Aktuelle Probleme moderner Ansätze zur Regionalentwicklung der insularen Kleinstaaten im karibischen Raum (vor allem Tourismus und Bodenbewirtschaftung)


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997
22 Seiten, Note: 1,0

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Inhalt

1 EINLEITUNG

2 MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN MODERNER ANSÄTZE ZUR REGIONALENTWICKLUNG DER INSULAREN KLEINSTAATEN IM KARIBISCHEN RAUM
2.1 Landwirtschaft auf den Kleinen Antillen
2.1.1 Plantagenwirtschaft
2.1.2 Kleinbäuerliche Subsitenzwirtschaft
2.2 Die Misere der Kleinbauern
2.3 Tourismus als Devisenbringer und Arbeitgeber in der Karibik
2.4 Gefahren für die Inselökonomien durch den Tourismus
2.5 Optimierter Tourismus als Grundlage optimaler Lebensbedingungen
2.5.1 Verbesserung des Bildungssektors
2.5.2 Tourismus als Ergänzung lokaler Ökonomie
2.5.3 Angepaßte touristische Entwicklung
2.5.4 Aufsplittung der Betriebsstrukturen und Bemühungen zur Verringerung der touristischen Saisonalität
2.5.5 Gemeinsames Marketing
2.5.6 Moderne landwirtschaftliche Betriebsformen und neue Märkte für die kleinbäuerliche Bevölkerung
2.6 Ausblick: Grenzen der Umsetzung

3 SCHLUßBEMERKUNG

4 LITERATUR

1 Einleitung

Die meisten Kleinstaaten des karibischen Raumes sind im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern begünstigt. Zwar leiden die Bewohner der Inselkette zwischen den beiden amerikanischen Kontinenten beinahe jährlich unter schweren Stürmen, einige Inseln müssen zudem mit der dauernden Bedrohung eines Vulkanausbruches oder Erdbebens leben, Bodenbedingungen und Klimaverhältnisse erweisen sich in der Karibik jedoch insgesamt als günstig, so daß es den Staaten nach ihrem Gang in die Unabhängigkeit gelungen ist, ein beachtliches Entwicklungsniveau zu erwirtschaften. In der Rangliste des Human Development Reports der UNDP sind die meisten Staaten dieser Region auf den besseren Plätzen zu finden. Die karibischen Inseln verfügen über eine hohe Lebenserwartung bei Geburt, eine befriedigende Alphabetisierungsrate und eine überdurchschnittliche reale Kaufkraft pro Kopf.1

Trotz allem müssen die Inselnationen des karibischen Raumes klar in die Kategorie der Entwicklungsländer eingestuft werden. Die Gründe für die Unterentwicklung sind vor allem im Abhängigkeitsverhältnis zum Ausland zu suchen. Die zumeist monokulturell ausgeprägten Inselökonomien zwingen den Staaten eine große Auslandsverschuldung geradezu auf. Die Selbstversorgungsfähigkeit verschlechtert sich zusehends. Auch der wichtige Devisenbringer Tourismus ist für die karibischen Inseln nicht unproblematisch. Zum einen ist er fest in der Hand internationaler Hotelketten, zum anderen sind bereits heute erhebliche Betten- Überkapazitäten erreicht, und ein weiterer Ausbau des Tourismus im bisherigen Stil bliebe für eine nachhaltige Entwicklung der Inseln nicht ohne Folgen.

Am Ende des 20. Jahrhunderts stehen die insularen Kleinstaaten der Karibik vor der Aufgabe, moderne Ansätze der Regionalentwicklung zu verwirklichen, um im kommenden Jahrtausend eine Steigerung des Entwicklungsniveaus vermelden und gleichzeitig die eigene Identität wahren zu können. Erste Versuche sind bereits unternommen worden. Die vorliegende Hausarbeit skizziert Möglichkeiten und Grenzen regionaler Entwicklungsansätze im karibischen Raum. Die zentrale Frage dabei lautet: Können diese Ansätze die insularen Kleinstaaten der Karibik aus ihrer Abhängigkeit von den Industrienationen führen?

Ausgeklammert werden die Staaten der Großen Antillen und die Bahamas, da hier zum Teil Faktoren auf die Regionalentwicklung einwirken, die in den insularen Kleinstaaten nicht anzutreffen sind. Das Augenmerk der Arbeit liegt auf den Kleinen Antillen. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Entwicklungsansätze für einen nachhaltigen Tourismus und zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion. Andere Aspekte, die für die Zukunft der karibischen Inseln zweifelsohne von großer Bedeutung sind (z.B. Katastrophenmanagment, Freihandelszonen etc.), müssen im vorgegebenen Rahmen der Hausarbeit ebenfalls ausgeklammert werden.

Zunächst wird eine Situationsanalyse der beiden wichtigen Wirtschaftsfaktoren Landwirtschaft und Tourismus durchgeführt und ihre aktuelle Problematik skizziert. Danach werden die aktuellen Entwicklungsansätze vorgestellt. In einem abschließenden Teil werden die Möglichkeiten und Grenzen der Regionalentwicklung im karibischen Raum diskutiert und in einem Ausblick bewertet.

2 Möglichkeiten und Grenzen moderner Ansätze zur Regionalentwicklung der insularen Kleinstaaten im karibischen Raum

Die naturräumliche Ausstattung der Karibik ist die Grundlage allen Wirtschaftens auf den Kleinen Antillen. Die Nachfrage nach tropischen Agrarprodukten in Europa begründete in den vergangenen Jahrhunderten einen Plantagengürtel auf den Inseln, der den Raum bis heute maßgeblich prägt. Weite Bereiche der ursprünglichen Vegetation sind im Laufe der Kolonialzeit der Plantagenwirtschaft gewichen.2 Trotzdem sind nicht nur Kulturpflanzen typisch für den karibischen Raum. Besonders Touristen besuchen die Karibik ihrer Naturschönheiten wegen. Beeindruckende Reliefunterschiede, Sandstrände, Korallenriffe und hervorragende Windbedingungen für den Wasser- bzw. Tauchsport locken sie auf die Kleinen Antillen. Während die Tourismusbranche folglich auf den Erhalt und die Wiederherstellung der natürlichen Flora und Fauna angewiesen ist, stehen dagegen oft die Interessen der Landbevölkerung, die ihren Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft bezieht und oft nicht einsieht, ihre gewohnte Lebensweise zu Gunsten ausländischer Touristen zu ändern.3 Moderne Ansätze zur Regionalentwicklung versuchen daher oft, einen Ausgleich zwischen "touristischen" und "landwirtschaftlichen" Interessen herzustellen und die beiden Wirtschaftszweige gemeinsam zu entwickeln und zu optimieren.

2.1 Landwirtschaft auf den Kleinen Antillen

Die Kleinen Antillen, auf denen die meisten Kleinstaaten des karibischen Raumes angesiedelt sind und die im Mittelpunkt der vorliegenden Hausarbeit stehen, lassen sich als Inselkette vulkanischen Ursprungs mit zum Teil großen Reliefunterschieden charakterisieren.4 Die Lage der Inseln in den Tropen inmitten der Wassermassen, deren Temperatur nicht unter 25 °C sinkt, und schließlich das Relief bestimmen das Klima der Inseln.5

Die Inselstaaten kennen keine großen Temperaturextreme, ein Temperaturminimum von 12 °C wird nirgends unterschritten. Die relative Luftfeuchtigkeit auf den Inseln ist groß. Die Verteilung des Niederschlages ist weitgehend vom Passat abhängig, der ganzjährig das Wetter Westindiens prägt. Vor allem auf den gebirgigen Inseln führt dies dazu, daß die Niederschlagsmenge stark vom Relief abhängig ist. Die luvseitigen Küsten empfangen hier deutlich mehr Niederschläge als die leeseitigen.6 Die Passat-Schönwetterlage erfährt häufig im Sommer eine Unterbrechung, wenn im Niederschlagsfeld schwerer Hurrikane große Niederschlagsmengen niedergehen können.

Zusammenfassend betrachtet, läßt sich das Klima der Kleinen Antillen als wechselfeuchtes Tropenklima auf den Luv-Seiten und als tropisch-sommerhumides Feuchtklima auf den Lee- Seiten beschreiben, wenn auch die klimatischen Faktoren von Insel zu Insel unterschiedlich stark einwirken und auch auf den Inseln je nach Höhen- und Expositionslage zu unterscheiden sind.7

Bereits die Kolonialherren aus Europa (v.a. Großbritannien und Frankreich) erkannten früh diese günstigen Bedingungen für die Landwirtschaft und bauten die Plantagenwirtschaft auf den Inseln im großen Stile auf. Heute gliedert sich die Landwirtschaft auf den Kleinen Antillen in zwei große Bereiche, die Plantagenwirtschaft und die kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft.

2.1.1 Plantagenwirtschaft

Während der Kolonialzeit waren die Kleinen Antillen für ihren monokulturell betriebenen Zuckerrohranbau bekannt. Erst in diesem Jahrhundert wurde das Zuckerrohr entweder durch die Einführung von Bananen, Kakao, Kaffee und Muskat diversifiziert oder aber allmählich durch andere Monokulturen abgelöst. Auf den Kleinen Antillen ersetzte die Banane das Zuckerrohr fast vollständig.

Nach der Produktionsstruktur herrscht für die Exportproduktion der Monokulturbetrieb vor. Nur vereinzelt wird Mischbau mit Kakao, Kaffe, Kokospalmen oder auch einjährigen Feldkulturen vorgenommen.8

Der Hauptteil der Bananenproduktion für den Export wird in Plantagenbetrieben mit über 20 Hektar Landfläche erbracht, obwohl diese nur etwa 3 bis 5 Prozent aller Betriebe ausmachen. Etwa 90 Prozent der karibischen Bananenproduktion ist für den Welthandel bestimmt.9 Die Besitzer der Plantagen kontrollieren trotz teilweise bestehender genossenschaftlicher Einrichtungen faktisch auch die Exportproduktion der Kleinbauern, da sie zumeist die gesamte Transportkette ab der Verpackungsstation beherrschen.

,,Mit der Erschließung der Bananenproduktion für den Weltmarkt wurde es für das empfindliche Produkt notwendig, moderne technische Einrichtungen in der Bananenwirtschaft zu schaffen, die eine Großproduktion in geschlossenen Anbaugebieten begünstigen (Plantagenproduktion) und einen reibungslosen Transport vom Erzeuger zum (überseeischen) Verbraucher erfordern." 10

Kleinbäuerliche Betriebe sind folglich von der Exportproduktion weitgehend ausgeschlossen. Nur in Ausnahmefällen sind die großen Plantagenbesitzer auch Abnehmer kleiner Betriebe. In der Regel bestimmt die Selbstversorgung das Wirtschaften der karibischen Kleinbauern.

2.1.2 Kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft

Die Erwerbstätigkeit vieler Kariben gerade im Landesinneren ist nach dem Gang in die Unabhängigkeit und dem Ende der Sklaverei durch den subsistenzorientierten Ackerbau gekennzeichnet, der durch eine Reihe von Nebentätigkeiten ergänzt wird (etwa Fischerei, Herstellung von Gebrauchsgütern, Nachbarschaftshilfe etc.). Etwa 90 Prozent aller landwirtschaftlichen Familienbetriebe sind kleiner als ein Hektar.11

Die Landwirtschaft auf den Inseln des karibischen Raumes ist in etwa zu fünf bis vierzig Prozent an der Entstehung des Bruttoinlandsprodukts beteiligt. Allerdings liegt der Anteil der Beschäftigten durchweg höher. Dies gilt zwar nicht für die exportorientierte Plantagenwirtschaft, wohl aber für die auf klein- und kleinstbäuerlicher Basis aufbauende binnenmarktorientierte Landwirtschaft.12

Der Bedarf der Familie wird zumeist durch den Mischanbau von Mais, Hirse, Bohnen, Kaffee und Kakao gedeckt. Häufig werden die Erträge auch marginal als Handelsgüter zur Deckung des Geldbedarfs eingesetzt und zum Teil an Großhändler, zum Teil auf den ländlichen Märkten verkauft.13

Der bewirtschaftete Boden der karibischen Kleinbauern ist meistens ein gemeinsamer Landbesitz der Großfamilie, der als Family Land bezeichnet wird. Diese Family Lands spielen für die soziale Identität der Kariben eine große Rolle. Viele Kariben kehren im Alter nach jahrelangem Aufenthalt im Ausland auf den Landbesitz ihrer Familie zurück, um diesen zu bewirtschaften.14 Der Familienbesitz wird daher nicht verkauft, alle wesentlichen Entscheidungen trifft die Familie gemeinsam.

2.2 Die Misere der Kleinbauern

Franz Nuscheler sieht das entwicklungspolitische Kernproblem der Karibik in der sich verschärfenden Misere der Kleinbauern, die zusammen mit ihren Familien die große Bevölkerungsmehrheit der insularen Kleinstaaten ausmachen.15 Nuscheler zu Folge ist die Dauerkrise der Kleinbauern zwar auch eine strukturelle Hypothek der kolonialen Plantagenökonomie und somit eine Folgeerscheinung von struktureller Abhängigkeit.16

Das Hauptproblem der Bauern liegt jedoch in der wirtschaftspolitischen Prioritätensetzung, die die Interessen der exportorientierten Plantagenbesitzer fördert, aber die Kleinbauern, die das versorgungspolitische Rückgrat der Inseln darstellen, vernachlässigt. Manfred Wöhlke kam bereits 1982 zu dem Schluß:

,,Während die exportorientierte Plantagenwirtschaft die besten Böden okkupiert,über die notwendige technische Ausstattung verfügt, Zugang zu Krediten, Märkten und staatlichen Förderungen hat, gilt für die binnenmarktorientierte kleinbäuerliche Produktion tendenziell das Gegenteil." 17

Die Armut der Kleinbauern ist eine Folge der überaus ungleichen Landverteilung, die als Hinterlassenschaft der Kolonialherren verzeichnet werden muß. Der Landbevölkerung wird durch den Vorrang der exportorientierten Plantagenindustrie die Chance genommen, ein existenzsicherndes Einkommen zu erwirtschaften. Zwar entfliehen zahlreiche Kariben der Arbeitslosigkeit, indem sie ihre Heimat verlassen und in den Industrienationen (vor allem den USA) nach Arbeit suchen, das strukturelle Problem der Arbeitslosigkeit und Armut der Landbevölkerung konnte jedoch auch nicht durch die hohen Migrationsraten eingedämmt werden.18 Ein großer Hoffnungsträger für die Landbevölkerung ist seit Anfang der 60er Jahre der Tourismus.

2.3 Tourismus als Devisenbringer und Arbeitgeber in der Karibik

Als die zivile Luftfahrt die Möglichkeit eröffnete, die Kleinen Antillen für den Massentourismus zu erschließen, waren die Politiker und Ökonomen der Industrie- und Entwicklungsländer optimistisch, daß die touristische Entwicklung den ehemaligen Kolonien den Weg aus der Abhängigkeit weisen würde. Lothar Nettekoven war etwa 1969 von den Möglichkeiten des Tourismus für die Entwicklungshilfe geradezu hingerissen:

,,Der Tourismus ist eine der elegantesten Formen der Entwicklungshilfe, können doch die Mitglieder der Industrienationen aktiv und persönlich während ihrer Ferienzeit durch ihr eigenes Vergnügen, durch die Ü bertragung ihres Wohlstandes monetäre und soziale Hilfe zur Entwicklung leisten. [ ... ] Sie ist die einzige Form der Entwicklungshilfe, bei der den Entwicklungshelfenden die ,,Zinsen" sofort und unübertragbar in Form von Erholung durch Vergnügen vergütet werden." 19

In der Tat investierten immer mehr größere Konzerne und Gesellschaften in die Tourismusbranche der Karibik. Zwischen 1970 und 1989 wuchs der Tourismus in der Karibik durchschnittlich jährlich um rund fünf Prozent.20 Auch in den 90er Jahren hielt dieser Trend ungebrochen an. Die Gründe für das starke Wachstum des Fremdenverkehrs sind vor allem auf die guten ökonomischen Bedingungen in Nordamerika (ca. 60 Prozent der Touristen kommen aus den USA), auf ein stark verbessertes Marketing, die Promotion der Reiseveranstalter und auf die weitgehend stabilen politischen Bedingungen auf den Inseln zurückzuführen.21

Als von der Umwelt abhängiger Wirtschaftszweig begegnen dem Tourismus auf den karibischen Inseln günstige Voraussetzungen, die durch die exotisch anmutende Kulturlandschaft noch verstärkt werden.

Von wesentlicher Bedeutung für die karibische Tourismusbranche ist die Hotelerie. Mehr als 75 Prozent der Beherbergungskapazitäten sind in Hotelanlagen untergebracht.22 Im gesamten karibischen Raum gehören zwar rund 50 Prozent der touristischen Herbergen Einheimischen, seit den 90er Jahren steigt die Zahl der international finanzierten ,,all inclusive resorts" jedoch kontinuierlich an.

,,Diese Hoteltypen, wie z.B. Club Mediterran é e und Couples, bevorzugen oftmals periphere Standorte, da sie durch ihre Unternehmensphilosophie nicht auf die Versorgungsstruktur der Inseln und eine zentrale Lage angewiesen sind." 23

Diese Hoteltypen befinden sich fast ausschließlich in ausländischer Hand. Gleiches gilt für den seit den 80er Jahren wieder expandierenden Kreuzfahrttourismus. In den Staaten des karibischen Raumes stieg die Zahl der Passagiere von Kreuzfahrttouristen von rund vier Millionen 1980 auf über neun Millionen 1993. Weltweit ist die Karibik heute das meistbereiste Kreuzfahrtrevier.24

Der von den Entwicklungshelfern angestrebte Effekt der Beschäftigung Einheimischer wurde erreicht, auch ist der Tourismus zum wichtigsten Devisenbringer der karibischen Staaten geworden. Allerdings ist die Entwicklung des Tourismus in der Karibik bei weitem nicht als optimal zu bezeichnen. Zahlreiche Effekte haben sich für die Inselökonomien als eher schädlich entpuppt.

2.4 Gefahren für die Inselökonomien durch den Tourismus

Die große Bedeutung, die der Tourismus auf den insularen Kleinstaaten des karibischen Raumes eingenommen hat, ist für die Inselökonomien, deren Nationaleinkommen sich teilweise zu 70 Prozent aus dem Tourismus hervorgeht, nicht unproblematisch. So sind etwa folgenden Aspekte zu bedenken:

Besonders in den Kleinstaaten der Karibik, die in ständiger Bedrohung durch Naturkatastrophen (Vulkanausbrüche, Erdbeben, Hurrikane) leben, ist der Tourismus eine sehr unsichere Einkommensquelle.

,,Die Hurrikane Gilbert (1988), Hugo (1989) und Andrew (1992) zeigen die verheerende Wirkung solcher Naturereignisse: Die Versorgung mit Elektrizität und Trinkwasser wurde unterbrochen, Küstengebiete mußten evakuiert, Seeund Flughäfen geschlossen, Kreuzfahrtschiffe umdirigiert werden." 25

Auch der Wechsel touristischer Präferenzen kann die gesamte Wirtschaft eines Inselstaates in Mitleidenschaft ziehen. Zudem ist der Tourismus anfällig für Rezessionen in den Industrieländern. Es besteht also eine direkte Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung anderer Staaten. Politisches Umdenken dort - wie etwa eine in der Bundesrepublik Deutschland von Bündnis90/Grünen geforderte Besteuerung von Flugbenzin - schließt eine planbare Stabilität des Tourismussektors aus.

Außerdem hat es sich in den zurückliegenden Jahren erwiesen, daß die touristischen Einrichtungen in aller Regel in ausländischer Hand sind, was dazu führt, daß Reinvestitions- bzw. Gewinntransferentscheidungen ins Ausland verlagert werden.26 Da sich die karibischen Kleinstaaten zusätzlich in einer Konkurrenz im Tourismus-Sektor befinden, werden zahlreiche Maßnahmen ergriffen, die zwar kurz- bzw. mittelfristig ein Ansteigen der Touristenzahlen bewirken, die sich jedoch langfristig als sozial wie ökologisch unangemessen entpuppen. Eine großräumige Zerstörung der Umwelt ist oft die Folge. Auch bei der Frage nach den ,,economic benefits" zeigt sich, daß der touristische Sektor aus der nationalen Wirtschaft weitgehend desintegriert ist und sich am Import orientiert. Im Inland entsteht durch den Tourismus - wenn überhaupt - nur eine begrenzte Nachfrage, gleichzeitig wird die Zahlungsbilanz stark belastet, was bis zu dem Extrem führen kann, daß selbst Fruchtsäfte und Zahnstocher teuer aus den Industrieländern importiert werden. Dies hängt damit zusammen, daß der Tourismus - gerade in der Luxus- und gehobenen Klasse, die in der Karibik vorwiegend angesiedelt sind - zu einem internationalen Preisniveau führt, das schließlich für eine ganze Reihe von Gütern und Dienstleistungen gesamtgesellschaftlich verbindlich wird und dem mittleren lokalen Einkommensniveau in keiner Weise angemessen ist.27

Der touristische Sektor führt häufig zu einem Abzug von Kapital und Arbeitskräften aus produktiven Sektoren und bindet damit Ressourcen, die aus entwicklungspolitischer Sicht besser eingesetzt werden könnten.

Eine weitere große Gefahr, die vom Tourismus als wichtigste Einkommensquelle der karibischen Kleinstaaten ausgeht, sind seine negativen Effekte auf die soziokulturelle Entwicklung der Inseln. Der Tourismus produziert eine kulturelle Überfremdung und lenkt durch einen Demonstrationseffekt - Touristen leben im ständigen Luxus - die Nachfrage der einheimischen Bevölkerung auf gehobene Konsumgüter, die wiederum aus dem Ausland importiert werden müssen.28

Bereits 1973 stellte Robert Moss fest:

,,On an island the size of Antigua, in contrast, the presence of a single cruise ship can totally transform the life of the main town. [...] On smaller islands, the tourist influx is inescapeable - and yet in many cases, it is vital to the economy, whatever feelings of jealousy or racial bitterness are fulled by the sight of affluent Americans `living it up'." 29

Dieser Entwicklungstrend hat sich bis heute weiter verstärkt. Bettelei, Prostitution und Kriminalität werden begünstigt. Die schönsten Landesregionen werden vom touristischen Sektor monopolisiert und sind für die einheimische Bevölkerung schwer zugänglich, was zu Problemen mit der kulturellen und nationalen Identität führen kann, denn schließlich stellen die Touristen in vielen karibischen Kleinstaaten einen nicht unerheblichen - wenn auch ständig wechselnden - Teil der ,,Bevölkerung" dar.30

2.5 Optimierter Tourismus als Grundlage optimaler Lebensbedingungen

Der Tourismus auf den Kleinen Antillen kann folglich nicht als uneingeschränktes Vorbild für andere Entwicklungsländer gelten. Zu groß sind die Interessengegensätze der beteiligten Parteien. Die Kontrolle und Steuerung der Entwicklung durch die nationalen Behörden ist nicht ausreichend, die Beteiligung der kleinbäuerlichen Bevölkerung, die den Großteil der Kariben ausmacht, ist nur sehr gering. Es ist die Frage zu stellen, welche Form der Tourismusentwicklung als erstrebenswert zu betrachten ist und ob es den insularen Kleinstaaten überhaupt möglich ist, den Tourismus aus eigener Kraft, unabhängig von ausländischen Investoren, betreiben zu können. Außerdem gilt es zu erkunden, ob durch moderne Ansätze der Regionalentwicklung im Bereich des Tourismus und der Landwirtschaft die Misere der ländlichen Bevölkerung beendet werden kann. Im folgenden werden Ansätze zur Regionalentwicklung vorgestellt, die auf eine Verbesserung der Inselökonomien abzielen und die beiden Wirtschaftszweige Landwirtschaft und Tourismus aufeinander abstimmen.

2.5.1 Verbesserung des Bildungssektors

Die Basis aller Entwicklungsbemühungen im karibischen Raum stellt die Verbesserung des Bildungssystems dar. Ansätze, die der Bevölkerung von außen oktroyiert werden, sind auf den Kleinen Antillen in aller Regel zum Scheitern verurteilt, stammen jene doch zumeist aus den Industrieländern, die die jahrhundertelange Sklaverei der heutigen Bevölkerung zu verantworten haben. Die Freiheit des Individuums ist in der Karibik heute ein beinahe unantastbares Grundrecht.

Alle modernen Ansätze zur Regionalentwicklung - seien es solche zur Optimierung des Tourismus-Zweiges oder solche zur Einführung moderner landwirtschaftlicher Techniken - müssen folglich von einheimischen Meinungsführern (opinion leader), die eine enge soziale Beziehung zur Bevölkerung haben und von dieser respektiert werden, eingeführt und umgesetzt werden.31

Auch müssen die insularen Kleinstaaten ihre Anstrengungen intensivieren, hochrangige und gut bezahlte Arbeitsplätze für die einheimische Bevölkerung zu öffnen. Im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern betrachtet, ist das Bildungssystem der karibischen Staaten nämlich oftmals als respektabel einzustufen. Das große Problem der Kleinstaaten besteht jedoch darin, daß die intellektuelle Elite häufig die Inseln verläßt, um in den Industrienationen entsprechende Anstellungen zu suchen. Es besteht der Effekt des Brain Drain.32

Eine Verbesserung des Bildungssystems könnte wesentlich zu einer besseren Abstimmung von Tourismus und Landwirtschaft im karibischen Raum beitragen, da die Besetzung qualifizierter Stellen durch Einheimische zur Integration der Tourismusbranche beitragen würde. Auch die ländliche Bevölkerung könnte besser auf das Wesen und die Auswirkungen des Tourismus vorbereitet werden.

Erste Ansätze zur Verbesserung des Bildungssektors sind getan. Die Schulung von Führungskräften mit fundierten Managementkentnissen für den Tourismus-betrieb und qualifizierten Ingenieuren und Agrarökonomen für die landwirtschaftliche Entwicklung ist allerdings in nicht ausreichendem Maße durchgesetzt. Vielen Staaten ist es alleine schon wegen ihrer niedrigen Einwohnerzahl nicht möglich, Hochschulen zu betreiben; sie werden auch in Zukunft darauf angewiesen sein, ihre intellektuelle Elite in den Industrieländern ausbilden zu lassen. Adrian Bürgi weist in diesem Zusammenhang auf eine wichtige Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit hin:

,,Nicht nur dem Staat kommt die Aufgabe zu, Ausbildungsmöglichkeiten dieser Art [Schulung von Managementkräften; M.F.] zu schaffen, auch für die Industrieländer besteht in diesem Bereich die Chance, durch ,,Technical Assistance" und der Schaffung von Schulungs- und Ausbildungsmöglichkeiten sinnvolle Entwicklungszusammenarbeit, die sich auf die Vermittlung von ,,Know-how" begrenzt, zu leisten." 33

2.5.2 Tourismus als Ergänzung lokaler Ökonomie

Auf einigen Inseln des karibischen Raumes hat die Tourismusbranche die kleinbäuerliche Landwirtschaft weitgehend zusammenbrechen lassen. Die ehemaligen Bauern arbeiten heute direkt oder indirekt für die Touristen. Eine Selbstversorgung der Inseln ist nicht gewährleistet.34 Die Volkswirtschaft begibt sich mehr und mehr in die Abhängigkeit von ausländischen Investoren. Touristische Monostrukturen erzeugen zahlreiche Probleme mit der oft unzureichend ausgebauten Infrastruktur, Arbeitskraftwanderungen und der Rohstoffversorgung.

Es ist grundsätzlich kritisch zu beurteilen, wenn sich nationale Ökonomien an touristischen Monostrukturen ausrichten. Für den karibischen Raum bedeutet das, daß diese Monostrukturen zurückgedrängt werden müssen. Der Tourismus muß die lokale Ökonomie ergänzen, er darf sie nicht zerstören.

Eine solche Ergänzung der Ökonomie ist auf einigen insularen Kleinstaaten mit niedrigem touristischen Entwicklungsstand durchaus noch umzusetzen. So fordern etwa Bürgi und Momsen übereinstimmend für Dominica, die Insel solle beim Aufbau des Tourismus dazu tendieren, eine Hotelerie zu fördern, die sich hauptsächlich auf kleine und mittlere Unternehmen stützt und vollständig in lokalem Besitz steht, da somit die Beziehungsverflechtungen mit der lokalen Ökonomie, besonders der kleinbäuerlichen Landbevölkerung als Nahrungsmittellieferanten, maximiert werden könnten.35

2.5.3 Angepaßte touristische Entwicklung

Die Tourismusentwicklung hat auf den Kleinen Antillen das Phänomen erzeugt, daß sich touristische Anlagen zumeist an bestimmten, besonders geeigneten Inselregionen (oft die dem Wind abgewandte Westküste) konzentriert haben und dort große infrastrukturelle Probleme erzeugen. Die Wasserversorgung und Abfallentsorgung ist häufig nicht auf den Massentourismus angelegt, oft fehlen geeignete Flughäfen, Straßen und Anlegestellen für die stetig größer konstruierten Kreuzfahrtschiffe. Nachhaltige Zerstörungen der Umwelt sind die Folge. Die intakte Natur als wichtigste Voraussetzung für einen florierenden Tourismus ist in Gefahr. Moderne Ansätze zur Regionalentwicklung schlagen daher neue Wege im Umgang mit der natürlichen Ausstattung der Inseln vor. Beate Ratter fordert beispielsweise die Ökologisierung der Ökonomie.36

Dies bedeutet nicht etwa, daß infrastrukturelle Verbesserungen künftig nicht mehr vorgenommen werden sollen, im Gegenteil: An vielen Stellen muß sogar weiter investiert werden, um eine befriedigende Abwicklung des Massentourismus leisten zu können.37 Das ökologisierte Tourismuskonzept setzt vielmehr auf eine Verpflichtung der Hotelerie zu einem nachhaltigen Tourismus. So soll den Hotelbetrieben die Verantwortung für die naturräumliche Ausstattung übertragen werden. Damit würde laut Ratter zum einen eine nachhaltige Entwicklung gewährleistet, zum anderen könnte die Tourismusbranche gerade aus ihrer Verpflichtung zu ökologisch sinnvollen Betriebsformen Kapital schlagen:

,,The introduction of concepts to privatise common property and the application of the polluter pays principle can contribute to an ecologically more sound behaviour on the islands. For example the `adopt a coral reef' idea could be one way of involvong money-making hotels in the resource protection strategy." 38

Eine angepaßte touristische Entwicklung setzt darüber hinaus auch eine inselweite Koordinierung von Schulungsmaßnahmen des Hotelpersonals und der Nahrungsmittelbelieferung voraus. Zudem gilt es, die jährliche Verteilung der Touristen zu berücksichtigen und in die Gesamtplanung mit einzubeziehen.39

2.5.4 Aufsplittung der Betriebsstrukturen und Bemühungen zur Verringerung der touristischen Saisonalität

Für den Tourismus auf den Kleinen Antillen erweist sich eine monotone Betriebsstruktur als besonders gefährlich. Da der Tourismus - wie aufgezeigt - anfällig für Entwicklungen wie ökonomische Krisen oder touristische Präferenzverschiebungen in den Industrienationen ist, befinden sich die Kleinen Antillen in einer großen Abhängigkeit.

Sie müssen daher versuchen, ihre Betriebsstruktur weitestgehend zu diversifizieren, um sich in ihrer Abhängigkeit nicht auch noch auf bestimmte Zielgruppen zu spezialisieren. Das heißt für Staaten mit gut ausgebauter Infrastruktur, daß neben unterschiedlichen Betriebsformen und -größen auch verschiedene Besitz- und Organisationsstrukturen gefördert werden sollten.40

Auch das Angebot gilt es zu erweitern, um möglichst viele touristische Zielgruppen auf die Kleinen Antillen zu locken. Wichtig dabei ist vor allem, daß die insularen Kleinstaaten versuchen, die Besucherzahlen kontinuierlich über das Jahr zu verteilen. Wie viele Touristenzentren leiden auch die Kleinen Antillen darunter, daß Urlauber ihre Ferien zu bestimmten Jahreszeiten antreten. Das führt in der Karibik dazu, daß Hotels zum Teil über Monate kaum oder gar nicht frequentiert sind. Langfristige, fest planbare Beschäftigungsverhältnisse sind in der Fremdenverkehrsbranche der Karibik gerade für die unteren Einkommensklassen kaum zu besetzen.

,,Obwohl sich in den letzten Jahren durch das verstärkte Promoting in Europa die Saisonalität verringert hat, müssen die touristischen Entscheidungsträger weiterhin auf eine Verringerung der Saisonalität des Tourismus hinarbeiten, um die Arbeitsverhältnisse zu stabilisieren." 41

2.5.5 Gemeinsames Marketing

Zukunftsorientierte Fremdenverkehrsprogramme für den karibischen Raum müssen flexibel auf veränderte Präferenzen der Touristen eingehen können.

Scharrer und Haas haben für die 90er Jahre in der Karibik einen Trend festgestellt, der weg vom traditionellen Massentourismus hin zu einer differenzierten Marktbearbeitung geht.42 So bieten die Tourismusbetriebe der Kleinen Antillen neue Serviceleistungen wie etwa IslandHopping, Tauch- und Golftourismus. Diese Entwicklung ist aus den oben angeführten Gründen für die Tourismusbranche in der Karibik erforderlich, um langfristig nicht den Anschluß an die internationalen Fremdenverkehrsmärkte zu verlieren.

Doch diese neuen Angebote müssen auch mit einem entsprechenden Marketing auf den internationalen Tourismusmarkt gebracht werden. Gerade kleine und mittlere Betriebe haben es häufig noch sehr schwer, ihr Angebot neben den großen ausländischen Betrieben in den Reisebüros Amerikas und Europas zu plazieren. Um eine übermäßige Konkurrenz der karibischen Kleinstaaten und den vielen kleinen Betrieben auf den insularen Kleinstaaten untereinander einzudämmen, empfehlen Wöhlke und Bürgi übereinstimmend gerade den kleinen Betrieben, ihr Marketing gemeinsam - eventuell sogar mit Hilfe der staatlichen Behörden - zu betreiben, um so die Kosten zu minimieren.43

,,Diese Praxis [gemeinsames Marketing mit staatlicher Hilfe; M.F.] ist an den großen Tourismusfachmessen bereits verbreitet. Für Kleinhotels wäre es jedoch auch wichtig, geschlossen gegenüber den Reiseveranstaltern der Industrieländer aufzutreten." 44

2.5.6 Moderne landwirtschaftliche Betriebsformen und neue Märkte für die kleinbäuerliche Bevölkerung

Für die kleinbäuerliche Landbevölkerung der Kleinen Antillen bedeutet die Tourismusbranche nur dann einen Vorteil, wenn sie in die Versorgung des Fremdenverkehrs mit Nahrungsmitteln einbezogen wird. Gerade in den großen ,,all inclusive"-Betrieben ist dies jedoch nicht der Fall, die Versorgung erfolgt weitgehend aus dem Ausland. Die Regierungen der Kleinstaaten setzen daher darauf, den Import von Nahrungsmitteln und anderen Produkten, die auf den Inseln hergestellt werden, zu regulieren und mit den Tourismusbetrieben Vereinbarungen zu treffen, die der kleinbäuerlichen Landbevölkerung neue Absatzmärkte garantieren. Auf ein bemerkenswertes Beispiel auf St. Nevis macht Momsen aufmerksam:

,,Nevis, where the first large resort opened recently, has taken similar steps: a task force of the Ministery of Agricultures regulates production and imports and acts as a negotiating agent between the farmers and the hotel. The task force offers the farmers a guaranteed market and in return demands produce of high quality." 45

Um eine solche Produktion qualitativ hochwertiger Nahrungsmittel sicherzustellen, ist allerdings auch ein Umdenken bei den Kleinbauern notwendig. Zum einen müssen sie ihr Angebot an der Nachfrage der Tourismusbranche orientieren.

Zum anderen müssen sie von modernen Produktionsmethoden und landwirtschaftlichen Techniken überzeugt werden, um das neben den häufigen Sturmschäden größte Problemen der karibischen Landwirtschaft, die Bodenerosion, bewältigen zu können. Gerade hier spielt die oben angeführte Forderung nach Verbesserungen im Bildungssektor eine große Rolle. McGregor und Potter führen hierfür ein Beispiel aus Jamaika an, das sie als Vorbild für die Kleinen Antillen betrachten:

,,Yet the fact remains that many rural farmers have an intimate knowledge of their environment, at present largley unexploited in a formal sense. For example the Maroon farmers (...) use indicator plants to assess soil status, use bat guano from nearby caves as a fertiliser, and use local plants for pest control." 46

Außerdem ist die Einführung des Wanderfeldbaus (shifting cultivation) erforderlich, um bereits mittelfristig bessere Ernten erzielen zu können. Eine weitere Möglichkeit zur Bekämpfung der Bodenerosion ist die Einbeziehung einer Wiederaufforstung der an den Berghängen gelegenen Felder (Agroforestry). Damit würde nicht nur die Bodenerosion bekämpft, auch Sturmschäden könnten durch den Schutz der Palmen zumindest eingedämmt werden.47

Allerdings sind diese Vorschlage für die kleinbäuerliche Bevölkerung nicht überzubewerten, besonders die Erträge der Felder an den Berghängen lassen sich nur bedingt steigern. Wichtigste Bestrebung muß weiterhin die Bindung der großen Touristenzentren an die einheimische Bevölkerung bleiben, um die Misere der Kleinbauern zu beenden.

2.6 Ausblick: Grenzen der Umsetzung

Die Realität auf den Kleinen Antillen beweist, daß die meisten Inseln weit von der Umsetzung der angeführten Ansätze zur Regionalentwicklung entfernt sind. Allzu oft wird nahezu vorbehaltlos das kopiert, was sich in den Industrienationen zwar kurzfristig als erfolgreich erwiesen hat, langfristig aber mit negativen Auswirkungen verhaftet ist.48 Die meisten der angeführten Ansätze zur Regionalentwicklung sind oft mit immensen Kosten verbunden - Kosten, die die Kleinen Antillen nicht aus dem eigenen Haushalt begleichen können. Besonders im Bereich der Landwirtschaft oder der Förderung des lokalen Tourismus und dessen Marketingmaßnahmen ist nicht davon auszugehen, daß den insularen Kleinstaaten große Fortschritte gelingen werden. Zu groß ist die Konkurrenz der ausländischen Tourismusunternehmen, als daß mit einem Wachstum des kleinen lokalen Fremdenverkehrs zu rechnen ist. Wichtigstes Ziel der Inselregierungen muß es sein, touristische Monostrukturen so gut wie möglich unter Kontrolle zu halten und den Fremdenverkehr eng mit der Binnenwirtschaft zu verzahnen.

Erste hoffnungsvolle Schritte sind bereits getan. Die zunehmende Sensibilität der Touristen hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung ihrer Ferienziele läßt die Umsetzung zumindest einiger der Ansätze für die Tourismusbranche erhoffen. Die größte Chance der insularen Kleinstaaten liegt jedoch in einer Stärkung des Bildungssektors. Durch eine verbesserte Aufklärung und die objektive Mithilfe in der Planung könnten die Industrieländer einen wichtigen Beitrag für eine gesunde und von der einheimischen Bevölkerung akzeptierte Wirtschaft leisten. Dieses Ziel erscheint realistisch und sollte vorrangig verfolgt werden.

3 Schlußbemerkung

Die Abhängigkeit vom Ausland ist ein wesentlicher Grund für die Unterentwicklung auf den Kleinen Antillen. Die Plantagenökonomien bleiben auch nach dem Ende der jahrhundertelangen Unterjochung lediglich Produktionsstätten für die Rohstoffbedürfnisse der Industrienationen. Der Tourismus hat sich - zunächst als Hoffnungsträger gefeiert - am Ende des Jahrhunderts ebenfalls als weitgehend vom Ausland kontrollierte Einnahmequelle entpuppt.

,,Seine Kritiker entdecken in ihm nicht grundlos eine neue Form des Kolonialismus, in dem sich weiße masters von schwarzen boys bedienen lassen." 49

Doch trotz der zum Teil großen Nachteile, die der Tourismus auf die Inseln gebracht hat, liegt in ihm weiterhin die Hoffnung der Kleinen Antillen, nachdem sich andere Ansätze zur Regionalentwicklung wie etwa die Enklavenindustrie oder auch Off-Shore-Finanzgeschäfte ebenfalls als Modelle mit zumindest fragwürdigen Resultaten erwiesen haben. Wie aufgezeigt liegen durchaus vielversprechende Ansätze zur modernen Regionalentwicklung vor. Doch können die aufgezeigten Modelle die Kleinstaaten der Karibik auch wirklich aus der Abhängigkeit von den reichen Industrienationen führen? Die Frage ist weitgehend zu verneinen. Grundsätzlich gilt: Die Fremdenverkehrsbranche lebt stets von den Touristen, die in aller Regel aus den Industrienationen kommen. Selbst wenn es gelingt, die kleinbäuerliche Bevölkerung durch eine Bindung der Hotelerie an die lokalen Nahrungsmittelproduktion an den positiven Effekten des Tourismus zu beteiligen - eine Abhängigkeit bleibt stets bestehen. Für die karibischen Inseln erweist es sich heute als besonders tragisch, daß die modernen Ansätze zur Regionalentwicklung oft zu spät entwickelt worden sind. Die Auslandsverschuldung der karibischen Staaten ist hoch. Für nachhaltige Investitionen fehlt es deshalb an Geld. Anstelle von einheimischen Unternehmen haben sich internationale Großkonzerne niedergelassen, denen selbst mit staatlicher Unterstützung kaum Konkurrenz angemeldet werden kann. Reinvestitions- und Planungsentscheidungen liegen im Ausland, die einheimische Bevölkerung bleibt nur allzu oft außen vor.

Der Stärkung des Bildungssektors ist für die Kleinen Antillen an der Schwelle zum kommenden Jahrhundert die größte Chance. Erst wenn die Manager der großen Touristenzentren auch in der Karibik geboren worden sind, erst wenn die Kariben mit qualifizierten, gut entlohnten Arbeitsplätzen am Profit des Tourismus beteiligt sind, werden die insularen Kleinstaaten in der Lage sein, sich aus der Abhängigkeit von den Industrienationen zumindest etwas zu entfernen. Der Weg dahin ist für die insularen Kleinstaaten des karibischen Raumes noch sehr weit, für viele von ihnen ungangbar und in jedem Fall äußerst steinig.

4 Literatur

_ Blume, Helmut: Die Westindischen Inseln. Braunschweig 1968.
_ Bürgi, Adrian: Arbeit durch Tourismus. Eine Feldstudie zur Auswirkung des Tourismus auf den Arbeitsmarkt in Entwicklungsländern am Beispiel der Karibik. Basel 1994. [Dissertation]
_ Fleischmann, Ulrich: Soziokulturelle Entwicklung des karibischen Raumes. Kollektivität und Individualisierung auf den Antillen. In: Rieger, Gerhard (Hrsg.): Die Karibik zwischen Souveränität und Abhängigkeit. Analysen und Berichte zu Jamaika, Haiti, St. Lucia, Guadeloupe-Martinique und der Dominikanischen Republik. Freiburg 1994. S. 15-24.
_ Haas, Hans-Dieter und Jochen Scharrer: Tourismus auf den Karibischen Inseln. Entwicklung, Struktur und Auswirkungen des internationalen Fremdenverkehrs. In: Geographische Rundschau 49 (1997). S. 644-650.
_ Heynoldt, Hans-Joachim: Die wirtschaftliche Bedeutung der Banane. In: Franke, Gunther (Hrsg.): Nutzpflanzen der Tropen und Subtropen. Bd. 2: Spezieller Pflanzenbau. Stuttgart 1994. S. 132-170.
_ McGregor, Duncan F.M. und Robert B. Potter: Environmental Change and Sustainability in the Caribbean: Terrestrial Perspectives. In: Ratter, Beate und Wolf Dietrich Sahr (Hrsg.): Land, Sea and Human Effort in the Caribbean. Hamburg 1997. S. 55-61.
_ Momsen, Janet: Linkages between tourism and agriculture in the caribbean. In: Ratter, Beate und Wolf Dietrich Sahr (Hrsg.): Land, Sea and Human Effort in the Caribbean. Hamburg 1997. S. 1-15.
_ Moss, Robert: The Stability of the Caribbean. London 1973.
_ Nettekoven, Lothar: Massentourismus aus der Industriegesellschaft in der Dritten Welt. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft Nr. 13. Köln 1969. S. 271-293.
_ Nuscheler, Franz: Struktur- und Entwicklungsprobleme der Karibik. In: Nohlen, Dieter und Franz Nuscheler (Hrsg.): Handbuch der Dritten Welt. Bd. 3: Mittelamerika und Karibik. 3. Aufl. Hamburg 1995. S. 278-313.
_ Ratter, Beate M.W.: Resource Management Changes in the Caribbean: The Eco- Eco-Approach. In: Dies. und Wolf-Dietrich Sahr (Hrsg.): Land, Sea and Human Effort in the Caribbean. Hamburg 1997. S. 17-30.
_ Sahr, Wolf-Dietrich: Die postmoderne Perspektive. Identität und Authenzität in der Ostkaribik. In: Rieger, Gerhard (Hrsg.): Die Karibik zwischen Souveränität und Abhängigkeit. Analysen und Berichte zu Jamaika, Haiti, St. Lucia, Guadeloupe- Martinique und der Dominikanischen Republik. Freiburg 1994. S. 25-34.
_ Vorlaufer, Karl: Tourismus in Entwicklungsländern. Möglichkeiten und Grenzen einer nachhaltigen Entwicklung durch Fremdenverkehr. Darmstadt 1996.
_ Watts, David: The West Indies: Patterns of Development, Culture and Enviornmental Change since 1492. Cambridge 1987.
_ Weyl, Richard: Geologie der Antillen. Beiträge zur regionalen Geologie der Erde. Berlin 1966.
_ Wöhlke, Manfred: Die Karibik im Konflikt entwicklungspolitischer und hegemonialer Interessen. Sozio-ökonomische Struktur, politischer Wandel und Stabilitätsprobleme. Baden-Baden 1982.

[...]


1 Vgl. Nuscheler, Franz: Struktur- und Entwicklungsprobleme der Karibik. In: Nohlen, Dieter und Franz Nuscheler (Hrsg.): Handbuch der Dritten Welt. Bd. 3: Mittelamerika und Karibik. 3. Aufl. Hamburg 1995. S. 278-313, hier: S. 288f.

2 Vgl. Blume, Helmut: Die Westindischen Inseln. Braunschweig 1968. S. 58.

3 Vgl. Haas, Hans-Dieter und Jochen Scharrer: Tourismus auf den Karibischen Inseln. Entwicklung, Struktur und Auswirkungen des internationalen Fremdenverkehrs. In Geographische Rundschau 49 (1997). S. 644-650, hier: S. 650.

4 Vgl. Weyl, Richard: Geologie der Antillen. Beiträge zur regionalen Geologie der Erde. Berlin 1966. S. 186.

5 Vgl. Blume, Helmut: a.a.O. S. 27.

6 Vgl. Watts, David: The West Indies: Patterns of Development, Culture and Enviornmental Change since 1492. Cambridge 1987. S. 13-17.

7 Vgl. Blume, Helmut: a.a.O. S. 29f.

8 Vgl. Nuscheler, Franz: a.a.O. S. 281.

9 Vgl. Heynoldt, Hans-Joachim: Die wirtschaftliche Bedeutung der Banane. In: Franke, Gunther (Hrsg.): Nutzpflanzen der Tropen und Subtropen. Bd. 2: Spezieller Pflanzenbau. Stuttgart 1994. S. 132-170, hier: S. 141.

10 Ebd. S. 140.

11 Vgl. Fleischmann, Ulrich: Soziokulturelle Entwicklung des karibischen Raumes. Kollektivität und Individualisierung auf den Antillen. In: Rieger, Gerhard (Hrsg.): Die Karibik zwischen Souveränität und Abhängigkeit. Analysen und Berichte zu Jamaika, Haiti, St. Lucia, Guadeloupe-Martinique und der Dominikanischen Republik. Freiburg 1994. S. 15- 24, hier: S. 18.

12 Vgl. Wöhlke, Manfred: Die Karibik im Konflikt entwicklungspolitischer und hegemonialer Interessen. Sozio-ökonomische Struktur, politischer Wandel und Stabilitätsprobleme. Baden-Baden 1982. S. 25.

13 Vgl. Fleischmann, Ulrich: a.a.O. S. 18.

14 Vgl. Sahr, Wolf-Dietrich: Die postmoderne Perspektive. Identität und Authentizität in der Ostkaribik. In: Rieger, Gerhard: Die Karibik zwischen Souveränität und Abhängigkeit. Analysen und Berichte zu Jamaika, Haiti, St. Lucia, Guadeloupe-Martinique und der Dominikanischen Republik. Freiburg 1994. S. 25-34, hier: S. 32.

15 Vgl. Nuscheler, Franz: a.a.O. S. 292.

16 Vgl. ebd. S. 292.

17 Wöhlke, Manfred: a.a.O. S. 25.

18 Vgl. ebd. S. 24.

19 Nettekoven, Lothar: Massentourismus aus der Industriegesellschaft in der Dritten Welt. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft Nr. 13. Köln 1969. S. 271-293, hier: S. 272f.

20 Vgl. Bürgi, Adrian: Arbeit durch Tourismus. Eine Feldstudie zur Auswirkung des Tourismus auf den Arbeitsmarkt in Entwicklungsländern am Beispiel der Karibik. Basel 1994. S. 43. [Dissertation]

21 Vgl. ebd. 42.

22 Zu den statistischen Angaben des Beherbergungsangebotes vgl. ausführlich: Sahr, WolfDietrich und Jochen Scharrer: a.a.O. S. 647f.

23 ebd. S. 648.

24 Vgl. Bürgi, Adrian: a.a.O. S. 50.

25 Haas, Hans-Dieter und Jochen Scharrer: a.a.O. S. 644.

26 Vgl. Wöhlke, Manfred: a.a.O. S. 27.

27 Vgl. Vorlaufer, Karl: Tourismus in Entwicklungsländern. Möglichkeiten und Grenzen einer nachhaltigen Entwicklung durch Fremdenverkehr. Darmstadt 1996. S. 174.

28 Vgl. Momsen, Janet: Linkages between tourism and agriculture in the Caribbean. In: Ratter, Beate und Wolf Dietrich Sahr (Hrsg.): Land, Sea and Human Effort in the Caribbean. Hamburg 1997. S. 55-61, hier: S. 55.

29 Moss, Robert: The Stability of the Caribbean. London 1973. S. 13.

30 Vgl. Wöhlke, Manfred: a.a.O. S. 26.

31 Vgl. Sahr, Wolf, Dietrich: a.a.O. S. 30.

32 Vgl. Nuscheler, Franz: a.a.O. S. 282.

33 Vgl. Bürgi, Adrian: a.a.O. S. 143.

34 Vgl. Momsen, Janet: a.a.O. S. 55.

35 Vgl. Bürgi, Adrian: a.a.O. S. 142 und Momsen, Janet: a.a.O. S. 59.

36 Vgl. Ratter, Beate M.W.: Resource Management Changes in the Caribbean: The Eco-Eco- Approach. In: Dies. und Wolf-Dietrich Sahr (Hrsg.): Land, Sea and Human Effort in the Caribbean. S. 17-30, hier: S. 25f.

37 Vgl. Bürgi, Adrian: a.a.O. S. 142.

38 Ratter, Beate M.W.: a.a.O. S. 26.

39 Vgl. Momsen, Janet: a.a.O. S. 59.

40 Vgl. Bürgi, Adrian: a.a.O. S. 143.

41 Ebd. S. 143.

42 Vgl. Haas, Hans-Dieter und Jochen Scharrer: a.a.O. S. 650.

43 Vgl. Wöhlke, Manfred: a.a.O. S. 27.

44 Bürgi, Adrian: a.a.O. S. 143.

45 Momsen, Janet: a.a.O. S. 59.

46 McGregor, Duncan F.M. und Robert B. Potter: Environmental Change and Sustainability in the Caribbean: Terrestrial Perspectives. In: Ratter, Beate und Wolf Dietrich Sahr (Hrsg.): Land, Sea and Human Effort in the Caribbean. Hamburg 1997. S. 1-15, hier: S. 11.

47 Vgl. ebd. S. 12.

48 Vgl. Bürgi, Adrian: a.a.O. S. 144 sowie Haas, Hans-Dieter und Jochen Scharrer: a.a.O. S. 650.

49 Nuscheler, Franz: a.a.O. S. 294.

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Aktuelle Probleme moderner Ansätze zur Regionalentwicklung der insularen Kleinstaaten im karibischen Raum (vor allem Tourismus und Bodenbewirtschaftung)
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Insulare Kleinstaaten
Note
1,0
Autor
Jahr
1997
Seiten
22
Katalognummer
V96257
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aktuelle, Probleme, Ansätze, Regionalentwicklung, Kleinstaaten, Raum, Tourismus, Bodenbewirtschaftung), Hauptseminar, Insulare, Dipl, Bischoff/Institut, Geographie, Universität, Münster)
Arbeit zitieren
Thomas Zimmermann (Autor), 1997, Aktuelle Probleme moderner Ansätze zur Regionalentwicklung der insularen Kleinstaaten im karibischen Raum (vor allem Tourismus und Bodenbewirtschaftung), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96257

Kommentare

  • Gast am 5.7.2000

    Ganz gelungene Arbeit.

    Inhaltlich finde ich die Arbeit sehr ansprechend, vor allem hinsichtlich der Zitations- und Quelleneinbindung. Eine Definition von Regionalentwicklung wäre allerdings wünschenswert gewesen.

  • Gast am 1.1.2002

    Aktuelle Probleme moderner Ansätze zur Regionalentwicklung der insularen Kleinstaaten im karibischen Raum (vor allem Tourismus und Bodenbewirtschaftung).

    Die Arbeit zeigt eine gute Behandlung des Themas. Zu wünschen wäre nur am Anfang eine räumliche Einordnung.

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