Online-Beratung in der Sozialen Arbeit. Chancen und Grenzen


Bachelorarbeit, 2019

36 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die (Online-)Beratung
2.1. Beratung in der Sozialen Arbeit
2.2. Online-Beratung
2.3. Formen der Online-Beratung
2.3.1. E-Mail-Beratung
2.3.2. Foren-Beratung
2.3.3. Chat-Beratung

3. Anforderungen an Beratung in der Sozialen Arbeit
3.1. Niedrigschwelligkeit der Beratung
3.2. Autonomie der KlientInnen
3.3. Professionalität der BeraterInnen
3.4. Zusammenfassung

4. Diskussion: Online- vs. Face-to-face-Beratung
4.1. Medienvermittelte Kommunikation
4.2. Niedrigschwelligkeit der Beratung
4.2.1. Äußere Niedrigschwelligkeit
4.2.2. Innere Niedrigschwelligkeit
4.2.3. Strukturelle Niedrigschwelligkeit
4.3. Autonomie der KlientInnen
4.4. Professionalität der BeraterInnen

5. Zusammenfassung

6. Schluss
6.1. Fazit
6.2. Ausblick
6.3. Kritische Reflexion

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Internet, wie wir es heute kennen, gibt es nun schon seit über zwei Jahrzehnten und ist seitdem stetig in seiner Relevanz für den Menschen gewachsen. Seither haben sich mithilfe der ortsunabhängigen Vernetzungsmöglichkeiten neue Communities in den ver­schiedensten Formen gebildet. Mittlerweile hat sich die digitale Welt in den Alltag der Menschen integriert und ist unter anderem Medium einer neuen Art von Kommunikation, der Online-Kommunikation geworden. Doch dieser kommunikative Wandel nimmt nicht nur Einfluss auf die Alltagswelten der Menschen, sondern auch auf die professionelle Praxis vieler Berufsfelder. So bleibt auch die Beratungslandschaft davon nicht unberührt: ausgehend von Beratung als einer Form von Kommunikation scheint die Digitalisierung der Beratungspraxis oder auch Online-Beratung, als Konsequenz der Digitalisierung der Kommunikation, nur einleuchtend. Online-Beratung ist keine neue Erscheinung. Bereits seit den Anfängen des Internets findet Beratung als Informationsvermittlung und -aus­tausch, in Selbsthilfe-Foren oder auch über themenspezifische Beratungsangebote statt. Professionelle Online-Beratungsangebote hingegen haben erst später ihre Potenziale ent­faltet. Auch die Soziale Arbeit, als alltags- und lebensweltorientierte Profession, und so­mit auch das professionelle Handeln Sozialer Arbeit musste früher oder später ebenso in einer mediatisierten und digitalisierten Gesellschaft stattfinden. So gibt es heutzutage bei­spielsweise nur noch wenige soziale Einrichtungen, die nicht über eine eigene Website verfügen. Potenzielle AdressatInnen können sich so zunächst über Angebote informieren oder diese teilweise sogar direkt online in Anspruch nehmen.

In der realen Welt ist Beratung seit jeher eine der größten Schlüsselkompetenzen und als eigenständiges Handlungsfeld fester Bestandteil Sozialer Arbeit. Aus unzähligen multi­disziplinären Ansätzen und Methoden, aber auch aus eigener Professionalisierung, hat die Soziale Arbeit sich einen Werkzeugkoffer zusammengestellt, um in berufsalltäglichen wie auch in beratungsspezifischen Situationen eine professionell beratende Tätigkeit zu ermöglichen. Beratung in der Sozialen Arbeit hat sich im Zuge dieser Professionalisie­rung von der Alltagsberatung abgespalten und unterscheidet sich von dieser unter ande­rem durch ausformulierte Anforderungen oder auch Qualitätskriterien. Eine einfache Übertragung dieser Qualitätskriterien auf die Online-Beratung ist jedoch aufgrund der Wirkung abweichender Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren nicht möglich. Diese Arbeit versucht sich deshalb an einem Transfer der Anforderungen an Beratung aus der Sozialen Arbeit auf die Online-Beratung unter Berücksichtigung entsprechender Ein­flussfaktoren und bestehender Qualitätskriterien von Online-Beratung. Zur Annäherung wird die folgende Fragestellung als Leitfaden dienen: Inwiefern kann Online-Beratung die Anforderungen an Beratung in der Sozialen Arbeit erfüllen? Zur schrittweisen Beant­wortung dieser Fragestellung gilt es zunächst im nachfolgenden, 2. Kapitel, zu klären, was bedeutet Beratung in der Sozialen Arbeit (2.1.) und was genau ist Online-Beratung (2.2.)? Welche Formen der Online Beratung gibt es (2.3.)? Im 3. Kapitel werden dann konkrete Anforderungen und ausgewählte Qualitätskriterien von Beratung in der Sozialen Arbeit abgebildet, unterteilt in Niedrigschwelligkeit (3.1.), Autonomie der KlientInnen (3.2.) und Professionalität der BeraterInnen (3.3.), gefolgt von einer kurzen Zusammen­fassung (3.4.). Im 4. Kapitel wird diskutiert, inwiefern Online-Beratung diese Anforde­rungen erfüllen kann, angeführt von einer Gegenüberstellung der Face-to-face- und On­line-Beratung (4.1.). In Bezug auf die Anforderungen wird auch hier wieder unterteilt in Niedrigschwelligkeit (4.2.), Autonomie der KlientInnen (4.3.) und Professionalität der BeraterInnen (4.4.). Es folgt im 5. Kapitel eine Zusammenfassung der bisherigen Ergeb­nisse, gefolgt vom letzten, 6. Kapitel, welches ein Fazit (6.1.), einen Ausblick (6.2.) und eine kritische Reflexion (6.3.) beinhaltet.

2. Einführung in die (Online-)Beratung

Dass die Welt sich verändert und mit ihr auch die Gesellschaft und die Menschen, die in ihr leben, ist unausweichlich. Die Soziale Arbeit unterliegt als menschenbezogene Pro­fession diesen Veränderungen, wenn sich also die Gesellschaftsstrukturen durch kom­plexe Modernisierungsprozesse, globale Verstrickungen und generellen Zuwachs ver­komplizieren, ist es nur natürlich, dass der Hilfebedarf von Individuen in Bezug auf das Zurechtfinden in diesen Strukturen, steigt. Darauf muss die Soziale Arbeit reagieren und das tut sie unter anderem mithilfe von Beratung.

2.1. Beratung in der Sozialen Arbeit

„Dass in den pädagogischen Handlungsfeldern Beratung einen zentralen Stellen­wert einnimmt, Beratung gar zu den Grundformen pädagogischen Handelns gehört, kann mittlerweile als Selbstverständlichkeit konstatiert werden.“ (Engel 2007, 103)

Der Beratungsbegriff lässt sich, je nach Kontext, auf unterschiedlichen Ebenen betrachten und definieren. Ganz allgemein lässt sich jedoch festhalten, dass es sich dabei um eine „spezifische Form der zwischenmenschlichen Kommunikation“ (Nestmann und Sicken- diek 2015, 153) handelt, wobei die Rat-Gebende Person der Rat-Suchenden Person dabei behilflich ist die „Anforderungen und Belastungen des Alltags oder schwierigere Prob­leme und Krisen zu bewältigen“ (ebd.). Beratung kann also neben der Funktion der reinen Informationsvermittlung auch eine Unterstützungsfunktion einnehmen.

Die Breite des Beratungsbegriffs und seine Verortung im Professionellen, Semi-profes­sionellen aber auch im alltäglichen Unprofessionellen erfordert jedoch eine weitere Dif­ferenzierung (vgl. Nestmann et al. 2007, 34). Nach Nestmann und Sickendiek wird vor allem in „informellen alltäglichen Konstellationen auf der Basis unterschiedlicher fami­liärer, verwandtschaftlicher, freundschaftlicher, nachbarschaftlicher oder kollegialer Be­ziehungen“ beraten (Nestmann und Sickendiek 2015, 153). Die Basis hierfür bilden zu­meist „persönliche Erfahrungen, individuelle Alltagstheorien, Motivationen, Einstellun­gen und Kompetenzen der Beteiligten“ (ebd.). Jedoch hat die sogenannte Alltagsberatung ihre Grenzen: bei tiefer gehenden Problemen könnte es schwierig werden sich auf einer persönlichen Ebene als nahestehende Person nicht verstricken zu lassen. Außerdem könn­ten Ratschläge, ob gut gemeint oder nicht, oftmals auch von eigenen Interessen und Schwierigkeiten geprägt sein (vgl. Belardi 2011, 36).

Die Auswirkungen komplexer zwischenmenschlicher Vorgänge lassen sich natürlich nie vollständig erfassen, geschweige denn kontrollieren. Jedoch könnte ein gesicherter Rah­men zu einer gewissen Nachvollziehbarkeit der Situation verhelfen und ein geplantes Ge­spräch ermöglichen. Hierfür ist eine andere Art der Beratung von Nöten: die professio­nelle Beratung. Professionelle Beratung findet dort statt, wo als BeraterInnen ausgewie­sene Fachkräfte „auf dem Hintergrund von Beratungstheorie und Beratungswissenschaft methodisch geschult tätig sind“ (Nestmann und Sickendiek 2015, 153). Sie beraten „ge­plant, reflektiert und evaluiert in einem beratungsethischen Rahmen, in definierten beruf­lichen Rollen und in definierten Berater-Klient-Beziehungen“ (ebd.) und sind oft Teil einer Beratungsorganisation oder -stelle. Diese formalisierte Form von Beratung existiert heute in nahezu allen Lebensbereichen und ist allgegenwärtig in der Sozialen Arbeit (vgl. ebd.). In der Sozialen Arbeit kann Beratung jedoch auch halbformalisiert - semi-profes­sionell — stattfinden, und zwar überall dort, wo Angehörige verschiedenster helfender Be­rufsgruppen Beratungsfunktionen (neben weiteren Funktionen) einnehmen, ohne spezi­fisch dafür angestellt zu sein oder ohne, dass das Angebot speziell als Beratung ausge­schrieben wurde (vgl. Nestmann und Sickendiek 2015, 153). Auch Thiersch betont, dass Beratung in der Sozialen Arbeit ebenso ein eigenständiges Hilfsangebot sein kann, wie auch ein „integrales Moment in anderen pädagogischen Handlungsformen“ (Thiersch 2007, 118). Sie nimmt für die Soziale Arbeit also eine gewisse Querschnittfunktion ein (vgl. Belardi 2011, 39-40).

Beratung in der Sozialen Arbeit, wie viele andere Bereiche derselben, zieht ihr Wissen und ihre Theorie nicht nur aus eigener Forschung, sondern auch aus benachbarten Dis­ziplinen, wie etwa der Psychologie und Psychotherapie, den Erziehungs- und Gesund­heitswissenschaften. Beratung entwickelt daneben aber auch eine eigenständige Profes­sion. Dadurch wird häufig die multiprofessionelle und multidisziplinäre Rahmung von Beratung betont (vgl. Zwicker-Pelzer 2010, 22). Beratung in der Sozialen Arbeit erscheint deshalb in der Literatur nicht immer in genau diesem Wortlaut. Häufig ist von psychoso­zialer Beratung oder auch sozialpädagogischer Beratung die Rede. Psychosozial fasst hierbei im Allgemeinen die Zusammenhänge psychischer und sozialer Aspekte zusam­men, die für eine Beratung ausschlaggebend sind. Psychosoziale Beratung wird hier somit als Hyperonym für jegliche Beratung, die ebendiese Aspekte vereint und berücksichtigt, verstanden. Die Sozialpädagogische Beratung ist nach Belardi eine „spezielle Dienstleis­tung für Einzelpersonen, (Teil-)Familien und Institutionen, um diesen zur eigenständigen Lösung von Problemen im psychosozialen und/oder materiellen Bereich zu verhelfen“ (Belardi 2011, 43). Sie findet in sozialpädagogischen Einrichtungen, sowie in speziali­sierten Beratungsstellen statt. Die Themenbereiche der sozialpädagogischen Beratung umfassen ein weites Feld: sie behandelt „lebenspraktische, soziale, seelische, körperliche und wirtschaftliche Schwierigkeiten“ (Belardi 2011, 33).

Beide Begriffe, psychosozial und sozialpädagogisch, sind in der für diese Arbeit verwen­deten Literatur wiederzufinden, da sie den Begriff der Beratung in der Sozialen Arbeit maßgeblich prägen und wiederspiegeln.

2.2. Online-Beratung

Das Internet ist kein neues Phänomen, im Gegenteil, es ist seit einigen Jahren fester Be­standteil der weltweiten Kommunikation und Entwicklung. Laut der ARD/ZDF-Online- studie von 2019 nutzen „rund 90 Prozent der [deutschen] Bevölkerung das Internet zu­mindest gelegentlich“ (ARD/ZDF 2019, 1). In Bezug auf die Tagesreichweite gab es ei­nen deutlichen Anstieg zum vorherigen Jahr. Bei den 14- bis 29-Jährigen betrug diese 98 Prozent, d.h. die eindeutige Mehrheit dieser Altersgruppe gaben an, an einem normalen Tag online gewesen zu sein (ebd.).

Neue Medien und digitale Technologien ermöglichen neue Arten der Informationsüber­tragung, wodurch sich ebenfalls neue Formen der Kommunikation ergeben (vgl. Kühne und Hintenberger 2009, 13). Neben die sprachlich vermittelte Kommunikation sind also weitere, über „digitalisierte Medien vermittelte Formen der Kommunikation“ getreten, zusammenfassend auch „Online-Kommunikation“ genannt (Engelhardt et al. 2019, 40). Dieser kommunikative Wandel zieht, ausgehend von Beratung als einer Form von Kom­munikation, konsequenterweise auch einen Wandel der Beratungspraxis nach sich (vgl. Reindl 2018, 22). Kutscher stellt fest, dass sich bereits sämtliche Themenbereiche der face-to-face-Beratung auch im Internet abbilden (vgl. Kutscher 2015, 1406). Beratung, als Kernbereich der Sozialen Arbeit, findet Eingang in diese digitale Gesellschaft in Form von Online-Beratung (vgl. Reindl 2018, 17) Professionelles Handeln Sozialer Arbeit fin­det damit zunehmend in einer mediatisierten und digitalisierten Gesellschaft statt (vgl. Roeske 2018, 16). Hieraus ergeben sich sowohl neue Möglichkeiten aber auch neue Her­ausforderungen für die Beratungslandschaft der Sozialen Arbeit (vgl. Kühne und Hinten- berger 2009, 13). Nach Wenzel nutzen Menschen das Internet, nicht nur um wissensbe­zogene, sondern auch emotionale Fragen verschiedenster Art zu bearbeiten. Er sieht darin eine Chance „Menschen in schwierigen Situationen zu erreichen, und zwar selbst dann, wenn es um schambesetzte oder hoch emotionale Themen geht“ (Wenzel 2015, 38).

Dort setzt Online-Beratung an: vor allem die Niedrigschwelligkeit der oftmals kosten­günstigen und vielfältigen Angebote, sowie die Anonymität sorgten für einen schnell wachsenden Markt (vgl. Mode-Scheibel 2014, 88-89), sodass heute bereits eine Vielfalt an unterschiedlichen internetbasierten Beratungsangeboten im Hinblick sowohl auf Ziel­gruppen als auch auf Formen existiert. Wie hoch der tatsächliche Bedarf nach Online­Beratung ist und diese genutzt wird, ist jedoch noch nicht vollständig erforscht (vgl. En­gelhardt et al. 2019, 44). Durch die Breite der Themen und eine generelle Zunahme der Suche nach Unterstützung online, kann allerdings von einem hohen Bedarf, vor allem bei jüngeren Menschen, ausgegangen werden (ebd.). Reindl würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass „Onlineberatung nach mehr als 20 Jahren Praxis einen Stand erreicht hat, der sie neben der Präsenzberatung und der Telefonberatung als dritte Kraft in der psychoso­zialen Beratungslandschaft ausweist“ (Reindl 2018, 23).

Doch wie kommt die Online-Beratung zu diesem Status? Lässt sie sich bereits als eigene Profession beschreiben und anwenden? Beratung als Profession bedient sich seit Jahr­zehnten einem regen Diskurs, es gibt umfangreiche Literatur, die sich stetig etabliert und weiterentwickelt. Die Literatur zur Online-Beratung hingegen, so Mode-Scheibel, hat sich „seit ihrer Einführung und dem raschen Ausbau des Internets und der technischen Möglichkeiten vergleichsweise überschaubar entwickelt" (Mode-Scheibel 2014, 89).

Hingegen erschien im Jahre 2005 die erste Ausgabe des „e-beratungsjournals“, einer Fachzeitschrift herausgegeben von PsychologInnen und PädagogInnen, die sich mit dem Themenspektrum rund um Online-Beratung auseinandersetzen und in Form von wissen­schaftlichen Artikeln veröffentlichen (www.e-beratungsjournal.net). Mit dem sogenann­ten Vier-Folien-Konzept hat Online-Beratung außerdem bereits einen eigenen Ansatz for­muliert (vgl. Knatz 2009, 105). Dieses Konzept beschäftigt sich mit dem Umgang mit Erstanfragen per Mail und wie diese schlussendlich beantwortet werden können (ebd.). Sie nutzt dabei ein methodisches Vorgehen in Hinblick auf die Erarbeitung der Resonan­zen der BeraterIn (1. Folie), des Themas und des psychosozialen Hintergrundes (2. Folie), die Diagnose (3. Folie) und letztendlich die Antwort der BeraterIn (4. Folie) (ebd., 108­110). Auch in Hinblick auf die Qualitätskriterien weist Eidenbenz auf eine „schnell vo­ranschreitende Professionalisierung“ im Bereich der Online-Beratung hin (Eidenbenz 2009, 213). Sogar in der Sozialen Arbeit gibt es bereits ein paar Stimmen, die sich mit Digitalisierung und den damit einhergehenden Auswirkungen auf die Soziale Arbeit be­schäftigen (bspw. Kutscher). Es stimmt allerdings, dass die Menge der eigenständigen Literatur zur Online-Beratung, die konkret in der Sozialen Arbeit zu verorten wäre, bisher überschaubar bleibt.

Der Versuch, klassische Beratungsansätze der Face-to-Face-Beratung auf die Onlinebe­ratung zu übertragen, musste scheitern. Die „einfache Übernahme von Beratungsansätzen und Interventionen aus der Face-to-Face- Beratung“ sei nicht möglich, „da die schriftba­sierte Internetkommunikation eigenen Gesetzen folgt“ (Mode-Scheibel 2014, 91). Zu un­terschiedlich sind die Rahmenbedingungen und die auf den Beratungsprozess wirkenden Faktoren von face-to-face- und Online-Beratung.

Aber was unterscheidet diese beiden Beratungsarten konkret voneinander? Was macht Online-Beratung aus? Aufgrund der vielfältigen Angebotsformate ist es schwierig eine einheitliche Definition für Online-Beratung zu finden. Zunächst ist „allen Onlinebera­tungsangeboten gemeinsam, dass sie den interaktiven Austausch zwischen Ratsuchenden und Beratungspersonen digital über das Internet vermittelt gestalten“ (Reindl 2018,17). Zur Verdeutlichung sollen im Folgenden weitere Aspekte und drei unterschiedliche For­men von Online-Beratung vorgestellt werden.

2.3. Formen der Online-Beratung

Kutscher differenziert bei Online-Beratung zwischen Angeboten, in denen ausschließlich professionelle SozialarbeiterInnen oder -pädagogInnen beratend tätig sind, sowie Misch­formen, in denen sowohl Professionelle als auch PeerberaterInnen bzw. andere NutzerIn­nen beraten und zuletzt Websites, die ausschließlich durch UserInnen genutzt werden (vgl. Kutscher 2015, 1406). Für diese Arbeit sind aus sozialarbeiterischer Perspektive vor allem die professionellen Angebote, sowie die Mischformen von Interesse.

Online-Beratung lässt sich durch weitere Aspekte differenzieren und vor allem durch zwei Aspekte von der Präsenzberatung unterscheiden. Ein erster Aspekt ist die Form der Kommunikation, nach Risau und Riesenbeck wird diese „vorwiegend mit schriftbasierten Instrumenten realisiert“ (Risau und Riesenbeck 2011, 2). Hierzu zählen die rein schriftli­chen Formate der E-Mail-, Chat- und Forenberatung. Hinzu kommen interaktive, also sprach- und bildgestützte Elemente, wie die Video-Chat-Beratung, welche bisher jedoch weniger zum Einsatz kommen durften (ebd.)

Ein weiterer Aspekt ist die zeitliche Dimension von Online-Kommunikation: diese lässt sich in synchrone und asynchrone, (vgl. Knatz 2012, 72-73) also zeitgleiche und zeitver­setzte Kommunikation einteilen, wobei bei der zeitgleichen Kommunikation die „Text­versendung und Textrezeption zeitgleich erfolgt“ und bei der zeitversetzten „zwischen der Versendung eines produzierten Textes und seiner Rezeption durch den Empfänger größere Zeiträume, also mehrere Stunden oder sogar Tage liegen" (Geißler und Metz 2012, 57). Die möglichen Vor- und Nachteile, die mit diesen zu berücksichtigenden As­pekten einhergehen, sollen später in die Diskussion mit einfließen. Im Folgenden werden die verschiedenen Formen von Online-Beratung lediglich vorgestellt. Die häufigste Kom­munikationsform der Online-Beratung ist nach Reindl die „zeitversetzte Kommunikation zwischen einer/m Ratsuchenden und einer/m Berater/in, wie sie aus der E-Mail-Kommu­nikation bekannt ist“ (Reindl 2018, 17). Mit dieser soll im Folgenden begonnen werden.

2.3.1. E-Mail-Beratung

Im April 1993 wurde das World Wide Web als bedienerfreundliche Internettechnologie für die Allgemeinheit freigegeben, seither hat sich die E-Mail als meistgenutztes Kom­munikationsmittel im Netz durchgesetzt: „Mailen ist ein zeitgemäßer Weg geworden, sich zu verständigen, sich zu begegnen, zu kommunizieren und in Kontakt zu kommen" (Knatz 2009, 59). Auch die Beratungslandschaft hat sich diese Möglichkeit zur Kommu­nikation zu eigen gemacht, in Form von E-Mail-Beratung.

Die E-Mail ist ein schriftbasiertes Instrument zur asynchronen Kommunikation. Schrift­basiert bedeutet, dass den BeraterInnen allein der geschriebene Text zur Verfügung steht (vgl. Knatz 2009, 60), gegenüber der Face-to-face-Beratung also eine Kanalreduktion stattfindet. Diese Kanalreduktion meint den Wegfall von sozialen Hinweisreizen (Mimik, Gestik, Tonfall, Gesichtsausdruck, Erscheinungsbild, Alter der Beteiligten etc.) im text­basierten Kommunikationsprozess (vgl. Arnold et al. 2018, 304).

Asynchron bedeutet zeitversetzt, also liegen in diesem Fall zwischen der Versendung ei­ner E-Mail und ihrer Rezeption durch den Empfänger größere Zeiträume (vgl. Geißler und Metz 2012, 57). Dies bewirkt eine „Entschleunigung der Kommunikationsproduk­tion“ (ebd.), sowohl BeraterIn als auch KlientIn müssen also nicht unmittelbar und schnell reagieren (vgl. Knatz 2012, 72-73). Die Mail-Beratung ist außerdem „ein Hilfsangebot, das für alle möglichen Themen und Problemlagen offen ist“ (Knatz 2009, 59-60).

2.3.2. Foren-Beratung

Ein Forum ist eine Austausch- und Diskussionsplattform (Oswald 2018, 5). Foren gelten in Form von „Online-Communities und Online-Selbsthilfegruppen“ neben der E-Mail als „älteste Form der computervermittelten Kommunikation“ (Brunner et al. 2009, 79). Fo­rum- Beratung hingegen ist erst seit Ende der 90er Jahre ein Begriff (vgl. ebd.). Auch hier bilden sich diverse Themenbereiche und Zielgruppen ab (ebd., 86).

Wie auch bei der E-Mail-Beratung handelt es sich bei der Foren-Beratung um eine schrift­basierte und asynchrone Form der Kommunikation. Es gelten also die gleichen Aspekte von Kanalreduktion und Entschleunigung, hinzu kommt jedoch der Aspekt der Öffent­lichkeit bzw. der Modus des "many-to-many“ (vgl. Brunner et al. 2009, 81-82), da der Zugang zu Foren zumeist frei und die Inhalte für jeden zugänglich sind. Das bedeutet, dass in den meisten Fällen „die Auseinandersetzung über Probleme, Themen, Fragen, Anliegen und Erfahrungen vor den Augen anderer Teilnehmer“ stattfindet (ebd., 84-85). Foren-Beratung ist also von der Konstellation her vergleichbar mit face-to-face Gruppen­beratung (vgl. ebd.). Hierbei können natürlich Dynamiken entstehen, die sowohl Einfluss auf BeraterIn als auch auf KlientIn haben können. Für BeraterInnen bedeutet diese Öf­fentlichkeit bspw., dass zum einen individuelle Personen, zum anderen gleichzeitig eine unbekannte Zahl von mitbetroffenen Personen beraten werden (vgl. ebd., 82-83) Aus Perspektive der Ratsuchenden Person würde das nicht nur bedeuten, sich mit einem Prob­lem an eine BeraterIn zu wenden, sondern dieses ebenfalls vor einer unbestimmten Zahl an fremden Menschen zu offenbaren. In der Foren-Beratung ist die Beteiligung an einem Gespräch oder das Erstellen eines Beitrags jedoch nicht zwingend erforderlich. Es besteht auch die Möglichkeit sich über ältere Beiträge zu informieren oder bei einem aktuell lau­fenden Thema mitzulesen. Dadurch entsteht eine Art Selbsthilfecharakter (ebd., 81-82).

2.3.3. Chat-Beratung

Die einfache Chat-Beratung ist wie auch die E-Mail- und Foren-Beratung ein schriftba­siertes Instrument, demnach gilt auch hier der Aspekt der Kanalreduktion. Allerdings un­terscheidet sich die Chat-Beratung im Hinblick auf den zeitlichen Aspekt. Oswald räumt ein, dass die Interaktion zwischen den KommunikationspartnerInnen synchron, statt asynchron erfolgt, da die Beratung in Echtzeit stattfindet und daher beide „zur gleichen Zeit in Verbindungsbereitschaft“ sein müssen (Oswald 2018, 5). Hintenberger hält jedoch entgegen: es handelt sich dabei „nicht um ein synchrones Medium, da Texteingaben erst nach dem Abschicken (also dem Drücken der Enter-Taste) sichtbar für den anderen wer­den“ (Hintenberger 2009, 69), also doch eine Verzögerung der Übermittlung vorhanden ist. Er bezeichnet den Chat deshalb als quasi-synchron (vgl. ebd.). In jedem Fall erfordert die Chat-Beratung eine zeitliche Organisation, also bspw. Termine oder festgelegte Be­ratungszeiten, „ähnlich den Offline-Beratungsstellen“ (Oswald 2018, 5).

Eine erweiterte Form der Chat-Beratung ist die Video-Chat-Beratung, die anders als alle bisher genannten Online-Beratungsformen nicht schriftbasiert, sondern audiovisuell ba­siert stattfindet, mit der Erweiterungsoption um einen schriftlichen Kanal (vgl. Engelhardt und Gerner 2017, 20). Noch vor einigen Jahren wurde dieser Form der Beratung eine eher untergeordnete Rolle im Kontext der Online-Beratung zugeordnet (vgl. Hintenberger 2009, 69). Risau und Riesenbeck begründen das durch die gewollte Kanalreduktion schriftbasierter Online-Beratung, sprich, dass „die Einschränkungen in Form des Zwangs zur Schriftlichkeit und der indirekten Kommunikation ohne Blickkontakt von vielen Rat­suchenden als sehr positiv erlebt werden“ (Risau und Riesenbeck 2011, 2). Auch heute ist deshalb die Online-Beratung noch immer von schriftbasierter Kommunikation ge­prägt, da die sich aus dieser Form der Kommunikation ergebenden Vorteile (Anonymität, Selbstreflexion, Zeit- und Ortsunabhängigkeit etc.) nach wie vor als durchaus signifikant empfunden werden (vgl. Engelhardt und Gerner 2017, 20). Das macht es schwierig, den Begriff der Video-Beratung in entsprechender Literatur in ausdifferenzierter Form aus­findig zu machen (ebd.). Folgendes lässt sich jedoch ableiten: der Begriff der Video-Chat­Beratung bezeichnet die Form der Online-Beratung, bei welcher die Kommunikation zwi­schen BeraterIn und KlientIn synchron über ein Videoübertragungssystem stattfindet, welches bei Bedarf auch um textbasierte Kommunikation ergänzt werden kann (ebd., 21). In dieser Arbeit wird sie mangels entsprechender Literatur eine untergeordnete Rolle spielen, der Schwerpunkt liegt daher im Folgenden auf den schriftbasierten Online-Bera­tungsformen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Online-Beratung in der Sozialen Arbeit. Chancen und Grenzen
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
2,1
Autor
Jahr
2019
Seiten
36
Katalognummer
V963525
ISBN (eBook)
9783346314437
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Online-Beratung, Beratung, Sozialarbeit, pädagogik, Sozialpädagogik, Beratungswissenschaften, Beratung in der Sozialen Arbeit
Arbeit zitieren
Philline Pires Santos (Autor), 2019, Online-Beratung in der Sozialen Arbeit. Chancen und Grenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/963525

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