Kommunikationstheorie: Systemtheorie


Skript, 2000

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1. Grundlagen

Parsons strukturell-fuktionale Systemtheorie der 30er Jahre: definiert in Analogie zur Kybernetik System als abgeschlossenen, geordneten Regelkreis und in Analogie zur Biologie als offenes System mit Wechselbeziehungen zur Umwelt. Organismen sind mehr als die Summe von Einzelteilen. Grenzt System mit einer bestimmten inneren Gesetzmäßigkeit von einer Umwelt ab. Setzt soziale Systeme mit bestimmten Strukturen voraus und fragt nach den funktionalen Leistungen, die für den Fortbestand der Systeme erbracht werden müssen. Die neuer Systemtheorie nach Luhmann sieht Sinneseindrücke als eine Funktion des kognitiven Systems, Selektionsleistung reduziert Komplexität. Die Struktur und Strukturerhaltung tritt in den Hintergrund, Prozeß und Funktion werden wichtig. Systeme werden als operational geschlossen betrachtet.

2. systemtheoretische Kernaussagen und Grundbegriffe

Humansysteme stellen aus sich selbst heraus Bewußtsein und Kommunikation her (Autopoiesis). Da solche Systeme organisationell geschlossen sind, können sie durch ihre Umwelt nicht determiniert, sondern allenfalls irritiert werden. Autopoietische Systeme sind hinsichtlich ihrer Organisation operational geschlossen und hinsichtlich ihrer Umwelt strukturell gekoppelt.

- Autopoietische Systeme: selbstbezogene, sich selbst erhaltende und reproduzierende Einheiten. Soziale Systeme operieren zustands- und strukturdeterminiert, notwendige Vor- aussetzung ist eine systemspezifische Kommunikationsform, die einerseits gegenüber anderen Systemen abgrenzt und andererseits die Eigenreproduktion ermöglicht.
- Selbstreferenz/Selbstbezüglichkeit: Berücksichtigung der eigenen Systemzustände für die Selbstreproduktion, notwendige Vor. hierfür ist systeminterne Kommunikation
- Reduktion von Komplexität: Sinn ist das fortlaufende Prozessieren von Aktualität und Möglichkeit. Es handelt sich dabei um eine systeminterne Operation, mit der Ereignisse verarbeitet werden. Voraussetzung hierfür ist kommunikative Selbstreferenzialität, ein binärer Code als Ordnungsinstanz.
- Strukturelle Kopplung: eine Beziehung zweier Systeme, die aufeinander angewiesen sind, da sie kommunizierbare Inhalte bereitstellen, welche sie aber nach jeweils nach eigenen systemspezifischen Regeln verarbeiten.
- Operationale Geschlossenheit: Aufgrund der Selbstkoordinierung der eigenen Kommunikation (Autonomie) kann keine Determination des Systems von außen, kein Input, erfolgen. Die verarbeiteten Inhalte verbleiben im Sys., es gibt also auch keinen Output.

3. Luhmann: Kommunikation und Handlung

Der basale Prozeß sozialer Systeme, der die Elemente produziert, aus denen diese Systeme bestehen, kann nach Luhmann nur Kommunikation sein. Frage dann: Wie verhält sich Kommunikation zu Handlung?

3.1 Kommunikationsbegriff

Die Übertragungsmetapher wird abgelehnt, denn operational geschlossene psychische Systeme können weder Botschaften von außen aufnehmen noch Botschaften abgeben. Sie sind lediglich in der Lage, Komm. zu reizen und zu irritieren. Eine Mitteilung ist ein Selektionsvorschlag, der als Anregung aufgegriffen werden kann. Wird er aufgegriffen, kommt Kommunikation zustande.

Kommunikation im Sinne Luhmanns ist ein dreistelliger Selektionsprozeß, der aus der Synthese der Selektion von Mitteilung, der Selektion von Information und der Selektion von Verstehen besteht. Alle drei Selektionen sind für Kommunikation konstituierend, ebenso die Wahrung der Differenz zwischen Information und Mitteilung. "Eine Kommunikation liegt vor, wenn eine Informationsauswahl, eine Auswahl aus verschiedenen Mitteilungsmöglichkeiten (Mitteilungsverhalten) und eine Auswahl aus verschiedenen Verstehensmöglichkeiten getroffen wurde und eine Synthese aus diesen drei Selektionsleistungen erfolgt ist ."

Dabei ist eine Mehrheit von psychischen Systemen am Selektionsprozeß beteiligt, auch wenn Mitteilung, Information und Verstehen sind keine Operationen sind, sondern als Bestandteile der Komm. Konstrukte des sozialen Systems. (Auch Verstehen ist kein Bewußtseinsereignis, sondern eine Komponente des Kommunikationsgeschehens. Ob die vorhergegangene Kommunikation wie auch immer "verstanden" wurde, wird allein dadurch signalisiert, daß eine Anschlußkommunikation stattfindet!)

Voraussetzung für Komm. ist die Codierung. Die Information erhält für ihre Mitteilung eine geeignete Zweitform (z.B. sprachlich oder schriftlich), es findet eine operative Vereinheit lichung von Information und Mitteilung statt. Nicht codierte Information wird als Störung empfunden. Die Codierung bewirkt eine Ausdifferenzierung von KommProzessen.

Kommunikation ist ein basal-selbstreferentieller Proze ß , der in jeder seiner Elemente drei Selektionen koordiniert. Wegen der Selbstreferenzialit ä t kann es kein entsprechendes Umweltkorrelat f ü r Kommunikation geben. Ein Kommunikationssystem ist nie autark, es kann aber durch die eigene Konditionierung seiner kommunikativen Synthesen Autonomie gewinnen.

3.2 Die vierte Selektion

Erfolgreiche Kommunikation bedeutet nicht, daß der Kommunikant Erfolg hatte. Die Vierte Selektion ist die Differenz von Annahme oder Ablehnung der mitgeteilten Sinnreduktion. Sie ist ein Anschlußakt der Kommunikation. Doppelte Kontingenz: Vielzahl von Möglichkeiten; doppelt, weil sie für beide Kommuniktionsbeteiligte gilt und beiden bewußt ist.

3.3 Sprache

Kommunikation ist auch ohne Sprache möglich, Sprache ermöglicht aber das Ausdrücken einer eindeutigen Kommunikationsabsicht und die Reflexivität des Kommunikationsprozesse (Komm. über Komm.), damit Komplexitätssteigerung.

3.4 Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation

a. Verstehen: Es ist unwahrscheinlich, daß jemand etwas versteht, was ein anderer meint, wenn angenommen wird, daß Sinn nur kontextgebunden verstanden werden kann und als Kontext nur das fungiert, was das eigene Gehirn als Gedächtnis bereitstellt. Auch Mißverstehen ist möglich, es verstärkt die Unwahrsch., daß Komm. weitergeführt wird.
b. Erreichen von Adressaten: Es ist unwahrscheinlich, daß eine Komm. mehr Menschen er- reicht, als im Moment der Komm. anwesend. Die Unwahrscheinlichkeit wächst, wenn Komm. unverändert weitergegeben werden soll.
c. Erfolg: Es ist unwahrscheinlich, daß Komm. angenommen wird, selbst wenn sie verstanden wurde. Erfolg bedeutet hier die Übernahme der Information als Prämisse eigenen Verhaltens durch den Empfänger.

Kommunikation wird unterlassen, wenn sie aussichtslos erscheint, entsprechend gibt es auch keine sozialen Systeme (weil die ja aus Komm. bestehen). Die Überwindung von Unwahrscheinlichkeit, also ihre Transformierung in Wahrsch., reguliert den Aufbau soz. Systeme: System ist die ins Wahrscheinliche umgeformte Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation.

3.5 Medien

Die Transformierung von Unwahrscheinlichkeit in Wahrscheinlichkeit wird erreicht durch Medien. Nach Luhmann sind sie Funktionsträger der Informationsübertragung, es sind derer drei zu unterscheiden:

- Sprache ermöglicht das Verstehen weit über das Wahrnehmbare hinaus (Abstraktion) und benutzt akustische und optische Zeichen (symbolische Generalisierungen) für Sinn.
- Verbreitungsmedien wie Schrift, Funk, Druck erlauben eine Ausdehnung der Reichweite von Kommunikation, erhöhen aber gleichzeitig die Unwahrscheinlichkeit ihres Erfolges.
- Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind allgemein verständliche

Zeichensysteme (Semantiken) deren Funktion es ist, reduzierte Komplexität übertragbar zu machen und für Anschlußselektivität zu sorgen. Sie übermitteln sozusagen hochkomprimierte Informationen, die aufgrund ihrer symbolischen Form weiter verwendet und zu Kommunikationsketten verknüpft werden können. Beispiele: Wahrheit, Liebe, Eigentum, Recht, Macht. Ziel ist es, die Selektionen der Kommunikation so zu koordinieren, daß der Selektionsvorschlag mit ausreichender Sicherheit übernommen wird.

Alle drei Medien sind evolutionäre Errungenschaften, die die Informationsverarbeitungsleistungen der sozialen Kommunikation begründen und steigern. Auf diese Weise reproduziert sich Gesellschaft als soziales System.

3.6 Das Verhältnis von Kommunikation und Handlung

Soziale Systeme sind autopoietische Systeme, sie erzeugen fortlaufend Kommunikation aus Kommunikation, um sich selbst zu erhalten. Für die Folgekommunkation benötigen sie Anknüpfungspunkte, diese werden nur durch Selbstbeaobachtung möglich. Um Kommunikation beobachtbar zu machen, muß sie als Handlungssystem ausgeflaggt werden. Dies geschieht, indem sie Mitteilung als Mitteilungshandeln auffaßt. Durch dieses Handlungsverständnis wird Kommunikation asymmetrisch, sie schlägt eine Richtung ein und läßt sich so als Ereignis zeitlich fixieren ("A teil B etwas mit"). Handlungen werden durch Zurechnungsprozesse konstituiert: Kommunikationen werden als Mitteilungshandeln einer Person (von Luhmann definiert als eine Einheit des sozialen Systems) zugeordnet, damit werden Identifikationspunkte für die Anschlußkommunikation geschaffen.

-> Handlungen sind nicht Elemente sozialer Systeme, sondern werden durch Zurechnungsprozesse konstituiert.
-> Kommunikationen und nicht Handlungen sind die kleinsten Einheiten sozialer Systeme.
-> Aber: " ...beides, Kommunikation und Handlung, ist notwendig und beides muß laufend

zusammenwirken, um die Reproduktion aus den Elementen der Reproduktion zu ermöglichen."

Daraus folgt: Eine handlungs- und personenorientierte Darstellung von Kommunikation unterl ä uft deren Komplexit ä t und Eigenst ä ndigkeit. Wenn Kommunikation als Mitteilungshandlung aufgefa ß t wird, verfehlt das den emergenten Charakter des Sozialen. An Kommunikation sind mindestens zwei psych. Systeme beteiligt, von Handlung spricht man in Bezug auf eine Person.

4. Systemtheorie in der Praxis: Steuerung oder Interpenetration?

Im Rahmen der Interaktion zwischen selbstreferentiellen, operational geschlossene Systemen können nur Einflußversuche beobachtet werden: z.B. bieten PR-Aktionen allenfalls Anlässe für Handeln im System Journalismus und können im System Journalismus bzw. den Redaktionen als dessen Grenzstellen nur Resonanzen erzeugen. Um aber das zu erreichen, muß sich PR den internen Relevanzhierarchien und Operationsprozeduren des Journalismus anpassen, seine Strukturen imitieren. Einseitige Steuerungsvorstellungen müssen wohl durch Interpenetrationsmodelle ersetzt werden. Diese sind gekennzeichnet durch wechselseitige Anpassungsprozesse sowie einer wechselseitigen Durchdringung der Systeme (keine direkte Steuerung).

Versuch einer Synthese von Handlungs- und Systemtheorie nach Schmidt:

Modellierung eines Kommunikationsmodells in einem handlungstheoretischen Sinne, also unter Einschluß von Aktanten. Das Modell basiert auf der Beobachterproblematik: es gibt keine beobachterfreie Theorie. Die Art des Handelns ist abhängig vom systemspezifischen Prozessieren der Medienangebote. Die Medienangebote müssen gesellschaftlich verbindlich und semiotisch relevant sein, um Systeme zu koppeln und auf diese Weise systemspezifischen Sinn zu produzieren.

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Details

Titel
Kommunikationstheorie: Systemtheorie
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Autor
Jahr
2000
Seiten
6
Katalognummer
V97939
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemtheorie, Luhmann
Arbeit zitieren
Svenja Kunze (Autor), 2000, Kommunikationstheorie: Systemtheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97939

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