Historische Rahmenbedingungen der NATO


Seminararbeit, 1999

14 Seiten, Note: 2


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Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Die politische Konzeption der Alliierten während des Zweiten Weltkrieges

3. Die Spaltung Europas 1945-1949

4. Die Bedrohungsperzeption in der Gründungsphase der NATO 1947-

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Beschäftigt man sich mit den historischen Rahmenbedingungen der Nordatlantischen Allianz, stellt man fest, daß es keine offenen Fragen mehr gibt. Alle Akten sind geöffnet, in den Einleitungen der Sekundärliteratur wird über die außergewöhnliche Quellenlage berichtet, die es der Forschung sehr erleichtert habe, objektive Urteile zu fällen. Die Zeit zwischen 1945 und 1949 ist jedoch dank der umfassenden Informationen sehr spannend dargestellt. Die Zeit, in der der Kalte Krieg ausbricht, die Deutschlandfrage zu klären ist und die Vereinigten Staaten einen neuen Weg der aktiven Europapolitik beschreiten, war entscheidend für den Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Da sich wohl fast alle Kausalzusammenhänge dieser Zeit heute erklären lassen, bin ich grundsätzlich der chronologischen Gliederung von Hillgruber gefolgt, der Aktion und Reaktion stets in direkten Bezug setzt. Die Hausarbeit ist in drei Kapitel gegliedert, wobei jedes sich auf eine konkrete Vorlage bezieht, die als Fußnote hinter der Überschrift angegeben ist. Zunächst wird das politische Konzept der Alliierten während des Zweiten Weltkrieges beschrieben, das dann zerbricht und die Spaltung Europas (das zweite Kapitel) impliziert. Das dritte Kapitel geht auf die Bedrohung durch die Sowjetunion während der Spaltung Europas ein. Ergänzungen, Nuancen und direkte Zitate sind eingeflochten und durch Fußnoten belegt.

2. Die politische Konzeption der Alliierten während des Zweiten Weltkrieges

1 Die Politik der Alliierten während des Weltkrieges fußte auf dem Minimalkonsens einer Niederringung des Dritten Reiches. Um dieses Ziel zu erreichen, entwickelten die Mächte eine außerordentliche Kompromißbereitschaft und ordneten ihre politischen Ziele den militärischen unter.

Als der Krieg erfolgreich beendet war, traten die politischen und ideologischen Divergenzen jedoch in aller Deutlichkeit zutage. Während die Vereinigten Staaten von Amerika mit Präsident Truman nach Überwindung des Rooseveltschen Isolationismus eine „Globale Friedensordnung“ anstrebten, wollte Stalin einen „Cordon Sanitaire“ aufbauen, der die Erweiterung des russischen Machtbereichs implizierte. Großbritannien hatte zu Kriegsbeginn die Erfahrung gemacht, daß es selbst in Kooperation mit Frankreich nicht in der Lage war, die deutsche Aggression abzuwehren. Das System der „Balance of Power“ war für Großbritannien allein nicht mehr zu verwirklichen, doch wollte es seine Gleichgewichtspolitik mit Unterstützung der Weltmacht USA durchsetzen. Die Vereinigten Staaten hatten auf dem amerikanischen Kontinent ohne großen Widerstand eine von demokratischem Sendungsbewußtsein geprägte Ordnung aufgestellt, diese aber fälschlicherweise versucht, auf Europa zu übertragen. Die Sowjetunion war daran interessiert, Europa machtlos zu erhalten und jeder Blockbildung gegen sie entgegenzuwirken, was mit den Grundsätzen von Jalta nicht vereinbar war.

„Die Unvereinbarkeit ihrer Vorstellungen - Globale Friedensordnung, Gleichgewichtspolitik und Cordon Sanitaire - machten eine weitere Zusammenarbeit unmöglich und führten zur Konfrontation der Supermächte“2.

3. Die Spaltung Europas 1945-1949

Eine erste klare Abkehr von der Sowjetunion stellte die Rede Winston Churchills am 5.3.1946 in Fulton (Missouri) dar, in der er sich nicht davor scheute, das ursprünglich von Goebbels im Februar propagierte Schlagwort vom „Eisernen Vorhang“ aufzugreifen. Er rief aus, daß sich von „Stettin an der Ostsee bis nach Triest an der Adria“ ein Eiserner Vorhang quer durch den Kontinent gelegt habe, der alle Hauptstädte Mittel- und Osteuropas einschließe. Das war nicht das befreite Europa, für das sie gekämpft hatten. Keine zwei Wochen später titulierte Stalin Churchill als „neuen Hitler“ und Kriegshetzer.3

Zentrum des nun offen entfachten Konflikts wurde das besiegte Deutschland. Nachdem sich die vier Militärgouverneure am 26.3.1946 noch auf einen Industrieplan für ganz Deutschland geeinigt hatten, erfüllte Rußland seine Rohstoff- und Lebensmittellieferungen an die Westzonen nicht, so daß auch die westlichen Besatzungszonen alle Vorauslieferungen an Reparationsgütern einstellten. Aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Lage Westdeutschlands verstärkte sich der Wunsch, die drei Westzonen zusammenzuschließen, was in einem ersten Schritt am 1.1.1947 durch Schaffung der Bi-Zone zwischen den USA und Großbritannien auch verwirklicht wurde.

Der gesamte Passus bezieht sich auf den gleichnamigen Passus bei Schlösser, S. 10-15 Daß die UdSSR keine Rücksicht auf die gesamtdeutsche Entwicklung nahm und in erster Linie an der Schaffung eines weiteren Satellitenstaates interessiert war, zeigte sich erneut an dem zwangsweisen Zusammenschluß von KPD und SPD zur „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED). Die führenden Vertreter der SPD wurden in bedeutungslose Repräsentativfunktionen zurückgedrängt, was die antikommunistische Orientierung der „West-SPD“ noch verstärkte.

Die Schwierigkeiten der Deutschlandpolitik wuchsen. Das Land lag wirtschaftlich am Boden und wurde immer mehr „Schlachtfeld“ der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Kommunismus, wobei auch die Westmächte, allen voran Frankreich, versuchten, bestmöglichen Gewinn aus der Bedingungslosen Kapitulation zu ziehen. Die auf der Londoner Außenministerkonferenz im September 1945 beschlossene Reihenfolge, zunächst die Friedensverträge mit den europäischen Verbündeten des Dritten Reiches auszuhandeln und sich dann mit den Friedensverträgen für Deutschland und Österreich zu beschäftigen, implizierte ein Zurückstellen der Deutschlandfrage, so daß die westliche Willensfindung hier nur schrittweise voranging.

Die Friedensverträge mit Italien, Finnland, Ungarn, Rumänien und Bulgarien konnten im Februar 1947 unterzeichnet werden. Italien verlor darin neben allen Kolonien vor allem ganz Istrien an Jugoslawien, und Triest wurde zu einem Freistaat erklärt, was eine sehr umstrittene Lösung war. Das Wichtigste an den Verträgen mit Ungarn und Rumänien war das Recht Rußlands, seine Streitkräfte zur Aufrechterhaltung der Verbindung zu seiner Besatzungszone in Österreich bis zu 90 Tage nach Inkrafttreten des Friedensvertrages mit Österreich in den beiden Ländern zu belassen. In dem Vertrag mit Bulgarien war von einem Rückzug russischer Truppen keine Rede.

Die Positionen der einzelnen Mächte zur Deutschlandfrage wurden erst in Paris im Juli 1947 deutlich. Frankreich, das sich als am meisten vor einer erneuten deutschen Aggression gefährdet sah, verlangte ein Herauslösen des Ruhrgebiets aus dem Vierzonen-Deutschland, um das gesamte Gebiet westlich des Rheins als Sicherheitsgürtel und auch wirtschaftlich für sich zu nutzen. Nach erneuter Ablehnung dieser Pläne, verlagerte der französische Außenminister Bidault sein Interesse auf einen Autonomiestatus des Saargebietes, das wirtschaftlich engstens mit Frankreich zu verbinden wäre. Die Sowjetunion widersetzte sich allen französischen Plänen und plädierte entgegen dem französischen Vorschlag eines Staatenbundes und entgegen einer bundesstaatlichen Lösung, wie sie Großbritannien und den USA vorschwebte, für einen deutschen Einheitsstaat. Desweiteren machte es der russische Außenminister Molotow zur Vorbedingung jeglicher weiterer Verhandlungen, daß erstens die sowjetischen Reparationszahlungen, zweitens die Beteiligung Rußlands an einer Viermächtekontrolle des Ruhrgebiets und drittens nicht nur die militärische, sondern auch die wirtschaftliche Entwaffnung Deutschlands anerkannt würde. Diese starre Haltung Rußlands war erneut ein Grund, die Westzonen zusammenzuschließen.

Nachdem Frankreich sich an dem Zusammenschluß nicht beteiligen wollte, schuf die britische Besatzungsmacht im August 1946 das Bundesland „Nordrhein-Westfalen“ und beendete somit die Diskussion über die künftige Organisation Westdeutschlands. Frankreich reagierte prompt mit einer Vergrößerung des Saargebietes in Richtung Pfalz und südliches Rheinland.

Die Vereinigten Staaten, die sich zunächst schnellstmöglich wieder von dem Europäischen Kontinent zurückziehen wollten, da sie die Deutschlandfrage nicht als ihre Aufgabe verstanden, änderten ihren Kurswechsel auf der Pariser Konferenz im September 1946. Der amerikanische Außenminister Byrnes sprach sich am 6.9.1946 in Stuttgart für die Ausarbeitung einer Bundesverfassung auf föderativer Grundlage aus. Er bezeichnete die Oder-Neiße-Linie als provisorisch und zugunsten Deutschlands revisionsbedürftig. Die Abtretung des Rhein- und Ruhrgebiets lehnte er ab, den französischen Saar-Plänen stimmte er zu. Molotow lehnte jegliche Diskussion über die Ostgrenze Deutschlands ab. Dadurch, daß sich die USA nun doch für eine aktive Politik in Deutschland entschieden hatte, verstärkte sich der Konflikt mit Rußland, das selbstverständlich kein Interesse an einem ebenbürtigen, wenn nicht überlegenen Gegenpol zu sich selbst hatte, einem „antikommunistischen (...) Polizist der Welt“.4

Churchill schloß sich der Programmatik Byrnes an, indem er am 19.9.1946 in Zürich für die Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa“ unter Einbeziehung der „alten Staaten und Fürstentümer Deutschlands, frei vereint zu gegenseitigem Vorteil in einem Föderativsystem“5 plädierte. Großbritannien legte sich somit ebenfalls auf eine integrative Deutschlandpolitik fest, was ein erneuter Schritt entgegen einer gemeinsamen Politik mit Rußland war. Churchill, der einen Zusammenschluß Westeuropas mit Ausnahme Großbritanniens, das durch das Commonwealth gebunden war, anvisierte, schlug zunächst die Gründung eines „Europa-Rats“ auf der Grundlage deutsch-französischer Zusammenarbeit vor. Die Länder, die dem Interesse einer solchen „Dritten Kraft“ entsprachen, schlossen sich im Sommer 1947 zur „Union Européenne des Fédéralistes“ zusammen. Dadurch, das sich nun sowohl die USA als auch die „Föderalisten“ ein gemeinsames Europa als Ziel gesteckt hatten, wurde auf die europäischen Mächte doppelter Druck ausgeübt: von „oben“ (USA) und von „unten“ („Föderalisten“).

Der britische und amerikanische Wille, Deutschland in die westliche Sphäre einzugliedern, spiegelte sich auch in den Landtagswahlen wieder, die in Westdeutschland 1946 und 1947 abgehalten wurden. Die Mehrheit der Bevölkerung, ob konservativ oder sozialdemokratisch orientiert, sprach sich für eine Angliederung an die westlichen Demokratien aus. Auch die Landtagswahlen in der Sowjetischen Besatzungszone spiegelten- trotz Manipulation und erheblicher Benachteiligung der nichtkommunistischen Parteien- nur schwache Zustimmung zur SED wieder, die angestrebte absolute Mehrheit konnte nirgends erreicht werden.

Der neue amerikanische Außenminister George C. Marshall intensivierte das Engagement Amerikas in Europa mit weitreichenden politischen, ökonomischen und militärischen Konsequenzen. Nachdem der Verlust Chinas an die Kommunisten so gut wie feststand und somit die ostasiatische Stellung der USA bedroht war und auch die letzten Reste des „westlichen“ Polens nach manipulierter Wahl verloren waren, war die USA in Europa zum Handeln entschlossen. Der Hungerwinter 1946/47 sollte Deutschland nicht für den Kommunismus öffnen.

Großbritannien, das dem bedrängten Griechenland nicht genügend finanzielle und militärische Unterstützung leisten konnte, alarmierte seine Verbündeten in der am 12.3.1947 verkündeten „Truman-Doktrin“. Griechenland und die Türkei wurden nun offiziell unter den Schutz der USA gestellt, da sonst der gesamte Mittlere Osten der Sowjetunion zugefallen wäre.6

Der Übergang von einer Politik der Kooperation mit der Sowjetunion hin zu einer „Containment Policy“, einer „Eindämmungspolitik“ war endgültig vollzogen. George F.

Kennan, besser bekannt als „Mr. X“, lieferte in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ im Juli 1947 die theoretische Begründung für den Wandel in der amerikanischen Politik, die zwar diplomatisch-politische und wirtschaftliche Stützungsmaßnahmen für die bedrohten europäischen Länder vorsah, den Aufbau einer militärstrategischen Defensiv-Front gegen die UdSSR jedoch nicht. Damit war der im März 1947 britisch-französische Bündnisvertrag von Dünkirchen, der das antideutsche Dreieck Paris-London-Moskau betonte, bereits im Ansatz überholt.

Nach der Moskauer Außenministerkonferenz (April 1947), auf der Amerika seine Eindämmungspolitik erneut in aller Deutlichkeit formulierte und sich die russische Stellung gegenüber den USA weiter erhärtete, war klar, daß die Vereinigten Staaten langfristig auf dem europäischen Kontinent verbleiben würden. „...the Moscow Conference (...) marked the end of post-war co-operation between Russia and the democratic countries.“7

Marshall verkündete den nach ihm benannten multilateralen wirtschaftlichen Aufbauplan für Europa, der nicht gegen ein Land oder eine Doktrin gerichtet war, sondern gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos.8 Er setzte allerdings die USA als Kontrollinstanz voraus. Auch das besiegte Deutschland sollte miteinbezogen werden, was -nach heutigem Stand- sogar der Kern des Marshall-Plans war und die logische Konsequenz des Scheiterns der Moskauer Konferenz.9 Die Sowjetunion, die den Marshall-Plan als konkrete Einmischung der USA in den europäischen Geltungsbereich empfand, lehnte diesen kategorisch ab. Natürlich war Rußland klar, daß ein wirtschaftlicher Aufschwung Europas die kommunistische Hegemonialpolitik mindestens erschwere, wenn nicht unmöglich mache. Den Staaten des sowjetischen Geltungsbereichs wurde die Teilnahme an der Konferenz für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit in Paris verboten.10

Die neu geschaffene Organisation für europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) leitete die Durchführung des „Europäischen Wiederaufbauprogramms“ (ERP) des Marshall-Plans, für das 12,5 Mrd. Dollar aufgebracht wurden. Allerdings waren diese Gelder zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen den europäischen Ländern und die „Verschmelzung der nationalen Wirtschaften durch Abbau von Handelsschranken und Verbesserung des Zahlungsverkehrs“.11 Die ERP-Hilfe wurde zu einer der wirkungsvollsten Finanzhilfen in der Geschichte.

Stalin reagierte, indem er die Ostblockstaaten durch bilaterale Verträge zum einen an die UdSSR band und zum anderen die Staaten untereinander verband. „Soon the satellite countries were being firmly bound to Moscow and to each other by a network of political, economic and military aggreements: 23 such treaties were signed in Eastern Europe between 1943 and 1949.“12 Er formierte den Ostblock. Desweiteren gründete er im September 1947 das „Kommunistische Informationsbüro“ (Kominform), der Versuch einer Wiederbelebung der „Kommunistischen Internationale“ (Komintern). Mit Betonung des „Prinzips des proletarisch-sozialistischen Internationalismus“ erstrebte er eine noch stärkere Führung der sozialistischen Kader und auch der Parteien in ganz Europa.

Obwohl die USA mit dem Marshall-Plan eine eindeutige Entscheidung für Europa getroffen hatten, erstrebten sie in Kooperation mit Großbritannien die Bildung einer „Westunion“, in der das kontinentale Westeuropa zusammengefaßt werden sollte.13 Diese Union sollte einen eigenständiges Gegengewicht zur Sowjetunion sein, das nicht auf amerikanische Hilfe angewiesen war. Amerika wollte nicht in das Vertragsnetz Europas eingebunden werden. Der Weg zu einer solchen „autarken“ Union sah folgende vier Punkte vor: 1. Festlegung einer gemeinsamen Deutschlandpolitik zwischen Großbritannien, Frankreich und den BeneluxStaaten; 2. Anschluß Frankreichs an die Bi-Zone; 3. Währungsreform in Westdeutschland zur Ankurbelung der Wirtschaft; 4. Bildung eines deutschen Weststaates.

Rußland reagierte, indem es die Tschechoslowakei, die bisher in einer Art Schwebezustand verharrte, in den „volksdemokratischen Gürtel“ einbezog. Desweiteren schloß die UdSSR mit Finnland einen Bündnisvertrag, der Neutralität in Friedenszeiten gewährleistete. Mit anderen Mitteln, aber dem gleichen Ziel (die eigene Machtsphäre abzusichern), griff Amerika in den italienischen Wahlkampf ein. Das Versprechen, den Freistaat Triest wieder an Italien anzugliedern, erfüllte seinen Zweck. Der westlich orientierte A. De Gasperi blieb an der Spitze Italiens und die Einigung Westeuropas konnte weitergehen. Hinzu kam der sich schon länger abzeichnende Bruch zwischen Stalin und Tito, der zugunsten Jugoslawiens im Dezember 1949 auch vollzogen werden konnte. Tito trennte sich vertraglich von Albanien, so daß Albanien nun als „Satellit“ Stalins gegen den ehemaligen „Protektor“ Jugoslawien agierte.

Am 17.3.1948 wurde der Brüsseler Fünfmächtepakt („Westunion“) von Großbritannien, Frankreich und den Benelux-Staaten für fünfzig Jahre unterzeichnet. Dies war das erste Nachkriegsbündnis, das nicht gegen Deutschland, sondern gegen die Sowjetunion gerichtet war. Georges Bidault, der französiche Außenminister, hatte am 4. März an Marshall geschrieben, daß der Moment gekommen sei, die politischen Verbindungen zu intensivieren und, so schnell als möglich auch das militärische Niveau anzuheben. Die Vergangenheit und die Zukunft sollten im Sinne der „einzigen Zivilisation, die zählt“ so eng wie möglich verzahnt werden.14 Der Brüsseler Fünfmächtepakt war in erster Linie wirtschaftlich und kulturell gedacht, sollte aber auf ein defensives Verteidigungsbündnis erweitert werden, was im April 1949 mit der NATO vollzogen wurde. Die Vereinigten Staaten waren von ihrem Standpunkt, nicht in das europäische Vertragsnetz eingebunden zu werden, bereits weitestgehend abgerückt, da Großbritannien nur unter Teilnahme der USA bereit war, in einen intergouvernementalen Vertrag einzusteigen. Stalin vollzog durch den demonstrativen Auszug Sokolowskis aus dem alliierten Kontrollrat den endgültigen Bruch mit den Westmächten. Ein weiteres europäische Bündnis, der „Europa-Rat“, konnte am 10.8.1949 in Straßburg konstituiert werden.

Nachdem mit Gründung der „Westunion“ der entscheidende Schritt in Richtung eines geeineten Europas getan war, stellte die Vandenberg Resolution im Juni 1948 den entscheidenden Schritt für die Vereinigten Staaten dar, an einem euro-atlantischen Verteidigungsbund teilzunehmen. Sie empfahl die „fortschreitende Entwicklung regionaler und anderer kollektiver Abmachungen zur individuellen und kollektiven Selbstverteidigung“.15 Der amerikanische Senat hatte die Resolution angenommen, so daß der amerikanische Präsident die Vollmacht zum Abschluß politisch-militärischer Bündnisverträge erlangte. Der offizielle Grundsatz, sich in Friedenszeiten nicht außerhalb des amerikanischen Kontinents militärisch zu engagieren, war damit durchbrochen und die Verhandlungen bezüglich des euro-atlantischen Verteidigungsbündnisses konnten beginnen. Am 6. Juli begannen die Verhandlungen zwischen den USA, Kanada und den Brüsseler-Pakt-Staaten, die im September abgeschlossen wurden. Der Pakt, dessen militärischer Aktionsradius noch definiert werden mußte, sollte Frieden und Sicherheit fördern, Aggression verhindern und auf Selbsthilfe und gegenseitiger Hilfe basieren. Er sollte für Stabilität und Zufriedenheit der Menschen sorgen, die den Paktstaaten innewohnten und somit neben der rein militärischen Funktion (Aufrüstung) vor allem der Gewaltvermeidung dienen.16

Die Westmächte führten im Juni 1948 die Währungsreform durch, die in Zusammenhang mit der Marshall-Plan-Hilfe, der Abschaffung des planwirtschaftlichen Bezugsscheinsystems und der Propagierung der „sozialen Marktwirtschaft“ durch Ludwig Ehrhard das „Wirtschaftwunder“ einleitete.

Stalins Gegenzug bestand in der „Berliner Blockade“. Er ließ alle Land- und Wasserverbindungen sperren, so daß die Westmächte dazu gezwungen wären, die Absicht einer Weststaatgründung aufzugeben. Mit Hilfe einer Luftbrücke gelang es den Westmächten die Bevölkerung zu versorgen, die Währungsreform auch in Westberlin durchzuführen und eine katastrophale Zuspitzung des Konflikts im Winter 1948/49 zu vermeiden.

Die Berliner Blockade erwies sich zugleich als Druckmittel, das die Westmächte gegenüber den westdeutschen Regierungschefs in Bezug auf die Frankfurter „Empfehlungen“ ausüben konnten. Die westdeutschen Regierungschefs sahen in den von den Westmächten vorgelegten Frankfurter „Empfehlungen“ (die einen in seinen außen- und militärpolitischen Befugnissen weiterhin durch ein Besatzungsstatut eingeschränkten, in seiner innerstaatlichen Ordnung jedoch freien westdeutschen Staat vorsahen, für den eine Verfassung ausgearbeitet werden sollte) den Verlust der Reichseinheit, für die sie sich stark engagierten. Unter dem Vorschlag Ernst Reuters, dem Oberbürgermeister von Westberlin, der anstelle einer Verfassung ein Provisorium, ein „Grundgesetz“ vorschlug, stimmten die Länderchefs zu. Das „Bonner Grundgesetz“ trat am 23.5.1949 in Kraft.

Zum Zeitpunkt des Inkrafttreten des Grundgesetzes hatte die Sowjetunion die Berlin-Blockade bereits aufgehoben, allerdings auch die Spaltung der Berliner Stadtverwaltung durch die SED initiiert. Indem Berlin nun sowohl politisch-wirtschaftlich als auch verwaltungstechnisch eine „geteilte“ Stadt war, wurde sie zum Inbegriff des Ost-West- Konflikts.

Am 4.4.1949 wurde unter Führung der USA der „Nordatlantikpakt“ (NATO: „North Atlantic Treaty Organisation“) unterzeichnet. Mitglieder waren die USA, Kanada, Island, Norwegen, Dänemark, die fünf Staaten der „Westunion“, Italien und Portugal. Sie verpflichteten sich, jeden „bewaffneten Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als einen Angriff gegen sie alle“ zu betrachten. Der Text des Vertrages war die beste Antwort auf die Behauptung der Sowjetunion, die westlichen Verbündeten betrieben eine Rußland-feindliche Politik, da er besagte, daß die NATO nicht gegen eine Nation oder eine Gruppe von Nationen agierte, aber gegen jegliche bewaffnete Aggression.17 Daß die Vereinigten Staaten über ein Atomwaffenmonopol verfügten, gab dem Sicherheitsbündnis eine der UdSSR zunächst überlegene Rolle, wobei diese Sicherheit nur bis in den August 1949 galt: am 29.8.1949 zündete die UdSSR ihre erste Atombombe.18

4. Die Bedrohungsperzeption in der Gründungsphase der NATO 1947-1950

Nachdem der Kalte Krieg 1947 öffentlich ausgebrochen war, spielten Bedrohungsanalysen eine wichtige Rolle. Eine britisch-amerikanische Studie (JIC 435/12) vom 30.11.1948 diente bis März 1950 als Grundlage für die militärische Bedrohung Westeuropas. Als letztes Ziel sowjetischer Politik sahen die Westmächte die Errichtung einer von Moskau kontrollierten kommunistischen Weltherrschaft an. Eine „friedliche Koexistenz“ mit der UdSSR, so am 9.9.1948 im Washington Paper, sei auf die Dauer „unmöglich“, da das Sowjetsystem „Weltdominanz“ anstrebe. Dazu bot sich nach westlicher Einschätzung ein militärischer Zweistufenplan an: 1. Eroberung des europäischen Festlandes und Großbritanniens; 2. Kampf gegen die USA von dieser Basis aus. Das Washington Paper blieb als gemeinsame Kennzeichnung der Bedrohung durch die UdSSR als Basis für die Gründung eines Sicherheitspaktes bis zur Ratifizierung des NATO-Vertrages im April 1949 bestehen. Nach übereinstimmender Meinung war die Sowjetunion in der Lage, „in fünf Tagen den Rhein, in 14 Tagen die Kanalküste, in einem Monat die Atlantikküste und in zwei Monaten die Pyrenäenlinie zu gewinnen. Dänemark ließe sich in einer 14-tägigen Nebenoperation nehmen.“19 Großbritannien glaubte man etwa sechs Monate halten zu können. Die militärische Überlegenheit Rußlands schätze man mit einem Kräfteverhältnis von 4:1 bei den Landstreitkräften (den knapp vierzig sowjetischen Divisionen hatte man nur knapp zehn westliche entgegenzusetzen) und sogar 5:1 bei den Luftstreitkräften ein. Zweifellos lag ein großer Vorsprung Rußlands bei den konventionellen Waffen vor, doch gilt es die Studie zu differenzieren: Aspekte wie Kampfwert (Bewaffnung und Ausbildung), Polizeifunktionen sowjetischer Streitkräfte in Mittel- und Südosteuropa, Schwächung der militärischen Präsens durch Ernte- und Wiederaufbaueinsätze und vieles mehr wurden nicht berücksichtigt. Dementsprechend war der westliche Block auf die atomare Kraft der Vereinigten Staaten angewiesen. Der amerikanische Vorrat an Atombomben betrug im April 1949 jedoch nur 100 bis 140. Für einen Atomkrieg wären mindestens 400 Atombomben notwendig gewesen. Das Montagesystem war desolat, das „Strategische Bomberkommando“ (SAC) wies ebenfalls Mängel auf. „Mit einem strategischen Luftbombardement -ob konventionell oder atomar- [wäre] die UdSSR nicht zu besiegen gewesen“20 sein. Somit hatte der Westen der konventionellen Stärke Rußlands nichts annähernd Gleichwertiges entgegenzusetzen.

Dennoch glaubte man, nach Rückzug hinter die Pyrenäenlinie, Europa mit amerikanischer Hilfe wieder zurückerobern zu können.

Man ging nicht davon aus, daß die Sowjetunion sofort einen Krieg beginnen würde.

Außenminister Marshall glaubte im Mai 1948, „that the Soviet government did not want war at this time“. Auch Admiral Hillenkoetter, der Chef der CIA, konstatierte am 28.10.1948: „No war in immediate future.“ Die britischen Chiefs of Staff hielten eine sowjetische Kriegsbereitschaft vor Mitte der 50er Jahre für unwahrscheinlich. Nur der Prager Umsturz 1948 ließ das atlantisch-europäische Sicherheitsgefühl kurzzeitig wanken. Vor allem Frankreich fühlte sich durch seine geographische Lage bedroht. Trotz der relativen Sicherheit plädierten Norwegen, Italien und Dänemark früh für die Wiederbewaffnung Deutschlands und somit die Vorverlegung der Verteidigungslinie. Italien und Deutschland fürchteten zusätzlich Stellvertreterkriege durch Jugoslawien bzw. Ostdeutschland.

Das Bedrohungsbild änderte sich im Herbst 1949. Nachdem Rußland im August seine erste Atombombe gezündet hatte, gelang es Mao Tse-tung am 1.10.1949 die Volksrepublik China auszurufen. Das war der Höhepunkt des kommunistischen Sieges über die jahrelang von den USA unterstützten nationalchinesischen Kräfte unter Tschiang Kai-schek. Die westliche Welt stand nun einer konventionellen und atomaren Gefahr durch die vor Selbstbewußtsein strotzenden UdSSR gegenüber. Trotzdem schätzte der britische Botschafter Kirk die Lage in Moskau nicht anders ein: „The Soviet Union will not resort to direct military action against the West in near future and expects and counts on a period of several years of peace.“21 Als Gegengewicht zu der militärischen Überlegenheit Rußlands und dessen immensen Einflußbereich nun auch in der asiatischen Welt, brauchte man ein Verteidigungsbündnis, das auch psychologisch Stärke demonstrierte: die NATO. Durch die westliche Orientierung der Bundesrepublik Deutschland und den Abfall Jugoslawiens von Moskau waren die Westgrenzen des kommunistischen Hoheitsgebietes wenigstens ein wenig zugunsten der Westmächte korrigiert worden, so daß sich nun zwei mehr oder minder adäquate Mächte gegenüberstanden.

5. Literaturverzeichnis:

Deutsches Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.), Das atlantische Dilemma, Aggressivität und Krise der NATO 1949-1969, Berlin 1969

Gaddis, John Lewis, The United States and the Origins of the Cold War 1941-1947, NewYork/ London 1972

Hillgruber, Andreas, Europa in der Weltpolitik der Nachkriegszeit (1945-1963),

in: Bleicken, Jochen u. a. (Hrsg.), Oldenbourg Grundriß der Geschichte, Bd. 18, München/ Wien 1979

Ismay, NATO, The First Five Years 1949-1954, Utrecht 1955

Maier, Klaus/ Wiggershaus, Norbert (Hrsg.), Das Nordatlantische Bündnis 1949-1956, in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.), Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 37, München 1993

Schlösser, Marie Helene, Die Entstehungsgeschichte der NATO bis zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland, in: Lang, Peter u. a. (Hrsg.), Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Bd. 278, Frankfurt a. M./ Bern/ New York 1985

Schwarz, Hans Peter, Die Ära Adenauer, Gründerjahre der Republik 1949-1957,in: Bracher, Karl Dietrich u. a. (Hrsg.), Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 3, Stuttgart 1981

[...]


1 Vgl. Schlösser, Marie Helene, Die Entstehungsgeschichte der NATO bis zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland, in: Lang, Peter u. a. (Hrsg.), Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Bd. 278, Frankfurt a. M./ Bern/ New York 1985, S. 10ff

2 Vgl. Schlösser (Anm. 1), S. 15

3 Hillgruber, Andreas, Europa in der Weltpolitik der Nachkriegszeit (1945-1963), in: Bleicken, Jochen u. a. (Hrsg.), Oldenbourg, Grundriß der Geschichte, Bd. 18, München/ Wien 1979 Der gesamte Passus bezieht sich auf den gleichnamigen Passus bei Hillgruber, S. 39-55

4 Fleming, Denna Frank, zit. in: Deutsches Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.), Das atlantische Dilemma, Aggressivität und Krise der NATO 1949-1969, Berlin 1969, S. 19f

5 Vgl. Churchill, Winston, zit. in: Hillgruber (Anm. 3), S. 42

6 Ismay, NATO, The First Five Years 1949-1954, Utrecht 1955, S. 6 7

7 Vgl. Ismay (Anm. 6), S. 5

8 Vgl. Ismay (Anm. 6), S. 7

9 Die UdSSR hatte hier noch einmal die Zahlung von 10 Mrd. Dollar Reparationen und eine Teilhabe an einer Viermächtekontrolle des Ruhrgebiets als Bedingung für eine Verwirklichung der in Potsdam vereinbarten wirtschaftlichen Einheit Deutschlands verlangt.

10 Die Tschechoslowakei, die ihre Teilnahme schon angekündigt hatte, mußte diese sogar wieder zurückziehen.

11 Vgl. Hillgruber, (Anm. 3), S. 46

12 Vgl. Ismay (Anm. 6), S. 5

13 Der britische Außenminister Bevin sprach sich am 22.1.1948 in Abstimmung mit Marshall für die Bildung einer „Westunion“ aus

14 Vgl. Ismay (Anm. 6), S. 8

15 Vgl. Deutsches Institut für Zeitgeschichte (Anm. 4), S. 20

16 Vgl. Ismay (Anm. 6), S. 10

17 Vgl. Ismay (Anm. 6), S. 11

18 Maier, Klaus A., Wiggershaus, Norbert, Das Nordatlantische Bündnis 1949-1956, in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.), Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 37, München 1993, S. 17-30 Der gesamte Passus bezieht sich auf den gleichnamigen Passus bei Maier/ Wiggershaus

19 Vgl. Maier/ Wiggershaus (Anm. 18), S. 20

20 Vgl. Maier/ Wiggershaus (Anm. 18), S. 21

21 Vgl. Maier/ Wiggershaus (Anm. 18), S. 27

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Historische Rahmenbedingungen der NATO
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Seminar für Politische Wissenschaft
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V96720
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historische, Rahmenbedingungen, NATO, Seminar, Politische, Wissenschaft
Arbeit zitieren
Eva Schuster (Autor), 1999, Historische Rahmenbedingungen der NATO, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96720

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