In dieser Arbeit soll erörtert werden, inwiefern sich der Zerfall der Sowjetunion auf die Lebensbedingungen der russischen Bevölkerung ausgewirkt hat. Ferner soll herausgearbeitet werden, wie und warum die im heutigen Russland etablierte Sowjetnostalgie politisch instrumentalisiert und durch die Konstruktion eines spezifischen Geschichtsbilds aktiv gefördert wird.
Der „Zerfall der Sowjetunion“ wird in dieser Arbeit als Transformation eines politischen und wirtschaftlichen Systems, ausgehend von Kommunismus und Planwirtschaft hin zu Demokratie und Marktwirtschaft aufgefasst. Diese Transformation wird als Prozess beschrieben und auf wirtschaftliche, militärische und gesellschaftspolitische Ursachen in Verbindung mit Glasnost und Perestroika zurückgeführt. Hierbei kann diese Arbeit aus Ressourcengründen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.
Um auf die Lebensbedingungen der Bevölkerung einzugehen, wird die Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, die 1990er Jahre, genauer charakterisiert. Dabei soll vor allem ersichtlich werden, dass die Privatisierung von Staatseigentum im Geiste der freien Marktwirtschaft nicht zu steigendem Wohlstand für Alle führte, sondern ein elitärer Kreis aus Großunternehmern mit politischen Verbindungen (Oligarchen) und ausländischen Kapitalgebern fortan die wirtschaftlichen und politischen Geschicke der einstigen Supermacht steuerten und die daraus resultierende Ungleichheit im Land rasant anstieg. Hierfür werden statistische Daten zur globalen Ungleichverteilung der letzten Jahrzehnte herangezogen und mit den Aussagen eines Fachartikels zusammengeführt.
Die herrschende Sowjetnostalgie wird aus Umfragewerten entnommen und anhand des Beispiels der veränderten öffentlichen Wahrnehmung und Positionierung Stalins erklärt. Der aktuell hervortretende positive Stalin Diskurs lässt ersichtlich werden, dass sich das moderne Russland auf imperiale Größe rückbesinnt. Die Annexion der Halbinsel Krim, der Krieg in der Ostukraine sowie die Rolle im Syrien Krieg untermalen diese Tendenzen. Ferner soll gezeigt werden, wie das fördern bestimmter Geschichtsbilder und Stereotype als Strategie zur Legitimation und Vertiefung gegenwärtiger politischer Systeme und Machtansprüche genutzt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Ursachen für den Zerfall der Sowjetunion.
1.1. Wirtschaftliche Ursachen
1.2.Gesellschaftspolitische Ursachen
2. Folgen des Zerfalls der Sowjetunion
3. Putin und Sowjetnostalgie
4.Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen und Folgen des Zerfalls der Sowjetunion sowie die politische Instrumentalisierung von Sowjetnostalgie im heutigen Russland unter Wladimir Putin.
- Transformation des politischen und wirtschaftlichen Systems von 1985 bis 1991.
- Analyse wirtschaftlicher Fehlentwicklungen und gesellschaftlicher Umbrüche der 1990er Jahre.
- Untersuchung der Entstehung von Ungleichheit durch Privatisierungsprozesse.
- Aufarbeitung der politischen Konstruktion eines positiven Geschichtsbildes am Beispiel Stalin.
- Zusammenhang zwischen imperiale Machtansprüchen und hybrider Ideologiebildung.
Auszug aus dem Buch
1.2.Gesellschaftspolitische Ursachen
Das politische System der Sowjetunion war seit den 1930er Jahren das Selbe geblieben. Das Verhältnis zwischen Herrschaftssystem und Gesellschaft hatte sich jedoch verändert. Die Gesellschaft war aus dem Kriegstrauma erwacht und das äußere Feindbild konnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Eine Fülle von alten und neuen Interessengruppen, Schichten und Organisationen entstand und forderte Selbsttätigkeit und Mitsprache. Die Gesellschaft emanzipierte sich von der Diktatur. Besonders hervorzuheben ist, dass die politische Führung unter Gorbatschow, im Gegensatz zu früheren Zeitpunkten, nicht mehr bereit zur Durchsetzung der Diktatur uneingeschränkt Gewalt und Massenterror einzusetzen. Mit Gorbatschow sind die beiden Begriffe Glasnost und Perestroika verbunden. Sie stehen für seine Bemühungen, den Kommunismus zu erhalten und politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Reformen durchzuführen.
In einer Rede am 27. Januar 1987 erläutert Gorbatschow der Parteiführung der KPdSU seine Vorstellung von geplanten Reformen: „Der Hauptgedanke unserer Strategie ist, die Errungenschaften der wissenschaftlich-technischen Revolution mit der Planwirtschaft zu verbinden und das gesamte Potenzial des Sozialismus zu mobilisieren. Die Perestroika [Umgestaltung] – das ist das sich stützen auf das lebendige Schöpfertum der Massen, das ist die allseitige Entwicklung der Demokratie und der sozialistischen Selbstständigkeit, die Stärkung der Disziplin und der Ordnung, die Erweiterung der Glasnost [Offenheit], Kritik und Selbstkritik in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens; das ist ein Höchstmaß an Achtung der Werte und Würde der Persönlichkeit.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Forschungsfrage hinsichtlich der Auswirkungen des Sowjet-Zerfalls auf die russische Lebenswelt sowie der politischen Nutzung von Nostalgie.
1. Ursachen für den Zerfall der Sowjetunion.: Erläuterung der systemischen Transformation ausgehend vom Amtsantritt Gorbatschows bis zur Auflösung des Staates.
1.1. Wirtschaftliche Ursachen: Analyse der BIP-Schwäche, der technologischen Rückständigkeit und der Belastung durch das Wettrüsten.
1.2.Gesellschaftspolitische Ursachen: Darstellung der Reformpolitik durch Glasnost und Perestroika sowie des Wandels im Verhältnis zwischen Führung und Gesellschaft.
2. Folgen des Zerfalls der Sowjetunion: Untersuchung der sozioökonomischen Auswirkungen, insbesondere der steigenden Ungleichheit und der Privatisierung staatlicher Güter in den 1990er Jahren.
3. Putin und Sowjetnostalgie: Erörterung der politischen Strategie, durch Geschichtsrevisionismus und die Aufwertung Stalins Legitimität für imperiale Ansprüche zu schaffen.
4.Zusammenfassung: Fazit über den multikausalen Zerfallsprozess und die heutige Deutungshoheit der russischen Führung.
Schlüsselwörter
Sowjetunion, Zerfall, Gorbatschow, Jelzin, Putin, Perestroika, Glasnost, Marktwirtschaft, Oligarchen, Sowjetnostalgie, Stalin, Geopolitik, Privatisierung, Transformation, Ungleichheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Ursachen und die sozioökonomischen Folgen des Zerfalls der Sowjetunion sowie die Art und Weise, wie die heutige russische Führung unter Wladimir Putin diese Geschichte für gegenwärtige politische Ziele instrumentalisiert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Faktoren des Untergangs, die Privatisierungswellen der 1990er Jahre und die Wiederentdeckung imperialer Mythen durch die Förderung von Sowjetnostalgie.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird erörtert, wie sich der Zusammenbruch auf die Lebensbedingungen der russischen Bevölkerung auswirkte und warum die politische Führung im heutigen Russland ein spezifisches, nostalgisches Geschichtsbild konstruiert und fördert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systemtheoretische Perspektive auf die Transformation sowie eine Analyse von statistischen Wirtschaftsdaten und soziologischen Umfrageergebnissen zur Wahrnehmung historischer Akteure wie Stalin.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Gegenüberstellung der sowjetischen Planwirtschaft mit der folgenden Schocktherapie und Privatisierung sowie auf der Analyse der aktuellen russischen Identitätspolitik.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Die wesentlichen Begriffe sind Transformation, Sowjetnostalgie, Oligarchen, imperiale Größe und systemischer Wandel.
Welche Rolle spielte die Jelzin-Administration bei der Transformation?
Die Jelzin-Administration war maßgeblich für die Privatisierung des Staatseigentums verantwortlich, was laut Analyse zu einer massiven sozialen Ungleichheit und zum Aufstieg einer oligarchischen Elite führte.
Wie verändert sich die öffentliche Wahrnehmung Stalins?
Die Analyse zeigt eine deutliche Relativierung der stalinistischen Verbrechen und eine Zunahme positiver Darstellungen, was als Strategie der Regierung gedeutet wird, um Russland ein Gefühl der nationalen Stärke zurückzugeben.
- Arbeit zitieren
- Moritz Ebenführer (Autor:in), 2018, Der Zerfall der Sowjetunion und die Instrumentalisierung der Sowjetnostalgie. Die Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der russischen Bevölkerung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962220