Musik als Suggestion in Supermärkten


Seminararbeit, 1999
16 Seiten, Note: 1

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Was ist Suggestion

2.1. Was ist Musik
2.2. Aufbau, Eigenschaften und Wirkung von Musik
2.3. Zusammenhänge zwischen psychologischen und vegetativen 4 Wirkungen

3.1. Hintergrundmusik
3.2. Die „ideale“ Hintergrundmusik im Kaufhaus
3.3. Wirkungen von Hintergrundmusik
3.4. Ergebnisse bisheriger Forschungen über die Wirkungen von 9 Hintergrundmusik
3.5. Wirkungslosigkeit von Hintergrundmusik

Abschließende Bemerkungen

Literaturverzeichnis

Anlage

Einleitung

Musik ist in der heutigen Zeit allgegenwärtig. Jeder Mensch kann Musik machen, jeder Mensch sie hören und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ob in Restaurants, Kneipen oder Supermärkten, überall hört man Musik und kann sich ihr nur schwerlich entziehen.

Diese Arbeit versucht im Ansatz zu klären, was Musik im Eigentlichen ist und welche Erscheinungsformen es gibt. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den möglichen Wirkungen, die Musik auf den Menschen ausüben kann, auf welche Art und Weise sie in Kaufhäusern (Supermarkt) eingesetzt wird und welche Intentionen die Verkaufsleitungen haben. Kann Musik suggestiv wirken und wie muss sie aufgebaut sein, um entsprechende Wirkungen zu entfalten. Konnten musikalische Wirkungen bisher überhaupt empirisch nachgewiesen werden?

All diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit zumindest im Ansatz geklärt werden. Dabei werden bisherige Forschungsergebnisse zu Rate gezogen und es wird versucht, persönliche Erfahrungen mit einzubeziehen.

1. Was ist Suggestion

Etymologisch bedeutet suggerieren „verborgen, heimlich herbeibringen“. Im Bertelsmann - Lexikon wird Suggestion als „Beeinflussung des Denkens, Fühlens, Wollens oder Handelns eines Menschen definiert, wobei seine rationalen Persönlichkeitsanteile umgangen werden.“

Die Voraussetzung zum Herbeiführen einer Suggestion ist eine Idee, z.B.: Alle Produkte bei „Aldi“ sind lecker und gesund und müssen unbedingt gekauft werden. Die Idee kann dabei vom Suggerierenden (der Beeinflussende) stammen oder vom suggestiv Beeinflußten selber. Die Suggestion schließlich leitet die Umsetzung ein, d.h. die Idee wird zur Tat. Der Suggerierende wirkt dabei verstärkend auf den Beeinflußten, er „hilft“ dem Beeinflußten bei der Verinnerlichung der Idee. Allerdings hat er keineswegs Einfluß darauf, ob beziehungsweise auf welche Art und Weise der Umsetzungsprozess vonstatten geht.

Im schon erwähnten Beispiel wird also der Beeinflußte beim Einkauf nur auf Produkte der „Aldi - Kette“ zurückgreifen. Charles Baudoin bezeichnet dieses Ereignis als „intraindividuelles Phänomen“1, also die unterbewußte Umsetzung einer Idee in eine Tat des Beeinflußten. Der Käufer ist sich somit im Nachhinein nicht bewußt, weshalb er „heimlich“ mit 2 Einkaufswagen voller Lebensmittel auf der Straße steht. Es ist ebenso möglich, daß er sich der Tat (nur Aldi - Produkte zu kaufen) bewußt ist, aber die Ursache dafür nicht ergründen kann. Er hat die Idee nicht willentlich und nicht unter ständiger eigener geistiger Kontrolle in die Tat umgesetzt.

Je nach dem nun die Idee eine eigene geistige Geburt ist oder durch fremde Hilfe jemandem eingeimpft wurde, spricht man von Autosuggestion oder Heterosuggestion. Bezüglich der zu bearbeitenden Thematik kommt wohl nur die Heterosuggestion in Frage. Denn wenn Musik als suggestives Mittel im Supermarkt eingesetzt wird, nimmt sie sozusagen eine suggestive „Vermittlerrolle“ zwischen Kunde und Verkaufsleitung ein, überträgt also die Wünsche (Kauf Aldi - Produkte und möglichst viele) der Verkaufsleitung an den Kunden auf den Kunden.

2.1 Was ist Musik

Dass Musik körperliche und seelische Auswirkungen auf den Menschen hat, ist hinreichend und schon seit Jahrtausenden bekannt sowie Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Schon Aristoteles soll erkannt haben, das tiefe Töne weich und beruhigend wirken, hohe Töne dagegen hart und belebend.

Damit geklärt werden kann, in welchem Maße Musik suggestiv beeinflussen kann, ist es wichtig, über Aufbau, Arten und mögliche Wirkungen (auf den Menschen) von Musik Bescheid zu wissen.

2.2. Aufbau, Eigenschaften und Wirkung von Musik

Jede Art von Musik besteht aus folgenden musikalischen Bausteinen: Zeit, (Tempo), Kraft (Dynamik), Klang und Form. Aus diesen Bausteinen werden Kompositionen geformt und gestaltet. Die Klangeigenschaften einer Komposition wie Rhythmik, Melodik, Harmonie und Lautstärke haben Wirkungen auf den Menschen. Man unterscheidet sowohl ergotrope (stimulierende / aktivierende) als auch trophotrope (beruhigende, entspannende) Musik. Die jeweilige Wirkung, also mit welcher Erlebnisstärke der Hörer die Musik aufnimmt, läßt sich psycho - physisch messen. Die emotionalen Inhalte (traurig, fröhlich, usw.) sind jedoch nicht meßbar. Im folgenden sind die Merkmale ergotroper und trophotroper Musik und deren Wechselwirkung auf das Vegetativum2 eines Hörer aufgelistet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Übersicht: Merkmale ergotroper und trophotroper Musik und ihre Wechselwirkung mit der Psycho-Physis des Hörers3 Ein nicht außer acht zu lassender Faktor allerdings, wenn Musik auf einen Menschen wirkt, ist der induzierte Aktivierungszustand; welche äußeren Einflüsse wirken auf eine Person vor der Musikrezeption und beeinflussen das Hörerlebnis. Gembris (1985) wies nach, das Versuchspersonen Musik friedfertiger, gelöster und ruhiger aufnahmen, wenn sie sich vor der Darbietung bei Vogelgezwitscher entspannen konnten, als Versuchspersonen, welche davor einen Konzentrationstest unter Zeitdruck durchstehen mußten. Weiterhin fand Gembris heraus, dass entspannte Menschen ruhige Musik angenehmer empfinden, gestreßte Menschen eher flotte Musik bevorzugen.

2.3. Zusammenhänge zwischen psychologischen und vegetativen Wirkungen

Ob es eindeutige Zusammenhänge zwischen vegetativen (Herzschlag) und psychologischen (Freude, Angst) Wirkungen der Musik gibt, ist umstritten, denn die variable vegetative Reaktion auf ein Musikstück muß nicht unbedingt mit bestimmten emotionalen Wirkungen konform gehen. Ein Beispiel: Ich sitze in der Bahn und höre Rapmusik im Walkman (ziemlich laut, ergotrop). Eine Frau, sitzt mir schräg gegenüber. Sie schaut mich grimmig an, sagt aber nichts. Offensichtlich behagt ihr meine Musik nicht. Dennoch kann ich eine Minute später beobachten, daß ihr Fuß im Takt wippt. Ich stelle also meinen Walkman aus, und siehe da, der Fuß hört auf zu wippen. Ich wiederhole das Ganze 3 oder 4 mal und immer, wenn die Musik laut zu hören ist, wippt der Fuß. Auch ich wippe mit dem Fuß, allerdings finde ich Wohlgefallen an der Musik.

Nach der Emotionstheorie von SCHACHTER & SINGER (1962)4 erregt Musik eine unspezifische Grunderregung. Diese wird von der Person wahrgenommen und durch Kognitionen (Einstellungen, Erwartungen, Infos von außen &innen) dieser Person interpretiert. Also kann das kritische Hören eines Musikstückes das eine Mal beruhigend wirken, ein anderes Mal erregend.

Zusammenfassend formuliert kann Musik körperliche (vegetative) Vorgänge beeinflussen, wobei die Wirkung unterschiedlich geartet sein kann, die Intensität vom musikalischen Verständnis, bzw. den subjektiven Eigenschaften (Sozialisation, Umfeld, musikalische Bildung) der Person abhängig ist. Und es gibt, wie schon erwähnt noch keine konkret nachweisbaren Zusammenhänge zwischen psychologischen und physiologischen Wirkungen.

Unterschiedliche Musik wirkt also unterschiedlich auf unterschiedliche Personen. Wenn Musik als suggestives Mittel eingesetzt werden soll, ist es somit vonnöten, ihr ein gewisses Maß an Objektivität zu verleihen. Sie muß breitenwirksam einsetzbar sein, darf keine bewußten Assoziationen hervorrufen, muß also die kognitiven Bestandteile eines Menschen möglichst umgehen. Sie hat die Aufgabe, auf das Unterbewußtsein zu wirken, um Ideen zur Tat werden zu lassen.

Es darf also davon ausgegangen werden, das es sich bei gezielt eingesetzter Musik mit suggestiven Wirkungen um eine spezielle Form der Musik handelt. Ihr Aufbau dürfte vom jeweiligen Einsatzfeld abhängig sein.

3.1. Hintergrundmusik

Im Gegensatz zur autonomen Musik, mit der sich der Mensch willentlich auseinandersetzt, gibt es die funktionelle Musik. Diese erfüllt gewisse gesellschaftliche Funktionen, beispielsweise in Discotheken, bei Gottesdiensten, Empfängen u.s.w.. Eine Spezialform der funktionellen Musik ist die Hintergrundmusik. Sie erfüllt bestimmte Erwartungen, die in den jeweiligen Einsatzbereichen an sie gestellt werden. In Restaurants oder Kneipen beispielsweise soll sie die Atmosphäre des Etablissements unterstreichen, in Kaufhäusern soll sie der Absatz- und Umsatzsteigerung dienlich sein. Hintergrundmusik ist heutzutage allgegenwärtig.

Es gibt mittlerweile einige Firmen, die sich speziell auf das Herstellen von Hintergrundmusik, die den Kunden zum Kaufen animieren soll, fixiert haben. 1934 wurde bereits die erste Firma (MUZAK) in den USA gegründet.

3.2. Die „ideale“ Hintergrundmusik im Kaufhaus

Produziert wird ausschließlich Bekanntes und Wohlvertrautes. Bei neueren Sachen wird darauf geachtet, daß es sich hierbei um simple musikalische Strukturen handelt, die Motive sind kurz und eingängig und werden oft wiederholt. Hohe Lautstärke - schwankungen werden tunlichst vermieden, ebenso große Tonhöhenunterschiede (gelegentlich werden diverse Frequenzbereiche sogar herausgefiltert). Auf gesungenen Text wird wohlweislich so gut wie verzichtet, ebenso auf Stücke, welche der aktuellen Hitliste entstammen. Der Lautstärkepegel bewegt sich 2 - 3 Dezibel über dem Pegel der normalen und ständig vorhandenen Geräuschkulisse des Kaufhauses. Damit soll ein weiterer Dominanzeffekt der Musik vermieden werden, sie soll erst bei bewußter Aufmerksamkeit hörbar sein.

Aus der Produktionsweise wird erkennbar, welche Wesenszüge der Hintergrundmusik zugrunde gelegt werden. Zum Einen kann man von einer „stilistischen Verflachung“5 reden, wichtiger ist aber dass sie nur eine rudimentäre Form des Musik - verstehens (elementares Musikverständnis) voraussetzt. Es zählt allein die unmittelbare Wirkung, eine Informationsverarbeitung auf höherer Ebene wird nicht angestrebt, beziehungsweise erst gar nicht erwünscht.

All diese Maßnahmen sollen dazu führen, daß der Aktivierungszustand des Kunden ein gesundes Mittelmaß erreicht, und er nicht vom Warenangebot auf die Musik abgelenkt wird.

In der Praxis werden jedoch viele dieser von Firmen entwickelten Idealtypen der beeinflussenden Hintergrundmusik häufig, und fern der schönen Theorie, gänzlich über den Haufen geworfen. Wenn man heutzutage über Promenaden zieht (beispielsweise Prager Strasse) ist man ständigen Dezibelschwankungen ausgesetzt. Nicht nur allein in Supermärkten werden die neuesten Hits auf- und abgeleiert. Und in der Medienabteilung eines Kaufparkes prallen erstens verschiedene Musikstücke aufeinander, um sich zu einem regelrechten Soundbrei zu vermischen und dieser ist zweitens viel lauter als die allgemeine Geräuschkulisse. Entweder sind sich die jeweiligen Geschäftsbetreiber nicht im Klaren darüber, daß die speziell für Kaufhäuser hergestellte Hintergrundmusik ihre gänzliche Wirkungsbreite nur entfalten kann, wenn die vorgegebenen Kriterien strikt eingehalten werden. Ansonsten läßt diese Divergenz zwischen Theorie und Praxis die Vermutung aufkommen, ob die suggestive Wirkung von Hintergrundmusik wirklich existent ist. Mittlerweile gibt es sogar einen theoretischen Ansatz zur „Wirkungslosigkeit von (Hintergrund) - Musik“6. Ich werde später noch einmal darauf zurückkommen.

3.3. Wirkungen von Hintergrundmusik

Die Hintergrundmusik im Supermarkt soll mehreres bewirken (laut Katalog diverser Hersteller):

- Verbesserung der Kaufhausatmosphäre mit dem Ziel der Imagehebung (es wird des Kunden Lieblingskaufhaus)
- Regulierung des Aktivierungszustandes des Kunden, ein ausgeglichener Kunde kauft zufriedener ein
- Ein unentschlossener Kunde kauft die Ware aufgrund der sympathischen Musik
- Bessere Aufnahme des Warenangebotes durch längere Verweildauer aufgrund der angenehmen Atmosphäre
- Verbesserte Arbeitsleistung, Arbeitslust des Personals; infolgedessen positives Feedback auf den Kunden durch bessere Kommunikation zwischen Kunden und Angestellten7

Diese erwünschten Wirkungen beinhalten suggestive Aspekte, wobei der Kunde der suggestiv Beeinflußte und die Musik den Part des stellvertretenden Suggerierenden (für die Verkaufsleitung) übernimmt.

All diesen Argumentationen, welche den Einsatz von Hintergrundmusik in Kaufhäusern befürworten, kann natürlich ebenso widersprochen werden. Die Tatsache, dass Hintergrundmusik heutzutage allgegenwärtig ist, sie umgibt uns, wie die Luft zum Atmen, veranlaßt zur berechtigten Frage, ob dadurch nicht ein sogenannter Habitualisierungseffekt (Gewöhnungseffekt) eintritt. Gewöhnt man sich an bestimmte Sachen, so verlieren Sie ihre anfängliche Wirkung, sie werden alltäglich. So wird zum Beispiel ein wunderschöner, ruhiger Landstrich für einen Städter beeindruckend sein, er wird Kraft tanken, da er der gewohnten Umgebung der stressigen, hektischen und lärmenden Stadt entflohen ist. Gleichzeitig interessiert es den Landbewohner wenig, wie schön seine Umgebung ist, da sie ihn alltäglich umgibt, er hat sich an sie gewöhnt.

Ein weiterer Aspekt ,der sich gegen die Verwendung von Hintergrundmusik ausspricht, ist die Manipulation des Kunden, er wird in seiner freien Kaufentscheidung eingeschränkt, er kauft wider seines Willens.

Die ständige Klangkulisse am Arbeitsplatz, die angeblich auch das Verkaufspersonal zu höheren Arbeitsleistungen führen soll, kann man allerdings auch als „Zwangsbeglückung“ sehen, womit dann das Gegenteil erreicht wäre: Die Hintergrundmusik wäre dann ein zusätzlicher Störfaktor. Zwar gab es zur Gründerzeit der Hintergrundmusik Untersuchungen die belegten, dass die Arbeitsleistungen um 2% bis 6% stiegen, bei Nacht sogar auf etwa 17% (Lundin,1967). Auch gab es in den vierziger Jahren eine Radiosendung „Music while you work“, die von 8 Millionen britischer Arbeiter gehört wurden.8 Aber schon zu dieser Zeit achtete man darauf, dass wohl dosiert gehört wurde. Man war sich also schon zu dieser bewußt, dass zuviel Musik leistungsmindernd wirkt. In den letzten 10 Jahren ist der Einsatz von Musik am Arbeitsplatz jedoch drastisch zurückgegangen. Daraus läßt sich schließen, dass die der Musik zugeschriebenen arbeitsförderlichen Wirkungen mittlerweile fast gänzlich aberkannt wurden.

3.4. Ergebnisse bisheriger Forschungen über die Wirkung von Hintergrundmusik

Es scheint sich abzuzeichnen, dass die Frage, ob Hintergrundmusik suggestive Wirkungen erzeugen kann oder nicht, sehr schwierig zu beantworten ist. Auf der einen Seite sind die Kaufhausbesitzer und selbstverständlich auch die Betreiber der Firmen, die Hintergrundmusik herstellen, in verschiedenen Studien zu dieser Thematik befragt worden. Burleson (1979) wies nach, das sie alle der einhelligen Meinung sind, dass die Hintergrundmusik die gewünschten Effekte hervorbringt, nämlich Umsatzsteigerung, eine positive Stimmung der Kunden, sowie die Hebung der Arbeitsmoral. Auch ein nicht unerheblicher Teil der Kunden sind überzeugt, dass sie durch den Einsatz von Musik länger im Kaufhaus verweilen und mehr kaufen. Allerdings konnte Burleson diese Vermutungen nicht bestätigen. Fichtner und Weil (1984) wiesen, bei tageweiser Ein- und Ausblendung der Hintergrundmusik in zwei Parfümerien innert 14 Tagen, nach, dass der Einsatz von Musik keinerlei Auswirkungen auf den Umsatz hat. Vanecek (1991) schließlich, der vier Kaufhäuser untersuchte, fand heraus, dass beruhigende Musik den Kundenstrom verlangsame, in etwa die Hälfte aller Kunden überzeugt ist, durch den Musikeinfluß länger im Kaufhaus zu verweilen, ungefähr ein Drittel meint, die Musikeinwirkung beeinflusse die Kaufentscheidung. Bei 75% des Verkaufspersonals wurde ein Habitualisierungseffekt (Gewöhnungseffekt) festgestellt. Vanecek stellte eine positive Korrelation zwischen Verweildauer und Warenabsatz fest. Das jeweilige Kaufhaus betreffend, war die Auswirkung des Kundenstromtempos auf Absatz und Umsatz nicht von einheitlicher Wirkung. Vanecek kommt zu dem Schluss, dass die beste Hintergrundmusik pro Kaufhaus ermittelbar sei unter Einbeziehung personaler, situativer und imagebezogener Faktoren. Er warnt allerdings auch vor einer aufgezwungenen „akkustischen Umweltverschmutzung.

3.5. Wirkungslosigkeit von Hintergrundmusik

Im Jahrbuch der deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie mit dem Schwerpunkt „Wahrnehmung und Rezeption“ (Band 14, 1999) wird von Klaus - Ernst Behne der Ansatz zu einer „Theorie einer Wirkungslosigkeit von (Hintergrund)-musik“ aufgestellt. Seiner Argumentation liegt eine Meta - Analyse von 153 empirischen Arbeiten, die die Wirkungen von (Hintergrund)-musik untersuchten, zugrunde. Diese Analyse belegt eindeutig, dass ein Drittel dieser Studien keine signifikanten Wirkungen von Musik nachweisen konnte. Diese Tendenz stieg in den Neunziger Jahren sogar auf 50%. Behne versucht anhand einer Studie von Baker (1937) zu belegen, inwieweit wissenschaftliche Theorien und deren Ergebnisse sich auf die durch Musik hervorgerufenen Effekte auswirken können. Baker untersuchte die „Wirkungen von (Hintergrund)-musik in Abhängigkeit von drei verschiedenen Suggestionen.“ Er führte mit drei verschiedenen Gruppen einen Leistungstest durch. Davor suggerierte er jedoch der ersten Gruppe, dass Musik die Konzentration erhöhe, der zweiten Gruppe, dass Musik die Konzentration störe und der dritten Gruppe, dass Musik anfänglich störe, später jedoch förderlich sei. Die Tests wurden mit und ohne Musik durchgeführt. Die Ergebnisse sind eindeutig (siehe Anlage).

Dieser Untersuchung sind keine eindeutigen suggestiven Wirkungen von Hintergrundmusik entnehmbar, da die erzielten Effekte nur durch die Wissenschaftsgläubigkeit der Versuchspersonen möglich waren.

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt, der die Wirkungslosigkeit unterstreicht, ist für Behne der Habitualisierungseffekt durch die extreme mediale Verfügbarkeit von Musik.9

Auch ist er überzeugt, dass die Aussagekraft einiger Studien (die Wirkungen nachweisen), die im Auftrag von Hintergrundmusik - Herstellern erstellt wurden, zweifelhaft sind.

Bemängelt wird auch der einseitige methodische Aufbau diverser Studien. Um konkret nachzuweisen, ob und welche Wirkungen Hintergrundmusik haben könnte oder nicht, bedarf es differenzierteren Untersuchungen. Viele Untersuchungsmethoden der bisherigen Studien seien sehr global angelegt und könnten dadurch diesem vielschichtigem Thema nur grob gerecht werden.

Abschließende Bemerkungen

Es besteht kein Zweifel, dass Musik Wirkungen auf den Menschen hat. Diese Wirkungen sind sowohl vegetativ als auch emotionaler Natur. Die Art und Weise der jeweiligen Wirkung ist von der Art der Musik abhängig, sowie den spezifischen Kognitionen eines jeden Subjektes. Eine direkte Wechselwirkung zwischen Psyche und Physis wurde bisher nicht nachgewiesen, da die subjektiven Eigenschaften eines Musikrezipienten sehr unterschiedlich sind.

Um Musik als suggestives Mittel einsetzen zu können, muß sie gewisse Funktionen erfüllen. Man bedient sich hierbei der Hintergrundmusik (Spezialform der funktionellen Musik), die eigens zu diesem Zweck hergestellt wird. Im Kaufhaus (Supermarkt) soll sie dem Kunden eine angenehme Atmosphäre verschaffen, sowie Umsatz und Absatz steigern. Dem wäre anzumerken, dass Hintergrundmusik nur ein Teilaspekt der Verkaufspsychologie ist.

Über das Für und Wider des Einsatzes von Hintergrundmusik wird schon seit längerer Zeit diskutiert. Eine Partei wünscht den Einsatz von Hintergrundmusik aufgrund ihrer „positiven“ Wirkungen, die andere beklagt sich über die dadurch entstehende Manipulation des Kunden mit einhergehender Freiheitsbeschneidung. Es besteht eine Diskrepanz zwischen angenommener und der tatsächlichen suggestiven Wirkung von Hintergrundmusik. Nur sehr wenige Studien konnten, meist nicht relevante Wirkungen nachweisen, beispielsweise Vanecek (1991). Er registrierte eine

Verlangsamung des Kundenstroms bei ruhiger Musik, ohne dass eine meßbare Umsatzsteigerung nachgewiesen werden konnte. Somit konnten die Erwartungen der Verkaufsleitungen nicht erfüllt werden.

Mittlerweile gibt es sogar theoretische Ansätze, die der Hintergrundmusik Wirkungen gänzlich absprechen. Die Faktoren, auf die sich diese Ansätze berufen sind Habitualisierung (Gewöhnungseffekt) durch die Allgegenwärtigkeit von Musik und die Tatsache, dass die Hälfte aller Studien, welche die Wirkungen von Musik untersuchten, keine relevanten Ergebnisse erzielten.

Es bestehen also berechtigte Zweifel, ob Hintergrundmusik in Supermärkten suggestive Wirkungen erzeugt.

Literaturverzeichnis

Charles Baudoin

Suggestion - Autosuggestion (4. Auflage 1924) Sybillenverlag Dresden

Erich Vanecek

Die Wirkung der Hintergrundmusik in Warenhäusern WUV - Universitätsverlag, Wien 1991

Hans-Helmut Decker-Voigt

Aus der Seele gespielt Wilhelm Goldmann Verlag, München 1991

Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (Band 14) Wahrnehmung und Rezeption Klaus - Ernst Behne Zu einer Theorie der Wirkungslosigkeit von Musik hrsg. Von Klaus - Ernst Behne, Günter Kleinen und Helga de la Motte-Haber Hogrefe - Verlag, Göttingen 1999

Helga de la Motte - Haber Handbuch der Musikpsychologie Laaber - Verlag, Laaber 1985

Technische Universität Dresden, Philosophische Fakultät,

Institut für Kunst- und Musikwissenschaft August-Bebel-Str. 20

01062 Dresden

Hausarbeit

Thema: Musik als Suggestion in Supermärkten Sommersemester 1999

Vorlesung: „Einführung in die Musikpsychologie“

Dozent: Dipl. paed. Hendrik Starfinger

vorgelegt von: Henning Schumann

3. Fachsemester

Taubenheimer Str. 1

01324 Dresden

Abgabetermin: 30.10.1999

Anlage

[...]


1 Baudoin, Charles: Suggestion, Autosuggestion, S.32

2 Willentlich nicht steuerbarer Teil unseres Nervenzentrums

3 Hans-Helmut Decker-Voigt: Aus der Seele gespielt, S. 74-75

4 Vanecek, Erich: Die Wirkung von Hintergrundmusik in Warenhäusern, S. 11

5 Helga de la Motte Haber: Handbuch der Musikpsychologie, S. 217

6 Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (Band 14); K-E. Behne: Zu einer Theorie der Wirkungslosigkeit von Musik

7 Erich Vanecek: Die Wirkung der Hintergrundmusik in Warenhäusern, S. 18-19

8 Helga de la Motte Haber: Handbuch der Musikpsychologie, S. 221

9 Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (Band 14); K-E. Behne: Zu einer Theorie der Wirkungslosigkeit von Musik, Kapitel 5

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Musik als Suggestion in Supermärkten
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
Einführung in die Musikpsychologie
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
16
Katalognummer
V97280
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musik, Suggestion, Supermärkten, Einführung, Musikpsychologie
Arbeit zitieren
Henning Schumann (Autor), 1999, Musik als Suggestion in Supermärkten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97280

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