Arnold Gehlen: Naturwissenschaft und Technik als Institution


Seminararbeit, 1998
17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Gehlens Anthropologie

3 Entlastung - Institution

4 Gehlens Technikverständnis
4.1 Der qualitative Übergang zur Superstruktur
4.2 Technik oder technische Denkweise
4.3 Entsinnlichung und Primitivisierung

5 Naturwissenschaft und Technik als Institution
5.1 Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung
5.2 Abstraktion als Grund für den geringen Halt von Technik als Institution?

A Zur Biographie Arnold Gehlens (29.1.1904-30.1.1976)

B Bibliographie

1 Einführung

Anlass für diese Hausarbeit ist mein Referat über den in den aktuellen Sammelband „Technikphilo- sophie“[1] aufgenommenen Text „Neuartige kulturelle Erscheinungen“ von Arnold Gehlen. Dieser bildet das zweite Kapitel der 1957 in „rowohlts deutscher enzyklopädie“ erschienen Schrift „Die Seele im technischen Zeitalter: Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft“[2]. In dieser phänomenologischen Betrachtung stellt sich Gehlen mit einer kulturkritischen Fragestel- lung in die Nähe Spenglers[3], ohne aber dessen „polemische Tönung gegen Technik“ zu überneh- men, die Gehlen als Zeichen sieht, „dass unsere Gesellschaft die innere Auseinandersetzung mit den tiefgreifenden Veränderungen in ihr selbst, wie sie im Zuge der Industrialisierung vor sich gingen, noch nicht beendet hat.“[4]

Die Aufmerksamkeit der folgenden Arbeit gilt Gehlens Beschreibung von Technik, wie wir sie im ersten Kapitel der „Seele“ ausgeführt finden (Abschnitt 4). Ich versuche sie, in den allgemeineren Rahmen seiner Anthropologie (Abschnitt 2) und seiner Institutionenlehre (Abschnitt 3) einzubet- ten. Im letzten Abschnitt will ich aufzeigen, dass Gehlens These von der von den Naturwissen- schaften ausgehenden und sämtliche Kulturgebiete erfassenden Abstrahierung und Entsinnlichung nicht der einzige Grund für den in der Gegenwart gering gewordenen Halt eines naturwissen- schaftlich-technischen Weltbildes ist.

2 Gehlens Anthropologie

Als Gehlens Hauptwerk gilt der 1940 erschienene Band „Der Mensch: seine Natur und seine Stel- lung in der Welt“[5]. Die darin entwickelte Anthropologie wird als Versuch beschrieben, das Wesen des Menschen aus sich selbst, also ohne Hinzufügung aussermenschlicher Kategorien - Gott (Reli- gion) oder Tier (Evolutionstheorie) - abzuleiten und zu deuten.[6] Damit will Gehlen einerseits den dualistischen Gegensatz zwischen Leib und Seele umgehen, andererseits auf metaphysische Be- gründungen als „wenig echte, motivbildende und die Handlungen realer Menschen bestimmende Macht“[7] verzichten.

Einer biologisch-funktionalistischen Betrachtung verweigert sich Gehlen, da diese die für ihn unbestrittenen Sonderstellung des Menschen gegenüber dem Tier nicht klären kann: eindeutige Abgrenzungskriterien fehlen, solange wir den Blick bloss auf Einzelmerkmale (Körperbau, Kommunikation, Lernfähigkeit, Sozialstrukturen) richten.

Gehlen betrachtet den Mensch als das „noch nicht festgestellte Tier“, als Wesen, das sich durch Kultur und Institutionalisierung seine Antriebe erst selbst schaffen musste, um überhaupt existieren zu können: Ohne Fell und Federn auf selbst erstellte Kleidung angewiesen, ohne Klauen, aber zum Bau von Werkzeugen befähigt, mit wenig ausgeprägten Instinkten dafür mit Seele und Geist ausge- stattet:

„[…] es ist schon für ihn eine beträchtliche Leistung, nächstes Jahr noch zu leben, und zu dieser Leistung müssen die gesamten Fähigkeiten des Menschen von ihm selbst gebraucht werden. Er ist noch nicht ‚festgerückt‘ heisst: er verfügt noch über seine eigenen Anlagen und Gaben, um zu existieren, er verhält sich zu sich selbst, lebensnotwendig, wie dies kein Tier tut; er lebt nicht, wie ich zu sagen pflege, er führt sein Leben. Nicht aus Spass, und nicht zum Luxus des Nachdenkens, sondern aus ernster Not: wenn die Natur ein Wesen allen Gefahren der Störbarkeit und Abirrung auslieferte, die in diesem ‚Nichtfestgestellt- sein‘, in diesem Zwang, sich selbst festzustellen und über sich zu verfügen, bestehen, so musste ein ernster Grund vorliegen. Und er liegt vor in dem Risiko einer Physis, die aller beim Tier wohlbewährten organischen Gesetzlichkeit geradezu widerspricht.“[8]

In dieser biologischen Unangepasstheit, Unspezialisiertheit, erscheint der Mensch der Bezeichnung Herders folgend als Mängelwesen. Die Untersuchung der Frage, wie ein so schutzloses, bedürfti- ges, ein so exponiertes Wesen sich überhaupt erhalten kann, führt zu den Antworten Gehlens An- thropologie: die anatomische Leiblichkeit erfordert seine Intelligenz, Sprache setzt tieferliegende Bewegungs- und Empfindungszusammenhänge fort. „Wir wollen also ein System einleuchtender, wechselseitiger Beziehungen aller wesentlichen Merkmale des Menschen herstellen, vom aufrech- ten Gang bis zur Moral, sozusagen, denn alle diese Merkmale bilden ein System, in dem sie sich gegenseitig voraussetzen: ein Fehler, eine Abweichung an einer Stelle würde das Ganze lebensun- fähig machen.“[9]

3 Entlastung - Institution

Für Gehlen ist die Auffassung des Menschen als handelndes Wesen zentral. Im Handeln verändert der Mensch die unmittelbar vorfindbaren Dinge mit Kopf und Händen auf eigene Bedürfnisse hin. Die Formen dieses Handelns vereint Gehlen unter seinem breitgefassten Technikbegriff, der Thema des nächsten Abschnitts ist.

Unfertig und nicht festgestellt bedarf der Mensch der Zucht in Form von Selbstzucht, Erziehung. Auf sich selbst gestellt, kann diese lebensnotwendige Aufgabe scheitern, ist der Mensch also auch das riskierte Wesen.[10] Selbstzucht, Erziehung, beide sind auf die Zukunft und nicht die Gegenwart angelegt: Der Mensch muss vorsehend sein.

Das menschliche Innere kennzeichnet Gehlen als weltoffen, worunter er die Beeindruckung durch äussere Erfahrungen und Eindrücke versteht, die Bilder des Vergangenen, Strebungen nach dem Abwesenden und Sehnsüchte nach zukünftigen Situationen und Umständen wecken.[11] Dadurch entsteht im Menschen ein steter Antriebsüberschuss: Weltoffenheit bedeutet Reizüberflutung und damit Störbarkeit jeder Handlung. Die Notwendigkeit der Reizreduktion und Ausrichtung der An- triebe erfordern ein Entlastungsprinzip: „aus eigenen Mitteln und eigentätig muss der Mensch sich entlasten, d. h. die Mängelbedingungen seiner Existenz eigentätig in Chancen seiner Lebensfri- stung umarbeiten.“ [12] Die Instinkte bestimmen beim Menschen keine festgelegten Verhaltensabläufe, die Bedürfnisse des Einzelnen sind widersprüchlich und schwankend. Deshalb „gerinnt“ die für ein gesellschaftliches Zusammenleben erforderliche Konstanz des Handelns in verbindliche, von der Gruppe sanktio- nierte Verhaltensmuster.[13] Diese Institutionen - „Systeme verteilter Gewohnheiten“[14] wie Staat, Familie sowie wirtschaftliche und rechtliche Gewalten[15] - zur Bewältigung lebenswichtiger Aufga- ben und Umstände (Ernährung, Fortpflanzung) bilden sich geschichtlich aus der Vielzahl von Möglichkeiten kulturell unterschiedlich heraus und werden nicht durch Überlegungen von rationa- ler Zweckberechnung gewählt. „Alles gesellschaftliche Handeln wird nur durch Institutionen hin- durch effektiv, auf Dauer gestellt, normierbar, quasi-automatisch und voraussehbar.“[16]

Stabil ist eine Institution, wenn vordergründige Motive (in einem kapitalistischen Wirtschaftssy- stem etwa der eigene Verdienst) den ursprünglichen Zweck (Befriedigung primärer Bedürfnisse) in einer Weise überlagert, die zu einer allgemeinen Hintergrundserfüllung (ich kann mich darauf verlassen, dass gewisse Arbeiten von anderen erledigt werden) führt. Da die Bedürfnisse selbst sich stets weiter vermehren, ist Hintergrundserfüllung, das Wissen um die Möglichkeit von Befriedi- gung (etwa auch durch eigene Fähigkeiten oder Eigentum), die einzige Möglichkeit der dauerhaf- ten Stabilisierung von Erfüllungslagen.[17]

So unbestritten Institutionen fürs menschliche Handeln und Zusammenleben, so streitbar ist Gehlens Rechtfertigung bestehender Institutionen, wenn er die Frage nach ihrer Wünschbarkeit und nach alternativen Formen mit dem Hinweis auf Existenz und sachliche Zweckmässigkeit für zweitrangig erklärt, die Entstehung von Unsicherheit und Wirren betont, sollte eine Institution ihre Bedeutung und Anerkennung verlieren. Dies hat Gehlen, etwa durch Jürgen Habermas, den Vorwurf eines autoritären Denkers eingetragen:

„Gehlen hingegen verallgemeinert ein historisch frühes Stadium menschlicher Entwick- lung, in dem die überpersönliche Gewalt archaischer Institutionen das fundamentale Ver- hältnis von Instinkt und Auslöser auf der höheren Ebene des willkürlichen, erlernbaren Verhaltens wieder herzustellen scheint. Unversehens wird das, was für primitive Kulturen sehr wohl gelten mag, der menschlichen Natur schlechthin zugerechnet; so entsteht der An- schein, als sei der Mensch auf Repression angewiesen, ein für allemal; aus der ‚Natur‘ des Menschen springt die Notwendigkeit einer autoritär verfassten Gesellschaft heraus. […] Gewiss, der Mensch muss sein Verhalten lernen. Aber wie es Verhältnisse gegeben hat und gibt, unter denen Institutionen jener Art als Lehrmeister unabdingbar sind, können doch andere Verhältnisse geschichtlich ebenso möglich und vielleicht schon wirklich sein, unter denen der Mensch in dem Masse, in dem er Triebenergien sublimiert und sich selbst gleichsam in die Hand bekommt, gerade unabhängig wird von den grossen ‚Zuchtsyste- men‘, deren Gewalt und Würde Gehlen für unveräusserlich hält.“[18]

4 Gehlens Technikverständnis

Im ersten Abschnitt der „Seele im technischen Zeitalter“ erläutert Gehlen eine Sichtweise von Technik im Kontext seiner Anthropologie:

„Technik ist so alt wie der Mensch, denn aus den Spuren der Verwendung bearbeiteter Werkzeuge können wir bisweilen bei Fossilfunden erst mit Sicherheit schliessen, dass wir es mit Menschen zu tun haben.“[19] Aus den menschlichen Organmängeln abgeleitet, erscheint Technik sowohl als Orga- nersatz, Organverstärkung (der Faustkeil in der Hand ist eine verstärkte Faust) als auch Organent- lastung (Ziehen der Ware auf einem Wagen) bis hin zur Organausschaltung (Ziehen lassen der Ware auf einem Wagen).[20]

[...]


[1] Fischer, Peter (Hrsg.). Technikphilosophie: Von der Antike bis zur Gegenwart. Leipzig 1996.

[2] Gehlen, Arnold. Die Seele im technischen Zeitalter: Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft. Hamburg 1957. Der Text ist eine Neubearbeitung von Gehlen, Arnold. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft. Tübingen 1949.

[3] siehe etwa Spengler, Oswald. Der Mensch und die Technik: Beitrag zu einer Philosophie des Lebens. Mün- chen 1931.

[4] Gehlen, Die Seele, S. 1.

[5] als Textgrundlage verwende ich Gehlen, Arnold. Der Mensch: seine Natur und seine Stellung in der Welt. In: Gehlen, Arnold; Gesamtausgabe. Hrsg. von Rehberg, Karl-Siegbert. Frankfurt am Main 1993.

[6] ebda, S. 3f.

[7] ebda, S. 5.

[8] ebda, S. 12f.

[9] ebda, S. 13.

[10] ebda, S. 30.

[11] ebda, S. 403f.

[12] ebda, S. 35.

[13] Gehlen, Arnold. Moral und Hypermoral: Eine pluralistische Ethik. Frankfurt am Main 1969. Hier S. 95f.

[14] Gehlen, Arnold. Urmensch und Spätkultur: Philosophische Ergebnisse und Aussagen. Zweite, neu bearbeitete Auflage, Frankfurt am Main 1964. Hier S. 23.

[15] ebda, S. 10.

[16] ebda, S. 42.

[17] Fischer, Peter. Zur Genealogie der Technikphilosophie. In: Fischer, Peter (Hrsg.); Technikphilosophie: Von der Antike bis zur Gegenwart. Leipzig 1996. S. 255-335. Hier S. 328f.

[18] Habermas, Jürgen. Anthropologie. In: Diemer, Alwin; Frenzel, Ivo (Hrsg.); Das Fischer Lexikon Philosophie. Frankfurt am Main 1958. S. 18-35. Hier S. 33.

[19] Gehlen, Die Seele, S. 7.

[20] Die Analogie zwischen Technik und Organen findet sich schon früher, etwa bei Marx in einer Fussnote zu zweiten Ausgabe des „Kapitals“ (1873): „Darwin hat das Interesse auf die Geschichte der natürlichen Tech- nologie gelenkt, d.h. auf die Bildung der Pflanzen- und Tierorgane als Produktionsinstrumente für das Leben der Pflanzen und Tiere. Verdient die Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschaftsmenschen, der materiellen Basis jeder besondren Gesellschaftsorganisation, nicht die gleiche Aufmerksamkeit? Und wäre sie nicht leichter zu liefern, da, wie Vico sagt, die Menschengeschichte sich dadurch von der Naturge- schichte unterscheidet, dass wir die eine gemacht und die andre nicht gemacht haben? Die Technologie ent-

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Details

Titel
Arnold Gehlen: Naturwissenschaft und Technik als Institution
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
Seminar Technikphilosophie
Autor
Jahr
1998
Seiten
17
Katalognummer
V95887
ISBN (eBook)
9783638085656
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Philosophie, Technik, Gehlen, Anthropologie
Schlagworte
Arnold, Gehlen, Naturwissenschaft, Technik, Institution, Seminar, Technikphilosophie
Arbeit zitieren
Daniel Burckhardt (Autor), 1998, Arnold Gehlen: Naturwissenschaft und Technik als Institution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95887

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