Das Werk "Weiter leben. Eine Jugend" von Ruth Klüger


Referat (Handout), 2018

4 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1 Biografische und werkgeschichtliche Einordnung

Themen: weibliche Kindheit und Jugend während der Shoah, Möglichkeiten und Grenzen des Gedächtnisses (Ruth Klüger beschreibt diesen „Raum der Erinnerung“ als „Gefängnis“), Halt- und Heimatlosigkeit

- Typus von autobiografischem Roman, in dem Erinnerung fragmentarisch (Vor- und Rückblicke), primär individuell und stark geschlechterspezifisch erscheint
- lyrische Passagen
- Gespenster spuken durch den Roman, die zu dessen eigener Qualität beitragen (Folie 0) => wesentlich konkretere Erscheinungen, wenngleich sie sich auch nie vollständig fassen lassen => Beschreibung des Vaters näher ausgeführt, der Österreich nach einem Gefängnisaufenthalt verlässt, zunächst nach Italien und schließlich nach Frankreich flieht, von dort aus deportiert und vermutlich direkt nach der Ankunft in Auschwitz 1944 in der Gaskammer ermordet wird: „Mein Vater ist zum Gespenst geworden. Unerlöst geistert er. Gespenstergeschichten sollte man schreiben können.“ => Kann man Gespenster in Museen bannen? => Klüger weist Ansatz zurück, Auschwitz in seiner neuen Konstellation aus Gedenkstätte und Besuchern sei geeignet, „die Geister zu beschwören“, und kritisiert den allgemeinen Aberglauben, die Gespenster könnten sich an den Orten befinden, an denen sie ermordet wurden. Mit diesem sich gegen eine Auschwitz.Tourismus wendenden Statement zur Gedächtniskultur verbindet sich – zumindest indirekt – die Frage, ob das Schreiben eine Möglichkeit bietet, die Gespenster „zu fassen“. => die Gespenster rekurrieren zwar allesamt auf Tote und sind nicht erlösbar, doch sie sind dank der Erinnerungsfähigkeit in der Gegenwart anwesend (religiöse Konnotation)
- geboren am 30. Oktober 1931 in Wien als Tochter eines Arztes, wo sie auch ihre ersten Kinderjahre verbrachte
- 1942: Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz mit ihrer Mutter => In Theresienstadt hauste sie mit 30 gleichaltrigen Mädchen aus Deutschland in einer ehemaligen Offizierskaserne, die für zwei oder drei Menschen bestimmt war. Theresienstadt wird beschrieben als „eine Kette von Erinnerungen an verlorene Menschen, Fäden, die nicht weitergesponnen wurden.
- Unter unmenschlichen Bedingungen wurde sie in einem Viehwaggon nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Als Anfang Februar 1945 die Rote Armee vordrang und die Insassen des Konzentrationslagers nach Westen transportiert wurden, setzte sie sich mit ihrer Mutter und einer Freundin ab. Die abenteuerliche Flucht, auf der sie von Deutschen abwechselnd verfolgt und unterstützt wurden, endete im April 1945 in Straubing, wo sie sich den einrückenden Amerikanern zu erkennen gaben. Ruth Klüger musste in Auschwitz hilflos eine qualvolle Behandlung ihrer Mutter in der Frauenbaracke mitansehen. Sie beschreibt die Demütigung in Worten, die „so gewöhnlich sind wie andere“ und darum „nicht schwerer zu finden“, gesteht aber zugleich, sie habe lange gezögert, diese traumatische Erfahrung zu schildern: „Ich dachte, die kann ich nicht aufschreiben, und wollte statt dessen hier einfügen, dass es Dinge gibt, über die ich nicht schreiben kann.“ => lebend verlassen (sie und ihre Mutter gehörten zu den wenigen) => lehnt Möglichkeit der Identifikation des Ortes vehement ab
- Juni 1944: Christianstadt (Arbeitseinsatz) – dem frisch angelegten Außenlager von Groß-Rosen
- Februar 1945: Flucht bei Todesmarsch
- nach Befreiung Notabitur in Straubing
- 1947: Studium der Philosophie und Geschichte in Regensburg (Freundschaft mit Christoph alias Martin Walser) => Auswanderung in die USA (New York) => Studium der Bibliothekswissenschaften und Arbeit als Bibliothekarin
- 1955-1962: verheiratet mit Historiker Werner Angress
- Nach Scheidung entschied sie sich für ein Studium der Germanistik in Berkeley
- 1967: Promotion mit einer Arbeit zur Epigrammatik deutscher Barockdichtung (langjährige Herausgeberin der amerikanischen Fachzeitschrift German Quarterly)
- Professorin in Irvine/ Kalifornien
- seit Ende der 1980er Jahre: Gastprofessorin der Universität Göttingen
- November 1989: erlitt während eines zweijährigen Studienaufenthaltes in Deutschland einen lebensgefährlichen Unfall => Entschluss, Erinnerungen in Form einer Autobiografie in deutscher Sprache zu verfassen
- Als das Buch 1992 erschien, fand es großen Anklang in der deutschen Leserschaft – nicht zuletzt nach seiner positiven Würdigung in der Sendung Das literarische Quartett. Martin Walser, mit Klüger noch aus der Regensburger Zeit bekannt, hatte sie bei der Vermittlung an einen Verlag unterstützt.
- Schreiben (auch von Gedichten) spielte bereits in den KZs eine wichtige Rolle => Trauerarbeit
- Ruth Klüger, die im Sommer 1945 Erfahrungen mit der Publikation ihrer „Auschwitz-Gedichte“ in einer bayerischen Zeitung machte, beschreibt das Dilemma so: „Ich wollte ja als junge Lyrikerin gelten, die im Lager gewesen war, nicht als Umgekehrte, das KZ-Kind, das Verse geschrieben hatte.“

Grundstruktur: vier der Lebensgeschichte entsprechenden, chronologisch aufgebauten Teile und einem sich anschließenden Epilog mit der Ortsbestimmung „Göttingen“ (Umstände, die zum Entstehen des Buches beigetragen haben), die nach den jeweiligen Aufenthaltsorten der Protagonistin benannt sind. Bei diesen handelt es sich, wie werkimmanent erklärt wird, um „Pfeiler gesprengter Brücken“, also nur noch um disparate Fragmente ohne Verbindungen. Dieser fragmentarische Charakter prägt den gesamten Text. So werden manche Erfahrungen vom Gedächtnis „übersprungen“, Erinnerungen sind unscharf oder „schwammig“. Nebensätze wie „wenn ich mich recht erinnere“ oder Formulierungen wie „Ich weiß nicht mehr, was ich ihm antwortete“ unterstreichen immer wieder die Unzuverlässigkeit und Unzulänglichkeit der Erinnerung. Dass die Erzählerin sich an Details nicht mehr genau erinnern kann, offenbart die Parenthese in folgendem Satz:“ Dieser Ausspruch meines Vaters (oder war‘s meiner Großmutter mütterlicherseits?) wurde mit gebührender Heiterkeit aufgenommen.

2 Erinnerung und Erzählstruktur

- bricht mit herkömmlichen Konventionen, indem theoretisches Sprechen und die Erzählung der Entwicklung von Ruth mit Meta-Memoria-Reflexionen, politischen und historischen Reflexionen permanent verbunden werden
- Handlung und Figuren setzen sich aus einzelnen Versatzstücken zusammen => diskursiv facettenreiches Erinnerungprogramm (Folien 1 und 2) => Erinnerung der Erzählerin, die poetologisch mit einer Computer-Festplatte verglichen wird => Noch einmal begegnet dieses Moment der vom Bewusstsein gesteuerter Erinnerung, als Ruth mit ihrer Mutter nach Amerika übersiedelt
- Erinnerungsfilter => Erlebnisse können bewusst zu einem späteren Zeitpunkt abgerufen werden => Eine derart bewusste, zielgerichtete Erinnerung wird beispielsweise aufgerufen, wenn Ruth sich mit alten Fotografien auseinandersetzt. Dabei handelt es sich um ein Bild aus dem Studentenausweis des Vaters, das Ruth zwar Zugang zu diesem verschafft, der aber kaum mit der eigenen Erinnerung verbunden ist. Vielmehr muss sie die Literatur Arthur Schnitzlers heranziehen, um in die Welt der Eltern einzutauchen und Defizite der eigenen Erinnerung auszugleichen.
- Wissen um die Ermordung der Angehörigen (Vater und Bruder) (Folie 3)
- Meta-Narrativ mittels Dialogen => mit imaginären Leserschaft genauso wie eine Konfrontation mit Ansichten von Personen, die nicht die Haltung der Ich-Erzählerin teilen => Die dahinterliegende Poetik funktioniert gewissermaßen erst dann, wenn die Dialog-Angebote von der Leserschaft – vergleichbar mit einem Brief – angenommen und im besten Fall beantwortet werden.
- antisemitische Ausgrenzung, Ablehnung und Entwurzelung bereits in Wien (Folie 4)
- Fremdsein und Erfahrung von Trans- und Deterritorialität später in Amerika (Folie 5)
- ihre Familie als soziale Gruppe bietet ihr kaum kontinuierliche Unterstützung und in ihrer Religion findet sie wenig Halt => Jüdin, die nicht an Gott glaubt => keinen starken Bezug zu ihrer Religionsgemeinschaft => Fremdheit => Religion macht sie zum Opfer eines faschistischen und rassistischen Systems

3 Poetologie des Erinnerns aus jüdischer Perspektive

- den Göttinger Freunden gewidmet => Deutsche werden zu Auseinandersetzung aufgefordert
- Aufforderung in Form anderer Figuren in Nachkriegszeit zu vergessen (Folie 6)
- Folie 7 => Besonders anstößig erscheinen hier die Selbstzuschreibungen „soziales Wesen“ in Theresienstadt und „abgeschottet“ in Bezug auf die Zeit davor

4 Poetologie des Erinnerns aus feministischer Perspektive

- Ruth Klüger vertritt in Teilen eine feministisch orientierte Literaturwissenschaft => weiblicher Beitrag an eine vorwiegend weibliche Leserschaft => „Ich hatte mein Leben unter Frauen verbracht, das sollte sich auch in New York nicht ändern. Männer hatte es in der Familie, in den Lagern, auch nach dem Krieg, nur am Rande gegeben.“ => in den Lagern geraten fast ausschließlich Mädchen und Frauen in den Blick der Erzählerin
- im Zentrum => Mutter-Tochter-Verhältnis (Mutter-Kind-Neurose) (Folie 8) => Die Mutter spielt eine wichtige Rolle, auch sie stellt immer wieder ihre Stärke angesichts schwieriger, ja lebensgefährlicher Situationen unter Beweis. Ruth Klüger verdankt ihr Überleben im Wesentlichen ihrer Mutter, was Rettung und Bürde zugleich ist. => erwachsene Erzählerin hadert mit ihrer Mutter, bewertet die Handlungen und die Haltung der Mutter kritischer denn als junges Mädchen => Kritik an Erinnerung der Mutter (Unaufrichtigkeit) => In diesen Worten, die in die liebevolle, wenn auch differenzierte Beschreibung des Vaters eingebettet sind, zeigt sich ein gewisses Maß an Eifersucht gegenüber der Mutter (Mutter hat Tod ihres Sohnes verdrängt): „Was weiß denn ich davon, was in ihrem gemarterten Hirn vorgeht? Ich denke, sie wird es sich schon gemerkt haben, sie hat es nicht eigentlich vergessen, aber sie lässt es verschwimmen.“

[...]

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Das Werk "Weiter leben. Eine Jugend" von Ruth Klüger
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
4
Katalognummer
V963516
ISBN (eBook)
9783346314475
ISBN (Buch)
9783346314482
Sprache
Deutsch
Schlagworte
werk, weiter, eine, jugend, ruth, klüger
Arbeit zitieren
Elisabeth Monika Hartmann (Autor:in), 2018, Das Werk "Weiter leben. Eine Jugend" von Ruth Klüger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/963516

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