Strittmatter Eva - Trauer und Elske Lasker-Schüler - Ein Lied - Gedichtvergleich


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

9 Seiten, Note: 1 (14 Pkte


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Gliederung

1 Einleitung: Ein Thema in unterschiedlichen Epochen

2 Hauptteil:
2.1 Analyse des Gedichtes ,,Ein Lied" nach Inhalt und Form
2.1.1 Poetische Grundsituation und Stimmung des Gedichtes
2.1.2 Bauform
2.1.3 Untersuchung der formalen Mittel
2.1.4 Analyse der sprachkünstlerischen Mittel und deren Deutung in Verbindung mit der Untersuchung der Umsetzung der Thematik
2.2 Analyse des Gedichtes "Trauer" nach inhaltlichen und formalen Aspekten
2.2.1 Lyrische Grundsituation und die Gemütslage der Verse
2.2.2 Aufbau
2.2.3 Betrachtung der äußerlichen Form
2.2.4 Analyse der sprachkünstlerischen Mittel und deren Wirkung unter dem Blickwinkel der Umsetzung des Themas
2.3 Die Gedichte im Vergleich
2.3.1 Gemeinsamkeiten
2.3.2 Unterschiede
2.3.3 Zusammenfassung

3 Schluss: Trauer - Der Antagonist der Freude

Das Gedicht "Ein Lied" wurde 1917 von Else Lasker Schüler(1869-1945), einer bedeutenden Lyrikerin, Erzählerin und Dramatikerin aus dem Umkreis des Expressionismus und dessen Vorläufer verfasst. Eva Strittmatter, die Frau von Erwin Strittmatter, schuf das Gedicht "Trauer" 1975. Sie machte sich vor allem als Verfasserin zahlreicher Kinderbücher, Gedichte und Prosastücke einen Namen. Beide Gedichte sind der Stimmungslyrik zuzuordnen und befassen sich vorrangig mit der Überwindung von Schmerz und Trauer.

"Ein Lied" ist ein Werk der Epoche des Expressionismus. Es handelt sich um ein Liebesgedicht, in dem das lyrische Ich einer Liebe nachtrauert, die es nicht erreichen kann. Gleichzeitig möchte es wieder fröhlich sein und diese Person vergessen können. Somit tritt auch ein Wechsel der Grundstimmung auf. An einigen Stellen ist die Trauer vordergründig, an anderen wiederum zeigt sich eine positive Gemütslage, wobei die Hoffnung auf einen Neubeginn ersichtlich wird. Weiterhin äußert sich das in der Motivik. Es stehen sich vor allem das Trauer- und Liebeskummermotiv mit dem Sehnsuchtsmotiv gegenüber. Man kann also in Anbetracht dessen in diesem Werk von einer antithetischen Bauform sprechen. Das reimlose Gedicht besitzt eine freirhythmische Versform und besteht aus neun Strophen mit je zwei Verszeilen, die alle nahezu gleich lang sind.

Aufgrund der freien Metrik und des daher nicht vorhandenen melodischen Klanges scheint der Titel "Ein Lied" auf dem ersten Blick sehr unpassend für dieses Gedicht zu sein. Jedoch zeigt sich beim Lesen, dass damit sicherlich auf die emotionale Stimmung hingewiesen wurde, die das gesamte Gedicht durchzieht. Des Weiteren könnte er zutreffen, da mit dem Begriff Lied auch sehr lange Gedichte bezeichnet werden, in denen Helden die Hauptrolle einnehmen. So gesehen erweckt die Überschrift die Neugier beim Leser, der womöglich erwartet, hier in einem Epos die Geschichte einer Figur zu erfahren.

Schon mit der ersten Zeile wird er sofort mit der traurigen Gefühlsregung des lyrischen Ich konfrontiert, dessen Einsatz durch die Verwendung des Personalpronomens "ich" (Z. 2) deutlich wird. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um eine weibliche Person. Besonders mithilfe der Metapher "Hinter [...] Augen stehen Wasser" (Z. 1) bringt die Dichterin dem Rezipienten die melancholische Verfassung des Ich näher. So weist dieser durchaus auch hyperbolische Ausdruck auf die Intensität der Trauer hin. Das Präposition "hinter" (Z. 1) verdeutlicht wahrscheinlich den Fakt, dass das lyrische Ich seinen Schmerz nicht nach außen zeigen will. Weiterhin könnte es ebenfalls auf die vielen kummervollen Erfahrungen verweisen, mit denen es fertig werden muss. Dass es die Verarbeitung der Geschehnisse für notwendig hält, zeigt auch die Wortgruppe "muß [...] weinen" (Z. 2). Sicherlich erscheint es ihm als äußerst wichtig, sich mit diesen Umständen endlich abzufinden.

In der nächsten Strophe ändert sich die Gefühlslage des lyrischen Ich völlig. Plötzlich ist nicht mehr die Rede von Trauer und Schmerz, sondern von der Sehnsucht nach Fröhlichkeit, nach einem Neuanfang. Hierbei verdeutlicht die Inversion "Immer möchte ich ..." (Z. 3), dass dieser Wunsch, hier durch das Symbol "Zugvögel" (Z. 4) dargestellt, allgegenwärtig ist. Ähnlich wie diese Tiere im Herbst sehnt es sich danach "aufzufliegen" (Z. 3), seine traurige Gefühlswelt zu verlassen und vielleicht sogar eine neue, glückliche Beziehung einzugehen. In Zukunft will sie wieder fröhlich sein und das Leben genießen, wie der Neologismus "Buntatmen" (3. Strophe, Z. 5) veranschaulicht. In Bezug darauf verstärkt das Substantiv "Winde" (Z. 5) den Willen nach Freiheit und Glückseligkeit nochmals. Das lyrische Ich ist sich darüber im Klaren, dass es noch viel mehr auf der Welt gibt als diese unglückliche Liebe, was hier durch die attributive Wendung "große Luft" (Z. 6) veranschaulicht wird. Somit bilden die zweite und dritte Strophe eine inhaltliche Einheit. Sie sind lediglich durch Semikolon voneinander getrennt, sodass die dritte Strophe einen Zusatz zur inhaltlichen Aussage der vorherigen darstellt.

Die vierte Strophe wird durch die Interjektion der Empfindungen "O" (Z. 7) eingeleitet. Schon hier kündigt sich wiederum ein Stimmungsumschwung der lyrischen Figur an. Es fällt ganz unvorhersehbar in seinen alten Gemütszustand zurück: "ich bin so traurig ..." (Z. 7), wodurch das Adverb "so" dieses Gefühl noch intensiviert. Anstelle der drei Punkte am Ende dieser Zeile könnte man nun den konkreten Grund für das seelische Leid des lyrischen Ich vermuten. Er wird jedoch bewusst weggelassen, wodurch die Spannung im Werk beibehalten und durch die Personifikation "Gesicht im Mond" (Z. 8) sogar noch gesteigert werden kann. Der Mond steht hier möglicherweise als Allwissender, der jegliche Geschehnisse mit ansieht. Vielleicht stellt er aber auch die einzige vertraute Person dar, der das lyrische Ich seinen Kummer erzählt.

Vielleicht macht es gerade die Existenz jener vertrauten Person dem Ich möglich, sich immer öfter auf ein zukünftiges glücklicheres Leben zu konzentrieren, was die Metapher "sammtne Andacht" (Z. 9) veranschaulicht. Dabei gelingt es ihm sicherlich auch, seinen Schmerz für eine Weile zu vergessen. Des Weiteren schwingt hier ein wenig Hoffnung mit, die in der nächsten Zeile im sprachlichen Bild "nahender Frühmorgen" (Z. 10) sogar vordergründig wird. Es ist wahrscheinlich die Zuversicht, in nicht allzu ferner Zukunft endlich die alte Liebe vergessen und einen Neuanfang beginnen zu können. Vielleicht merkt das lyrische Ich auch schon, wie der Schmerz von Tag zu Tag geringer wird, sodass er irgendwann nicht mehr da ist.

Dennoch zeigt das Symbol "steinerne Herz" (Z. 11) in der sechsten Strophe, dass es sich immer wieder an die Enttäuschungen erinnert, durch die seine Illusionen in Verbindung mit der großen Liebe zunichte gemacht wurden. Dieser Fakt wird dem Leser ebenfalls durch die Metapher "Flügel brachen" (Z. 12) vor Augen geführt, die besonders für die zerstörten Wunschvorstellungen der lyrischen Figur steht. Einmal mehr wird auch in dieser Strophe deutlich, dass sie diese Liebe längst noch nicht überwunden hat und noch oft daran denken muss. Unter deren Eindruck scheint sie geradezu unfähig zu sein, sich um einen anderen Partner zu bemühen.

Auffällig an dieser Strophe ist, dass sie keinen einzelnen Satz darstellt, wie es vorrangig in diesem Gedicht der Fall ist, sondern nur durch ein Komma am Ende mit der siebten verbunden ist. Sie stehen also in inhaltlicher Verbindung miteinander, worauf auch schon die Konjunktion der Gleichzeitigkeit "als" (Z. 11) zu Beginn des sechsten Verses verweist. Folglich wird auch die düstere Stimmung fortgesetzt, was dem Rezipienten durch das negativ konnotierte Verb "fallen" (Z. 13) vor Augen geführt wird. Weiterhin äußert sich dass auch in dem Substantiv "Amsel"(Z. 13), einem expressionistischen Symbol für den Warnruf des Todes, und der attributiven Wendung "blaue[s] Gebüsch" (Z. 14), ebenfalls ein typisches Symbol im Expressionismus. Möglicherweise steht das "blaue Gebüsch" für den Höhepunkt der Hoffnung des lyrischen Ich auf eine Beziehung mit dem Geliebten. Die Amsel könnte in dieser Betrachtung ihre Glückseligkeit widerspiegeln, die jedoch durch das "steinerne Herz" des Umworbenen, vielleicht eine Zurückweisung, zerstört wird und somit sterben muss. Jedoch bleibt diese Deutung spekulativ, da diese beiden Strophen den Gipfel der subjektiv - expressiven Chiffrierung in diesem Gedicht darstellen, worauf vor allem die Chiffre "Trauerrosen" (Z. 13) hindeutet. Die Abstraktion innerhalb dieser Verse ist besonders vordergründig für den Leser, sodass es falsch wäre, sich auf eine einzige Deutungsmöglichkeit festzulegen.

In den letzten beiden Versen vollzieht sich wieder ein Wechsel der lyrischen Grundhaltung. Auch hier wird wieder auf eine inhaltliche Einheit hingewiesen, da sie nicht einmal durch Satzzeichen getrennt sind. Es dominieren positiv konnotierte Verben wie "jubeln" (Z. 16) und "auffliegen" (Z. 17), die auf die Zuversicht hinsichtlich eines Neubeginn des lyrischen Ich hinweisen. Das Substantiv "Gezwitscher" (Z. 15) spielt eventuell auf dessen Wunsch und Lust an, sich einen neuen Partner zu suchen. Dabei stellt Else Lasker - Schüler an dieser Stelle sicherlich einen Vergleich mit Vögeln an, die durch "Gezwitscher" Partner anlocken. Jedoch war diese Lust in der Vergangenheit aufgrund der unglücklichen Liebe sehr stark in den Hintergrund getreten, was das Partizip "verhalten" (Z. 15) in Verbindung mit dem eben zitierten Substantiv veranschaulicht.

Die letzte Strophe zeigt eine fast wörtliche Übereinstimmung mit der zweiten Zeile. Besonders das Ende der ersten und die gesamte jeweilige zweite Zeile sind identisch. Folglich wird an dieser Stelle noch einmal Bezug auf diese Strophe genommen. Wahrscheinlich soll dieser Parallelismus dem Leser nochmals verdeutlichen, dass der Wunsch, aus der traurigen Gefühlswelt auszubrechen, um wieder fröhlich sein zu können, allgegenwärtig ist. Da sich diese Wiederholung am Ende des Gedichtes befindet, könnte man mutmaßen, dass im Gegensatz zur unglücklichen Stimmung des lyrischen Ich dieser Wunsch nicht immer schwächer, sondern stärker wird.

Auffällig ist weiterhin, dass diese Verse mit einer bedrückten lyrischen Grundhaltung begannen und nun mit einer zuversichtlichen enden.

Die Tatsache, dass jede Verszeile mit Großbuchstaben beginnt, steht im völligen Gegensatz zu deren Reimlosigkeit und freien Metrik. Zum einen entspricht die Dichterin hierbei den Normen der traditionellen Poesie, zum anderen bricht sie jedoch damit. Möglicherweise soll gerade dieser Umstand provozieren und den Rezipienten zum längeren Nachdenken über die Problematik animieren. Die zahlreichen Enjambements innerhalb einiger Strophen weisen darauf hin, dass die Gedanken des lyrischen Ich für den Leser anschaulich beschrieben werden: "Buntatmen mit den Winden / In der großen Luft" (Z. 5 - 6). Darüber hinaus machen strophenübergreifende Enjambements, wie schon erwähnt, eine inhaltliche Einheit dieser deutlich: "... Will wieder jubeln / Und ich möchte auffliegen ..." (Z. 16 - 17). Eva Strittmatters "Trauer" befasst sich ebenfalls mit der Problematik der Überwindung der Trauer. Jedoch besteht ein erster großer Unterschied darin, dass es sich bei diesem Gedicht um ein wirkliches Trauergedicht handelt. Es entstand 1975 und ist somit der Epoche der Postmoderne zuzuordnen. Wie auch im ersten Gedicht reflektiert hier das lyrische Ich über die eigene Befindlichkeit. Es versucht vergeblich mit seinem Schmerz fertig zu werden, ist aber sehr erfolgreich dabei, der Umwelt vorzuspielen, dass es nicht trauert. Der Leser erfährt, wie es den Kummer verdrängt, er aber immer wieder zurückkehrt und es machtlos dagegen ist. Die Grundstimmung der Trauer wird, anders als im Gedicht "Ein Lied", in diesem stets beibehalten. Außerdem deutet die Dichterin hier in keinster Weise den Grund für das Leiden an, wodurch es gelingt, die Trauer selbst in den Vordergrund und somit ins Bewusstsein des Lesers zu rücken. Ferner handelt es sich um das Trauermotiv.

Das Gedicht ist antithetisch aufgebaut, da darin ein Widerspruch zwischen Sein und Schein besteht. Das lyrische Ich ist traurig ("Selbstbetrug / Hilft nicht bei Trauer", Z. 4 - 5), gaukelt jedoch seiner Umwelt vor, den Schmerz überwunden zu haben und wieder fröhlich zu sein ("Nach außen heißt es: Ich bin heiter", Z. 17).

Die Verse beinhalten einen regelmäßigen Kreuzreim, wobei sich die Reimlaute nach jeweils vier Zeilen ändert. Der erste Vierzeiler endet zum Beispiel: "... Lügen, / [...]genug. / [...] betrügen, / [...] Selbstbetrug ..." (Z. 1 - 4). Da einzelne Strophen nicht durch Leerzeilen von einander getrennt sind, lässt sich vermuten, dass diese vierzeilige Einteilung diese Funktion übernimmt, falls man hier überhaupt von einzelnen Strophen sprechen kann. Ferner tritt ein Wechsel vom drei- und vierhebigen Jambus auf, wobei der letztere ganz klar dominiert. Dadurch wird ein fließender Rhythmus erzeugt, der vielleicht die lange Leidenszeit des lyrischen Ich deutlich machen soll und darauf verweist, dass das Leben trotz Trauer unvermindert weitergeht. Ebenfalls wechseln sich reiche, weibliche und männliche Kadenzen ab. Allerdings überwiegen die weiblichen.

Die Überschrift "Trauer" lässt im Gegensatz zum ersten Gedicht schon eindeutig auf den Inhalt dieser Verse schließen und beinhaltet weiterhin auch schon das Thema und das Hauptmotiv. Der Leser kann sich folglich auf ein sehr emotionales Werk einstellen. Wie auch bei Else Lasker - Schüler befindet man sich beim Lesen der ersten Zeile, "Vor andern schützen mich die Lügen" (Z. 1), schon mitten in der Reflexion. Durch den Gegensatz des Verbs "schützen" und des Substantivs "Lügen" erreicht die Dichterin, dass der Rezipient aus Neugier weiterliest. Schon hier lässt sich erahnen, dass das lyrische Ich sich in einer Zwangslage befindet, die Lügen notwendig macht. Dieser Fakt wird durch den inversorischen Konditionalsatz "Sind sie nur gut genug" (Z. 2) verstärkt. Bereits an dieser Stelle im Gedicht ist die Spannung so hoch, dass sicherlich jeder, der einmal damit begonnen hat, es zu lesen, bis zum Ende damit fortfährt, um den Grund für das Lügen zu erfahren.

Das nächste Zeilenpaar wird durch die Konjunktion "aber" eingeleitet, die womöglich eine Einschränkung des vorher Gesagten ankündigt. Das lyrische Ich äußert die Feststellung, dass "sich selber zu betrügen, [...] sinnlos" (Z. 3 - 4) ist. Vermutlich hat es schon mehrfach in der Vergangenheit versucht sich einzureden, dass es über die Trauer hinweg ist, natürlich ohne Erfolg, wie es nun endlich einsieht. Aus dieser Lehre zieht es das Fazit: "Selbstbetrug / Hilft nicht bei Trauer. / Sie ist untäuschbar." (Z. 4 - 6). Hierbei personifiziert es die Trauer und spricht ihr vielleicht sogar menschliche Intelligenz zu, was der Neologismus "untäuschbar" (Z. 6) klarmacht. Vermutlich soll hier darauf hingewiesen werden, dass die Trauer eine Art Feind des lyrischen Ich darstellt, durch deren Existenz es erheblich im täglichen Leben eingeschränkt wird. Der direkte Vergleich "... wie ein Polyp ..." (Z. 7) verdeutlicht dieses Bild zunehmend. Wahrscheinlich setzt es die Trauer mit einem Tintenfisch gleich, der in seinem Körper "auf Lauer" (Z. 7) liegt. Der Leser empfindet sie an dieser Stelle als bedrohlich. Von ihr geht womöglich die Gefahr aus, dass die lyrische Figur sie nicht mehr los wird. Somit müsste sie ihr Leben lang mit dieser leben, könnte folglich auch nie wieder fröhlich werden.

Diese Deutung wird durch die Hyperbel "tausend Arme" und die Personifikation "Polyp [...] siegt" (Z. 7 - 8) unterstützt. Gleichzeitig kann man aus der letztgenannten einen Kampf zwischen ihr und der Trauer assoziieren, der allerdings zugunsten des "Feindes" ausgeht. Man wird sich bewusst, wie schrecklich die momentane Situation des lyrischen Ich ist. Das ausdrucksstarke Verb "niederzwingen" untermauert die Vorstellung von einem Kampf. Gleichzeitig führt es vor Augen, mit welcher großen Anstrengung es sicherlich nur möglich ist, den Schmerz "für zwei Stunden" (Z. 9) zu vergessen. Dabei verdeutlicht die Zeitangabe dem Rezipienten, wie kurz doch der Augenblick ist, in der es ihm gelingt, seinen Kummer zu vergessen. Außerdem kann man vermuten, dass es schon eine lange Zeit über trauert. Mit dem Jargon "verflucht" (Z. 10) beschimpft es sein "Selbstmitleid" (Z. 10). Möglicherweise belastet dieses das lyrische Ich genauso stark, wie die allgegenwärtige Trauer, sodass das sein Leiden kompensiert wird. Es kann sich dem einfach nicht entziehen, auch wenn es versucht, sich dagegen zu wehren, wie die Metapher "scharfe Hunde" (Z. 11) zeigt. Sie kennzeichnet seine Wut über das Selbstmitleid, das als unerwünschter Eindringling empfunden wird. Spekulativ bleibt, ob diese Metapher für Gewalt steht, die es vermutlich aus Zorn über die eigene emotionale Schwäche gegen sich selbst richtet.

Mit dem Satz "Doch fliehen die beiden niemals weit." (Z. 12) werden Trauer und Selbstmitleid nochmals personifiziert. Dem Leser zeigt sich hier, dass es in ihnen, wie schon erwähnt, unerträgliche Angreifer sieht und es nicht im Stande ist, sie dauerhaft von sich fern zu halten. Sicherlich muss es jeder Zeit aufpassen, dass beides nicht plötzlich über ihn kommt. Das lyrische Ich ist deswegen wahrscheinlich immer angespannt und kann sich keine Ruhe gönnen.

Durch die Wendung "Sie kehrn versteckt zurück und springen / [...] an" (Z. 13 - 14) soll möglicherweise der Eindruck erweckt werden, es handele sich bei der Trauer und dem Schmerz um wilde, gefährliche Tiere, die es urplötzlich anfallen können. Das Substantiv "Dunkel" (Z. 14) bestärkt diesen Eindruck. Anhand dieses Vergleiches mit der Tierwelt wird dem Rezipienten nochmals veranschaulicht, wie schlimm es sein muss, mit der Angst zu leben, jederzeit von diesen Gefühlen übermannt zu werden. Und wenn es dann geschieht, ist die Verzweiflung für die betreffende Person umso größer, wie die Antithese " Ich helfe mir [...] / wenn ich mir nicht mehr helfen kann" (Z. 15 - 16) deutlich macht. Die attributive Wendung "laute[s] Singen" (Z. 15) stellt ihren ohnmächtigen Versuch dar, durch unnatürliche Fröhlichkeit dem Gefühlsausbruch entgegenzuwirken. Sie versucht diese Emotionen förmlich zu übertönen, was jedoch misslingt.

In der nächsten Zeile gibt es den Eindruck wieder, den die Außenwelt von ihr hat: "Ich bin heiter" (Z. 17). Dem Leser ist allerdings klar, dass jene lediglich den Schein sieht und es niemanden gelingt, hinter die Fassade zu gucken. Den besagten Eindruck rechtfertigt das lyrische Ich mit der rhetorischen Frage "Warum auch nicht?" (Z. 18). Gewiß möchte es, dass die anderen so über sie denken, denn sicher kann ihm sowieso keiner helfen, weil niemand diese Trauer nachempfinden kann. Weiterhin ist sie sich auch im Klaren: "Das Leben zieht [...] weiter" (Personifikation, Z. 18 - 19), ob sie nun trauert oder nicht. In diesem Vergleich mit einem Pferdefuhrwerk sieht es sich womöglich als ziehenden Teil ihres Lebens, sodass sein momentanes Leiden eine Last darstellt, die es zusätzlich ziehen muss. Vielleicht steckt in diesen Verszeilen sogar eine lebensbejahende Haltung. Jedoch muss diese Deutungsmöglichkeit spekulativ bleiben.

In der letzten Zeile "Und keiner weiß, was mir geschieht" (Z. 20) verweist es nochmals darauf, dass niemand seinen aufgesetzten Schein durchschauen und zu seinem Sein vordringen kann. Eventuell findet sich an dieser Stelle auch ein wenig Bedauern, dass es mit niemandem sein Leid teilen kann, denn das würde ihm sicherlich helfen, damit fertig zu werden. So endet dieses Gedicht, ganz im Gegenteil zum ersten, mit einem bedauernden, traurigen Grundgefühl des lyrischen Ich.

In diesen Versen fallen die häufigen Enjambements besonders stark auf. Sie dienen vor allem der Erläuterung und Illustration der Gefühle des lyrischen Ich: "... das verfluchte Selbstmitleid / Verjage ich mit ..." (Z. 10 - 11). Außergewöhnlich bei einigen Enjambements ist außerdem, dass sie zugunsten von Reim und Metrik verwendet werden: "Selbstbetrug / Hilft nicht ..." (Z. 4 - 5). Ebenfalls die dominanten Hypotaxen haben den gleichen Effekt. Weiterhin auffällig sind die großgeschriebenen Zeilenanfänge, was auch schon im ersten Gedicht der Fall war. Jedoch kommt hier noch hinzu, dass diese Verse zusätzlich auch noch über Reim und Metrik verfügen, wodurch die Kriterien der traditionellen Poesie bis auf den fehlenden Strophenaufbau im Wesentlichen erfüllt wären. Dadurch wirkt das Gedicht besonders melancholisch und einfühlsam.

Die wesentliche Gemeinsamkeit der beiden Gedichte ist die Thematik der Überwindung von Trauer und Schmerz. In den meisten Kriterien unterscheiden sie sich jedoch. Wie schon erwähnt entstanden sie in völlig unterschiedlichen Epochen und unterscheiden sich somit formal gesehen entschieden. Weiterhin wechselt im ersten Gedicht die Grundstimmung, während sie im zweiten gleich bleibt. Das lyrische Ich in "Ein Lied" ist von Trauer und Optimismus hin und her gerissen, wobei am Ende die positive Haltung vorherrscht. Es möchte seine schmerzenden Emotionen endlich hinter sich lassen und vielleicht sogar ein neues Leben beginnen.. In "Trauer" hingegen schafft es das lyrische Ich nicht, aus dieser Gefühlswelt auszubrechen. Auch Überlegungen über eine fröhliche Zukunft kann es noch nicht anstellen, da die Trauer noch tief in ihm sitzt. Dennoch steht es dem Leben bejahend gegenüber. So ist es doch sehr bewundernswert, wie ein und dasselbe Thema ganz unterschiedlich umgesetzt wurde.

Die Trauer, ein Gefühl ähnlich der Freude, nur eben völlig anders, können wir nicht lenken. Selbst im Zeitalter von Genmanipulation, Raumfahrt, Antibabypillen und Internet, in der der Mensch fast nichts mehr dem Zufall überlassen muss, ist er einer Sache noch nach wie vor hilflos ausgeliefert: seinen Gefühlen. Besonders "Trauer" beschreibt in meinen Augen eindrucksvoll, wie man versucht, sich dagegen zu wehren und wie man es doch nicht schaffen kann. Vielleicht wirkt es so ansprechend auf mich, weil ich mich genau damit identifizieren kann, und ich bin der Meinung, dass es dabei nicht nur mir so geht. Doch genauso verhält es sich mit der Freude. Auch ihr kann man sich nicht so einfach entziehen. Zwar kann man sie nach außen hin unterdrücken, jedoch fühlt es sich im Inneren so an, als könnte man platzen. Die Lehre aus beiden Gedichten sehe ich für mich deshalb darin, gar nicht erst zu versuchen, sich seinen eigenen Emotionen in den Weg zu stellen, denn das ist ein Unternehmen, das von Anfang zum Scheitern verurteilt ist. Vielmehr sollte man das Leben stets so nehmen, wie es ist, denn nichts hält ewig, auch nicht Trauer und Schmerz.

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Strittmatter Eva - Trauer und Elske Lasker-Schüler - Ein Lied - Gedichtvergleich
Note
1 (14 Pkte
Autor
Jahr
2000
Seiten
9
Katalognummer
V97027
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Worturteil: Eine überzeugende Darstellung, die nur an einer Stelle eine Deutungsschwäche aufweist. Ihre Aussagen zeugen von Problembewusstsein!
Schlagworte
Strittmatter, Trauer, Elske, Lasker-Schüler, Lied, Gedichtvergleich
Arbeit zitieren
Daniel Staak (Autor), 2000, Strittmatter Eva - Trauer und Elske Lasker-Schüler - Ein Lied - Gedichtvergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97027

Kommentare

  • Gast am 12.12.2000

    Nicht berauschend.

    Schade.Ich hatte mir mehr versprochen.Da aber bei diesem Gedichtvergleich überinterpretiert wurde , reichte es nur zu 8 KMK Punkten(3).Deswegen unbedingt kürzen !
    Dennoch danke.

  • Gast am 12.12.2000

    Nicht berauschend.

    Schade.Ich hatte mir mehr versprochen.Da aber bei diesem Gedichtvergleich überinterpretiert wurde , reichte es nur zu 8 KMK Punkten(3).Deswegen unbedingt kürzen !
    Dennoch danke.

  • Gast am 28.5.2001

    Strittmatter Eva - Trauer und Elske Lasker-Schüler - Ein Lied - Gedichtvergleich.

    Schwer, das Gedicht von Strittamtter zu finden, am besten gleich mitliefern!
    Ansonsten ok.

  • Gast am 27.4.2002

    Doktor.

    Sehr gute Ansätze erkennbar, besser wäre gewesen weiter ausformulieren und Wirkung mehr herausstellen!

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Titel: Strittmatter Eva - Trauer und Elske Lasker-Schüler - Ein Lied - Gedichtvergleich



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