Das Theaterstück "Fat Men in Skirts" ("Fette Männer im Rock") von Nicky Silver


Hausarbeit, 1997

25 Seiten


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1. Einleitung

Das Theaterstück "Fat Men in Skirts" ("Fette Männer im Rock"[1]) von Nicky Silver wurde im Deutschen Theater in Berlin im Jahre 1996 aufgeführt. Silver schrieb das Stück allerdings bereits 1988.

Vielerorts wird heute die Meinung vertreten, daß man Dinge, die zur Unterhaltung dienen, nicht durch unnötiges Analysieren zerstückeln sollte. So sollte man ein Hörspiel, einen Film oder ein Theaterstück lieber genießen, als andauernd über die Hintergründe der Handlung und die Charakteristiken der Protagonisten nachzudenken. Ich vertrete allerdings die Meinung, daß ein solches Stück erst durch eine Analyse tiefgründig erfaßt werden kann, d.h. daß es zwar in Einzelteilen untersucht werden muß, im Ganzen aber so viel genauer betrachtet werden kann. Natürlich muß man ein Theaterstück auch einfach auf sich wirken lassen; versteht man aber die Hintergründe, kommt es sicherlich zu viel mehr Geltung.

Auch ist nicht jedes Theaterstück zu einer derartigen Analyse geeignet. Gerade aber bei "Fette Männer im Rock" ist anzunehmen, daß es sich hier um kein oberflächlich zusammengebasteltes Stück handelt, da die Charaktere sehr stark entwickelt scheinen und die Handlung auf einige psychologische Hintergründe hindeutet.

In der Annahme, daß es nicht zuletzt den Autor freuen würde, wenn sich Menschen mit seinem Stück auseinandersetzen wollen, soll Nicky Silvers Theaterstück "Fette Männer im Rock" im Folgenden analysiert werden.

Hierzu müssen erst einmal ein paar Worte über den Autor selber verloren werden. Danach folgt eine Zusammenfassung der Handlung des Stücks, um einen ersten Überblick zu geben. Die eigentliche Kernanalyse wird dann aus einer Analyse der Charaktere und einer Deutung der Handlung bestehen. Da bei diesem Stück Handlung und Charaktere eng verbunden sind, stellt sich die problematische Frage, ob zuerst die Charaktere oder die Handlung untersucht werden müssen. Denkbar wäre auch, diese beiden Analysen zu einem Teil zusammenzuführen. Es ist außerdem anzunehmen, daß Silver in seinem Stück verschiedene Themen aufgreifen wird, auf die näher eingegangen werden muß. So werden wahrscheinlich ein Exkurs überKannibalismusund eine allgemeine psychologische Beschreibung desÖdipus-Komplexesmit einfließen, dazu später aber mehr.

2.1 Der Autor Nicky Silver

Nicky Silver, am 12.3.1960 in Philadelphia geboren, wuchs in einer jüdischen Mittelklasse Familie auf. Sein Vater war von Beruf aus Kreditmakler, seine Mutter verkaufte als Handlungsreisende pharmazeutische Produkte.

Auf seine Vergangenheit angesprochen sagte er ironisch über sich selber: "Ich war von zeppelinartiger Gestalt, ich war richtig fett, nichts als fett, und ich war homosexuell – keine besonders angenehme Kombination für einen Gymnasiasten in Philadelphia."[2]In seinem Leben deutete nichts darauf hin, daß er einmal als Theaterautor eine gewisse Berühmtheit erlangen würde.

Die Wende in seiner Karriere ereignete sich, als er mit 17 Jahren nach New York zog und sich dort an der New York University für den Studiengang "Experimentelles Theater" einschrieb. Er lernte bei Charles Ludlam vom "Ridiculos Theatre" und spielte als Schauspieler im "La Mama". Um Geld zu verdienen, arbeitete er als Kellner und als Anzugverkäufer in Nobelkaufhäusern wie "Barney's". Dabei schrieb er unentwegt Stücke und inszenierte sie auch selber. Da er dabei nur von "Salat, Zitronenlimonade und Zigaretten"[3]lebte und nur wenig Schlaf bekam, wurde er ein dünner Mann.

Seit 1988 wurden seine Stücke gespielt, ab 1993 hatte er sich endgültig am Off-Broadway durchgesetzt.

Die New York Times schrieb seinerzeit über ihn: "New York's newest wunderkind, fast-talking 35 year old Nicky Silver – a cause to celebrate"[4].

Im Laufe der Zeit schrieb er unter Anderem folgende Stü>"Fat Men in Skirts" (1988), "Free Will & Wanton Lust" (1994), "The Nasy Bits" (1994), "Fetid Itch" (1994), "Pterodactyles" (1994), "Raised in Captivity" (1994) und "The Food Chain" (1995).

Die meisten dieser Stücke wurden auch in Deutschland aufgeführt, beispielsweise "Fat Men in Skirts" – "Fette Männer im Rock" 1996 im Deutschen Theater in Berlin, "Pterodactyles" – "Pterodactylus" 1995 im Bayerischen Staatsschauspiel in München, "Raised in Captivity" – "Zwillingsbrut" 1996 im Theater Dortmund und "The Food Chain" – "Die Hackordnung" 1997 im Schauspiel Hannover. Vor kurzem noch wurde "Fette Männer im Rock" im Schauspielhaus Köln inszeniert.

2.2 Zusammenfassung der Handlung von "Fette Männer im Rock"

Das in drei Akte unterteilte Stück fordert lediglich vier Schauspieler. Da wäre das Ehepaar Howard und Phyllis Hogan, die einen Sohn, Bishop Hogan, haben. Howard Hogan hat zudem eine junge Geliebte, die nur "Pam" genannt wird.

Alles beginnt damit, daß Howard, der von Beruf Regisseur ist, in Italien einen Film dreht und Phyllis und Bishop ihm nachreisen wollen. In Italien kommen sie allerdings nie an, da ihr Flugzeug auf einer einsamen Insel abstürzt. Auch sind sie die einzigen beiden Überlebenden. Da der erste Akt nicht zeitlich linear verläuft, erfährt der Zuschauer in einigen Rückblenden mehr über die einzelnen Charaktere. So gibt es einen Dialog zwischen Howard und Phyllis auf ihrer Hochzeitsreise, wo man schon erahnen kann, daß diese beiden Charaktere gar nicht zusammenpassen, daß Howard Phyllis aber trotzdem liebt. Dann wird Bishop geboren und die beiden beginnen langsam, sich auseinanderzuleben. Zu dieser Zeit lernt Howard auch die möchtegern-Schauspielerin Pam kennen, mit der er eine Affäre beginnt.

Nun aber zurück zu Phyllis und Bishop, die auf der Insel gestrandet sind. Zunächst versuchen die beiden sich von Tang und Lippenstiften zu ernähren, verfallen dann aber dem Kannibalismus, indem sie die anderen toten Fluggäste zerstückeln und verspeisen. Dabei ist auffällig, daß die dominante Phyllis ihrem schüchternen stotternden kleinen Sohn Bishop die ganze Arbeit aufträgt, während sie selber nichts tut. Bishop muß einen Unterstand bauen und er muß alleine zum Flugzeug gehen, um den Leichen beispielsweise die Beine abzutrennen und sie zu Phyllis zu bringen. Auf diese Weise auf sich alleine gestellt, lernt er sich selber zu helfen. Durch das Leben auf der Insel wird er immer tierischer. Er lernt zu jagen und stumpft durch den Umgang mit den Leichen immer mehr ab. Auch wird aus dem kleinen Jungen mit X-Beinen und krummer Haltung nach und nach ein durchtrainierter Urwaldmensch. Seine mittlerweile von Schimpfworten bestimmte Aussprache wird auch immer tierischer. Er kann "schneller rennen als die Affen"[5]und mit seinen "Stahlhänden"[6]Fische fangen und Vögel mit Steinen abwerfen. Für Phyllis, die immer zerzauster und mutloser wird, muß er sorgen.

Man kann sagen, daß Phyllis und Bishop mit der Zeit ihre Rollen tauschen. Zum Schluß ist Bishop, der "inzwischen ein furchteinflößendes wildes Tier, rythmisch, skupellos und ungezähmt in seinem Auftreten"[7]ist, die dominantere Person. Er gibt Phyllis Befehle und beschimpft sie sogar. Phyllis hingegen ist völlig verzweifelt und verwirrt, und fordert am Ende sogar, von Bishop getötet zu werden. Dieser hat sich allerdings mittlerweile in seine Mutter verliebt und der erste Akt endet damit, daß Mutter und Sohn Geschlechtsverkehr haben.

Zur gleichen Zeit ist Howard bereits mit Pam zusammengezogen, die beiden wollen sogar heiraten. Soweit kommt es allerdings nicht mehr, da nach fünf Jahren Phyllis und Bishop doch noch von der einsamen Insel gerettet werden und nach Hause zurückkehren wollen.

Der zweite Akt spielt dann auch nur in Howards Wohnung. Pam, die mittlerweile ein Kind von Howard erwartet, muß sich im Kleiderschrank verstecken und sich als Dienstmädchen ausgeben, weil Howard nicht will, daß Phyllis von ihrer Beziehung erfährt. Jetzt kommt auch besonders zur Geltung, wie verrückt Phyllis und Bishop überhaupt geworden sind. Phyllis sitzt die ganze Zeit nur auf dem Boden des Wohnzimmers und möchte neue Schuhe haben. Bishop unternimmt dann wie auf der Insel Streifzüge nach draußen und bringt ihr jedes Mal andere Schuhe mit, die sie im Wohnzimmer sammelt. Außerdem beschimpft er unentwegt Phyllis und seinen Vater Howard. Er benimmt sich nach wie vor tierisch und wie ein Urmensch.

Während Phyllis nachts im Wohnzimmer schläft, muß Pam, die nach wie vor das Dienstmädchen spielt und im Schrank wohnt, an ihr vorbeikriechen, um zu Howard in das Schlafzimmer zu gelangen. Er wird von tiefen Schuldgefühlen gequält, da er die Hoffnung aufgegeben hatte, Phyllis und Bishop noch einmal wiederzusehen, und ein neues Leben mit Pam begann. Daher will er sich auch entgegen Pams Vorschlag, Phyllis und Bishop in eine psychiatrische Anstalt einweisen zu lassen, weiterhin um sie kümmern.

Nachdem einige Zeit vergangen ist und Pam hochschwanger ist, kommt es zur Aussprache zwischen Pam und Phyllis. Pam erzählt ihr von ihrer Beziehung mit Howard und daß sie von ihm schwanger ist. Nach einiger Zeit dringt die Tatsache zu Phyllis durch, daß Pam gar nicht das Dienstmädchen, sondern die Geliebte ihres Ehemannes, ist. Sie reagiert allerdings erstaunlich gelassen und erzählt Pam sogar, daß Bishop nachts, wenn Pam zu Howard gekrochen ist, zu ihr in das Wohnzimmer kommt und mit ihr schläft. Pam ist darüber völlig schockiert und will veranlassen, daß Bishop nun endlich in eine Klinik eingewiesen wird. Dieser hat die Unterhaltung allerdings mitgehört und stürzt nun mit einem Messer hervor, um Pam umzubringen, was er dann auch tut. Danach ißt er sie auf. Es stellt sich auch heraus, daß Bishop auf seinen Streifzügen andere Menschen umgebracht hatte, deren Schuhe er zu Phyllis brachte.

Als Howard nach Hause kommt, wird er vor vollendete Tatsachen gestellt. Zu seinem Entsetzen erfährt er, daß Pam tot ist und daß Bishop sie umgebracht hat, kann allerdings nicht mehr eingreifen, da Bishop ihm überlegen ist und auch ihn umbringt.

Dann folgt ein abrupter Szenenwechsel in den dritten Akt, der ein Jahr später spielt. Bishop befindet sich in einer psychiatrischen Klinik und wird von Dr. Nestor betreut, der vom gleichen Schauspieler wie Howard Hogan gespielt wird. Mit ihm ist eine weitere Patientin im Behandlungszimmer, die psychisch gestörte Popo Martin, die wiederum von der gleichen Schauspielerin wie Pam gespielt wird.

Dr. Nestor befragt Bishop zu den Vorgängen vor einem Jahr. Bishop gibt allerdings vor, sich nicht mehr erinnern zu können und fängt auch wieder an zu stottern. Nachdem Dr. Nestor Bishop unnachgiebig weiter befragt hat, stellt sich heraus, daß Bishop auch noch Phyllis umgebracht hatte. Im Geiste hört Bishop sie, Howard und Pam noch zu sich sprechen. Phyllis hatte Bishop darum gebeten, sie umzubringen, da sie nach den Morden fliehen mußten und Phyllis nicht mit Bishop mitgehen wollte. Er erinnert sich zumindest daran, daß Phyllis sagte: "Dann bring mich jetzt um. Ich bin müde."[8]

Das Stück endet mit einem Monolog Bishops, in dem er zum Publikum sagt, daß er seinen Vater und seine Geliebte und einen Tag später seine Mutter umbrachte. Das Gericht hatte befunden, er wäre zum Tatzeitpunkt geistig gestört gewesen. Schuld daran wären seine Eltern und er selber, denn er hätte sich als wilden Urmenschen auf der Insel selber erschaffen. Er sagt zum Publikum gerichtet: "Denn ich bin, was ich erschaffe."[9]

3. Untersuchung des Theaterstücks "Fette Männer im Rock"

Im folgenden Teil soll die eigentliche Kernanalyse des Theaterstücks vorgenommen werden. Dazu soll zunächst jeder Charakter für sich untersucht werden. Danach soll auf das Stück als Ganzes eingegangen werden. Zum besseren Verständnis werden zwei Einschübe zu den Themen "Kannibalismus" und "Ödipus-Komplex" vonnöten sein.

3.1 Charakteranalyse

Howard Hogan:

Howard Hogan, der Ehemann von Phyllis Hogan, ist ein "attraktiver Filmregisseur"[10]. Im Gegensatz zu den anderen Charakteren wird er eigentlich fast ausschließlich von den Äußerungen von Phyllis und Bishop charakterisiert. Dies ist damit zu begründen, daß er zunächst gar nicht selber auftritt und nur über ihn erzählt wird. Später ist er zwar selber zu sehen, aber nur in Rückblenden.

Howard verkörpert das Klischee der Regisseure, die in Fließbandarbeit billige Fernsehproduktionen mit Ungeheuern und Außerirdischen im Ausland fertigen. In dieses Klischee paßt auch die Tatsache, daß Howard wahrscheinlich öfters von jungen Schauspielerinnen angesprochen wird, die die Hoffnung hegen, daß er in seinem nächsten Film eine Rolle für sie hätte. Phyllis sagt über ihn: "[...]er macht herzerwärmende Filme über liebenswürdige Außerirdische, jedenfalls meistens."[11] Es wird schnell erkennbar, daß Howard auch ein ziemlicher "Schürzenjäger"[12]ist, der den Angeboten der jungen Schauspielerinnen selten widerstehen kann, wie Phyllis zu Beginn bemerkt: "Mein Mann ist in Italien, [...] schlemmt sich durch die hausgemachten Delikatessen und die hausgemachten Mädchen – und denkt vielleicht, ganz flüchtig nur, 'Was mag wohl aus Phyllis geworden sein?'"[13]

Die erste Rückblende des ersten Aktes zeigt Howards und Phyllis' Hochzeitsnacht. Dabei zeigt sich auch, daß die beiden eigentlich gar nicht zusammenpassen. Während Phyllis mit ihren Gedanken noch bei der Hochzeitsfeier ist, denkt Howard nur daran, sie möglichst schnell in sein Bett zu bekommen. Dieser Gegensatz zeigt sich in der folgenden Szene:

"Howard: Komm, wir gehen ins Bett.

Phyllis: Bist Du müde?

Howard: Das hab ich nicht gemeint. [...] Ich möchte mit Dir schlafen.

Phyllis: Könnten wir uns nicht erst ein wenig kennenlernen?

Howard: Dies ist unsere Hochzeitsnacht.

Phyllis: Es ist nie zu spät.

Howard: Komm ins Bett."[14]

Im nächsten Rückblick bestätigt sich dann auch, was zu erwarten war, daß Howard es nämlich mit Phyllis alleine nicht lange aushalten würde. Er wird von Pamela, die immer nur Pam genannt wird, angesprochen: "Pam: Du bist Filmregisseur? | Howard: Ja. | Pam: Du könntest mir eine Rolle geben. | Howard: Könnte ich."[15]Seinem Image entsprechend kommt er schnell zur Sache: "Howard: Sollen wir jetzt ins Bett gehen? | Pam: Das ist aber sehr direkt. | Howard: Tut mir leid. | Pam (zum Publikum): Das mag ich bei Männern. | Howard: Ehrlich? | Pam (zum Publikum): Nein. Natürlich nicht. Den ganzen Tag beim Drehen krieg ich nichts anderes zu hören. Nett, Dich kennenzulernen. Film ab und Penetration."[16]

So leben sich Phyllis und Howard auch schnell auseinander. In der dritten Rückblende ist Bishop schon geboren, und Phyllis und Howard streiten sich:

"Phyllis: Schrei mich nicht an!

Howard: DU KANNST DOCH SEHEN, DASS ICH LESE!

Phyllis: Du liebst mich nicht mehr!

Howard: Was redest Du da?

Phyllis: Du hast mich früher nie angeschrien!

Howard: Du bist mir früher nie auf die Nerven gegangen..."[17]

Unmittelbar vor dem Flugzeugabsturz bemerkt Phyllis, daß Howard eine Affäre mit einer anderen Frau hat. Es kommt zur Auseinandersetzung, bei der sich aber auch zeigt, daß Howard Phyllis immer noch liebt. Er sagt zum Publikum gewandt: "Ich möchte sie nicht verletzen."[18]Auch möchte er es mit Phyllis noch einmal neu versuchen. Bishop gegenüber verhält er sich allerdings immer ziemlich gleichgültig. Es ist anzunehmen, daß Howard sich nie richtig um ihn gekümmert hat. Als er Phyllis mit nach Italien nehmen will und sie ihn fragt, was denn mit Bishop wäre, antwortet er einfach nur: "Laß ihn hier. [...] Nur wir zwei."[19]

Im zweiten Akt wird Howards Charakter dann etwas ausgebaut. Als nach fünf Jahren Phyllis und Bishop von der einsamen Insel gerettet werden, hat Howard tatsächlich Schuldgefühle, daß er Phyllis und Bishop schon aufgegeben und vergessen hatte, und mit Pam ein neues Leben begann. Daher muß sich Pam immer im Schrank verstecken und sich als Dienstmädchen ausgeben, da Howard Phyllis nicht kränken möchte. Obwohl Phyllis und Bishop nach ihrem Leben auf der Insel offensichtlich völlig gestört sind, möchte Howard sie entgegen dem Drängen Pams nicht in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen; er möchte sich zu Hause um sie kümmern, da er sich mitverantwortlich fühlt. Er ist allerdings mit dem Verhalten Bishops völlig überfordert. Seine Schuldgefühle sind derartig stark, daß er die Haltung Bishops ihm gegenüber gar nicht erfaßt: "Bishop: Kratz doch ab! | Howard: Ich will doch ein guter Vater sein!"[20].

Die ganze Verrücktheit von Bishop und Phyllis erkennt er erst, als es schon zu spät ist. Bishop sagt Howard noch, daß er immer ein schlechter Vater war: "Du hättest mich schon vor Jahren umbringen sollen! Als Du noch die Möglichkeit dazu hattest, als ich noch klein war – damals hast Du mich nicht gewollt – Du willst mich auch jetzt nicht – und ich bin nicht dran SCHULD!"[21]. Dann bringt er Howard um.

Pam:

Pam, die eigentlich Pamela heißt, ist Howards junge Geliebte. Silver beschreibt sie als "sexy und mit der Logik auf Kriegsfuß"[22]. Sie ist eine möchtegern-Schauspielerin und erhofft sich, durch Howard an eine Filmrolle zu gelangen. Bezeichnend sind hierbei die Titel der Filme, bei denen sie bereits mitwirkte, die sie Howard aufzählt:

"Howard: Bist Du Schauspielerin?

Pam: Ja. Vielleicht hast Du ein paar meiner Filme gesehen?Hannah bumst ihre Schwestern, Leckere Rita, Wichser sehen in Howard's End, Vier Möhsen für ein Halleluja, Raumfick Enterprise, Popocalypse Wow, Ein Zimmer mit Aussicht?

Howard: Du hast inEin Zimmer mit Aussichtmitgespielt?

Pam: Nein. Das hab ich nur so gesagt, weiß auch nicht, warum."[23]

Sie selber stellt sich nur als "Pam. Pamela. Pam."[24]vor und kommt sich selber immer zu dick vor. Daher ernährt sie sich auch nur von flüssigem Protein und Amphetaminen. Später erfährt man auch, daß sie selbst Drogen wie LSD nicht abgeneigt ist. Sie sagt von sich selber: "Ich werde von Pillen satt."[25]Howard versucht sogar einmal vergeblich, sie von ihrer Tablettensucht abzubringen, da es ihm lieber wäre, "wenn Du nicht nachts aufschreien würdest, daß Deine Füße weg sind und die Wände Dich auslachen."[26]

Im zweiten Akt muß Pam, die jetzt ein Kind von Howard erwartet, das Dienstmädchen spielen und im Schrank wohnen, da Howard ihre Beziehung vor Phyllis und Bishop verbergen will. Es stellt sich allerdings auch heraus, daß Pam die einzige ist, die die Lage noch überblicken kann. So versucht sie Howard, der die Realität nicht einsehen will, klarzumachen, daß Phyllis und Bishop geisteskrank sind. Sie sagt zu ihm: "Sie ist verrückt. [...] Er ist gefährlich. [...] Sie brauchen Hilfe."[27]Auch ist sie es, die schließlich nicht mehr das Dienstmädchen spielen will. Sie klärt Phyllis über ihre Affäre mit Howard auf, daß sie ein Kind von ihm erwartet und daß sie heiraten wollen. Dabei erfährt sie auch von der Beziehung zwischen Phyllis und Bishop und will die beiden in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, während Howard immer noch tatenlos seinen Schuldgefühlen nachhängt. Dazu kommt es dann aber nicht mehr, da Bishop auch sie am Ende des zweiten Aktes umbringt.

Phyllis Hogan:

Phyllis, von Silver als attraktiv und kultiviert beschrieben[28], ist die Ehefrau von Howard, die mit ihrem Sohn Bishop auf der einsamen Insel abstürzte, als sie ihrem Mann nach Italien hinterherfliegen wollte. Ihre größte Sorge nach dem Absturz sind ihre Krokodillederschuhe von Gucci und die Tatsache, daß sie nur noch zwei Schachteln Zigaretten dabei hat. Überhaupt wäre es ihr am liebsten gewesen, wenn sie bei dem Flugzeugabsturz umgekommen wäre. Sie erzählt: "[...] der Knall, der Aufprall, das Ende. Und ich war seltsam erleichtert, zu wissen, daß mein Leben vorüber war. Alle Mühen meines Lebens überstanden, und ich konnte mich einfach entspannen und abwarten..."[29]Überhaupt scheint sie nie ein besonders großes Selbstvertrauen gehabt zu haben, da sie beispielsweiseStrandnur mit jungen Mädchen "in knappen Badeanzügen mit einem knackigeren Körper als man selber"[30]assoziiert. "Als ich ein junges Mädchen war, habe ich mich immer im Sand eingegraben. Kopf zuerst." erzählt sie weiter.

An einer Stelle, bei der ersten Rückblende zu Phyllis' und Howards Hochzeitsnacht, wird Phyllis von Howard beschrieben; er wendet sich zum Publikum und meint über Phyllis: "Sie war albern. Sie war wie eine frische Brise."[31]

Phyllis erweckt den Eindruck, Bishop nicht sonderlich zu lieben. Anfangs nörgelt sie nur an ihm herum und gibt ihm Befehle. Genervt sagt sie ihm sogar: "Kannst Du nicht ein bißchen mit den Leichen spielen oder so? Du bist schon elf, das macht Dir bestimmt Spaß."[32]Ihr Desinteresse an Bishop oder an Kindern generell kommt besonders zum Vorschein, als sie sich über das Baby aufregt, welches im Flugzeug die ganze Zeit geschrien hatte: "Er hat geweint und geweint, und seine Mutter hat versucht, ihn zu beruhigen, aber es ging nicht. Und ich dachte die ganze Zeit, sie sollten ihn einfach oben ins Gepäckfach stecken."[33]

Bei der zweiten Rückblende des ersten Aktes erfährt man auch, daß Phyllis' Ehe mit Howard schnell in eine Krise geraten war. Phyllis redet unentwegt mit dem zunehmend genervten Howard darüber, daß man Bishop noch einen Namen geben müßte. Howard richtet sich dabei immer wieder ans Publikum, um seine Gedanken über Phyllis kundzutun: "Monatelang ging das so. [...] Was charmant begann, fing langsam an zu knirschen. [...] Was rührend begann, wurde langsam unerträglich. [...] Als lebte man mit der Zeitansage zusammen!"[34].

Phyllis scheint auch stark durch ihre Kindheit geprägt worden zu sein. Sie hatte eine Schwester, "die immer die Schlauere war"[35], ihre Mutter war Kellnerin und ihr Vater entsprach dem Klischee des Ehemannes, der nur seine Fernbedienung kennt, den ganzen Tag Wrestling anschaut und nicht mehr von sich gibt als ein Grunzen, "wenn man ihm die Sicht auf den Fernseher verstellt."[36]Sie erinnert sich auch immer wieder an Mr. Antonelli, einen dicken Transvestiten, der in der selben Etage wohnte, die sie damals mit ihrer Familie bewohnte. Diesen traf sie mit sechs Jahren im Fahrstuhl, als er sich wieder einmal die verrücktesten Frauenkleider angezogen hatte. Als er auf sie herunterblickte und sie fragte, was sie denn für ein schönes Kleid anhätte, schlug sie ihm zum Entsetzen ihrer Mutter, die auch im Fahrstuhl war, vor, daß er sich das Kleid doch ruhig einmal ausleihen könnte. Das hatte zur Folge, daß Phyllis' Mutter ihr verbot, jemals wieder mit Mr. Antonelli zu sprechen und ihr erklärte, daß er ein "Monstrum" sei und "eingesperrt gehöre, eingesperrt und vergessen."[37]Sie sagte weiter, daß Mr. Antonelli "die niedrigste Erscheinungsform der Spezies Mensch sei, eine Kreatur, die man fürchten müsse, und seine Eltern, die Ärmsten, hätten sicher ein schweres Kreuz zu tragen."[38]Dieser Vorfall scheint im Gedächtnis von Phyllis als Kindheitstrauma zurückgeblieben zu sein. Auf der Insel träumt sie immer wieder davon, und wie sie einen Ausflug in den Zoo unternimmt, wo im Affenhaus "Dutzende und Aberdutzende von fetten Männern im Rock" herumturnen, "Dschungelfitneß" machen und sich "Salz aus den Haaren"[39]zupfen. Es sind riesengroße "fette Männer mit aufeinander abgestimmtem Schmuck"[40], genau wie damals Mr. Antonelli. Diese Männer drehen sich in ihrem Traum alle gleichzeitig um und haben das Gesicht von Bishop. Dieses deutet bereits darauf hin, daß Phyllis in ihrem Unterbewußtsein erkennt, wie Bishop sich durch das Leben auf der Insel langsam zur Urmenschen zurückentwickelt und den Affen auf der Insel immer ähnlicher wird.

So kommt es dann auch, daß Phyllis langsam verrückt wird. Bishop wird immer dominanter, beschimpft sie und kommandiert sie herum. Sie ist völlig verzweifelt und fordert sogar, daß Bishop sie umbringen soll. Zwischen den beiden entwickelt sich sogar eine sexuelle Beziehung.

Nach ihrer Rettung verbringt die psychisch gestörte Phyllis den ganzen Tag auf dem Boden von Howards Wohnzimmer. Sie setzt ihr Leben genau wie auf der Insel fort. Bishop muß ihr von seinen Streifzügen nach draußen immer wieder neue Schuhe mitbringen, wie er auf der Insel immer wieder abgetrennte Körperteile der anderen toten Insassen des Flugzeugs mitbringen mußte. Diese Schuhe hortet sie im Wohnzimmer, das sie bis zum Ende des Stückes nicht mehr verläßt.

Einen letzten klaren Moment hat sie, als sie begreift, daß Pam eine Beziehung mit Howard hat und von ihm schwanger ist. Auch begreift sie, daß Bishop auf seinen Streifzügen immer Menschen umgebracht hat, deren Schuhe er ihr brachte und daß er eines Tages wahrscheinlich auch sie umbringen würde. Wie man später im dritten Akt erfährt, hat er sie auch wirklich zum Schluß umgebracht.

Bishop Hogan:

Bishop ist der Sohn von Howard und Phyllis. Zu Beginn des Theaterstücks ist er elf Jahre alt. Er ist klein, schüchtern, hat einen krummen Rücken und X-Beine[41]. Zudem hat er einen "Katherine-Hepburn-Fimmel"[42], d.h. er weiß alles über sie und ihre Filme, hat sämtliche Daten im Kopf und gibt sie sehr zum Ärgernis seiner Mutter bei jeder Gelegenheit preis.

Zu Beginn des Stücks ist er sehr verängstigt und wird von seiner Mutter herumkommandiert. Sie befielt ihm auch, zu den Leichen zu gehen und nach brauchbaren Dingen zu suchen; später befielt sie ihm sogar, die Leichen zu zerschneiden und ihr Körperteile zu bringen, damit sie sie verspeisen können. Dadurch stumpft Bishop immer mehr ab.

Ihm ist durchaus bewußt, daß er von seinen Eltern nie richtig geliebt wurde und er weiß auch von der Beziehungskrise zwischen Howard und Phyllis. Selbst von dem Schürzenjägerdasein seines Vaters weiß er. Bishop stellt sich dem Publikum vor: "Ich bin Bishop Hogan. D-d-das ist mein Name, ich bin nicht von der Kirche. Ich bin elf. Mein Vater ist berühmt. Er haßt Mutter. Er schläft mit den jungen Mädchen aus seinen F-f-filmen."[43]

Durch seinen Umgang mit den Leichen und durch das Leben auf der Insel verändert sich Bishop sehr stark. Hierzu muß man Silvers Regieanweisungen beachten, während Bishop dem Publikum wieder einmal von Katherine Hepburn erzählt: "(Sein Stottern ist weg.)[...](Er schaut auf seine Füße, die sich allmählich aus ihrer X-Beinigkeit gerade rücken.)[...]Er macht eine kleine Pause, dann steht er zum ersten Mal ganz aufrecht da.)[...](Seine Stimme fällt in ein tieferes Register. Jetzt spricht er kraftvoll, kalt.)"[44]

So schlägt der Charakter von Bishop um. Jetzt ist er der Dominantere vor Phyllis. Mutter und Sohn haben sozusagen die Rollen getauscht. Phyllis wird jetzt von Bishop beschimpft und herumkommandiert. Er hat sich in einen Urmenschen zurückverwandelt, fast in ein Tier. So beschreibt ihn auch Silver: "Er ist inzwischen ein furchteinflößendes wildes Tier, rhythmisch, skrupellos und ungezähmt in seinem Auftreten."[45]Bishop bezeichnet sich selbst als "Gebäude"[46]. Er hat gelernt, zu jagen, die am Himmel fliegenden Vögel mit Steinen abzuwerfen, Fische mit seinen "Stahlhänden"[47]zu fangen und schneller zu rennen als die Affen. "Mein Körper ist eine Waffe. Und mein Bauch fühlt sich toll an unter meinen Händen. Und mein Gesicht und meine Beine und mein Schwanz sind aus Beton."[48]sagt er von sich selbst. Die Affen auf der Insel und seine Eltern bezeichnet er gleichermaßen als "SCHEISSAFFENWICHSER" und "Dämliche Scheißwichser!"[49]. Er geht mehr und mehr nur noch seinen Urtrieben nach Essensaufnahme und Sex nach. So kommt es auch, daß er am Ende des ersten Aktes sexuell über seine Mutter herfällt.

Seitdem verändert sich der Charakter Bishops eigentlich nicht mehr. Im zweiten Akt wohnt er nach seiner Rettung mit Phyllis und Pam zusammen bei seinem Vater Howard, der vergeblich zu unterbinden versucht, daß Bishop seine Mutter beschimpft. Er zieht durch die Stadt und ermordet Menschen, deren Schuhe er Phyllis bringt. Dies dringt aber erst am Ende des zweiten Aktes in ihr Bewußtsein vor, als Bishop sagt: "In der Stadt wimmelt es von barfüßigen Leichen."[50]

So stellen sich ihm auch Pam und Howard, den er immer noch haßt, in den Weg, die er beide umbringt. Er verhält sich immer noch wie ein Kannibale und merkt, als er Pam verspeist, kaltblütig an: "Ist bißchen trocken. Könnte 'n Spritzer Barbecue-Sauce vertragen. Haben wir welche da?"[51].

Bishops Liebe zu seiner Mutter, die man als klassischen Ödipus-Komplex (siehe übernächstes Kapitel) bezeichnen kann, endet damit, daß Phyllis Bishop bittet, sie umzubringen, da sie nicht mit ihm mitkommen möchte. Dieser Aufforderung kommt er dann auch einen Tag später nach.

Bishop wird zum Schluß in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wo im Grunde genommen über ihn gerichtet wird. Die ganze Geschichte wird noch einmal abgespult und es stellt sich heraus, daß Bishops Eltern an seinem Verhalten mitschuldig sind. Sie hatten ihn nie richtig geliebt und seine Mutter hatte ihn letztendlich zum Kannibalismus angestiftet. Ihm wird sein tierisches Verhalten langsam klar, er sieht ein, was er aus sich selber gemacht hatte und welche Greueltaten er begangen hatte. Zwischenzeitlich stottert er sogar wieder wie der kleine schüchterne Junge, der er einmal war. Zum Schluß spricht er wie zu Beginn des Theaterstücks zum Publikum:

"Ich heiße Bishop Hogan, das ist mein Name, ich bin nicht von der Kirche. Ich habe meinen Vater und seine Geliebte umgebracht und am nächsten Tag meine Mutter, die ich liebte... Das Gericht hat befunden, daß ich zum Tatzeitpunkt geistig gestört war... Und dran Schuld war meine Mutter. Und mein Vater. Und ich selber. Denn ich bin, was ich erschaffe."[52]

Dr. Nestor und Popo Martin:

Dr. Nestor ist neue Psychiater, der Bishop im dritten Akt, der ein Jahr nach den Morden spielt, in der psychiatrischen Klinik betreut. Er wird vom gleichen Schauspieler wie Howard Hogan gespielt, weswegen Bishop auch bemerkt, daß Dr. Nestor ihn an seinen Vater erinnert.

Dieser stellt Bishop viele Fragen, wie es zu den schrecklichen Ereignissen kommen konnte und ob Bishop sich daran noch erinnern kann. Zeitweise kommt es zu einem hitzigen Streitgespräch zwischen den beiden, bei dem sie sich auch gegenseitig beschimpfen. Bishop sieht vor seinem geistigen Auge noch seine beiden toten Eltern und Pam, während er sich an die Vorfälle erinnert.

Zu dieser Zeit kommt auch Popo Martin herein, eine weitere Patientin der Klinik, die von der gleichen Schauspielerin wie Pam dargestellt wird und "von dementer Fröhlichkeit"[53]ist. Eines Tages taten ihr von ihrer Dauerfröhlichkeit und ihrem Dauerlächeln die Kinnbacken weh, sie hatte vom andauernden Pfeifen Kopfschmerzen. Da sie immer fröhlich war, hatte sie auch nie Depressionen. Das ging so weit, daß sie aus der Handtasche ihrer Mutter 35 Schlaftabletten nahm und versuchte, sich damit umzubringen, weswegen sie auch in die Klinik eingeliefert wurde.

Dr. Nestor vermutet, daß Popo auf Bishop fixiert ist, weswegen sie die ganze Zeit versucht, seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Bishop selber sieht sich Dr. Nestor gegenüber, der ihn zu den Vorgängen befragt und dabei teilweise genau wie sein Vater mit ihm redet. Zusätzlich sieht er noch seine Mutter Phyllis und Popo, die sich um ihn streiten. All diese Eindrücke verschwimmen in Bishops Gehirn, bis er sich am Ende daran erinnert, wie er Phyllis zum Schluß umbrachte. Wie bereits bei seiner Charakteranalyse beschrieben, wird er sich seiner Schuld bewußt und ihm wird klar, zu welchem furchterregenden Tier er sich gemacht hatte.

3.2 Kannibalismus

Kannibalismus bezeichnet den Verzehr von menschlichem Fleisch durch andere Menschen. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird daher heutzutage von Antropophagie gesprochen, um so den Unterschied zum tierischen Kannibalismus anzudeuten. Als Christoph Kolumbus in Amerika eintraf, begegnete er den Ureinwohnern der Karibik, denen man nachsagte, sie würden Menschenfleisch essen. Die spanische Bezeichnung für sie war "Canibales", von der das Wort Kannibalismus abgeleitet wurde. Die Berichte über die Ureinwohner der Karibik und andere Berichte aus aller Welt konnten aber nie bestätigt werden, da sie ausschließlich auf Hörensagen beruhten. So wurden beispielsweise auch vom Mittelalter bis in die Neuzeit hin die weißen Flecken auf Landkarten mit "Antrophagi sunt", "hier sind Menschenfresser" oder "hier wohnen Menschenfresser" beschriftet.[54]

Auch Berichte über den magischen oder kultischen Kannibalismus sind weiter umstritten. Hierbei sollen verbrannte Körperteile oder zermahlene Knochen von Kriegern oder Angehörigen verzehrt werden, um deren Kräfte zu erlangen. Eine andere Theorie besagt, daß die Seele des Feindes zerstört wird, wenn man seinen Leichnam ißt, weil so "der Geist des Toten keine Heimstatt finden kann."[55]

Der Kannibalismus hingegen, der bei "Fette Männer im Rock" beschrieben wird, ist ein ganz anderer. Dort essen Phyllis und Bishop andere Menschen, um nicht zu verhungern. Später ißt Bishop nur noch aus seiner Geisteskrankheit heraus das Fleisch anderer Menschen. Thomsen schreibt über diese Art des Kannibalismus: "Entschuldigt wird dagegen Kannibalismus in der Grenzsituation einer sonst unweigerlich zum Tode führenden Hungersnot."[56]Diese Art des Kannibalismus wird auch "Hungerkannibalismus"[57]genannt. Einen Kannibalismus hingegen, bei dem aus Gewohnheit menschliches Fleisch als Nahrung gedient hätte, hat es aber scheinbar nie gegeben. "Bißspuren an menschlichen Knochen haben sich bei genauer Untersuchung immer als von wilden Tieren verursacht erwiesen."[58]ist in der Encarta 98 Enzyklopädie nachzulesen.

Einen bekannten Fall des "Hungerkannibalismus", der dem Theaterstück zugrunde liegen könnte, hat es allerdings doch gegeben. So stürzte 1972 eine Fußballmannschaft aus Uruguay mit ihrem Flugzeug in den Anden in Chile ab. 16 Fußballspieler überlebten, "indem sie das Fleisch der verunglückten Passagiere aufaßen."[59]

3.3 Der Ödipus-Komplex

Dieser Begriff geht auf die griechische Sage von Ödipus und Elektra zurück. Hierbei wurde Ödipus von seinem Vater Laios ausgesetzt, aber später von einem Hirten gerettet. Es wuchs beim Königspaar von Korinth auf, ohne von seinen leiblichen Eltern zu wissen. Bei einem Streit erschlug er später seinen leiblichen Vater, von dem er aber nicht wußte, daß es sein Vater war. Nachdem er in Theben die Sphinx besiegt hatte, wurde er als Dank zum König gemacht und heiratete die Königen Iokaste, die aber in Wirklichkeit seine leibliche Mutter war, was er aber auch wiederum nicht wußte.

Darauf zurückgehend bezeichnet der "Ödipus-Komplex" die "übermäßige Gefühlsbindung des Sohnes an die Mutter" und "die damit einhergehende Eifersucht gegenüber dem Vater"[60].

Die Beziehung zwischen Bishop als Sohn und Phyllis als Mutter in "Fette Männer im Rock" kann also als klassisches Beispiel für den "Ödipus-Komplex" angesehen werden. Auch die Eifersucht von Bishop gegenüber seinem Vater Howard kommt hier zur Geltung.

3.4 Allgemeine Feststellungen zu "Fette Männer im Rock"

In diesem Kapitel sollen all jene Begebenheiten Beachtung finden, die sich nicht speziell auf einen Charakter beziehen und daher in der Charakteranalyse noch nicht zur Geltung kamen. So sind die Vorbemerkungen des Autors besonders interessant.

Silver beschreibt hier, welche Erfahrungen er bei verschiedenen Inszenierungen seines Stückes gesammelt hat. So stehen die drei Akte eigentlich für drei verschiedene Stilrichtungen. Der erste Akt spielt ursprünglich nur am Strand, ist allerdings nichtlinear, wechselt also in Ort und Zeit hin und her, so daß der Zuschauer in verschiedenen Rückblicken mehr über die Vergangenheit erfährt und die Charaktere ausgebaut werden können. Dies steht im direkten Gegensatz zum zweiten Akt, der nur in Howards Wohung spielt und absolut zeitlich linear verläuft. Auch gibt es hier keine Rückblenden, die den Ort wechseln ließen. Dieser Akt erinnert im Grunde genommen an eine Sitcom aus dem Fernsehen, die meistens nur in einem Raum wie dem Wohnzimmer o.ä. spielt. Den dritten Akt bezeichnet Silver selber als "Gerichtssaal-Drama"[61], da dort alle Beteiligten noch einmal zusammenkommen, um über den "Angeklagten" Bishop zu richten und das ganze Stück von dem "Richter" Dr. Nestor noch einmal aufgerollt wird.

Der Autor betont hierzu, daß man bei der Produktion nicht die Unterschiede zwischen diesen drei Stilrichtungen hervorheben soll, sondern gerade "auf den Punkt zu kommen, wo sich diese drei Stilrichtungen treffen"[62].

Das ganze Stück ist so aufgebaut, als würden die verschiedenen Charaktere dem Publikum eine Geschichte erzählen. So sprechen sie manchmal einen Monolog direkt zum Publikum, aber auch während eines Dialoges mit einem anderen Charakter kann es vorkommen, daß das Publikum direkt angesprochen wird. Auf diese Weise können die Charaktere auch ihre Gedanken kundtun, die sie dem Gesprächspartner auf der Bühne verschweigen. Ein Beispiel hierfür wäre folgender Ausschnitt aus einem Dialog zwischen Pam und Howard: "Howard: Ist es Dir egal? | Pam: Ja. | Howard: Gut. | Pam (zum Publikum): Es ist gar nicht egal."[63]Einmal abgesehen von der komischen Komponente dieser Begebenheit realisiert Nicky Silver auf diese Weise eine Bindung zwischen den Figuren und dem Publikum. Es ist sogar möglich, daß sich ein Charakter über einen anderen dem Publikum gegenüber abwürfig äußert, um selber mehr Sympathien auf seine Seite zu bringen.

"Und noch etwas: Diese Figuren versammeln sich auf der Bühne, um ihre Geschichte zu erzählen; dabei können sie nach Belieben um die Sympathie des Publikums buhlen, ruhig auch auf Kosten der anderen Figuren."[64] schreibt Silver in seinen Vorbemerkungen zum Stück.

Außerdem fällt auf, daß es in diesem Theaterstück sehr viele Pointen gibt, die es leicht wie eine witzige, oberflächliche Geschichte aussehen lassen könnten. Folgende Szene ist hier nur ein kleines Beispiel unter sehr vielen:

"Bishop (zum Publikum): Da lagen so Zeitschriften im Cockpit, mit B-b-bildern von nackten Jungen, die was miteinander gem-m-macht haben.

Phyllis (zum Publikum): Ach, deshalb sind wir abgestürzt."[65]

Nicht zuletzt das anfängliche Stottern von Bishop sorgt sicherlich für einige Lacher von Seiten des Publikums.

Die Gefahr, daß das Stück allzu leicht für eine Komödie gehalten werden könnte, sieht Silver auch. Ihm ist es daher wichtig, daß das Stück auch erschrecken soll. Je größer die Bedrohung wäre, desto leichter würde sich darstellen lassen, daß die Charaktere die Witze aus reiner Panik äußerten. Silver schreibt, daß "der Sinn für Humor [...] immer aus der emotionalen Situation"[66]entstehen muß. So kann man viele Witzeleien der Charaktere auch als reinen Galgenhumor ansehen. Nicky Silver bringt diese Begebenheiten in seinen Regieanweisungen auf den Punkt:

"Da es so viele offenkundige Pointen gibt, kann man es leicht für eine Komödie und nichts anderes halten. Das ist es aber nicht. Natürlich ist dieses Stück eine Komödie, aber es muß die Zuschauer auch erschrecken. Je wilder Bishop wird, desto bewegender wirkt seine Erlösung. Je größer die Bedrohung, desto leichter lassen sich die Witze in der Panik verankern."[67]

Was dem Zuschauer vielleicht gar nicht auffallen mag, ist die treffende Musikauswahl Nicky Silvers, wie beispielsweise "Save the Bones for Henry Jones"[68]am Ende des zweiten Aktes, in dem gerade Pamela und Howard umgebracht wurden.

4. Schlußwort

Die Problematik, die sich am Anfang stellte, ob zuerst die Charaktere und danach die Handlung analysiert werden sollten oder umgekehrt, hat sich nur so lösen lassen, daß die Entwicklung der Charaktere über das ganze Stück chronologisch anhand der Handlung dargestellt wurde. Die Begebenheiten, die sich nicht an einer bestimmten Figur festmachen ließen, sondern sich auf das ganze Stück bezogen, wurden danach in einem zusätzlichen Kapitel abgehandelt. Dies ließ sich nicht vermeiden, da die Charaktere wie schon erwartet sehr stark mit der Handlung verbunden waren und sich im Verlauf des Stücks teilweise stark veränderten.

Nach dieser Zerlegung des Theaterstücks und der Darlegung der vielen verschiedenen Aspekte sollte ein Zuschauer in die Lage versetzt worden sein, die Charaktere, die Handlung und die tiefgründigen Zusammenhänge und eingebrachten Thematiken besser zu erfassen, was das Stück als Ganzes sicherlich viel wertvoller als bei einer rein oberflächlichen Betrachtung macht.

Es wäre natürlich wünschenswert, den Autor Nicky Silver einmal höchstpersönlich zu seinem Stück zu befragen; die Durchführung dieses Vorhabens war aber leider im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich.

5. Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

SILVER, Nicky: "Fette Männer im Rock"; in "Theater heute" (Zeitschrift), Ausgabe 3/1997; Seiten 38-52

Sekundärliteratur:

"Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie", Microsoft Corporation 1993-1997; Stichwort "Kannibalismus"

Portrait von Nicky Silver; in "Theater heute" (Zeitschrift), Ausgabe 4/1996

THOMSEN, Christian W.: "Menschenfresser"; Brandstätter Verlag, Wien 1983; Seiten 18-23

VIERECKE, Andreas: "Ödipuskomplex"; Artikel in der "Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie", Microsoft Corporation 1993-1997

[...]


[1]SILVER, Nicky: "Fette Männer im Rock"; in "Theater heute" (Zeitschrift), Ausgabe 3/1997

[2]zitiert nach "Theater heute" (Zeitschrift), Portrait von Nicky Silver; Ausgabe 4/1996

[3]ebenda

[4]New York Times, zitiert nach "Theater heute" (Zeitschrift), Portrait von Nicky Silver, Ausgabe 4/1996

[5]SILVER, Nicky: "Fette Männer im Rock"; "Theater heute" (Zeitschrift), Ausgabe 3/1997; Seite 44, linke Spalte

[6]ebenda

[7]ebenda

[8]SILVER, Nicky: "Fette Männer im Rock"; "Theater heute" (Zeitschrift), Ausgabe 3/1997; Seite 52, rechte Spalte

[9]ebenda

[10]ebenda, Seite 38, linke Spalte

[11]ebenda, Seite 38, mittlere Spalte

[12]ebenda, Seite 38, linke Spalte

[13]ebenda, Seite 38, mittlere Spalte

[14]ebenda, Seite 41, linke Spalte

[15]ebenda, Seite 42, linke Spalte

[16]ebenda

[17]ebenda, Seite 42, rechte Spalte und Seite 43, linke Spalte

[18]ebenda, Seite 44, mittlere Spalte

[19]ebenda

[20]ebenda, Seite 46, rechte Spalte

[21]ebenda, Seite 49, mittlere Spalte

[22]ebenda, Seite 38, linke Spalte

[23]ebenda, Seite 41, rechte Spalte und Seite 42, linke Spalte

[24]ebenda, Seite 41, rechte Spalte

[25]ebenda

[26]ebenda, Seite 43, rechte Spalte

[27]ebenda, Seite 47, linke Spalte

[28]ebenda, Seite 38, linke Spalte

[29]ebenda, Seite 38, mittlere Spalte

[30]ebenda

[31]ebenda, Seite 41, linke Spalte

[32]ebenda, Seite 40, linke Spalte

[33]ebenda, Seite 43, mittlere Spalte

[34]ebenda, Seite 42, rechte Spalte

[35]ebenda, Seite 41, linke Spalte

[36]ebenda, Seite 41, mittlere Spalte

[37]ebenda, Seite 41, rechte Spalte

[38]ebenda

[39]ebenda

[40]ebenda

[41]ebenda, Seite 38, linke Spalte und Seite 38, mittlere Spalte

[42]ebenda, Seite 38, rechte Spalte

[43]ebenda, Seite 40, linke Spalte

[44]ebenda, Seite 42, mittlere Spalte

[45]ebenda, Seite 44, linke Spalte

[46]ebenda

[47]ebenda

[48]ebenda

[49]ebenda, Seite 44, mittlere Spalte

[50]ebenda, Seite 48, mittlere Spalte

[51]ebenda, Seite 48, linke Spalte

[52]ebenda, Seite 52, rechte Spalte

[53]ebenda, Seite 38, linke Spalte

[54]THOMSEN, Christian W.: "Menschenfresser"; Brandstätter Verlag, Wien 1983; S. 19

[55]"Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie", Microsoft Corporation 1993-1997; Stichwort "Kannibalismus"

[56]THOMSEN, Christian W. 1983; S. 18

[57]"Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie", Microsoft Corporation 1993-1997; Stichwort "Kannibalismus"

[58]ebenda

[59]ebenda

[60]VIERECKE, Andreas: "Ödipuskomplex"; Artikel in MICROSOFT (Hrsg.): "Encarta 98 Enzyklopädie"; Microsoft Corporation 1993-1997

[61]SILVER, Nicky: "Fette Männer im Rock"; in "Theater heute" (Zeitschrift), Ausgabe 3/1997; Seite 38, linke Spalte

[62]ebenda

[63]ebenda, Seite 42, linke Spalte

[64]ebenda, Seite 38, linke Spalte

[65]ebenda, Seite 40, linke Spalte

[66]ebenda, Seite 38, linke Spalte

[67]ebenda

[68]ebenda, Seite 49, rechte Spalte

25 von 25 Seiten

Details

Titel
Das Theaterstück "Fat Men in Skirts" ("Fette Männer im Rock") von Nicky Silver
Autor
Jahr
1997
Seiten
25
Katalognummer
V96013
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theaterstück, Skirts, Fette, Männer, Rock, Nicky, Silver
Arbeit zitieren
Kirk (Autor), 1997, Das Theaterstück "Fat Men in Skirts" ("Fette Männer im Rock") von Nicky Silver, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96013

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