Die Arbeit beschäftigt sich mit Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung". In ihren Roman „Heimsuchung" hat Jenny Erpenbeck gut erkennbar Teile ihrer Autobiographie eingearbeitet, von ihrer in Lemberg geborenen Großmutter Hedda und ihrem Großvater Fritz Erpenbeck, die für einige Jahre am märkischen Scharmützelsee lebten, wo die Autorin jahrelang ihre Sommerferien verbrachte. Der Roman schildert in einem Zeitraum von etwa 100 Jahren (grob gesagt das 20 Jahrhundert) die Schicksale verschiedener Besitzer und Bewohner eines Grundstückes am Scharmützelsee, den Theodor Fontane „Märkisches Meer" genannt hat. Die verschiedenen Teile sind miteinander verflochten, werden aber nicht streng chronologisch erzählt. Man muss sich also auf Zeitverschiebungen und Zeitsprünge gefasst machen, wobei das verbindende Element eine geheimnisvolle Gärtnerfigur ist, die nach jedem Kapitel auftaucht und für Ordnung auf dem Grundstück sorgt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begrifflichkeiten
3. Schauplätze: ausgewählte Kapitel
3.1 Der Großbauer und seine vier Töchter
3.2 Der Tuchfabrikant
3.3 Das Mädchen
4. Die Gärtnertexte
5. Erzählstrategien
6. Heimatroman
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit analysiert Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ mit dem Ziel, die komplexen Bedeutungsdimensionen von Heimatverlust und Heimatsuche unter Berücksichtigung historischer und biographischer Hintergründe zu untersuchen. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie die Autorin durch eine polyphone Erzählstruktur und die bewusste Verwendung von Schlüsselbegriffen das Schicksal verschiedener Bewohner eines Grundstücks am Scharmützelsee über ein Jahrhundert hinweg verknüpft.
- Die Analyse der zentralen Begrifflichkeiten „Heim“ und „Heimsuchung“.
- Die Untersuchung ausgewählter Schauplätze und deren historische Kontextualisierung.
- Die Interpretation der symbolträchtigen Gärtnertexte als Scharnierstücke des Romans.
- Die Erforschung der multiperspektivischen Erzählstrategien und der Montage von Zeitebenen.
- Die kritische Einordnung des Werkes in die Gattung des Heimatromans.
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Tuchfabrikant
Im Kapitel „Der Tuchfabrikant“ (HS 48 -61) geht es um das Schicksal einer Familie auf dem Hintergrund der Judenverfolgungen während der Nazi-Diktatur. Zu Beginn des Textes wird uns in einer tabellarischen Übersicht die Familie namentlich vorgestellt. Damit heben dieser Text und sein Anschlusstext „Das Mädchen“ sich von den anderen Texten des Romans ab, wo die Figuren nicht namentlich genannt werden und „primär als gesellschaftliche Chiffren fungieren und schemenhaft bleiben“ (Biendarra: Jenny Erpenbecks Romane ... 136), wenngleich sie teilweise wie „Die Schriftstellerin“ eindeutig historischen Figuren nachgezeichnet worden sind – in diesem Falle Jenny Erpenbecks Großmutter Hedda Erpenbeck, geb. Zinner. Die Namen dieser Figuren werden im Text ständig wiederholt – offensichtlich um hervorzuheben, dass es sich nicht um rein fiktive Figuren, sondern um authentische Menschen handelt und um sie im Gedächtnis des Lesers als solche zu verankern.
Genauer gesagt geht es um eine jüdische Familie, die durch die historischen Ereignisse in den Dreißiger Jahren auseinandergerissen wird. Während die Eltern Hermine und Arthur trotz der bedrohlichen Lage in Deutschland bleiben und von der SS im Vernichtungslager Kulmhof bei Litzmannstadt (Lodz) ermordet werden, wandert Sohn Ludwig mit Frau Anna 1936 nach Südafrika aus, wo ihre Kinder Elliot und die kleine Elisabeth geboren werden. Ludwigs Schwester Elisabeth und ihr Mann Ernst bleiben mit Tochter Doris in Deutschland. Ernst stirbt als Zwangsarbeiter an Fleckfieber, Elisabeth und Doris werden ins Warschauer Ghetto deportiert und kommen ebenfalls um. Das Schicksal der 12-jährigen Doris bildet ein Kapitel für sich (vgl. „Das Mädchen“) und eine kaum noch zu steigernde, unglaublich grausame Form von Heimsuchung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die autobiographischen Hintergründe des Romans und stellt das zentrale Setting am Scharmützelsee im Kontext des 20. Jahrhunderts vor.
2. Begrifflichkeiten: Dieses Kapitel dekonstruiert das semantische Wortfeld um „Heim“ und „Heimsuchung“ und untersucht deren vielfältige Konnotationen im Roman.
3. Schauplätze: ausgewählte Kapitel: Hier werden die zentralen Handlungsorte und die spezifischen Schicksale der Bewohner analysiert, wobei besonders auf die historische Verankerung eingegangen wird.
3.1 Der Großbauer und seine vier Töchter: Das Kapitel analysiert die archaische Dorfgemeinschaft und die patriarchalische Unterdrückung als Ausgangspunkt für die späteren Ereignisse.
3.2 Der Tuchfabrikant: Im Fokus steht hier das Schicksal einer jüdischen Familie unter der NS-Diktatur und die komplexe, nicht-lineare Erzählstruktur.
3.3 Das Mädchen: Eine Untersuchung der extremen Isolation der Figur Doris und der introspektiven Erzähltechnik unter dem Aspekt des Leids.
4. Die Gärtnertexte: Dieses Kapitel interpretiert die Gärtnertexte als symbolische Zwischenstücke, die zeitlose Naturzyklen den menschlichen Katastrophen gegenüberstellen.
5. Erzählstrategien: Eine Analyse der multiperspektivischen Erzählweise, der Musik-Analogien und des Kompositionsprinzips der „Un-Erzähltheit“.
6. Heimatroman: Der abschließende Teil hinterfragt das Genre des Heimatromans und interpretiert Erpenbecks Werk als eine Umkehrung traditioneller Heimatmotive.
Schlüsselwörter
Heimsuchung, Heimat, Jenny Erpenbeck, Scharmützelsee, Erinnerung, Vertreibung, Identität, Gärtnerfigur, Polyphonie, Holocaust, Heimatroman, Erzählstrategien, Zeitlosigkeit, Raum, Migration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine literaturwissenschaftliche Analyse des Romans „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck, indem sie die thematischen Motive von Heimatverlust, Flucht und die erzählerische Gestaltung des Werkes untersucht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die semantische Bedeutung von Heimat, die Darstellung der Zeitgeschichte, das Zusammenspiel von Mensch und Natur sowie die Konstruktion von Identität in einem wechselhaften historischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie Erpenbeck durch die Verschränkung von Mikro- und Makrohistorie sowie durch eine polyphone Erzählweise die traumatischen Auswirkungen von „Heimsuchungen“ auf das Individuum sichtbar macht.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin der Arbeit?
Es wird ein literaturwissenschaftlicher Ansatz verfolgt, der Textanalyse mit der Auswertung von Sekundärliteratur verbindet, um sowohl die erzählerische Struktur als auch die historische Einbettung der Charaktere zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse spezifischer Romanabschnitte (Kapitel), die Untersuchung der symbolischen Gärtnertexte, die Reflexion der Erzählstrategien sowie eine Gattungseinordnung als Heimatroman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Heimat, Heimsuchung, Erzählstruktur, Zeitgeschichte, Erinnerungskultur und die Figur des Gärtners als Konstante.
Welche Funktion hat die Gärtnerfigur in der Interpretation?
Der Gärtner wird als mythologische Erhalterfigur und symbolischer Gegenpol zur zerstörerischen menschlichen Geschichte interpretiert, der trotz der politischen Umbrüche für eine Ordnung im Garten sorgt.
Wie unterscheidet sich das Kapitel „Das Mädchen“ von den anderen Textteilen?
Das Kapitel „Das Mädchen“ zeichnet sich durch eine besonders introspektive und grenzwertige Erzählweise aus, die versucht, die psychische Verfassung eines im Ghetto versteckten Kindes unmittelbar für den Leser erfahrbar zu machen.
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- Hans-Georg Wendland (Autor:in), 2020, Der Roman "Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck und die Suche nach der Heimat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/964665