Semantische Integration, Akzeptanz und Entlehnungsmotive von Anglizismen im Französischen


Seminararbeit, 1999

38 Seiten, Note: 1,0


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Inhalt

Vorbemerkung

1. Gliederung des Lehnguts
1.1 Vorbemerkungen
1.2 Gliederung des Lehnguts nach BETZ
1.2.1 Lehnwort im weiteren Sinn
1.2.2 Fremdwort
1.2.3 Lehnwort im eigentlichen Sinn
1.2.4 Teillehnwort
1.2.5 Lehnprägung
1.2.6 Lehnbedeutung
1.2.7 Lehnwendung
1.2.8 Lehnsyntax
1.2.9 Lehnbildung
1.2.10 Lehnschöpfung
1.2.11 Lehnformung
1.2.12 Lehnübersetzung
1.2.13 Lehnübertragung

2. Entlehnungsmotive
2.1 Motive für Neologismusbildung
2.2 Entlehnungsmotive
2.2.1 Häufigkeit
2.2.2 Homonymie
2.2.3 Bedürfnis nach Synonymen
2.2.4 Unzureichende semantische Differenzierung eines Wortes
2.2.5 Assoziationen mit der anderen Sprache
2.2.6 Nachlässigkeit
2.2.7 Sprachliche Kürze
2.2.8 Sprachliche Verhüllung

3. Semantische Integration von Lehnwörtern
3.1 Semantik des überkommenen Wortes
3.1.1 Vermischung mit dem Lehnwort
3.1.2 Verdrängung des alten Wortes zugunsten des neuen
3.1.3 Koexistenz der beiden Wörter bei Bedeutungsspezialisierung
3.2 Semantik des Lehnwortes
3.2.1 Reduktion der Polysemie
3.2.2 Bedeutungsveränderung
3.2.2.1 Einfache Bedeutungsübertragung
3.2.2.2 Anpassung an das Milieu
3.2.2.3 Vom Speziellen zum Allgemeinen
3.2.2.4 Vom Allgemeinen zum Speziellen
3.2.2.5 Wechsel der Konnotation
3.2.2.6 Wechsel des Sprachregisters
3.2.2.7 Ortsnamen für Dinge
3.2.3 Keine Bedeutungsveränderung

4. Akzeptanz von Anglizismen

5. Untersuchung einer Ausgabe des Jugendmagazins Salut
5.1 Vorbemerkung
5.2 Ergebnisse
5.2.1 Lexikalisierung
5.2.2 Anteile der Wortarten
5.2.3 Entlehnungsmotive
5.2.3.1 Neue Sache, neues Wort
5.2.3.2 Bedürfnis nach Synonymen
5.2.3.3 Unzureichende semantische Differenzierung eines Wortes
5.2.3.4 Assoziationen mit der anderen Sprache
5.2.3.5 Sprachliche Kürze
5.2.3.6 Sprachliche Verhüllung
5.2.5 Fazit

Anhang: Im Jugendmagazin Salut gefundene Anglizismen

Benutzte Literatur
Allgemeine Sekundärliteratur
Nachschlagewerke
Primäre Quellen

Vorbemerkung

Thema dieser Arbeit ist die semantische Integration von Lehnwörtern, die Motive für Entlehnungen allgemein, sowie die Akzeptanz von Anglizismen bei französischen Sprechern. Einleitend wird eine von mehreren Möglichkeiten vorgestellt, wie das Lehn- gut gegliedert werden kann. Im zweiten Kapitel werden Entlehnungsmotive beschrie- ben, bevor im dritten Kapitel die semantischen Prozesse dargestellt werden, denen die Lehnwörter und ihre autochthonen Entsprechungen unterliegen. Diese drei Kapitel be- ziehen sich zwar auf Entlehnungen allgemein, aber es wurde versucht, das Gesagte durch die Wahl der Beispiele auf französische Anglizismen zu beziehen. Anschließend wird in aller Kürze die Akzeptanz von Anglizismen in Frankreich beschrieben, bevor als Abschluß eine Ausgabe des Jugendmagazins Salut in bezug auf den Gebrauch von Anglizismen untersucht wird.

1. Gliederung des Lehnguts

1.1 Vorbemerkungen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Lehngut zu klassifizieren. PERGNIER zählt - sich auf Anglizismen beziehend - einige auf: „[...] domaines d’emploi, fréquence, degré d‘intégration, type d’interférence (lexicale, syntaxique, idiomatique, etc.)“.1 Lange vor ihm hat aber bereits MOSSE darauf hingewiesen, daß etwa eine Einteilung nach Themen keinen Wert für die Untersuchung von Anglizismen habe: „[...] cela ne renseigne nullement sur le mécanisme de l’emprunt, cela conduit à mettre sur le même plan des mots aussi divers que actuaire, bank-note, bond et ch è que, sous prétexte que ce sont des termes qui se rapportent à la finance.“2 Er fordert eine linguistische Einteilung und meint damit wohl eine Einteilung nach Integrationsart, denn das Anordnen von sinn- verwandten Wörtern gehört als Wortfeldanalyse schließlich mit zur Linguistik.

Es sind bereits einige solcher Einteilungen unternommen worden. BÄCKER stellt diese Bemühungen von den Anfängen 1875 bis 1970 sehr umfassend und gut nachvollziehbar dar, um schließlich ihre eigene Gliederung des Lehnguts vorzulegen.3

Sie faßt auch die Kriterien zusammen, nach denen das Lehngut bisher gegliedert worden ist, von denen die wichtigsten Substitution versus Übernahme, phonetische Ähnlichkeit mit dem Original und Ein- oder Mehrgliedrigkeit der Entlehnung sind.4 Wie sie betont, könnten nicht alle Kriterien gleich stark berücksichtigt werden, was die Differenzen der Modelle ausmacht.

Dabei zeigt sich, daß es unter den Linguisten hinsichtlich der Bezeichnung des äuße- ren Lehnguts nur kleinere Terminologieunstimmigkeiten gibt (z.B. Fremdwort versus Lehnwort). Ferner gibt es Differenzen bei der Entscheidung, ob und wenn ja wie sehr ein Wort verändert sein darf, um noch als Lehnwort/Fremdwort zu gelten: Ist phoneti- sche Anpassung an die Zielsprache erlaubt? Dürfen gebundene Morpheme ersetzt oder hinzugefügt werden?

Größere Abweichungen gibt es erwartungsgemäß bei der viel komplexeren Proble- matik des inneren Lehnguts, also bei all jenen Ausdrücken, die Bildungen oder Bedeu- tungen nach Anstoß durch eine andere Sprache in autochthonem Sprachgewand sind.

Wichtige Modelle bieten BETZ, HAUGEN, WEINREICH, CARSTENSEN, HÖFLER und schließlich BÄCKER selbst.5 Diese können in diesem Rahmen nicht alle beschrieben werden, zumal der guten Darstellung BÄCKERs inhaltlich nichts hinzuzufügen ist. Von allen Modellen ist ihres wohl am ausgefeiltesten.6 Da sich die vorliegende Arbeit aber schwerpunktmäßig auf das äußere Lehngut beziehen wird, soll hier ein sich an der ein- facheren, dafür aber übersichtlicheren Gliederung von BETZ orientierendes Schema ge- nügen.

1.2 Gliederung des Lehnguts nach BETZ

Die übersichtlichste Gliederung des Lehnguts scheint ein Schema zu sein, welches BETZ‘ Modelle von 19657 und von 19748 kombiniert, und als weitere Kategorie das von ihm den Lehnwörtern zugeschlagene Teillehnwort mit aufnimmt. Demnach ergibt sich folgendes Bild: [s. folgende Seite]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im folgenden sollen die von ihm verwandten Begriffe erläutert werden.

1.2.1 Lehnwort im weiteren Sinn

Unter dem Begriff ‚Lehnwort‘ faßt BETZ das gesamte äußere Lehngut einer Sprache zusammen. Hauptmerkmal des äußeren Lehnguts ist, daß fremdes Sprachmaterial laut- lich in die Zielsprache mit eingeht. Je nachdem, ob das neue Wort nun im Original be- lassen oder angepaßt wird, unterteilt BETZ die Lehnwörter noch einmal in drei Katego- rien, von denen aber nur zwei in seine Diagramme mit aufgenommen wurden: das Fremdwort und das Lehnwort im eigentlichen Sinn. Hinzu kommt das Teillehnwort.

Die Schwierigkeit bei dieser Einteilung liegt in der Entscheidung, ob ein Wort so klingt wie in der Gebersprache. Da alle französischen Wörter auf der letzten Silbe be- tont werden, fallen diejenigen mehrsilbigen Anglizismen dabei heraus, die im Engli- schen nicht auf der letzten Silbe betont werden - es sei denn, man wertete den Wortak- zent nicht als relevantes Aussprachemerkmal. Ferner muß man entscheiden, ob die un- terschiedliche Aussprache des /r/ von Belang ist. Letztendlich wird bei strenger Beurtei- lung kein Wort im Französischen so ausgesprochen wie im Englischen - schon allein die Vokale sind „verräterisch“. Auch Worte, die phonetisch gleich transkribiert werden, hören sich je nach Muttersprache des Sprechers unterschiedlich an. Man denke an deutsch Sohn und französisch zone: Beides wird als [zo:n] transkribiert, und dennoch gibt es Unterschiede bei der Aussprache (hauptsächlich bedingt durch einen geringeren Öffnungsgrad im Französischen).

1.2.2 Fremdwort

„Wird das Lehnwort in seiner fremden Lautgestalt bewahrt, so sprechen wir vom Fremdwort (Palais) [...].“9 Beispiele für Anglizismen sind stop!, big, boots, fan, scoop ‚Exklusivnachricht‘ und film. Dabei ist zu betonen, daß die Wörter nicht willentlich im Original belassen werden, sondern daß die Anpassung an das französische Phonemsystem in diesen Fällen keine entscheidenden Veränderungen bewirkt.

1.2.3 Lehnwort im eigentlichen Sinn

„[...] wird es [das Lehnwort] lautlich seiner neuen Umgebung angepaßt, [sprechen wir] von Lehnwort im eigentlichen Sinn (Pfalz, Palas, Palast).“10 Wie an BETZ‘ Beispielen zu sehen, kann sich die lautliche Anpassung auch in der Schreibung niederschlagen.

Französische Beispiele hierfür sind week-end, building, dealer, d é tective, gang, in terview und m é dia.

1.2.4 Teillehnwort

Es wurde bereits angesprochen, daß in der hier dargestellten Gliederung eine Kategorie ‚Teillehnwort‘ mit aufgenommen wurde, die BETZ zu den Lehnwörtern rechnet. Er ver- steht darunter Wörter, die zum Teil aus fremdem und zum Teil aus autochthonem Sprachmaterial gebildet sind.11 Es ist unklar, warum er diese gut abgrenzbare Kategorie nicht auch in seine Diagramme mit aufgenommen hat. Vielleicht war ihm eine gute Dif- ferenzierung des äußeren Lehnguts nicht so wichtig, weil sein Forschungsschwerpunkt das innere Lehngut war.

Teillehnwörter sind z.B. alle von Fremdwörtern abgeleiteten Verben, die ja ihre autochthonen Endungen haben, wie flasher sur, gadg é tiser und se shooter.

1.2.5 Lehnprägung

Lehnprägung beinhaltet das gesamte innere Lehngut, also Wörter und Syntagmata, die durch keinerlei äußere Merkmale mehr ihre Herkunft verraten. BETZ teilt sie in vier Hauptgruppen: Lehnbedeutung, Lehnwendung, Lehnsyntax und die wiederum unterteil- te Lehnbildung.

1.2.6 Lehnbedeutung

Zu einer Lehnbedeutung kann es kommen, wenn ein Wort, das mit einem fremdsprach- lichen bereits eine oder mehrere Bedeutungen teilt und noch eine weitere von ihm hin- zunimmt. Vielzitiertes Beispiel für einen französischen Anglizismus ist r é aliser, das ursprünglich nur ‚verwirklichen‘ bedeutete, von englisch to realise aber die Bedeutung ‚sich bewußt werden‘ hinzubekommen hat. Dabei müssen sich die Wörter nicht ähneln: papillon hat von englisch butterfly die Bedeutung ‚Schmetterlingsstil‘ übernommen.

1.2.7 Lehnwendung

„Lehnwendung ist die Nachbildung einer fremdsprachlichen Redensart: faire la cour ‚den Hof machen‘.“12

HUMBLEY zählt einige Beispiele für französische Entlehnungen aus dem Englischen auf,13 wobei auffällt, daß es einige davon auch im Deutschen gibt:

une é paule sur laquelle pleurer - a shoulder to cry on - ‚sich an jemandes Schulter ausweinen‘

un cadavre dans le placard - a skeleton in the cupboard - ‚eine Leiche im Keller haben‘

ê tre dans les souliers de quelqu ’ un - to be in somebody ’ s shoes - ‚nicht in jemands Schuhen stecken wollen‘

nager ou couler ensemble - sink or swim together

1.2.8 Lehnsyntax

Lehnsyntax ist die „Entlehnung syntaktischer Fügungen“.14 BETZ nennt als Beispiel Schillers doppelten Akkusativ in „Noch fühl ich mich denselben, der ich war“ als An- lehnung an das Lateinische.15 Das Aufspüren einer Lehnsyntax ist aber schwierig: „Meist ist es jedoch nicht möglich, einen eindeutigen Beweis hinsichtlich des anglo- amerikanischen Einflusses auf diese Erscheinungen zu erbringen, sondern man ist auch hier auf Hypothesen angewiesen.“16

HUMBLEY nennt als Fall von Lehnsyntax die Voranstellung einiger französischer Ad- jektive, z.B. im Ausdruck un virtuel é tat de si è ge, in dem virtuel die Lehnbedeutung ‚regelrecht‘ nach englischem Vorbild angenommen hat.17 Problematisch sind solche Fälle, weil es Voranstellung von Adjektiven ja auch unbeeinflußt vom Englischen gibt.

Ein anderes Beispiel ist die Nicht-Deklinierung von Adjektiven, wie in une laine soft.18 Aber auch hier gibt es urfranzösische Beispiele: des yeux noisette/bleu ciel, vos d é penses perso.19

1.2.9 Lehnbildung

„Mit Lehnbildung bezeichne ich die Neubildung eines Wortes aus dem Stoff der eigenen Sprache, aber durch den Anstoß eines fremden Vorbildes [...].“20 Es gibt drei Möglichkeiten: Das neugebildete Wort kann sich ganz oder teilweise auf das fremde stützen oder gar nichts mit ihm zu tun haben.

1.2.10 Lehnschöpfung

Letzteres ist bei der Lehnschöpfung der Fall: Hier hat das Vorhandensein eines Wortes in einer anderen Sprache, das keine Entsprechung in der Zielsprache hat, dazu geführt, daß ein Wort für dasselbe Konzept geformt wurde. Dieses Wort hat aber auf Morphem- ebene keine Gemeinsamkeit mit dem fremdsprachlichen Pendant. Als Beispiel führt BETZ das deutsche Wort ‚Umwelt‘ als Lehnschöpfung zu französisch milieu an.

Viele Beispiele finden sich auf den Listen, die von den Terminologiekommissionen zur Reinerhaltung der französischen Sprache herausgegeben werden und die Wörter beinhalten, welche an Stelle der Anglizismen verwandt werden sollen. Dort findet man z.B. balladeur für walkman, bouteur für bulldozer und effeuillage für strip-tease.

1.2.11 Lehnformung

Die Kategorie Lehnformung bildet den Gegensatz zur Lehnschöpfung: Hier lehnt sich das neue Wort also an das fremdsprachliche an. Es gibt wiederum zwei Möglichkeiten: die Lehnübersetzung und die Lehnübertragung.

1.2.12 Lehnübersetzung

Bei der Lehnübersetzung wird jedes Morphem übersetzt, wie z.B. bei französisch grat te-ciel als Lehnüberstzung zu englisch skyscraper geschehen.

1.2.13 Lehnübertragung

Die Lehnübertragung übersetzt den einen Teil des fremdsprachlichen Wortes und bildet einen eigenen zweiten Teil. BÄCKER nennt hierfür ein Beispiel aus dem Fußball: in coup de pied de r é paration für penalty kick ist kick genau übersetzt, für ‚Strafe‘ (penalty) wurde aber ‚Wiedergutmachung‘ eingesetzt.21

2. Entlehnungsmotive

2.1 Motive für Neologismusbildung

Die Gründe für Entlehnungen aus anderen Sprachen decken sich teilweise mit den Gründen für Neologismusbildung, denn Lehnwörter sind Neologismen: „Le mot emprunté est [...] un néologisme, c’est-à-dire une acception nouvelle introduite dans le vocabulaire d’une langue à une époque déterminée.“22

GUILBERT23 unterscheidet drei Motive für Neologismusbildung:

- N é ologie d é nominative (Bezeichnungsbedürfnis): Eine neue Sache oder ein neues Konzept wird eingeführt, für das noch kein Wort existiert.
- Cr é ation n é ologique stylistique (stilistische Variante): Der Neologismus soll den Rede- oder Schreibstil interessanter machen.
- N é ologie de langue (unbewußter Neologismus): Dem Produzenten des Neologismus ist nicht bewußt, daß seine Sprache nicht über einen bestimmten Ausdruck verfügt, weil das System ihn zuläßt. HELFRICH24 gibt als Beispiel das Wort ind é corable: Alle drei Morpheme des Wortes existieren, das Wort wird deshalb auch von jedem Sprecher verstanden, aber es ist in keinem Wörterbuch aufgeführt.

Dieses Schema, das unbewußte Neologismen als eigene Kategorie führt, ist so allerdings zu kritisieren. Es erscheint plausibler, die ersten beiden Kategorien nach bewußter und unbewußter Schöpfung zu unterteilen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Entlehnungsmotive

Die für Neologismen allgemein gefundene Einteilung wird auch auf Anglizismen an- gewandt. Man spricht hier von emprunt de n é cessit é und emprunt de luxe, wobei der erste Begriff dem Bezeichnungsbedürfnis entspricht und der zweite der stilistischen Variante. SPENCE kritisiert jedoch diese Einteilung: Sie sei „peu précise et au fond un peu naïve: si un mot est accepté par une communauté linguistique, cela montre qu’il n‘était pas sans utilité.“25 Daß diese Zweiteilung in notwendige und stilistische Entlehnungen ungenau ist, ist nicht zu bestreiten. SPENCE scheint aber Notwendigkeit und Nützlichkeit zu verwechseln: Er kritisiert die Kategorisierung mit dem Hinweis, jede Entlehnung sei auch nützlich. Das stimmt, aber nicht jede ist notwendig (z. B. wenn die Deutsche Telekom Ferngespräche in German calls umbenennt). Man nennt also mit Recht jene Entlehnungen emprunts de luxe.

Es bleibt das Problem der mangelhaften Präzision. Kann man die Entlehnungsmotive noch genauer unterteilen und beschreiben? Für die emprunts de n é cessit é erscheint das nicht notwendig: Es wird entlehnt, weil man einen Namen für eine neue Sache braucht. Man kann allenfalls versuchen zu erklären, warum bei einigen Dingen der Name mit übernommen wird und bei anderen nicht, und man kann die Lehnwörter Sachgebieten zuordnen, wie DEROY es tut.26 Damit erklärt man jedoch nicht das Motiv der Entleh- nung.

Dagegen kann man Entlehnungsmotive für die emprunts de luxe sehr wohl klassifi- zieren, die wie erwähnt nicht wirklich notwendig, jedoch nützlich sind und die aus viel- fältigen Beweggründen entlehnt werden. WEINREICH27 liefert eine hervorragende Dar- stellung.

Zunächst einmal stellt er fest, daß man bei den Entlehnungsmotiven zwischen sol- chen ein- und zweisprachiger Sprecher unterscheiden müsse.28 Mit Einsprachigkeit meint WEINREICH sicherlich fehlende Kenntnisse in der Gebersprache der untersuchten Entlehnung. Auch ein Franzose, der englisch, deutsch und schwedisch spricht, wäre in einer Untersuchung russischer Lehnwörter im Französischen als einsprachig in Bezug auf das Russische anzusehen.

Der Unterschied zwischen Ein- und Zweisprachigen ist, daß „der Einsprachige beim Auffüllen seines Vokabulars auf das überkommene lexikalische Material und auf das angewiesen ist, was zufällig gerade an Lehnwörtern an ihn weitergereicht wird, [während] dem Zweisprachigen die andere Sprache als eine beständig benutzbare Quelle für lexikalische Neuerungen zur Verfügung [steht]“.29

Es gibt laut WEINREICH drei Motive, aufgrund derer sowohl Ein-, als auch für Zwei- sprachige Entlehnungen benutzen. Diese Motive sind sprachintern. Drei weitere Entleh- nungsmotive treffen nur für Zweisprachige zu.30 Dabei stellt es eine logische Härte dar, wenn man von Entlehnungsmotiven für Einsprachige spricht: Ein Einsprachiger kann gar nicht entlehnen. Er kann, wie WEINREICH feststellt, nur Wörter benutzen, die ein Zweisprachiger entlehnt und an ihn weitergegeben hat. Man dürfte also bei Einsprachi- gen nicht von Entlehnungsmotiven sprechen, sondern vielmehr von Gründen, aufgrund derer Einsprachige Entlehnungen benutzen. Der Einfachheit halber, und weil diese Mo- tive auch für die Zweisprachigen gelten, soll auf diese Unterscheidung verzichtet wer- den.

2.2.1 Häufigkeit

Ein sprachinterner Entlehnungsgrund ist die geringe Häufigkeit bestimmter Wörter. Laut WEINREICH ist erwiesen, daß einem häufige Wörter schneller einfallen als seltene, was auch plausibel ist. Seltene Wörter, etwa spezielle Werkzeugbezeichnungen, sind daher anfälliger dafür, durch ein Lehnwort verdrängt zu werden. Symptom für die Seltenheit eines Wortes ist oft seine hohe dialektale Varianz, z. B. bei den Bezeichnungen für ‚Tannenzapfen‘ in den Vogesenmundarten.31 Solche Wörter sind so selten, daß sie nicht häufig genug auch zwischen Sprechern unterschiedlicher Mundarten benutzt werden und deshalb einer geringeren Regulierung unterliegen. Im Fall des Tannenzapfens wurde schließlich das französische pomme de sapin entlehnt.

Natürlich werden seltene Wörter nicht grundsätzlich durch Lehnwörter ersetzt; hier ist die Verdrängung nur wahrscheinlicher.

2.2.2 Homonymie

Ebenfalls ein sprachinternes Entlehnungsmotiv ist Entlehnung zwecks Auflösung von Homonymen. Eines der Homonyme wird dann durch das Lehnwort ersetzt. Dieses Mo- tiv erscheint sehr plausibel, aber WEINREICH zählt mehr Fälle auf, in denen gerade durch die Entlehnung Homonyme entstanden sind, teilweise sogar zu obszönen Wörtern.32

Man kann also nachträglich sehr einleuchtend begründen, daß ein bestimmter Aus- druck entlehnt worden ist, um eine bestehende Homonyme zu tilgen, jedoch kann man niemals für ein Homonym vorhersagen, daß es irgendwann durch eine Entlehnung er- setzt werden wird.

2.2.3 Bedürfnis nach Synonymen

Für bestimmte Wortfelder gibt es ein „dauerndes Bedürfnis nach Synonymen, sozusa- gen ein ‚onomasiologisches Tief‘“.33 Diese Synonyme dienen dazu, den eigenen Stil interessant zu machen. Besonders jüngere Sprecher versuchen ständig, Ausdrücke zu benutzen, die den anderen noch unbekannt sind. Es wird als genugtuend empfunden, wenn die anderen über den Ausdruck lachen oder ihn in ihr Vokabular aufnehmen. Be- sonders groß ist das Synonymbedürfnis laut WEINREICH in den Wortfeldern ‚Reden‘, ‚Schlagen‘, ‚Schlafen‘, ‚Größe des Wuchses‘ und ‚Häßlichkeit‘.34 Hinzuzufügen wären wohl noch ‚Schönheit‘, ‚Müdigkeit‘, ‚Überdruß‘, ‚Geld‘ und v.a. ‚Sexualität‘.

Es ist nicht so, daß auf der Suche nach Synonymen verstärkt fremdsprachliche Ausdrücken gewählt würden. Die starke lexikalische Produktivität macht es aber besonders wahrscheinlich, daß in diesen Wortfeldern auch entlehnt wird.

2.2.4 Unzureichende semantische Differenzierung eines Wortes

Nun kommen wir zu den Entlehnungsgründen, die nur Zweisprachige betreffen.

Bei jenen kommt es vor, daß sie aufgrund ihrer Kenntnis einer anderen Sprache sich entweder bewußt sind, oder zumindest doch unbewußt spüren, daß die eine Sprache semantische Differenzierungen bietet, die die andere nicht aufzuweisen hat. Um diesen Mangel aufzuheben, kann entlehnt werden.35

Ein Beispiel für einen so motivierten französischen Anglizismus ist mug. Erläuterung s. unter 5.2.3.3 (S. 30).

2.2.5 Assoziationen mit der anderen Sprache

Oft sind mit einer anderen Sprache positive oder negative Assoziationen verbunden, die Entlehnungen fördern: „Wenn eine der Sprachen besonderes Prestige besitzt, wird der Zweisprachige gern solche Wörter benutzen, die merklich Lehnwörter aus dieser Sprache sind, um damit den Sozialstatus herauszustreichen, den die Kenntnis dieser Sprache symbolisiert.“36 Dieses Motiv trifft in besonderen Maße auf Anglizismen zu - ob im Französischen oder im Deutschen. Die USA, die ja meist der Lieferant der Lehnwörter sind (und nicht etwa Großbritannien), gelten als fortschrittlich. Durch die Benutzung von Anglizismen will man diese Eigenschaft für sich beanspruchen.

Besonders häufig trifft man solche vielfach als snobistisch bezeichneten Anglizismen in der Journalistensprache. SCHÜTZ tituliert sie als „sprachlichen Schwulst“.37

Aber die Assoziationen mit einer Sprache, bzw. mit dem Ursprungsland der Sprache, müssen nicht unbedingt positiv sein, um Entlehnugen zu fördern. Lehnwörter aus nega-tiv konnotierten Sprachen finden sich entsprechend in negativ besetzten Wortfeldern, z.B. ‚Häßlichkeit‘, ‚Plumpheit‘ und dergleichen. WEINREICH nennt tschechische Entleh-nungen ins Sudetendeutsche und deutsche Entlehnungen ins Tschechische.38

Ferner wird mit Entlehnungen aus „negativen Sprachen“ teilweise ein komischer Ef-fekt bezweckt.39 Ein Beispiel hierfür findet sich in einer französischen Männerzeit-schrift: „Il n’y a qu’en Allemagne que l’on trouve des autocollants dans les toilettes avec un croquis signifiant ‚pipi debout verboten‘ barré de rouge.“40

2.2.6 Nachlässigkeit

Dieses letzte von WEINREICH angeführte Entlehnungsmotiv bezieht sich auf zweisprachige Sprecher, die voneinander wissen, daß die anderen ebenfalls zweisprachig sind: „In affektiver Rede, wenn die Aufmerksamkeit des Sprechers fast vollkommen von der Form der Mitteilung weg und auf ihren Inhalt hin gelenkt ist, findet der Transfer von Wörtern stets besondere Verbreitung.“41

Ein Beispiel habe ich selbst beobachtet, als ein Freund mir über einen Punkt in mei- nem Thesenpapier gesagt hat, dieser sei noch zu flou. Er hätte genausogut schwammig sagen können, was ihm in dem Moment nicht einfiel. Da er aber wußte, daß ich auch flou verstehen würde, hat diese Entlehnung die Kommunikation vereinfacht und be- schleunigt.

Es ist vielleicht angebrachter, WEINREICHs pejorativen Ausdruck ‚Nachlässigkeit‘ durch ein neutraleres ‚sprachliche Kürze‘ oder ‚Gesprächsbeschleunigung unter Zweisprachigen in informeller Rede‘ zu ersetzen.

2.2.7 Sprachliche Kürze

Es ist eine Tatsache, daß Sprache stets nach Kürze strebt. So kommt es zur Auslassung von Lauten, Silben oder ganzen Wörtern. Weiteres „Einsparungspotential“ ergibt sich durch die Entlehnung von Wörtern, die kürzer sind als die autochthone Entsprechung.

Dies ist ein Punkt, den PERGNIER sehr ausschweifend behandelt.42 Ihm zufolge entleh- nen Franzosen bewußt hauptsächlich Ein- und Zweisilber. Als Begründung führt er aber statt einer Silbenauszählung englischer Wörter lediglich eine Liste von ein- und zwei- silbigen Beispielwörtern an, der er eine kürzere Liste aus dreisilbigen gegenüberstellt.43 Es steht außer Frage, daß mehr wenigsilbige Wörter entlehnt worden sind als mehrsilbi- ge, aber es darf bezweifelt werden, daß dies willentlich geschehen ist: Es erscheint plau- sibler, daß schon allein deshalb mehr kurze Wörter unter den Anglizismen sind, weil die englische Sprache davon mehr enthält als längere. Dennoch ist es nicht unwahrschein- lich, daß die Kürze der Anglizismen ein fördernder Faktor für Entlehnungen aus dem Englischen ist: „Evidemment, la brièveté n’est pas toujours le seul facteur [...], mais c’est un facteur qui [...] est assez important en français parlé.“44 SPENCE gibt einige Bei- spiele an - teilweise HARMER zitierend -, in denen ein Anglizismus kürzer ist als ein tatsächlich auch gebräuchliches französisches Äquivalent: star~vedette, team~ é quipe, test~ é preuve, lift~ascenseur, bar~bistrot, gag~effet comique.45

Ein weiteres Mittel zur Sprachbeschleunigung ist die Wortverkürzung (frz. troncati- on), z. B. ampli(ficateur), moto(cycle), r é cr é (ation), prof(esseur). Diese ist aber nur dann möglich, wenn das entstehende Wort kein störendes Homonym hat. Es kann also nicht jedes beliebige Wort verkürzt werden. Bei entlehnten Wörtern entsteht so eine Homonymie besonders selten, weil sich die fremdsprachlichen Wörtern ja meist aus einem ganz anderen Morpheminventar zusammensetzen. Entsprechend häufig werden englische Lehnwörter auch verkürzt. PERGNIER gibt u.a. folgende Beispiele (in Klam- mern der englische Originalausdruck): parking (parking lot), camping (camping ground), flash (flash-light), self (self-service restaurant).46 Daß diese Wortverkürzung möglich ist, dürfte die Entlehnungen stabilisieren.

2.2.8 Sprachliche Verhüllung

Lehnwörter können als Euphemismen dienen, d.h. helfen, mit Tabus belegte Sachverhalte und Dinge nicht bei ihrem eigentlichen Namen zu nennen. SCHÜTZ nennt als französische Anglizismen in dieser Funktion birth-control und slip, welches das französische cache-sexe ersetzt hat.47

In der Reklamesprache gibt es Anglizismen, „die es erlauben, leichtgläubigen oder sprachlich ungebildeten Kunden sei es vorteilhafte Eigenschaften der angebotenen Ware vorzutäuschen, sei es unvorteilhafte zu verbergen“.48 Aus Beschreibungen elektroni- scher Geräte kennt man diese Funktion von Anglizismen auch im Deutschen nur zu gut. SPENCE faßt zusammen: „[...] ce n’est évidemment pas le désir de se faire comprendre qui domine l’entreprise.“49

3. Semantische Integration von Lehnwörtern

Wie in 2.2 besprochen, gibt es zwei Hauptgruppen von Lehnwörtern: emprunts de n é cessit é und emprunts de luxe. Erstere werden als signifiants zusammen mit ihrem signifi é, welches bis dato in der Zielsprache noch nicht existierte, in sie übernommen. Es gibt mithin kein konkurrierendes autochthones Wort. Dies ist aber bei den Luxuslehnwörtern der Fall. Wie hier das Lehnwort und sein zielsprachliches Pendant semantisch miteinander interagieren, soll in 3.1 besprochen werden.

In 3.2 werden dann die semantischen Prozesse des Lehnworts diskutiert, die unab- hängig davon ablaufen, ob es sich um ein emprunt de luxe oder ein emprunt de n é cessit é handelt.

3.1 Semantik des überkommenen Wortes

WEINREICH beschreibt - als einziger der konsultierten Autoren in dieser Deutlichkeit - die drei Möglichkeiten, die es beim Aufeinandertreffen des Lehnworts und seiner auto- chthonen Entsprechung gibt: Der Gebrauch des alten Wortes kann sich mit dem Lehn- wort vermischen, es kann zugunsten des Lehnwortes verdrängt werden, und beide Wör- ter können weiterhin koexistieren, allerdings unter Bedeutungsdifferenzierung.

3.1.1 Vermischung mit dem Lehnwort

Ist ein Lehnwort seinem „Partnerwort“ semantisch sehr ähnlich, können die beiden abwechselnd gebraucht werden - eben als Synonyme. Jedoch „[ist] Vermischung der Gebrauchsweisen oder auch vollständige Übereinstimmung des Inhalts zwischen altem und neuem Wort wahrscheinlich auf die frühen Phasen des jeweiligen Sprachkontaktes beschränkt.“50 Beispiele sind living(-room)~(salle de) s é jour, script~sc é nario, byte~octet, net~toile und star~vedette. Im Deutschen wären Computer ~Rechner, Flyer ~Flugblatt oder Paper ~Thesenpapier zu nennen.

Die Beispiele aus der Informatik und der Elektronik sind jedoch problematisch, weil sie oft emprunts de n é cessit é darstellen, d.h. das Wort ist mit der Sache in die Sprache gekommen. Es kann somit gar kein autochthones Äquivalent geben. Das französische bzw. deutsche Wort ist in diesen Fällen ebenfalls eine Entlehnung, allerdings eine im autochthonen Gewand (Lehnübersetzung oder -übertragung).

Dasselbe gilt für script~sc é nario: Sc é nario existiert zwar als italienisches Lehnwort schon seit dem 16. Jh. mit der Bedeutung ‚Theaterhandlung‘, nimmt aber erst mit dem Aufkommen des Films Anfang des 20. Jh.s die Bedeutung ‚Filmhandlung‘ an. Gleichzeitig wird wohl auch script entlehnt worden sein. Sc é nario war also schon vorher da, aber nicht in dieser Bedeutung.

Anzumerken ist, daß „[es] in jedem dieser Fälle geschehen [kann], daß eines der Wörter sich als Ausdruck des gesamten Inhalts durchsetzt und das andere aufgegeben wird.“51 Dann kommt es zur:

3.1.2 Verdrängung des alten Wortes zugunsten des neuen

Beispiele sind im Französischen business~commerce/affaire(s), score~r é sultat und im Deutschen: CD-Player ~CD-Spieler, Tapedeck ~Kassettendeck, Box 52 ~Lautsprecher, Play(taste)~Wiedergabe(taste).

Die Entscheidung, ob ein Wort bereits als verdrängt zu gelten hat oder nicht, ist schwierig, denn man wird auch das alte Wort noch gelegentlich geschrieben sehen. Da- durch ist es auch noch Teil des passiven Vokabulars der Sprecher. Dennoch muß es in so einem Fall, wenn es nicht mehr aktiv gebraucht wird, als verdrängt gelten, denn es gilt das Primat der gesprochenen Sprache. Dazu schreibt WEINREICH: „[...] jeder, der einmal erlebt hat, wie ein Amerikaeinwanderer bei der Erwähnung eines Wortes aus der alten Heimat plötzlich lächelt und den Kommentar von sich gibt: ‚Das höre ich jetzt zum erstenmal wieder, jetzt nach dreißig Jahren‘, der wird wissen, wie radikal die Ver- drängung eines Wortes sein kann.“53

Bei einigen der Beispiele dürfte der Verdrängungsprozeß allerdings noch in Gang sein.

3.1.3 Koexistenz der beiden Wörter bei Bedeutungsspezialisierung

Die dritte mögliche Konsequenz des Zusammenpralls von Lehnwort und autochthonem Wort ist die Spezialisierung ihrer Bedeutungen. Diese „[...] betrifft, wenn beide überleben, [...] normalerweise sowohl das alte Wort als auch das Lehnwort.“54

Beispiele sind building~b â timent: Das Lehnwort bezeichnet nur Hochhäuser, das französische Gebäude allgemein. Hier hat sich allerdings nur das Lehnwort spezialisiert.

Als Sonderfall gibt es eine Spezialisierung nicht der Bedeutung der Wörter, sondern der Sprecher, die sie benutzen: So bedeuten script und sc é nario zwar wie unter 3.1.1 gesagt das gleiche, script wird aber vorwiegend von Filmfachleuten gebraucht, während normale Sprecher eher sc é nario sagen würden.

3.2 Semantik des Lehnwortes

Was aber geschieht bei der Integration eines Wortes in eine andere Sprache mit dem Lehnwort selbst? Wird es einfach mit seiner ursprünglichen Bedeutung transferiert, oder unterliegt es Veränderungsprozessen? Laut DEROY geschieht dies nur manchmal: „Outre les adaptations phonétiques et morphologiques, l’emprunt d’un mot entraîne aussi quelquefois des modifications sémantiques.“55 PERGNIER sieht semantische Veränderungen bei fast allen Entlehnungen: „[...] dans l’immense majorité des cas, le signifié d’un emprunt est non identique à celui du mot anglais lui ayant donné naissance.“56 Wenn man die unter 3.2.3 angesprochenen Internationalismen nicht be- rücksichtigt, die eine große Anzahl ausmachen, dürfte PERGNIER recht haben. Im fol- genden sollen die wichtigsten semantischen Veränderungen besprochen werden.

3.2.1 Reduktion der Polysemie

Die meisten Wörter einer Sprache sind Polyseme. Die verschiedenen Bedeutungen ha- ben sie im Lauf der Zeit angenommen: Beim Eintritt in die Sprache hatten sie nur eine Bedeutung. Dieser Eintritt läßt sich bei Wörtern des alten Sprachfundus (Erbwörtern) nicht immer leicht nachvollziehen. Dies ist dafür bei Neologismen und eben bei Lehn- wörtern möglich, anhand derer man Sprachentwicklung sozusagen live mitverfolgen kann: Auch sie kommen normalerweise als Monoseme in die Sprache, können aber in ihrer weiteren Entwicklung oder durch erneute Entlehnung desselben Wortes mit ande- rer Bedeutung wieder polysem werden. Wenn sie in der Gebersprache polysem waren, bedeutet eine Entlehnung zunächst aber, daß sie ihre anderen Bedeutungen verlieren. Man spricht hier von r é duction de la polys é mie 57 oder von einer simplification du sens originel. 58 Als Beispiel sind hier graphisch die Hauptbedeutungen des englischen Wor- tes coach aufgeführt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ins Französische entlehnt worden ist es nur in der Bedeutung ‚Trainer‘. Aus dem englischen Polysem ist ein französisches Monosem geworden.

Engl. spot ist ein Beispiel für ein Wort, das zweimal entlehnt wurde und somit im Französischen disem ist. Spot bedeutet im Englischen ‚Punkt‘, ‚Fleck‘, ‚Pickel‘, ‚Stel- le‘, ‚Makel‘, ‚ein bißchen‘, ‚Klemme‘ (figurativ), ‚Bühnenscheinwerfer‘ und ‚Werbe- spot‘. Im Französischen hat es die beiden letzten Bedeutungen. Diese Disemie ist aber wie gesagt nicht auf Weiterentwicklung des Monosems im Französischen zurückzufüh- ren, sondern auf doppelte Entlehnung. Diese kann gleichzeitig oder sukzessive erfol- gen.59

Als Beispiel für einen Anglizismus, der durch eigene Entwicklung wieder polysem geworden ist, läßt sich frz. baby anführen, das zunächst 1841 in der Ursprungsbedeu- tung ‚Baby‘ eingeführt worden ist, seit 1950 auch in der Bedeutung ‚sehr klein‘ adjekti- visch gebraucht werden kann (das englische Adjektiv lautet dagegen babyish) und sogar den bekannten falschen Anglizismus baby-foot ‚Tischfußball/Kicker‘ hervorgebracht hat.60

3.2.2 Bedeutungsveränderung

Unabhängig davon, ob eine oder mehrere Bedeutungen eines Wortes entlehnt werden, kommt es in vielen Fällen zu einer Bedeutungsveränderung. Diese kann man in mehrere Kategorien einteilen.

3.2.2.1 Einfache Bedeutungsübertragung

Die Bedeutung eines Lehnwortes kann von einem Konzept (Gegenstand, Person,...) auf ein anderes ohne Wechsel des Registers o.ä. übergehen. Hier lassen sich wiederum zwei Fälle unterscheiden: Der Bedeutungswechsel kann aufgrund der Ähnlichkeit der Konzepte vonstatten gehen oder aufgrund ihrer kontextuellen Nähe (Kontiguität).

Ein Beispiel für den ersten Fall (Ähnlichkeit der Konzepte) ist das Wort poster, das laut PERGNIER im englischen nur ‚Plakat‘ bedeutet, im französischen jedoch ‚Poster‘.61

Es ist jedoch schwierig, eine Übertragung wegen der Ähnlichkeit der Konzepte von einer Eingrenzung der Bedeutung (s. 3.2.2.4) zu unterscheiden.

Bedeutungsübertragung aufgrund von Kontiguität fand beispielsweise bei der Über- tragung des altnordischen Wortes br ú dhmadhr ins Normannische statt, wo es im 16. Jh. als bruman oder brument belegt ist. Es bedeutete ursprünglich ‚Trauzeuge‘, im Nor- mannischen aber ‚Bräutigam‘. Beide Konzepte stehen in engem kontextuellem Zusam- menhang: Das eine gibt es nicht ohne das andere, und wenn man vom Trauzeugen spricht, erwähnt man wohl meist im selben Gespräch auch den Bräutigam. Zusätzlich kann bei diesem Beispiel allerdings auch die lautliche Ähnlichkeit zu frz. bru ‚Schwie- gertochter‘ mitgewirkt haben.62

3.2.2.2 Anpassung an das Milieu

Hier läßt sich das lateinische Wort iumentum ‚Lasttier‘ anführen, das in Spanien zu jumento ‚Esel‘ geworden ist und in (zunächst Nord-) Frankreich zu jument ‚Pferdestute‘. Dieser Bedeutungswechsel spiegelt wider, welche Tiere in den beiden Länder früher am stärksten landwirtschaftlich genutzt wurden.63

3.2.2.3 Vom Speziellen zum Allgemeinen

Einige Lehnwörter erfahren in der Zielsprache eine Ausweitung ihrer Bedeutung oder - je nach Betrachtungsweise - einen Nuancenverlust:64 Das ursprünglich sehr spezielle Konzept kann benachbarte Konzepte miteinschließen. Dies ist der Fall bei square: Im Englischen ist dies außer einem Quadrat u.a. auch ein quadratischer Platz (wie der Londoner Trafalgar Square). Im Französischen ist square aber nur noch ein von Straßen und oft einem Zaun umgebener Platz.65 Das Wort hat an Spezifität verloren - aber nicht unbedingt an Bedeutung, wie PERGNIER meint.66

3.2.2.4 Vom Allgemeinen zum Speziellen

Andere Lehnwörter werden in ihrer Bedeutung eingeengt. Ein Beispiel dafür ist buil ding, das im Englischen ‚Gebäude‘ allgemein bedeutet, im Französischen aber ‚Hochhaus‘, also eine bestimmte Art von Gebäude.

3.2.2.5 Wechsel der Konnotation

Eine besondere Art der Bedeutungsveränderung ist die Veränderung der mit dem Wort verbundenen Konnotationen. Ein Wort kann sich „verbessern“, also von pejorativ oder neutral nach neutral oder positiv gehen, oder sich umgekehrt „verschlechtern“ und eine neutrale oder negative statt der positiven oder neutralen Konnotation bekommen. Diese Konnotationsveränderungen können - müssen aber nicht - mit der unter 2.2.5 ange- sprochenen allgemeinen Konnotation zusammenhängen, die mit einer Sprache verbun- den ist.

Beispiel für eine „Verschlechterung“ ist gang, das im Englischen neutral ‚Schar‘, ‚Clique‘ heißt, im Französischen aber ausschließlich eine Verbrecherbande bezeichnet.

3.2.2.6 Wechsel des Sprachregisters

„Eine weitere Möglichkeit, wie Lehnwörter sich spezialisieren können, besteht in ihrer Ausrichtung auf bestimmte Stillagen.“67 Zwar ist auch hier - wie bei der vorangegange- nen Kategorie - oft das Lehnwort mit bestimmten Konnotationen belegt. Wahrend sie dort aber nur das Wort selber betreffen, ist jetzt die Rede davon, daß einige Lehnwörter nur in bestimmte Sprachregister eingehen. Diese können umgangssprachlich sein, etwa argot, aber auch z.B. fachsprachlich. WEINREICH nennt griechische Lehnwörter, die in den europäischen Sprachen meist in die wissenschaftliche Sprache entlehnt werden.68

3.2.2.7 Ortsnamen für Dinge

DEROY geht auf eine letzte Kategorie von Bedeutungswechseln ein, die metonymisch gebrauchter Ortsnamen. Als Beispiele aus englischsprachigen Ländern führt er folgende Wörter an: bristol ‚Zeichenpapier‘/‚Visitenkarte‘, charleston ‚Charleston‘, jersey ‚Jer- sey(-bluse)‘, maryland ‚Virginia‘ [!], rugby ‚Rugby‘.69 Hierbei fällt auf, daß sich in den meisten Fällen das französische Wort mit der „deutschen“ Übersetzung deckt. Ist in solchen Fällen tatsächlich davon auszugehen, daß die Ortsnamen erst im Ausland, also nach der Entlehnung Sachbezeichnungen geworden sind, wie DEROY sagt?70 Das hieße ja, daß die Deutschen in all diesen Fällen zufällig die gleiche Idee gehabt hätten wie die Franzosen, bzw. daß Deutsche und Franzosen diese Wörter voneinander entlehnt hätten. Plausibler erscheint es, daß die Ortsnamen ihre metonymische Bedeutung bereits im Englischen bekommen haben und „fertig“ transferiert worden sind. In diesem Fall wären sie bei einer Untersuchung von Lehnwörtern uninteressant.

3.2.3 Keine Bedeutungsveränderung

Diesen Fall gibt es im Prinzip nur bei Monosemen.71 Das Inventar einer Sprache an Monosemen beschränkt sich jedoch meist auf Neologismen, da die meisten Wörter im Verlauf der Zeit Polysemierung erfahren (s. 3.2.1). Diese entlehnten Neologismen sind oft wissenschaftliche Wörter.72 Sie bezeichnen so konkrete Dinge oder Sachverhalte, daß gar kein Raum für Bedeutungsveränderung bleibt.

Im Hinblick auf solche wissenschaftlichen Wörter, etwa die Namen chemischer Ele- mente wie berk é lium, californium oder einsteinium, ist diskutiert worden, ob es sich hierbei um Anglizismen handelt. HÖFLER vertritt dies, und teilweise werden solche Wörter in Anglizismenwörterbüchern auch genannt.73 Er nennt dabei als weiteres Bei- spiel das Wort Phrenologie, das von zwei deutschen Wissenschaftlern geprägt wurde - schriftlich allerdings zunächst auf englisch.74 HÖFLER fragt nun, ob es in einem solchen Fall korrekt sei, dem Wort eine englische Herkunft zu bescheinigen, obwohl es zwi- schen den beiden Deutschen vermutlich zuerst auf deutsch geprägt worden ist. Diese Frage erscheint reichlich absurd: Die wissenschaftliche Sprache verfügt über einen re- gelrechten „Morphembaukasten“, aus dem sich jeder Wissenschaftler bedienen kann, wenn er eine Neuerung zu beschreiben hat. Jedes Morphem hat seine genaue Entspre- chung in den anderen Sprachen, so daß auch jemand, der diese kaum beherrscht, solche Worte übersetzen kann. Das Wort Phrenologie würde entsprechend auf englisch phre- nology heißen, auf französisch phr é nologie, auf niederländisch frenologie, auf spanisch frenolg í a, usw. Auch wenn die meisten wissenschaftlichen Ausdrücke zuerst in der For- schungssprache englisch formuliert werden, sollte man diese sprachwissenschaftlich recht uninteressanten (weil vorhersehbaren) „Internationalismen“ oder „Szientifismen“ aus der Anglizismus-Diskussion heraushalten.

4. Akzeptanz von Anglizismen

Die Akzeptanz von Anglizismen (und auch anderer sprachlicher Phänomene) läßt sich sowohl direkt als auch indirekt untersuchen: direkt durch Befragung von Sprechern oder - besser noch - durch die Analyse sprechsprachlicher Korpora, welche natürlich die authentischsten Ergebnisse liefert, dafür aber sehr aufwendig ist. Indirekt kann man Sprache an geschriebenem Material untersuchen, was weniger Aufwand erfordert.

REY-DEBOVE hat 1987 die Anglizismen im von ihr herausgegebenen Petit Robert 1 ausgezählt und ihren Anteil auf 2,5 % bestimmt (1500 von 59000 Einträgen).75 Dabei ist zu erwarten, daß sich dieser Anteil bis heute weiter erhöht hat, zumal Wörterbücher träge sind in dem Sinn, daß sie Neologismen oft erst nach Jahren aufgreifen und somit einen alten Sprachzustand beschreiben, s. Kapitel 5.2.1. Zudem trägt der Petit Robert 1 nicht den Fachsprachen Rechnung, etwa der der Informatik und der Elektronik, die zum Teil erheblich höhere Anglizismenanteile aufweisen dürften, was REY-DEBOVE selbst einräumt.76 Sie gibt leider nicht an, ob sie auch französische Wörter mit englischer Lehnbedeutung wie r é aliser und papillon mitgezählt hat.77 Wenn nicht, würde das den tatsächlichen Anglizismenanteil noch weiter erhöhen.

Aber selbst die ermittelten 2,5% sind Zeugnis einer massiven Entlehnung und Beleg für eine große Akzeptanz: Würden die Anglizismen nicht gut akzeptiert, gäbe es nicht so viele.

Den direkten Untersuchungsweg hat GUILFORD eingeschlagen:78 Er hat zwei Umfra- gen unter Pariser Studenten gemacht, die er in zwei Gruppen à 30 Personen eingeteilt hat. Eine Gruppe sollte zwölf englische Lehnwörter den von Terminologiekommissio- nen vorgeschlagenen Übersetzungen zuordnen und sagen, welche Variante sie vorzie- hen: Es wurde in 73 % der Fälle das Lehnwort vorgezogen. Das bedeutet, daß die engli- schen Lehnwörter gut in der Sprache dieser Bevölkerungsgruppe verankert sind.

Eine andere Gruppe sollte Lehnwörter und ihre französischen Entsprechungen definieren. Das Ergebnis fiel eindeutig zugunsten der Anglizismen aus: Es wurden 63 % der entlehnten Wörter korrekt definiert, aber nur 10,5 % der französischen.

Sowohl direkte als auch indirekte Untersuchungsmethoden konnten also belegen, was im Grunde auch von niemandem bezweifelt wird: Anglizismen sind integraler Bestandteil der französischen Sprache.

5. Untersuchung einer Ausgabe des Jugendmagazins Salut

5.1 Vorbemerkung

Es wurde die Februar-Ausgabe 2000 des monatlich erscheinenden Jugendmagazins Sa lut79 auf Anglizismen untersucht. Die Wahl viel deshalb auf eine Jugendzeitschrift, weil aufgrund des Adressatenkreises ein hoher Anglizismenanteil zu erwarten war. Dieser wäre auch bei Elektronik- oder Informatik-Fachzeitschriften anzutreffen. Solches Vokabular ist aber sehr fachspezifisch, und die Untersuchung einer mehr oder weniger gemeinsprachlichen Zeitschrift erschien interessanter.

5.2 Ergebnisse

Es wurden insgesamt 181 Anglizismen gefunden, die im Anhang einzusehen sind. Im folgenden soll dargestellt werden, zu welchem Grad das gefundene Vokabular in Lexika verzeichnet ist, zu welchen Wortarten die Anglizismen gehören und aus welchen Moti- ven entlehnt wurde. Zahlen hinter Beispielen beziehen sich auf die Liste im Anhang, wobei meist nur eine Fundstelle verzeichnet wurde. Den Seiten des Beiheftes wurden römische Ziffern zugewiesen.

In der Spalte ‚Bedeutung/Bemerkung‘ der Liste sind einige Auffälligkeiten notiert worden, für die kein eigenes Kapitel geschaffen werden sollte.

5.2.1 Lexikalisierung

Sämtliche Anglizismen wurden im Grand und im Petit Robert, sowie in den Anglizis- menwörterbüchern von REY-DEBOVE und HÖFLER nachgeschlagen.80 Im Anhang ist in der Spalte ‚Lex.?‘ mit ja vermerkt, wenn der jeweilige Begriff mindestens in einem der Wörterbücher verzeichnet war, andernfalls steht ein nein. Es hat sich gezeigt, daß nur 90 der 181 Anglizismen, also ungefähr 50%, einen Wörterbucheintrag aufweisen können. Allerdings sind unter den nichteingetragenen Ausdrücken auch viele, die nicht zum tat- sächlichen Vokabular französischer Sprecher gehören, was sich teilweise schon daran zeigt, daß sie im Text erklärt werden müssen. Andere Ausdrücke ergeben sich aus dem Kontext, wie z.B. friends, das in einem Artikel auftaucht, der von einer gleichnamigen Fernsehserie handelt. Solche Wörter gehören natürlich auch nicht ins Wörterbuch. An- dere Ausdrücke sind einfach zu modern: Man kann nicht erwarten, daß in Wörterbüchern, die 1982 und 1988 erschienen sind (und deren Erfassung dementsprechend noch etwas früher lag), das Wort CD erfaßt ist.81

Es ist Ermessenssache, welche Wörter in ein Wörterbuch aufgenommen werden: Man darf als Lexikograph nicht vorschnell ein Wort aufnehmen, das vielleicht nach einem Jahr schon wieder ungebräuchlich ist. Ferner können in ein gemeinsprachliches Wörterbuch keine Fachbegriffe aufgenommen werden. Meiner Auffassung sind jedoch folgende Ausdrücke allgemein gebräuchlich (zum Großteil habe ich sie schon selbst gehört) und gehören deshalb zumindest in ein Anglizismenwörterbuch:

best of (9), big (10), black (12), bonus (14), boys band (19), casting (22), CD (23), charts (25), clip (26), dance (31), e-mail (34), fan-club (37), feeling (75), flasher sur qn. (43), fun (54), fun (55), glamour (52), groove (62), half-pipe (64), Halloween (65), hard (67), internet (75), jackpot (78), latin lover (86), look (88), looser (89), love (90), love (91), mug (98), piercing (111), pin ’ s (112), planning (113), rap (119), rappeur (120), se relooker (123), rockstar (127), roller blade (128), single (140), sitcom (141), snowboard (144), snow-boarder (145), story (157), top (170), top (171), top (172), XXL (179), xxx (180), zapper (181).

Stellt man diese 48 Anglizismen den 90 gegenüber, die in Wörterbüchern verzeichnet sind, so ergibt sich immerhin noch ein Anteil von 35% nicht lexikalisierter Anglizis- men.

5.2.2 Anteile der Wortarten

Es wurde ausgezählt, zu welchen Wortarten die Anglizismen gehören. Partizipien wur- den dabei je nach Kontext zu den Adjektiven gerechnet, z.B. book é (16), oder zu den Verben, z.B. interview é.82 Wendungen wie no comment (10) wurden nicht mitgerechnet, so daß n=174 ist.

Es ergeben sich folgende Anteile, die den Werten gegenübergestellt sind, welche HAUGEN für Entlehnungen ins amerikanische Norwegisch und Schwedisch ermittelt hat:83

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Werte stimmen also in etwa mit den von HAUGEN ermittelten überein. Wenn man bedenkt, daß es sich um verschiedene Zielsprachen handelt und zudem die geringe Menge des hier gesammelten Materials berücksichtigt, ist die Übereinstimmung sogar recht gut.

Es fällt auf, daß nur fünf Wortarten vertreten sind. Von den „klassischen“ Wortarten fehlen außer den eliminierten Partizipien die Pronomen, Konjunktionen, Präpositionen und die Artikel. Das sind gerade jene Wortarten, deren Moneme (grammatische) Morpheme sind, während die an der Anglizismus-Bildung beteiligten Wortarten LexemWortarten sind. Dies ist auch nicht verwunderlich:

„Les sons et la grammaire forment des systèmes fermés dont les parties sont liées les unes aux autres. C’est par la persistance de ces systèmes que se traduit linguistiquement la volonté continue de parler une certaine langue [...]. Le locuteur réagit spontanément contre tout ce qui lui paraît déséquilibrer son système et il n’admet l’emprunt d’éléments grammaticaux qu’accidentellement ou inconsciemment [...].“84

Aufgrund dieses Selbstschutzes des sprachlichen Systems steht es auch nicht zu befürchten, die französische oder deutsche Sprache wegen der vielen Entlehnungen eines Tages untergehen werden: Daß sie sich verändern, ist ganz natürlich.

5.2.3 Entlehnungsmotive

Von den in Kapitel 2.2 beschriebenen Entlehnungsmotiven treffen einige auf die gefundenen Anglizismen zu, wobei nicht immer genau bestimmt werden kann, warum gerade jenes Wort entlehnt worden ist.

5.2.3.1 Neue Sache, neues Wort

Viele der Wörter fallen sicherlich unter die emprunts de n é cessit é . Beispielhaft für Neuerungen aus dem englischsprachigen Ausland kann man nennen: rap (119), vid é ocassette (177), t-shirt (175), tennis (164), CD (23), e-mail (34).

5.2.3.2 Bedürfnis nach Synonymen

Zwar ist die Adressatengruppe des untersuchten Magazins gerade jene, die ein besonders großes Bedürfnis nach Synonymen verspürt. Diese kommen aber überwiegend in informeller Rede zum Tragen, so daß hier keine große Anzahl aus diesem Grund entlehnter Wörter gefunden wurde. Zudem sind nur wenige der in 2.2.3 genannten Wortfelder, in denen diese Lehnwörter überwiegend zu finden sind, Themen des Magazins (‚Schlagen‘, ‚Häßlichkeit‘, ‚Größe des Wuchses‘...).

Für mindestens zwei Wörter scheint dieses Motiv jedoch in Frage zu kommen: top (170, 172) und fun (5).

5.2.3.3 Unzureichende semantische Differenzierung eines Wortes

Ein eindeutiger Fall von Entlehnung aufgrund unzureichender Differenzierung eines autochthonen Wortes ist mug (98): Hiermit bezeichnet man im englischen eine große Tasse. Das Deutsche hat für diese Gegenstände ein anderes deutsches Wort eingesetzt, um sie von Kaffeetassen unterscheiden zu können: das bis dahin weniger gebräuchliche Wort Becher, das ursprünglich Trinkgefäße ohne Henkel bezeichnete. Im Französischen wurde ein solcher Ausweg nicht gefunden, und das englische Pendant wurde eingeführt.

Ein anderes Beispiel könnte zapper (181) sein: „gezappt“ hat man in Frankreich wohl auch vor der Entlehnung, so daß das Wort kein emprunt de n é cessit é darstellt. A- ber das unmotivierte, lustlose Herumschalten war vermutlich mit changer de cha î nes o.ä. nicht deutlich genug beschrieben.

5.2.3.4 Assoziationen mit der anderen Sprache

Die positiven Assoziationen mit dem Englischen, vielmehr mit den USA, sind wohl das am häufigsten anzutreffende Motiv bei den untersuchten Entlehnungen. Davon zeugen diejenigen englischen Wörter, die den Lesern zum Verständnis erst noch erklärt werden müssen, z.B. die Wörter aus dem Snowboardbereich auf S. 52 der Salut: freecare, free- riders, freestylers, peuf, oder der Filmfachausdruck spin-off (15), mit dessen Gebrauch sich die Leser nach Wunsch der Redakteure vor ihren Freunden brüsten sollen.

Typisch amerikanisch ist auch das Einsetzen von Buchstaben für Wörter, etwa in 2 fast 4 U (=Too fast for you), U2 (=You two) oder X-mas (=C hristmas). Dies wurde im Wort K7 vid é o (80) imitiert. Aus den USA (oder England?) übernommen scheinen ferner die drei xxx (30) unter Briefen zu sein, die drei Küsse symbolisieren.

PERGNIER schreibt: „On ne saurait [...] expliquer les progrès de l’anglicisation dans le langage d’une certaine jeunesse urbaine sans prendre en considération le d é sir d’américanisation qui s’y manifeste [...].“85 Angesichts der Fülle von Belegen mag man ihm recht geben.

5.2.3.5 Sprachliche Kürze

Die Kürze eines entlehnten Wortes ist wohl selten der alleinige Entlehnungsgrund. Grundsätzlich dürfte sie aber bei allen einsilbigen Wörtern zumindest förderlich gewirkt haben, etwa bei fan (36), flasher sur qn. (43) (für das viel längere tomber amoureux de qn.) , kit (83) (die offizielle Empfehlung zur Vermeidung dieses Wortes ist pr ê t- à - monter) und test (165).

5.2.3.6 Sprachliche Verhüllung

Das in Kapitel 2.2.8 beschriebene Umgehen von Tabuthemen mit Hilfe von Lehnwör- tern läßt sich auch an den gefundenen Anglizismen belegen: Da es Jugendlichen unan- genehm ist, über Liebe und Sexualität zu sprechen, sie aber dennoch das Verlangen ver- spüren, sich über diese Themen auszutauschen, benutzen sie Lehnwörter, um die mit dem vorhandenen Sprachmaterial verbundenen Konnotationen auszuschalten. In Deutschland gibt es das gleiche Phänomen: In meiner Klasse zirkulierten, als wir etwa 14 Jahre alt waren, Bücher mit Fragen über das Liebesleben, die jeder beantwortete. Die Bücher hießen Love books - genau wie die Beilage der vorliegenden Salut.

Beispiele für das Intimvokabular sind love (90, 91), flasher sur qn. (43), boyfriend (18), girlfriend (57), flirter (46), sexy (134) und slow (142) ‚ Klammerblues (dt. Teenagersprache) .

5.2.5 Fazit

Mit dieser kleinen Untersuchung konnte gezeigt werden, in welchem Maße Anglizismen in der französischen Sprache präsent sind. Es scheint, daß auch sprachpolitische Gesetze nichts an dieser Tatsache ändern konnten: Sprache ist etwas Natürliches, das sich nicht von außen regulieren läßt.

Als zweites Ergebnis konnte die schlechte Dokumentation dieser sprachlichen Realität aufgezeigt werden: Nur etwa 65% der tatsächlich gebrauchten Anglizismen sind in Lexika verzeichnet. Es wäre wünschenswert, daß die Forscher, die sich mit dem Themengebiet Anglizismen befassen, sich mehr dafür einsetzten, die französische Sprache umfassend zu inventarisieren, anstatt die immer gleichen Beispiele zu reproduzieren. Es besteht dringender Handlungsbedarf.

Anhang: Im Jugendmagazin Salut gefundene Anglizismen

Benutzte Literatur

Allgemeine Sekundärliteratur

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Nachschlagewerke

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Primäre Quellen

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Salut. Bd. 60 (Februar 2000).

[...]


1 Maurice PERGNIER, 1989, Les anglicismes. Danger ou enrichissement pour la langue fran ç aise?, Paris, S. 29.

2 F. MOSSÉ, Essai sur la linguistique, 1923, zitiert nach Notburga BÄCKER, 1975, Probleme des inneren Lehnguts, dargestellt an den Anglizismen der franz ö sischen Sportsprache, Tübingen, S. 25.

3 BÄCKER 1975:10-87.

4 BÄCKER 1975:72f.

5 Vgl. BÄCKER 1975:31ff., 41ff., 46ff., 65ff., 69ff. und 72ff.

6 Bei so vielen Vorläufern hat man es als Forscher auch leichter denn als Pionier auf einem Gebiet.

7 Werner BETZ, 21965, Deutsch und Lateinisch. Die Lehnbildungen der althochdeutschen Benediktinerre- gel, Bonn, S. 28. Besser dargestellt bei BÄCKER 1975:35.

8 Ders., 1974, „Lehnwörter und Lehnprägungen im Vor- und Frühdeutschen“, in: Friedrich MAURER, Heinz RUPP (Hgg.), Deutsche Wortgeschichte, 3., neubearb. Aufl., Bd. 1, Berlin, New York, 135- 163:137.

9 Ders. 1974:136.

10 Ebd.

11 Ders. 1965:23.

12 Ders. 1965:28. Hervorhebungen geändert.

13 J. HUMBLEY, 1974, „Vers une typologie de l’emprunt linguistique“, in: Cahiers de lexicologie, Jg. 25, Bd. 2, 46-70:63.

14 Ders. 1965:26.

15 Ders. 1965:27.

16 Armin SCHÜTZ, 1968 , Die sprachliche Aufnahme und stilistische Wirkung des Anglizismus im Franz ö sischen, Meisenheim am Glan, S. 101.

17 HUMBLEY 1974:56.

18 Ebd.

19 Für das letzte Beispiel s. Salut, S. 61.

20 BETZ 1965:27.

21 BÄCKER 1975:82.

22 Louis DEROY, 21980, L ’ emprunt linguistique, Paris, S. 4.

23 Zitiert nach Uta HELFRICH, 1993, Neologismen auf dem Prüfstand. Ein Modell zur Ermittlung der Ak- zeptanz franz ö sischer Neologismen, Wilhelmsfeld, S. 13.

24 Ebd.

25 Nicol C. W. SPENCE, 1975, „Le problème du franglais“, in: ders., Le fran ç ais contemporain, München, 75-103:78.

26 DEROY 1980:138-163.

27 Uriel WEINREICH, 1977 (11953 [engl.]), Sprachen in Kontakt. Ergebnisse und Probleme der Zweispra- chigkeitsforschung, München, S. 79ff.

28 Ders.:79.

29 Ders.:82.

30 Ders.:79.

31 Ders.:80.

32 Ders.:81.

33 Ders.:82.

34 Ebd.

35 Ders.:83.

36 Ebd.

37 SCHÜTZ 1968:138.

38 WEINREICH 1977:79.

39 Ders.: 84.

40 Men ’ s Health, Bd. 7 (März 2000), S. 105.

41 WEINREICH 1977:84.

42 PERGNIER 1989:42ff.

43 Ders.:42f.

44 SPENCE 1975:83.

45 Ebd.

46 PERGNIER 1989:45.

47 SCHÜTZ 1968:129.

48 Ebd.

49 SPENCE 1975:82.

50 WEINREICH 1977:77.

51 WEINREICH 1977:77.

52 Als falscher Anglizismus: ‚Lautsprecher‘ heißt auf engl. loudspeaker.

53 WEINREICH 1977:78.

54 Ebd.

55 DEROY 1980:261.

56 PERGNIER 1989:37.

57 Ders.:53.

58 DEROY 1980:263.

59 PERGNIER 1989:55.

60 Alain REY, Josette REY-DEBOVE (Hgg.), 1991, Le Petit Robert 1. Dictionnaire alphab é tique et analogique de la langue fran ç aise, Paris, unter ‚ baby ‘.

61 PERGNIER 1989:60.

62 DEROY 1980:263.

63 Ders.:265.

64 So sieht es z.B. DEROY (1980:262).

65 PERGNIER 1989:55ff.

66 PERGNIER 1989:55.

67 WEINREICH 1977:78f.

68 WEINREICH 1977:79.

69 DEROY 1980:269.

70 Ebd.

71 PERGNIER 1989:53.

72 Ausnahme sind z.B. sit-in (ebd.) oder strip-tease (Manfred HÖFLER, 1989, „Le traitement des emprunts par substitution lexématique dans la lexicographie historique française“, in: Travaux de linguistique et de philologie, Bd. 27, 115-125:115).

73 HÖFLER 1989:120f.

74 HÖFLER 1989:120.

75 Josette REY-DEBOVE, 1987, „Effet des anglicismes lexicaux sur le système du français“, in: Cahiers de lexicologie, Bd. 51, 257-265:257.

76 Ebd.

77 Für papillon wird die Lehnbedeutung im übrigen gar nicht erwähnt, was darauf hindeutet, daß der Petit Robert hier nicht so sorgfältig arbeitet und es einen entsprechend hohen Anteil synkretisierter Anglizis- men gibt.

78 Jonathon GUILFORD, 1997, „Les attitudes des jeunes Français à propos des emprunts à l’anglais“, in: La linguistique, Bd. 33, 117-135.

79 Salut, Bd. 60 (Februar 2000).

80 Für bibliographische Angaben s. 6.2.

81 Wobei es erstaunlich ist, daß der Petit Robert von 1991 einen Eintrag CD-ROM hat und keinen CD.

82 Salut, S. 18.

83 Zitiert nach DEROY 1980:67.

84 DEROY 1980:72f.

85 PERGNIER 1989:16. Seine Hervorhebung.

38 von 38 Seiten

Details

Titel
Semantische Integration, Akzeptanz und Entlehnungsmotive von Anglizismen im Französischen
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
38
Katalognummer
V96756
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Semantische, Integration, Akzeptanz, Entlehnungsmotive, Anglizismen, Französischen
Arbeit zitieren
Guido Reineke (Autor), 1999, Semantische Integration, Akzeptanz und Entlehnungsmotive von Anglizismen im Französischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96756

Kommentare

  • Gast am 4.6.2001

    oberflächlich.

    sehr oberflächlich und ziemlich unausführlich in der Sache!!!!

  • Gast am 12.3.2002

    *indécorable.

    Guten Tag!
    Das Wort "*indécorable", in Ihrem Text Helfrich zugesprochen, findet sich schon bei F. de Saussure, Cours de linguistique générale, châpitre 5, § 2,chiffre 250, page 173.
    Mit freundlichen Grüssen
    Henri Bergmann

  • Gast am 7.1.2008

    Bibliographiekorrektur.

    Das Buch Le français contemporain von Nicol Spence ist nicht von 1975, sondern von 1976!!!

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Titel: Semantische Integration, Akzeptanz und Entlehnungsmotive von Anglizismen im Französischen



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