein die Erkenntnis, wie komplex und letztlich unüberschaubar die neuronalen Vorgänge bei der Wahrnehmung sind, macht meiner Meinung nach deutlich, daß wir wohl nie vermeiden können, unbewußt eigene Überzeugungen, nicht immer wissenschaftliche Interpretationen, Erfahrungen und Intuitionen in die Erkenntnisfindung miteinfließen zu lassen. Genau diese individuellen kognitiven Prozesse lassen selbst das, was nach wissenschaftlichen Kriterien eindeutig belegt ist, für jeden einzelnen von uns andere Facetten annehmen. Hiermit ist meines Erachtens zwar der Grundstock für stetiges Finden neuer Fragen und Wissenschaftsdisziplinen gelegt, gleichzeitig jedoch die Gefahr gegeben, daß aufgrund der mannigfaltigen Theorien eine echte interdisziplinäre Zusammenarbeit und Erkenntnisfindung erschwert wird.

Noch deutlicher wird dies im Abschnitt „Wahrnehmungspsychologie“ werden, in dem sich ein anderer Wissenschaftszweig mit der Wahrnehmung des Menschen auseinandersetzt. Zum Abschluß dieses Abschnitts möchte ich nun, in Bezug zu den in Kapitel 3 beschriebenen entwicklungspsychologischen Aspekten, einen kurzen perspektivischen Ausblick aufgrund der bis hierher dargestellten Überlegungen geben.

2.1.4. Entwicklungspsychologische Perspektive nach Goldstein

Eine der Methoden zur Untersuchung der Wahrnehmungsentwicklung ist, wenn man in die normale Entwicklung durch künstliche Veränderung der Sinnesleistungen eingreift. Solche Experimente wurden bei Tieren gemacht, indem man beispielsweise bei jungen Katzen ein Auge abdeckte und diese so aufwachsen ließ. Das Ergebnis solcher Experimente war, daß es bestimmte kritische Phasen im frühen Leben eines Lebewesens gibt, die für die Entwicklung der spezifischen Sinne entscheidend sind. Ebenfalls konnte man feststellen, daß selbst bei erwachsenen Tieren durch Veränderung des die Cortexareale erreichenden Informationszuflusses die Organisation der Areale beeinflußbar ist.

Die Somatopie der Cortexareale im somatosensorischen System ist durch Stimulationssteigerung bzw. -minderung entsprechend veränderbar, auch bei erwachsenen Individuen. Aber nicht nur die Intensität der Stimulationen durch nervliche Impulse beeinflussen die Organisation der Cortexareale, sondern auch die zeitliche Koordination von Stimulationen aus benachbarten Körperteilen. Das bedeutet, daß sich durch gleichzeitige Stimulation benachbarter Körperteile auch die normalerweise strikten Trennungslinien zwischen den entsprechenden Cortexarealen auflösen lassen. Schlußfolgernd kann man sagen, daß diese Cortexareale Aufgaben aus benachbarten Arealen übernehmen können, ohne die Fähigkeit zu verlieren, ihre ursprünglichen und spezifischen Aufgaben bewältigen zu können.

„Die cortikale Organisation ist nicht starr und statisch, sondern läßt sich durch die im Cortex eintreffende Stimulation formen. [...]“ Hinzu kommt der Aspekt, „[...] daß die cortikale Organisation nicht nur vom bloßen Vorhandensein von im Cortex eintreffenden Signalen abhängt, sondern auch von den Beziehungen zwischen den Signalen aus unterschiedlichen Körperteilen“19

2.2. Wahrnehmungspsychologie

Innerhalb der Wahrnehmungspsychologie gab es in der Geschichte zahlreiche Erklärungsversuche und Denkmodelle, die den Begriff der Wahrnehmung zu definieren versuchten. Sie alle versuchten, die Frage zu klären, was genau in unserem Gehirn abläuft, wie die Informationen verarbeitet werden, und warum wir schließlich Dinge, Personen und Ereignisse in der uns kaum bewußten Komplexität wahrnehmen und nicht eine Flut isolierter Reize, die uns die verschiedenen Rezeptorsysteme liefern. Ich will nun hier einige der wichtigsten Ansätze kurz umreißen, um zu zeigen, wie sich die Theorien gewandelt haben.

2.2.1. Die strukturalistische Auffassung

Unorganisierte und gesonderte sensorische Erfahrungen werden zu Wahrnehmungen verschmolzen, indem diese Erfahrungen organisiert und ergänzt werden. Das bedeutet, der Wahrnehmungsvorgang kann in eine Reihe psychischer Prozesse zerlegt werden. Frühere Erfahrungen bestimmen, was als Einheit wahrgenommen wird. Man kann einen Gegenstand nur als Ganzes sehen, wenn man die verschiedenen Teile dessen schon unzählige Male zuvor zusammen gesehen hat und diese daher verschmolzen werden können. Man ging davon aus, daß es eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung zwischen den Umweltreizen und den einzelnen Empfindungselementen gab, und daß diese dann mosaikartig zusammengesetzt wurden. Die Gestalttheorie widerlegte aber mit Hilfe der Sinnestäuschungen diese Auffassung, daß es auch bei komplexen Gebilden eine konstante Beziehung zwischen Reiz und Empfindung gibt.

2.2.2. Die Gestalttheorie

Im Gegensatz zur strukturalistischen Auffassung geht die Gestaltpsychologie davon aus, daß es einfache Empfindungseinheiten gar nicht gibt, sondern daß die Wahrnehmung von Grund auf ganzheitlich gestaltet ist.

Nicht nur frühere Erfahrungen, sondern im wesentlichen die Gesetze der Form und Organisation eines Reizes bestimmen die Wahrnehmung. Angeborene Gesetzmäßigkeiten der Gehirnorganisation bestimmen, mit welcher Tendenz sich ein Reizmuster zusammenfügt und als Einheit wahrgenommen wird. Darüber hinaus bestimmt die Relation der verschiedenen Reizmuster, wie diese untereinander zusammenhängen und in welcher Weise sich die Wahrnehmung gestaltet.

Nach diesen Gesetzen werden Teile der Wahrnehmung ausgegliedert, nebeneinanderstehende Reizmuster neu strukturiert und organisiert, so daß ein sinnvolles Ganzes entsteht.

Allerdings muß dieser Erklärungsversuch als unzureichend angesehen werden. Zwar kann in Laborversuchen diese Auffassung bestätigt werden, jedoch sind diese rein formalen Organisationsprinzipien in der alltäglichen Wahrnehmung nicht bestätigt. Die Rolle der Bedeutung eines subjektiv wahrgenommenen Objektes wurde nämlich nicht berücksichtigt. Ein Kind nimmt beispielsweise nur persönlich bedeutungsvolle Objekte war und dabei steht nicht das Objekt selbst, sondern im wesentlichen dessen Bedeutung im Vordergrund.

2.2.3. Die Theorie der sozialen Wahrnehmung

Soziale Wahrnehmung bedeutet, daß Motive, Einstellungen, Emotionen und Erfahrungen bei der Wahrnehmung eine bedeutende Rolle spielen und daher sozial bedingt ist. Wahrnehmung wird durch Erwartungen oder Einstellungen gesteuert.

„Die Stärke einer Erwartung wird bestimmt durch die Wahrscheinlichkeit ihrer Bestätigung auf Grund früherer Erfahrungen und von ihrer kognitiven, motivationalen und sozialen Einbettung“20

Der Wahrnehmungsablauf beginnt mit der Bereitschaft, etwas wahrzunehmen, und mit einer bestimmten Erwartung. Das Individuum nimmt Informationen aus der Umwelt auf und gewinnt so Aufschluß über seine Umgebung. Je nachdem, ob die aufgenommenen Informationen mit der vorangegangenen Erwartung übereinstimmen oder nicht, wird diese Erwartung bestätigt oder korrigiert. Wahrnehmung ist somit immer ein Kompromiß zwischen Erwartungshaltung und tatsächlichen Umweltaufschlüssen.

Die für das Individuum relevanten Einzelheiten werden also in Abhängigkeit von unterschiedlich ausgeprägten Erwartungshaltungen aus der Gesamtheit der möglichen Umweltdaten herausgefiltert. Man bezeichnet dies als „Selektivität“.

„Dies zeigt sich im Alltagsleben in der Weise, daß wir manches, das uns in die Augen zu springen scheint, nicht sehen, während wir andere, scheinbar unauffällige Dinge, sofort erfassen.“21

Diese „Selektivität“ ist durch drei verschiedene Mechanismen, nämlich durch Sensitivierung, Wertresonanz und Wahrnehmungsabwehr gesteuert.

Im Gegensatz zur Gestalttheorie werden die Wahrnehmungen nicht anhand von angeborenen Gesetzestendenzen organisiert, sondern eben durch solche verhaltensbeeinflussende Erwartungshaltungen. Diese Erwartungshaltungen werden gefestigt und fixiert, wenn wiederholte Bestätigungen durch das wirklich Wahrgenommene stattfinden. Dabei ist zu beachten, daß bei der Wahrnehmung die für die Erwartungen relevanten Reizmuster akzentuiert, also besonders hervortretend, wahrgenommen werden.

2.2.4. Wahrnehmung als sinnliche Widerspiegelung

Wahrnehmung wird hier als Prozeß der Abbildung der objektiven Umwelt im subjektiven Bewußtsein verstanden.

„Da alle Materie sich in dauernder Bewegung befindet, tritt der Organismus als Teil der materiellen Welt mit den übrigen Dingen der materiellen Welt in Wechselwirkung, und dieses Wechselwirkungsverhältnis wird im Bewußtsein des Menschen widergespiegelt.“22

Der Abbildungsprozeß erfolgt durch aktive Tätigkeiten und Aneignungen. Das gesellschaftliche Umfeld, in dem sich das Individuum befindet, geht als weiterer Faktor in die Erkenntnis der Dinge mit ein. Sachverhalte, Personen und Gegenstände werden mit unterschiedlichen Bedeutungen wahrgenommen. Die menschliche Wahrnehmung ist also einer naturgeschichtlichen und historischen Entwicklung unterworfen. Bedeutungen werden durch das menschliche Tun im gesellschaftlich geschichtlichen Kontext erst geschaffen.

„In zunehmendem Maße gewinnen Gegenstände, Personen und Sachverhalte an Bedeutung, bzw. werden ihre figural-qualitativen Merkmale und Eigenschaften zur sinnlichen Verkörperung ihrer gegenständlichen Bedeutungshaftigkeit. Die verschiedenen Formen von Gegenstandsbedeutungen verdichten sich zu Bedeutungsstrukturen, und das Kind lernt, sich gegenüber diesen Dingen und sozialen Sachverhalten immer adäquater zu verhalten.“23

Das Verständnis von Wahrnehmung als Prozeß der Widerspiegelung betont die Bedeutungshaltigkeit der Wahrnehmung und löst sich von dem Ausgangspunkt, die Wahrnehmung als eine reine Bewußtseinsfunktion zu sehen. Die „inneren Bedingungen“ beeinflussen die Widerspiegelung der unabhängig davon existierenden Umwelt.

2.2.5. Weitere Theorien

Um die Fülle der verschiedenen Theorien zu verdeutlichen, sollen hier noch weitere Ansätze kurz skizziert werden. Ich beschränke mich jedoch im Rahmen dieser Arbeit lediglich auf die Grundaussagen, da sich manche Aussagen meines Erachtens zumindest teilweise ähnlich sind.

2.2.5.1. Derökologische Ansatz von Gibson

Einige der bisher dargestellten Theorien beginnen bei der Reizung eines Rezeptors und gehen davon aus, daß es im Organismus Prozesse gibt, welche die eintreffenden Informationen verarbeiten und zur Wahrnehmung werden lassen.

Gibson dagegen geht davon aus, daß jeder Reiz von Natur aus eine bestimmte Energie mit sich trägt, schon bevor unsere Rezeptoren aktiviert werden. In dieser Energie sind sämtliche Informationen enthalten, die wir zur Wahrnehmung der Umwelt brauchen. Die Aufgabe des Individuums bleibt lediglich, den besonderen Aspekt des Reizes auszuwählen, um die Information zu bekommen, die es sucht.

2.2.5.2. Der Kognitionismus

Das Gedächtnis bestimmt die aktiven Prozesse des Individuums. Dadurch wird das, was wahrgenommen wird, erst geformt. Frühere Reste von Erfahrungen werden zu den durch Reize ausgelösten Empfindungen hinzugefügt. Das bedeutet, daß ein bestimmtes Reizmuster mit eben wahrgenommenen Reizen in Verbindung gebracht wird. Die frischen Erinnerungen an kurz zuvor Wahrgenommenes beeinflussen die Wahrnehmung des momentanen Reizmusters. Daraus folgert man, daß aus der Gesamtmenge von Einzelwahrnehmungen durch Organisation und Ergänzungen ein Gesamteindruck konstruiert wird.

2.2.5.3. Die Anpassungsniveau-Theorie

Diese Theorie geht von der Gestalttheorie aus, erweitert diese aber ähnlich wie die Theorie der sozialen Wahrnehmung. Es wird unterschieden zwischen eben wahrgenommenen Reizen und Hintergrundreizen. Hintergrundreize (Kontextreize) sind alle Reize, in deren Kontext der aktuelle Reiz (fokale Reiz) empfangen wird. Daneben wird die Wahrnehmung auch von sogenannten residualen Reizen mitbeeinflußt. Durch das Hinzukommen von residualen Reizen wird die Wirkung früherer Erfahrungen mit den Wirkungen momentaner Erfahrungen vereinigt. Hiermit ist eine Erklärung für Motivation und andere psychologische Zustände gegeben, welche die Psyche eines Individuums verändern und dadurch auch seine Wahrnehmung mitbestimmen.

Hintergrundreize und residuale Reize fließen zu einem Vergleichswert, dem Bezugsreiz, zusammen, an dem ein fokaler Reiz gemessen wird. Dieser Bezugsreiz ist dann das Anpassungsniveau. Alle Wahrnehmungen werden in Relation zu diesem Anpassungsniveau gesetzt. Dadurch ergibt sich, daß fokale Reize, die über dem Niveau liegen, mit dem gegensätzlichen Attribut versehen werden wie Reize, die unter dem Niveau liegen.

2.2.6. Die Organisation der Wahrnehmung

Wie bereits deutlich wurde, ist die Wahrnehmung der Umwelt immer individuell geprägt. Jeder Mensch hat andere subjektive Eindrücke von ein und demselben Reizmuster, da zahlreiche Faktoren die Verarbeitung der Informationen beeinflussen können. Trotzdem lassen sich, wie in der Physiologie der Wahrnehmung, in der Wahrnehmungspsychologie einige Gesetzmäßigkeiten feststellen. Einige Psychologen haben versucht, die Relationen zwischen Reizmuster und dem letztendlichen Wahrnehmungserleben zu erkennen. Aus dem vorangegangenen Abschnitt wird jedoch deutlich, daß die unterschiedlichsten Sichtweisen der Wahrnehmung zu teilweise verschiedenen Ergebnissen geführt haben. Die einzelnen Theorien sind heftig kritisiert worden, und immer wieder wurden neuere, vermeintlich umfassendere Theorien aufgestellt. Es wurden unterschiedliche Schwerpunkte gefunden und im Hinblick auf das Bestreben, eine ganzheitliche Erkenntnisfindung zu erlangen, lassen sich die Gesetzmäßigkeiten, welche aus einer bestimmten Sichtweise heraus aufgestellt wurden, nicht nach einer bevorzugten Wahrnehmungstheorie aussondern. Deshalb habe ich mich entschieden, die mir wichtig erscheinenden Faktoren der Wahrnehmungsorganisation, auch wenn sie ihre Begründung in verschiedenen Standpunkten haben, darzustellen. Im Bewußtsein meiner subjektiven Sichtweise erhebe ich nicht den Anspruch, hier eine unumstößliche Darstellung gefunden zu haben. Sie ist aus den Abwägungen meiner persönlichen Überzeugung und Erfahrungen, die ich mit den Meinungen der verschiedenen Autoren verglichen habe, heraus entstanden.

Sämtliche Beispiele, die zur Veranschaulichung der Wahrnehmungsfaktoren angeführt werden, sind aus dem visuellen Bereich gewählt, gelten aber auch für die taktile Wahrnehmung.

2.2.6.1. Figur und Grund

„Figur-Grund Differenzierung ist die einfachste Form der Wahrnehmungsorganisation. Sie ist für die Wahrnehmung so unumgänglich, daß es Menschen manchmal schwerfällt zu erkennen, daß sie eine solche Differenzierung vornehmen [...].“24

Wenn beispielsweise ein visueller Reiz als Figur erkannt wird, muß er bestimmte Eigenschaften aufweisen. Normalerweise wird nämlich die geschlossene und kleinere Einheit eines Reizmusters als Figur erkannt.

Weiterhin spielt die Beschaffenheit der Kontur einer Figur eine bedeutende Rolle. Normalerweise ist bei jeder Figur ein Umriß vorhanden, der sie vom Grund trennt. Ist die Kontur aber unterbrochen, fällt es uns schwerer, die eigentliche Figur zu erkennen. Je nach Ausmaß der Unterbrechungen des Umrisses können Figur und Grund sogar ihre Rollen vertauschen.

„Bei einer solchen Umkehrung springt die Figur in frappanter Weise von einer Figur zur anderen, und das Aussehen der Kontur ändert sich merklich.“25

Beispiel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 14: Was kann man auf diesem Bild erkennen? Zunächst sieht man fünf schwarze Formen einschließlich eines Pfeiles. Läßt man diese Formen aber zum Grund werden, erkennt man das Wort „FLY“. Das Wort ist versteckt, weil ein Teil der wesentlichen Kontur fehlt. (aus Krech und Crutchfield, S. 71)

Daneben ist zu bemerken, daß das, was momentan als Figur gesehen wird, immer geschlossener erscheint als es vielleicht ist. Die Tendenz, Konturen zu schließen, ist immer dann am größten, wenn dadurch eine Vereinfachung der Reizmuster ermöglicht wird. Dabei heben sich die entstandenen Figuren räumlich vom Hintergrund ab und erscheinen deutlicher im Vordergrund.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 15: Links: Das Dreieck wird durch subjektive Konturen ergänzt, es scheint auf den drei schwarzen Kreisen zu „liegen“. Mitte: Man kann sich vorstellen, daß die drei Linien, wenn man sie ergänzt, ein Dreieck ergeben, jedoch ist die Tendenz dazu nicht stark genug, tatsächlich ein Dreieck sehen zu wollen. Man kann sich leichter ein auf der Spitze stehendes Dreieck vorstellen, das vor dem eigentlichen Dreieck steht. Dieses auf der Spitze stehende Dreieck ist vollständig subjektiv. Rechts: Die Tendenz, eine subjektive Figur zu bilden ist auch hier gegeben, jedoch wiederum nicht sehr stark. Bemerkenswert ist hier, daß die subjektiven Figuren interindividuell unterschiedlich sind. Man kann sowohl einen kleinen Kreis als auch ein kleines, auf der Basis stehendes Dreieck sehen. (aus Krech und Crutchfield, S. 74)

2.2.6.2. Gruppierung

Im Normalfall nehmen wir in der alltäglichen Wahrnehmung nur selten eine einzelne Figur auf einem Grund auf, sondern mehrere Figuren teilen sich einen gemeinsamen Grund. Diese Figuren zeigen das Bestreben, sich zu Gruppierungen zusammenzufügen und/oder eine „Überfigur“ zu bilden.

„Die ältesten Zusammenhangsdeutungen sind die Sternbilder. Obgleich die Orte der Sterne eines Sternbildes, wie beispielsweise für den Großen Bären, nicht mehr miteinander zu tun haben wie andere Sterne auch, werden sie im Blick von unserer Erde zu Bildern verschmolzen und scheinen so die Sternenwelt etwas verständlicher zu machen.“26

Ein wichtiger Faktor für solche Zusammenfügungen ist das Prinzip der Nähe. Ob auf zeitlichen oder räumlichen Abstand bezogen, Reize, die schnell aufeinanderfolgen oder nahe zueinanderstehen, gruppieren sich eher als, nach diesen Prinzipien, weiter voneinander entfernte. Auch die Tendenz, Verwandtschaften zueinander zu entdecken, also nach Ähnlichkeiten zu suchen, bestimmt die Art und Weise, wie Reize zueinander gruppiert werden. Dies gilt nicht nur für den visuellen Sinn, sondern auch für alle übrigen Sinne.

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Abbildung 16: Die Punkte werden als senkrechte Reihen gesehen, weil sie in der vertikalen Richtung näher beisammen sind als in der horizontalen. (aus Krech und Crutchfield, S. 75)

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Abbildung 17: Obwohl die Punkte gleich weit voneinander entfernt sind, werden die Reihen als horizontal wahrgenommen aufgrund von Gruppierung nach Ähnlichkeit (aus Krech und Crutchfield, S. 71)

2.2.6.3. Gute Gestalt

Die Bevorzugung von Reizen, die eine „gute Gestalt“ bilden, ist ebenso ein Organisationsprinzip für die Wahrnehmung. Es zeigt sich das Bestreben, Elemente zu verbinden, so daß eine Bewegung oder eine Linie in eine bereits bekannte Richtung fortgesetzt werden kann (siehe dazu Abbildung 17). Gruppierungen, die zu einem ausgewogenen oder symmetrischen Ganzen vereinigt werden können, werden besonders bevorzugt. Wenn sich die Elemente einer Gruppierung in die gleiche Richtung bewegen oder sich alle Richtungen entgegensetzen, werden solche Gruppierungen, nach dem Prinzip des „gemeinsamen Schicksals“ besonders bevorzugt.

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Abbildung 18: Das Prinzip der guten Fortsetzung bewirkt, daß die Figur aus den beiden direkt darunter befindlichen Teilen zu bestehen scheint, obwohl sie rein logisch betrachtet, auch aus den beiden untersten Teilen bestehen könnte. (aus Krech und Crutchfield, S. 71)

2.2.6.4. Veränderungen und Sättigung der Wahrnehmungsorganisation

Unsere Wahrnehmung kann sich ändern, obwohl die Sinnesreize unverändert bleiben. Solche Veränderungen können durch Abwandlungen der Erwartungshaltungen, Einstellungen oder Aufmerksamkeit hervorgerufen werden. Bis zu einem gewissen Grad können Veränderungen vom Individuum gesteuert werden.

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Abbildung 19: Beispiel für eine Kippfigur. Man kann sowohl eine weiße Vase auf schwarzem Hintergrund erkennen, als auch die Seiten zweier Köpfe, die sich anschauen. (aus Krech und Crutchfield S.77)

Durch Adaptationsvörgänge können solche Umkehrungen ebenfalls zustande kommen. Die jeweils stärker wahrgenommene Alternative verblaßt, und die andere Alternative tritt stärker zum Vorschein. Man spricht hier auch von Sättigung.

2.2.6.5. Aufmerksamkeitsschwankungen

Zeitliche Schwankungen der Aufmerksamkeit sind vom physiologischen Zustand des Individuums und teilweise von dessen eben vorangegangenen Wahrnehmungen abhängig. Wachen oder schlafen sind die extremsten Unterschiede. Dazwischen gibt es natürlich viele Mischformen. Die Fähigkeit zur genauen Wahrnehmung über längere Zeiträume hinweg bezeichnet man als Vigilanz. Ein zu niedriges Erregungsniveau des Organismus (z.B. Müdigkeit) bewirkt ebenso eine Verschlechterung der Vigilanz als ein zu hohes Erregungsniveau (z.B. Streß).

Wichtigster Aspekt der Aufmerksamkeit ist deren selektive Natur. Damit ist gemeint, daß wir aus der Fülle von Umweltreizen, die gleichzeitig auf uns einwirken, wie beispielsweise die Kleidung auf unserer Haut, Geräusche, die uns umgeben usw., das Wesentliche herausfiltern können. Dies wird durch die sogenannte Kapazitätstheorie erklärt. Man geht von der Vorstellung aus, daß zum jeweiligen Zeitpunkt nur eine bestimmte Menge an geistiger Arbeit geleistet werden kann. Neue Reize müssen mit bereits erworbenen Erfahrungen verknüpft werden. Der Organismus kann also zwangsläufig nicht alle Sinne auf einmal verarbeiten, sondern muß jene Reize in den Mittelpunkt stellen, die für die Verarbeitung erforderlich sind

2.2.6.6. Die Bedeutungshaltigkeit der Wahrnehmung

Vor allem die Theorie der sinnlichen Widerspiegelung verweist darauf, daß die Organisation der Wahrnehmung von einer Vielfalt von Bedeutungen beeinflußt wird. Diese Bedeutungen eignen wir uns im alltäglichen Leben als Erfahrungen an. Man kann zwischen angeborenen Bedeutungen (Signalreize für den Säugling), urtümlichen Bedeutungen (Personen, Sachverhalten und Gegenständen „in sich“ gegeben), affektiven und sozialen Bedeutungen unterscheiden.

„Das Wesen, die Funktion der Bedeutungen, liegt darin, daß sie uns die Orientierung im alltäglichen Leben ermöglichen und uns anzeigen, wie wir uns gegenüber bestimmten Dingen, in bestimmten Situationen verhalten können“27

Wenn man die vorangegangenen Gesetzmäßigkeiten unter diesem Aspekt betrachtet, so lassen sich die verschiedenen Tendenzen erklären. Je nach Einstellung erhält jedes Reizmuster eine besondere Bedeutung. Je größer das Spektrum von Erfahrungen und Einstellungen beim Erfassen eines Reizmusters ist, desto mehr Bedeutungsmöglichkeiten bieten sich uns und desto größer ist unser Verhaltensspielraum.

Beispiel: Abyssus Übel

Fixiert man das Wort „Abyssus“, so erscheint es schnell als eine reine Form, die sich aus den Buchstaben zusammensetzt, da dessen Bedeutung recht unbekannt ist. Bei dem Wort „Übel“ bleibt die Bedeutung länger erhalten, da dieses Wort allgemein bekannter ist und mit zahlreichen Bedeutungsinhalten gefüllt werden kann. Nach einer entsprechend langen Zeitspanne verliert jedoch auch dieses Wort seine Bedeutungshaltigkeit und zerfällt in unterschiedliche Bausteine. An diesem Beispiel erkennt man auch die Rolle der Sättigung in der Wahrnehmungsorganisation. Hier wird deutlich, wie die Prinzipien von Bedeutungshaltigkeit und Sättigung ineinandergreifen.

Die Wahrnehmungsorganisation wird entscheidend von der Bedeutungserfassung und deren Einordnung in bereits vorhandene Erfahrungsmuster beeinflußt. Im Alltagsleben durchdringen sich die verschiedenen Bedeutungen gegen- und wechselseitig, bauen aufeinander auf und verweisen aufeinander.

„Da Wahrnehmung auf Gegenstände und Sachverhalte gerichtet ist und diese sowohl hinsichtlich ihrer figuralen Merkmale als auch hinsichtlich ihrer Bedeutungen auf weitere Bezüge verweisen, ergeben sich die konkreten Bedeutungen von Wahrnehmungsgegebenheiten in der Regel erst in konkreten Situationen innerhalb von sozialen Handlungsprozessen...“28

Weitere Beispiele für die Bedeutungshaltigkeit von Wahrnehmungen finden sich bei FISCHER, 1983, S. 53-68.

Einmal gewonnene Bedeutungen beeinflussen das Wahrnehmungsgeschehen rückwirkend in Form von Einstellungen, Motivationen und Emotionen. Durch die Sprache werden erfaßte Bedeutungen von Situationen, Personen und Objekten gefestigt und gewandelt.

Unterschiedliche Bedeutungserfassungen werden von kulturellen und sozialen Faktoren bestimmt, was bedeutet, daß jede Kultur ihre Umweltreize mit speziellen Bedeutungen füllt und somit anders wahrnimmt.

Mit zunehmendem Alter eines Menschen häufen sich immer mehr Bedeutungszusammenhänge, die ihm ermöglichen, sein Verhalten der Umwelt immer besser anzupassen. Im nächsten Kapitel sollen nun einige entwicklungspsychologische Theorien über die Reifung und Entwicklung der Wahrnehmung näher betrachtet werden.

3. ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGISCHE THEORIEN

Stellt man die Wahrnehmung in Beziehung mit der menschlichen Entwicklung, so findet man Teilfaktoren, die nicht leicht einzuordnen sind. Zunächst werden die schon vor der Geburt vorhandenen Empfindungen während der Entwicklung des Lebens immer reifer und umfangreicher. Dies geschieht erstens durch die allmähliche Herausbildung der verschiedenen Sinnesorgane, und zweitens steuert die biologische Bedeutung der Empfindungen, also alles, was für das Individuum in einer bestimmten Entwicklungsphase lebenswichtig ist, die Aktivität dieser Sinnesempfindungen. Die eigentliche Wahrnehmung, also das Füllen dieser Empfindungen mit Bedeutungen, entwickelt sich folgendermaßen:

Schon ab dem dritten Schwangerschaftsmonat reagiert der Fötus auf taktile Stimulationen, später zeigt er Reaktionen auf Geräusche, die außerhalb des Mutterleibs entstehen. Vor allem aber hört er Herzschlag und Darmgeräusche der Mutter.

„Da Haut und Schleimhäute bei bzw. schon vor der Geburt über funktionelle Reife verfügen, kommt dem Haut- und Körperkontakt eine ganz besondere Bedeutung zu. Er ermöglicht eine Aufnahme zwischenmenschlicher Beziehungen und kann als Grundlage für (weitere) andere Wahrnehmungserlebnisse und für die Sozialentwicklung angesehen werden.“29

Der Fötus nimmt also Bewegungen, Geräusche und Stoffwechselveränderungen der Mutter war. Er reagiert darauf und macht Erfahrungen, die als bedeutungsvolle Reize und schemenhafte Erinnerungen sein zukünftiges Verhalten beeinflussen können.

Generell kann man beobachten, daß die Wahrnehmungsfähigkeit eines Neugeborenen sehr allgemeiner und abstrakter Natur ist. Je fortschreitender die Entwicklung, desto spezialisierter wird die Wahrnehmung.

Ein Neugeborenes ist beispielsweise fähig, grundsätzlich jede Sprache in Grundeinheiten der jeweils spezifischen Laute zu zerlegen. Nach und nach aber stellt sich das Kind auf diejenigen Sprachlaute ein, die zu der Sprachgemeinschaft seiner Umgebung gehören. Es lernt die Laute und Lautketten immer besser zu unterscheiden. So wandelt sich eine allgemeine Kapazität zugunsten einer immer besseren Spezifizierung. Zwar wird dadurch der Reizbereich eingeschränkter, jedoch kann sich das Kind immer adäquater in diesem Bereich verhalten. Mit zunehmender Entwicklung werden Sinnesempfindungen anders interpretiert. Die Wahrnehmungswelt bestimmt die Art und Weise, wie unser Wissen zustande kommt. Rückkoppelnd befähigt uns dieses Wissen, die Umwelt im Sinne nicht immer wahrnehmbarer Ereignisse und Kräfte zu interpretieren.

Die angeführten Aussagen sind sehr allgemein gehalten, da sich auch in diesem Punkt, in Bezug zu den Theorien zur Wahrnehmungsorganisation, viele verschiedene Modelle der konkreten Entwicklung der Wahrnehmung finden. Zumindest haben aber alle Modelle gemeinsam, daß unterschieden wird zwischen Empfindungen, also dem sensorischen Input, und Wahrnehmung. Im Hinblick auf Wahrnehmungsförderung beeinflussen diese Modellvorstellungen die Ursachenfindung bei Wahrnehmungsdefiziten und weiterführend auch das Vorgehen bei den betreffenden Menschen.

„Strukturelle und funktionale Modelle wurden entwickelt und in vielfältiger Weise ausgestaltet. Dabei variiert v.a. der Grad, in dem der Umwelt, bzw. dem Organismus eine aktive Rolle im Entwicklungsprozeß zugeschrieben wird.“30

Alle Modelle basieren auf zwei verschiedenen grundlegenden Erklärungsansätzen. Die Wahrnehmungsentwicklung wird einmal als Vorgang der „Bereicherung“ und andererseits als Vorgang der „Differenzierung“ dargestellt.

Es besteht ein wechselseitiger Bezug zwischen Stimulation und Wahrnehmung. Dieser Bezug wird durch das Verhältnis zwischen dem Individuum und dessen Umwelt bestimmt. Das bedeutet, daß mit der Anzahl der unterschiedlichen Wahrnehmungsmuster eines Individuums auch die Anzahl der wahrnehmbaren Umweltobjekte ansteigt. Wie der Prozeß der Differenzierung, bzw. der Bereicherung stattfinden könnte, soll in den folgenden Abschnitten dargestellt werden.

3.1. Lerntheoretische Aspekte der Wahrnehmungsentwicklung nach Kephardt

Das Konzept der Wahrnehmungsentwicklung beschreibt hier insbesondere das oben schon angedeutete Rückkopplungssystem. Nicht nur durch Integration wird eine Information ausgewertet, auch eine nebenher ablaufende Rückkopplung beeinflußt die ausgewertete Information. Die endgültige Antwort auf ein Reizmuster setzt sich also immer aus dessen Integration und einem Rückkopplungsvorgang zusammen. Anfängliche, sensorische Eindrücke sind noch unbestimmt und nur als Ganzes zu erfassen. Erst durch Lernprozesse können Details interpretiert werden. Anstelle der alten Wahrnehmung entsteht nun durch Integration das neue, differenziertere und bestimmtere „Ganze“. Wie weit diese Entwicklung voranschreitet, wird durch die Umwelt bestimmt.

Beispielsweise wird so ein Musiker befähigt, immer feinere Tonunterschiede wahrzunehmen. Wichtig bei diesen Differenzierungsvorgängen ist weiterhin, daß neben den Sinnesaktivitäten auch die motorische Entwicklung eines Kindes grundlegend ist. Im Laufe der Entwicklung verändert sich nach und nach die Gewichtung dieser Anteile. KEPHARDT definiert so sechs Entwicklungsstadien. Im grobmotorischen Stadium werden durch Krabbeln, Kriechen, Greifen usw. sensorische Informationen empfangen. Das Kind berührt Gegenstände und versucht, seine Umgebung zu organisieren.

Das motorisch-perzeptive Stadium steuert noch überwiegend durch die motorischen Abläufe das Verhalten des Kindes. Allerdings können einfache Bewegungen schon geplant werden. Hindernisse können erkannt und umgangen werden.

Im perzeptiv-motorischen Stadium erlernt das Kind die Fähigkeit, immer besser zielgerichtete Bewegungen anhand der sensorischen Informationen zu steuern und zu kontrollieren. Während des perzeptiven Stadiums können Wahrnehmungseindrücke zueinander in Beziehung gesetzt, Ähnlichkeiten und Unterschiede festgestellt werden, ohne daß eine motorische Reaktion stattgefunden hat oder Gegenstände berührt wurden.

Schließlich lernt das Kind im perzeptiv-konzeptiven und im konzeptiven Stadium, durch Abstraktionsprozesse die Sinneseindrücke aufeinander zu beziehen und so Begriffe oder Konzepte zu bilden.

3.2. Die Entwicklung der Wahrnehmung als eine Form der Anpassung

Wahrnehmungsprozesse und Denkprozesse sind schwer voneinander zu trennen, da manche Ergebnisse der Wahrnehmung, wie im vorigen Abschnitt angedeutet, auch in der Vorstellung festgehalten werden. JEAN PIAGET sieht bei der geistigen Entwicklung des Kindes Formen der Anpassung (Adaptation) an die Umwelt, bei denen ein Gleichgewicht von Akkomodation und Assimilation hergestellt wird.

Bei der Akkomodation verändert der Organismus „[...] seine Eigentätigkeit, seine „Form“ ganz nach dem Diktat der ihn einschließenden Umwelt; er paßt sich an; er erlernt das Unvermeidliche.“31

Je größer dieser Zwang, den die Umwelt auf das Individuum ausübt, ist, desto stärker akkomodiert der Organismus. So werden Verhaltensschemata, die einer bestimmten Handlungsweise zugrunde liegen, umstrukturiert oder umgelernt.

Bei der Assimilation verändert der Organismus „[...] die Umwelt, ihre „Form“ nach dem Diktat seiner inneren Zwänge (Triebe, Einstellungen, Ziele, Wertungen, Ängste, Hoffnungen); er paßt die Welt sich an; er erlernt das Vermeidliche.“32

Hier bestimmt der Grad des inneren Zwanges die Stärke der Assimilation. Natürlich geht es nicht immer darum, die Umwelt als solche zu verändern. Meistens wird die innere Umwelt im Sinne der geistigen Inhalte verändert. Dies geschieht durch Umschichtung, Umbetonung, Umsetzung usw. dieser Inhalte, bis sie in die vorhandenen Verhaltensschemata hineinpassen. Gelingt diese Einpassung, so werden die betreffenden Schemata verstärkt. Den Inhalten wird also eine entsprechende Bedeutung zugewiesen, bzw. deren vorhandene Bedeutungen werden neu definiert.

Die Wahrnehmung steht in enger Verbindung mit dem Handeln, also der sensomotorischen Tätigkeit. Beim Zuschreiben von Bedeutungen fließen zwei Faktoren mit ein. PIAGET spricht hier zum einen von dem Bedeutungsträger und zum anderen von dem Bezeichneten.

„Das Bezeichnete einer objektiven Wahrnehmung ist der Gegenstand selbst, der ein „wesentlich intellektuelles Sein“ [...] besitzt.“33

Als Bedeutungsträger werden die im Augenblick der Wahrnehmung vorhandenen sensorischen Eindrücke definiert. Es gibt drei Arten von Bedeutungsträgern, die PIAGET „Anzeichen“, „Symbol“, und „Zeichen“ nennt. Symbol und Zeichen setzen Vorstellungen voraus und sind somit Träger von abstrakten Bedeutungen. Das Anzeichen ist nicht an Vorstellungen gebunden, sondern fungiert als konkreter Bedeutungsträger, der an die direkte Wahrnehmung gebunden ist. Es kündigt die Gegenwart eines Gegenstandes oder eines Ereignisses an.

Die Anzeichen werden von PIAGET ebenfalls in drei verschiedene Gruppen unterteilt. Die erste Gruppe von Bedeutungsträgern wird durch einen elementar-sensorischen Eindruck gebildet. Diese Eindrücke werden klassifiziert und einem bestimmten Unterschema zugeordnet. Als Beispiel führt PIAGET hier das Verhalten des Säuglings beim Stillen auf. Die Berührung mit der Brustwarze löst beim Säugling die Saug- und Schlucktätigkeit an. Die Berührung mit dem umliegenden Gewebe hingegen löst ebenfalls Saugbewegungen aus, nicht um wirklich zu saugen , sondern weil der Säugling saugen will.

Die Signale bilden die zweite Gruppe von Bedeutungsträgern. Sie bestehen in sensorischen Eindrücken und stellen elementare Anzeichen dar. Diese Bedeutungsträger sind schon komplexerer Natur als die der ersten Gruppe. Das Assimilationsschema wurde aktiv ausgeweitet. Um an dem vorangegangenen Beispiel anzuknüpfen, kann bereits eine bestimmte Stellung, die der Säugling normalerweise beim Stillen einnimmt, den Saugreflex auslösen. Durch die Koordination der verschiedenen Sinnesmodalitäten werden die Bedeutungen immer umfangreicher und komplexer.

Bei beiden Stufen von Bedeutungserlebnissen werden die Bedeutungsträger durch sensorische Eindrücke gebildet. Die beiden Stufen unterscheiden sich darin, daß die Eindrücke der zweiten Stufe vielseitiger sind. Beide haben jedoch gemeinsam, daß das Bezeichnete immer aus dem Verhaltensschema besteht.

Die dritte Art von Bedeutungsträgern ist noch komplexer und umfaßt immer eine Voraussicht kommender Ereignisse. Mit dem stetigen Wachstum von Bedeutungen schließlich wird die Wahrnehmung allmählich vom Tun unabhängiger.

3.3. Die affektiven und sozialen Faktoren der Wahrnehmungsentwicklung

Einige Psychologen, welche die Entwicklung des Säuglings im Rahmen der psychoanalytischen Theorie untersuchten, gehen davon aus, daß dem Neugeborenen noch keine sinnvollen Signale zur Verfügung stehen, denn jeder Reiz, der durch einen bestimmten Sinneskanal das „Sensorium“ des Säuglings erreicht, muß erst in eine bedeutungsvolle Erfahrung verwandelt werden. Somit nimmt das Kind in den ersten Wochen nach der Geburt im eigentlichen Sinne noch gar nicht wahr, weil für die aufgenommenen Reizmuster noch keine Bedeutungen vorhanden sind.

Die Tatsache, daß der Säugling aber schon kurz nach der Geburt klare Reaktionen und strukturierte Verhaltensschemata äußert, setzt jedoch voraus, daß Reize in irgendeiner Art und Weise wahrgenommen werden müssen, um solche Verhaltensweisen auszulösen.

Daher wird angenommen, daß es ein anderes Empfindungssystem geben muß, das diese spezielle Wahrnehmungsform ermöglicht. Man glaubt, daß die psychischen Äußerungen dieses Systems durch Empfindungen, Affekte und Traumattribute gebildet werden. Alle Wahrnehmungen dieses Systems sind sensitiv, und es handelt sich um vage, diffuse Empfindungen, die hier verarbeitet werden. Man nimmt deshalb an, daß sich dieses System vor allem im Thalamus und Hypothalamus zentriert. Über die glatte Muskulatur der Eingeweide und über die Gesichtsmuskulatur (Mimik) werden die Empfindungen und Affekte ausgedrückt. Man sprich hier vom „coenästhetischen Empfinden“.

Das coenästhetische Empfinden wird im Inneren des Körpers durch die Tiefensensibilität ausgelöst. Über die Propriorezeptoren nimmt der Säugling Zeichen und Signale auf, die sich den Kategorien Gleichgewicht, Spannung, Körperhaltung, Temperatur, Vibration, Berührung (Haut- und Körperkontakt), Rhythmus, Tempo, Dauer und Nuancen von Tönen und Klängen zuordnen lassen. Diese Signale sind für den Säugling das natürliche Kommunikationsmittel, er beantwortet sie mit ganzheitlichen Reaktionen. Bei Erwachsenen ist diese Art der Empfindung stark in den Hintergrund getreten oder weitestgehend verschwunden. Durch den Gebrauch von Hilfsmitteln wie Drogen, Fasten, Einsamkeit oder Askese kann man diese Empfindungen zeitweise zurückgewinnen. Ansonsten haben lediglich Menschen mit Spezialbegabungen, wie Musiker oder Akrobaten noch die Fähigkeit, diese Art des Empfindens wahrzunehmen.

Während der ersten sechs Lebensmonate verschiebt und differenziert sich beim Säugling dieses coenästhetische Empfinden. Es entwickelt sich allmählich ein Wahrnehmungssystem, dessen Zentren in der Hirnrinde liegen und mittels der Verarbeitung von Informationen aus den peripheren Sinnesorganen wahrgenommen wird. Es kommen kognitive und bewußte Denkprozesse zum Wahrnehmungsprozeß hinzu.

Die Mundhöhle, die Hand, die Haut und das Labyrinth spielen bei dieser Umstrukturierung eine bedeutende Rolle. In der Mundhöhle sind die Sinne für Berührungen, Temperatur, Gerüche und für den Schmerz vertreten. Auch die Tiefensensibilität ist in der Mundhöhle aufzufinden.

„Wenn etwas in die Mundhöhle eingeführt wird, dies kann z.B. die Brustwarze, Nahrung oder ein Finger sein, werden sowohl sensorische Rezeptoren für das Äußere wie für das Innere gleichzeitig gereizt, und der Säugling reagiert mit einem spezifischen und gerichteten Verhalten“34

Die Mundhöhle ist in diesem Stadium der zentrale Wahrnehmungsort. Haut, Labyrinth und Hand sind als Hilfsorgane untergeordnet. Die Tastwahrnehmungen durch diese Hilfsorgane bewirken Erfahrungen der Eigenwahrnehmung. Vom Neugeborenen werden diese Empfindungen als einheitliches Situationserlebnis „gefühlt“.

Die Wahrnehmung auf dieser Stufe ist ein aktiver Handlungsvorgang. Unbestimmte, nicht zielgerichtete Bewegungen, die ohne jegliche Stimulation von Außenreizen ausgeführt werden, ermöglichen dem Säugling, die Außenwelt als Widerstand zu erfahren. Dadurch werden zufällige Reizkonfigurationen aus der Außenwelt zu erfahrbaren Bedeutungsparametern für den inneren Strukturgewinn. Man bezeichnet dies als Appetenzverhalten.

Eine andere Verhaltensweise ist das vollziehende Verhalten. Hier werden zielgerichtete Bewegungen ausgeführt, um Bedürfnisse zu befriedigen.

Der Abstand zwischen Appetenz- und Endverhalten ist beim Säugling im eigentlichen Sinne nicht vorhanden, da es noch keinen Unterschied zwischen Wahrnehmung und Bedürfnisbefriedigung gibt. Je weiter jedoch die Entwicklung voranschreitet, desto größer wird der zeitliche Abstand zwischen Appetenz- und Endverhalten. Somit wird die Wahrnehmung zunehmend durch die Appetenzfunktionen erfüllt.

Immer mehr Reize gewinnen die Funktion sinnvoller Signale, so beispielsweise auch optische Reize. Durch die Verknüpfung von gleichzeitig ablaufenden Empfindungen der Tastwahrnehmung und optischen Reizen werden diese mit Bedeutung erfüllt und so entwickelt sich allmählich der Fernsinn. Es müssen also immer gleichzeitig zwei Faktoren zusammenwirken, um einen äußeren Reiz wahrzunehmen. Erstens muß die affektive Komponente, ausgelöst durch die Tiefensensibilität, eine Bereitschaft oder ein Bedürfnis hervorrufen, um zweitens mit Hilfe von Assoziationen der Bedürfnisbefriedigung, die mit dem äußeren Reiz bereits verknüpft wurden, die innere Aufmerksamkeit auf das entsprechende Sinnesorgan zu lenken.

„Die Umwelterfahrung erfolgt also im Sinne eines unbefriedigten Triebanspruchs, d.h., auf der Stufe der Nahrungswahrnehmung reagiert der Säugling auf den äußeren Reiz nur, wenn dieser zeitlich mit der inneren Wahrnehmung des Hungers zusammenfällt.“35

Diese Erfahrungen werden immer vielseitiger mit den Fernsinnen in der Weise verknüpft, daß sich spezielle Signale bilden, die Unlust- oder Lustempfindungen auslösen können. Diese Signale sind zunächst reine „Gestalt-Signale“, es werden beispielsweise noch keine Personen in ihrer Individualität wahrgenommen, sondern lediglich die Analogie beispielsweise von Gesichtern, die ihre Gestalt immer durch Augen, Nase und Mund erhalten.

Nach und nach entwickelt sich die Unterscheidungsfähigkeit aber soweit, daß das Kind etwa ab dem achten Lebensmonat Personen in zwei Gruppen eingliedern kann, nämlich „bekannt“ und „unbekannt“.

Auf die weitere Entwicklung soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden.

3.4. Die Reifung und Entwicklung der Wahrnehmung nach Jean Ayres

Die perzeptuell-motorische Entwicklung des Individuums bildet sich in ontogenetischen Entwicklungsreihen. Voraussetzung für das Lernen ist daher das Zusammenspiel von niederen und höher entwickelten Ebenen des Gehirns. Dazu gehören der Hirnstamm, das Kleinhirn, die Basalganglien, das limbische System und der Neocortex. In diesen Gehirnarealen laufen die grobund sensorisch-motorischen Funktionen ab.

„Die Formatio reticularis im Stammhirn (bzw. Thalamus) empfängt sensorische Information jeder sensorischen Modalität und ist auch das Zentrum wichtiger neutraler Integration. Hier wird sensorische Information durch Inhibition (Hemmung), Facilitation (Verstärkung), Ergänzung und Synthese koordiniert.“

Durch die Inhibition von sensorischen Impulsen an den erforderlichen Synapsen in allen Hirnteilen und der Hirnrinde trägt die Formatio reticularis dazu bei, daß eine spezifische sensorische Information verstärkt wird. Das Individuum ist so fähig, sich auf diesen Stimulus zu konzentrieren. Durch die Integration sensorischer Stimulationen, können die Informationen einer Sinnesmodalität die Informationen einer anderen Sinnesmodalität verstärken. Den gleichen Einfluß hat das Stammhirn auch auf momentane motorische Vorgänge.

Die Verarbeitung des sensorischen Inputs findet auf allen Ebenen des Gehirns statt, wobei die höheren Gehirnebenen auf die Analyse der sensorischen Informationen spezialisiert sind. Sie geben genaue Auskunft über räumliche und zeitliche Eigenschaften der Stimulationen. Durch diesen Rückkopplungseffekt beeinflußt die Hirnrinde die sensorische Integration in den niederen Ebenen des Gehirns.

Die Entwicklung der sinnlichen Wahrnehmung findet, wie gesagt, in einer von Natur aus bestimmten Reihenfolge, nämlich in ontogenetischen Entwicklungsreihen, statt. Die einzelnen Stufen, die sich entwickeln, werden nach dem Erreichen des Plateaus in die nächst höhere Stufe integriert. In den ersten sieben Lebensjahren eines Kindes werden sämtliche Empfindungen und Eindrücke im Nervensystem eingeordnet und organisiert. Dies geschieht durch ein ständiges Wachsen der Bedeutungszusammenhänge, die durch Erfahrungen mit Empfindungen gemacht werden. Das Kind lernt allmählich, Dinge zu ignorieren und seine Aufmerksamkeit auf momentan bedeutungsvollere Eindrücke zu richten. Auch die motorischen Funktionen werden allmählich immer besser ausgebildet. Die Bewegungen werden fließender, der Sprechapparat kann mehr und mehr genutzt werden, und auch das Einordnen von Gefühlen wird immer leichter.

„Die stärkste Beeinflussung der sensorischen Gliederung des Gehirns geschieht während einer Anpassungsreaktion auf bestimmte Empfindungen des Organismus. Eine Anpassungsreaktion ist eine Reaktion, bei welcher die betreffende Person mit ihrem Körper und ihrer Umwelt in einer kreativen und sinnvollen Weise handelt.“37

Wenn wir ein Geräusch hören, dann wenden wir unseren Kopf in die Richtung, aus der, wie wir vermuten, das Geräusch herkommt. Ein Kleinkind, das auf dem Bauch liegt, hebt den Kopf und dreht diesen zur Seite, um besser atmen zu können.

Voraussetzung für solche Anpassungsreaktionen ist aber immer die Fähigkeit des Gehirns, die momentanen Empfindungen in angebrachter Art und Weise zu gliedern. Die Empfindungen, die durch die Anpassungsreaktion entstehen, werden ebenfalls integriert, da je nach Grad der Verbesserung der Organisation des Gehirns diese Reaktionen immer wieder eingeleitet werden, um die gemachten Erfahrungen zu festigen. Dabei kommt dem Kind eine von der Natur gegebene Eigenschaft zugute, nämlich der „innere Drang“, von sich aus die eigene Erlebniswelt zu entwickeln. Nur mit diesem natürlichen Antrieb ist es möglich, zu einer immer ausgeprägteren und besseren Reizverarbeitung zu gelangen.

Wie bereits erwähnt, wird durch die Vervollkommnung einer Fähigkeit erst ermöglicht, höhere und komplexere Funktionen zu entwickeln. AYRES spricht hier von der „Bildung von Entwicklungsbausteinen“.

Das Kind „übt und übt eine Handlung immer wieder, um jedes sensorische und motorische Element, das darin enthalten ist, meistern zu lernen. Manchmal kehrt das Kind wieder um und übt auf einer früheren Entwicklungsstufe, ehe es zu etwas Neuem übergeht.“38

Wie die Reizeinwirkungen der Sinne stufenweise integriert werden, versucht AYRES mit der nachstehenden Tabelle zu veranschaulichen.

Die Sinne Integration ihrer Reize

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu den Endprodukten der Integration von Reizeinwirkungen zählt AYRES Konzentrationsfähigkeit, Organisationsfähigkeit, Selbsteinschätzung, Selbstkontrolle, Selbstvertrauen, akademisches Lernvermögen, Fähigkeit zum abstrakten Denken und Ausbildung von Lateralität.

3.4.1. Einzelne Entwicklungsschritte

AYRES stellt in ihrem Buch „Bausteine der kindlichen Entwicklung“, auch in Anlehnung an das Werk von PIAGET „Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde“, sämtliche Entwicklungsschritte des Kindes vom ersten Lebensmonat bis zum siebten Lebensjahr dar. Im Rahmen meiner Arbeit möchte ich einige dieser Entwicklungsschritte zusammenfassen. Da ich meinen Schwerpunkt im wesentlichen auf die taktile Wahrnehmung setze, sind die nachfolgenden Ausführungen themenorientiert ausgewählt.

3.4.1.1. Die Berührung und Feinmotorik

Schon während der Entwicklung im Mutterleib beginnen die Sinnesorgane des Kindes zu arbeiten. Es haben sich Reflexbewegungen entwickelt, um auf einige Empfindungen des Körpers zu reagieren. Ein Neugeborenes kann taktile Stimulationen zwar nicht genau lokalisieren, jedoch empfindet es bereits Behagen oder Unbehagen aufgrund dieser Sinneseindrücke. Die Anpassungsreaktionen des Kindes sind der jeweiligen Empfindung angemessen. Spürt der Säugling die Hand der Mutter an seiner Wange, so dreht er seinen Kopf in die entsprechende Richtung, weil diese Berührung Wohlbehagen auslöst. Gegensätzlich ist die Empfindung einer nassen Windel. Das Kind äußert dies durch die ihm mögliche Reaktion, es macht sich akustisch bemerkbar.

Die Berührungsempfindung ist besonders wichtig für die emotionalen Bedürfnisse des Säuglings. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist die Grundlage für die Entwicklung des Gehirns und für den Aufbau einer guten Mutter-Kind-Beziehung.

Ab dem dritten Lebensmonat hat das Kind seine Hände die meiste Zeit über geöffnet. Es versucht, nach Gegenständen und Personen zu greifen, jedoch ist die Augen-Hand-Koordination noch nicht ausreichend entwickelt, um das gewünschte Objekt zielsicher zu erreichen.

„Beim Greifen benutzt das Kind noch nicht Daumen und Zeigefinger, sondern hält Gegenstände mit der Handinnenfläche und den drei gegenüberliegenden Fingern fest.“39

Durch das einfache aber aktive Ergreifen von Gegenständen kann der so stimulierte Tastsinn seine Informationen an das Gehirn weitergeben, so daß diese nach ihrer Verarbeitung und Integration wiederum zu einer Verbesserung des Ergreifens und Haltens von Gegenständen führen. In diesem Stadium aber ist das Greifen noch ein automatisierter Vorgang, der durch die Mechanorezeptoren in der Handinnenfläche ausgelöst wird.

Zwischen dem vierten und sechsten Monat lernt das Kind, auch Daumen und Zeigefinger beim Greifen zu benutzen. Es fängt an, die eigenen Hände zu berühren und anzuschauen, ergreift Gegenstände und schlägt damit an Gegenstände aus seiner Umgebung, wobei sich unter Verbesserung der Augen-Hand-Koordination auch das Körperschema entwickelt. Das Kind wird sich nach und nach bewußter, wo sich sein Körper im Raum befindet. Ein wichtiger Entwicklungsschritt ist die Fähigkeit, beide Hände so zu koordinieren, daß sie in der Körpermitte zusammenkommen. Einige Monate später gelingt es dem Kind auch, Gegenstände, die es in jeder Hand hält, in der Körpermitte zusammen zu schlagen. Außerdem kann es mitunter seine Handgelenke drehen, wobei ihm neue Möglichkeiten des aktiven Berührens eröffnet werden. Die so immer besser stimulierten Rezeptorsysteme der Tiefensensibilität und der Haut liefern dem Gehirn eine Menge von Informationen. Dadurch wird die Feinmotorik immer besser ausgebildet und das Kind kann bald kleine Gegenstände mit Daumen und Zeigefinger aufnehmen. Die Kontrolle der Augen und die Informationen aus der Netzhaut sind ebenfalls von großer Bedeutung für diese Entwicklungsschritte.

Eine besonders wichtige Fähigkeit ist die Lokalisierbarkeit von Berührungen, denn dadurch können Bewegungen auch aktiv geplant werden und verlieren ihren Reflexcharakter. Wenn das Kind gestreichelt wird, liefern ihm die Hautrezeptoren wertvolle Erfahrungen. Es sind nicht nur angenehme Empfindungen, die das Kind erfährt, sondern auch sein Körperschema wird besser ausgebildet, denn es lernt zu begreifen, wo sich seine Extremitäten befinden, wo sein Körper beginnt und wo er aufhört.

„Diese gefühlserlebte Bewußtheit des Körpers ist wesentlich fundamentaler als das optische Wissen über seinen Körper“40

3.4.1.2. Die Grobmotorik

Das erste Ganzkörperbewegungsmuster eines Neugeborenen sind Klammer- und Beugebewegungen, die durch Schwerkrafteinwirkungen ausgelöst werden. Wenn beispielsweise ein Fuß des Säuglings plötzlich den Halt verliert und herunterfällt, dann zeigt das Neugeborene eine Art Alarmreaktion, indem es automatisch Arme und Beine nach außen streckt. Dies ist eine angeborene, automatisierte Reaktion, die ihre Funktionen aus der Evolutionsgeschichte bezieht. Bei vielen Jungtieren sind solche Reflexe notwendig, um zu überleben. Anfangs ist ein Neugeborenes noch unfähig, den Kopf zu heben. Diese Fähigkeit entwickelt sich erst Schritt für Schritt. Wird der Säugling aufrecht gehalten, so stimuliert die Schwerkrafteinwirkung die für die Nackenmuskulatur zuständigen Cortexareale und das Kind wird versuchen, den Kopf zu heben. Innerhalb von wenigen Wochen lernt der Säugling diese Anpassungsreaktion soweit auszubauen, daß er seinen Kopf auch in Bauchlage heben kann. Auch die Unsicherheiten dieses Bewegungsablaufes verschwinden schnell. Passive Schaukelbewegungen haben eine beruhigende Wirkung auf den Säugling und fördern ebenso die Organisation des Gehirns. Das Wohlbehagen bei solchen Bewegungen ist der Antrieb zu eigenen selbstgewählten Körperbewegungen, um solche Empfindungen selbst auszulösen. Innerhalb eines Jahres richtet sich das Kind im allgemeinen schon zur Standposition auf. Vorher muß es aber gelernt haben, seinen Kopf mit Hilfe der Nackenmuskulatur aufrecht zu halten. Ein angeborener Reflex, der Halsstellreflex, hilft dem Kind, sich in Bauchlage zu bringen. Dieser wird ebenfalls durch Schwerkrafteinwirkungen auf das Nervensystem aktiviert. Danach muß es lernen, zunächst in Bauchlage, die Brust mit Hilfe einer immer besseren Kontrolle über Schulter- und Armmuskulatur (siehe auch nächsten Abschnitt „Die Tiefensensibilität“) anzuheben. Das Kind lernt relativ schnell, aufrecht zu sitzen und dabei den Kopf zu kontrollieren. Man kann diesen Schritt durch eine angemessene, nicht zu große Unterstützung der unteren Rückenpartien beschleunigen. Weiterhin versucht das Kind in dieser Phase, seine Extremitäten in Bauchlage alle gleichzeitig anzuheben. Dabei werden Muskeln aktiviert, die später für das Drehen, Aufstehen und Gehen wichtig sind. Man nimmt an, daß die Erdanziehungskraft in diesem Entwicklungsabschnitt besonders stimulierend wirkt und daher den Antrieb für solche Bewegungsmuster darstellt.

Nächste Schritte zur vollständigen Aufrichtung sind die sich nach und nach entwickelnden Fortbewegungsarten. Ab dem sechsten Monat kann das Kind zunächst kriechen und bald darauf schon krabbeln. Dabei werden nicht nur viele Sinneseindrücke vermittelt und gesteuert, sondern auch die Anzahl der Eindrücke von Dingen und Orten wird erheblich gesteigert. Einer dieser neuen Sinneseindrücke ist die Raumwahrnehmung. Indem sich das Kind fortbewegt, werden ihm neue Erfahrungen über den Abstand zwischen ihm selbst und Gegenständen seiner Umgebung vermittelt. Indem so Entfernungen immer besser abgeschätzt werden, können auch Gegenstände in ihrer Größe besser eingeordnet werden.

Durch die Verarbeitung all dieser Informationen schließlich, schafft es das Kind, sich alleine aufzurichten.

„Eines der größten Ereignisse in der frühen Kindheit ist das Alleinaufstehen. Nur wenige Erwachsene können noch nachempfinden, wie wichtig diese beachtliche Fähigkeit ist und was sie für die Selbsterfahrung des Kindes bedeutet.“41

Die Empfindungen aus allen Körperteilen, einschließlich der Augen- und Nackenmuskulatur, müssen integriert sein, um diese Leistung zu vollbringen. Man kann sich diesen Entwicklungsschritt verdeutlichen, indem man sich vorstellt, daß ein relativ großer Körper auf zwei schmalen Füßen ausbalanciert werden muß.

3.4.1.3. Die Tiefensensibilität

Die Tiefensensibilität spielt mit dem Tastsinn und dem optischen Sinn eine bedeutende Rolle für die motorische Entwicklung des Kindes. In den vorangegangenen Abschnitten sind die Einflüsse der Tiefensensibilität immer wieder erwähnt worden. Deshalb möchte ich an dieser Stelle lediglich noch einige mir wichtig erscheinende Faktoren aufzeigen. Ich beschränke mich hierbei auf die ersten Lebensmonate.

Die Empfindungen aus den Muskeln und Gelenken ermöglichen dem Baby schon im Alter von einem Monat, seinen Körper so zu koordinieren, daß es sich an die Person die es trägt, anschmiegen kann. Die vielen ziellosen und zufälligen Bewegungen sind die Grundlage für den Informationsinput, der benötigt wird, um die Tiefensensibilität weiterzuentwickeln. Diese Bewegungen werden vom inneren Drang und von Stimulationen aus den Gleichgewichtsorganen ausgelöst.

Der tonische Nackenreflex ist ein Beispiel, wie die Informationen aus den Propriorezeptoren durch die Verarbeitung im Gehirn eine Anpassungsreaktion auslösen können. Ein Arm wird gestreckt, während der andere Arm meist im Ellenbogengelenk gebeugt wird. Dabei schaut das Kind meist in Richtung des gestreckten Armes. Dieser Reflex ist wichtig, um weitere Armbewegungen zu verursachen. Er spielt aber mit zunehmendem Alter im Normalfall eine immer weniger bedeutende Rolle.

3.5. Die Theorie der neurologischen Organisation

An dieser Stelle will ich noch ein weiteres Entwicklungsmodell zusammenfassend darstellen, um dadurch einen besseren Überblick und Ausgangspunkt für den Umgang mit Wahrnehmungsstörungen zu erhalten. Die nachfolgenden Ausführungen beschränken sich auf grundsätzliche Aspekte. GLEN DOMAN und CARL H. DELACATO gehen von einer Theorie der sequenzartigen Entwicklung des Zentralnervensystems aus. Bei ihren Forschungsarbeiten stellten sie, ähnlich wie AYRES fest, daß sich grundlegende sensorische und motorische Funktionen von Geburt an entwickeln und sich in mehrere Stufen einteilen lassen. Die Entwicklung ist ein sensorischer Prozeß, der durch motorische Funktionen verstärkt wird. Bei der Erstellung ihres Entwicklungsprofils stützen sich DOMAN und DELACATO ebenfalls auf die These, daß die Ontogenese eine Wiederholung der Phylogenese sei. Die Entwicklung des Individuums spiegelt sich also in der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Lebens wieder. Somit ist die vollkommene Funktionalität der untersten Stufe die Voraussetzung für die Entwicklung der nächsten Stufe und deren absolute Funktionalität wiederum die Voraussetzung für die nächst höhere Stufe, etc.

Das bedeutet, daß das menschliche Nervensystem während der Entwicklung des Individuums nach und nach erst zu seiner vollen Ausbildung kommt. Zuerst entfalten sich die entwicklungsgeschichtlich älteren Teile des Zentralnervensystems, später entwickeln sich dann die evolutionsmäßig jüngeren und komplexeren Bereiche.

„ Jedes Kind muß diese Aufeinanderfolge von der primitiven Reflexstufe der Muskelfunktionen bis zu den ureigentlich menschlichen Funktionen der Sprache und Erkenntnisfähigkeit nachvollziehen.“42

Die Reifung des Gehirns erfolgt als dynamischer Prozeß, der somit eine Plastizität des Zentralnervensystems voraussetzt. Die neurologische Organisation vollzieht sich im Rückenmark von der Basis aufsteigend über den Hirnstamm, die Medulla, das Mittelhirn bis zu den Cortexarealen in den beiden Hemisphären. Danach entwickelt sich die Seitigkeit (Lateralisation), bei der sich eine Hirnhälfte zur sprachdominanten Hemisphäre wird.

Beim Aufbau ihres Entwicklungsprofils teilen DOMAN und DELACATO sechs Funktionsbereiche in zwei Kategorien ein:

- Die Hauptsinnesbereiche:
1. Sehen: Das Sehen entwickelt sich von Geburt an mit dem Pupillenreflex und endet in der Fähigkeit des Lesens der Schrift.
2. Hören: Der Schreckreflex des Säuglings entwickelt sich mit zunehmendem Alter zum Verständnis der Sprache.
3. Fühlen: Die Hautreflexe, wie Reaktionen auf Berührungen entwickeln sich hin bis zur Fähigkeit, dreidimensionale Gegenstände durch Betasten zu erkennen.
- Die motorischen Funktionsbereiche:
4. Grobmotorik: Aus anfangs ziellosen Bewegungen entwickelt sich das menschliche Gehen.
5. Handfunktionen: Das Neugeborene verfügt über den Greifreflex und gelangt bei idealer Entwicklung zur Fähigkeit des Schreibens.
6. Sprache: Die Grundstufe der Entwicklung der Sprache ist der erste Schrei direkt nach der Geburt.

Dadurch ergibt sich folgendes Entwicklungsprofil:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Hinblick auf eine Förderung von Entwicklungsrückständen lassen sich mit diesem Entwicklungsprofil durch Zuordnung der Fähigkeiten des Kindes bestimmen, welche Entwicklungsstufe erreicht ist. Wie diese Förderung aussieht und worauf sie sich begründet, wird im Abschnitt „Die Doman - Delacato Therapie“ näher beschrieben.

4. WAHRNEHMUNGSFÖRDERUNG

In diesem Kapitel werden nun verschiedene Konzepte zur Wahrnehmungsförderung dargestellt. Dabei spielen, wie bereits erwähnt, unterschiedliche entwicklungspsychologische Modelle eine Rolle. Zunächst sollen Ursachen für Wahrnehmungsstörungen aufgrund dieser Modelle gefunden werden. Bei der Darstellung der Förderkonzepte will ich deren Schwerpunkte und Hintergründe bei der methodischen Umsetzung beleuchten und den entsprechenden entwicklungspsychologischen Bezug herstellen.

4.1. Wahrnehmungsstörungen und deren Ursachen

4.1.1. Entwicklungsdefizite aufgrund einer Störung der sensorischen Integration

Viele Symptome eines Kindes mit Lernschwierigkeiten sind auf eine Störung des phylogenetisch älteren und ontogenetisch niedrigen Stammhirns zurückzuführen. AYRES versteht unter einer Störung der sensorischen Integration die Unfähigkeit des Gehirns, den Zustrom der sensorischen Informationen so zu ordnen und zu organisieren, daß sich das Individuum in seiner Umwelt zurechtfinden könnte. Da die Sinnesreize nicht richtig verarbeitet werden, kann sich auch kein sinnvolles Verhalten entwickeln. Weiterhin kann das Individuum alltägliche Situationen oder Streß schlechter bewältigen.

Als Hauptursache für eine schlechte sensorische Verarbeitung gilt der Hirnschaden, was aber nicht bedeutet, daß immer ein organischer Schaden in der Hirnstruktur vorhanden sein muß. Eine rein neurologische Untersuchung nach Organveränderungen genügt nicht. Eine Störung bedeutet lediglich eine unregelmäßige Gehirnaktivität, und ist nicht gleichzusetzen mit einem geistigen Entwicklungsrückstand, denn viele Personen mit einer Störung der sensorischen Integration haben eine überdurchschnittliche Intelligenz. AYRES ist der Ansicht, daß Störungen grundsätzlich Möglichkeiten bieten, die vorhandenen Probleme zu beheben.

Warum solche Hirnschädigungen auftreten, läßt sich nur rein hypothetisch erklären. Es wird vermutet, daß bestimmte Typen von geringfügigen Hirnschädigungen angeboren sein können. Dies hängt wiederum sowohl von genetischen Faktoren als auch von chemischen Umweltfaktoren ab, denn schon im Mutterleib können Umweltgifte, insbesondere bei einer genetisch bedingten Anfälligkeit, die Reifung des Zentralnervensystems beeinflussen. Eine weitere Anfälligkeit für Verletzungen ist auch in der Situation der Entbindung vorhanden, z.B. durch Sauerstoffmangel.

Einer der wichtigsten Faktoren für die Entwicklung der sensorischen Integration ist die Umwelt des Kindes. In einer reizarmen Umwelt ohne ausreichend Kontakt zu Personen und Gegenständen entwickeln sich die geistigen, motorischen und sensorischen Funktionen schlechter. Selbst bei Erwachsenen kann ein Mangel an Sinnesreizen die Organisation des Gehirns verändern. Untersuchungen und Beispiele finden sich hierzu bei AYRES, S. 77-79.

Tatsache ist aber, daß bei den meisten Kindern eine normale Umwelt vorhanden war, doch die Sinnesreize konnten aufgrund eines ungeklärten Mechanismus` des Gehirns nicht ihre Wirkung zu den zuständigen Hirnarealen weitergeben.

Bei der Beschreibung von Symptomen beschränke ich mich auf Störungen der Motorik unter besonderer Berücksichtigung des Tastsinnes, sowie auf Störungen auf der Ebene von rein taktilen Empfindungsverarbeitungen.

4.1.1.1. Störungen der motorischen Entwicklung

Für die Entwicklung der Motorik spielen viele Faktoren eine Rolle. Ein Faktor der hier näher betrachtet werden soll, ist die Entwicklung der Körperwahrnehmung und Bewegungsplanung. Störungen in diesem Entwicklungsbereich bewirken spezielle Störungen in der gesamtmotorischen Entwicklung, nämlich einer sogenannten entwicklungsbedingten Dyspraxie oder Ungeschicklichkeit. Ursache dafür sind unter anderem Störungen in der Verarbeitung von Berührungsreizen. Solche Störungen äußern sich entweder in einer Überempfindlichkeit (welche im nächsten Abschnitt näher erläutert werden soll) oder in einer Unterempfindlichkeit für Berührungen.

Bei einer Unterempfindlichkeit fällt es oft schwer, Berührungen genau zu lokalisieren. Auch das Identifizieren eines Gegenstandes ist je nach Grad der Unterempfindlichkeit mehr oder weniger erschwert, manchmal sogar unmöglich.

Normalerweise ist uns der größte Anteil der ständig auf uns einwirkenden Berührungsreize unbewußt. AYRES nennt diese Informationen „unspezifisch“. Allerdings sind sie von größter Wichtigkeit für die Steuerung und Koordination der an den Synapsen einlaufenden Erregungen (vgl. Abschnitt „Neurophysiologische und psychophysische Grundlagen“).

Die „spezifischen“ Informationen sind uns bewußt, weil sie in den entsprechenden höchsten Cortexarealen eintreffen. Diese Informationen sind für viele Bewegungsmuster bedeutend. Es ist notwendig, die Empfindungen aus den verschiedenen Körperteilen analysieren und orten zu können, damit das motorische System mit Hilfe dieser Informationen koordinierte Bewegungen ausführen kann. Jede Berührungsempfindung muß also am richtigen Punkt im somatosensorischen Cortex, in dem die Körperoberfläche somatotopisch abgebildet wird, eintreffen.

Bei einer Unterempfindlichkeit ist durch das Fehlen der Informationen nicht nur die Ausbildung des somatosensorischen Cortex gehemmt, sondern viele, für Bewegungsabläufe wichtige Informationen können nicht gebildet werden, weil die „Grundlage“ dafür fehlt.

Anhand dieser Ausführungen wird auch deutlich, daß diese Störungen schon in frühen Entwicklungsphasen auftreten, und daher weitere Entwicklungsstörungen mitbedingen. Für den Aufbau des Körperschemas sind noch mehrere Sinne bedeutend. Dies sind die Tiefensensibilität, die vestibulären und die kinästhetischen Sinne. Sie sollen aber im Rahmen dieser Arbeit nicht näher betrachtet werden.

4.1.1.2. Die„taktile Abwehr“

„Taktile Abwehr ist eine zwar nur geringfügige, aber ernstzunehmende neurologische Störung.“43

Die Symptome der taktilen Abwehr äußern sich in der Tendenz, auf sämtliche Berührungsempfindungen mit negativen Emotionen zu reagieren. Normalerweise reagieren wir nur auf ausgesprochen plötzliche oder aggressive Berührungen negativ. Kinder mit taktilem Abwehrverhalten sind extrem überempfindlich gegenüber fast allen Berührungen. Viele der im vorangegangenen Abschnitt besprochenen „unspezifischen“ Berührungsempfindungen erreichen aufgrund fehlender synaptischer Hemmung das Bewußtsein. Somit kommt es zu einer Informationsüberflutung im Bewußtsein des Kindes, da alle Berührungen, auch die ständig vorhandenen, wie die der Kleidung auf der Haut etc., die höchsten Cortexareale erreichen. Die große Anzahl der sich so ergebenden Verhaltensweisen soll hier nicht aufgeführt werden. Ich verweise stattdessen wiederum auf AYRES S. 152.

Die Ursache für die schlechte Verarbeitung der taktilen Reize liegt normalerweise im Hirnstamm oder in den unbewußten Arealen der Hemisphären.

Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Reaktionstypen auf Berührungsreize. Die reflexartige und schützende Abwehrreaktion hat sich schon bei Tieren entwickelt, damit diese sich vor Gefahr schützen können. Beim Menschen hingegen werden die meisten Berührungsreize durch Verarbeitungsmechanismen in den Großhirnhemisphären beurteilt. Diese Beurteilung läuft unbewußt ab, und so werden die Reaktionen automatisch der jeweiligen Situation angepaßt. Abwehrreaktionen werden überwiegend durch Schmerzreize aktiviert. Die stärkeren Berührungs- und Druckempfindungen hingegen regulieren solche Reaktionen.

„Wenn man sich an das Schienbein stößt, reibt man sich die Haut, um den Schmerz zu mildern. Reiben bewirkt taktile Reize, die den Zustrom von Schmerzreizen hemmen oder völlig blockieren. “ 44

Auch Sinneswahrnehmungen aus den Gleichgewichtsorganen und der Propriorezeption regulieren durch Hemmung die Reaktion auf Berührungen. Wenn diese Empfindungen nicht richtig verarbeitet werden, kommt es zu falschen Reaktionen, wie z.B. die sogenannte taktile Abwehr. Im Grunde sind aber die Hauptursachen für diese Fehlverarbeitungen nicht geklärt. Es gibt nur vage Vermutungen, die eventuell dieses Problem verursachen könnten. Auch hier nimmt man an, daß Sauerstoffmangel bei der Geburt die Kerne für die Verarbeitung von Tastempfindungen zerstören kann. AYRES geht davon aus, daß ein Mangel an taktiler Stimulation die Berührungsabwehr steigert. Sie begründet diese These anhand von Versuchen, bei denen Menschen, die einige Stunden lang überhaupt keinen Berührungsreiz bekamen, noch lange nachdem sie sich wieder in einer normalen Umgebung befanden, übermäßig erregbar und zerstreut waren. Die Statistik besagt aber, daß der Mangel an Berührungsempfindungen nicht die Ursache für eine derartige Störung ist, denn bei den meisten Kindern, die ein taktiles Abwehrverhalten zeigen, war ein normales Maß an Stimulationen vorhanden.

4.1.2. Die taktil-kinästhetische Wahrnehmungsstörung

In Anlehnung an PIAGET liegt hier eine Störung der sensomotorischen Entwicklungsphase vor, in der das Kind lernt, Sinnesempfindungen mit Bedeutungen zu füllen, mit deren Hilfe es seine Bewegungen besser koordinieren kann. Offenbar kann das Kind bei einer Störung dieser Entwicklungsphase bestimmte Empfindungen nicht verarbeiten oder sogar Reize gar nicht erst empfangen. Es ist aber auch hier nicht geklärt, wo diese Störung der Informationsaufnahme oder Informationsverarbeitung ihre Ursache hat. Das Kind verhält sich aufgrund des mangelhaften Informationsinputs in manchen Situationen nicht angemessen und zeigt somit ein auffälliges Verhalten.

„In sich handelt das Kind „logisch“, es hat ja nur seine Perspektive von der Welt, die sich ihm auftut, wie es fühlt.“45

Auch hier bedient man sich eines Modells, das versucht, einen Erklärungsansatz zu liefern, obwohl man die eigentliche Ursache für die Störung nicht genau kennt.

Alle Empfindungen unserer Sinne laufen in jeweils spezifischen Kanälen, die absolut notwendig sind, um die Umwelt als sinnvolles Ganzes zu erfahren. Ist nun ein Kanal defekt oder fällt ganz aus, so führt das zwangsweise zu einem Defizit in der Wahrnehmung der Situation und somit auch zu einer nicht angepaßten Verhaltensweise.

„Man könnte nun annehmen, daß ein Verlust zu kompensieren sei. Gerne werden Blinde angeführt, die durch den Tastsinn vermeintlich ihre Behinderung ausgleichen können. Aber dem ist nicht so, und warum sollte es so sein? Die Kanäle sind in ihrer Kapazität nicht verstellbar, denn das wäre unsinnig.“46

Der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle noch Überlegungen zu dieser, nach meinem Empfinden recht pauschalen These, daß ein Ausfall eines Kanals durch einen anderen nicht zu kompensieren ist, anbringen.

Grundsätzlich muß meines Erachtens unterschieden werden zwischen angeborenen und erworbenen Defiziten, weil Erfahrungen, die mit Empfindungen eines Sinneskanals einmal gemacht wurden, sehr wohl mit Empfindungen aus einem anderen Sinneskanal verknüpft werden können und daher ein Ausfall zumindest bedingt durch einen anderen Kanal kompensiert werden kann. Ein zweiter Ausgangspunkt für meine Kritik an dieser These ist ein Artikel von K. BACHMANN über Synästhetiker, erschienen in GEO-WISSEN zum Thema „Sinne und Wahrnehmung“, Septemberausgabe 1997, S. 36-42.

Bei Synästhetikern vermischen sich die Signale zweier oder mehrerer unterschiedlicher Sinne. Dies äußert sich darin, daß diese Personen Gerüche mit Farben assoziieren, oder gustatorische Reize mit taktilen Empfindungen verbinden.

„Zitronensaft spürte der Mann als Spitzen am ganzen Körper. Aß er Süßes, hatte er den Eindruck, Kugeln in Händen zu halten.“47

Solche Mehrfachempfindungen sind bei jedem Menschen möglich, jedoch erfordert dies normalerweise eine intellektuelle Anstrengung. Bei Synästhetikern hingegen ist eine solche Verknüpfung gar nicht zu vermeiden, und sie geschieht ohne bewußtes Wollen. Den Grund für solche Verknüpfungen vermuten Neurologen in der veränderten Verarbeitung der Sinnesempfindungen. Jedenfalls wurden anhand von Gehirnstrommessungen erhebliche Unterschiede zwischen Synästhetikern und „normalen“ Personen in Bezug auf die Aktivität verschiedener Gehirnzentren festgestellt.

Die zahlreichen Untersuchungen und Befunde hierzu sowie die entwicklungspsychologischen Modelle, die diese Phänomen zu erklären versuchen, sollen aufgrund fehlender Sachinformationen in diesem Artikel und im Rahmen dieser Arbeit nicht näher betrachtet werden. Dieses Phänomen dient vielmehr als Anregung für umfassendere Überlegungen zur Verarbeitung von Sinnesreizen. AFFOLTER glaubt, daß die Ursache für eine Wahrnehmungsstörung meistens auf der Ebene der verschiedenen Modalitäten zu finden sein muß.

Allerdings gibt es auch fatalere Störungen, die in höher gelegenen Zentren, wo die Sinne untereinander in harmonischer Art und Weise gleichgeschaltet werden, ihre Ursache haben. Wahrnehmungsstörungen können noch auf einer dritten Ebene ablaufen, nämlich auf der Ebene der Wahrnehmungsverarbeitung durch die logische Verknüpfung von Sinnzusammenhängen und Handlungsabfolgen.

Es ist zu beobachten, daß sich aufgrund solcher taktil-kinästhetischen Wahrnehmungsstörungen auch die Entwicklung der Sprache verzögert. BIELEFELDT schließt daraus, daß man gewisse Sprachstörungen durch Wahrnehmungsförderung auf der fundamentalen Ebene, der taktilen Wahrnehmung, beheben kann.

„Die für Wahrnehmungsstörungen geltenden Methoden sind sogar mit großem Erfolg auch auf autistische Kinder anwendbar. Vermutungen gehen dahin, daß auch autistische Kinder eine taktile Störungen haben. In dieser Hinsicht könnte man autistische Kinder in ähnlicher Weise therapieren.“48

Fazit bleibt trotzdem, daß man über die tatsächliche Ursache dieser Wahrnehmungsstörung noch keine detaillierten Befunde belegt hat. Die Erklärungsmodelle setzen nicht bei der eigentlichen Ursache an und gelten für mich vielmehr als Versuch, diese Art von Störungen aufgrund positiver Erfahrungen und Beobachtungen mit gewissen Methoden zu beheben.

4.1.3. Störung der Wahrnehmung bei Geistigbehinderten

Bei einer geistigen Behinderung sind Wahrnehmungsstörungen selten aufgrund nicht funktionierender Sinnesrezeptoren vorhanden. Meistens wird die Wahrnehmung beeinträchtigt, weil das Kind Defizite in kognitiven Bereichen hat. Diese Defizite äußern sich in einer mangelnden Bewegungsfähigkeit, einer Beeinträchtigung im Erfassen von Bedeutungszusammenhängen, einer mangelnden Sprachentwicklung und einer beeinträchtigten Erfahrungsaneignung. Weiterhin nimmt man an, daß es bei Geistigbehinderten bestimmte Funktionsschwächen gibt, welche die Wahrnehmung stören können.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob bei der Wahrnehmung die Faktoren der Organisation, wie z.B. die Funktion der Figur-Grund-Unterscheidung, als sich unabhängig entwickelnde Größen automatisch gegeben sind, oder ob sich diese Funktionen erst als Ergebnis von Wahrnehmungsprozessen manifestieren. Nimmt man als Beispiel die Abbildung 14 auf Seite 35, so wird deutlich, daß beim erstmaligen Betrachten der Figur zunächst die schwarzen Umrisse wahrgenommen werden. Das versteckte Wort „FLY“ kann meist erst nach einem Hinweis erkannt werden. Hat man das Wort aber einmal erkannt, so scheint es beim erneuten Hinschauen jedesmal „ins Auge zu springen“.

„Somit ist das Phänomen „Figur-Grund-Wahrnehmung“ immer in Bezug zu bestimmten Wahrnehmungsgegebenheiten bzw. speziellen Umweltausschnitten, die das Individuum erschlossen hat, zu sehen und existiert lediglich als eine sachstrukturelle, d.h. als eine in der Natur der Sache liegende notwendige Gegebenheit, nicht aber als autonomes Vermögen im Individuum.“49

An diesem Beispiel wird zumindest in Ansätzen deutlich, daß man nicht allgemein von Funktionsschwächen ausgehen kann, da diese Funktionen der Wahrnehmung meist durch Bedeutungsbezüge oder soziale Erfahrungen erst erschlossen werden.

FISCHER geht ihn Anlehnung an die Theorie der sensomotorischen Entwicklung von PIAGET davon aus, daß Wahrnehmungsstörungen durch eine mangelnde Fähigkeit der Bedeutungsaneignung verursacht werden, und daß dieser Mangel durch Einschränkungen im motorischen Bereich bedingt werden kann. Allerdings, wie auch AYRES behauptet, muß eine Einschränkung der kognitiven Leistungen in diesem Bereich nicht zwangsläufig auf eine Intelligenzschädigung zurückzuführen sein. Vielmehr kann eine Intelligenzminderung erst hervorgerufen werden, weil eine eingeschränkte Bewegungsfähigkeit den Aufbau differenzierter Wahrnehmungsleistungen behindert. Somit kann man davon ausgehen, daß nicht nur die Hirnschädigung selbst, sondern auch eine Beeinträchtigung der motorischen Fähigkeiten kognitive Defizite bei Geistigbehinderten hervorrufen.

Zu Beginn der kindlichen Entwicklung lernt das Neugeborene hauptsächlich über taktil-kinästhetische Empfindungen, motorische Eigenaktivitäten zu entwickeln, die wiederum das Reservoir an taktilen und kinästhetischen Empfindungen erweitern. Im Bereich der sozialen Wahrnehmung wird durch eine eingeschränkte Mimik und Gestik die Kommunikation mit Bezugspersonen erschwert. Es wird also deutlich, daß Bewegungsdefizite zu Störungen im Aufbau von Wahrnehmungsschemata führen. Wie bereits erwähnt, spielen neben motorischen Defiziten auch Beeinträchtigungen in der Verarbeitung von Bedeutungszusammenhängen bei Wahrnehmungsstörungen eine Rolle. Diese Beeinträchtigungen, können auch ohne motorische Defizite auftreten, nämlich in Folge einer Hirnschädigung. Weiterhin sind Geistigbehinderte oft in ihrer Sprachentwicklung gehemmt. Dies führt man auf einen Mangel an symbolischer Bedeutungserfassung zurück. Da sich sprachliche Begriffe rückwirkend auf das Wahrnehmungsverhalten auswirken, ist somit ein Mangel der geistigen Entwicklung auf eine unzureichende symbolische Bedeutungserfassung zurückzuführen. Die sozialen Erfahrungen, die ein Kind während seiner Entwicklung macht, sind laut FISCHER von großer Bedeutung für die Wahrnehmungsentwicklung. Bei Behinderten ist die Kommunikation mit den Bezugspersonen meist stark beeinträchtigt. Dies liegt aber nicht nur an motorischen Defiziten, die sich beispielsweise in einer stark reduzierten Mimik und Gestik äußern, sondern oft auch an der Unfähigkeit der Bezugspersonen, mit dem Kind in Kontakt zu treten. Gründe dafür können Ängste, Schuldgefühle und Enttäuschungen der Eltern sein. Oft erfährt das Kind einen enormen Mangel an Zuwendung in Form von Haut- und Körperkontakt. FISCHER führt weiter aus, daß die Einstellung der Eltern gegenüber ihrem behinderten Kind in den wenigsten Fällen durch Souveränität in der gegebenen Situation gekennzeichnet ist. Ebenso erschweren oft lange Krankenhausaufenthalte die Situation des Kindes zusätzlich.

„Vernachlässigung oder offene Ablehnung (die dann zu Hospitalismuserscheinungen führen können) wie auch Überforderung oder Überbehütung des Kindes [...] können dazu führen, daß eine angemessene Aneignung und Erschließung der sozialen Umwelt nur unzureichend gelingt.“50

Auch der Aspekt der über die Familienmitglieder hinausgehenden sozialen Tendenzen, die gegenüber Behinderten gezeigt werden, ermöglicht weitere negative Erfahrungen für das behinderte Kind selbst, da es oft auf Abwehrverhalten oder Unsicherheit stößt.

4.1.4. Klassifikation von Wahrnehmungsstörungen

Nach FRÖHLICH ist Wahrnehmung ein zentralnervöser Vorgang. Die Funktionsfähigkeit dieses Vorgangs ist eng an die Funktionsfähigkeit der Cortexareale gebunden. Er faßt folgende Typen von Wahrnehmungsstörungen zusammen, wobei er die Intaktheit der Sinnesorgane voraussetzt, und sich lediglich auf Störungen der zentralen Verarbeitung bezieht:
- Wahrnehmungsstörungen sind Störungen der Hirnrinde, die aus einer Fehlfunktion spezifischer Zellverbände resultieren.
- Durch Dysfunktionen der Hirnrinde können beispielsweise Störungen der optischen Wahrnehmung auftreten und daher die motorische Entwicklung behindern, ohne daß eine echte Hirnschädigung vorliegt. Diese Dysfunktionen sind häufiger als anatomische Defekte.
- Nicht nur Defekte der Hirnrinde, sondern auch fehlende Stimulation der Wahrnehmungsorgane kann zu Fehlentwicklungen führen (Hospitalismus). Daher bringen psychische Ursachen oft dieselben Symptome hervor wie rein anatomische. Bei einer andauernden mangelhaften Stimulation bestimmter Strukturen können schwere Wahrnehmungsdefekte auftreten. · Eine reizarme Umgebung wirkt sich negativ auf die Entwicklung der Wahrnehmung aus.

Störungen der Sinnesorgane zählt FRÖHLICH, da sie keine zentralen Wahrnehmungsstörungen sind, grundsätzlich nicht zu den Wahrnehmungsstörungen. Sie können vielmehr die Ursache für Wahrnehmungsdefizite darstellen.

Probleme, die bei Wahrnehmungsstörungen auftreten, sind nicht nur Differenzierungs- und Strukturierungsschwächen bei der Organisation innerhalb eines Wahrnehmungsfeldes, sondern die Diskriminierung von Details, deren Bedeutungen gleichwertig sind, ist ebenfalls beeinträchtigt. Ein weiteres Problem sieht FRÖHLICH in der sogenannten Perseveration. Das bedeutet, daß bestimmte Wahrnehmungen durch die Unflexibilität der zentralen Strukturen fixiert werden, und daher einmal gebildete Vorstellungen nicht durch andere abgelöst werden können. Damit einher geht eine Überfärbung verschiedener, sich wenig unterscheidender Wahrnehmungsempfindungen. Die Tendenz, Dinge zu generalisieren, ist zu stark ausgebildet.

„Es ist eine Tendenz zur Assimilation (Verähnlichung), ohne die Akkomodation (Anpassung) zu leisten.“51 Sämtliche Symptome, die heute zum Komplex der Wahrnehmungsstörungen gezählt werden, sind in folgender Tabelle zusammengefaßt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2. Konzepte zur Wahrnehmungsf örderung

4.2.1. Wahrnehmungsförderung als Lernprozeß mit aktiver Bedeutungserfassung

Nach FISCHER lassen sich an ein Konzept für Wahrnehmungsförderung folgende Ansprüche stellen: · Da Wahrnehmungslernen als eine sensomotorische Tätigkeit angesehen werden muß, ist es wichtig, daß immer eine motorische Aktivität stattfindet.

- Diese motorische Aktivität muß innerhalb eines inhalts- und gegenstandsbezogenen Handeln stattfinden. Im Idealfall sollen die Tätigkeiten motivierend, zielgerichtet, geplant, kontrolliert und bewußt ablaufen.
- Das Handeln muß auch einen Bezug zu einer bestimmten Situation haben, da eine Orientierung in einem sozial und dinglich begrenzten Wirklichkeitsausschnitt gewisse Kompetenzen aufgrund von Erfahrungen erfordert.
- Die Interaktion zwischen Kind und Bezugsperson muß affektiv-emotional gestaltet sein. Um bei der Erfahrungsaneignung des Kindes Hilfe zu vermitteln, bedarf es einer engen Bindung zwischen Bezugsperson und Kind.
- Die Inhalte der Handlungen sollten für das Kind emotional bedeutend und motivierend sein.
- In Abhängigkeit zum Behinderungsgrad ist es manchmal sinnvoll, sofern es sich anbietet, die Informationen einer Wahrnehmungsgegebenheit über mehrere Sinnesmodalitäten zu erfassen. Bei schwerer geistiger Behinderung ist jedoch davon abzuraten, da man bei ihnen leicht eine Überforderung hervorrufen kann.
- Durch die Wiederholung gleicher oder ähnlicher Reizkonstellationen kann deren Wahrnehmung vertieft werden, da so konstante Merkmale eher gespeichert werden können.
- Aus sinnesphysiologischer Sicht braucht das Kind ein ständiges und ausreichend dosiertes Maß an Stimulationen, um sensorische Deprivation zu vermeiden.

Wichtig ist ür FISCHER, daß das Kind nicht überfordert wird, da bei einer Überstimulation der Bedeutungsgehalt gar nicht mehr verarbeitet werden kann. Weiterhin muß man beachten, daß man widersprüchliche Situationen und unterschiedliche erzieherische Einstellungen vermeidet. Gerade bei Schwerstbehinderten sind so stabile Assoziationen zwischen den jeweiligen Wahrnehmungsempfindungen gefährdet.

Das Ziel der Wahrnehmungsförderung ist, daß sich geistigbehinderte Menschen in ihrer Umwelt zurechtfinden. Damit verbunden ist die Kompetenz, mit Gegebenheiten, die für ihr Leben bedeutungsvoll sind, umzugehen und diese auch aktiv gestalten zu können.

Je besser die Organisation und Integration der Umwelt gelingt, desto selbstbewußter können wir in unserer Umwelt leben. Das gilt insbesondere für Geistigbehinderte, da ihnen die Umwelt aufgrund ihrer Behinderung manchmal fremd und unverständlich erscheinen kann.

4.2.1.1. Wahrnehmungsförderung durch Spielen

Spiele können, wenn man sie richtig gestaltet, die Wahrnehmung fördern. Wichtig dabei ist die Möglichkeit der Erfahrungsaneignung des Spielenden.

„Die beim Spielen ausgeführten Tätigkeiten werden um ihrer selbst willen ausgeführt und nicht aufgrund von außen gesetzter Zwecke und Belohnungen.“52

Spielen ist durch soziale Interaktion zwischen den Spielenden gekennzeichnet und wird häufig durch Sprache gestaltet. Ein Kind setzt sich im Spiel mit seiner konkreten Wirklichkeit auseinander und muß die eigenen Vorstellungen immer wieder mit anderen Personen, die wiederum ihre eigenen Vorstellungen haben, und mit Dingen aus seiner Umgebung, in eine angleichende Beziehung bringen. Durch den Umgang mit Objekten und durch die Interaktion mit anderen Personen wird sowohl das sensomotorische als auch das soziale Verhalten geformt. Mit der damit einhergehenden Wahrnehmung von Sachverhalten wird so die Wahrnehmungskompetenz des Kindes gefördert.

Durch den Umgang mit Objekten ertastet das Kind deren figural-qualitativen Eigenschaften und lernt, diese Objekte einzuordnen und zu unterscheiden.

Eine besonders geeignete Spielform, die soziale Erfahrungen ermöglicht, ist das Rollenspiel. Da sich Kinder beim Rollenspiel in einer fiktiven Realität befinden, können so Erfahrungen simuliert werden, die in der eigentlichen Wirklichkeit schmerzliche Lebenserfahrungen zur Folge haben können.

„Diese Vorbereitung auf die Realität kann - soweit im Spiel konkrete Medien eingesetzt werden - sich sowohl auf Gegenstandserfahrungen wie auch auf die Wahrnehmung von sozialen Gegebenheiten beziehen.“53

Bei Geistigbehinderten müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein, um die recht komplizierten Verhaltensweisen beim Rollenspiel richtig einordnen und verarbeiten zu können. Es müssen schon Vorerfahrungen zu dem entsprechenden Thema vorhanden sein und die inhaltliche Gestaltung muß in Bezug auf den Schwierigkeitsgrad dem entsprechenden Entwicklungsstand des Schülers angepaßt werden. Dies erfordert entsprechende methodische Vorbereitungen und Hilfsmöglichkeiten. Ein weiterer Vorteil des Rollenspiels besteht darin, daß jede Szene wiederholbar ist und daher die dabei gemachten Wahrnehmungsschemata gefestigt werden können.

FISCHER sieht dennoch eine Einschränkung in den Möglichkeiten des Spiels. Es können nämlich nicht alle Umweltbegebenheiten oder zumindest nicht das ganze Spektrum von Bedeutungen eines Gegenstandes oder Sachverhalts erfaßt werden. Hier sieht FISCHER die Möglichkeiten des handlungsbezogenen Unterrichts.

4.2.1.2. Der handlungsbezogene Unterricht

Das übergreifende Ziel des handlungsbezogenen Unterrichts ist die Handlungsfähigkeit des Individuums. Da man unter Handeln bewußtes, kontrolliertes und zielgerichtetes Agieren versteht, muß dieses Ziel bei geistigbehinderten Menschen eingeschränkt werden. Vielmehr soll der Begriff Handlungsfähigkeit lediglich eine Richtung vorgeben. Die vollkommene Ausreifung der Handlungsfähigkeit kann bei einer geistigen Behinderung nicht als eigentliches Ziel gesetzt werden. Handeln sollte hier als Verhaltensweise mit bestimmten Strukturmerkmalen verstanden werden. Dazu gehört in erster Linie ein Motiv, das den Anlaß für eine Handlung darstellt. Dieses Motiv kann sich begründen in Wünschen, Interessen und Bedürfnissen eines Individuums, aber auch in sozialen Regeln innerhalb einer Gruppe. Um dieses Motiv zu verwirklichen, bedarf es einer Planung des Handelns. Die Planung beginnt mit der Definition eines Handlungszieles und verlangt in Abhängigkeit der Situation eine eventuelle Korrektur des Zieles. Das bedeutet, daß zunächst der Umweltausschnitt, in dem die Handlung stattfinden soll, eingeschätzt werden muß, damit man sich geeignete Mittel und Wege zum Erreichen des Zieles überlegen kann. Weiterhin müssen die Folgen des Zieles für sich selbst und für andere eingeschätzt werden. Anschließend muß dieser Handlungsentwurf umgesetzt werden. Schließlich bedarf es eines Vergleichs zwischen tatsächlich vollzogenem Handeln und dem Handlungsziel, damit bei einer nur teilweise oder gar nicht gelungenen Zielumsetzung Fehler gefunden werden und eventuell in einer erneuten Planung korrigiert werden können.

Dieser Handlungsablauf ist eine optimalisierte Darstellung, und alle Handlungen lassen sich in diese Strukturmerkmale unterteilen. Leider ist diese Strukturalisierung im alltäglichen Leben sehr selten zu erkennen. Deshalb müssen in der Realität und insbesondere bei Geistigbehinderten gewisse Abstufungen bzw. Variationsmöglichkeiten gesehen werden. Bei automatisierten Handlungen steht die eigentliche Aktion im Vordergrund und das Motiv, dessen Planung und die Kontrolle des Ziels sind eher vernachlässigt. Handlungen aus dem Affekt heraus sind durch ein Übergewicht von Motiv und Aktion gekennzeichnet, wobei die Planung und die Zielkontrolle keine bedeutende Rolle spielen.

Eine Extremform von automatisiertem Handeln ist das stereotype Handeln. Hier steht lediglich noch die Aktion im Vordergrund.

Obwohl viele Geistigbehinderte nicht über die Stufe des automatisierten (Imitations- oder Gewöhnungshandeln) hinaus kommen werden, darf nicht ausgeschlossen werden, daß in Einzelfällen auch bewußtes Handeln, in Abhängigkeit von der Situation, möglich ist.

FISCHER fordert eine Unterrichtsorganisation, in der Möglichkeiten zur Selbsterfahrung durch aktive, selbständige Handlungen gegeben sind. Die Handlungen der SchülerInnen sollen unter Aufsicht und mit Hilfe des Lehrers in möglichst realen Situationen ablaufen. Daher kann ein handlungsbezogener Unterricht im Grunde nach der oben dargestellten Struktur einer Handlung organisiert werden.

„Diese Phasen werden zur Artikulation des Unterrichtsablaufes, der Unterricht selbst wird dadurch als Handlung angelegt; von daher ergibt sich eine bestimmte Reihenfolge von Aktivitäten für den Unterrichtsablauf.“54

Das Handlungsziel, bzw. Unterrichtsziel muß an der Handlungsfähigkeit der SchülerInnen ausgerichtet werden, dabei müssen die SchülerInnen selbst bei der Zielsetzung beteiligt werden. Dadurch können sie ihre Bedürfnisse und Interessen selbst in die Handlung miteinbringen. Weiterhin sollte bei der Planung des Handlungsablaufes in Abhängigkeit ihrer Möglichkeiten die SchülerInnen miteinbezogen werden. Wichtig für den Lehrer ist, daß er den SchülerInnen einen angemessenen Freiraum läßt, damit diese soziale und physische Umwelterfahrungen selbst machen können und erkennen, wo ihnen in der Interaktion mit anderen Grenzen gesetzt werden.

Die Beispiele, die FISCHER für einen handlungsbezogenen Unterricht anbringt, zeigen, welche Wahrnehmungstätigkeiten bei den einzelnen Handlungen nötig sind. Jedoch ist für meine Begriffe der Bedeutungsgehalt der Handlungen selbst aufgrund ihrer recht hohen Anforderungen an die Wahrnehmungsleistungen nur für SchülerInnen mit leichtem Behinderungsgrad zu erfassen. Außerdem werden keine konkreten Methoden zur Umsetzung der Handlungen genannt.

4.2.1.3. Wahrnehmungsf örderung bei schwerst Geistigbehinderten

Die Wahrnehmungssituation schwer geistigbehinderter Kinder ist geprägt durch ein großes Spektrum an psychischen Belastungszuständen. Eine Förderung mit herkömmlichen schulischen Mitteln, auch mit den oben dargestellten, ist unzureichend, weil die Beeinträchtigungen bei einer schweren geistigen Behinderung zu gravierend sind. Die Entwicklung wird durch die stark eingeschränkten motorischen Möglichkeiten und mangelhaften Grundreflexe extrem gehemmt. Die fehlenden Bewegungserlebnisse und Körpererfahrungen wirken demotivierend und hemmen den „inneren Drang“, die Umwelt aktiv zu erforschen. Die Kinder haben oft nicht die Möglichkeit, ihre Gefühle, Bedürfnisse oder Ängste zu äußern. Die Kommunikation mit den Bezugspersonen ist extrem eingeschränkt.

„Weiterhin sind grundlegende menschliche Persönlichkeitsspielräume stark eingeengt, wie z.B. die Möglichkeit, sich zu wehren oder in Sicherheit zu bringen, wenn etwas bedrohlich oder unangenehm erscheint, oder die Freiheit, sich für ein bestimmtes Nahrungsmittel, einen Spielgegenstand oder einen Gesprächspartner zu entscheiden.“55

Dadurch haben diese Kinder auch im emotionalen Bereich Defizite, die sich in einer mangelhaften Ausbildung von Urvertrauen niederschlagen. Die Umwelt kann nicht aus einem Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit heraus erfaßt werden, sondern erscheint eher bedrohlich.

Bei einer Förderung muß deshalb nicht nur die Schädigung des Zentralnervensystems analysiert werden, sondern der Aspekt der Interaktion mit diesen Kindern ist besonders stark im Vordergrund. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, die das Kind aufgrund der gemachten Erfahrungen aufbauen konnte, müssen darum ebenfalls in Betracht gezogen werden.

Ein schwer geistigbehindertes Kind befindet sich in einer Art Teufelskreis. Durch die eingeschränkten motorischen Möglichkeiten und durch das Fehlen von Urvertrauen kann es die ganze Wirklichkeit um sich herum nicht erfassen. Ebenso können die Bezugspersonen die unverständlich erscheinenden Verhaltensweisen des Kindes nicht richtig deuten. Daher erfährt das Kind kein angemessenes „Feedback“ und eine Kommunikation, die zur Förderung der Wahrnehmung nötig wäre, wird sehr erschwert.

Es ist schwer zu interpretieren, wie schwerstbehinderte Kinder ihre Umwelt konkret wahrnehmen. Man geht davon aus, daß sich diese Kinder wohl ständig in irgendeiner Art und Weise existentiell bedroht fühlen müssen, da sie sich in einer enormen Abhängigkeit von Bezugspersonen befinden. Sie sind einerseits auf fremde Hilfe angewiesen, doch andererseits sind sie einer dauernden Tendenz zur Bevormundung ausgesetzt.

Zur Wahrnehmungsförderung sucht FISCHER ebenfalls nach Förderangeboten, die sich in den Rahmen eines handlungsbezogenen Lernens eingliedern lassen. Einzelne Förder- und Funktionsbereiche dürfen nicht isoliert voneinander angeboten, sondern müssen in einer möglichst ganzheitlichen Form praktiziert werden.

Somit stellt sich die Frage, welche Handlungen und welche Arten von Kommunikation geeignet sind, um schwer geistigbehinderte Kinder ansprechen zu können, da ihr Verhaltensrepertoire wenig differenziert und eher basaler Natur ist.

Welche Voraussetzungen und Defizite im Verhalten müssen beachtet werden? Welche entwicklungspsychologischen Interaktionsangebote können verwendet werden? FISCHER geht davon aus, daß Kommunikation als ein Geflecht von Aktion und Reaktion zwischen zwei Personen verstanden werden muß. Handlungsfähigkeit muß man in Bezug zu dem subjektiv erfaßten Wirklichkeitsausschnitt setzen. Man kann jedoch Ziele nur bedingt an der Entwicklungsabfolge nicht behinderter Säuglinge orientieren, da sich die emotionalen und sozialen Erfahrungen eines behinderten Kindes von denen eines nicht behinderten Kindes unterscheiden. Es kommt daher nicht auf die Quantität und Intensität von Stimulationen im Rahmen einer medizinisch-neurophysiologischen Perspektive an. Vielmehr muß der Schwerpunkt auf die Abstimmung von Stimulationsangeboten anhand der individuellen Bedürfnisse und anhand bereits gemachten Erfahrungen und Bedeutungsschemata gesetzt werden.

Die naheliegendste Situation, in der die Wahrnehmung gefördert werden kann, ist die Pflege. Es braucht keine künstliche, didaktisch geplante Situation konstruiert zu werden, denn hier bekommt das Kind eine Fülle von sensorisch-motorischen Stimulationen. Beim An- und Auskleiden werden Bewegungsmuster des öfteren wiederholt, beim Waschen und beim Abtrocknen erfährt das Kind verschiedene taktile Empfindungen, etc. .

Die Pflege bietet also Möglichkeiten, das Kind sensorisch zu erreichen.

„Damit Pflege aber all dies erreichen kann, darf sie nicht reine Versorgung bleiben, sondern muß emotional und erzieherisch durchdrungen werden.“56

Wichtig ist unter diesem Aspekt, daß die Bezugspersonen so selten wie möglich wechseln und daß die pflegerischen Tätigkeiten regelmäßig ablaufen.

Die Kommunikation zwischen Kind und Bezugsperson muß bei der Pflege im Vordergrund stehen. Pflege muß als eine Form der Interaktion verstanden werden, bei der der Pflegende auf die Bedürfnisse und Reaktionen seines Gegenübers eingeht.

Die Lautäußerungen des Kindes müssen aufgenommen werden und mit einer angemessenen Reaktion der Rücksprache beantwortet werden. FISCHER ist der Ansicht, daß durch die Pflege Bedürfnisse des Kindes befriedigt werden können und die so ausgelösten angenehmen Gefühle die Basis für eine bessere Wahrnehmung der Umwelt bieten. Das Kind lernt allmählich, die undifferenzierten Reizeindrücke mit konstanten Merkmalen zu verbinden und sich so den Außenreizen mit ihren verschiedenen Bedeutungsmustern zuzuwenden.

Ist diese Hürde überwunden, so können nach und nach komplexere Handlungsschemata aufgebaut werden, damit sich das Kind neuen Reizen zuwenden kann.

Diese nächste Stufe ist durch materielle Gegenstandserfahrungen gekennzeichnet. Solche Erfahrungen macht das Kind zufällig oder sozial gelenkt, indem durch Reaktionen irgendwelche Gegenstände in Bewegung gesetzt oder Geräusche erzeugt werden. Erst durch ständiges Wiederholen und durch die Ausweitung sensomotorischer Schemata können diese Gegenstände mit immer komplexeren Bedeutungsgehalten gefüllt werden. Dabei muß allerdings immer eine Einschränkung gegenüber nicht behinderten Kindern vorausgesetzt werden.

Beim Erstellen von konkreten Förderplänen richtet sich FISCHER nach den entsprechenden Vorgaben zu Wahrnehmungserschließung der Lehrpläne für Geistigbehinderte. Methodische und inhaltliche Gesichtspunkte sind mit Hilfe der Erkenntnisse aus PIAGETS Theorie der Entwicklung der sensomotorischen Intelligenz zu gestalten.

Grundsätzlich müssen alle Fördersituationen auf das Individuum abgestimmt werden, damit Maßnahmen zur primären Bedürfnisbefriedigung, zur basalen Stimulation oder zur sensomotorischen Aktivierung ausgewählt und gestaltet werden können.

Fazit: FISCHER sieht bei schwerst Geistigbehinderten überwiegend die Pflegesituation als Chance zur Wahrnehmungsförderung. Besonderen Wert legt er auf die Interaktion mit dem Kind. Indem er Wahrnehmung im Sinne von Bedeutungserfassung sieht und sich auf die entwicklungspsychologischen Thesen von PIAGET stützt, wird diese Gewichtung begründet.

Kinder mit einer leichten geistigen Behinderung will FISCHER mit handlungsbezogenem Unterricht fördern und liefert dazu Strukturierungsmöglichkeiten, mit denen sich viele Handlungsziele planen ließen.

Für geistigbehinderte Kinder, die zwischen diesen beiden Entwicklungsstufen stehen, liefert FISCHER keine konkreten Anregungen und Leitlinien in entwicklungspsychologischer Hinsicht, die bei der Entwicklung eines Konzepts zur Wahrnehmungsförderung dieser Kinder eine fundierte Basis bieten können. Wichtig ist nur, daß alle Maßnahmen an den individuellen Entwicklungsständen, Erfahrungen und Bedürfnissen ansetzen und diese in einer Fördersituation miteingeplant werden.

4.2.2. Die Doman - Delacato - Therapie

Die Therapie begründet sich in der in Abschnitt 3.5. besprochenen „Theorie der neurologischen Organisation“.

Bei Wahrnehmungsstörungen aufgrund einer mangelhaften neurologischen Organisation wird mit Hilfe des Entwicklungsprofils der Entwicklungsstand ermittelt. Dabei unterscheidet man, ob das Kind die einzelnen Stufen perfekt, funktionell, nicht eindeutig oder gar nicht erfüllen kann. Bei einer nicht perfekten Beherrschung einer Stufe hat das Kind entweder eine oder mehrere Stufen übersprungen oder sie zu oberflächlich durchlaufen. Das Nervensystem konnte sich so nicht ideal ausbilden. Das Profil muß als „Schichtmodell“ verstanden werden. Höhere Schichten können sich nur dann perfekt ausbilden, wenn die darunter liegenden Schichten bereits perfekt ausgebildet sind. Auf dem entsprechenden Stand kann in jedem Funktionsbereich die Therapie individuell angesetzt und die nicht erfüllte Stufe nachgeholt werden.

Hirnschädigungen, auch organischer Natur, können in den meisten Fällen ausgeglichen werden. Dies geschieht aufgrund der Plastizität des Gehirns. Die Funktionen einer geschädigten Gewebestruktur können von anderen Regionen übernommen werden.

Wesentlich für eine Verbesserung der neurologischen Organisation ist die Dauer, die Quantität und die Qualität von Stimulationen, sowie motorische Aktivitäten, denn diese verstärken den sensorischen Lernprozeß. Normale Umweltreize können die erforderliche Quantität und Dauer nicht erreichen, weshalb spezielle Therapieprogramme entwickelt wurden.

Bei einer Reorganisation von Hirnverletzungen sollte man auf eine möglichst frühe Stufe zurückgehen, um von hier aus die Stimulation mit sensorischen Eindrücken und Aktivitäten zu beginnen. Die entsprechenden Bewegungsmuster werden dann geübt, die Sinnesfunktionen verstärkt, und sobald eine Stufe beherrscht wird, kann man weiter aufbauend auf die Ausbildung der Seitigkeit hinarbeiten.

4.2.2.1. Kurze Darstellung der Therapie

Der Begriff „Doman - Delacato - Therapie“ wird in Deutschland verwendet, um die Art und die Hintergründe einer Therapieform zu bezeichnen. DOMAN und DELACATO haben jedoch je verschiedene Therapien nicht unbeeinflußt, aber unabhängig voneinander entwickelt. Die beiden Therapieformen unterscheiden sich hauptsächlich im Umfang der Übungen und dem damit verbundenen Zeitaufwand. Die eigentliche Doman-Therapie dauert etwa zwischen 8 und 13 Stunden pro Tag, wobei die Delacato-Therapie durchschnittlich etwa 3½ Stunden in Anspruch nimmt. Grundsätzlich ist die Doman-Therapie viel strenger an einem festgelegten Zeitraum orientiert als die Delacato-Therapie, so muß bei DOMAN die Therapie 7 Tage die Woche durchgeführt werden, DELACATO hingegen läßt den Eltern in der Gestaltung der Wochenenden mehr Freiraum. Die wesentlichen Bestandteile der Therapie sind:

- Visuelle Stimulationen durch Lichtblitze, fluoreszierende Bilderkarten und geometrische Muster;
- häufiges Sprechen mit dem Kind, Blickkontakt herstellen;
- Erklären von Handlungen, Körperteilen, Gegenständen und Formen in Verbindung mit Berührung oder Aktion;
- Auditive Stimulation durch plötzliche Geräusche einer breiten Palette;
- Patterning, dabei wird das Kind in Bauchlage auf einen Tisch gelegt. Die Kleidung sollte so spärlich wie möglich sein. Die Gliedmaßen werden im Kreuzmuster von drei Bezugspersonen bewegt. Der Kopf schaut immer in Richtung des nach vorne gerichteten Armes;
- Vestibular-taktile Stimulationen durch Ganzkörpermassage und Raumlage-veränderungen des Körpers durch eine Bezugsperson;
- Bewegungsübungen: sie nehmen den größten Anteil der Übungen ein, dabei muß das Kind eine bestimmte Strecke krabbeln und eine bestimmte Strecke kriechen. Beide Strecken werden immer wieder gesteigert und in einzelnen Abschnitten bewältigt. Beim Kriechen kann die Entfernung bis zu 72 Meter und mehr pro Tag betragen, beim Krabbeln bis zu 540 Meter pro Tag (Angaben aus einer Doman-Therapie);
- Gleichgewichtsübungen und vestibuläre Stimulationen durch Trampolinspringen (unter Umständen gestützt), Drehungen - sitzend - um die eigene Körperachse in beide Richtungen, Purzelbäume, Drehungen - liegend - um die eigene Körperachse in beide Richtungen, und mindestens eine Stunde Gehen pro Tag (mit Führung);
- Fußreflexzonen-Massage
- häufiges „in den Arm nehmen“
- Massage der Arme und Beine mit unterschiedlichen Materialien und Techniken;
- Gehen auf verschiedenen Oberflächen, wobei das Kind auch barfuß sein sollte;
- Stimulierung des Trigeminusnerv (Gesichtsnerv) durch sanfte Kreisbewegungen und leichten Druck, Massage der Lippen, Augenpartien und Wangenknochen, danach sollte das Kind, wenn es überhaupt durstig ist, aus einem Glas trinken;
- Mundstimulierung (Zunge, Außen- und Innenseiten der Lippen) durch Bürsten, Klopfen, etc.;
- Handmanipulation, durch Massage der Handinnenflächen mit Öl oder Creme, dabei wird von der Handinnenfläche zu den Fingerspitzen hin massiert. Drehen und Massage des Daumens, sowie Drehen und Strecken der restlichen Handgelenke sind ein weiterer Bestandteil der Übung;
- Atemmasken zur Verbesserung der Atemkapazität, der allgemeinen Vitalität und Kreislaufanregung (nur mit Beaufsichtigung)

Für alle Übungen liefern Doman und Delacato genaue Angaben in Bezug auf Durchführung, Steigerung der Intensität, Richtung, Körperhaltung und Zeiteinheiten. Die Therapie soll in einer vertrauten Umgebung und von vertrauten Personen durchgeführt werden. Die einzelnen Therapieteile werden individuell auf das Kind abgestimmt. Obwohl die motorischen Übungen Hauptbestandteil der Therapie sind, werden so die Schwerpunkte und die Art der restlichen Übungen nach dem jeweiligen Entwicklungsstand ausgerichtet.

Wichtig ist aber die unbedingte Konstanz bei der Therapiedurchführung. Die Intensität der Stimulationen bestimmt den Erfolg der Therapie. DOMAN verspricht so eine teilweise bis vollständige Kompensierung von Defiziten.

4.2.2.2. Kritikpunkte und Chancen der Therapie

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive weist die Theorie der neurologischen Organisation einige Schwachstellen auf. So fehlen gänzlich soziale und affektive Komponenten, sowie lerrntheoretische Aspekte der Wahrnehmung. Die Ausbildung von Bedeutungsschemata, deren Integration und Organisation wird in der Therapie nicht ausdrücklich berücksichtigt, wobei grundsätzlich durch die motorischen Aktivitäten und taktilen Stimulationen solche Vorgänge ermöglicht werden können.

Die Theorie von der „Umbahnung“ von geschädigten, nervösen Strukturen durch gesteigerte Stimulationen ist aus neurophysiologischer Sicht nicht gänzlich zu widerlegen, aber auch nicht eindeutig bewiesen. Daß die Ausbildung von Verknüpfungen zwischen Nerven in frühen Entwicklungsstadien beeinflußt und gefördert werden kann, ist allgemein anerkannt, jedoch geht man heute davon aus, daß mit zunehmendem Alter das Wachstum von Nervenzellen sowie die Bildung neuer Nervenzellen zurückgeht und sogar ganz aufhört. Nach GOLDSTEIN aber ist zumindest die Somatopie der Cortexareale im somatosensorischen System durch Stimulationssteigerungen oder - verminderungen und deren zeitliche Koordination untereinander veränderbar, auch bei erwachsenen Personen (vergleiche Abschnitt „Entwicklungspsychologische Perspektive nach Goldstein“). Einer der häufigsten Kritikpunkte ist jedoch der große personelle und zeitliche Aufwand bei der Durchführung der Therapie. Damit verbunden ist die Gefahr der Überforderung des Kindes aufgrund der starren zeitlichen Vorgaben, die unabhängig von der Tagesform, der Motivation und dem allgemeinen Wohlbefinden gemacht werden. Der Druck, der auf die Therapeuten durch diese Vorgaben und dem in Abhängigkeit von der kompromißlosen Durchführung bedingten Erfolg ausgeübt wird, führt allzu leicht zu einer Vernachlässigung von emotionalen und sozialen Komponenten. Gerade die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen nämlich sind nach FISCHER bedeutend für das geistigbehinderte Kind. Nur durch das Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen erfährt das Kind seine Umwelt nicht mehr als bedrohlich, wodurch dem Kind ermöglicht wird, sich der Welt aus eigenem Antrieb heraus zu öffnen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, daß die konsequente Durchführung der Therapie eine anderweitige Förderung durch Kindergarten, Schule und andere Zusatztherapien verhindert. Dadurch ist in der Gestaltung der Fördermaßnahmen in Abhängigkeit des physischen und psychischen (Entwicklungs- )Zustandes, und in Abhängigkeit der Bedürfnisse und Interessen des Kindes (soweit diese von den Bezugspersonen wahrgenommen werden können), zu wenig Flexibilität vorhanden. Für diese Therapie spricht meines Erachtens aber, daß sie gegen eine rein symptomorientierte Behandlung von Defiziten gerichtet ist und zumindest Anregungen für eine ganzheitliche Förderung bietet. Tatsächlich ist bei den meisten Kindern, die mit dieser Therapie gefördert wurden, in der ersten Zeit ein enormer Entwicklungsfortschritt zu beobachten. Allerdings stagniert in den häufigsten Fällen die Entwicklung erneut oder bildet sich sogar zurück. Gründe dafür lassen sich meiner Meinung nach in den oben angeführten Kritikpunkten finden.

In später dargestellten Therapieformen lassen sich jedoch einige Übungen in abgewandelter Form wiederfinden. Der Verdienst von DOMAN und DELACATO besteht für mich in der konkreten Formulierung von Fördermaßnahmen im Bestreben einer ganzheitlichen Behandlung. Was jedoch bei Pädagogen wie FRÖHLICH oder FIKAR, sowie bei BESEMS und VAN VUGT unter einer ganzheitlichen Förderung verstanden wird, unterscheidet sich wesentlich von den Vorstellungen DOMANS und DELACATOS. Dies wird nach dem nächsten Abschnitt ausführlicher dargestellt.

4.2.3. Die sensorische Integrationsbehandlung nach Ayres

Das Konzept von AYRES basiert ebenso auf neurophysiologischer Grundlage. Hauptziel der Behandlung bei einer Störung der sensorischen Integration ist die Verbesserung der cortikalen Funktion des Gehirns. Dieses kann durch die Verbesserung der sensorischen Integration auf den niederen Gehirnebenen erreicht werden. Die durch eine Störung von Neuralfunktionen auftretende Lernstörung kann also durch die Förderung des Wahrnehmens, des Erinnerns, und der motorischen Schaltung kompensiert werden.

Die Sensorisch-Integrative Therapie benutzt ähnlich wie DOMAN und DELACATO hauptsächlich die motorischen Fähigkeiten, weil diese die meisten Rückempfindungen erzeugen. Dabei werden die motorischen Tätigkeiten der Entwicklungsstufe des Kindes angepaßt. Das Kind muß jede Entwicklungsstufe durchlaufen, da sonst Lernlücken entstehen. Die motorischen Entwicklungsstufen folgen dem ontogenetischen Entwicklungsablauf. Um von den Kindern ein möglichst hohes Maß an Mitarbeit zu erhalten, sollten möglichst viele Sinnesmodalitäten benutzt werden, so wird auch die sensorische Integration der Informationen optimal gefördert.

Als Diagnosekonzept entwickelte AYRES eine Testbatterie, genannt Southern California Sensory Integration Test (SCSIT). Mit Hilfe dieses Tests wird ermöglicht, bei Kinder zwischen 4 und 9 Jahren eventuelle sensorische Integrationsstörungen mit ihren Symptomen nachzuweisen. Auf eine genaue Beschreibung des Tests soll im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden. Es werden hier lediglich die einzelnen Subtests in ihrer Reihenfolge aufgeführt:

- Räumliches Vorstellungsvermögen ü
- Figur-Grund-Differenzierung
- Stellung im Raum
- Muster nachzeichnen. Motorische Genauigkeit
- Kinästhetische Wahrnehmung. Formwahrnehmung durch die Hände · Fingerunterscheidung
- Graphische Hautwahrnehmung. Berührungslokalisation
- Simultane Berührungswahrnehmung
- Nachahmungstest
- Überqueren der Körpermitte · Bilaterale motorische Koordination · Links-rechts-Unterscheidung · Balance mit offenen Augen · Balance mit geschlossenen Augen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Störungen, die sich durch einzelne Subtests diagnostizieren lassen, müssen stets im Zusammenhang mit der Gesamtstörung gesehen werden.

Bei einer Behandlung mit der sensorisch-integrativen Methode werden Tätigkeiten vermieden, die hauptsächlich kognitive Funktionen erfordern. Dazu gehören Augen-Hand-Koordinationsübungen, Farbensortieren und Formen-Nachmalen. Tätigkeiten, bei denen die Bewegungen des ganzen Körpers miteinbezogen werden, nehmen überwiegend die Funktion des Stammhirns in Anspruch und sind deshalb geeigneter.

Im folgenden werden nun Behandlungsmethoden dargestellt, die sich bei der taktilen Abwehr und bei einer Störung der motorischen Entwicklung anwenden lassen, um einen Einblick in die sensorisch- integrative Methode zu geben. Auf Behandlungsmethoden bei anderen Störungen wird daher nicht näher eingegangen.

4.2.3.1. Behandlung der taktilen Abwehr

Wie bereits im Abschnitt „4.1.1.2. Die taktile Abwehr“ erwähnt, gibt es zwei Arten von Reaktionen auf Berührungsreize. Die einen sind durch reflexartiges Abwehrverhalten, die anderen durch beurteilende Verarbeitungsmechanismen gekennzeichnet.

Man versucht nun, das bei taktilem Abwehrverhalten zugunsten der reflexartigen Fluchtreaktionen gegebene Ungleichgewicht zwischen beiden Reaktionen auszugleichen. Wichtig ist vor allem, daß das Kind nicht von allen taktilen Reizen abgeschirmt wird, sondern nur diejenigen Reize vermieden werden, die zu Fluchtreaktionen führen. Meist sind dies leichte Berührungen. Daher wird die taktile Stimulation mit festen Druck und langsamen Bewegungen ausgeführt. Dabei beginnt man mit den Teilen des Körpers, die am wenigsten empfindlich sind. Das Kind sollte sich selbst in die Übungen miteinbringen können. Das bedeutet, daß es entscheiden sollte, was für es am angenehmsten ist, ob es - wenn es zu ängstlich ist - sich selber reiben möchte etc. Um dies zu ermöglichen, ist es notwendig, auf die Kommunikationsfähigkeiten des Kindes einzugehen und Verhaltensweisen und Lautäußerungen richtig deuten zu können. Insbesondere (schwer) geistigbehinderte Kinder sind oft unfähig, ihre Gefühle verbal zu äußern.

Besondere Vorsicht ist bei der taktilen Stimulation mit spastischen und athetotischen Kindern geboten. Da diese Kinder extrem überempfindlich sein können, sollte sehr behutsam vorgegangen werden. Beruhigend wirken vestibuläre Stimulationen, wie langsame Schaukelbewegungen.

Als Materialien zur taktilen Stimulation sind verschiedene Stoffe (besonders angenehm sind Wattebällchen oder Seide), Malbürsten, Massageöle, Hautlotionen oder auch Rasierschaum geeignet.

Zu den weniger empfindlichen Teilen des Körpers zählen die Außenseiten der Hände und der Arme, wohingegen das Gesicht, die Unterarme, der Rücken, Brust und Bauch eher zu den empfindlicheren Teilen gehören.

Die taktile Reizbarkeit kann durch Kälte gedämpft werden, indem man die Materialien zuerst abkühlt, außerdem ist es von Vorteil, wenn das Kind sieht, wo es berührt wird. Bei motorischen Tätigkeiten sollte die Unterlage verschiedenartig beschaffen sein. Es eignen sich Teppiche unterschiedlichen Materials. Dadurch werden angenehme taktile Stimulationen in Kombination mit der Propriozeption ermöglicht, die vom Kind als nicht bedrohlich empfunden werden.

Wenn sich das Kind in Wasser, Sand, auf dem Rasen usw. bewegen kann, ist dies von Vorteil.

Eine beruhigende Atmosphäre kann durch angenehme Geruchs- und auditive Reize geschaffen werden.

4.2.3.2. Behandlung bei Störungen der motorischen Entwicklung

„Die ersten Ziele dieser Behandlung sind die Normalisierung des taktilen Systems, die Verbesserung der Integrationsfunktion des Stammhirns durch vestibuläre Stimulie und die Inhibition noch nicht völlig integrierter primitiver Reflexe,...“57

Der Aufbau einer Behandlung beginnt damit, daß die primitiven Reflexe zunächst ihre beherrschende Rolle verlieren sollten. Daraufhin folgen Gleichgewichtsübungen durch vestibuläre und propriozeptive Reize, sowie Übungen, welche die Augen-Reaktion fördern. Zur Entwicklung des Körperschemas eignen sich insbesondere taktile Reize, die mit Druck und in Verbindung mit motorischer Aktivität angeboten werden. Nachdem der Gleichgewichtssinn einigermaßen gut ausgebildet ist, werden vor allem grobmotorische, bilaterale Tätigkeiten angeboten. Dazu gehören Rollen, Kriechen, Krabbeln, Hüpfen und Laufen. Diese Bewegungen beziehen den ganzen Körper mit ein und spiegeln den ontogenetischen Entwicklungsablauf wieder. Diese Tätigkeiten sollten untereinander variiert werden, damit die Bewegungsmuster nicht routinemäßig durchgeführt werden.

„Man kann auch, wenn notwendig, das Kind passiv durch die Bewegungen führen, weil die sensorischen Stimuli von der passiven Bewegung dem Kind helfen, motorische Planung durchzuführen.“58

Alle motorischen Aktivitäten sollte man durch Stimulationen von anderen Sinnesmodalitäten kombinieren. Wie bei der taktilen Abwehr sind taktile Stimulationen durch Krabbeln auf Teppichen verschiedener Beschaffenheit sinnvoll. Vibratorische Stimulationen sind ebenso geeignet wie zusätzliche vestibuläre Reize, die beispielsweise beim Krabbeln durch ein Faß auf das Kind einwirken. Ebenso können Bleimanschetten an den Hand- und Fußgelenken zur kinästhetischen Stimulation beitragen.

4.2.3.3. Schlußfolgerungen

Insgesamt unterscheiden sich die Übungen, zumindest bei den dargestellten Behandlungen, kaum von den Übungen der Doman-Delacato-Therapie. Der einzige wirkliche Unterschied in der methodischen Umsetzung zeigt sich für mich darin, daß keine strengen Zeitvorgaben oder Streckeneinheiten (für Krabbeln, Kriechen, etc.) erforderlich sind und daß mehr Wert auf die Kommunikation und Interaktion mit dem Kind gelegt wird. Beide Konzepte basieren auf neurophysiologischer Sichtweise und orientieren sich bei der phylogenetischen Entwicklung am ontegenetischen Entwicklungsablauf. AYRES Behandlung zielt auf die sensorische Integration der Sinne in den niederen Stammhirnregionen, insbesondere der Formatio reticularis ab, während sich nach DOMAN und DELACATO der Ort der Störungen - von schwerwiegendem bis zum leichten Grade - vom Rückenmark aufsteigend bis in die obersten Hirnregionen lokalisieren läßt. DOMAN und DELACATO sprechen von einer Umbahnung der Störung, AYRES hingegen fördert schlicht die Funktion des „Integrativen Systems“. Aus dieser Sichtweise heraus ergeben sich zwar ähnliche Übungseinheiten, jedoch sind die Schwerpunkte bei der methodischen Umsetzung anders gesetzt. Nicht allein die Quantität und Intensität der Übungen sind entscheidend für eine sinnvolle Förderung, sondern die Einstellung, Motivation und Mitarbeit des Kindes ist hierbei von großer Bedeutung.

4.2.4. Die Basale Stimulation nach Fröhlich

Den Begriff „Basale Stimulation“ prägte FRÖHLICH, um grundsätzliche Aspekte seines Konzeptes zu verdeutlichen. Alle angebotenen Reize, die das Kind aufnehmen soll, sind grundlegendster und einfachster Art, also basal.

„Sie werden auf ein Mindestmaß an innerer Differenzierung reduziert, sie fordern vor allem keinerlei Vorkenntnisse und Erfahrung, um sie aufzunehmen. Sie sind die Basis der höheren Wahrnehmung.“59

Diese Reizangebote werden dem Kind von außen gemacht, wobei Anzahl, Art und Dauer der Reize vom Therapeuten festgelegt werden. Das Kind reagiert zunächst eher indirekt, es wird also stimuliert. Mit basaler Stimulation soll der Versuch gemacht werden, dem Kind ganzheitliche Erfahrungen und Eindrücke zu vermitteln. Wichtig dabei ist, daß dies direkt über den Körper des Kindes aus dessen subjektiver Realität heraus geschieht. Dies bedeutet, daß jegliche Maßnahmen auf die individuelle Entwicklung des Kindes bezogen werden.

„Hierbei handelt es sich um die individuelle Entwicklung, nicht um eine vorgegebene Entwicklung, die sich an Altersstufen oder anderen vorgegebenen Normen orientiert.“60

FRÖHLICH sieht durch die Vermittlung über den Körper eine Gleichwertigkeit von Therapeut und Kind, da der Erwachsene selbst mit seinem eigenen Körper wechselseitig miteinbezogen wird. Ganzheitliche Erfahrungen und Eindrücke finden in folgenden Entwicklungs- und Persönlichkeitsbereichen statt:

- Wahrnehmung
- Sozialerfahrung
- Kognition
- Kommunikation
- Gefühle
- Bewegung
- Körpererfahrung

Diese Aufgliederung darf nicht so verstanden werden, daß die Bereiche isoliert nebeneinander stehen. Vielmehr sind dies künstlich abstrahierte Begriffe, die versuchen Nuancen eines Ganzen wiederzugeben. Diese Bereiche wirken immer und gleichzeitig aufeinander ein, und bedingen oder beeinflussen sich gegenseitig. Körperliche und emotionale Anteile sind gleich real. Man kann diese Bereiche nicht anhand eines bestimmten Wertesystems hierarchisieren, weil dies nicht der Wirklichkeit entspricht.

Bei einer Interaktion zwischen Kind und Therapeut ist es also unvermeidlich, daß sich beide über Kommunikation, Emotionalität und Sozialerfahrung im Entwicklungsprozeß gegenseitig beeinflussen. Auf die Bewußtmachung dieses Grundprinzips legt FRÖHLICH besonderen Wert. Ein weiterer Aspekt für die Förderung schwerst mehrfachbehinderter Kinder ist die Zielsetzung der Maßnahmen. FRÖHLICH lehnt eine Förderung, die auf in ferner Zukunft liegenden Fertigkeiten und Fähigkeiten abzielt, aufgrund der deutlich reduzierten Lebenserwartung und der Unmöglichkeit die weitere Entwicklung zu prognostizieren, ab. Dadurch erhält die Gegenwart, das „Hier und Jetzt“, eine andere Bedeutung. Es sollen nicht primär bestimmte Ziele erreicht werden, denn die Voraussetzungen der schwerst Mehrfachbehinderten können nach FRÖHLICH nicht in ein klassische Bildungskonzept von der Vorbereitung der nächsten Generation auf die Übernahme von Verantwortung aufgenommen werden. Darin kann keine Legitimation der Förderung gesehen werden.

„Ihre Legitimation besteht vielmehr darin, daß sie Menschen hier und jetzt in die Lage versetzt, mit anderen in Kontakt zu treten, sich in Aktivität zu erleben, sich zu bewegen, wahrzunehmen und vieles andere mehr.“61

Basale Stimulation stellt ein Repertoire von Möglichkeiten zur Verfügung, mit denen man sich auch schwerst behinderten Menschen annähern kann. Konkret bedeutet dies, daß lediglich grundlegende Strukturen verändert werden sollen. Nach einer intensiven basalen Aktivierung sind andere und weitere Fördermaßnahmen notwendig, die noch auf einer Stufe unter der schulischen Förderung angesiedelt werden müssen. Diese Fördermaßnahmen beziehen sich dann auf die Fähigkeiten zur Bewältigung der elementaren Alltagsanforderungen. Basale Stimulation ist also ein spezifischer Weg zur Förderung der primären Wahrnehmungsfähigkeit.

Die vibratorischen, die vestibulären und die somatischen Wahrnehmungsbereiche sind wohl die drei frühesten in der kindlichen Entwicklung überhaupt, da sie sich schon in der pränatalen Zeit ausbilden. Gerade deshalb sind sie besonders bedeutsam für das emotionale Erleben des Kindes und des erwachsenen Menschen. Im folgenden soll die Förderung im somatischen, sowie im haptischen Bereich dargestellt werden.

4.2.4.1. Somatische und haptische Anregung

Die somatische Anregung erfolgt über die gesamte Körperoberfläche mit allen Sinneseindrücken, die hier entstehen. Durch eine lange Bewegungslosigkeit, hohe Spastizität, oder Hypotonie kann sich das Körperschema nicht ausdifferenzieren. Durch die somatische Anregung sollen dem behinderten Kind positive Erfahrungen mit dem eigenen Körper vermittelt werden. Dabei soll es die Grenzen und Kontaktstellen zu seiner Umwelt erleben können. Es soll ein Körperbild herausmodelliert werden, das das Kind normalerweise durch die in der Behinderung gegebene Einschränkung nicht selbst entwickeln kann. Diese Erfahrung wird durch Berührungen verschiedener Art ermöglicht. Wichtig dabei ist, daß sämtliche Berührungen fest und bestimmt sind. Um dem Kind klare Informationen zu vermitteln, muß dessen Körperlichkeit bei den Berührungen stark betont werden, indem man das Kind nicht nur oberflächlich berührt, sondern dessen Arme und Beine, sowie seinen Brustkorb mit einem angemessenen Druck umfaßt.

„Von der Körpermitte ausgehen wird der Rumpf „herausmodelliert“, die Extremitäten schließen sich an, bis schließlich die Anregung in den Händen bzw. den Füßen endet.“62

FRÖHLICH orientiert sich dabei an den Anregungen aus der indischen Babymassage, die er vereinfacht und leicht verändert hat.

Bei vielen Menschen mit einer schweren Behinderung ist es sinnvoll, Berührungen und Stimulationen mit verschiedenartigen Materialien durchzuführen, da eine bloße Berührung mit der Hand oft nicht als eine bedeutungsvolle Berührung interpretiert werden kann. FRÖHLICH und HEIDINGSFELDER geben hierzu konkrete Anregungen, welche Formen von Stimulationen in verschiedenen Milieus, Positionsveränderungen und mit verschiedenen Materialien durchgeführt werden können:

- Wasser: Baden bei unterschiedlicher Wassertemperatur und unterschiedlichem Wasserspiegel, dabei kann man durch Abspritzen mit der Brause (weicher bis starker Strahl) unter Wasser dem Kind verschiedene Eindrücke vermitteln, Badezusätze und Öle sind ebenso hilfreich wie schwimmende Korken, Styroporgegenstände oder Kunststoffbällchen.
- Abbürsten: Pinsel, Bürsten, Fellstückchen weicher und härterer Art (Naturborsten oder Kunsstoffborsten, Haarpinsel oder Borstenpinsel), Stoffe, wie Frottee, Samt, Sackleinen, Wolle etc., können verwendet werden. Bei taktiler Abwehr müssen diese Materialien besonders sorgsam ausgewählt werden.
- Fön: Anblasen mit modifizierter Temperatur und Luftstromstärke. · Lagerung: verschiedene Unterlagen.
- Trockenbaden in unterschiedlichen Materialien · usw.

Diese Zusammenfassung soll lediglich einen Eindruck vermitteln, welcher Art taktile Stimulationen sein können und welche Variationen möglich sind. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Weitere und ausführlichere Anregungen finden sich bei FRÖHLICH/HEIDINGSFELDER, S. 101ff. Die Förderung im haptischen Bereich soll erreichen, daß die Hände als Haupttastorgan bevorzugt werden. Die globale Stimulation des ganzen Körpers wird nach einer gewissen Zeit nach und nach auf die Hände konzentriert. Bei Kindern mit taktiler Abwehr müssen auch hier diffuse Reize unbedingt vermieden werden, um völlige Eindeutigkeit und Ruhe im taktilen Eindruck zu vermitteln.

Bei der Stimulation der Handinnenflächen können, ebenso wie bei der globalen Stimulation, verschiedene Bürsten und Pinsel verwendet werden.

Hände und Unterarme des Kindes werden zunächst vom Therapeuten in Naturmaterialien, wie Sand, Erbsen, Bohnen, Mais, Kastanien, etc. bewegt, falls sich das Kind nicht spontan dazu entschließt, in den Materialien zu wühlen. Die Beschaffenheit der Materialien kann variiert werden. So können sie sich in ihren Temperaturen unterscheiden, in ihrer Konsistenz und Form, oder in der Trockenheit bzw. Feuchte. Tastbrettchen oder -körper mit unterschiedlichen Oberflächen, die aus verschiedenen Materialien bestehen, sind eine weitere Möglichkeit, dem Kind zahlreiche Eindrücke vermitteln zu können.

Um dem Anspruch der Förderung der Wahrnehmungsfähigkeit im Sinne einer ganzheitlichen Wahrnehmungsförderung gerecht werden zu können, beinhaltet Basale Stimulation natürlich auch grundlegende Anregungen für andere Sinnesbereiche, die hier nicht weiter dargestellt, der Vollständigkeit halber aber erwähnt werden. Dies sind weitere Anregungen im vestibulären, vibratorischen, auditiven, visuellen und dem gustatorisch-olfaktorischen Bereich.

4.2.5. Die integrative Gestaltungstherapie nach Besems / van Vugt

Im Gegensatz zum Konzept der „Basalen Stimulation“ geht diese Therapie von Behinderten mit einem höheren Aktivitätsniveau aus, beansprucht aber, ebenso bei Menschen mit einer schweren Behinderung sinnvoll zu sein.

„Unseres Erachtens ist der Schlüssel zu allen Fähigkeiten und Leistungen eine Integration des Geistigen, Körperlichen und Emotionalen in der Persönlichkeit.“63

Eine mangelhafte Entwicklung in einem oder mehrerer dieser Bereiche verursacht für den Behinderten erhebliche Schwierigkeiten in seiner individuellen Lebensgestaltung. Dies äußert sich hauptsächlich in einer Störung im Ausdruckssystem der Gefühle, sowie im Befriedigungssystem der Bedürfnisse. Damit eine Integration zwischen diesen beiden Persönlichkeitsbereichen stattfinden kann, muß man sich gleichzeitig mit Körper, Geist und Gefühlen des Behinderten beschäftigen. In einer Fördersituation soll der Behinderte den Ausgangspunkt für die Interaktion mit seiner Umwelt darstellen., womit vermieden wird, daß der Behinderte sich der Gesellschaft anpassen soll, und dadurch weitere Störungen im Ausdrucks- und Befriedigungssystem auftreten. Es geht also nicht darum, wie der Behinderte besser in unsere Gesellschaft integriert werden kann, sondern darum, wie der Behinderte seine Lebensqualität verbessern und sich somit in der Gesellschaft besser behaupten kann.

Förderung wird hier verstanden als Psychotherapie, in der es um folgende Frage geht:

„Wie können wir den Behinderten unterstützen, seine Gefühle besser wahrzunehmen und auszudrücken, und seine Bedürfnisse besser wahrzunehmen und zu realisieren.“64

Der Schwerpunkt der Psychotherapie liegt im Emotionsbereich des Behinderten. Schwierigkeiten bereitet die Tatsache, daß das, was wir wahrnehmen, kein eindeutiges Gefühl, sondern ein Gefühlsausdruck des Behinderten ist, den wir meist nur interpretieren können. Wir wissen oft nicht, was der Behinderte konkret fühlt.

Auch die Sprache, mit der Gefühle ausgedrückt werden können, ist bei vielen Behinderten kaum oder gar nicht vorhanden. Darum muß das Augenmerk auf den ganzen Körper gerichtet werden. Dabei sollen dem Behinderten Aktivitäten angeboten werden, von denen man die Gefühle, die dadurch beim Behinderten ausgelöst werden können, zu kennen glaubt. Dadurch soll das Spektrum der wahrnehmbaren Gefühle erweitert werden. Der Behinderte soll befähigt werden, diese Gefühle auf seine individuelle Art auszudrücken.

Der Zugang zum Behinderten findet also über seinen Körper statt. In einer Kombination von kognitiven und körperlichen Funktionen soll das, was dem Behinderten angeboten wird, wahrgenommen, aufgenommen oder benannt werden, damit das eigentliche Ziel, die Emotionen, nämlich das Spüren und Ausdrücken von Gefühlen, möglich wird.

Der Begriff Psychotherapie bedeutet weiterhin, daß es sich hier nicht um pädagogische Maßnahmen handelt, die sich - auf einer soliden Basis aufbauend - auf die Bildung von Fähigkeiten und Fertigkeiten konzentriert. Therapie legt den Schwerpunkt auf die Heilung von Störungen und versucht, das, was sich bisher fehlerhaft entwickelt hat, zu reparieren.

Am Anfang einer Psychotherapie stehen folgende Fragen: · Was fehlt der/dem Behinderten?

- Was braucht die/der Behinderte? · Was können wir ihr/ihm bieten?

Diese Fragen müssen mehr oder weniger von uns selbst beantwortet werden. Deshalb wird vom Therapeuten eine ausgeprägte Wahrnehmung bezüglich des gesamten Verhaltensspektrums des Behinderten gefordert. Dabei sollten voreilige Interpretationen vermieden werden. Anders gesagt, die Aktionen und Reaktionen sollen vom Therapeuten wahrgenommen werden, er darf sich aber die Frage nach dem Grund dieses Verhaltens nicht beantworten, ohne möglichst alle Möglichkeiten und Faktoren zu erkennen und gegeneinander abzuwägen. Es geht also zunächst nicht um die Symptome selber, sondern um die Hintergründe und Grundlagen für diese Symptome. Hier kann dann therapeutisch angesetzt werden.

„Verstehen der Symptome und der darunterliegenden Grundlagen bedeutet, daß wir viel suchen müssen und den Mut haben, falsch zu raten. Wenn eine Antwort richtig ist, wird der Behinderte darauf mit seinem Körper positiv reagieren. Auch wenn das nur eine winzige Entspannung im großen Zehen ist.“65

Wenn auf diese Weise auf die beiden ersten Fragen eine Antwort gefunden wird, muß man sich nun überlegen, welche Aktivitäten man dem Behinderten bieten kann, um seine Defizite auszugleichen. Wichtig dabei ist, das ständige Wiederholen der Aktivitäten, damit sich der Behinderte sicherer wird, bezüglich dessen, was ihn erwartet und seine eigene bewußte Wahrnehmung von sich selbst verbessert werden kann.

Diese sich so individuell gestaltende Psychotherapie mit Behinderten nennen VAN VUGT und BESEMS „Gestalttherapie“.

Wichtige Prinzipien der Gestalttherapie sind:

- Leib-Seele-Geist-Einheit: siehe obige Ausführungen
- Hier und Jetzt: Anhaltspunkte für die Therapie bietet immer nur das momentane, aktuell gezeigte Verhalten.
- Ausdrücken von Gefühlen: Als zentraler Stellenwert in der Therapie muß jegliche Art von Möglichkeiten des Behinderten, seine Gefühle auszudrücken, unterstützt werden. Eine Umwandlung der Ausdrucksform ist nur notwendig, wenn diese dem Behinderten selbst oder anderen schadet, dabei bleibt der Ausdruck an sich aber erhalten. · Erlebnisaktivierung: Da in einer alltäglichen Situation nicht immer Gefühle entstehen, die so stark sind, daß man sie ausdrücken muß, sollen dem Behinderten während einer Sitzung Aktivitäten geboten werden, die in diesem Moment und in dieser Situation derartig starke Gefühle auslösen können, oder frühere, noch unverarbeitete Gefühle wachrufen. Dadurch kann der Therapeut dem Behinderten helfen, diese Gefühle auf eine entsprechend angemessene Art und Weise auszudrücken.
- Selbstheilungskräfte: BESEMS und VAN VUGT gehen davon aus, daß jeder Mensch ein gewisses Potential an Selbstheilungskräften besitzt. Die Therapie soll nun den Behinderten mit seinen verlorenen oder verdeckten Kräften in Verbindung bringen. · Selbstverantwortung: Weiterhin soll gewährleistet sein, daß der Behinderte für seine Aktivitäten selbst verantwortlich ist, damit er zu seinen positiven Kräften finden kann. Ihre Selbstverantwortung und Handlungsfähigkeit soll dadurch gefördert werden, daß der Therapeut die Aktivität zunächst mit dem Behinderten gemeinsam durchführt. Im Anschluß daran aber soll der Behinderte dieselbe Aktivität mit dem Therapeuten wiedeholen. Dadurch wird erreicht, daß der Behinderte einerseits Erfahrungen des Spürens und Geschehen-Lassens, andererseits aber auch Erfahrungen des Selber- Machens, Handelns und des Tragens von Verantwortung machen kann. · Erfahrung und Bewußtsein: Mit den beiden obigen Prinzipien einher geht die Notwendigkeit des Bewußtseins der eigenen Möglichkeiten. Deshalb müssen entsprechende Erfahrungen gemacht werden. Ziel der Therapie muß sein, daß der Behinderte zuerst Erfahrungen mit sich selbst macht und sich selbst bewußt mit seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Erfahrungen wahrnimmt. Alle Aktivitäten und Experimente sollen dazu dienen, etwas über sich selbst zu erfahren und die Möglichkeit bieten, neue Verhaltensweisen auszuprobieren. Während der Aktivitäten soll die Aufmerksamkeit des Behinderten auf jene Körperregion gelenkt werden, in der die Erfahrung momentan stattfindet.
- Kontakt: Ist das Prinzip der Erfahrung und des Bewußtseins verwirklicht, so kann der Behinderte seine Kontakte zu anderen Personen viel selbständiger und unabhängiger aufbauen. Um neurotische Störungen durch gestörte Kontaktaufnahme zu verringern bzw. zu vermeiden, muß der Therapeut sich selbst mit echten Gefühlen wahrnehmen und diese ausdrücken. Er muß sich auf die Kontaktaufnahme des Behinderten einlassen und seine Ängste, Enttäuschungen, Traurigkeit oder Freude zeigen und mitteilen. · Figur - Grund: Der Behinderte selbst oder dessen Ausdruck müssen stets als Figur in Zusammenhang mit dem entsprechenden Hintergrund, also den Lebensumständen des Behinderten oder dessen Lebensgeschichte, bzw. in dem Kontext der momentanen Aktivität gesehen werden.

Sämtliche Aktivitäten können bei jeder Behinderungsart durchgeführt werden. Die Art und Weise, wie man diese Aktivitäten durchführt, wird aber auf die Reaktionen des Behinderten individuell abgestimmt.

Alle Therapeuten bedürfen einer bestimmten Ausbildung, um die Therapie durchführen zu können. Ansprüche, die an den Therapeuten gestellt werden, sind Offenheit gegenüber Behinderten, Interesse an sich selbst und am Behinderten, Selbsterfahrung mit den Aktivitäten, Flexibilität, Selbstverantwortung, Kreativität und Durchhaltevermögen.

Eine Therapiesitzung ist immer - um dem Behinderten eine Orientierung zu ermöglichen - folgendermaßen strukturiert:
- Begonnen wird mit Armkreisen, das mit Musik begleitet wird, um nach und nach die Bewegung in fließender und harmonischer Weise durchzuführen. Dies fördert die Emotionalität während der Aktivitäten.
- Anschließend werden auf dem Boden jene Aktivitäten gemacht, wo der betreffende Behinderte seine Defizite hat. Dies geschieht ohne Musikbegleitung, da hier sehr unterschiedliche Aktivitäten durchgeführt werden müssen. Wie diese Aktivitäten aussehen können, wird an dieser Stelle nicht näher beschrieben. Stattdessen verweisen die Autoren auf die dem Beitrag beigefügte Literaturliste (siehe VAN VUGT / BESEMS, Seite 170/171). · Nach ungefähr einem halben Jahr werden zusätzliche Aktivitäten angeboten, die aus den Bereichen Kraft, Gleichgewicht, Stehen und Gehen kommen.
- Geschlossen wird eine Sitzung wiederum mit Armkreisen und Musik oder mit einer Entspannungsübung.

Einen optimalen Rahmen für die Therapie bieten eine Gruppensituation, in der Behinderte und Therapeuten in einem eins zu eins Verhältnis miteinander interagieren können. Vorteile bietet dies für die Behinderten selbst, da diese gegenseitig voneinander abschauen können, und in einer späteren Phase die Kommunikation untereinander besser gefördert werden kann. Die Therapeuten können in einer Nachbesprechung der einzelnen Sitzungen ihre Probleme, Erfahrungen und Schwierigkeiten untereinander austauschen und Schwerpunkte für die nächste Sitzung gemeinsam planen. Die Gestalttherapie wird mit dem Behinderten einmal pro Woche eine Stunde lang durchgeführt, damit der Behinderte Zeit findet, die neuen Erfahrungen und Gefühle einordnen zu können.

„Wichtig ist, daß wir nicht mehr Türen aufschließen, als der Behinderte selbst wieder zumachen kann.“66

Abschließend kann man sagen, daß die Gestalttherapie in ähnlicher Form wie die Basale Stimulation vom Therapeuten und vom Behinderten gleichwertiges Einbringen in die Fördersituation abverlangt. Weitere leiborientierte Förderkonzepte sollen im nächsten Abschnitt vorgestellt werden.

4.2.6. Weitere Konzepte zur Förderung und Therapie durch ganzheitliche Leibarbeit

Ausgangspunkt aller der im folgenden dargestellten Konzepte ist, wie auch bei der integrativen Gestaltungstherapie, ein ganzheitliches Menschenbild, das sich aus einem Gefüge von Körper, Geist und Seele zusammensetzt. Über den Körper hat man den ursprünglichsten Zugang zur Seele (Gefühl), sowie zum Geist (Verstand) und somit die Möglichkeit, dieses Gefüge so zu beeinflussen, daß alle drei Bereiche in einen harmonisch, fließenden Einklang gebracht werden können.

4.2.6.1. Hatha-Yoga

„Ziel der verschiedenen Yogaformen ist die Hinführung des Menschen zur Ganzheit“67

Die Yoga-Übungen bestehen aus unterschiedlichen Körperhaltungen und Bewegungen, bei denen Spannung - Entspannung, sowie Belastung - Entlastung der betreffenden Muskeln oder Körperregionen hergestellt werden. Je mehr diese Übungen durchgeführt werden, desto mehr ist man in der Lage, die eigene Bewegungsfreiheit auszubauen, dabei stößt man immer wieder an seine leiblich - seelischen Grenzen. Das Ausharren in einer Körperhaltung bewirkt, daß sämtliche Sinnesfunktionen bewußter wahrgenommen werden. Daneben werden Schwachpunkte stabilisiert und gestärkt.

Adäquate Übungen können bei Geistigbehinderten, wenn sie über einen längeren Zeitraum regelmäßig ausgeführt werden, positive Effekte zeigen. SELLENEIT vermutet sogar, daß die Übungen speziell bei Geistigbehinderten eine direkte Wirkung zeigen können. Geistigbehinderte gehen mit weniger Zielvorstellungen und Absichten an die Übungen heran, was ein sehr wichtiger und notwendiger Aspekt der Yoga-Übungen ist.

Sämtliche Übungen sollten in kleine, einfache und aufeinander aufbauende Schritte aufgeteilt werden. Manche Übungen können mit Hilfestellung durch den Partner erlernt werden. Auf eine nähere Beschreibung der Übungen soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

4.2.6.2. Dehnungsmassage mit cerebral behinderten Menschen nach Fikar

Dieses Förderkonzept entwickelte FIKAR aus Elementen zweier Arbeitsformen. Beide Methoden sollen im folgenden kurz angesprochen werden:

- Atemtherapie: Die Atmung wird hier neben ihrer Funktion als lebenserhaltendes Element auch als Brücke zwischen Körper und Seele gesehen, denn sämtliche Aktivitäten körperlicher, seelischer und geistiger Art sind automatisch mit der Atmung verbunden. Die Atmung läuft zwar im alltäglichen Leben meist unbewußt ab und ist ein vegetativer Vorgang, jedoch kann man sie auch gezielt beeinflussen. Bei der Atemtherapie soll der eigene Atem bewußt erlebt werden. Dadurch können alltägliche Fehlhaltungen zunächst aufgespürt und durch modifizierende Atmung verändert werden. Fehlhaltungen äußern sich in einer Über- bzw. Unterspannung einzelner Körperregionen oder des ganzen Körpers. Damit einher gehen Atemrhythmusstörungen, sowie physische Schädigungen der Wirbelsäule durch falsches Stehen, Liegen oder Sitzen. Bei schwerst Mehrfachbehinderten sind diese Störungen sehr häufig vorhanden. Durch Atemübungen, die mit Hilfe eines Therapeuten erlernt werden können, soll die körperliche Befindlichkeit verbessert werden.

- Do-in: Ähnlich wie Yoga ermöglicht diese fernöstliche Methode die Harmonisierung der körperlichen, seelischen und geistigen Funktionen des Menschen. Kennzeichnend für das Do-in sind Atem-, Körper-, und Meditationsübungen. Die Körperübungen lassen sich sowohl alleine als auch in Gruppen oder mit einem Partner durchführen.

„In fließenden, kreisförmigen und sanften Bewegungen wird der Körper von Kopf bis zu den Zehen gedehnt. Dabei wird ein regelmäßiger Ki-Strom (Ki = Lebensenergie) herbeigeführt, der den ganzen Körper in eine stabile Harmonie bringt.“68

Die Dehnungsmassage will beide Wege sinnvoll miteinander verbinden. Diese Art von Partnerarbeit bietet zahlreiche Kommunikationsmöglichkeiten. Auch hier werden Einzelheiten von Übungen nicht aufgeführt, da für eine Anwendung dieser Dehnungsmassage eine spezielle Ausbildung notwendig ist.

4.2.6.3. Das methoden-integrierte Lernen mit dem Körper nach Fikar / Fikar

Das methoden-integrierte Lernen mit dem Körper läßt sich grundsätzlich in zwei Bereiche einordnen:

Sensorisch orientierte Ansätze beinhalten schwerpunktbezogen Fördermaßnahmen aus der Basalen Stimulation nach FRÖHLICH, der Streichelmassage nach LEBOYER und aus der Dehnungsmassage nach FIKAR.

Körperdialogisch orientierte Ansätze basieren auf den Konzepten der Basalen Kommunikation nach MALL, sowie der Integrativen Gestaltungstherapie nach VAN VUGT / BESEMS. In der Praxis läßt FIKAR beide Richtungen in seine Arbeit miteinfließen. In welcher Form und Reihenfolge die einzelnen Ansätze angewendet werden, muß individuell auf den Behinderten abgestimmt werden.

Wichtig ist für den Pädagogen, daß er sich mit den verschiedenen Ansätzen mit Hilfe einer (Zusatz-) Ausbildung vertraut macht. Das methoden-integrierte Lernen ist keine isolierte Therapie, sondern muß als Baustein einer Gesamtförderung gesehen werden. Sämtliche Erfahrungen, die dem Behinderten dadurch angeboten werden, müssen so strukturiert sein, daß er diese einordnen und verarbeiten kann. Durch regelmäßige Zwischenauswertungen bleibt die Arbeit flexibel und ermöglicht gegebenenfalls eine Neustrukturierung der Ansätze. Weiterhin muß zwischen den Kollegen ein regelmäßiger Austausch stattfinden, wo in Zusammenarbeit Erfahrungen und Beobachtungen (evtl. anhand von Videoaufzeichnungen) ausgewertet werden können.

5. SCHLUßBETRACHTUNG

Obwohl man den bis hierher dargestellten Gesichtspunkten der Wahrnehmungsförderung noch viele weitere Überlegungen - seien sie neurophysiologischer, entwicklungspsychologischer oder pädagogischer Art - anfügen könnte, soll an dieser Stelle ein Fazit gezogen werden. Dabei möchte ich zunächst nochmals auf eine mir wichtig erscheinende allgemeine Erkenntnis über die Wahrnehmung hinweisen.

Was wir heute über die Wahrnehmung wissen, zeigt uns, daß jedes Individuum aufgrund physiologischer und (entwicklungs-) psychologischer Variationsmöglichkeiten seine Umwelt auf die ihm eigene, spezifische Art und Weise erlebt. Eine bestimmte Situation, ein bestimmter Umweltreiz, oder ein bestimmter Sachverhalt, kann bei verschiedenen Individuen also unterschiedliche Verhaltensweisen oder kognitive Prozesse auslösen.

Im Hinblick auf die Wahrnehmungsförderung kann man sich, wenn man die Möglichkeiten psychologischer und pädagogischer Schwerpunkte bedenkt, leicht vorstellen, wie es zu den dargestellten, sich teilweise überschneidenden und in mancher Hinsicht auch widersprechenden oder ausbauenden Auffassungen kommt. Wenn man sich nun die Frage stellt, welche Fördermaßnahmen in welchem Falle angebracht sind, so erkennt man, daß es, wie auch FRÖHLICH, VAN VUGT, BESEMS, und FIKAR etc. sagen, kein Grundrezept gibt.

Diese Aussage betreffend, möchte ich auch folgenden Gedankengang hinzufügen:

Die genannten Autoren sind bestrebt, eine Wahrnehmungsförderung im ganzheitlichen Sinne zu gestalten. Ganzheit bedeutet hier den Einklang von Körper, Geist und Seele. Dabei muß die Gestaltung der Wahrnehmungsförderung auf das jeweilige Individuum abgestimmt werden. Ganzheit sollte aber ebenso im Sinne einer ganzheitlichen Wahrheit und Erkenntnisfindung, die Wahrnehmung betreffend, gesehen werden. Nicht nur die Gemeinsamkeiten und Parallelen der unterschiedlichen Auffassungen sind ein Teil der ganzheitlichen Erkenntnis, sondern ebenso diejenigen Aspekte, die am meisten diskutiert werden. Genau diese nämlich sind die Basis für weitere Überlegungen. Dabei sollte meiner Meinung nach beachtet werden, daß in jeder subjektiven Erkenntnis auch eine subjektive Begründung liegt, die aus einem Teil der Realität heraus entstanden ist. Es kann also nicht immer darum gehen, bei sich widersprechenden Thesen, die eine oder andere zu widerlegen, sondern es sollte auch die Möglichkeit gesehen werden, daß diese Thesen - nebeneinandergestellt - erst ein weiteres Stück einer ganzheitlichen Erkenntnisfindung bilden. Es sind quasi Mosaiksteine, die ein Bild ergeben, von dem niemand weiß, wie genau es am Ende aussehen soll.

Abschließend möchte ich noch eine weitere Überlegung darstellen. GOLDSTEIN sagt, daß es keine Möglichkeit gibt, genau zu erfahren, was andere Menschen wahrnehmen und erleben. Jeder Mensch lebt sozusagen in einer mehr oder weniger anderen Wahrnehmungswelt. Im Umgang mit Behinderten sollten wir uns dessen bewußt sein. Wir wissen nicht genau, wie Behinderte empfinden, was sie wahrnehmen und wie sie die Welt erleben. Es sind immer subjektive Meinungen, die aus unseren eigenen Vorstellungen und Erfahrungen heraus entstehen.

Beim Bestreben zu helfen stellen sich uns also einige Unsicherheitsfaktoren in den Weg. Wir wissen nicht genau, was wir durch unser Tun bewirken, geschweige denn, was genau wir tun müssen. Obwohl dies der Ausgangspunkt für sämtliche Nachforschungen in diese Richtung ist, stellt es trotzdem auch eine gewisse Hilflosigkeit dar. An dieser Stelle möchte ich auf das im Vorwort dargestellte Grundprinzip der taktilen Stimulation zurückkommen:

Aufgrund der elementaren Erfahrungen von Bedürfnisbefriedigung und Hilfe über Haut- und Körperkontakt während unserer eigenen Entwicklung, ist es vielleicht mitunter genau diese Hilflosigkeit, die solche Erinnerungen, wenn auch unbewußt, in uns wachruft, und uns dazu bewegt, „Hand anzulegen“, obwohl die Zielsetzungen anders sind.

Mit anderen Worten: Das Erarbeiten von entwicklungspsychologischen Theorien als Grundlage für die Wahrnehmungsförderung in der Sonderpädagogik sollte auch unser Bewußtsein über unser eigenes Denken und Handeln erweitern.

6. LITERATURVERZEICHNIS

Das Literaturverzeichnis enthält die Titel, die in der Arbeit mit dem Namen des Autors bzw. der Autorin zitiert wurden und Titel, die zur Erstellung der Arbeit herangezogen wurden.

Abkürzungen

Zeitschrift: ZS

ALBRECHT, PATRICIA: Diagnose und Therapie von Wahrnehmungsstörungen nach A. Jean Ayres; in: Fröhlich, Andreas: (Hrsg.): Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung; Edition Schindele Heidelberg; 8. Auflage 1994; S.53-72

AYRES, A. JEAN: Bausteine der kindlichen Entwicklung, Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes; Springer Verlag Berlin - Heidelberg - New York; 2. Auflage 1992

BACHMANN KLAUS: Synästhesie, in: ZS Geo-Wissen - Sinne und Wahrnehmung, Gruner + Jahr AG & Co - Druck- und Verlagshaus, Hamburg, September 1997, S. 36-42

BETZ, DIETER: Psychologie der kognitiven Prozesse, Reinhardt Verlag, München, 1974

BIELEFELDT, ELFRIEDE: Tasten und Spüren - Wie wir bei taktil-kinästhetischer Störung helfen können; Ernst Reinhardt Verlag München - Basel; 1991

BOWER, TOM: Die Wahrnehmungswelt des Kindes; Klett-Cotta Verlag Stuttgart; 1. Auflage 1978 BRÄHLER, ELMAR (Hrsg.): Körpererleben - Ein subjektiver Ausdruck von Körper und Seele, Psychosozial - Verlag, Gießen, 2. Auflage 1995

CHEREK, REINER: Wahrnehmungsförderung durch Säuglings- und Kleinkinderschwimmen; in: ZS Motorik, 13 (1990) 1, S.23-29

DELACATO, CARL, H.: Der unheimliche Fremde - Das autistische Kind, Hyperion Verlag, Freiburg 1975

DOMAN GLEN: Was können Sie für Ihr hirnverletztes [...] Kind tun?, Hyperion Verlag, Freiburg 1980

DU BOIS, REINMAR: Körper-Erleben und psychische Entwicklung, Verlag für Psychologie, Göttingen - Toronto - Zürich, 1990

DUDEL, J.: Allgemeine Sinnesphysiologie; in: Schmidt, R.F. und Thews, G. (Hrsg.): Physiologie des Menschen; Springer Verlag Berlin - Heidelberg - New York; 21. Auflage 1983; S. 191-208.

ESSER, M.: Psychomotorische Therapie nach B. Aucouturier; in: Fikar, H. / Fikar, S.: Körperarbeit mit Behinderten; Witwer; Stuttgart; 2 Auflage 1992; S. 172-179

EWERT, JÖRG PETER / EWERT SABINE BEATE: Wahrnehmung; Quelle und Meyer Heidelberg; 1981

FIKAR, H.: Körperarbeit bei Menschen mit schwerer geistiger Behinderung; in: Fikar, H. / Fikar, S.: Körperarbeit mit Behinderten; Witwer; Stuttgart; 2 Auflage 1992; S. 204-217

FIKAR, SUSANNE: Konkretes Lernen über den Körper und mit dem Körper - „Selbstversorgung“, ein Praxisbeispiel aus der Sonderschule“; in: Fikar, H. / Fikar, S.: Körperarbeit mit Behinderten; Witwer; Stuttgart; 2 Auflage 1992; S. 218-234

FISCHER, ERHARD: Sinneserziehung: Schulung durch didaktische Materialien oder Erschließung sinnlich vermittelter Bedeutungen; in: ZS Heilpädagogik, 36 (1985) 10, S. 708-718

FISCHER, ERHARD: Wahrnehmungsförderung und Sinnerschließung bei schwer geistig Behinderten; in: ZS Geistige Behinderung, 22 (1983) 4, S. 282-291

FISCHER, ERHARD: Wahrnehmungsförderung, Bock + Herchen Verlag, 1983

FLEHMIG, INGE: Normale Entwicklung des Säuglings und ihre Abweichungen - Früherkennung und Frühbehandlung, Georg Thieme Verlag, Stuttgart - New York, 5. Auflage 1996

FREY, K.J.: Grundsätzliches zu Piaget, in: Fach der Psychologie der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (Hrsg.): Entwicklungspsychologie, 9. Auflage 1992

FRÖHLICH, A. / HEIDINGSFELDER, M.: Elementare Wahrnehmungsförderung; in: Fröhlich, Andreas: (Hrsg.): Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung; Edition Schindele Heidelberg; 8. Auflage 1994; S.97- 114

FRÖHLICH, A.: Basale Stimulation für Menschen mit schwerster Mehrfachbehinderung; in: Fikar, H. / Fikar, S.: Körperarbeit mit Behinderten; Witwer; Stuttgart; 2 Auflage 1992; S. 20-33

FRÖHLICH, A.: Behinderte Wahrnehmung; in: Fröhlich, Andreas: (Hrsg.): Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung; Edition Schindele Heidelberg; 8. Auflage 1994; S.30-52

FRÖHLICH, A.: Wahrnehmungsstörungen - einführende Bemerkungen; in: Fröhlich, Andreas: (Hrsg.): Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung; Edition Schindele Heidelberg; 8. Auflage 1994; S.9-12

FRÖHLICH, ANDREAS: Basale Stimulation; Düsseldorf; 1990

FRÖHLICH, ANDREAS: Förderung der Wahrnehmungsfähigkeit; in: Fröhlich, Andreas: (Hrsg.): Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung; Edition Schindele Heidelberg; 8. Auflage 1994; S.73-74

GIBSON, JAMES, J.: Wahrnehmung und Umwelt - Der ökologische Ansatz in der visuellen Wahrnehmung, Urban & Schwarzenberg, München - Wien - Baltimore, 1982

GOLDSTEIN, E. BRUCE: Wahrnehmungspsychologie: eine Einführung; Spektrum , Akademischer Verlag; Heidelberg - Berlin - Oxford; 1997

GRANDIC, A.: Sensorische Integration in der Förderung geistig behinderter Menschen; in: Fikar, H. / Fikar, S.: Körperarbeit mit Behinderten; Witwer; Stuttgart; 2 Auflage 1992; S. 180-192

HOLLE, BRITTA: Die motorische und perzeptuelle Entwicklung des Kindes - Ein praktisches Lehrbuch für die Arbeit mit normalen und retardierten Kindern; Psychologie Verlags Union München - Weinheim; 1988

HOLZBECK, THOMAS: Mit allen Sinnen die Welt entdecken...; Verlag des ISAW Freiburg; 1995 KATZ DAVID: Der Aufbau der Tastwelt; Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt; 1969 KEPHARDT, N.C.: Das lernbehinderte Kind im Unterricht, München - Basel, 1977

KLAUS, A.: Entwicklungspsychologie - Arbeitsblätter zur Ausbildung und Weiterbildung von Pädagogen, Fach der Psychologie der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, 1994

KNÖPPEL, T.: Partnermassage als Möglichkeit zur Kommunikation; in: Fikar, H. / Fikar, S.: Körperarbeit mit Behinderten; Witwer; Stuttgart; 2 Auflage 1992; S. 47-59

KRECH UND CRUTCHFIELD: Grundlagen der Psychologie 2 - Wahrnehmungspsychologie, Beltz Verlag, Weinheim - Basel, 1985

LETTKO, MARGIT: Grundlagen der psychophysiologischen Wahrnehmung; in: Fröhlich, Andreas: (Hrsg.): Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung; Edition Schindele Heidelberg; 8. Auflage 1994; S.13-29

LOTZ, RENATE: Körperbehinderung und taktil-kinästhetische Wahrnehmungsstörung; in: Fröhlich, Andreas: (Hrsg.): Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung; Edition Schindele Heidelberg; 8. Auflage 1994; S.82-87

LUCZAK, HANNA: Hypnose, die Macht des verborgenen Ich, in: ZS „Geo - Das Geheimnis der Hypnose“, Gruner + Jahr AG & Co - Druck- und Verlagshaus, Hamburg, 2/1995, S. 18-36

MATTHIES, ELLEN / BAECKER, JOCHEN / WIESNER, MANFRED: Erkenntniskonstruktion am Beispiel der Tastwahrnehmung; Vieweg Braunschweig; 1991

MERKENS, LUISE: Basale Lernprozesse zur Förderung der visuellen Wahrnehmungsfähigkeit bei Autismus, hirnorganischen Schädigungen und sensorisch-motorischen Deprivationen; in: ZS Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 32 (1983) 1, S.4-11

MERKENS, LUISE: Lernhierarchien nach Gagné, dargestellt an Beispielen basaler Wahrnehmungsförderung; in: ZS Heilpädagogik, 35 (1984) 6, S. 421-429

MONTAGU, ASHLEY: Körperkontakt - Die Bedeutung der Haut für die Entwicklung des Menschen; Klett Verlag Stuttgart; 1974

PIAGET, JEAN / INHELDER, BÄRBEL: Die Entwicklung der elementaren logischen Strukturen Teil 1 und 2, Schwann, Düsseldorf, 1. Auflage 1973

PIAGET, JEAN: Das Weltbild des Kindes, dtv, München, 1988

PIAGET, JEAN: Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1. Auflage 1974

PIAGET, JEAN: Die Entwicklung des Erkennens III, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1. Auflage 1973

PÖHNL, BERNHARD: Du kleiner Baum, du bist mein Freund - Ganzheitliche Entwicklungsförderung mit den Mitteln der Basalen Stimulation; in: ZS Zusammen, 8 (1988) 6, S.21-23

RÜCKRIEM/STARY/FRANCK: Die Technik des wissenschaftlichen Arbeitens, Schöningh Verlag, Paderborn, 1977

SARIMSKI, KLAUS: Entwicklungsmodelle, in: Brack, Udo, B.(Hrsg.): Frühdiagnostik und Frühtherapie, Psychologie-Verlags-Union, München - Weinheim, 2. Auflage 1993

SCHMIDT, MARTIN: Vorbemerkungen zum Symptomkomplex der Wahrnehmungsstörungen bei frühkindlich hirngeschädigten Kindern; in: Fröhlich, Andreas: (Hrsg.): Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung; Edition Schindele Heidelberg; 8. Auflage 1994; S.7-8

SCHMIDT, R.F.: Somato-viscerale Sensibilität: Hautsinne, Tiefensensibilität, Schmerz; in: Schmidt, R.F. und Thews, G. (Hrsg.): Physiologie des Menschen; Springer Verlag; Berlin - Heidelberg - New York; 21. Auflage 1983; S.229-255.

SCHNELL, W.: Musiktherapeutische Arbeit im Pränatalraum; in: Fikar, H. / Fikar, S.: Körperarbeit mit Behinderten; Witwer; Stuttgart; 2 Auflage 1992; S. 34-46

SCHRAML, WALTER, J.: Einführung in die moderne Entwicklungspsychologie für Pädagogen und Sozialpädagogen, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 7. Auflage 1990

SELLENEIT, NORBERT: Ganzheitliche Leibarbeit mit geistig behinderten Menschen - als Begegnung, Förderung und Therapie; in: Fikar, H. / Fikar, S.: Körperarbeit mit Behinderten; Witwer; Stuttgart; 2 Auflage 1992; S. 193-203

STADLER, M./SEEGER, F./RAEITHEL, A.: Psychologie der Wahrnehmung, Juventa Verlag, München, 1975

STEINDL, CHRISTIANE: Förderung der Wahrnehmung; in: ZS Heilpädagogik, 30 (1987) 3, S.76- 82; Beilage zu: Erziehung und Unterricht, 137/1987/6

VAN VUGT, GERRY / BESEMS, THIJS: Gestalttherapie mit Behinderten; in: Fikar, H. / Fikar, S.: Körperarbeit mit Behinderten; Witwer; Stuttgart; 2 Auflage 1992; S. 153-171

ZIMMERMANN, M.: Somato-viscerale Sensibilität: Die Verarbeitung im Zentralnervensystem; in: Schmidt, R.F. und Thews, G. (Hrsg.): Physiologie des Menschen; Springer Verlag Berlin - Heidelberg - New York; 21. Auflage 1983; S.209-227.

7. ANLAGE FÜR DIE WISSENSCHAFTLICHE HAUSARBEIT

Ich versichere, daß ich die Arbeit selbständig und nur mit den angegebenen Quellen und Hilfsmitteln angefertigt habe. Alle Stellen der Arbeit, die ich aus anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinne nach entnommen habe, sind kenntlich gemacht.

Gaiberg, den 8. Dezember 1997

[...]


1 Holzkamp, K.: Sinnliche Erkenntnis, Fischer, Frankfurt, 1973. Zit. n.: Rohde-Kottelwesch, S. 11

2 Schraml, S. 159

3 Dudel, S. 194

4 a.a.O. S. 195

5 a.a.O. S. 205

6 Hensel, H.: Allgemeine Sinnesphysiologie, Hautsinne, Geschmack, Geruch, Berlin-Heidelberg-New York, Springer 1966. Zit. n.: Dudel, S. 208

7 Schmidt, S. 229

8 Zimmermann, S. 210

9 a.a.O. S. 212

10 a.a.O. S. 218

11 Schmidt, S. 240

12 Goldstein, S. 450

13 a.a.O. S. 452

14 Zimmermann, S. 246

15 Melzack und Wall, Textbook of Pain, Churchill Livingstone, 1. Auflage 1983, S. 28. Zit. n.: Goldstein, S.455

16 Luczak, S.25

17 Goldstein, S. 457

18 a.a.O. S. 461

19 a.a.O. S. 463

20 Fischer, 1983, S. 41

21 a.a.O. S. 42

22 Stadler/Seeger/Raeithel, S. 69

23 Fischer, 1983, S. 119

24 Krech und Crutchfield, S. 70

25 a.a.O. S. 74 Die Wahrnehmung 37

26 a.a.O. S. 75 Die Wahrnehmung 38

27 Fischer, 1983, S. 53

28 a.a.O. S. 74

29 a.a.O. S. 89

30 Sarimski, S. 13

31 Frey, S. 27

32 a.a.O. S. 27

33 Fischer, 1983, S. 97

34 a.a.O. S. 103

36

35 a.a.O. S. 104

36 Albrecht, S. 54

37 Ayres, S. 17

38 a.a.O. S. 19

39 a.a.O. S. 25

40 a.a.O. S. 31

41 a.a.O. S. 30

42 Delacato, S. 141

43 Ayres, S. 152

44 a.a.O. S. 156

45 Bielefeldt, S. 16

46 a.a.O. S. 16

47 Bachmann, S. 42

48 Bielefeldt, S. 18

49 Fischer, 1983, S. 116

50 a.a.O. S. 123

51 Fröhlich, Behinderte Wahrnehmung, 1994, S. 45

52 Fischer, 1983, S. 131

53 a.a.O. S. 133

54 a.a.O. S. 139

55 a.a.O. S. 145

56 a.a.O. S. 155

57 Albrecht, S. 69

58 a.a.O. S. 69

59 Fröhlich/Heidingsfelder, S. 99

60 Fröhlich, „Basale Stimulation für Menschen mit schwerster Mehrfachbehinderung“, S. 21

61 a.a.O. S. 23

62 a.a.O. S. 23

63 van Vugt/Besems, S. 153

64 a.a.O. S. 155

65 a.a.O. S. 161

66 a.a.O. S. 169

67 Selleneit, S. 196

68 Fikar, H., Körperarbeit bei Menschen mit..., S. 214

99 von 99 Seiten

Details

Titel
Entwicklungspsychologische Theorien als Grundlage für die Wahrnehmungsförderung in der Sonderpädagogik
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
99
Katalognummer
V95843
Dateigröße
1485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungspsychologische, Theorien, Grundlage, Wahrnehmungsförderung, Sonderpädagogik, Pädagogische, Hochschule, Heidelberg
Arbeit zitieren
Roland Müller (Autor), 1998, Entwicklungspsychologische Theorien als Grundlage für die Wahrnehmungsförderung in der Sonderpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95843

Kommentare

  • Gast am 13.3.2001

    Herr.

    Endlich werde ich in einer Arbeit zitiert. Danke

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Titel: Entwicklungspsychologische Theorien als Grundlage für die Wahrnehmungsförderung in der Sonderpädagogik



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