Obdachlosigkeit und Privatheit


Seminararbeit, 1999

21 Seiten


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Gliederung:

1. Einleitung

2. Privatheit
2.1. Was ist Privatheit? Definition und Eigenschaften
2.1.1. Privatheit als Zugangskontrolle
2.1.2. Privatheit als Optimierungsprozeß
2.1.3. Privatheit als dialektischer Prozeß
2.2. Funktionen der Privatheit
2.2.1. Die interpersonale Funktion der Privatheit
2.2.2. Die Schnittstelle zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst
2.2.3. Die Identität des Selbst

3. Obdachlosigkeit: Definition, Erscheinungsformen
3.1. Definition und Abgrenzung
3.2. Ursachen der Obdachlosigkeit
3.2.1. strukturelle Faktoren
3.2.2. persönliche Faktoren

4. Die Privatheit Obdachloser und deren Auswirkungen
4.1. Isolation
4.2. Crowding
4.3. Obdachlosigkeit und Selbstwert

5. Resümee und Zukunftsperspektiven

6. Literatur

7. Anhänge

1. Einleitung

„STRAFVERFÜGUNG

Folgende Verwaltungsübertretung wird Ihnen zur Last gelegt: Sie haben am 10.09.1998 von 17.05 Uhr bis 17.08 Uhr in Linz, Hauptplatz vor dem Hause Nr. 10 durch Liegen vor dem unteren Stiegenaufgang und Verbreiten eines penetranten Gestanks den öffentlichen Anstand verletzt.

Übertretene Rechtsvorschrift: § 1/1 OÖ.Pol.StG

Strafnorm: § 10/1a OÖ.Pol.StG

Verhängte Geldstrafe: S 1.500.—

Ersatzfreiheitsstrafe: 48 Std

Vorhaft von 24 Minuten wird angerechnet, daher

Gesamtbetrag: S 1.485.—“1

Dieser keineswegs abnormalen Strafverfügung sei noch ein weiteres Zitat hinzugefügt: „Der Kampf gegen die Armut hat sich zum Kampf gegen die Armen gewandt. Das ist skandalös und geschieht so allmählich, daß aus Untaten Gewohnheiten und sogar Gesetze werden. Der tiefste Punkt ist erreicht: Das Unrecht wird unangreifbar.“ (Blum, 1996, S. 12)

Armut und Obdachlosigkeit sind als Phänomen nicht alleine auf die Gegenden der sogenannten „Dritten Welt“ beschränkt. Mit einer, der Gesellschaft reicher Wohlfahrtsstaaten unangenehmen Penetranz drängen sich Straßenbettler, Sandler, Landstreicher und sonstige, das idyllische Bild unseres zivilisierten Lebens störende Individuen in die Öffentlichkeit und so auch immer mehr in unser Bewußtsein. Wenn wir auf den Straßen bummeln, um Schaufenster zu bewundern und sich so manches Ding zu leisten, so werden wir von schnorrenden Bettlern gestört. Lesen wir am Morgen in unseren Wohnzimmern unsere Zeitung und schlürfen unseren Kaffee, dann stören solche Meldungen, daß am Weihnachtsabend ein Obdachloser in den Straßen der Stadt erfroren ist. Die Armut der Straße dringt in unsere Privatsphäre und wir pochen auf unsere Rechte und wehren uns.

Wie aber steht es um die Privatsphäre derer, die auf der Straße leben? Wie erleben diese Menschen, die auf Parkbänken, in U-Bahn- Schächten oder in Notunterkünften ihr Dasein fristen Privatheit? Gibt es für sie überhaupt so etwas wie „Privatleben“?

Ich möchte ausgehend von dem Modell von Altman (1975) zunächst das Thema „Privatheit“ beleuchten. Daran anschließend werde ich versuchen, an Hand entsprechender Literatur, die Problematik der Obdachlosigkeit darzustellen. Im dritten, eigentlichen Hauptteil dieser Arbeit, möchte ich der Frage der Privatheit Obdachloser nachgehen und die Auswirkungen, die ein zu viel, oder ein zu wenig an Privatheit speziell für diese Gruppe von Menschen hat. Im Resümee sollen schließlich Ausblicke und Möglichkeiten der Milderung und Bekämpfung dieses Problems diskutiert werden. Im Anhang sind schließlich zur Illustration drei typische Verläufe in die Obdachlosigkeit dargestellt, zwei aus angeführten Quellen und eine aus einem von mir durch- geführten Gespräch mit ehemals Obdachlosen.

2. Privatheit

2.1. Was ist Privatheit? Definition und Eigenschaften.

Privatsphäre, Privatleben, privat, dies sind Begriffe, unter denen Menschen im Alltagsleben sofort Dinge verstehen wie Rückzugs- möglichkeit, Alleinsein, Ausschluß anderer, zusperren. „Privatheit“, als eine etwas holprige Übersetzung des englischen Wortes „privacy“, kann verschiedene Bedeutungsinhalte haben, etwa „nicht-öffentlich“, das „Individuelle“, „Persönliche“, es kann ein zu schützendes Rechtsgut darstellen oder eine zwischenmenschliche Beziehung.

2.1.1. Privatheit als Zugangskontrolle

Nach Kruse (1980, S. 130) stammt die bisher umfangreichste Analyse von Privatheit von Irwin Altman (1975). Er verbindet die Konzepte des Mensch-Umwelt-Verhaltens Territorialität, Privatheit, Crowding und „personal space“ zu einem Gesamtmodell, dessen zentraler Punkt die Privatheit darstellt. Er bezeichnet Privatheit als den „Kleber, der die vier Konzepte zusammenhält.“ (S. 3) Altman definiert Privatheit als „selektive Zugangskontrolle zum Selbst oder zur eigenen Gruppe.“ (S. 18)

Diese Definition beinhaltet folgende Eigenschaften von Privatheit: Es handelt sich um einen interpersonellen Prozeß der Grenzkontrolle zwischen dem eigenen Selbst, bzw. zwischen dem der eigenen Gruppe und der Umwelt. Altman vergleicht dies mit der veränderlichen Durchlässigkeit einer Zellmembran. So wie diese sich immer wieder ändert und so wie diese eine unterschiedliche Durchlässigkeit in verschiedenen Richtungen aufweist, so verhält es sich ebenso mit der Durchlässigkeit der Privatheit.

Über diese Durchlässigkeit gilt es nun die Kontrolle aufrecht zu erhalten. Dies bedingt jedoch auch, daß die Freiheit besteht, zwischen verschiedenen Alternativen zu wählen, das heißt, den Zugang zum Selbst nach Belieben einzuschränken oder zu erweitern, da ansonsten nicht von Privatheit gesprochen werden kann, sondern von Zwang.

Diese Zugangskontrolle betrifft die Informationen und die Interaktionen in beiden Richtungen. Also einerseits den Zugang zur Person selbst und dessen Rückzugsmöglichkeiten, andererseits auch die Kontrolle über die vom Individuum ausgehenden Interaktionen und Informationen über sich selbst. Es gilt also die Kontrolle über Output und Input aufrechtzuerhalten.

2.1.2 Privatheit als Optimierungsprozeß

Altman geht in seiner Analyse davon aus, daß es einen optimalen Grad an Privatheit gibt, den der Mensch anstrebt (desired privacy). Um diesen ausbalancierten Zustand („equilibrium“) zu erreichen bedarf es verschiedener interpersonaler Kontrollmechanismen. Als solche wären etwa „personal space“, das Territorialverhalten, aber auch verbales und nonverbales Verhalten zu sehen. „Und, äußerst wichtig, diese unterschiedlichen Verhaltensweisen operieren als ein einheitliches System, einander verstärkend, ersetzend und ergänzend.“ (S. 18)Wird durch alle diese Mechanismen die angestrebte Privatheit(achieved privacy) erreicht, dann besteht ein Zustand der Balance. Liegt das Maß an Privatheit unter dem gewünschten, kommt es zum Crowding. Liegt der umgekehrte Fall vor, daß das Maß an Privatheit über dem gewünschten liegt, kommt es zur Isolation.

Um einen derartigen Zustand der Unausgewogenheit auszugleichen gibt es verschiedene Vorgangsweisen. Grob kann darin unterschieden werden, daß entweder die ursprünglich angestrebte Privatheit aufrechterhalten und neuerliche Anstrengungen unternommen werden, diese zu erreichen, oder aber, daß die ideale Privatheit der erfahrenen angeglichen wird. In beiden Fällen verursacht dieses Kosten. „Wenn solche Kosten auf lange Dauer auf sich genommen werden, kann es leicht passieren, daß sich der Zustand der Person verschlechtert. Sogar wenn Grenzen aufrechterhalten werden, können sich die Kosten anhäufen, wenn große persönliche Mittel und Mittel des Verhaltens aufgewandt werden.“ (S. 45)

2.1.3: Privatheit als dialektischer Prozeß

Privatheit wird schon von Simmel (1908) als ein dialektischer Prozeß zwischen Wissen vom anderen und Nichtwissen, zwischen Offenbaren und Verbergen, gesehen. Es stehen einander einerseits die Notwendig- keit nach Interaktion und andererseits auch der Wunsch nach Unzu- gänglichmachung und Rückzug gegenüber. Simmel spricht in diesem Zusammenhang von „Diskretion“ (S. 265). „So scheiden sich die Verhältnisse der Menschen an der Frage des Wissens um einander: „was nicht verborgen wird, darf gewußt werden, und: was nicht offen- bart wird, darf auch nicht gewußt werden.“ (S. 266) Wiederum ist die Kontrollmöglichkeit über die Auswahl und den erreichten Grad an Interaktion oder Diskretion der Gradmesser der erreichten Privatheit.

2.2 Funktionen der Privatheit

Wozu ist Privatheit gut? Worauf zielt die Privatheit ab? Altman (1975) unterscheidet drei wichtige Ziele: (1) das Verhältnis zwischen einem Individuum bzw. einer Gruppe und der sozialen Umwelt. (2) Privatheit als die Nahtstelle zwischen dem Selbst und der sozialen Umwelt und (3) als wichtigster Punkt: Privatheit als Selbst-Definition und -identifikation.

2.2.1. Die Interpersonale Funktion von Privatheit

Privatheit dient der Regulation der Interaktion des Individuums mit der sozialen Umgebung. Diese Funktion ist für sich genommen schon wichtig, aber auch im Hinblick auf die, von Altman als wichtigsten Punkt angesehene Selbst-Identität. Die Bildung der Identität steht wesent- lich im Zusammenhang mit der Sozialisation des Individuums und der Grenzziehung zwischen sich selbst und den Anderen im Zuge von Interaktionen mit diesen.

2.2.2. Die Schnittstelle zwischen dem Selbst und dem Nicht- Selbst

Privatheit spielt in der interpersonellen Strategie zwischen dem Selbst und den Anderen eine wichtige Rolle. In der Privatsphäre kann über Vergangenes reflektiert und auf Zukünftiges vorbereitet werden.

Informationen können eingeordnet und Erfahrungen verarbeitet werden. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil des Selbst-Bewertung (self-evaluation), worauf auch Westin (1970) hinweist.2

Nach der Theorie des sozialen Vergleiches von L. Festinger (1954) werden die eigenen Gefühle und Einschätzungen mit denen anderer verglichen, um dadurch zu, in der Situation angemessenen Gefühle und Einschätzungen zu gelangen. Die Basis hierfür bildet ein angenommenes Bedürfnis nach Selbst-Bewertung.3

Eine Funktion der Privatheit ist daher an der Schnittstelle zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst zu finden, nämlich darin, daß Privat- heit den Selbst-Bewertungsprozeß unterstützt, indem sie den Raum zur Verfügung stellt, in dem der Selbst-Bewertungsprozeß statt- finden kann.

Aber nicht nur für die sozialen Vergleiche und Bewertungen ist Privatheit ein wesentlicher Prozeß, sondern auch für die von uns einge- nommenen Rollen, ja für unser ganzes soziales Handeln, geht es doch immer wieder um Regulationsprozesse interpersonaler Grenzziehung.

2.2.3. Die Identität des Selbst

Altman sieht hier vor allem zwei Aspekte, den der Selbst- Beobachtung und den der Identität. Bei der Selbstbeobachtung geht es um die ungestörte Beobachtung des Selbst, etwa wie bei einem Teenager, der vor einem Spiegel verschiedene „coole“ Ausdrucks- formen und Darstellungsweisen probiert, wie Gesten, Mimik, aber auch Kleidung, Accessoires und anderes. Erving Goffman (1959) vergleicht dies mit dem Gebaren eines Schauspielers und unterscheidet zwischen dem Verhalten auf der Bühne und hinter der Bühne. Hinter der Bühne ist es möglich für die Aufführung zu proben, Masken zu probieren, Rollen zu studieren, aber auch sich einfach ungezwungen gehen und seine Masken fallen zu lassen und sich die Schminke aus dem Gesicht zu wischen.

„Derartige Selbst-Beobachtungen dienen dem Selbst-Wert und der Selbst-Identität.“ (Altman, 1975, S. 49) Privatheit dient also ganz zentral dem Heranbilden des eigenen Ich, des Selbst-Verständnisses der eigenen Person. Die Ausbildung der Identität ist ein zentraler Aspekt des menschlichen Daseins. Dazu noch einmal Altman (S. 50): „Damit eine Person in der Interaktion mit anderen effektiv funktionie- ren kann, benötigt sie ein Verständnis dafür, was das Selbst ist, wo es endet und wo es beginnt, und wann Eigeninteressen und Selbstdar- stellung gezeigt werden kann. Wenn das Selbst als wertlos erfahren worden ist und wenn das Selbst keine Grenzen und keine Kontrolle über seinen Zugang hat, dann ist die Person buchstäblich „Nichts“. Es ist schwer vorstellbar, daß eine Person mit solchen Gefühlen gut funktionieren kann.“

3. Obdachlosigkeit

Spricht man von Obdachlosen, dann sieht man sich zunächst dem Problem der definitorischen Eingrenzung gegenüber. Unter Obdachlose werden verschiedenste Menschengruppen subsumiert. Von den „Sandlern“, Nichtseßhaften, Wohnungslosen angefangen, bis hin zu Flüchtlingen und Opfern von Naturkatastrophen ist das Spektrum, das sich anbietet sehr breit. Von daher ergibt sich die Notwendigkeit einer definitorischen Ein- und Abgrenzung zu anderen Personengruppen.

3.1. Definition und Abgrenzung

Allerdings stellt sich schon zu Anfang das Problem, daß es keine einheitliche Begriffsdefinition gibt. Meist sind es einfach Zweckde- finitionen, um eine bestimmte Art von Unterstützungsberechtigung festzuschreiben, also vor allem eine administrative Unterscheidung.

Vom Begriff her, bedeutet „Obdach“ ein Dach über etwas zu haben, eine Unterkunft, eine Zuflucht, d. h. in unserem Kulturkreis über eine Wohnung verfügen zu können. Wohnen kann als ein Grundbedürfnis der menschlichen Existenz bezeichnet werden (Könen, 1990) und wird in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte v. 10. Dez. 1948, Art.

25 auch als Anspruch eines jeden Menschen deklariert. Die Bedingungen der Wohnung und der Wohnumwelt wirken sich auf die Qualität und die Quantität von Interaktionen mit der Umgebung aus.

In Deutschland fallen die juristischen Definitionen von „Obdach- losigkeit“ unterschiedlich aus. In Österreich gibt es erst gar keine. Hier wird nach Wohnraumversorgung unterschieden. (Kupfermuckn, 1/99, S. 5)

In der Literatur wird zwischen „Nichtseßhafte“, und „Obdachlose“ unterschieden, wobei auch diese Unterscheidung unterschiedlich beurteilt wird. Könen (1990) spricht von seßhaften und nichtseßhaften Obdachlosen und zitiert Aderhold4, der eine Abgrenzung der Begriffe in dem Kriterium der örtlichen Bindung und einer gesicherten Existenzgrundlage sieht. Landesrechtliche Vorschriften unterscheiden vor allem nach Unterbringungsmöglichkeiten und Unterstützungs- zuständigkeiten. Könen kritisiert bei den angeführten Definitionen vor allem, daß nicht berücksichtigt wird, daß Obdachlosigkeit nicht einfach plötzlich passiert, sondern das Ergebnis eines prozeßhaften gesell- schaftlichen und persönlichen Abstiegs darstellt und daß Obdach- losigkeit als soziales Problem weitestgehend nicht erfaßt wird. Um es mit den Worten von Thomas Steiger (1994) in seinem autobiogra-

phischen Bericht zu formulieren: „Kein Mensch wird als Penner geboren.“ (S. 299)

In einer vom Europarat in Straßbourg in Auftrag gegebenen Studie (1993) wird zudem beklagt, daß es in keinem Land „reliable quantitative Einschätzungen des Phänomens“ (S. 13) Obdachlosigkeit gibt. So wird z. B. in Hamburg von karitativen Vereinen von 50.000 Obdachlosen und von offiziellen Stellen von 5.000 gesprochen. Dies wird darauf zurück- geführt, daß „obdachlose Menschen schwierig zu identifizieren sind, weil sie ihre soziale Identität verloren haben.“ (S. 14) Diese Ein- schätzung ist allerdings insofern zu kritisieren, als zwar eine soziale Isolation erfolgt, aber der Mangel an Erfassbarkeit wohl eher darin liegt, daß viele Betroffene die ihnen zustehenden Sozialleistungen aus verschiedenen Gründen nicht annehmen (Stolz, Scham, Unwissenheit, Angst vor Strafverfolgung) und daher auch nicht erfaßt werden können.

In der angeführten Studie wird auch auf den Prozeß des sozialen Abstiegs bezug genommen und unterschieden zwischen „wohnen“ („housing“) und „Unterkunft“ („accommodation“). Während in der Unterkunft vor allem der Verwendungszweck im Vordergrund steht, hat „wohnen“ auch eine symbolische und emotionale Bedeutung. „Wohnen“ hat auch eine ganz persönliche Dimension im Sinne von Selbstdarstellung und persönlichem Besitz.

Die Autoren der angeführten Studie kommen zu folgender operationalen Definition: „Obdachlose sind Individuen oder Familien, die sozial von einer dauernden Möglichkeit einer angemessenen persönlichen Unterkunft ausgeschlossen worden sind und die:

a) schutzlos (ohne Dach) sind und die keinen Platz zum Leben haben außer der Straße,
b) Schutz in zeitlich befristeten Unterkünften finden
i. in einer Institution: einer Anstalt, Fürsorgezentren und Herbergen verschiedenster Art, die von öffentlichen oder privaten non-Profit Unternehmungen gegründet wurden und geführt werden;
ii. im Privatsektor in Billighotels, einfachen möblierten Unterkünften oder anderen privaten Nächtigungsmöglichkeiten;
iii. bei Bekannten oder Freunden, mit denen sie die Wohnung teilen (in unfreiwilliger Wohngemeinschaft)
c) oder Subjekt unannehmbarer Wohnkonditionen auf dem Wohnungsmarkt sind (ungeeignet untergebracht)“ (S. 23f) Diese Definition hat den Vorteil von den Bedürfnissen der Betroffenen selbst auszugehen und sich nicht vorrangig an staatlichen administrativen Erfordernissen zu orientieren.

Der Begriff „nichtseßhaft“ weist gegenüber den anderen den Mangel der historischen Belastung auf. Wurden doch unter diesem Begriff Menschen als asozial bezeichnet und in KZs eingeliefert. Zudem wird „Nichtseßhaftigekeit oft erst durch behördliche Eingriffe produziert.

Der Begriff „wohnungslos“ hingegen läßt unberücksichtigt, daß man nicht nur eine Wohnung los ist, sondern daß man damit auch andere Dinge verliert, etwa einen Ort, an dem man ganz für sich ist, einen Ort, an dem man privat sein kann, an dem man sich regenerieren, seine fundamentalen Bedürfnisse (schlafen, essen, waschen) befriedigen, an dem man sich wohl fühlen und intim sein kann.

So bleibt letztlich der Begriff „Obdachlosigkeit als derjenige stehen, der die Sachlage am treffendsten bezeichnet. Dafür spricht auch, daß obdachlose Menschen sich selbst als „obdachlos“ bezeichnen. Allerdings bleibt, auf Grund der sehr unterschiedlichen Verwendung der Begriffe, festzulegen, was genau der Begriff „Obdachlosigkeit“ für die Zwecke dieser Arbeit beinhalten soll. Ich schließe mich zum Zwecke dieser Arbeit der oben angeführten Definition der europä- ischen Kommission an, da diese für die Untersuchung der Privat- heitssituation Obdachloser am treffendsten erscheint.

3.2.Ursachen der Obdachlosigkeit

Eine Trennung zwischen Ursachen und Wirkung ist oft nicht möglich. Vielmehr handelt es sich um Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Faktoren, die einmal Ursache und einmal Wirkung sein können. Es erscheint daher besser, von Elemente für einen möglichen Weg in die Obdachlosigkeit zu sprechen. Krebs (1990) unterscheidet hierbei zwischen gesellschaftlichen und individuellen Ursachen. In gleicher Weise unterscheidet Sengschmied (1996) und Hatzl (1995) zwischen strukturellen und persönlichen Ursachen.

3.2.1 strukturelle Faktoren

Armut: Obdachlosigkeit ist zunächst ganz einfach durch den Verlust der eigenen Wohnung gekennzeichnet und dies ist in erster Linie eine Frage des zur Verfügung stehenden Geldes. Dazu einige Befunde (Sengschmied, 1996): In Österreich verdienten 1993 etwa 1,1 Mio Menschen weniger als 6.825.—öS, dem sozio-kulturellen Existenzminimum. Die mittleren monatlichen Bezüge von Arbeitslosen und Notstandshilfebeziehern betragen bei Männern 5.800.—bis 9.000.—und bei Frauen 4.800.—bis 6.300.—Schilling. Dies sind Beträge, mit denen in Österreich schwerlich Wohnungen und das Leben finanziert werden können. Es ist festzustellen, daß das Volkseinkommen immer ungerechter verteil wird und daß selbst Arbeit nicht vor Armut schützt. Dies deckt sich auch mit den Befunden bei Schmid (1990), die zur Entwicklung sozialer Ungleichheit in der BRD folgendes festhält: Der Abstand zwischen höchster und geringster Entlohnung hat zugenommen. Der Abstand zwischen der höchsten Einkommensstufe und allen anderen hat ebenfalls zugenommen. Die unterste Einkommensstufe hat sich leicht nach oben verschoben und die mittleren Einkommen sind unter die Mitte abgerutscht. Im Vergleich zu 1950 befinden sich weniger Menschen sowohl auf der obersten, als auch auf der untersten Stufe. Die Nichtseßhaften verhalten sich also der untersten Einkommensstufe entgegengesetzt, da ihre Zahl im Steigen begriffen ist. Es werden also immer mehr Menschen obdachlos, obwohl die Einkommen für die unterste Schicht insgesamt einen Aufwärtstrend zu verzeichnen hat. Offenbar können sich dennoch immer weniger Menschen eine Wohnung leisten. Ebenso Preußer (1993), der schreibt: „...nicht einmal das Existenzminimum, zu dem die Wohnung seit der Armengesetzgebung der Weimarer Republik unabdingbar gehört, ist für wachsende Teile der Bevölkerung sicherzustellen.“ (S. 8)

Arbeitsplatzmangel: Die erste Folge von Arbeitslosigkeit ist das Fehlen einer gesicherten Existenzgrundlage. Dies wird von Sengschmied als die wesentliche „Karriereschleuse in die Nichtseßhaftigkeit“ (S. 33) bezeichnet. Es beginnt sich ein Teufelskreis zu drehen: ohne Arbeit keine Wohnung und ohne Wohnung keine Arbeit, also keine Wohnung, also keine Arbeit In Wien zählt Sengschmied täglich 39 Fälle gerichtlich angeordneter Delogierungen.

Zur Illustration das Beispiel von Heinrich. „Begonnen hat alles vor ein paar Jahren, als meine Welt noch in Ordnung war. Ich hatte geregelte Arbeit und Einkommen. Leider hatte ich auch eine sehr teure Wohnung. Es begann damit, den Führerschein zu machen. Wie teuer der ist, werden Sie sich denken können. Am Anfang lief alles recht gut, aber dann begannen die Probleme. Doch mit der Zeit blieb der Ärger nicht aus! Reparaturen in der Wohnung wurden fällig. Diese waren mit erheblichen Kosten verbunden, welche meine Bank zu Maßnahmen veranlaßte. Zu diesem Zeitpunkt brach bei mir die Schuppenflechte aus. Die ständigen Arztbesuche behagten meiner Firma überhaupt nicht. Dann verlor ich meinen Arbeitsplatz und war mit ein paar Monatsmieten im Rückstand. Nach einer Zeit wurde ich delogiert.“ (Kupfermuckn 4/98, S. 15)

Wohnungsknappheit: Die Problemlage wird zusätzlich durch den Wohnungsmarkt verschärft, der zwar Eigentumswohnungen und Wohnungen in höheren Preislagen anbietet, aber viel zu wenig Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen.

3.2.2.persönliche Faktoren

Persönliche Schwierigkeiten liegen oft schon lange vor der Obdachlosigkeit vor und wirken sich, gemeinsam mit den strukturellen Faktoren, in Summe so aus, daß - bei Eintritt einer dieser Faktoren - ein erhöhtes Risiko besteht, daß es tatsächlich zu Obdachlosigkeit kommt. Diese persönlichen Momente können mannigfaltiger Natur sein. Es beginnt bei erschwerten Startbedingungen, etwa bei schwierigen Familiensituationen in der Kindheit, die eine Sozialisation negativ beeinflußt haben. Dies kann der Fall sein bei Scheidung der Eltern, sexuellen Mißbrauch, Alkohol- oder Drogenmißbrauchs der Eltern, bzw. der Personen, in dessen Obhut der Betreffende aufgewachsen ist, oder, weniger spektakulär, wenn die Eltern selbst bereits in Armut leben. Hinzutreten könnten etwa schulische Probleme, Schulabruch, keine abgeschlossene Berufsausbildung und damit verbunden späterer beruflicher Abstieg.

Monetäre Verschuldung stellt heute eine immer größer werdende Einflußgröße dar. Es können dies Bankschulden, Mietrückstände, Unter- haltszahlungen, behördliche Geldstrafen und, besonders bei Frauen, Zahlungsverpflichtungen bei Kauf- und Versandhäuser. Es kommt unter Umständen zur Flucht in die Obdachlosigkeit aus Angst und aus dem Gefühl der Ausweglosigkeit.

Alkohol- und Drogenprobleme und damit verbundene Arbeitsbeein- trächtigung oder -unfähigkeit, ebenso wie körperliche oder psychische Erkrankungen stellen ein weiteres Feld möglicher Ursachen dar. Alko- hol kann sowohl Ursache, als auch Wirkung der Obdachlosigkeit sein. Jedenfalls stellt das gemeinsame Trinken eine der wichtigsten sozialen Aktivitäten Obdachloser dar (Weber, 1985). Es ist aber auch möglich, daß übermäßiger Alkoholgenuß eine Art Flucht aus der Wirklichkeit der Obdachlosigkeit darstellt und so zur Ursache des Aufrechterhaltens von Obdachlosigkeit wird.

Eine große Gruppe von Obdachlosen stellen die Personen dar, die aus Haftanstalten oder psychiatrischen Kliniken entlassen worden sind, sowie diejenigen Personen, die aus dem Ausland ins Land gekommen sind, hier illegal oder aber auch mit Asyl leben. Für diese Personen stellt sich der Zugang zum Arbeitsmarkt und damit die Möglichkeit eines entsprechenden Verdienstes zur Wohnraumbeschaffung als besonders problematisch dar.

Der Weg in die Obdachlosigkeit führt also über verschiedenste Stationen des sozialen Abstiegs. Obdachlosigkeit auf individuelles Versagen, auf Faulheit und Scheu vor der Arbeit zurückzuführen, wie dies in gängigen Vorurteilen so oft geschieht, ist schlichtweg falsch. Es handelt sich um eine Kette verschiedenster miteinander verknüpfter Faktoren, deren letztes Glied die Obdachlosigkeit ist. Ich kann auch Harmel (1974) nicht zustimmen, der feststellt, daß sich Obdachlose selber aus der Gemeinschaft ausgestoßen haben. Auch Aderhold (1974) muß widersprochen werden, der als die wichtigste Ursache des Nicht- seßhaftwerdens eine psychopathische Wesensart oder andere körper- liche oder seelische Störungen anführt. Dem stehen empirische Befunde, insbesondere Hatzl (1995), Schmid (1990), Sengschmied (1996), Weber (1985) u. a. entgegen.

4. Auswirkungen auf die Privatheit Obdachloser

Obdachlose leben in einem Spannungsfeld zwischen einerseits sozialer Isolation und andererseits einen, für sie selbst unkontrollier- baren Einfluß von seiten ihrer Lebensumwelt. Die Mechanismen zur Kontrolle der Privatheit, nämlich die Aufrechterhaltung des persönli- chen Raumes und des Territoriums, sind gestört und es kommt so, nach dem Modell Altmans, einerseits zu Isolation und andererseits zu Crowding, je nachdem, ob die gewünschte Privatheit unter- oder über- schritten worden ist.

Obdachlosigkeit bedeutet zunächst einfach seine Wohnung, seine private Rückzugsmöglichkeit zu verlieren und auf der Straße, oder in privaten oder öffentlichen Notunterkünften Zuflucht zu finden. Die Kontrolle über die Interaktionen mit der sozialen Umwelt geht verloren und zwar sowohl was den Input betrifft, als auch den Output (Abb. 1 im Anhang). Der Betroffene kann sich vor der Umwelt nicht verbergen und seine privaten Dinge, wie etwa schlafen, essen, waschen in keiner privaten, nur ihm selbst zugänglichen Umgebung erledigen. Er ist ständiger Interaktion ausgesetzt, die von ihm nicht kontrolliert werden kann. Er kann ständig beobachtet, angesprochen oder zum Verschwinden gebracht werden. Es befinden sich zu viele andere Personen in settings, die sonst privat sind und in denen man sonst peinlich bemüht ist, andere, unerwünschte Personen fernzuhalten.

Obdachlose können sich auch nicht einfach in die Anonymität zurück- ziehen, da ihr Erscheinungsbild sich zu sehr von dem Rest der Gesell- schaft unterscheidet. Die Folge ist eine größere Verletzbarkeit, da sie über keinen schützenden Privatbereich verfügen, in den sie sich zurückziehen könnten.

Andererseits erlebt der Obdachlose eine soziale Ächtung und einen Rückzug der Gesellschaft. Sie ist nicht an einer Interaktion mit ihm interessiert und drängt ihn ins Abseits der Isolation.

4.1. Crowding

Von den akut von Obdachlosigkeit betroffenen Männern leben rund 40 % auf der Straße, rund 40 % in Heimen, der Rest in Pensionen, bei Freunden, in Wohngemeinschaften, Kliniken oder Arbeiterquartieren. Von den Frauen leben 11 % auf der Straße.5 Der auffallend geringere Anteil an Frauen ist darauf zurückzuführen, daß diese in ganz be- sonderem Maße Gewalt, Kriminalität und sexueller Ausbeutung ausge- setzt sind, weshalb Frauen eher Heime oder Wohngemeinschaften bevorzugen, zum Teil aber auch in Prostitution ausweichen, um sich so ein gesichertes Einkommen zu verschaffen.

Neben all den Problemen, die sich bei einem Leben auf der Straße für die Betroffenen auftun, steht eines ganz besonders im Vordergrund, nämlich, keine Rückzugsmöglichkeiten vorzufinden, um völlig für sich alleine zu sein. All die selbstverständlichen Dinge des Alltags sind einerseits abhängig von öffentlichen Einrichtungen und können andererseits in keiner geschützten Umgebung stattfinden, in die man sich einfach zurückziehen kann. Sie sind abhängig vom Rhythmus kari- tativer oder behördlicher Organisationen. Öffnungszeiten bestimmen wann was wo gemacht wird. Was für den, der über eine sichere Wohnung und über ein sicheres Einkommen verfügt einfach gegeben ist, müssen sich Menschen auf der Straße mühsam organisieren.

Das Nachtleben findet in Parkanlagen, U-Bahn-Stationen, Bahnhöfen, öffentlichen WCs, Eisenbahnwaggons, Baustellen, Abbruchhäusern statt. Frühmorgens gilt es diese Plätze zu räumen, um Konflikten mit den Bürgern und der Polizei aus dem Weg zu gehen. Tagsüber halten sich die Betroffenen auf der Straße, in Bahnhöfen, Gaststätten, Parks oder Ämtern auf. Es ist ein ständiges Leben unter den Augen der Öffentlichkeit.

Auch wenn es Stammplätze gibt, an denen die Betroffenen sich bevorzugt aufhalten und die von anderen Obdachlosen respektiert werden, gibt es für sie kein eigenes Territorium, von dem sie andere dauerhaft ausschließen können. So können sie von seiten der umge- benden Gesellschaft jederzeit vertrieben werden. Es besteht keinerlei Zugangskontrolle zum Selbst. Obdachlose leben unter ständiger Beobachtung und unter der ständigen Gefahr in ihrem Leben beein- trächtigt zu werden, sei es durch kriminelle Akte, sei es durch behördliche Eingriffe. Hier muß zudem festgehalten werden, daß grundsätzlich - aller Aussteigerromantik zum Trotz - niemand freiwillig obdachlos wird.

Nach dem oben angeführten Modell von Altman gibt es eine angestrebte Privatheit. Diese ist außerhalb einer eigenen Wohnung, die alle die Funktionen aufweist, die zur Erfüllung dieses Privatheits- wunsches dienen, nicht zu erreichen. Es kommt zur Stimulations- überlastung durch die ständige unerwünschte aber nicht verhinder- bare Anwesenheit anderer. Und es kommt zur Störung der Handlungs- freiheit. Die gewünschten Grenzen zwischen sich selbst und den anderen können nicht kontrolliert werden, ja sie werden sogar von der Umwelt gezogen und nach Belieben verändert. Zieht man das von Altman angeführte Bild einer Zellmembran heran, so gleicht die Privatheit Obdachloser einer Zellmembran, die von außen her völlig durchlässig ist und die von innen her nur so viel nach außen dringen lassen kann, so viel eben die Zellumgebung zuläßt.

Durch die ständige Öffentlichkeit des eigenen Verhaltens kommt es dazu, daß das gewünschte Maß an Privatheit bei weitem nicht erreicht werden kann. Nach dem Modell von Altman kommt es zu Crowding, also zu einem Gefühl der Beengung.

Die Folge ist ein Beengungsstreß, einerseits auf Grund von Überlastung (Cohen, 1978) und andererseits auf Grund von Störung (Schulz-Gambard, 1985). Dies führt zu verschiedenen Bewältigungs- strategien. Es kann einerseits zum Verlassen des Feldes führen (Ortswechsel, Flucht in Alkohol, Drogen, bis hin zum Selbstmord), es kann sein, daß versucht wird, die Kontrolle wieder zu erlangen (gewaltsame Abwehr des Eindringens, Versuch eines Ausstiegs aus der Obdachlosenszene und Re-Integration in die Gesellschaft) oder aber auch zu kognitiven Reaktionen. So kann etwa die Situation neu bewertet werden indem sie uminterpretiert wird (Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz). So kann es dazu kommen, daß Obdachlose von der Freiheit auf Straße reden. Andere Möglichk eiten wären etwa die Interpretation der Situation als durch widrige äußere Umstände bedingt, die nur vorübergehend andauern werde, oder sie einfach seinem Schicksal zuzuschreiben. Im letzteren Falle schwingt schon Resignation vor der schier unüberwindlich scheinenden Situation mit.

Schlagen die Bewältigungsstrategien fehl, so kommt es zu schädigende Auswirkungen, wie etwa Ängste, Depressionen, aber auch zu erlernter Hilflosigkeit. (Seligman, 1995)

4.2. Isolation

„Innerhalb der sogenannten „normalen“ Gesellschaft wirkt - verstärkend - ein subtiles System der Ausgliederung des „Anderen“. Wer Probleme hat, dem werden Probleme gemacht. - Und Obdachlose werden als Provokation des Alltäglich-Gemütlichen empfunden.“ (Sengschmied, S. 47)

Die von Obdachlosigkeit Betroffenen haben nicht nur damit zu kämpfen, über keinen geschützten Privatraum zu verfügen, über den sie die alleinige Zugangskontrolle ausüben, sondern auch noch damit, daß ihnen selbst der Zugang zur Gesellschaft nach und nach verwehrt wird. So sind Obdachlose mangels eines gemeldeten Wohnsitzes vom Wahlrecht ausgeschlossen. Auch eine Eheschließung wäre kaum möglich, da für das notwendige Aufgebot keine Behörde zuständig wäre. Hinzu kommt die medizinische Unterversorgung, der mangelnde Zugang zu Kultur- und Bildungseinrichtungen.

Durch gesellschaftliche Ablehnung auf Grund ihres äußeren Erscheinungsbildes, ihrer Alkoholsucht, ihrer gesellschaftlichen Stellung, aber auch auf Grund von Stigmatisierung und Berührungs- ängsten seitens der Gesellschaft, wird diesen Menschen die Möglichkeit, selbst Kontakt zu anderen aufzunehmen, verwehrt. Das Bedürfnis zu Menschen nach eigenem Gutdünken Kontakt aufzunehmen wird desto mehr eingeschränkt je tiefer sie auf der sozialen Leiter stehen. Dies führt immer weiter in die Stellung als Asozialer hinein, vergrößert so die Kluft zwischen der „normalen“ Gesellschaft und den Obdachlosen und wird immer schwieriger zu überwinden. Die gesellschaftliche Isolation wird immer größer und das gegenseitige Rollenbild immer verfestigter. So verfügen nach einer Obdachlosen- befragung von Weber (1984, S. 69) 39 % der von ihm befragten Obdachlosen über keine festen Kontakte außerhalb des Milieus.

Thomas Steiger schreibt in seiner Autobiographie von der Begegnung mit einer Krankenschwester eines Spitals, in das er eingeliefert worden ist, in der er zu der Schwester sagt: „Wissen Sie, daß Sie der einzige Mensch sind, außerhalb meiner Kreise, der sich in diesem Jahr normal mit mir unterhalten hat?“ (S. 137)

„Viele Obdachlose betonen, daß sie auf der Suche sind, nach einem Zuhause bei einem Menschen „zu dem sie gehören“, nach Angenommen- sein. Das Leben auf der Straße jedoch bietet kaum Raum für Privat- sphäre, es verstärkt Isolation oder frustriert zusehends ob nicht befriedigter Beziehungen Was vielfach unbeachtet bleibt, ist, daß der geschützte Raum zum Pflegen einer Partnerschaft meist fehlt, ebenso die Möglichkeit, um Intimität und Sexualität in einer ange- nehmen und würdigen Atmosphäre zu leben.“ (Sengschmied, S. 53)

Obdachlose bilden unterschiedlich stark strukturierte, jedoch mit je eigenem Kodex und eigenen Regeln ausgestatteten Gruppen, um so doch ein gewisses Mindestmaß an Kommunikation zu erlangen. Einzelgänger sind zumeist solche, die aus Gruppen auf Grund schlechter Erfahr- ungen ausscheren.

4.3. Obdachlosigkeit und Selbstwert

Nach dem oben angeführten Modell von Altman spielt die Privatheit eine wesentliche Rolle bei der Selbstbewertung und damit auch bei der Identitätsbildung. Fehlt die private Rückzugsmöglichkeit, ist man ständig neuen Interaktionen und neuen Einflüssen ausgesetzt und es fehlt an Raum und Zeit Erlebtes einzuordnen und zu verarbeiten. Durch die Isolation seitens der Gesellschaft fehlt es auch an sozialen Vergleichsmöglichkeiten. Einzig der Vergleich mit anderen Betroffenen ist möglich und führt zu einer entsprechenden Selbstbewertung. Durch das Scheitern am Versuch zur Wiedereingliederung und durch die Ablehnung seitens der Gesellschaft, kommt es ebenfalls zu einer ent- sprechenden Mindereinschätzung der eigenen Person. Je länger der Zustand der Obdachlosigkeit andauert, desto schwieriger wird in weiterer Folge der Wiedereingliederungsprozeß. Daran anschließende Flucht in den Alkohol als eine Form des aus-dem-Felde-Gehens, erschwert einerseits die Rückkehr in die Gesellschaft bis nahe an die Unmöglichkeit und stellt oft buchstäblich einen Selbstmord auf Raten dar.

Der Obdachlose erfährt sich selbst als wertlos, als gesellschafts- unfähig, als wohn- und arbeitsunfähig. Auf Grund fehlender Zugangs- kontrolle zu seinen Interaktionen, kann er diese auch nicht mitbestimmen, formen und effektiv nutzen. Es kann nur eine mangel- hafte Selbstbewertung stattfinden und daher auch nur eine mangel- hafte Identitätsbildung. Obdachlose erfahren und werten sich selbst daher als „Nichts“.

5. Resümee und Zukunftsperspektiven

Will man dem Problem Obdachlosigkeit zu Leibe rücken, so gilt es zunächst bei sich selbst anzufangen und die Betroffenen als Menschen zu begreifen, deren Leben nicht auf der Straße begonnen hat, sondern erst durch verschiedene Umstände so geworden ist. Es gilt festzu- halten, daß niemand freiwillig auf die Straße gegangen ist und daß es oft nur kleiner Anstöße bedarf, daß ein Mensch zum Penner wird. „Es geht schneller als du glaubst“, hat ein unbekannter Obdachloser auf der Straße zu mir gesagt. Dem ist recht zu geben und hinzuzufügen, daß es oftmals außerhalb unseres eigenen Vermögens steht, dies zu verhindern.

Nach Zukunftswünsche befragt antworten Obdachlose zumeist und in dieser Reihenfolge: „Wohnung, Arbeit, Familie.“ Wünsche, die uns selbstverständlich erscheinen, für Obdachlose aber allzuoft als einzi- ger Rest einer Privatsphäre in Form einer Sehnsucht geblieben sind.

Gesellschaftliche Aufklärung und Umdenken tut not. Ein Verständnis der Situation, in der sie sich befinden, muß entwickelt werden. Es könnte zu einer Begegnung kommen zwischen „Normalen“ und Obdach- losen. Dies wäre Aufgabe der Politik. Nicht Ausgrenzung der ohnehin schon längst Ausgegrenzten um der Wählerstimmen willen, sondern Re- Integration und Entlastung der Betroffenen vom unmittelbaren existenziellen Druck durch Wohnraum- und Arbeitsplatzbeschaffung.

Praktische Maßnahmen, um Obdachlosen wieder ein Stück Privatheit zu geben, müssen für jede Region einzeln gefunden werden. Das Problem stellt sich in New York anders dar als in Hamburg und dort wieder anders als in Linz. An Ideen kreativer Köpfe mangelt es nicht. Als ein mögliches Beispiel möchte ich etwa Blums (1996) Vorschlag der „Existenzhotels“ anführen, in denen Obdachlosen gegen ein geringes Entgelt und eigener Mitarbeit im Haus Unterkunft gewährt wird. Das Schlußwort hat nochmals Thomas Steiger: „Cochise (Anm.: ein befreundeter Obdachloser; nicht im Original) stand vom Bett auf und marschierte davor wie ein Dozent auf und ab. „Nehmen wir mal die Gesellschaft als eine geschlossene Einheit“, sagte er sinnierend. „Wa- rum behandelt sie ihre gefallenen Kinder so verächtlich?“ Ich riß eine Dose Bier auf und antwortete: „Wahrscheinlich, weil wir ihr vor Augen führen, wie man in ihr scheitern kann, und das paßt ihr nicht.“ (S. 142)

6. Literatur

Aderhold, D. 1974. Ursachen der Nichtseßhaftigkeit. In: Bellebaum A., Braun H. (Hrsg.). Reader Soziale Probleme I. Frankfrut: Herder. S. 103-112

Altman, Irwin. 1975. The Environment and Social Behavior. Monterey: Brooks/Cole

Arbeitsgemeinschaft für Obdachlose (Hrsg.). Kupfermuckn.

Straßenzeitung von Randgruppen und sozial Benachteiligten. 4/98. Linz: Fidelis

Arbeitsgemeinschaft für Obdachlose (Hrsg.). Kupfermuckn.

Straßenzeitung von Randgruppen und sozial Benachteiligten. 1/99. Linz: Fidelis

Blum, Elisabeth. (hrsg.) 1996. Wem gehört die Stadt? Armut und Obdachlosigkeit in den Metropolen. Basel: Lenos

Cohen, Sheldon. 1978. Environmental load and the allocation of attention. In: Baum, A., Singer, J. E., Valins, S. Andvances in Environmental psychology. S. 1-29. Hillsdale: Erlbaum

Ermacora, Felix (Hrsg.) 1971. Internationale Dokumente zum Menschenrechtsschutz. Stuttgart: Reclam

Goffman, Erving 1959. Wir alle spielen Theater. Die Selbst- darstellung im Alltag. 7. Auflage 1991. München: Piper Harmel, H.A. 1974. Soziale Randschichten: Nichtseßhafte. In: Bellebaum A., Braun H. (Hrsg.). Reader Soziale Probleme I. Frankfurt: Herder. S. 91-102

Hatzl, Helga. 1995. Im Teufelskreis der Obdachlosigkeit. Eine qualitative Untersuchung über Belastungen und Bewältigungsstile von Obdachlosen. Innsbruck: Diplomarbeit an der Uni Innsbruck

Könen, Ralf. 1990. Wohnungsnot und Obdachlosigkeit im Sozialstaat. Frankfurt/Main: Campus

Krebs, Dagmar. 1990. Obdachlose. In Kruse, L., Graumann, C.F., Lantermann, E. -D. (Hrsg.). Ökologische Psychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. Weinheim: PVU. S. 435-440

Kruse, L. (1980). Privatheit als Problem und Gegenstand der Psychologie. Bern: Huber.

Preußler, Norbert. 1993. ObDach. Eine Einführung in die Politik und Praxis sozialer Aussonderung. Weinheim: Beltz

Schmid, Carola. 1990. Die Randgruppe der Stadtstreicher. Im Teufelskreis der Nichtseßhaftigkeit. Wien: Böhlau

Schulz-Gambard, Jürgen. 1985. Räumliches Verhalten. Hagen: FernUniversität, Kurs Nr. 3230

Seligman, Martin E. P. 1995. Erlernte Hilflosigkeit. 5. Aufl. Weinheim: PVU

Sengschmied, Kristina M. 1996. Begegnungsraum auf der Straße. CANISIBUS. Engagement für obdachlose Menschen. Innsbruck: Tyrolia

Simmel, Georg (1908). Soziologie. Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft. Berlin: Duncker & Humblot. Kapitel II, S. 256-304. In: Geser H., Roth, M. Stremlow, J. (update: 18.06.1999) sociology of switzerland. www. http://socio.ch/sim/index_sim.htm

Steering Committee on Social Policy (CPDS). 1993. Homelessness. Report prepared by the Study Group on Homelessness. Straßbourg: Council of Europe Press

Steiger, Thomas. 1994. Der Penner. Fünf Jahre obdachlos in Deutschland - ein autobiographischer Bericht. München: Droemer Stroebe, W., Hewstone M., Stephenson, G. M. 1996. Sozialpsychologie: eine Einführung. 3. Aufl. Berlin, Heidelberg, New York: Springer

Weber, Roland. 1984. Lebensbedingungen und Alltag der Stadtstreicher in der Bundesrepublik. Bielefeld: Verlag Soziale Hilfe

7. Anhänge

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1:

Biographien:

Unbekannt

„Die Kompexität des Entstehungsgefüges für Obdachlosigkeit zeit beispielsweise die Lebensgeschichte eines Mannes6, der seine Kindheit und Jugend in einem Heim verbringen mußte und darunter sehr gelitten hat. Zusammenhängend damit war auch seine schulische und berufliche Ausbildung (die er nicht abschloß) erschwert und damit ein ungünstiger Boden für seine weitere Geschichte (Ursachen, die als „mangelnde Startchancen“, resultierend aus individuellen Probelmlagen bezeichnet werden können).

Häufiger Arbeitsplatzwechsel, Verschuldung durch Ankauf von Wohnungseinrichtung und Alimentationszahlungen, nachdem seine mehrjährige Ehe zerbrach, gehören ebenso zu den Gründen für die spätere Obdachlosigkeit wie die schwierige Arbeitsmarktlage.

Die psychische Belastung, die aus all dem resultierte, die mangelnde soziale Anerkennung und der Verlust seiner Familie kulminierten in seiner persönlichen Krise, in welcher er, wie er sagt, „sich selbst aufgab, keine Freunde mehr hatte und zu trinken begann“. In dieser Phase - er wohnte seit der Scheidung in einer kleinen

Gemeindewohnung - verlor er seinen Arbeitsplatz und konnte so - bei wachsenden Schulden - auch seine Miete nicht mehr bezahlen, was den endgültigen Verlust der Wohnung veranlaßte.

Nun akut obdachlos, ist für ihn nicht nur das Problem der Wohnungslosigkeit zu bewältigen: Ein Arbeitsplatz soll gefunden werden, ebenso eine realistische Schuldenregelung, und das sich seit dem Zeitpunkt der Obdachlosigkeit weiter zuspitzende Alkoholproblem muß behandelt werden. Doch diese „greifbaren“ Ansatzpunkte für eine positive Änderung können wohl nur dann fruchtbar sein, wenn es gelingt, ein Netz von Beziehungen zu knüpfen, das diesen neuen Anfang trägt und begleitet.“ (Sengschmied, 1996, S. 30)

Franz

Möchte mich kurz vorstellen: ich wurde am 12. März 1947 in Enns geboren und verbrachte meine Kindheit die meiste Zeit im Heim. Viele werden fragen, warum ich im Heim war. Die Erziehung war bei meinen Elern nicht groß geschrieben, denn der Alkohol war immer im Vordergrund. Das war der Grund, warum ich ins Heim gekommen bin (Steyr Gleink). Während meiner Schulzeit bis zum 14. Lebensjahr gab es immer wieder ein Hoffen, daß ich vom Heim wieder nach Hause komme zu meinen Eltern, aber es waren nur Träume. Nach der Schule lernte ich den Beruf als Fleischhauer in Enns. Ich war fürchterlich aggressiv und jähzornig und habe mir eingebildet, immer im Recht zu sein. Habe auf niemanden gehört und meine erste Vorstrafe in der Fleichhauerei aufgerissen. Kurz der Vorgang: Hatte immer Schwierigkeiten mit dem Chef, der mir körperlich überlegen war und der mir einige Male Verletzungen verschiedener Art zugefügt hat. Ich habe ihm geschworen, eines Tages bekommt er von mir alles zurück, worauf er mich nur ausgelacht hat. Zirka 1963 im Winter war es dann soweit. Ich hatte wieder Schwierigkeiten mit dem Chef, wo es zur Rauferei gekommen ist und ich dem Chef zwei Stiche mit dem Messer verpaßte (Bauch- und Lungenstich). Ich wurde für die Tat zu einem Jahr Jugendgefängnis verurteilt und verbüßte die Strafe im Jugendgefängnis Hallein bei Salzburg. Und so ging der Lauf meines Lebens weiter, einmal oben und dann wieder unten. Habe verschiedene Lebensgemeinschaften gehabt, wo ich dann das Arbeiten aufgehört habe und meinen Lebensunterhalt mit Gewalt und gutem Schmäh von den Frauen einforderte. Das war kurz mein Vorstrafenregister. Der eine tut Briefmarkensammeln, und ich habe Vorstrafen gesammelt - insgesammt 35. Warum ich in verschiedenen Abbruchhäusern und Zelten mein Quartier aufgeschlagen habe, ist leicht zu beantworten. In der Haft viele Pläne und gute Vorsätze, aber in Wirklichkeit waren es nur Träume. Kein Geld nach der Entlassung, keine Arbeit, und so suchte ich die verschiedenen Freunde auf, um zu erfahren, wo es ein gutes Abbruchhaus gibt. Heute kann jeder wohnen in einem Abbruchhaus, und solange eine Ruh‘ ist, wird die Polizei nicht einschreiten. Aber ich kann Ihnen versichern: So human, wie jetzt die Polizei ist, war es früher nicht, wo sie um zwei Uhr früh gekommen sind und sich als Henker und Gerechtig-keitsfanatiker bezeichnet haben. Ich kann Ihnen einige beim Namen nennen, die nichts getan haben und von diesen Vollidioten geschlagen wurden. Zu meiner Person kann ich nur sagen, ich habe nie Schwierigkeiten gehabt, denn ich habe mir nie was gefallen lassen und habe dabei 16 Vorstrafen auf “Widerstand gegen die Staatsgewalt“ bekommen. In den letzten Jahren, wo ich in den Abbruchhäusern gewohnt habe, wurde ich zum Einzelgänger, denn man muß sagen, diese Leute die heute noch in verschiedenen Abbruchhäusern, Waggons schlafen, sind nicht mehr die von früher. Es hat von uns keiner ein Vermögen und trotzdem wird einem das Letzte weggenommen von den verschiedenen Leuten, denn ich kann ein Lied davon singen. Ich wohnte zirka vier Jahre im selben Abbruchhaus, uns es wurde bei mir siebenmal die Tür aufgebrochen und mir verschiedene Gegenstände gestohlen. Das hat es früher nicht gegeben. Sollte es doch vorgekommen sein, wann war es für die Person am besten, von Linz wegzuziehen. Sie können sich denken, was ihr passiert wäre. Viele fragen, warum diese Personen in verschiedenen Objekten wohnen, denn es gibt sicher gute Sozialeinrichtungen bzw. Schlafeinrichtungen, aber da muß Ordnung sein und befolgt werden, was der Leiter anordnet. Im Abbruchhaus fühlt man sich als eigener Chef und hat keinen, der sagt „so mußt Du es machen“.

Das war kurz meine Geschichte über mein Leben.“ (Kupfermuckn, 4/98, S. 14 12.07.1999

Linz, Hessenplatz; Gespräch mit einer Gruppe von ehemals Obdachlosen.

Nachdem ich mich vorgestellt habe und der Gruppe mitgeteilt habe, was ich tue, durfte ich mich zu ihnen setzen. Es war eine Gruppe bestehend aus: zwei Männer im Alter von etwa 50 Jahren, ein 18- jähriges Mädchen, und einem Burschen im Alter von etwa 20 - 25 Jahren (Pauli). Später kam noch ein weiterer, etwa 40-jähriger Mann dazu, der 5 Jahre lang obdachlos war. Nach anfänglicher Zurückhaltung begann Pauli mir seine Geschichte zu erzählen. Er sprach in einer deutschen Umgangssprache, obwohl er kein Deutscher ist. Dazu erklärte er mir, daß er immer, wenn er mit Leuten länger zusammen ist, deren Dialekt übernehme, nachdem diese wieder weg seien.

Er ist in Wien unehelich geboren worden. Seine Mutter lebte seit seinem zweiten Lebensjahr mit seinem Stiefvater zusammen, der Moslem ist. Im Alter von 14 Jahren wurde er von seinem Stiefvater aus der elterlichen Wohnung hinausgeschmissen. Anlaß dazu war ein Streit, ob er zwei oder drei Wochen für eine Englischschularbeit lernen müsse. Er kam dann zu seinen Großeltern, konnte jedoch auf Dauer nicht bei ihnen leben und kam in ein Internat in Korneuburg. Sein Großvater war Alkoholiker und verstarb zwei Jahre später. Nach einem Jahr HTL verließ er die Schule und ging nach Vorarlberg, wo er eine Ausbildung zum Sportlehrer machte, die er jedoch kurz vor dem Diplom abgebrochen hat. In Vorarlberg geriet er in weiterer Folge in die Drogenszene. Zum Entzug begab er sich freiwillig in den Erlenhof bei Enns. Der Entzug war erfolgreich und er ist seither clean. Allerdings brauche er jetzt die Ersatzdroge und deutete dabei auf seine Bierdose.

Um nicht mehr mit der Drogenszene in Verbindung zu kommen, vermied er es in weiterer Folge jemals wieder nach Vorarlberg zu fahren.

Nach dem Entzug wurde ihm eine „Plattform-Wohnung“ zur Verfügung gestellt, die er jedoch verlassen mußte, nachdem er andere bei sich aufgenommen hatte. Pauli lebte in weiterer Folge im Donaupark und zeitweise im B37, einer Notschlafstelle der Caritas. Die Zeit im B37 bezeichnet er als die schlimmste Zeit, „die eine Hälfte ist vom Jauregg (Anm.:psychiatr. Krankenanstalt), die andere Hälfte Alkoholiker. Da triffst du keinen normalen Menschen.“

Pauli wohnt jetzt bei einer Freundin in Linz und ist von der Straße weg. Zu mindest so lange diese Beziehung hält. Arbeit hat er immer noch nicht und es wird wohl auch sehr schwer für ihn, welche zu finden und so einen echten Neuzugang zur Gesellschaft zu erlangen.

[...]


1 Kupfermuckn 4/85, S. 12: es handelt sich hierbei um den Abdruck einer tatsächlich ausgestellten Strafverfügung.

2 Nach Altman (1975, S. 47)

3 Stroebe, Hewstone, Stephenson (Hrsg.). Sozialpsychologie 5

4 Aderhold D. 1970. Nichtseßhaftigkeit. Köln

5 Diese Zahlen wurden von Sengschmied (1996) für Wien erhoben. 11

6 Canisibus-Tagebuch, 14. Dezember 1994

20 von 21 Seiten

Details

Titel
Obdachlosigkeit und Privatheit
Autor
Jahr
1999
Seiten
21
Katalognummer
V95986
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Obdachlosigkeit, Privatheit
Arbeit zitieren
Wolfgang Rohm (Autor:in), 1999, Obdachlosigkeit und Privatheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95986

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