Notwendigkeit einer speziellen Jungenarbeit


Diplomarbeit, 1995

73 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Anthropologische Ansätze
2.1. Der Androgynie-Ansatz
2.2. Der Zwei-Welten-Ansatz

3. Mythen und Prinzipien der Männlichkeit
3.1. Männliche Mythen
3.1.1. Der Mythos vom Krieger
3.1.2. Der Mythos vom Arbeiter
3.1.3. Der Mythos vom Sex
3.2. Männliche Prinzipien
3.2.1. Das Prinzip "Außen"
3.2.2. Das Prinzip Gewalt
3.2.3. Das Prinzip `Benutzung'
3.2.4. Das Prinzip `Stummheit'
3.2.5. Das Prinzip `Alleinsein'
3.2.6. Das Prinzip `Körperferne'
3.2.7. Das Prinzip `Rationalität'
3.2.8. Das Prinzip `Kontrolle'
3.3. "Der perfekte Mann" (HEMAN)

4. "Wie ein Mann gemacht wird"
4.1. Modelle zur männlichen Sozialisation
4.1.1. `Sozialisationsmodell Mannsein'
4.1.2. Das Koordinatensystem `patriarchatskritischer Bildungsarbeit'
4.2. Entwicklungsmodelle des `Mann-Werdens'
4.2.1. Rollentheortische Modelle
4.2.2. Machtorientierte Modelle
4.2.3. Identitätsorientierte Modelle

5. Ansätze der Jungenarbeit
5.1. Verschiedene Modelle der Jungenarbeit
5.1.1. Antisexistische Jungenarbeit
5.1.2. Modellprojekt zur Förderung der Jungen-und Männerarbeit der KSJ-GCL

6. Die Jungenarbeiter
6.1. Männer in der Jungenarbeit
6.2. Notwendige Veränderungen
6.3. Persönliche Betroffenheit
6.4. Motivation zur Veränderung

7. Motivation
7.1. Die Motivation der Jungen
7.1.1. Eigenmotivation
7.1.2. Fremdmotivation
7.1.3. Prozeßmotivation
7.2. Die Motivation der Jungenarbeiter

8. Schluß

9. Literaturliste

Vorwort

Die Suche nach einem Diplomarbeitsthema beschäftigte mich einige Zeit in meinem Studium. Meine Berufsausbildung als Erzieher und meine berufliche Tätigkeit waren ausnahmslos im Behindertenbereich. Von diesem Bereich löste ich mich langsam. Ich machte Fortbildungen zum Thema "Sexualität" und "Pornographie".

Ich entdeckte die Zusammenhänge mit meiner eigenen Person und beschäftigte mich weiter mit dem Thema. Nachdem dieses Interesse geweckt war, begann ich ein studienbegleitendes Praktikum in der Jungenarbeit. Die Einrichtung heißt "Inobhutnahme" für Jungen zwischen 12 und 18 Jahren, beim Internationalen Bund (IB) für Sozialarbeit in Osnabrück. Hier lernte ich den Leiter dieser Einrichtung, einen ehemaligen Referenten für die "antisexistische Jungenarbeit" der HEIMVOLKSHOCHSCHULE ALTE MOLKEREI FRRILLE (im Folgenden HVHS FRILLE), Michael STROB kennen. Ebenso machte ich ein achtwöchiges Praktikum auf einer kinderpsychiatrischen Station im Kinderhospital in Osnabrück. In diesem Praktikum lag mein wesentlicher Aufgabenbereich in der Betreuung der Jungen dieser Station.

Über diesen und andere Kontakte beschäftigte ich mich mehr und mehr mit dem Thema "Jungenarbeit". Ich besuchte zwei weitere Fortbildungen über "Sexuelle Gewalt gegen Jungen" in der HVHS FRILLE und eine Veranstaltung der Stadt Osnabrück zum Thema "Jungenarbeit".

Nachdem mein persönliches Interesse geweckt war, entschied ich mich, diese Thematik in meiner Diplomarbeit zu bearbeiten. Dazu führte ich Interviews mit verschiedenen Personen. Daruter waren Mitarbeiter von Jungeneinrichtungen, der Leiter eines Jungenwohnheimens, die Psychologin einer kinderpsychiatrischen Station des Kinderhospitals in Osnabrück, ein Psychotherapeut, der ebenfalls dort gearbeitet hat und nun seit 6 Jahren eine eigene Praxis führt, sowie viele meiner FreundInnen.

Aus diesen Grundlagen, den Gesprächen und Gedanken entwickelte ich eigene Ideen zur Jungenarbeit, die in diese Arbeit ebenso eingeflossen sind, wie einige Beispiele aus meiner praktischen Arbeit

1. Einleitung

Ich will in meiner Arbeit, einen allgemeinen Überblick über viele Teilaspekte des `Mann- Werdens' geben. Dabei werde ich deutlich machen, wie schwierig dies - insbesondere in der heutigen Gesellschaft - ist. Mit dieser Darstellung möchte ich eine Grundlage für ein intensives Verständnis und ein Gefühl für die Jungen wecken. Die LeserInnen sollen sich ein Bild über die vielen Schwierigkeiten machen können, die einen Jungen erwarten, wenn er sich zum Mann entwickelt.

Ich werde in meiner Arbeit wenig auf Sozialisationsbedingungen von Mädchen und Frauen eingehen. Dies bedeutet nicht, daß ich es nicht für nötig halte, die weiblichen Entwicklungsbedingungen näher zu untersuchen. Es würde aber den Rahmen meiner Diplomarbeit übersteigen.

Ich halte es für sehr wichtig, daß Jungenarbeit und Mädchenarbeit immer in Kontakt zueinander bleiben, da sie sich meiner Meinung nach gegenseitig ergänzen und voneinander abhängig sind. Dies jedenfalls, solange sie sich wirkliche Auswirkungen und Verbesserungen für das Zusammenleben der Geschlechter in der Gesellschaft erhoffen.

Auf die Themen männliche Gewalt und Sexualität werde ich an verschiedenen Stellen meiner Arbeit eingehen, da sie untrennbar mit der männlichen Entwicklung verbunden sind. Diese Themenbereiche ausführlich zu erarbeiten, würde jeweils eine eigene Diplomarbeit ergeben.

Statt dessen werde ich im zweiten Kapitel auf die zwei unterschiedlichen Teile unserer Gesellschaft eingehen: der Weiblichkeit und der Männlichkeit. Wir werden zwar als Menschen geboren, jedoch von früher Kindheit an auf die verschiedenen Lebenswelten vorbereitet und hingeführt. Wir sollten dies nicht verdrängen, sondern als Grundlage nehmen, um darauf ein gemeinsames Zusammensein zu gründen, ohne unsere Unterschiede zu leugnen.

Im dritten Kapitel werde ich auf das traditionelle Männerbild eingehen und die Mythen vom Mann-sein ausführen. Diese Mythen sehen für sich alleine gestellt antiquiert aus. Ihre Aktualität sollte jedoch nicht unterschätzt werden.

Dies wird im zweiten Teil des dritten Kapitels deutlich. In diesem Teil werde ich die männlichen Prinzipien darstellen. Diese Prinzipien stellen noch immer die äußere Rollenvorgabe für Jungen dar. Wenn es keine anderen Vorbilder in ihrem Leben gibt, mit denen sie sich identifizieren können, so müssen sie sich an diesen Vorgaben orientieren .

Am Ende werde ich die traurige Existenz von HEMAN, dem Helden im Kinderzimmer, vorstellen. An dieser Spielfigur möchte ich noch einmal die Schwächen des sogenannten `Starken Mannes' deutlich machen.

Im vierten Kapitel beschäftige ich mich mit dem theoretischen Hintergrund der Entwicklung zum `Mann-Sein'. Hier erläutere ich ein theoretisches und ein praktisches Schema zur männlichen Entwicklung. Im Anschluß daran stelle ich rollentheoretische, machtorientierte und identitätsorientierte Entwicklungsmodelle vor.

Weiter beschäftige ich mich mit dem Vorurteil, daß Jugendarbeit immer auch Jungenarbeit ist. Danach werde ich die antisexistische Jungenarbeit der HVHS FRILLE vorstellen. Daneben stelle ich Auszüge aus dem Modellprojekt zur Förderung der Jungen- und Männerarbeit in der katholischen Jugendverbandsarbeit der KSJ-GCL dar. Meinen Schwerpunkt lege ich hier auf die Ausführung der Ziele und Ansatzpunkte. Die Arbeitsweisen der HVHS FRILLE und der Mitarbeiter der KSJ-GCL werde ich jeweils mit einem Praxisbeispiel verdeutlichen.

Im nächsten Kapitel werde ich mich intensiv mit den Jungenarbeitern beschäftigen. Ich habe bewußt die männliche Form gewählt, da ich denke, daß es gerade für die Jungenarbeit besonders wichtig ist, daß Männer diese Arbeit machen. Männer, die Jungenarbeit machen, müssen sich intensiv mit ihrer Position, Person und ihrem eigenen `Mann-Sein' auseinander setzen.

Weiter gehe ich auf die Motivation zur Veränderung der klassischen Rollenbilder für Jungen und Männer ein. Es wird deutlich werden, wie schwierig es ist, Veränderungen zuzulassen. Jede Veränderung bedeutet erst einmal Unsicherheit und damit Gefahr. So ist in der Praxis keine Eigenmotivation bei den Jungen zur Veränderung zu finden. Sie können sich erst durch die Identifikation mit den Jungenarbeitern und dem `Vorleben' erweiterter Handlungsmöglich-keiten sowie über den Prozeß der Auseinandersetzung in der Jungengruppe motivieren.

Zum Abschluß werde ich auf mögliche Erweiterungsansätze und andere Möglichkeiten zur Veränderung des `Rollenbildes Mann' eingehen.

Die Intention meiner Arbeit liegt darin, den LeserInnen deutlich zu machen, welche Probleme mit dem `Mann-Sein' und `Mann-Werden' verbunden sind. Jungen und Männer müssen lernen, daß sie Probleme und Fehler haben. Dies macht sie nicht kleiner und schwächer. Ein Eingehen auf die Schwächen und ein Wissen über diese kann das Leben und das Zusammenleben leichter machen.

Ich denke, es ist an der Zeit, daß sich die Männer mit sich selbst beschäftigen!

2. Anthropologische Ansätze

2.1. Der Androgynie-Ansatz

Der Androgynie-Ansatz wird schon mit mythologischem Ursprung bei Platon erwähnt. Das Wort leitet sich aus dem Griechischen ab und ist zusammengesetzt aus andro = männlich und gyn = weiblich (nicht umsonst in dieser Reihenfolge).

Der Androgynie-Ansatz beruht auf der Annahme, daß es früher nur Menschen gab, in denen beide Elemente , das Männliche und das Weibliche (in einer Kugel) vereint waren (vgl. Yin und Yang). Eines Tages, so schreibt Platon ( nach Stopczyk 1980), wurden den Göttern die Menschen zu mächtig und Zeus spaltete sie in zwei Hälften. Seit dieser Zeit leben die Menschen in der Sehnsucht nach dem Ganzen und suchen ihre verlorene Hälfte.

Heutige Androgyniekonzepte (vor allem Sandra BEM, Jean BLOCK auf der Basis von Kohlberg und Piaget) bewerten die Rollenfixierung als Einschränkung der Persönlichkeitsentwicklung und als Mangel des Individuums.

"Mit dem Blick auf Frauen beschreiben die Wissenschaftlerinnen diese Rollenbeschränkungen als Benachteiligung von Frauen, die es zu verändern gilt. Dabei werden die Benachteiligungen jedoch sämtlich bezogen auf die Möglichkeiten des Mannes, die es für Frauen zu öffnen gilt, die sie sich aneignen sollten. Der Blick auf die parallele Aufgabe der Männer fällt weitgehend heraus, statt dessen wird als persönliche wie gesellschaftliche Perspektive die Entwicklung der androgynen Persönlichkeit gefordert. Diesem Menschen stehen alle Verhaltensweisen und Eigenschaften offen, und je nach Situationskontext nutzt der Mensch die bisher als typisch männlich oder weiblich zugeordneten Möglichkeiten. Die Auflösung des Über- und Unterordnungsprinzips, des Denkens in Gegensätzen wird postuliert, ohne jedoch die Ursachen zu benennen." (GLÜCKS 1994 S.27).

Ziel heutiger Androgyniekonzepte ist die Entwicklung eines neuen Geschlechts, des androgynen Menschen. Dabei bleibt jedoch die Geschichte des Geschlechterverhältnisses unberücksichtigt. Das bedeutet z.B. das Hierarchieverhältnis zwischen Männern und Frauen, also die Unterdrückung der Frauen, wird ignoriert.

2.2. Der Zwei-Welten-Ansatz

(Die Kultur der Zweigeschlechtigkeit)

Der Zwei-Welten-Ansatz betrachtet das Geschlechterverhältnis in seinem kulturhistorischen Zusammenhang. Die Geschlechtszugehörigkeit beruht auf biologische Kriterien (= sex), seine Ausformung der sozialen Geschlechtsrolle (= gender) orientiert sich daran.

"Der Mensch wird nicht nach seinen Eigenschaften und Verhaltensweisen einem Geschlecht zugeordnet, sondern ihm oder ihr werden aufgrund des biologischen Status Eigenschaften und Verhaltensweisen abverlangt und entlang dieser Skalen findet seine Bewertung in normal oder von der Norm (typisch männlich, typisch weiblich) abweichend statt." (GLÜCKS 1991).

Die Geschlechter stehen sich jedoch nicht gleichwertig gegenüber, sondern in einem Hierachieverhältnis. Sie haben also unterschiedliche Zugangsbedingungen zur Welt:

_ auf politischer Ebene: je einflußreicher eine Position in der Politik oder Wirtschaft, desto weniger Frauen sind dort, bzw. an Entscheidungen beteiligt
_ auf ökonomischer Ebene: Frauen verfügen in der Regel über weniger Geld und arbeiten in untergeordneten Positionen
_ bei Interaktionen, bzw. in der psycho-sozialen Entwicklung:
_ Verdrängung von öffentlichen Plätzen durch das männliche Geschlecht
_ Bewertung des weiblichen Geschlechts als minderwertig.(vgl. 4. hegemoniale Männlichkeit) (vgl. GLÜCKS, 1991)(vgl. STROB 1 992, Raumaneignung durch Jungen, S.66ff und 3.2.1.)

Als Zukunftsmodell werden von Annedore PRENGEL (1992) die Begriffe Gleichheit und Differenz geprägt. Dies bedeutet die Beibehaltung der Unterschiede jeden Geschlechts und die Anerkennung der Gegenpole als kulturelle Entwicklungsergebnisse, die als gleichrangig, bzw. gleichwertig gesehen werden. Notwendig wird dadurch der "demokratische Differenzbegriff" (ebd.), der sich gegen Hierarchien richtet.

Es geht nicht darum, die beiden Geschlechter und ihr Verhältnis zueinander aufzuheben, sondern "Jungen haben genauso wie Mädchen ein Geschlecht und an dieser Geschlechtszugehörigkeit hängen eine Menge spezifischer Probleme" sagt Uta ENDERSDRAGÄSSER in einem Vortrag (19.06.91) auf der Fachtagung zum Thema geschlechtsbezogene Pädagogik in der HVHS FRILLE.

Diese geschlechtspezifischen Probleme gilt es für Jungen und Mädchen in ansprechenden Formen geschlechtsbezogen zu bearbeiten. Wir sollten im Blick haben, daß wir bestimmte Verhaltensweisen, als auf ein Geschlecht spezifiziert, reduzieren.

"Frauen tragen z.B. zu einer Verbesserung des Gruppenklimas bei. Diese Verhaltensweise ist nicht weiblich, sondern menschlich. Sie könnte genauso von den Jungen erworben werden Wir nehmen uns die Möglichkeit auf solche Interaktionsnormen hinzuarbeiten, wenn wir das als ein weibliches Verhalten definieren und empfinden, weil wir uns damit nicht mehr vorstellen können, daß diese Verhaltensweisen genausogut männlich sein können und daß wir sie von Jungen ebensogut abverlangen können." (ebd.)

Beim Androgynieansatz werden die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nihiliert. Ein `Sich-Ergänzendes-Gegenüber' kann und darf es in diesem Ansatz nicht geben.

Meine persönliche Auffassung stimmt am ehesten mit dem `Zwei-Welten-Ansatz' überein. Biologische- und Sozialisatorische Bedingungen werden hier berücksichtigt. Dennoch liegt keine Festlegung der Werte, Normen und Verhaltensweisen vor. Die beiden Geschlechter können sich nebeneinander entwickeln.

3. Mythen und Prinzipien der Männlichkeit

3.1. Männliche Mythen

Die Mythen in unserer Gesellschaft haben eine lange Tradition und sind nicht so einfach aus unseren Köpfen wegzudenken. Ich werde hier die Mythen vom Krieger, vom Arbeiter und vom Sex darstellen. Auch wenn diese Mythen in dieser "Reinkultur" heute keinen Bestand mehr haben, so bilden sie doch immer noch den Hintergrund für unsere Sozialisation. Ein Hintergrund, auf den sich manche Personen - vor allem im Zweifel oder bei Unsicherheiten - immer wieder beziehen.

Zur Einleitung der Mythen noch folgendes zum Thema Gewalt. Gewalt hat immer etwas mit Macht und damit auch mit Herrschen zu tun. Heinrich POPITZ sagt in seinem Buch: "Phänomene der Macht": "Die einen haben die Macht, die anderen, die nicht genügend Macht haben, um sich zu schützen, zu verletzen."

SOLSCHENIZYN (zitiert nach POPITZ) sagt:

"Zum Nachteil der Beherrschten und zum Vorteil der Herrschenden ist aber der Mensch so beschaffen, daß man ihm, solange er lebt, immer etwas antun kann."

Aus der Tatsache, daß man Macht gewinnen und auch behalten kann, oder ihr unterliegt, also beherrscht werden kann, hatte der Mensch seit jeher die Tendenz, möglichst viel Macht zu gewinnen, mindestens aber immer jemanden noch unter sich zu wissen, den man beherrschen kann.

So haben sich über Jahrhunderte die Machtgefälle und Strukturen herausgebildet, die unsere Gesellschaft heute noch prägen, deren Sicherheit aber angezweifelt wird. Eines dieser Machtgefälle ist der Geschlechterkampf (siehe auch 4. `Hegemoniale Männlichkeit'). Ebenso ist das Machtverhältnis über vermeintlich Schwächere (Kinder, Behinderte, Ausländer, Arme ... also alle von der gesellschaft gemachten Randgruppen) verankert.

Machtverhältnisse sind abhängig von Traditionen. Jede Veränderung bedeutet Gefahr für die Machtinhaber, welche folglich konservativ und restriktiv sein müssen. So ist es auch kein Wunder, daß gesellschaftliche Rollenverteilungen nur schwer zu verändern sind.

Die Rollen der Frauen waren (bzw. sind) weitgehend festgeschrieben auf Kindererziehung, Haushalt (Küche) und Kirche. Entsprechend wurde ihnen auch die Verantwortung für das Familienglück sowie sämtliche sozialen Beziehungen zugeschrieben. Die Aufgaben des Mannes beschränkten sich auf die Ernährer- bzw. Beschützerfunktion. So haben sich für die Entwicklung zum Mann insbesondere die Mythen des Kriegers, des Arbeitenden und des sexuell Aktiven festgeschrieben.

3.1.1. Der Mythos vom Krieger

Die bereits genannte Beschützerfunktion findet sich im Mythos vom Krieger wieder. Es wird vom Mann erwartet, daß er sich für seine Familie, sein Dorf und für sein Land einsetzt und kämpft. Um dies zu können, müssen bestimmte Voraussetzungen Bestand in jedem Mann haben.

Sam KEEN (1992, S.73) schreibt dazu:

"Die Männer als mögliche Krieger werden systematisch dazu konditioniert, Schmerzen zu ertragen, zu töten und ihr Leben für ihren Stamm, ihr Volk oder ihr Land hinzugeben. Die männliche Mentalität ist in erster Linie eine Kriegermentalität. Nichts prägt uns so sehr wie die gesellschaftliche Forderung, uns zu Spezialisten der Machtausübung und Gewalt auszubilden, oder wie wir es euphemisch bezeichnen, der Verteidigung. Historisch gesehen ist der Hauptunter-schied zwischen Männern und Frauen, daß man von den Männern erwartet, daß sie im Notfall auf Gewalt zurückgreifen können."

Chaim F. SHATAN (zitiert nach KUNTZ-BRUNNER, 1991, S.20) beschäftigte sich mit Vietnam-Veteranen und stellte beispielhaft für die Entwicklung der gewalttätigen Männlichkeit folgendes vor:

"...die Ent-Individuation zu autoritärem Gehorsam und reflexartig, taktischen Reaktionen. Der schikanöse Drill trainiert die eigenen Gefühle ab und schmiedet die Kampfeinheit zu einer `symbiotischen Körperschaft' ... Zudem wird Sexualität von der Affinität zum weiblichen Geschlecht abgekoppelt und stattdessen Gewalt erotisiert."

Mit anderen Worten dürfen diese auf Kampf trainierten Wesen (also Männer) sich nicht als Einzelwesen fühlen. Ihnen muß die Fähigkeit abgesprochen werden, eigene Entscheidungen zu treffen (Blinder Gehorsam). Gewalt wird erotisiert, löst zwanghaft positive Gefühle aus, die zum Lustgewinn führen sollen. Zweifellos genial, um kampfbereite `Maschinen' zu erzeugen, jedoch eine fatale Kombination im alltäglichen Leben.

"Sobald in der Kriegerkultur das Schwert den Sieg über den Pflug davongetragen hatte und der Soldat mehr galt als der Bauer, entstand die Vorstellung vom Einssein von Penis und Waffe ... Im Hebräischen gibt es für Penis und Waffe nur ein Wort: za`in." (KEEN, 1992, S.173;188)

"Daß im Krieg auch reale und symbolische Eigentumsvorstellungen eine Rolle spielen, weist BROWNMILLER (1985, S.23) u.a. daran nach, daß durch die Unterwerfung der Frau durch den Mann zwar ein >Zeugnis seiner Männlichkeit< ist, ihn jedoch auch dazu veranlaßt, >seinem Weib alle anderen potentiellen Bedränger vom Leib zu halten oder sie durch die Drohung abzuschrecken, dann `ihre' Frauen zu vergewaltigen.< eine Drohung, die , propagandistisch wirksam, immer wieder genutzt wird, um die Verteidigungsbereitschaft zu erhöhen >Im Sinne des Siegerrechts entspricht die Anneignung fremden Territoriums die Aneignung der Weiblichkeit in der Vergewaltigung< (JANSSEN-JURREIT, 1976, S.523)" schreibt Alexander BENTHEIM (1987, S.114).

Diese Zitate sind leider ebenso zutreffend, wie abstoßend, werden doch Frauen zum Besitz der stärkeren Männer degradiert und ihre Vergewaltigung zur Herabsetzung der anderen Männer benutzt. Dies wirft nun die Frage auf, inwieweit es heute noch auf unsere Gesellschaft zutrifft (und gewollt ist?), daß Frauen permanent mit der realen Angst leben müssen, vergewaltigt zu werden. Immerhin erinnert und verfestigt sich dadurch das "alte" Machtverhältnis.

Eine traurige Aktualität der Vergewaltigungen im Kriegsfall bringt der Krieg in Bosnien- Herzegowina. Maria von WELSER (1993) nennt einige Zahlen, die den Umfang der Vergewaltigungen zeigen und macht eine Unterscheidung zu Bosnien-Herzegowina:

_ "Berlin 1945: Die Russen vergewaltigen bis zu neunhunderttausend Frauen ...
_ Bangladesch 1971: Bei Kriegsende werden zweihundert-tausend Frauen vergewaltigt ... Dennoch unterscheiden sich diese Vergewaltigungen von denen in Bosnien-Herzegowina. Denn auf dem Balkan geht es auch um eine Botschaft von Soldat zu Soldat, von Mann zu Mann: Deine Frau gehört jetzt auch mir, du hast sie nicht beschützen können." (S. 148f)

Diese "Botschaft" ist sehr deutlich und wird offenbar massiv eingestzt, um die `Moral' der einen Armee zu stärken, die der anderen zu untergraben.

SHATAN (s.o.) stellt auch andere Veränderungen fest - eine veränderte Realitätswahrnehmung:

"Gewaltanwendung wird legitimiert (schließlich kämpft man ja nur gegen die Bösen - Anmerkung des Verfassers - im folgenden A.d.V.) und die eigene Wahrnehmung durch das militärische Realitätsprinzip ersetzt (das kleine Rädchen im großen System A.d.V.). Im zivilen Leben setzen Wahrnehmungsdissonanzen ein. Die paranoide Wahrnehmung `erst schießen, dann schauen' ist schwer reversibel. Der Verzicht auf dieses simple Muster des Ausagierens lädt Streß-Symptome und die Kampfsucht auf. In dem Maße, wie Kampf erotisiert wird, wächst die Aversion gegen Intimität."

Je stärker ich meine Gefühle in den Kampf lege, desto weniger Nähe kann ich ertragen, da Kampf immer Aggression und Gewalt gegen andere ist, ich andere verletzen muß. Lasse ich nun andere Personen in meine Intimsphäre hinein, kann ich sie nicht mehr abspalten und werde folglich verletzbar. Ich muß Gefühle zulassen und verliere so die Kontrolle und damit auch die Macht.

Gewalt funktioniert nur konfliktfrei, solange ich mir keine Gedanken über diejenigen machen muß, die meiner Gewalt unterliegen (selbst die Definition Opfer bedeutet schon ein Hinweis auf eventuelles Leid, da Opfer gegen ihren Willen und zu unrecht betroffen sind).

"Gewalttätigkeit" meint SHATAN "liegt nicht in der Natur des Mannes, sondern in den Vorstellungen von Männlichkeit, die latent immer auch den Extremfall Krieg zulassen."

Zu der Vorstellung, daß Krieg immer möglich ist, gehört auch Wilhelm REICHs Beschreibung des "Charakterpanzers". (zitiert nach S.KEEN, 1992, S. 81)

"Es manifestiert sich nicht nur seelisch, sondern auch körperlich, daß wir in einer Atmosphäre von Bedrohung und Gewalt leben. Wenn wir Gefahr wittern, macht sich der Körper sogleich für Kampf oder Flucht bereit, Drüsen und Muskulatur schalten auf Ausnahmezustand um. Adrenalin strömt durch unser System, das Herz schlägt schneller, und wir nehmen eine Körperhaltung der `Alarmstufe Eins' ein." In unserer Kultur wird vieles daran gesetzt, den "Eindruck zu erwecken, daß die Bedrohung durch den Feind konstant sei und man deshalb nie in der Wachsamkeit nachlassen dürfe. Ewige Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit." (ebd.)

Dies trifft auf die Männer zu, da von ihnen Schutz erwartet wird. Es wird in der Auseinandersetzung mit Feinden ewige Stärke erwartet. Zur Kriegermentalität gehört es auch, lieber im ruhmreichen und heldenhaften Kampf zu sterben, als die Unterlegenheit einzugestehen und in Unfreiheit zu leben. HOMERs `Illias' wird von SLATER, 1968, S.35, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, zitiert:

"In der Bereitwilligkeit des Achilles, ein langes, ereignisloses Leben gegen ein kurzes einzutauschen, das von Ehre und Ruhm erfüllt ist, und in der Bereitwilligkeit Agamemnons, für einen ehrenhaften Tod auf dem Schlachtfeld bei Troja einige Monate seines Lebens hinzugeben."

In unserer Gesellschaft gibt es ein `Vakuum' an Leitbildern. Es gibt kaum Vorbilder, denen man nachstreben könnte. Die Medien nutzen dieses Vakuum und bringen unzählige Helden hervor, die die Krieger-mentalität verherrlichen. Als Beispiele nenne ich Filmfiguren wie: `Rambo' oder `HEMAN', die Filme von Jean-Claude van Damme oder `Die Hard', `Terminator' ...

Alltägliche Kriegermentalität gibt es aber auch in unserer Sprache, insbesondere der Geschäftssprache. Da ist von Geschäftskrieg, Schlacht, Marktstrategie, Taktik, Kampf, Wortgefechten, Manövern, Vormachtstellung, usw. die Rede.

Wenn diese Ausdrücke im alltäglichen Leben ständig vertreten sind, dann zeigt dies, wie sehr unser Leben von dieser Kriegermentalität beeinflußt ist. Jemand, der ständig Schlachten schlägt, in feindliches Territorium vordringt und sich dort behaupten muß, ist in ständiger Gefahr, immer in Zugzwang. Entspannung und Vertauen sind hier nicht gefragt.

Körperliche Krieger sind heutzutage die Ausnahme. Gewalt in ihrer ursprünglichen Form (mit ihren sichtbaren Folgen) findet eher am Rande unserer Gesellschaft statt. Psychische und verbale Krieger (deren Taten nicht sichtbar sind) sind jedoch unsere Realität.

3.1.2. Der Mythos vom Arbeiter

Neben dem Mythos vom Krieger ist der des Ernährers der zweite große identitätsstiftende Mythos vom Mann, der auch heute noch Aktualität besitzt.

Der Mann hat für das Wohl seiner Familie zu sorgen (es geht also hier, wie beim Krieger `eigentlich' um das Wohl von Frau und Kindern) und dies kann der Mann nur schaffen, wenn er sein Leben lang hart und viel arbeitet.

In unserer Gesellschaft sind die `Schichtgrenzen' (auf den ersten Blick) aufgehoben. Der Spruch: "vom Tellerwäscher zum Millionär (oder Milliardär)" und die passenden Beispiele dazu prägen unser Lebensbild.

In der Arbeitswelt dreht sich alles um Leistung und Erfolg. Dort ist das heutige Schlachtfeld der Männer. Man(n) muß allerdings aufpassen, den Zug auch rechtzeitig zu erwischen, denn Seiteneinsteiger in die oberen (und mittlerweile auch in die unteren Plätze) gibt es immer weniger. Die Grundvoraussetzungen werden schon in die Schule vorverlagert. Die Schule vergibt jedoch keine Zukunftsaussichten mehr, sie sondert nur aus, wem sicher keine solchen Chancen mehr bleiben. Dies, so zeigen u.a. meine eigenen Erfahrungen, wissen die Kinder und Jugendlichen schon sehr genau. Bereits mit zwölf Jahren ist den Kindern durchaus klar, wenn sie auf der Verliererseite im Leben stehen.

Wer den Preis zahlt und die Möglichkeit erhält und "von neun bis fünf an einem bestimmten Arbeitsplatz ist, erhält ... das Machtobjekt - Geld -, mit dessen Hilfe er am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann." schreibt S.KEEN (1992, S.100)

Spätestens jetzt geht es darum, möglichst viele Statussymbole zu erlangen, denn die gehören den Siegern!

Macht und Status werden durch Markennamen zur Schau gestellt. Fast jedes Kind trägt heute Artikel von "Boss", "Reebok" oder "Nike", fast jeder `Mann' möchte "Mercedes" fahren und eine "Rolex" am Arm tragen. Es geht nicht darum, daß dies besser, sondern teurer ist. Wer sich etwas leisten kann, zeigt dies auch!

"Die implizierte Botschaft ist die, daß Männlichkeit zu kaufen ist und unsere zunehmenden Ausgaben für Luxusgegenstände markieren unser Voranschreiten auf dem Weg des Wohlstandslebens, so wie er von der Konsumgesellschaft definiert wird." (KEEN, 1992, S.101)

Weitere Tugenden oder Pflichten auf dem Weg zum Erfolg werden wie folgt beschrieben: Wer reich sein will (oder den Anschein erwecken will), macht sich nicht dreckig. Ein Arbeiter, gleich welcher Bezahlung und gleich mit welcher Begeisterung, gilt als arm und unglücklich.

Eines der begehrtesten und anerkanntesten Statussymbole ist die Größe eines (eigenen) Büros, dessen Ausstattung, Höhe (oberste Etage) und Lage.

Dies wirft allerdings die Frage auf, was machen die, die sich diese Statussymbole nicht leisten können. Es wird ein Bedarf geweckt, der nicht gedeckt werden kann. Diese Statussymbole werden zu Bedürfnissen, die nicht erfüllt werden können.

Nun aber zurück zum Arbeiterwelt:

"Noch vor einer Generation" schreibt KEEN (1992), "bestand die einzige ökonomische Anforderung darin, daß man seine Familie ernähren konnte. Heutzutage berechtigt einen die Tatsache, daß man für den Lebensunterhalt aufkommt, nur zu einem Minimum an Respekt."

(ebd. S. 101/102)

Die Arbeitswelt teilt sich allmählich in hochgradige Spezialisten und un(aus)gebildete Arbeiter. Ebenso gibt es ein Auseinaderdriften dieser Tendenz in der Gesellschaft, nach oben und unten! Hochqualifizierte sowie wenig qualifizierte Menschen werden immer gefragter. Alle, die dazwischen liegen, (also der Großteil unserer heutigen Gesellschaft) werden größere Schwierigkeiten bekommen, ihren Arbeitsplatz zu behalten. Arbeitslose werden kaum noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Der Kampf um die schlechteren, aber sicheren Arbeitsplätze ist bereits jetzt sehr hart.

Der Mythos vom Arbeiter hat einen nicht zu verachtenden Nachteil: In unserer Gesellschaft scheint zwar alles machbar, jedoch scheint dies eben nur so! Schon Karl MARX sagt: "Wo die Wirtschaft eine Klasse der Gewinner hervorbringt, entsteht auch eine Klasse der Verlierer, und wenn der Reichtum ungehindert in die Hände der Besitzenden fließt, dann wird die Lage der Habenichtse um so verzweifelter." (zitiert nach KEEN, 1992, S. 115)

Diesen Verlierern, die ohnehin nicht allzuviel Glück haben, wird in unserer Gesellschaft ein Hauptidentifikationsmodell genommen. So halten sie sich meiner Meinung und Erfahrung nach um so stärker an die anderen `alten' Modelle. Und - wer ist schon ein Gewinner? In jedem Wettbewerb gibt es nur einen! Zweiter zu sein bedeutet verloren zu haben. Aber auch die Gewinner haben es schwer. Was bedeutet es schon eine nationale Meisterschaft gewonnen zu haben, wenn man international nur zweitklassig ist? Alles ist auf Perfektion und Gewinn ausgerichtet.

3.1.3. Der Mythos vom Sex

Der Mythos vom Sex bzw. der männlichen Sexualität ist nicht von den beiden anderen genannten Mythen zu trennen. Dieser Mythos beinhaltet jedoch eine besondere Schwierigkeit (vgl. 3.2.4.): Männer reden zwar grundsätzlich nicht viel, über Sexualität jedoch überhaupt nicht (außer von ihren Heldentaten).

"Sie mögen zwar über Sex ihre Witze reißen, über die Eigenschaften dieser oder jener Frau reden und auch darüber, wie sie sie ins Bett bekommen konnten, sie machen vielleicht Anspielungen auf ihre sexuelle Leistungskraft, aber abgesehen von dieser Angeberei sprechen die meisten Männer mit niemandem über dieses Thema."(Bernie ZILBERGELD, 1983, S.3)

Spricht man über die Sexualität, muß man Gefühle und Intimitäten zulassen. Stärken und Schwächen können sichtbar werden. Ich gehe das Risiko ein, Nähe zuzulassen, damit verliere ich die Kontrolle über die Sitution und auch die Macht.

"Die stereotype Vorstellung von Männlichkeit basiert in unserer Gesellschaft u.a. darauf, daß es beim Sex für einen Mann keine Zweifel, Fragen und Verunsicherungen zu geben hat. Ein richtiger Mann weiß, wie man ein aktives und befriedigendes Geschlechtsleben führt. Ein Mann riskiert, als unmännlich angesehen zu werden, wenn er ein Problem eingesteht, Besorgnis ausdrückt oder eine Frage zum Sex stellt und so seine Ignoranz offenbart." (ebd.)

So bleiben dreckige Witze, Trivialliteratur, Filme, Fernsehen und andere Medien als Vorbild für sexuelle Beziehungen. Wenn wir das Bild, welches in den Medien von der Sexualität dargestellt wird, genauer betrachten und davon ausgehen, daß es keine weiteren Informationsquellen gibt, zeigt dies das enorme Ausmaß dieses Problems an. (vgl. GOLDSTEIN und KANT, 1973)

Nun zum eigentlichen Bild von der männlichen Sexualität, die untrennbar mit dem Phalluskult verbunden ist.

"Er ist einen halben Meter lang, hart wie Stahl und macht die ganze Nacht nicht schlapp." (ZILBERGELD, 1983, S. 16) "Unter Ausstattung verstehen wir den Penis, da das Modell (Zilbergeld unterscheidet nochmals zwischen Phantasiemodell vom Sex und Mythen über Ablauf und Ziele der sexuellen Aktivitäten A.d.V.) lehrt, daß Männer außer ihm nichts brauchen, um befriedigenden Sex zu haben. Angeblich ist dieses Stück Haut zwischen den Beinen ihr einziger sexueller Körperteil. Es ist nicht sonderlich übertrieben, daß Penisse im sexuellen Phantasieland nur in drei Größen auftreten: groß, riesig und gigantisch, daß man mit ihnen kaum durch die Tür kommt ... Sie werden zu Werkzeugen, Waffen, Stangen, Kolben, Rammböcken, Pfählen, furchterregenden Maschinen. Die Menschlichkeit des Penis ist irgendwie verlorengegangen. Das Modell macht unmißverständlich klar, daß die Qualität eines sexuellen Erlebnisses und die Beurteilung eines Mannes in direkter Abhängigkeit von Größe und Stärke dieses magischen Spielzeugs zwischen seinen Beinen stehen." (ebd. S.18f)

Das macht Angst, wenn die Realität nicht mit der Phantasie übereinstimmt und über diese Angst kann Man(n) mit niemandem reden.

Neben diesem `Wunderding' wird auch der Frau ein besonderes Verhalten zugedacht:

Die Frau soll dem Mythos nach dem Manne untergeben sein. Was die Sexualität betrifft, so soll sie dem Mann ständig zur Verfügung stehen, um seinen sexuellen Wünschen nachzukommen. Dieses Bild hat sich etwas verändert:

"Die Botschaft könnte nicht klarer sein, wenn sie in Leuchtfarben am Himmel geschrieben stünde - höre beim Sex nie auf eine Frau! Sie meint ja, selbst wenn sie nein sagt. Sie will trotz ihrer Proteste genommen werden, sie wünscht sich Brutalität, selbst wenn sie um Zärtlichkeit bittet." (ebd. S.21;vgl. auch LAUTMANN 1993 S. 2/3)

Ein Hinweis, wie Männer diese Brutalität sehen (könnten A.d.V.) gibt Rolf POHL (1993, S.12):

"Sie neigen zur kompensatorischen Überbetonung von Überlegenheit, Härte und gesteigertem Geltungsbewußtsein bis hin zu eindeutigen Größenphantasien. Der Liebesakt bedeutet immer auch ein Stück weit ein `Durchbohren', `Vernichten' auf dem Hintergrund einer allgemeinen Erniedrigung der Frau."

Ein weiterer Mythos um die Sexualität des Mannes ist die sog. "Dampfkesseltheorie" (vgl. von WELSER, 1993, S.151). In dieser Theorie wird der Mann so beschrieben, als hätte er einen unbezwingbaren Trieb zur Sexualität, der sich immer stärker auflädt, wenn er nicht befriedigt werden kann. Dieser Trieb kann als "Entschuldigung" für sexuelle Gewalttaten dienen, da der Mann als "willenloses Opfer der gewalttätigen und triebhaften Natur gesehen" (ebd.) wird. Er kann diesen Trieb nicht steuern und ist damit der Verantwortung enthoben. Ein Mythos, der vor allem in Kriegszeiten als Vorwand für Ausschreitungen (Massenvergewaltigungen) der Armeen genannt wird. Hier spielen allerdings in Wirklichkeit ganz andere Dinge (Wut, Gewalt und Herrschaft über die Frauen) eine Rolle.

Ein anderer Mythos gibt vor, Frauen könnten nur durch (brutale) Penetration zum sexuellen Höhepunkt kommen:

"Es versteht sich von selbst, daß alle Frauen im Phantasiemodell unzählige Orgasmen durch Penetration haben. Frauen, die keinen Orgasmus erleben, existieren, aber nur so lange, bis ein Mann daher kommt, der kräftig und brutal genug ist, um ihnen die Freuden des Sex zu erschließen. Frauen, die nur auf anderen Wegen als durch Penetration zum Orgasmus kommen, sind unbekannt, eine höchst unangemessene Vorbereitung für die Realität des Lebens." (ebd. S.23)

Ein weiterer Mythos um den Sex besagt, daß beim Sex nur die Leistung zählt. Nur der Orgasmus ist ein befriedigender Abschluß einer sexuellen Begegnung. Vorspiel, Streicheln, Küssen, die Erfahrung von Nähe usw. zählen nicht. Sie sind ohne Bedeutung. Es soll möglichst schnell, oft und lange anhaltend zum Orgasmus, bzw. einem möglichst `literweisen' Samenerguß kommen. Desweiteren hat natürlich der Mann aktiv zu sein und die Verantwortung für den Orgasmus der Frau zu übernehmen. Hierzu schreibt Sam KEEN (a.a.O., S. 142):

"Wir (sollen) die Rolle des sexuellen Kriegers spielen, d.h. so viele Frauen wie möglich erobern und in Besitz nehmen, als Beweis unserer Potenz. Auf der zweiten Initiationsstufe müssen wir die Rolle des sexuellen Arbeiters spielen, wir müssen >Liebe machen<, etwas leisten, mit der Zielvorstellung, die Frau zu befriedigen."

Der Mythos sagt weiter, daß die Männer `allzeit bereit' sind (vgl. ZILBERGELD S. 32). Es gibt also keinen Moment, in dem ein Mann keine Lust hat. Wenn das der Fall ist, muß die Frau unglaublich unattraktiv sein! Der Mann kann keine Schuld am Versagen haben. Wenn etwas beim Sex nicht stimmt, dann muß dies an der Frau liegen.

Ebenso und dies hängt mit dem letzten Punkt zusammen, `muß jeder Körperkontakt zum Sex führen' (ebd., S. 33) Jeder Körperkontakt ist auf das eine Ziel (Geschlechtsverkehr) ausgerichtet! Dies ist ein ständig fortschreitender, sich steigender Prozeß, der immer im Orgasmus endet.

Der Gedanke, daß zum Sex auch Lachen, Reden und Pausen gehören, ist vielen Männern ebenso fremd wie der Gedanke, daß Sex auch gemächlich sein kann. Entspannung wird nur in der orgastischen Befriedigung erwartet. Spaß zu haben, sich Zeit zu nehmen und sich gegenseitig etwas Gutes zu gönnen, wird immer unter dem Leistungsaspekt gesehen.

Das hochgelobte Gefühl der Befreiung, der den Körper umfassenden Orgasmus kann es nicht geben. Die Männer bleiben unbefriedigt, ohne ein Gefühl der Entspannung. Sexualität wird zum Streß statt zur Erfüllung.

Dieter SCHNACK und Rainer NEUTZLING beschreiben in ihrem Buch "Die Prinzenrolle" (S. 211) die erfundene Geschichte eines potenten Mannes:

"Der potente Mann hat einen gesunden Beruf. Zumindest treibt er viel Sport. Sagen wir: Der potente Mann ist bretonischer Fischer. Er verfügt über einen stolzen und starken, aber niemals bedrohlichen Phallus. Sein Begehren ist unersättlich, wird aber zu keiner Zeit lästig. Auf Anforderung nimmt er das Weib im Flur, in der Küche oder in einer Telephonzelle. Er übermannt sie, und zwar voller Hingabe. Er ist ein perfekter Virtuose der klitoralen Stimulierung, aber er weiß, daß der wirkliche Orgasmus den ganzen Körper der Frau durchflutet. Beim Koitus geht er ganz aus sich heraus. Ungebremst und wild lebt er hier seine animalische Seite - wenn es sein muß, eine dreiviertel Stunde lang. Ohne seinen wundgescheuerten Knien auch nur die Spur von Aufmerksamkeit zu widmen, schenkt er der Frau beim Koitus unzählige, sich steigernde Orgasmen. Nicht aus Wut und Verzweiflung vögelt er sie ins Nirwana, sondern aus purer Liebe. Gleichzeitig hat er einen experimentierfreudigen und offenen Kontakt zu den dunklen Seiten seiner Sexualität, welchselbe er allerdings fest im Griff hat. Es macht Spaß, sich über solche Sexualmythen lustig zu machen. Aber es ist schwierig, sich ihrem Einfluß zu entziehen. Wohlgemerkt dem Einfluß sehr schöner und reizvoller Mythen - denn welcher Hengst träumt nicht davon, Klavier spielen zu können."

3.2. Männliche Prinzipien

Während ich bei den Mythen die klassischen Rollen und Aufgaben der Männer beschrieben habe, werde ich jetzt ihr klassisches Verständnis von sich und ihren Verhaltensmustern darstellen. Dabei beziehe ich mich vor allem auf Horst WILLEMS und Reinhard WINTERs Aufsatz: "Was fehlt, sind Männer!" In: MännerMaterial, Band 2, 1991, S. 5-17.

Zwar stelle ich die althergebrachten Prinzipien dar, die ein recht trauriges Männer(Jungen)bild abgeben. Doch möchte ich dies nicht verteufeln, sondern es als Ansatzpunkt sehen, um Jungenarbeit zu machen. Diese Prinzipien gilt es aufzugreifen und zu erweitern. Es geht nicht darum, die Jungen als schlecht oder ungenügend darzustellen, sondern die Reduziertheit der Prinzipien herauszuarbeiten und nach Alternativen und Ergänzungen zu suchen.

3.2.1. Das Prinzip "Außen"

Jungen werden dazu erzogen, sich und ihr Handeln nach "Außen" zu richten. Dies hat zwei Ebenen: alles Handeln, welches sich nach `Außen' richtet, wird bestärkt, jedes nach "Innen" gerichtet sein (z.B. Gefühle wie Traurigkeit, Angst, Schmerzen), jedoch als unmännlich abgetan.

Dies bedeutet, daß Jungen von klein auf dazu angehalten werden, `nach draußen zu gehen' und sich dort aufzuhalten. Sie sollen die Welt erobern, sich auf einen täglichen Kampf einlassen, um sich so möglichst gut auf das erwartete Erwachsenenleben vorzubereiten (Ernährerrolle).

Dieses Verhalten wird von Eltern, Großeltern, LehrerInnen ... gefördert. Ohne darüber nachzudenken bewerten wir das Verhalten unserer Kinder in jungen- oder mädchenhaft und geben diese Bewertung den Kindern zu erkennen. Ein eineinhalbjähriges Kind kann zwar nur sehr begrenzt sprechen, gewolltes und ungewolltes Verhalten lernt es jedoch recht schnell.

Jungen neigen dazu, sich öffentlichen Raum `anzueignen'. Michael STROB (1992, S.66ff) bringt dazu ein Beispiel über das Plenum und den öffentlichen, koedukativen Raum, über die er später schreibt (S.84):

"Das Dominanzstreben der Jungen im `öffentlichen Raum' (verbal und körperlich), von ihnen als `selbstverständliches' männliches Privileg übernommen und genutzt, wird nicht als Besonderheit wahrgenommen. Das Empören und die Betroffenheit bei `verordneter', gleichberechtigter Raumverteilung zeigt dies sehr deutlich."

Durch dieses laute und aggressive Verhalten beanspruchen und behaupten die Jungen den öffentlichen Raum für sich. Die Mädchen werden dadurch verdrängt und ziehen sich in geschütztere Bereiche zurück. Dieses Verhalten der Jungen scheint allgemein anerkannt und als Rollenzuschreibung zu funktionieren. Jungen müssen laut und aggressiv sein (wie sollen sie sich sonst durchsetzen). Sie müssen ständig um die Dominanz, an welchem Ort auch immer, kämpfen.

Uta ENDERS-DRAGÄSSER (1990) belegt dies in ihren Untersuchungen über das geschlechtsbezogene Verhalten in Schulklassen:

"Wir wissen, daß hier die Jungen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Das gilt für die Schule und die außerschulische Jugendarbeit. Wir wissen, daß ihnen das überaus wichtig ist. Lieber fallen sie unangenehm auf als überhaupt nicht. Jungen gehen da u.U. sehr weit."

Dieses Verhalten kenne ich aus meiner Erfahrung und sie wurde in meinen Gesprächen mit Mitarbeitern aus der Jungenarbeit bestätigt:

"Irgendwie muß man ja zu Körperkontakt kommen und sei es eine Maulschelle. Das ist auch eine Form der Zärtlichkeit. Die Jungen, die bei uns sind, können häufig keine Gefühle zeigen (außer Wut und Aggression). Sie brauchen aber oft sehr viel Zuneigung und Aufmerksamkeit. Sie klauen, schlagen, schreien ..., nur um überhaupt wahrgenommen zu werden. Eine andere Art, auf sich aufmerksam zu machen, haben sie nicht gelernt." (Mitarbeiter einer Jungeneinrichtung)

"Im Hinblick auf die Jungen wird geplant und gewerkelt. Jungen kommen öfter und länger als Mädchen zu Wort, können eher anderen ins Wort fallen, sie unterbrechen, werden auch häufiger angesprochen. Sie erhalten sowohl mehr Lob als auch mehr Tadel als die Mädchen, mehr Blickkontakt, mehr räumliche Nähe, mehr Rückfragen und mehr Rückmeldungen."(ENDERS-DRAGÄSSER, 1990)

"Diese Aufwertung des Äußeren führt im Gegenzug zu einer Abwertung des Inneren. Parallel dazu die Zuschreibung:

männlich = außen = hochwertig und weiblich = innen = minderwertig!" (vgl. Josef RIEDERLE 1995)

3.2.2. Das Prinzip Gewalt

Jungen werden nicht offen, sondern verdeckt zur Gewaltbereitschaft erzogen. Der typische Spruch: "Er ist ja auch ein Junge, er kann sich ja nicht alles gefallen lassen", wenn sich Jungen schlagen, ist uns allen bekannt. Kaum jemand ergreift wirklich Partei, wenn sich Kinder (oder Erwachsene) schlagen. Die Gewaltbereitschaft wird in unserer Gesellschaft (scheinbar) akzeptiert.

"Das Prinzip `Gewalt' bezieht sich auch auf den Stärke- und Konkurrenz-Zwang der Männer anderen Männern gegenüber. Und: es schließt das Gewaltverhältnis sich selbst gegenüber ein, das sich ausdrückt in der Selbstdefinition über Leistung, in der Unterdrückung der eigenen Emotionalität und im Umgang mit der Umwelt." (WIILLEMS/WINTER 1990, S. 11)

Dieses Durchsetzen gilt körperlich gegenüber Jungen. Mädchen zu schlagen gilt als unfair und ist nur im Notfall erlaubt. Notfall ist hier gleichzusetzen mit der Überlegenheit von Mädchen, denn Mädchen sind per Definition schlechter als Jungen (außer auf Gefühls- und Hauswirtschaftsebene).

Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen demonstriert den männlichen Herrschaftsanspruch (vgl. 4.1.).

"Unmittelbare physische Gewalttätigkeit ist nur noch als Potentialität nötig, um dieses System der Geschlechterbeziehungen aufrecht zu erhalten." (BILDEN 1980, S. 801 zitiert in WILLEMS/ WINTER 1990, S. 11)

Es wäre wünschenswert, wenn Jungen nicht mit Gewalt auf Konflikte reagieren müssen, sondern andere Bewältigungsstrategien kennenlernen würden. Dennoch bleibt zu berücksichtigen, daß gewaltsames Handeln immer wieder erfolgreich ist.

Eine Streitkultur gilt es zu fördern. Mittel und Wege, wie man mit Aggressionen und Wut umgehen kann, müssen aufgezeigt werden. An diesem Punkt setzt die zur Zeit sehr intensive Gewaltforschung ein. Neue und alte Methoden der Gewaltbekämpfung müssen in die Jungenarbeit integriert werden.

3.2.3. Das Prinzip `Benutzung'

Die Prinzipien `Gewalt' und `Benutzung' gehören zusammen.

"Es umschreibt den Umgang der Jungen mit der Welt: Ein Handtuch wird benutzt, man schmeißt es in die Ecke, Mutter räumt auf; Mädchen sind für den emotionalen Bereich da - sonst haben sie bei den Männern nichts zu suchen; eine Frau wird für die sexuelle Befriedigung gebraucht - als ernstzunehmende Partnerin kommt sie nicht in Frage; die Natur wird ausgebeutet - die Folgen gehen Männer nichts an." (ebd)

Man kann schließlich nur benutzen, was oder wer sich benutzen läßt (warum diese Personen dies mit sich machen lassen ist eine weitere Frage).

In diesem, wie in den meisten anderen Prinzipien, werden sozial förderliche Seiten abgewertet oder müssen verdrängt werden. Es geht um Macht. Wer benutzt hat sie, wer sich benutzen läßt, hat sie nicht. Wer sich mit den Sorgen und Nöten der anderen Menschen beschäftigt, läßt seine Macht und momentane Überlegenheit ungenutzt. Er geht damit die Gefahr ein, daß jemand anderes an seiner Stelle die Macht zu Benutzen übernimmt. Um dem aus dem Weg zu gehen, dürfen keine uneigennützigen Verhaltensweisen gezeigt werden. Immer hart sein, immer stark sein ist gefordert.

Um dem entgegenzuwirken muß den Jungen und uns selbst ein Zugang zu den benutzten Personen vermittelt werden. Empathie, das sich Einfühlen-können, ist gefordert. So treffen hier, wie in allen anderen Punkten, die zwei zentralen Punkte zu: Die Macht und die Gefühle!

Es geht um Macht, die Macht zu benutzen. Gefühle stehen dem gegenüber und bieten die Möglichkeit, der Macht etwas entgegenzusetzen. Wer seine Gefühle wahrnimmt, bzw. sich in die benutzten Personen einfühlen kann, registriert die Folgen und sucht nach einem Ausweg.

3.2.4. Das Prinzip `Stummheit'

Nicht, daß Männer nicht reden würden, nur, von sich selbst sprechen sie nie. Sie sprechen vom `Außen', von dem, was sie machen, nicht aber von dem, wie sie sich dabei fühlen. Wird das `Innen' nur lange genug verdrängt, merkt Man(n) es gar nicht mehr. Dies führt irgendwann zu einer wirklichen Sprachlosigkeit sich selbst, anderen Männern und auch Frauen gegenüber. Man(n) weiß nicht was Man(n) fühlt! Wie kann Man(n) dann darüber reden, wo Man(n) doch sonst immer alles weiß.

Zwar haben Männer oft das Gefühl, `die Anderen sind besser, stärker, klüger, ...' , darüber mit anderen zu reden, oder sich diese Schwächen(?) einzugestehen, vermeiden sie soweit wie möglich (vgl. 3.1.3.). So können bzw. dürfen keine Gefühle von Angst, Unterlegenheit und Unsicherheit aufkommen. Wie gefährlich, wenn doch jemand etwas sagt und damit das ganze System in Gefahr bringt. Schließlich kennt jeder Junge (Mann) diese Gefühle. Werden sie erst öffentlich angesprochen, kann Man(n) das System nicht mehr aufrechterhalten. Zeigt Man(n) erst ein Gefühl, dann sind auch die anderen nicht mehr weit. Es kommt ein Prozeß ins Rollen, der nicht mehr aufgehalten werden kann. Damit droht der Kontrollverlust.

Jungen und Männer können ihre Probleme häufig nur mit Frauen besprechen (die ja auch für die Gefühle verantwortlich sind). Freunde, mit denen sie über persönliche Dinge reden könnten, haben sie nicht. Hier spielt auch die große Angst vor Homosexualität (bzw. als Homosexueller angesehen oder verspottet zu werden) eine Rolle.

Viele Jungen, so sagte mir der Heimleiter einer Jungenwohngruppe, sind fast ausschließlich mit gleichaltrigen Jungen zusammen, doch sprechen sie nicht über persönliche Dinge. Hier steht die Suche nach Anerkennung, Aktion und `coolen Parties' auf dem Programm. Sie stehen unter dem Zwang, beweisen zu müssen, richtige Jungen zu sein.

Trotzdem bedauern viele Männer das Fehlen von echten Freundschaften, ein Ansatzpunkt für Jungen- und Männerarbeit. Freundschaften, in denen persönliche Probleme angesprochen werden können und miteinander reden ein zentraler Bestandteil ist. Freundschaften, in denen man zusammenhält. Freundschaften, in denen nicht bewiesen werden muß, wer der Stärkere, der Härtere ist.

3.2.5. Das Prinzip `Alleinsein'

"Dieses Prinzip korrespondiert mit der `persönlichen Stummheit': der `lonesome Cowboy' als Vorbild für Männer schweigt und ist alleine; er genügt sich selbst. (Beispiele gibt es in unzähligen Filmen) ... Alleinsein heißt auch Selbständig-Sein-Können, ein notwendiges Mittel im Konkurrenzkampf." (ebd. S.13)

Wer möchte nicht gern alles können und keine Hilfe brauchen (bis auf kochen, putzen, waschen, bügeln)? Hier taucht wieder das mythische Bild vom einsamen Krieger auf, der auszieht, die Welt zu retten und dessen Tragik - die Frau die er liebt, verloren zu haben - und deshalb aus Wut, Haß und eben dieser Einsamkeit heraus den Gegner (wer auch immer dies gerade ist) gnadenlos vernichtet. Grund dafür: die riesige Angst vor dem Verlassenwerden!

Dies scheint ein Widerspruch - Männer, die Angst haben - und dann auch noch vor dem Verlassenwerden. Damit dieser Widerspruch erst gar nicht aufkommen kann, wird sehr viel Energie dafür aufgewendet, zu tun, als sei alles kein Problem. Ich bin nicht allein, ich brauche keine Hilfe und schon gar nicht von Frauen. Auch wenn ich nichts mehr brauche als Zuwendung.

Auch Männer sind angewiesen auf andere Menschen, doch kein `echter Mann' kann dies sich oder anderen eingestehen. Er wird im Zweifel (bzw. damit eben keine an seiner wahren Männlichkeit aufkommen können) die eigene Unabhängigkeit ohne Rücksicht auf Verluste demonstrieren. Hier steckt ein enormes Spannungsfeld in Bezug auf Jungenarbeit und Veränderungen. Denn Jungenarbeit zielt auf Veränderung, Kooperation, Kontakt zu anderen,Gefühle wahrnehmen und zeigen ab. Dies ist aber ganz und gar nicht vereinbar mit dem Prinzip des einsamen Helden.

3.2.6. Das Prinzip `Körperferne'

Nach WILLEMS/WINTER (s.o.) geht es um drei Punkte:

"der Funktionalisierung des eigenen und fremden (weiblichen) Körpers (der ist eine Maschine, die ich zum Leben brauche, ansonsten wertlos A.d.V.); der Vermeidung von körperlicher Nähe anderen Männern gegenüber (Homophobie A.d.V.) ... und im Nicht-Wahrnehmen und Vernachlässigen des eigenen Körpers (medizinisch, hygienisch), solange es nicht um Leistung geht. Diese Konsequenz der Abhärtung führt dazu, daß Jungen und Männer fast alle Hitlisten von körperlichen Erkrankungen anführen." (vgl. SCHNACK/NEUTZLING, 1990 S.101-126)

Für viele Jungen (und Männer) ist der eigene Körper ein Rätsel. Kaum einer weiß, wie er aussieht, woraus er besteht, welche Bestandteile er hat. Viele Jungen kennen nicht mal ihre Geschlechtsorgane (und schon gar nicht genau mit Namen). Sie erwarten aber, daß immer und überall alles funktioniert.

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist Man(n) nicht gewohnt. Schmerzen werden verdrängt oder überspielt.

Ein Psychotherapeut sagte mir in meinem Interview, daß der Hauptgrund, warum Männer zu ihm kämen, körperliche Ursachen habe. Erst durch einen massiven Leidensdruck, der oft über Jahrzehnte ginge, würden sie die Bereitschaft mitbringen, sich an einen Therapeuten zu wenden. Ihr Motto: "Zähne zusammen und durch" bedeute auch eine starke Verleugnungstendenz ihrer Probleme. Wenn sie dann kommen, suchen sie nur eine funktionale Lösung. Die Schmerzen müssen weg, dann bin ich wieder gesund. Einen Zusammenhang zwischen psychischer und körperlicher Verfassung sehen sie kaum.

Sich mit seinem Körper zu befassen bedeutet auch, seine Wahrnehmung zu trainieren und wirklich etwas zu spüren. In unserer Gesellschaft nimmt die Bedeutung der Körperlichkeit wieder zu. Bodybuilding, Sport, Koch- und Massagekurse haben Hochkonjunktur. Erlebnispädagogik ist eine wachsende pädagogische Richtung. Es gibt einige Möglichkeiten, Jungen und Männer mit diesen Angeboten zu erreichen. Dabei ist es wichtig, die anderen Dimensionen der Körperlichkeit herauszuarbeiten.

Über Sport und Leistung ist ein Zugang zum eigenen Körper für die Jungen möglich. Daran anzuknüpfen und andere Wahrnehmungsmöglichkeiten zu eröffnen ist Aufgabe der Jungenarbeit. Auch hier gilt wieder: das Wahrnehmen und Zulassen von (Körper)Gefühlen ist ein wichtiger Ansatz- und Zielpunkt in der Jungenarbeit.

3.2.7. Das Prinzip `Rationalität'

Dieses Prinzip geht einher mit der Überbetonung des `Außen' und der Abwertung des `Innen'.

"Der Verstand, die Wissenschaftlichkeit, die Logik und das Machbare dominieren Denken und Fühlen vieler Männer." (WIILLEMS/WINTER 1991, S. 14)

Diese Überbetonung der Logik, der Ratio machen so viele unbegreifliche Dinge erst möglich. Anzuführen sind hier Wissenschaft und Technik: Die Entwicklung und vor allem auch der Abwurf von Atombomben (Hiroschima und Nagasaki), die nur ohne jede Emotionalität, unter rein wissenschaftlichen und rationalen Aspekten (von Männern) durchgeführt wurden. Vergleichbar sind hier auch Entwicklungen in der Gentechnologie, die, nur Getragen vom Machbaren, jede Ethik vernachlässigen (künstlich generierte `Biowaffen'; Vergrößerungen von Pflanzen und Tieren in ungeahnte Dimensionen; ...); aber auch die Bereiche des alltäglichen Lebens.

Ebenso ist die weltweit organisierte Industrie zu benennen, die Regale in unseren Einkaufsmärkten sind randvoll mit Waren aus aller Welt. Der Flugverkehr hat jährlich zweistellige Zuwachsraten. Er macht mittlerweile aber auch fast 30% der Umweltverschmutzung aus. Rationalität ist auch auf dem Arbeitsmarkt sehr verbreitet.

Massenentlassungen geschehen ohne Rücksicht auf die Verhältnisse der Arbeitslosen (Familienväter; -mütter; Wohnungsbauten, ...). Fließbandarbeit berücksichtigt keine Gefühle und keine Gespräche. An dieser Stelle beginnt die Industrie zu lernen. Es setzt eine Tendenz zur Gruppenarbeit statt Fließbandarbeit ein.

Diese `Rationalität' ist oft gepaart mit dem Konkurrenzkampf, besser, schneller, innovativer zu sein als die anderen, um damit den eigenen Vorteil zu wahren (das Einzige, was zählt). Unser ganzes Leben wird nach rationellen Gesichtspunkten zu einem Regelwerk ohne Ausnahmen gemacht. Persönliche Gefühle sind zweitrangig, wenn sie überhaupt berücksichtigt werden.

Die Jungenarbeit muß auf die Aspekte, die es neben der Ratio gibt, hinweisen. Auf die Menschen, die übrig bleiben und auf die eigenen Gefühle, die verdrängt wurden. Damit ist der Anknüpfungspunkt die eigene Kindheit, in der diese Gefühle noch da waren. Einen Zugang dazu zu schaffen, durch Spiele, kreative Angebote ... die eigenen Gefühle wiederzuentdecken und diese positive Erweiterung der eigenen Persönlichkeit erfahrbar zu machen, ist die Aufgabe der Jungenarbeit.

3.2.8. Das Prinzip `Kontrolle'

Dieses Prinzip steht über allen anderen Prinzipien, denn die Kontrolle muß jederzeit gewahrt sein (oft um jeden Preis). Hier geht es u.a. um die "Aufrechterhaltung des männlichen Macht- und Herrschaftssystems, aber auch seiner inneren Balance" (ebd. S. 14). Es muß immer alles funktionieren.

"Die Angst vor Kontrollverlust ist unter Männern weit verbreitet und könnte ein Indikator für ihre recht `dünne' Identität als Mann sein: sie symbolisiert männliche Phantasien der eigenen Verletzbarkeit, des eigenen zerstört werdens, und gleichzeitig der Allmachtsphantasie, `die Welt in Stücke schlagen' zu können. Sich und andere unter Kontrolle zu haben scheint daher für viele Männer notwendig." (ebd.)

Sich unter Kontrolle halten, heißt auch sich niemals gehen lassen, immer angespannt sein (vgl. REICHs "Charakterpanzer" in 3.1.1.). Die Kontrolle über andere zu bekommen ist nicht so einfach. Schließlich gibt es nur einen Sieger, Leiter, König. Ganz zu schweigen von der neuen Konkurrenz durch (emanzipierte) Frauen.

Die Vorstellung sich einmal gehen zu lassen, zu entspannen, nichts tun zu müssen ist für viele Männer sehr gewagt. Einen Raum zu bieten, in dem dies möglich ist, kann die Jungenarbeit weiterbringen. So ein Raum könnte eine reine Jungengruppe sein, in der Jungen(Mann) sich nicht vor Mädchen(Frauen) beweisen muß. Ein Raum, in dem alles gesagt werden kann, ohne verurteilt zu werden.

Die geschlechtsbezogene Gruppe schützt natürlich nicht vor Kritik, aber der Rahmen ist begrenzter. Es ist nicht nötig, sich zu beweisen. Viele Verhaltensweisen, die im "Geschlechterkampf" notwendig sind, können vernachlässigt werden (demonstrative Stärke; Konkurrenzkampf; Besondere Darstellung). Um dies zu erreichen, muß ich eine bestimmte Stimmung und vertraute Atmosphäre schaffen.

Einige Männer, mit denen ich gesprochen habe, sagten, daß genau dies z.B. in einer Männergruppe möglich ist. Sich öffnen können, von gleichen Erfahrungen berichten und verstanden werden. Damit auch ein Erzählen, ohne den Inhalt zu kontrollieren. Die eigenen Gefühle und Phantasien anzusprechen. Ein Ort, an dem auch über Sexualität gesprochen werden kann. Andere Bilder der Männlichkeit können erfahren werden, aber auch der Zwang zur Kontrolle kann hinterfragt werden.

3.3. "Der perfekte Mann" (HEMAN)

In diesem Kapitel beziehe ich mich ausnahmslos auf eine "Horizonte" Sendung des NDR 4 vom 31. Juli 1989 10.05 - 11.00 Uhr der Autoren SCHNACK/NEUTZLING.

"Sprechen wir von einem der keine Probleme hat. von Heman, dem Beschützer Eternias, Held unzähliger Jungenträume und besorgter Erzieherinnenseminare ...

Wir baten einen Körperpsychotherapeuten, uns zu erklären, was dieser HEMAN eigentlich für ein Typ ist, der da in Eternia jede Schlacht gewinnt - wir hatten die Vermutung, daß dieser Supertyp Heman mit seinen Gefühlen ähnlich umgeht, wie viele der kleinen Jungen, die mit ihm spielen.

Der Psychotherapeut und Bioenergetiker Hubertus STIEF hält die Hartplastikfigur in seiner Hand, betrachtet sie von allen Seiten und versucht HEMAN vorsichtig hinzustellen. Aber das geht nicht. HEMAN fällt immer um.

`Das Schwergewicht liegt sehr weit oben, weit weg von der Erde. Es ist eine Energiesammlung und eine Kraftsammlung im Schulter-Brust-Bereich. Und wir sehen hier, das Becken ist sehr eng und schmal, in überhaupt keinem Verhältnis zum Schulter-Brust- Bereich. Die Taille ist sehr eng, und wenn man den mal von hinten sieht, sieht man seinen zusammengekniffenen Hintern. Der auch kaum zu entdecken. Er scheint eine ziemlich angespannte Bauchdecke zu haben. Wenn man davon ausgeht, daß die Gefühle im Bauch ihren Ursprung haben, läßt sich auch vermuten, daß da für Gefühle gar nicht viel Platz sein kann, wohl aber für Aktion und Aktivität. Also es läßt sich auf den ersten Blick vermuten, daß das ein Mensch der Tat ist.

Die angespannte Bauchmuskulatur hat auch eine ganz starke Konsequenz auf den Energiefluß zwischen einerseits Genitalien und andererseits Herzen. Daß heißt, wenn dieser Mensch überhaupt zur Sexualität in der Lage ist, zum intimen Kontakt, dann kann es allenfalls ohne Herz möglich sein, also mit wenig Gefühl. Diese Puppe ist natürlich unbeweglich, aber der Brustkorb verrät natürlich viel. Der Brustkorb wirkt aufgebläht, also er scheint viel eingeatmet zu haben, kann aber nicht wagen, auszuatmen.

Wenn ich mal meine Erfahrungen etwas zusammenfasse und eine hypothetische Geschichte zusammenstelle: ... er hat vielleicht das Gelübde gemacht: Ich will dazu beitragen, ein wenig Glück in das Leben meiner Mutter zu bringen. Diese starke Verantwortung, die er sich da genommen hat, die ist sozusagen in seinem Körper eingefroren, also er mußte sich immer größer machen als er ist, mußte stehen, wenn ihm gar nicht nach stehen zumute war. Der typische Satz für einen Menschen dieser Statur ist: Ich brauche niemanden. Ich kann alles. Diese Figur ist der Prototyp eines psychopathischen Charakters.

Eine Hauptstrategie von ihm ist auch Täuschung des anderen, lügen, was aber nicht bewußt ist, sondern einfach zu seiner Überlebensstrategie gehört, den anderen darüber hinwegzutäuschen, daß er irgendetwas braucht, irgendwelche Bedürftigkeit hat. Überhaupt, diese ganze psychopathische Strategie läßt sich als Abwehr verstehen. Abwehr gegen das Gefühl von Schwäche, Abwehr gegen das Gefühl, unwichtig zu sein, ja, unnütz zu sein. Er ist nicht in der Lage, irgendwelche intimen Beziehungen einzugehen. Er ist wohl in der Lage, seine Bedürftigkeit in andere Menschen hineinzuprojizieren, also er kann ein sehr hilfsbedürftiges Wesen, als Freund oder Freundin, als Partnerin haben, und alles für sie tun, aber es entsteht dann keine Gegenseitigkeit, es ist keine Hingabe möglich. Diese Unfähigkeit, intime Beziehungen einzugehen, macht natürlich diese Sinnlosigkeit des Kämpfens noch einmal mehr deutlich. Wofür kämpft er?'

`Wir haben den siebenjährigen Niko gefragt.'

`Ich weiß es auch nicht, aber jede Bande hat 'ne Frau. Und der HEMAN, der hat die schönere Frau. Dann will der Skeletor, der greift immer an, der will immer die Frau haben, der will die ganze Bande töten und will sich dann die Frau nehmen. Es geht bei den immer um die Frau.

Es gibt halt immer nur eine Frau in der ganzen Bande, und dann wollen die immer 'ne schöne Frau und dann wollen die groß angeben mit der Frau. Die Hauptmänner, die wollen immmer machen, weil dann wissen die, daß sie dann später heiraten dürfen oder sowas.'

`... Es geht um den Symbolgehalt dieser männlichen Figur mit den vor Angst zusammengekniffenen Arschbacken, HEMAN kann nicht stehen, keine Gefühle zeigen, nicht lieben. HEMAN verkörpert auf drastische Weise das Prinmzip Männlichkeit, wie es in unserer Gesellschaft gelebt wird."

Ich denke Jungen brauchen diesen HEMAN, um ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu kompensieren. Sie sehen und merken jeden Tag, daß der `Film' nicht so läuft, wie er ihnen beigebracht wird (höher, schneller, weiter ...). Aber bei HEMAN, da läuft er.

4. "Wie ein Mann gemacht wird"

Dieses Kapitel gibt einen theoretischen Hintergrund über die Sozialisationsbedingungen zum `Mann-werden'. Es gibt sehr viele Theorien, die ich nicht alle darstellen kann. Ich habe hier zwei Schemata und drei Entwicklungsmodelle ausgewählt, deren Vor- und Nachteile ich jeweils benennen werde.

Als Hintergrund aller Modelle muß das Geschlechterverhältnis berücksichtigt werden. Dies ist meiner Meinung nach am besten in dem von CARRIGAN; CONNELL und LEE 1985 entwickelten Modell von der `hegemonialen Männlichkeit' gelungen. (vgl. HVHS ALTE MOLKEREI FRILLE 1988; BRZOSKA/HAFNER 1988; BÖHNISCH/ WINTER 1993).

"Der Begriff der Hegemonie ... bezeichnet den historischen Umstand, daß moderne gesellschaftliche Machtstellungen von Gruppen nicht durch direkte staatliche oder ökonomische Gewaltanwendung sondern über kulturelle (religiöse, mediale, habituelle etc.) Einfluß-, Einschließungs- und Ausschließungsmuster aufgebaut werden." (BÖHNISCH/WINTER 1993, S.35)

Eben diese kulturelle Eingebundenheit macht es so schwierig, diese Vormachtstellung zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen.

"Die sozialen Definitionen der Männlichkeit sind in die Dynamik der Institutionen eingebettet - des Staates, der Betriebe, der Gewerkschaften, der Familien, etc. - genausosehr, wie sie in die Persönlichkeiten der Individuen eingebettet sind." (BRZOSKA/HAFFNER, 1988, S.17)

"Hegemoniale Männlichkeit ist eine Praxis, die Frauen, aber auch andere untergeordnete Männer unterdrückt ... (So) ist hegemoniale Männlichkeit die Praxis dominierender Männer zur Legitimierung und Reproduktion ihrer Dominanz. Dem idealen kulturell hoch angesehenen Modell von Männlichkeit entsprechen nur sehr wenige Männer. `Aber viele Männer sind Mittäter bei der Aufrechterhaltung der hegemonialen Männlichkeit. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen: Befriedigung durch Phantasie, Kompensation durch verschobene Aggression (z.B. das Verprügeln von Schwulen durch Polizisten und Jugendliche aus der Arbeiterklasse), etc. Aber der bei weitem wichtigste Grund ist, daß die meisten Männer von der Unterdrückung der Frauen profitieren und hegemoniale Männlichkeit zentral mit der Institutionalisierung der Dominanz der Männer über Frauen verknüpft ist." (ebd., S.17/18)

Die Unterdrückung der Frauen (und der schwächeren Männer) funktioniert allerdings nicht ohne einen Preis zu zahlen. Überlegenheit fordert zwanghaft nach Bestätigung, Konkurrenz und der Angst vor dem Verlust der Vorteile. So sind viele der im dritten Kapitel genannten Verhaltensweisen notwendig, um das Geschlechterverhältnis zu bestärken, bzw. aufrecht zu erhalten.

Ein weiteres Problem ist, daß den Männern kein akzeptiertes Alternativkonzept zur Verfügung steht. Wie schnell werden sie als `Weicheier, Memmen' und dergleichen beschimpft, wenn sie ein `abweichendes Männerbild' zeigen, wenn sie Gefühle zeigen, nicht zwanghaft die Oberhand behalten wollen oder ganz einfach die anderen Menschen achten.

"In diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse einer Studie von W. HOLLSTEIN (1988) interessant, nach denen das Angewiesensein auf die männliche Dominanzkultur schichtspezifisch variiert. Danach beharren Männer in Führungspositionen sowie Arbeiter eher auf traditionellen Geschlechtsmustern der Männerdominanz." (BÖHNISCH/WINTER, 1993, S.36)

Es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet `unten und oben' in unserer Gesellschaft so beharrlich an den alten Mustern festgehalten wird. Als Erklärungsmuster kommen zwei Gründe in Frage: zum einen gibt es `unten wie oben' besonders viel zu verlieren, zum anderen ist die `Mittelschicht' (aufgrund fehlender fester Verankerungen in der Gesellschaft) an Veränderungen gewöhnt und kann diese leichter umsetzen.

Im Bereich der sozial Benachteiligten tritt eine starke Verunsicherung der Lebenspositionen auf, da die Zukunft und die Lebensplanung nicht gesichert sind. Hier ist das Festhalten an den `alten Rollenmustern' ein Versuch dieser Unsicherheit etwas entgegenzusetzen. Die `oberen Gesellschaftsschichten' haben zwar nicht dieses einfache Rollenmuster, Chancengleichheit der Geschlechter ist hier dennoch nicht zu finden. Zuviel Macht gibt es zu verlieren. Die Männerbünde der Führungsschicht machen einen Neueinstieg für alle KonkurrentInnen schwer. Eine so große Gruppe an Konkurrenz, wie ihn die Frauen darstellen, kann nicht akzeptiert werden.

Joachim KERSTEN (1993) schreibt zum Begriff der hegemonialen Männlichkeit:

"Solche Modelle beziehen sich insbesondere auf die Praktiken `guter Männer' und erstrecken sich auf drei Bereiche:

_ Die Sexuelle Vormachtstellung (ethnozentrische Heterosexualität) gegenüber Frauen sowie die Kontrolle weiblicher Sexualität als Garantie der Erzeugung von Nachwuchs - auch des Fortbestands der Nation.
_ Die Vorherrschaft in den Domänen legitimer Gewaltanwendung zur Kontrolle anderer (feindlicher) Männlichkeiten wie Polizei, Kriminaljustiz, Militär.
_ Die Versorgung und Kontrolle der Produktion, ihrer Technologien, der Hierarchien des Arbeitsmarktes."

4.1. Modelle zur männlichen Sozialisation

4.1.1. `Sozialisationsmodell Mannsein'

Diese Modellskizze : `Sozialisationsmodell Mannsein' ist von BÖHNISCH/WINTER (1993, S.45) entwickelt worden. Sie stellen die `Suche nach gelingender männlicher Geschlechtsidentität/ Bewältigung des Mannseins' in ein Magnetfeld von `Gendering' und dem `Dilemma der Autonomie', sowie der `hegemonialen Entkopplung Mannsein/ Patriarchat und der ökologischen Entkopplung' mit dem `(Geschlechts)Empathischen Diskurs' (ebd.).

BÖHNISCH/WINTER versuchen die "Ganzheitlichkeit des Mannseins (vgl. Hirschfeld) in ihrer (personal) inneren und (sozial) äußeren Gestalt theoretisch auszudrücken und auf den Begriff zu bringen. `Mann-Werden' als Suche nach gelingender männlicher Geschlechtsidentität ist dabei als lebenslanger Prozeß zu begreifen." (ebd., S.41)

Im folgenden werde ich die einzelnen Begriffe erläutern:

`Dilemma der Autonomie'

Um nun das `Dilemma der Autonomie' erklären zu können, beginne ich mit der Definition `Autonomie' nach BÖHNISCH/ WINTER: "Autonomie ist derjenige Zustand der Integration, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnisse ist. Und: >Autonomie beinhaltet die Fähigkeit ein Selbst zu haben, das auf den Zugang zu eigenen Gefühlen und Bedürfnisse gründet< (GRUEN, 1986, S.17/18)."

Dieser Autonomiebegriff (den die Autoren sowohl für Männer, wie auch für Frauen anwenden) steht allerdings vor dem Problem, sich einem Geschlecht zuordnen zu müssen.

Durch diesen Zuordnungszwang gehen nun für beide Seiten elementare, ursprünglich vorhandene Anteile verloren: (für die Männer)

"Je mehr sich aber Kampf und Gewalt aufgrund kulturgeschichtlicher Ritualisierung gegenüber ihrem ursprünglichen Schutz- und Fürsorge-funktion verselbständigen, desto eher wurden sie als genuin (naturgemäß A.d.V.) `männlicher Eigenschaften' definiert und von den Männern selbst so wahrgenommen. Die `eigentlichen' fürsorglichen und empathischen Tugenden der Männer wurden damit im Laufe der kulturellen Entwicklung verschüttet (vgl. GILMORE, 1991)." (ebd. S.25)

Das `Dilemma' ist der Verlust der als `weiblich' bezeichneter Eigenschaften. Er wird durch das "zwanghaft Junge und Mann werden zu müssen" (ebd. S.25) bestärkt. Die "in der eigenen Kindheit ... erlebten negativen Gefühle wie Angst, Scham, Trauer, Hilflosigkeit, verweist auf tiefe kindliche Kränkungen und Verletzungen (MILLER 1983), welche die männliche Externalisierung als einzige `Lösung' - bei verwehrtem `Innen' - vorangetrieben haben." (ebd.S. 25)

Den kulturellen Zwang, sich verstärkt nach `Außen' richten zu müssen und die damit verbundene Unvereinbarkeit des `Innen', begründen die Autoren mit der "naturmythische Angst vor der Frau" (ebd. S.28). Diese Angst wird in der "männlichen Unterlegenheit gegenüber der Chance der Frau, sich der gesellschaftlichen Vereinnahmung zu entziehen, wirksam." (ebd. S. 28)

Gemeint ist hier die Fähigkeit der Frauen zu gebären, die ihnen die Gesellschaft nicht nehmen kann. Ein Rückzuggebiet, daß den Männern unzugänglich bleibt. Den Begriff der Angst würde ich durch Neid ersetzten. Den Zusammenhang im `Dilemma der Autonomie' halte ich für sehr treffend formuliert.

Der andere Hintergrund sind die `androgynen Gefühle', die verdrängt werden müssen, um den Jungen für seine spätere "machtvolle, aktive, herrschende, unterdrückende Position `fit gemacht' (zu a.d.V.) werden." (ebd. S.27)

Als Gegenstück zum `Dilemma der Autonomie' bringen BÖHNISCH/WINTER das `Gendering'. Dieses definieren sie auf S.34:

"Unter `Gendering' verstehen wir den gesellschaftlichen Prozeß der Konstruktion der sozialen Kategorie Geschlecht (engl.: gender) im Zusammenspiel von geschlechtshierachischer Arbeitsteilung und geschlechtsbezogenen Interaktionsformen und Rollensystemen einer Gesellschaft. Die in dieses `Gendering' eingeschriebene patriarchale Gesellschaftsstruktur und die männliche Dominanzkultur sind historisch gewachsen und deshalb auch als historisch relativ zu betrachten. Wir müssen also mit Begrifflichkeiten operieren, in denen diese historische Relativität angelegt ist." (ebd. S. 34)

Die Autoren gehen also davon aus, daß es ein soziales Geschlecht gibt und das dieses in ein männerdominiertes Geschlechterverhältnis eingebunden ist. (vgl. 4. hegemoniale Männlichkeit)

Ein weiterer Begriff ist der (Geschlechts) Empathische Diskurs:

"Sowohl die personale Möglichkeit der Integration der weiblichen Anteile des Mannes in das emotionale Selbst, als auch die Chance ihrer sozialen Aussendung und Anerkennung (beides Bedingungen männlicher Autonomie) bilden die Vorraussetzung für die Entwicklung eines solchen geschlechtsempathischen Diskurses auf der (männlichen) Subjektebene ... Eine Versöhnung zwischen Mann und Frau kann deshalb nur in einem `Aufeinanderzugehen', über den geschlechtsempathischen Diskurs also, erreicht werden." (ebd. S. 39)

"Die `Entkopplung von ökonomischem und politischem Patriarchat und individueller Männlichkeit' schafft den sozialen Erfahrungs- und Bestätigungsraum für nichtdominantes Männerverhalten ... In der Perspektive der `ökologischen Revision' der Gattungsborniertheit des Menschen wird menschliche >Hilflosigkeit< produktiv formulierbar, weil nur ihr Eingeständnis gegenüber der Natur Leben auf dieser Erde erhält und damit die Vorraussetzungen für die weitere Entwicklung der Menschen schafft. Auch Männer könnten diese (ihrer anthropologischen Hilflosigkeit) >übergeordnete< Hilflosigkeit annehmen und mit der ihnen eigenen Stärke und gemeinsam mit den Frauen sozial produktiv aushandeln." (ebd. S. 39/40)

Eine Veränderung im Denken und Handeln ist notwendig, um die Natur vor ihrer Zerstörung zu bewahren. Diese Veränderung könnte ein Eingestehen der eigenen Hilflosigkeit sein. Damit wäre ein erster Schritt zum Abbau der Überlegenheit (und Überheblichkeit) der Männerkultur möglich. Die Ausseinandersetzung mit den Frauen würde diesen Schritt fördern und könnte somit auch in die `Suche nach gelingender männlicher Geschlechtsidentität' einbezogen werden.

Dieses Modell stellt die Suche nach gelingender männlicher Geschlechtsidentität/ Bewältigung des Mannseins in das Zentrum von vier verschiedenen Spannungsfeldern dar: Diese Spannungsfelder sind unterschiedlich stark und unterschiedlich in unserer Entwicklung verankert. In der Mitte befindet sich das stärkere Spannungsfeld:

Gendering - Suche nach Identität - Dilemma der

Autonomie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Modellskizze "Sozialisationsmodell `Mann-Sein´"

Dieses Spannungsfeld spiegelt das `herkömmliche Mann-Werden' wieder. Auf der einen Seite die sozio- auf der anderen die psychogenetische Dimension, also zwei Ebenen, die zutiefst (genetisch) mit uns verbunden sind, die damit keiner Veränderung unterliegen können.

Ich sehe die Intensität dieser Ebenen ebenfalls als dominierend an, jedoch kann ich nicht glauben, daß sie genetisch in uns verankert sind und damit keiner Veränderung unterliegen können.

Die beiden anderen, weniger intensiven Seiten spiegeln die Möglichkeiten zur Veränderung, auf der Ebene der biographischen Sozialisationsachse wieder. Jedem steht die Möglichkeit offen, seinem Leben eigene Impulse zu geben und eigenen Vorstellungen und Idolen nachzueifern, sie aus eigenen Wünschen zusammenzustellen.

Das Schema stellt für mich treffend das Spannungsfeld, in dem unsere Geschlechtsidentität gebildet wird dar. Jeder kann seinen eigenen Weg bestimmen, wird aber von den unterschiedlichen gesellschaft-lichen Bedingungen beeinflußt. Da dieses im Schaubild gelungen dargestellt wird, habe ich das `Sozialisationsmodell Mannsein' ausgewählt.

4.1.2. Das Koordinatensystem `patriarchatskritischer Bildungsarbeit'

Dieses Koordinatensystem hat Andreas ZIESKE (1994 S.137ff) zusammen mit dem Verein DISSENS 1990 (ein seit 1990 in Berlin bestehendes Beratungs-, Bildungs- und Forschungsprojekt mit patriarchats-kritischem Ansatz) entwickelt. Es handelt sich ursprünglich um die Entwicklung eines Modells der Jungen, bzw. Männerarbeit. Meiner Meinung nach eignet es sich um aufzuzeigen, `wie man ein Mann wird' und welche Einflußmöglichkeiten es gibt.

"Unser Koordinatensystem soll es dem einzelnen pädagogisch Tätigen erleichtern, sich an den Zielperspektiven patriarchatskritischer Arbeit zu orientieren. Es soll vor allem die widersprüchlichen Dimensionen dieser Arbeit verdeutlichen, aber gleichzeitig auch zeigen, daß keiner der aufgezeigten Pole ohne die anderen gesehen werden darf. `Unterstützen' ohne `Angreifen' oder `Empörung' ohne die `Erfahrung persönlicher Gewinne' läßt das `Innehalten', also die Arbeit in der Männer(arbeits)gruppe (ZIESKE nutzt die Begriffe Männer- und Jungenarbeit gleich A.d.V.), entweder zur unpolitischen Selbsterfahrungsgruppe oder zum politisch moralischen Debattierklub verkommen." (ebd. S.143)

ZIESKE geht in seinem Koordinatensystem von den männlichen Prinzipien (vgl. 3.2.) aus und setzt als seine Grundlage das Prinzip `Außen' (vgl. 3.2.1.).

"Diesem lebenszerstörenden Primat des Machens setzen wir das Prinzip des `Innehaltens' als zentralen Bestandteil unseres Modells gegenüber" (ZIESKE S.138)

Das `Innehalten' so schreibt er weiter, soll zur "Bestandsaufnahme, zur Retro- und Introspektive" (ebd.) genutzt werden. Die Jungen (oder Männer A.d.V.) sollen Gelegenheit haben, nach `Innen' zu schauen, ihre Stärken und Schwächen sehen und zulassen können, Veränderungen ausprobieren. Dies kann jedoch nur im geschlechts-homogenen "Schutzraum" (ebd. S.140) passieren. Austauschmöglich-keiten in einer Gruppe fördern und verstärken den Prozeß.

Das Problem, was hier, bzw. generell in der Jungenarbeit auftritt: Wie schaffe ich es, den Jungen ein `Innehalten' zu vermitteln, wenn sie bei ihren Freunden und allgemein außerhalb der Jungenarbeit wieder den `Harten' spielen müssen? Diesem Dilemma muß Stück für Stück begegnet werden. Jungenarbeit kann immer nur einen Anstoß geben. Sie ist ein lebenslanger Prozeß.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das Koordinatensystem `patriarchatskritischer Bildungsarbeit'

"Unser Prinzip steht auf zwei Ebenen, der vertikalen Zielebene und der horizontalen Handlungsebene, zwischen zueinander widersprüchlichen Spannungspolen." (ebd. S.140)

ZIESKE macht deutlich, daß es nur zu Veränderungen kommen kann, wenn jeweils ein Angebot auf der Gegenseite liegt. Für jede Kritik muß demnach eine Verstärkung sich verändernder Handlungsbereitschaft geboten werden. So ist es nicht verwunderlich, daß er den Schwerpunkt seines Modells auf das `Innehalten' legt, da dies erst einen Zugang zu sich selbst und damit auch zu anderen ermöglicht.

Auf der vertikalen Ebene besteht das Spannungsverhältnis zwischen dem `Unterstützen' (bei sich verändernden Prozessen z.B. Aktivitäten im Reproduktionsbereich, Reflexion usw.) und dem `Angreifen' durch "antisexistische (vgl. 5.2.) Regeln, Grenzen setzen, die eigene Vorbildfunktion sowie die Selbstsicherheit ankratzendes Verhalten." (ebd. S.139)

ZIESKE setzt also auf der einen Seite das Angreifen vorhandener Verhaltensweisen und auf der anderen Seite die Unterstützung gegenüber. Er fordert gleichzeitig ein Annehmen und Angreifen. In dem Modell wird sowohl auf vorhandene Stärken wie auf Schwächen der Jungen eingegangen.

Die Basis des Modells ist die Verstärkung der eigenen Wahrnehmung und Gefühle. Durch diesen Zentralen Punkt wird erst die Möglichkeit für eine Veränderung gesetzt. Ein Innehalten ist Notwendig, um einen Zugang zu den Jungen zu bekommen und um für die Jungen einen Zugang zu sich selbst zu bekommen. Auf dieser Grundlage sezt ZIESKE wiederum Angriff und Unterstützung gegenüber:

Ein Grenzen setzen ist nur möglich, wenn die Jungen Unterstützung erfahren. Kritik kann nur als Teilkritik verstanden werden. Wenn ich jemanden angreife, zieht er sich von mir zurück. Eine ganz normale Schutzreaktion. Um in Kontakt zu bleiben und um Verständnis für die Vorgebrachte Kritik zu erlangen, muß auf die Persönlichkeit, die Selbstwahrnehmung der Jungen eingegangen werden. Dies ist ihre Basis für ein Verstehen der vorgebrachten Kritik.

Auf der vertikalen Ebene stehen sich die `Empörung' auf der einen Seite, also die Kritik an dem Machtverhalten, mit dem `Erfahrbar machen der persönlichen Gewinne' gegenüber. Nach ZIESKE stehen diese Positionen im Spannungsfeld, da Kritik ohne einen Gegenpol nicht angenommen werden kann ( vgl.ebd. S. 141).

Dieses Modell habe ich deshalb ausgewählt, da es für mich den zentralen Punkt der Jungenarbeit
- einen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu schaffen - in den Mittelpunkt stellt.

Ich denke, daß Jungen in Kontakt zu ihren Gefühlen stehen und sie wahrnehmen sollen. Wenn dies der Fall ist, kann eine Veränderung passieren. Die Gefühle sind der Zugang zum Verstehen und dies wiederum ist die Grundlage für (dauerhafte) Veränderungen. Wenn die Jungen sich darauf einlassen können, werden sie dauerhaft davon profitieren. Sie können flexibler in ihren Handlungsmöglichkeiten werden. Die Jungen werden selbständiger und damit unabhängiger.

4.2. Entwicklungsmodelle des `Mann-Werdens'

Ich werde mich in diesem Kapitel vor allem auf die `Hintergrundmodelle' von Heinz KINDLER aus seinem Buch: "Maske(r)ade". Jungen und Männerarbeit für die Praxis, Schwäbisch Gmünd und Tübingen 1993 beziehen.

4.2.1. Rollentheortische Modelle

Zur Annäherung an dieses Modell stelle ich zuerst die Definition Rolle dar:

"Mit diesem Grundbegriff der Soziologie wird die Gesamtheit der mit einer sozialen Position (z.B. Lehrerrolle, Mutterrolle, Altersrolle) verknüpften gesellschaftlichen Verhaltensanforderungen (Rollenan-forderungen, Rollenerwartungen) bezeichnet. Als Träger sozialer Rollen orientiert sich das Individuum an diesen gesellschaftlichen Anforderungen. " (FACHLEXIKON DER SOZIALEN ARBEIT 1993, S.785)

Für das rollentheoretische Modell sind die Lernarten, anhand derer man seine Rolle erlernen kann, wichtig. Hierbei spielen vor allem das `Lernen am Modell' und das `Lernen durch selektives Verstärken' eine große Rolle. (vgl. KINDLER 1993, S. 17) `Lernen am Modell' zeigt die Wichtigkeit von männlichen Vorbildern für die Jungen (arbeit) an.

Dies ist besonders schwierig, da zum einen sehr viele Väter als Vorbilder fehlen (außerhäusliche Arbeit ...) und daß männliche Erzieher die Ausnahme sind. So haben Jungen kaum greifbare männliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Da viele Jungen bis zur weiterführenden Schulen (ca. 10./11. Lebensjahr) häufig nur von Frauen erzogen werden.

Die Vorbilder (Medien wie TV, Computerspiele oder Spielfilme), die den Jungen geboten werden, sind sehr wenig Attraktiv, zumindest sehr wenig Realitätsbezogen. In den Medien werden fast ausschließlich Helden dargestellt, die sich mit Gewalt erfolgreich durchsetzen, oder nur sehr Schwache Personen, die zum Verlierer `geboren' sind. Die Helden der Computerspiele haben immer mehrere Leben. Was soll man da auf eines besondere Acht geben?

In der Realität bleibt den Jungen nur die Verneinung der weiblichen Rolle als Orientierung ihrer eigenen männlichen Geschlechtsrolle.

"Weiblich = Nicht-Männlich, bzw. der Definition

Männlich = Nicht-Nicht-Männlich" (HAGEMANN-WHITE 1984, S. 92).

Dies hat einen entscheidenden Nachteil: noch so `gute' weibliche Vorbilder können nicht als solche dienen, sondern müssen in ihr Gegenteil umgekehrt werden, um als männlich gelten zu können. Liebe und Zärtlichkeit, die von der Mutter erfahren werden, müssen als unmännlich abgetan werden und kommen daher nicht in der männlichen Rolle vor. Dies ist vielleicht der zwingendste Grund, warum es wichtig ist, daß Männer sich an der Reproduktionsarbeit und Kindererziehung beteiligen sollten. (vgl. BRZOSKA/HAFFNER 1988, S.202)

Sich an der Reproduktionsarbeit beteiligen heißt nicht, in den Ferien mal Spülen helfen, sondern konkret die Hälfte der Hausarbeit und Kindererziehung übernehmen. (vgl. Vorschlag der Gleichstellungs-beauftragten im deutschen Bundestag vom 22.08.95) Ebenso sollen sich Männer gleichberechtigt an der positiven Gestaltung der Umgebung (gemütliche Atmosphäre) und an funktonierenden sozialen Beziehungen beteiligen!

Für die selektive Verstärkung von typisch weiblichem, bzw. typisch männlichem Verhalten schildert Marianne GRABRUCKER (1985, S.36f) die Situation zweier Mütter, die mit ihren Kindern (beide eineinhalb Jahre) spielen. Die Mutter des Mädchens setzt sich eine Maske auf (eher niedlich und wenig furchteinflößend), woraufhin das Mädchen auf den Schoß der anderen Mutter flüchtet und sich an sie schmiegt, und nur noch mit einem Auge auf die Maske schaut. Der Junge geht auf die Mutter mit der Maske zu und versucht, ihr die Maske herunterzuziehen, was ihm schließlich auch gelingt.

GRABRUCKER schildert, daß in der Analyse die Mütter das Verhalten am Geschlecht fest gemacht hätten: Dem Jungen wurde als `typisch' sein Mut und seine Forschheit zugesprochen, dem Mädchen, als ebenso `typisch' seine Angst. Zu dieser Situation sagt sie:

"Ich stehe vor einem Rätsel und kann mir dieses Verhalten wieder einmal nicht erklären. Ist das denn nun wirklich angeboren?" (ebd. S. 36) Sie versucht dies zu erklären mit der unterschiedliche entwickelten Phantasie der Kinder:

"Jede Pädagogin und jeder Pädagoge weiß, daß es bei Kindern Phasen gibt, in denen sie gesteigerte Phantasie entwickeln und deshalb leichter Angst bekommen, Gefahren sehen, wo kleinere Kinder noch völlig unbefangen sind ... Für Schorschi - noch ohne stärker entwickelte Phantasie - war der Weg direkt, das heißt, er wollte das Ding entfernen, das den Kopf der Mutter verbarg. Für Anneli stellte sich aufgrund der Phantasie die Mutter plötzlich als anderes Wesen dar, sie sah sie nicht mehr, sondern nur den Bären. Sie spielte mit, aber da ihr dieses Spiel fremd war, begann die Fluchtbewegung zum Bekannten, zu Christa." (ebd. S. 36f)

Vergleichbar mit diesem Beispiel kennt jeder sicherlich genügend eigene Beispiele die mit Sätzen begleitet werden wie:

"Er ist halt schon ein ganzer Kerl" oder: "Wenn der so weiter macht, wird mal was aus ihm." So wird uns schon in frühen Jahren beigebracht, was von uns erwartet wird. Wie schon erwähnt können kleine Kinder noch nicht gut sprechen, gewünschtes und ungewünschtes Verhalten aber sehr wohl voneinander unterscheiden.

"Richtige Jungen sind eben so. Aufsässig, kräftig, frech, unordentlich. Sie müssen sich bewegen, sich prügeln, sich messen. Das ist für Erwachsene aufregend, aber auch nicht ohne Reiz ... Aus richtigen Jungen werden richtige Männer ... Er wird unabhängig, stolz und ohne Angst sein ... Jungen stehen für das Männliche, für Abenteuer und Freiheit, für Unabhängigkeit und Wildheit. Sie symbolisieren Werte, für die im Leben ihrer Eltern in aller Regel kein Platz ist." (SCHNACK/NEUTZLING 1989, S. 2)

Für die Jungenarbeit bietet die Rollentheorie zwei positive Seiten:

"Zum einen verbindet er (der rollentheoretische Ansatz A.d.V.) in einem einfachen Modell soziale Struktur und Persönlichkeits-entwicklung, zum anderen läßt sich aus diesem Ansatz eine klare Reformidee ableiten: die Veränderung der Rollenerwartungen an Mädchen und Jungen bzw. bei Jugendlichen, die bereits rollenangemessenes Verhalten gelernt haben, die Veränderung dieser internalisierten Erwartungen." (KINDLER 1993, S.17)

Um diese Veränderungen möglich zu machen, müssen die von KINDLER (ebd. S. 19ff) erwähnten Einwände beachtet werden:

Er weist darauf hin, daß `die Männerrolle' wenig differenziert ist. Ebenso kann in konkreten Situationen kein Denkprozeß nachgewiesen werden, der das Verhalten beeinfußt. Daher schlägt z.B. Reinhard WINTER (1992, S.18) vor: "bei wesentlich handlungsnäheren und spezifischen Rollen, etwa der Schülerrolle, die verdeckten geschlechtsbezogenen Aspekte herauszuarbeiten." (vgl. hier auch ENDERS-DRAGÄSSER / FUCHS 1988 S. 22ff die u.a. geschlechtsbezogenes Schülerverhalten beschrieben haben)

Zweitens weist KINDLER darauf hin, daß die Unterschiede zwischen Männern und die Ähnlichkeiten zwischen Männern und Frauen herausgestellt werden müssen, um alternative Geschlechtsrollen darstellen zu können.

"Die Attribute traditioneller Männlichkeit bleiben, auch wenn sie negativ gewendet werden, als Orientierungspunkt unangetastet." (ebd. S.20)

Drittens weist KINDLER darauf hin, daß "die Rolle der Macht im Verhältnis zwischen Männern und in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen sichtbar werden (müsse), ohne Macht im selben Atemzug ideologisch zu tabuisieren." (ebd. S. 22)

Ich denke, daß der Nachteil dieses Modells in seiner Pauschalität liegt. `Die Männerrolle' legt das Bild von einem ganz bestimmten Ideal nahe. Das jeder Mann anders ist und das jeder Junge sich sein eigenes Bild und Ideal zusammenstellen muß, geht unter.

Die Jungenarbeit muß die Rollenbilder thematisieren und hinterfragen, um den Jungen Möglichkeiten eigener Entscheidungen offen zu halten.

Rollenbilder geben zwar einleuchtende, nicht aber befriedigende, ausreichende Bilder vom `Mann-Sein' sein wieder. Die eigene Persönlichkeit und Handlungsfreiheit bleibt zu wenig berücksichtigt.

Die Rollentehorie bietet einen sehr guten Einstiegspunkt für die Jungenarbeit. Sie darf aber nicht an dieser Stelle stehen bleiben.

4.2.2. Machtorientierte Modelle

Machtorientierte Modelle beziehen sich vor allem auf die in 4. Kapitel zu Beginn beschriebene `Hegemoniale Männlichkeit' und dem darin begründeten Geschlechterkampf.

Sie "analysieren das Verhalten von Männern als Strategien des Machterhalts bzw. -erwerbs. Insbesondere Gewalt von Männern gegen Frauen wird in diesem Zusammenhang gesehen. (BROWNMILLER, 1978) Aber auch der Umgang mit öffentlichen Räumen oder das Sprachverhalten werden unter diesem Blickwinkel analysiert." (KINDLER 1993, S.23)(vgl.das Bsp. von M. STROB 1992 `Raumaneignung durch Jungen' S.66ff)

Macht ist aber nicht nur eine einseitige Angelegenheit (Macht und Ohnmacht), sondern häufig auf verschiedener Ebene angegliedert. Macht und Gegenmacht (KINDLER, S.29) haben unterschiedliche Mittel:

"Macht kann eigentlich nie durch die selbe Art der Macht aufgehoben oder kontrolliert werden, es muß ihr eine andere Form entgegentreten. Machtformen müssen verschiedene Inhalte haben, damit sie gegeneinander wirken können. Die Macht des Säuglings besteht darin, durch sein Schreien, die Eltern zu terrorisieren, obwohl er keine physischen Kräfte hat. Die verschiedenen Formen von Macht machen die Unverhältnismäßigkeit aus, aus der heraus der eine seinen Willen gegen den anderen durchsetzen kann." (JANSSEN-JUREIT In: SCHAERFFER-HEGEL, 1988, S. 184)

Entsprechend den Möglichkeiten des Kleinkindes gibt es auch Macht und Gegenmacht im Geschlechterverhältnis. Es geht darum, diese Unterschiede aufzudecken und damit verhandelbar zu machen. Im Laufe der Letzten Jahre (insbes. durch die Emanzipation der Frauen) haben sich oben genannte Verhältnisse verschoben. Die Männer sind in Zugzwang, ihre Vormachtstellung legitimieren zu müssen, oder aber sich zu verändern.

"Die Theorie muß in der Lage sein, Widersprüche und Ambivalenzen im Erleben und Handeln von Jungen und Männern aufzugreifen, ohne deshalb Machtungleichgewichte zwischen Männern und Frauen aus den Augen zu verlieren." (KINDLER S. 27)

Meiner Meinung nach ist das Thema `Macht' sehr schwierig in der Jungenarbeit aufzugreifen. Es geht den Jungen sehr nahe und ist deshalb sehr stark mit Abwehrverhalten verbunden. In kürzeren Gruppenprozessen scheint insbes. das Machtgefälle der Geschlechter kaum ansprechbar zu sein. Dies kann meiner Meinung nach nur aus Alltagssituationen heraus geschehen.

Die eigenen Erfahrungen der Jungen können eventuell in Rollenspielen thematisiert werden. Konfliktsituationen auf der Straße, in der Gruppe, Schulklasse, das Verhältnis LehrerIn/Schüler oder auch Vater/Sohn sind den Jungen näher und können als Ausgangspunkt genommen werden. Den Ansatz, daß auch die Geschlechterhierachie angesprochen werden muß halte ich für eine Überforderung der Jungen. Macht im allgemeinen ist jedoch gerade für die Jungen ein sehr zentrales Thema.

Sie haben selbst viele Erfahrungen in dem Bereich gemacht (in der Regel Ohnmachts- und Gewalterfahrungen). Es muß daher sehr einfühlsam mit diesen persönlichen Erfahrungen umgegangen werden, um sie thematisierbar zu machen und um den Jungen einen neutralen (ungefährlichen) Zugang zu dieser Thematik zu ermöglichen.

4.2.3. Identitätsorientierte Modelle

Die identitätsorientierten Modelle haben ihren Ursprung in der Tiefenpsychologie. Die Identität der Jungen wird bereits zwischen dem 12. und 36. Monat als geschlechtliche Identität begründet. (vgl. ebd. S.36) Hier sind wiederum (vgl. 4.3.1.) die Bezugspersonen von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Kinder:

"Das Fehlen der aktiven Väter (bzw. auch `vaterähnlicher' Personen, wie Großväter, Partner der Mutter usw.) ist für die Jungen in mehrerer Hinsicht besonders schwierig und schmerzhaft. Denn zum einen gibt es keinen `personellen Landepunkt', der ein aktives Weggehen von der Mutter absichert, zum zweiten fehlt es an `lockenden' Kräften, die den Jungen von seiner Mutter wegziehen und attraktive Beziehungsqualitäten außerhalb der Mutterbeziehung anbieten. Und drittens mangelt es an Vorbildern, wie mit der übermächtigen Mutter umgegangen werden kann." (WINTER, 1991, S.181f)

Hier drängt sich die Frage auf: Was ist, wenn der Vater anwesend ist, aber seine Vorstellungen von einem Mann eher dem traditionellen Rollenbild entspricht?

Meiner Meinung nach ist dies besser, als wenn kein reales "Modell" für die Jungen vorhanden ist. Es wird Veränderungen auf beiden Seiten geben. Wenn sich ein Vater intensiv mit seinem Kind beschäftigt, wird dies seine Einstellung zu Nähe, Körperkontakt, die Wertschätzung dieser Arbeit (damit sein Bild von der Arbeit der Frauen) ... verändern.

Auf der anderen Seite bekommen die Jungen nicht nur die Wünsche des Vaters mit, wie sich ein Mann zu verhalten hat, sondern sie werden auch seine persönlichen Stärken, aber auch seine Schwächen kennen lernen. Sie müssen sich ohnehin ihr eigenes Rollenbild zusammenstellen. Ein konkretes `Objekt' der Auseinandersetzung ermöglicht dies. Die Jungen haben so die Möglichkeit sich mit einer realen Person auseinanderzusetzen.

Ist der Vater jedoch nicht erreichbar, besteht der häufig beschrittene Lösungsweg "in einer überbetonten Abgrenzung von der Mutter, nach dem Motto >männlich ist, was nicht weiblich ist< ... Daraus entsteht ein Verbot `unmännlicher' Gefühle und eine Verleugnung der Ähnlichkeit zwischen Mutter und Sohn. Damit ist die Grundlage für eine strukturelle Verwundbarkeit männlicher Identität gelegt ... Macht- und Kontrollbedürfnis gegenüber Frauen, die Abwertung des `Weiblichen', die Idealisierung und Betonung der eigenen Unabhängigkeit erscheinen hier als Versuch, eine zugrundeliegende strukturelle Unsicherheit, Gefühle von Angst und Trauer zu bewältigen." (KINDLER, 1993, S.37f)

Diese persönliche Unsicherheit auf der einen Seite verbindet sich mit dem äußeren Zwang zur Veränderung aufgrund sich verändernder Lebenszusammenhänge. Durch die Individualisierung der Gesellschaft, sowie die Emanzipation der Frauen wird der Zwang die Ernährerrolle übernehmen zu müssen für Männer immer geringer, der Anreiz zu Veränderungen entsprechend größer. (vgl. BECK/BECK-GERNSHEIM 1990, S.47f)

Für die Jungenarbeit wird es wichtig, den Jungen die Möglichkeit zu bieten, unterschiedliche Gefühle wahrzunehmen und in ihr eigenes Selbstbild zugänglich zu machen.

Dazu bieten sich nach KINDLER (1993) vor allem die Möglichkeiten in einer gleichmäßigen Verteilung der Zuständigkeit für kleine Kinder, sowie der `zweiten Chance' der Pubertät.(vgl. S.41f)

"Denn Jungen zeigen im Pubertätsverhalten nicht nur klassische Männlichkeitsstereotype und diese überzeichnendes Verhalten, das durch die Peer-group verstärkt wird. Sondern sie signalisieren auch von den durchschnittlichen Männlichkeitsvorgaben abweichende Merkmale: Reizbarkeit, Sensibilität, emotionale nach innen gerichtete Aufwallungen, Depressionen." (WINTER 1992 S.21)

Diese werden in den Peer-Gruppen zwar gezeigt, jedoch auch dort häufig nicht als Alternativkonzept genutzt, sondern statt dessen eher wieder die oben genannten Starken Persönlichkeiten der Mythen als Zieltyp gewählt.

Wichtig bei den identitätsorientierten Modellen ist es, nicht das Geschlechterverhältnis aus den Augen zu verlieren.

"Der wesentliche Vorteil identitätsorientierter Modelle liegt jedoch darin, daß sie die Beziehungsdynamik, aus der heraus diese Konflikte (Wahrnehmung von Widersprüchen und Ambivalenzen in Männern A.d.V.) entstehen, beschreiben können. Dabei spielt nicht nur die Frage, welche Gefühle gezeigt oder als `männlich' bewertet werden, eine Rolle, sondern auch die Frage, welche Gefühle überhaupt wie intensiv gespürt werden können." (KINDLER, 1993, S.48)

Für mich steht die Suche nach Identität im Zentrum der Entwicklung der Männer. Dies bedeutet, daß jeder Mensch sich daran orientiert, was von ihm erwartet wird. Die soziale Zuschreibung zum Mann wird folglich in erheblichem Umfang in unsere eigene Identität eingearbeitet. Auf der anderen Seite steht unsere Suche nach Unabhängigkeit und Einzigartigkeit (also die Ablösung vom Elternhaus). Dennoch ist jeder Mensch dazu gezwungen, sich seine eigene Identität zu erarbeiten. Wir stecken nicht in einem nicht beeinflußbaren Prozeß, sondern jede kann seine eigenen Impulse in seinem Leben setzen. Aufgabe der Pädagogik kann folglich nur ein Anbieten von Entwicklungsmodellen sein. Wir können nur Möglichkeiten und Wege aufzeigen. Welchen Weg jeder Einzelne einschlägt, muß er selbst entscheiden.

5. Ansätze der Jungenarbeit

In diesem Kapitel werde ich auf verschiedene Ansätze der Jungenarbeit eingehen. Zunächst möchte ich zu dem Vorurteil, daß Jugendarbeit Jungenarbeit sei, eingehen.

Dieses Vorurteil beruht darauf,daß nachgewiesenermaßen (ENDERS-DRAGÄSSER/FUCHS; 1990) (vgl. 3.2.1.) Jungen in Schulen und in der offenen Jugendarbeit (in Jugendheimen) deutlich mehr Aufmerksamkeit, Platz, Angebote ... bekommen, als Mädchen. Ebenso ist ihr Anteil in der offenen Jugendarbeit überdurchschnittlich hoch. Er lag "bei den über 16-jährigen Jugendlichen bei etwa 80%" (Michael SCHENK; In: WILLEMS/WINTER, 1991, S.99)

"Gefördert wurde dies auch durch eine Angebotsstruktur, die sich an den `männlichen Maßstäben' orientierte, und durch seine räumliche Aufteilung, die Jungeninteressen in den Mittelpunkt stellte." (STROB, 1992, S. 37)

Den meisten Menschen fällt dieser Unterschied nicht auf (vgl. ENDERS-DRAGÄSSER, 1994, S.52). Dieses zeigt sich in der veränderten Wahrnehmung. Als ausgeglichenes Verhältnis erscheint den PädagogInnen, wenn die Jungen etwa 2/3 der Aufmerksamkeit erhalten.

Die Gefahr liegt darin, daß dies sehr lange nicht erkannt worden ist und daß so dieses System:

`Störer haben Vorrang' nicht unterbrochen werden konnte. Ebenso wurde weder in Schulen, noch in der Jugendarbeit auf die spezielle Situation der Jungen eingegangen:

Warum stören sie so oft? Warum müssen sie sich in den Vordergrund drängen? Würden sie lieber etwas anderes machen? Warum stimmt etwas nicht, wenn sie zurückhaltend sind? Warum/was reizt uns an diesem Verhalten?

Diese zentralen Fragen der Jungenarbeit haben sich nur wenige Personen gestellt. So war das Verhalten der Jungen `erfolgreich' und das System der Überbewertung der `Starken' und der Verdrängung der `Schwachen' konnte bestehen bleiben. Den Jungen wurden keine Anforderungen an ihr Sozialverhalten gestellt, der `Regenerative Bereich' war nicht ihre Aufgabe. (Pädagogische)Arbeit mit Jungen ist in Jugendheimen gemacht worden, Jungenarbeit aber nicht.

Meinem Verständnis nach beginnt Jungenarbeit mit der Sicht auf die Jungen. Ich kann die Jungen auf Hintergründe ihres Verhaltens aufmerksam machen. Um dies zu erreichen ist allerdings ein langer Weg notwendig. Ich kann versuchen, ihnen Zeit und Raum zu geben, zur Ruhe zu kommen. Ein Ansatz zur Jungenarbeit ist die Zeit. Das `Hier und Jetzt' ist wichtig. Nicht der heutige Tag, die Woche, sondern wirklich der Moment. Ich muß mir die Zeit nehmen, den Moment zu erleben, zu spüren, wahrzunehmen.

Wenn ich es schaffe, diesen Moment für die Jungen interessant zu machen, kann ich ihnen einen Zugang zu sich selbst, ihrem Körper und ihrer Umgebung zu vermitteln (aufzuzeigen). In den Moment hineinspüren bedeutet, seinen Körper zu spüren, seine Gefühle wahrzunehmen. Sich Zeit zu nehmen, bedeutet, sich Gedanken zu machen und diese Gedanken auszutauschen.

Neben diesem Prozeß hat die Jungenarbeit noch eine weitere Aufgabe. Die Jungenarbeiter müssen ein neues Bild vom Mann aufzeigen. Es fehlen Vorbilder und Idole. Die Jungen und die Männer brauchen ein erstrebenswertes Ziel. Dieser Mann muß verschiedene Fähigkeiten in sich vereinigen um attraktiv zu sein. Er muß stark sein. Stark sein bedeutet nicht ein `Muskelmann' zu sein, sondern zu wissen, was er will und dies auch vertreten zu können. Ein Mann der für mich ein Vorbild ist, muß klar sein und Zivilcourage haben.

Auf der anderen Seite muß so ein Mann auch einen Zugang zu seinen Gefühlen haben. Er muß sich selber wahrnehmen können und er muß darüber reden können. Wer diese Seiten in sich vereint hat kann sich auch auf andere Personen einlassen. Er kann Beziehungen eingehen und dafür eintreten.

Jungen die so ein Verständnis von sich haben, oder dies anstreben, brauchen keine Gewalt. Sie müssen niemanden herabsetzen, um sich gut zu fühlen. Sie brauchen nicht ständig zu gewinnen oder sich in dauerhafter Konkurrenz zu anderen zu sehen.

5.1. Verschiedene Modelle der Jungenarbeit

Es gibt seit ca. 9 - 10 Jahren verschiedene Modelle zum Thema Jungenarbeit. Ich stelle zwei Modelle vor, die meinen Ideen der Jungenarbeit weitgehend entsprechen.

Als erstes werde ich die `antisexistische Jungenarbeit' der HEIMVOLKSHOCHSCHULE ALTE MOLKEREI FRILLE (1988) darstellen. Er bezieht sich auf Jungen, die aufgrund sozialer und schulischer Probleme als benachteiligt gelten, eine Problemgruppe, die ich aus meiner eigenen praktischen Arbeit kennengelernt habe.

Die `antisexistische Jungenarbeit' wird seit mittlerweile 7 Jahren durchgeführt und ist aus der praktischen Arbeit entwickelt worden. Dieser Ansatz berücksichtigt sowohl geschlechtsgetrennte, als auch koedukative Bereiche.

Das Modellprojekt zur Förderung der Jungen- und Männerarbeit in der katholischen Jugendverbandsarbeit der KSJ-GCL (1993) (KSJ-GCL heißt Katholische Studierende Jugend in den Gemeinschaften Christlichen Lebens) ist das zweite Modell, auf das ich mich beziehe. Es ist erst in den letzten Jahren entwickelt worden und stellt somit einen neuen und doch vergleichbaren Stand der Jungenarbeit dar. Dieses Modell ist ebenfalls aus der praktischen Arbeit heraus entwickelt worden, bezieht sich aber auf verbandlich organisierte Jungen und Männer, die nicht als benachteiligt gelten. Somit sehe ich hierin eine Erweiterung des antisexistischen Ansatzes der Jungenarbeit.

Da dieses Modellprojekt in KINDLERs Buch: "Maske(r)ade" beschrieben steht, werde ich es im folgenden als KINDLERs Modell benennen.

Beide Modellprojekte stellen Bildungsarbeit mit Jungen dar. Ebenso ist in beiden Ansätzen enthalten, daß Jungenarbeit Aufgabe von Männern ist und in ihrer Verantwortung liegt. Den zwei Ansätzen liegt die Vorstellung zu Grunde, daß Jungen und Männer `Probleme' haben mit Verhaltensweisen, die sich (ursächlich) aus dem traditionellen Männerbild ergeben. Das Interesse an dem, was Jungen bewegt auf der Suche nach `Männlichkeit', und das Angebot von Männern, hierbei Hilfestellungen aufgrund eigener Erfahrungen sowie theoretischer Auseinandersetzungen zu geben, liegt beiden Konzepten geschlechtsspezifischer Pädagogik mit Jungen zugrunde.

Die Unterschiede beziehen sich zum einen aus der unterschiedlichen Zielgruppe heraus (s.o.), zum anderen werden die Schwerpunkte des antisexistischen Verhaltens verschieden Gewichtet. Im Konzept der HVHS FRILLE liegt hier der Schwerpunkt des Konzeptes. Das Geschlechterverhältnis wird, auch wenn den Jungen dies in einzelnen Situationen nicht so erscheinen mag, immer mit berücksichtigt. Der Anspruch, daß Jungen sich für die Interessen der Frauen und schon während der Bildungseinheit aktiv gegen sexistisches Verhalten eintreten sollen, wird betont.

In dem Konzept der KSJ-GCL wird dieses als ein umstrittener Punkt beschrieben, der sich in der Diskussion befindet. Hier ist antisexistisches Verhalten lernen einer, von drei wichtigen Zielen.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Betonung der koedukativen Elemente der Jungenarbeit. In der HVHS FRILLE liegt hier ein weiterer Schwerpunkt, da sie davon ausgehen, einen Rahmen geben zu müssen, in dem ein Verlassen gewohnter, eingeübter Verhaltensmuster erlaubt ist.

In KINDLERs Modell liegt der Schwerpunkt auf geschlechtsgetrennte Arbeitseinheiten.

Damit ist die Möglichkeit zur Konfrontation der Jungen mit eigenem dominantem Verhalten eingeschränkt.

5.1.1. Antisexistische Jungenarbeit

Für die Entwicklung der Notwendigkeit von Jungenarbeit gibt die HVHS ALTE MOLKEREI FRILLE (1988) drei Gründe an: Die "Ergänzung zur Mädchenarbeit ... die Ebene der gesellschaftlichen Problematik herrschender Männlichkeit und die Ebene der individuellen Probleme mit dem `Mann-Sein'." (ebd., S. 60)

Die HVHS FRILLE nennt auf der Ebene der Ergänzung zur Mädchenarbeit in der Entwicklung der Jungenarbeit, das Stören der Jungen bei den Mädchengruppen und die Veränderung bei den Mädchen als Gründe.

"Die Mädchen veränderten sich, wurden stärker. Die Jungen veränderten sich nicht, beharrten eher auf tradierten Verhaltens-weisen."(ebd., S.64) Eine andere Beobachtung war die, daß die Mädchen, die in Kontakt zu den Jungen bleiben wollten, sich an "die alten Unterdrückungsverhältnisse anpassen"(ebd.) mußten. Es wurde eine "Betreuung der Jungen installiert ... Damit war allerdings noch keine positive Bewertung der Jungenarbeit verbunden, oft genug das Gegenteil. " (ebd.)

Der zentrale Punkt daraus, der heute noch Bestand hat, ist die Schwierigkeit der Jungen, mit den veränderten Lebenszusammenhängen zurecht zu kommen.

Auf die beiden anderen Ebenen, die "herrschende Männlichkeit" (ebd.)(vgl. 4. `Hegemoniale Männlichkeit' und 4.3.2.) und die "individuellen Probleme mit dem `Mann-Sein'" (ebd. S.64) (vgl. 3. und 4.3.3.) bin ich schon intensiv eingegangen.

Das Konzept distanziert sich stark von dem Begriff der "Männerrolle", weil damit die "gesellschaftliche Dimension verschleiert" (ebd., S.66) wird. Dem Begriff der Rolle "kommt eine Entlastungsfunktion zu: Nicht der einzelne Mann trage die Verantwortung für sein Verhalten, sondern die Gesellschaft, die ihm seine Rolle auferlegt." (ebd.) und der Rollenbegriff bezieht sich auf Unterschiede der Geschlechter, also Männer und Frauen, kann aber das Verhältnis zwischen den Geschlechtern nicht fassen.

Über das Verständnis von Jungenarbeit schreibt die HVHS ALTE MOLKEREI FRILLE:

"Unsere Jungenarbeit ist die Begegnung eines - hoffentlich - erwachsenen Mannes mit einem Jungen, der ein Mann werden will." (ebd., S.72)

Auf die Bedeutung des "Jungenarbeiters" werde ich im 6. Kapitel eingehen.

Jungenarbeit "ist nicht beschränkt auf die Thematisierung geschlechtsspezifischer Fragestellungen. Sie findet nicht nur in Jungengruppen statt. Unsere Jungenarbeit ist eine neue Sicht auf Jungen. Sie überwindet die gesellschaftliche Gleichsetzung von Mann und Mensch und nimmt den Jungen/Mann in seiner Reduzierung auf die von ihm erwarteten Eigenschaften und Verhaltensweisen wahr." (ebd.)

Um den Begriff "antisexistische Jungenarbeit" zu erklären verwerfen die Autoren die Namen "emanzipatorische Jungenarbeit" als "Verunglimpfung der existierenden Emanzipationsbemühungen" (S.73); "Bewußte oder geschlechtsspezifische Jungenarbeit" als "zu undeutlich in der Zielsetzung" (ebd.); die "Parteiliche Jungenarbeit" als zu eingeschränkt, da Jungenarbeit ihrer Auffassung "auch parteilich für eine Emanzipation der Frau und eine gleichberechtigte Gesellschaft" (ebd.) eintreten muß; die "feministische Jungenarbeit" wird als zu "unkritisch an die Mädchenarbeit angelehnt" beschrieben.

Zur "Antisexistischen Jungenarbeit" definieren sie den Begriff: "Sexismus" als "nicht nur individuelle Vorteile, die sich auf die Geschlechter beziehen - z.B. den Glauben an die Überlegenheit des männlichen und die Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechtes (ein umgekehrter Glaube allerdings auch) - sondern auch strukturelle - Diskriminierungen." (ebd.)

Ziele antisexistischer Jungenarbeit

Einer der wichtigsten Ansprüche, den `antisexistischen Jungenarbeit' hat, ist jener, daß Jungen- und Männer lernen müssen, sich selbst zu hinterfragen. Niederlagen einzustecken, ist ein Problem, da die damit verbundene Unsicherheit als individuelles Versagen gedeutet wird. Das man aus Niederlagen lernen und dadurch die nächste Niederlage vermeiden kann, soll den Jungen vermittelt werden. Wer seine Probleme nicht wahrnimmt, kann dies nicht. Jungenarbeit muß aufzeigen, das Schwäche zeigen, kein Nachteil, sondern ein erweitertes Selbstbewußtsein ist. Dennoch, einen Zugang zu einem anderen Bild von Männlichkeit zu bekommen, ist schwierig.

"Jungen müssen auch jetzt schon motiviert werden, sich nicht mehr aktiv an der Unterdrückung von Frauen und den weiblichen Anteilen bei sich selbst und anderen Männern zu beteiligen." (ebd., S.74)

Die HVHS FRILLE definiert ihre Ziele (ebd., S.76f) auf der "Ebene der Wissensaneignung" und auf der "Handlungsebene", wobei die angeführten Ziele nicht als Reihenfolge zwangsläufig erreichbarer Ziele verstanden werden sollen, sondern als ein Überblick, der je nach Situation und Interessenlage angemessen umgesetzt werden kann.

"Jungen sollen erkennen:

_ geschlechtsspezifisches Verhalten ist nicht angeboren, es wird erlernt und kann sich ändern;

_ die Unterdrückung der Frau und des Weiblichen in der Gesellschaft bedeutet auch die

Unterdrückung eigener weiblicher Persönlichkeitsanteile;

_ die emotionalen und praktischen Reproduktionsarbeiten haben sowohl gesellschaftlich wie individuell, im Sinne einer allseitig entwickelten Persönlichkeit, ihre Bedeutung;

_ sog. männliche Tugenden: Selbstbeherrschung, Gelassenheit, Distanziertheit, Überlegenheit ... machen in ihrer Idealisierung eine Panzerung des Gefühlslebens und des Körpers notwendig ... (und machen krank A.d.V.)

_ welche Vorteile eine Veränderung des Verhältnisses der Geschlechter zueinander und der Erwartungen an Frauen und Männer mit sich bringen kann, um mit einem positiven Blick auf die Mängel der Gegenwart zu öffnen;

_ welche Erweiterung ihrer Lebensplanung über die einseitige Orientierung auf Erwerbsarbeit ... möglich ist;

_ das Patriarchat ist `keine' natürliche Erscheinung, es gab und gibt andere Kulturen; " (ebd.) Auf der Handlungsebene muß Jungenarbeit einen Raum bieten, in dem sie:

_ lernen, die emotionalen Reproduktionstätigkeiten und das alltägliche Gefühlsleben bewußt in die eigene Hand zu nehmen, und lernen, daß auch sie für eine angenehme Atmosphäre im Umgang miteinander verantwortlich sind;

_ die praktischen Reproduktionstätigkeiten ... sich anzueignen;

_ neue Erfahrungen mit dem eigenen Körper, mit allen Sinnen machen ...;

_ sensibler werden für fremde und eigene Bedürfnisse ;

_ Freiheit, Lust, Bedürfnisbefriedigung, Freude und Anerkennung nicht auf Kosten anderer erleben;

_ einen positiven Umgang mit Widersprüchen erproben, d.h. erleben, daß sorgen und versorgt werden, stark und schwach ... in einer Person zur gleichen Zeit vereinbar sind;

_ erleben, daß es nicht nur angenehm ist zu führen, sondern auch geführt zu werden ... ;

_ Aufmerksamkeit für sexistisches Verhalten, Sprache Unterdrückung ... erlangen ;

_ die Abwesenheit von Konkurrenz, Unterdrückung und Panzerung, zumindest in Augenblicken erleben;

_ erfahren, daß auch Männer begabt sind mit Gefühlen und Wärme ... ;

_ in der Jungengruppe einen Rückhalt für eigene Veränderungswünsche zu erfahren." (ebd.)

Die Formulierung dieser Ziele stellt eine Zukunftsperspektive für die Jungenarbeit dar, die nicht vollständig ist und schon gar nicht sofort erreicht werden kann. Es soll ein Prozeß eingeleitet werden, den jeder auf seinem eigenen Weg gehen kann, bzw. muß. Dies ist kein Lernzielkatalog, sondern die Ideen einer diskutierbaren Zielvorstellung. Der Weg dahin soll wenig über Sprache sein. Er sollte ein `hin' zum Erleben sein.

Ansatzpunkte antisexistischer Jungenarbeit

Die HVHS FRILLE hat keine neuen pädagogischen Methoden entwickelt. Sie legen Wert auf die neue Sicht auf Jungen.

Die Mittel die sie einsetzen sind altbewährte Methoden wie:

"Frage- und Diskussionsspiele, Collagen, Rollenspiele, Elemente aus dem Forumteather, Video- und Fotoproduktionen, Lebenskurven (Mannwerdung, individuelle Gewaltentwicklung) und Talkshows zu jungenspezifischen Themen." (ebd., S.84)

Wichtige Elemente der Jungenarbeit sind Mannopoly (s.u.), Körperarbeit ( Wahrnehmung, Körpererfahrungen, ...) Phantasiereisen (Geschichten zum Entspannen, Träumen und neuen Erleben), Reproduktionsarbeit (Jungen müssen Verantwortung übernehmen für Raum, Atmosphäre, auch Kochen, Putzen ...) und Alltagsarbeit (Alltägliche Grenzüberschreitungen, Dominaz, Verhalten in gemischtgeschlechtlichen Gruppen ... werden thematisiert. Betroffenheit durch greifbare Situationen ermöglicht einen Zugang für die Jungen).

Als konkretes Beispiel für die Jungenarbeit werde ich hier das Spiel: `Mannopoly' beschreiben.

Dieses ist ein Spiel zum Kennenlernen. Es wird eingesetzt, um über die verschiedenen Aspekte des `Mann-Seins', in spielerischer Form und im festgelegten Rahmen, ins Gespräch zu kommen. Die Regeln können und sollen je nach Spielsituation geändert werden. Der Spielleiter sollte darauf achten, daß ein ein "hoher Grad an fairer Gleichberechtigung" (ebd.) eingehalten wird.

Für dieses Spiel sollte ein abgetrennter Raum und ausreichend Zeit zur Verfügung stehen. Das Spielbrett wird von den Jungen selbst gebastelt (Collage). Dies dient gleichzeitig als Einführung in die Thematik. Es liegen ausreichend Zeitschriften vor, aus denen die Jungen ihre Ideale des `Mann-Seins' ausschneiden und gemeinsam auf das Spielbrett aufkleben sollen.

Zu Beginn des Spieles bilden sich jeweils Zweierpaare, die das Spiel gemeinsam Spielen werden. Der Spielleiter wählt vor dem Spiel persönliche auf die `Männlichkeit' und das `Mann-Werden' bezogene Fragen aus, die in drei verschiedene Schwierigkeitskategorien eingeteilt werden. (z.B. "Was ist ein wahrer Mann?"; "Gibt es für dich ein Idealbild von einem Mann?"; "Stelle pantomimisch folgende Gefühle dar: Angst, Wut, Trauer!")

Die Antworten werden von den übrigen Mitspielern bewertet. Die Angst, sich zu äußern;

Hemmungen, die überwunden werden; Bereitschaft wahrheitsgemäß zu Antworten (`Dazu - Stehen') sind dabei ebenso Kriterien wie die Qualität oder Quantität der Antwort. Je nach Bewertung darf dann auf dem Spielfeld weitergegangen werden.

Dieser Rahmen fördert zwar das Konkurrenzdenken der Jungen, er ist aber so lange notwendig, wie eine vertraute Atmosphäre untereinander noch nicht besteht. Der `Zwang' der Regeln nimmt den Jungen ein Stück der Angst oder relativiert die Angst, sich mit Äußerungen bloßzustellen.

Das Spiel, bzw. die Spielregeln dienten bei meinen eigenen Spielen bald nur noch als Rahmen, sich mit verschiedenen Fragen zu beschäftigen.

Die antisexistische Jungenarbeit entspricht wesentlich in ihren Zielen und Ansätzen meiner persönlichen Vorstellung von Jungenarbeit.

Schwierig finde ich die sehr hoch gesteckten Ziele, da sie eine zu schnelle Erfüllung erwarten lassen (und damit eine Enttäuschung bei nicht erreichen, bzw. eine Überforderung der Jungen). Ich gerate schnell dazu, von den Jungen Dinge zu erwarten, die sie nicht erfüllen können und emine Ideen und Vorstellungen gehen an den Bedürfnissen der Jungen vorbei.

Das Ziel `Jungen müssen sich aktiv gegen die Unterdrückung von Frauen wenden', finde ich unrealistisch. Das Ziel, sogenannte weibliche Anteile in sich zu erkennen, muß stark im Vordergrund stehen. Dies ist für viele Jungen schon eine große Belastung, da dies ihren bisherigen Vorstellungen vom `Mann-Sein' entgegensteht. Danach liegt der Schwerpunkt darauf, diese Anteile in sich zu Verarbeiten. Im Anschluß daran, müssen diese Anteile Akzeptiert werden und erst dann können die Jungen sich für die Belange der Frauen einsetzen.

Die Ziele als anstrebenswerte Utopiemodelle finde ich treffend formuliert. Eine realitätsbezogene Umsetzung fehlt mir an manchen Stellen.

Ein anderer Kritikpunkt ist der Name: `antisexistische Jungenarbeit'. Er signalisiert für mich eine zu starke Anlehnung an die Mädchen- und Frauenarbeit. Die Entstehung der Jungenarbeit rechtfertigte dies lange Zeit. Meiner Meinung nach müsssen sich die Jungen und Männer eigene und unabhängige Ansätze ihrer Arbeit entwickeln.

Männer müssen sich selbst als Dreh- und Orientierungspunkt sehen. Die Motivation zur Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Person sowie der Wunsch nach Veränderung der gängigen Männerrolle. Für mich ist ein neutraler Name, wie geschlechtsbezogene Jungenarbeit daher zeitgemäßer. Er kann einen anderen, unvoreingenommen Zugang zu dieser Arbeit ermöglichen.

5.1.2. Modellprojekt zur Förderung der Jungen- und Männerarbeit der KSJ-GCL

Die Grundlagen und theoretischen Vorüberlegungen KINDLERs habe ich bereits unter 4.2.2. und 4.2.3. genannt. KINDLER distanziert sich ebenso wie die HVHS FRILLE von dem Begriff der Rolle. Er weist daraufhin, daß durch eine Beschreibung "Der Männerrolle" die Unterschiede zwischen den einzelnen Männern "konterkariert" (ebd., S.61) werden.

Der Schwerpunkt seines Modells, bzw. was es leisten soll, beschreibt KINDLER auf S. 52:

_ "Erweiterung männlicher Subjektivität um bisher abgewehrte, Verunsicherung auslösende Anteile,

_ Entfaltung unterschiedlicher Formen von Männlichkeit

_ Problematisierung von Grenzverletzungen und dahinterstehenden nach Geschlecht polarisierenden Orientierungs- und Bewegungsmustern."

KINDLER legt Wert darauf, daß Männer und Frauen einen "möglichst großen Freiraum zur Gestaltung ihrer eigenen Identität und des eigenen Handelns" (ebd.) haben. Die Bedeutung der "Kategorie Geschlecht" (ebd.) soll nicht `blind' übernommen, sondern durch die "Bewußtheit und Beweglichkeit mit der Kategorie ersetzt werden." (ebd.)

Diese Unterschiede sind für ihn von herausragender Bedeutung, um eine Änderung der Identifikationsmodelle überhaupt möglich zu machen. Damit betont er die Unabhängigkeit von der Frauenbewegung und eine eigenständige Begründung der Jungen- und Männerarbeit.

Zielvorstellungen von KSJ-GCL Modell

Die KSJ-GCL hat speziell für ihre Situation im Verband die in 5.3.1. genannten Ziele umformuliert und in drei Schwerpunkte unterteilt:

"Selbstbewußter werden, beziehungsfähiger werden und antisexistisches Verhalten lernen" (KINDLER, 1993, S.56ff)

"Selbstbewußter werden bedeutet hier für die Männer:

_ ihrem Körper mehr Beachtung schenken und lernen, auf seine Signale mehr zu hören;

_ mit und nicht gegen ihre Gefühle leben und widerstreitende Empfindungen nicht zu schnell nach einer Seite hin auflösen;

_ sich erinnern an ihre Geschichte, ihre Sorgen, ihre Nöte und Freuden, aus denen sie ihr Mann-Sein bauen;

_ ihr eigenes Manns-Bild entwickeln, aus ihren Stärken und Schwächen und den Anforderungen und Erwartungen, die ihnen begegnen...

Unterdrückung, so meinen wir, beginnt häufig mit Selbstunterdrückung. Umgekehrt hoffen wir, wer sich selbst mag und weiterentwickelt, will auch andere nicht festhalten und kleinkriegen." (ebd., S.56)

Der zweite Schwerpunkt der Ziele ist `Beziehungsfähiger werden', die Männer (und Jungen) sollen:

_ "haushalten lernen im emotionalen ebenso wie im praktischen Bereich ... Vor allem die Fähigkeit, für die eigenen emotionalen Bedürfnisse Sorge zu tragen und sich Konflikten zu stellen ... Zum `Haushalten' gehört auch die Fähigkeit und das Interesse für's grundlegend Praktische, also Kochen, Waschen, Putzen. Dabei geht es nicht darum, daß Männer mal dies oder jenes tun, sondern um eine alltägliche Selbständigkeit.

_ ... Es gilt, auch mit anderen Männern Möglichkeiten eines offenen und herzlichen Umgangs zu entdecken. Nur Männer können einander bei der Entwicklung ihrer Position als Männer unterstützen ...

_ den Frauen zuhören: Wenn Männer vollständige Beziehungen zu Frauen entwickeln wollen, müssen sie versuchen, weibliche Erfahrungswelten, die sich von männlichen z.T. erheblich unterscheiden, kennenzulernen und anzuerkennen." (ebd., S.57)

Die dritte Zielvorgabe ist: `antisexistisches Verhalten lernen'

_ "... Männer sind aufgefordert, sexistischem Verhalten entgegenzu-treten, sich also antisexistisch zu verhalten ..." (ebd., S.58)

Die Mitarbeiter der KSJ-GCL halten es für schwierig, `Zivilcourage' bei sexistischem Verhalten zu zeigen, da sie sich einer Unterstützung nicht sicher sind. So geben sie die Männergruppen als Ort, dies zu trainieren und sich ihrer Meinung sicher zu werden, als geeigneten Ort an. Ebenso konnten sie sich nicht auf eine Definition von `Sexismus' endgültig einigen. Ihrer Meinung nach richtet sich `Sexismus' überwiegend gegen Frauen. Die "Benachteiligung aufgrund des Geschlechts" (ebd.) sei die häufigste Definition, sie lasse aber offen, wer festlegt, ob eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts vorliegt.

Wir sprechen von `Sexismus' gegen Frauen, wenn Frauen in einer Situation des Machtungleichgewichts Unterdrückung von Männern erleben. Auch den Versuch, einzelne Männer auf ein bestimmtes stereotypes Verhalten festzulegen, würden wir als `Sexismus' bezeichnen." (ebd.)

Ein Beispiel für die KSJ-GCL- Arbeit ist der Studientag: "Männerkörper" (ebd., S.85ff)

Dieser Studientag wurde unter dem Motto der "Erweiterung männlicher Subjektivität und zu Möglichkeiten zu ungewohnter Körpererfahrungen" (ebd.) abgehalten.

Unter diesem Motto sollte die Fähigkeit, Gefühle auszudrücken und eine Konzentration auf das `Innen' und eine `genußvolle Passivität' stattfinden.

Im ersten Teil dieses Tages wurden die Männer gebeten, Paare zu bilden. Sie sollten in einem vorbereiteten Raum verschiedene Gefühle und Stimmungen darstellen. Dabei sollten sie sich gegenseitig beobachten, sich im Gespräch gegenseitig unterstützen und anschließend die Positionen mit einer Polaroidkamera aufnehmen.

Im anschließenden Plenum wurde über die Fotos, die dargestellten Gefühle und dahinterstehende Blockierungen gesprochen.

Im zweiten Teil des Tages wurden die Paare auf einen "Verwöhnparcour" geschickt. Es gab Stationen für den Gaumen (eine gedeckte Tafel), für die Ohren (einen Musikraum), für Nasen und Augen (Düfte, Rosen und Gewürze) und für die Haut (Naßrasur und Massage). Die Teilnehmer sollten sich für verschiedene Stationen entscheiden und sich dann auf ihre Empfindungen und Körperreaktionen konzentrieren. Auch nach diesem Teil tauschten sich die Männer über ihre Gefühle, Empfindungen und Gedanken aus.

Dem KSJ-GCL-Modell fehlt leider ein eigenständiger Name. Seine Ansätze entsprechen meinen eigenen Vorstellungen weitgehend. Es ist eindeutig "Mittelschichtsorientiert" geschrieben und hat daher als Zielgruppe Jungen und Männer, die einer Veränderung des `Rollenklischees Mann' ohnehin positiv gegenüberstehen. Diese Zielgruppe entspricht einer möglichen `Jungenarbeitergruppe'. Die Umsetzung bei weniger eigenmotivierten Jungen ist problematisch.

Das Modell halte ich für gut geeignet, die Jungenarbeit einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich zu machen. So scheint ein Veränderungsprozeß bei einer breiten Bevölkerungsschicht möglich zu sein.

Der Bereich der Konfrontation, bzw. antisexistisches Verhalten lernen und Umsetzen ist mir zu wenig betont. Für mich ist es wichtig, wenn in diesem Bereich, gerade motivierten Jungen und Männern, gearbeitet wird.

Die koedukativen Bereiche werden nur sehr kurz erwähnt. Ich denke, daß es wichtig ist, auch Bereiche gemeinsamer Angebote zu haben. In diesen Phasen können die Jungen neu erlernte Verhaltensmuster anwenden. Ich glaube, daß es von Vorteil ist, wenn dies in einem `geschützten' Raum, mit einer gewissen Unterstützung geschieht. Ebenso kann im `gemeinsamen Raum' konkreter an Dominanzverhält-nissen gearbeitet (durch Konfrontation) werden, bzw. können diese Verhaltensweisen in der konkreten Situation aufgegriffen werden.

6. Die Jungenarbeiter

Wie in kaum einem anderen pädagogischen Bereich ist in der Jungenarbeit die Persönlichkeit der Mitarbeiter gefragt.

In der Erziehung der Kinder sind kaum Männer gegenwärtig (sowohl Väter als auch Erzieher, Lehrer...). So werden die Jungenarbeiter stark als Modellperson eines `Mannes' oder `Ersatzvaters' gebraucht. Dies bringt ihre Persönlichkeit und nicht ihre pädagogischen Fähigkeiten in den Blickpunkt der Jungen (sofern sich dies trennen läßt).

Die zweite Seite ist das Thema selbst. Die Männer die Jungenarbeit machen, müssen sich intensiv mit ihrem eigen `Selbstbild' beschäftigen. Jungenarbeit ist - die eigene Geschichte lebendig machen - eigene Schwächen und Ängste durchsichtig machen, ein alternatives Bild eines Mannes nicht nur theoretisch vertreten, sondern es wird am praktischen `Sein' gemessen.

Jungenarbeiter werden häufig von den Jungen getestet, um die Realität ihrer Theorien in der Praxis zu überprüfen. Es wird überprüft, wie sie mit Aggressionen umgehen, wie sie auf sexistische Sprüche gegen Frauen reagieren, wie sie eigene Probleme offen angehen ... Eine Erfahrung, die ich selbst, wie alle von mir befragten Jungenarbeiter gemacht haben.

6.1. Männer in der Jungenarbeit

Wie oben erwähnt müssen sich Jungenarbeiter stark mit ihrer eigenen Person beschäftigen. Wichtig ist vor allem, sich das eigene `Männerbild' bewußt zu machen: Welche im ersten Teil genannten Mythen prägen das eigene Männerideal? Welche Bilder herrschen in meiner Herkunftsfamilie? Welche Bilder haben mein Jugendalter geprägt?

"Die Bedeutung des männlichen Pädagogen für die Jungen ergibt sich daraus, daß er als Mann prinzipiell eher in der Lage sein müßte, Erfahrungen, Probleme, Denk- und Verhaltensmuster, Phantasien und Bedürfnisse der Jungen nachzuempfinden." (BRUNKE, 1981 In: HVHS ALTE MOLKEREI FRILLE; 1988, S.80)

Dies ist die Basis der Jungenarbeit. Der Pädagoge muß auf die Probleme der Jungen eingehen, muß sie ernst nehmen und mögen, "parteilich für Jungen sein" (HVHS ALTE MOLKEREI FRILLE, 1988, S.81).

Für die Jungenarbeit ist ein Austausch mit Arbeitskollegen, Supervision oder übergreifende Arbeitsgruppen von besonderer Bedeutung. Hier besteht für den Pädagogen die Möglichkeit sich und seine Probleme aufzugreifen, erfahrbar zu machen und einen Raum zu finden, in dem er darüber, mit anderen Männern, reden kann.

6.2. Notwendige Veränderungen

Der Anspruch die eigene Person zu reflektieren, ist Voraussetzung für Jungenarbeiter. Dies bedeutet nicht, daß man erst ein perfekter Mann sein muß, um zur pädagogischen Arbeit zugelassen zu werden.

"Eingestandene Ahnungslosigkeit und das eigene Durcheinander der Gefühle (können) hilfreich für gemeinsames Suchen nach einer lebbaren Vorstellung von Junge- oder `Mann- Sein' werden. Die Ehrlichkeit und Nachsichtigkeit mit sich selbst schafft auch die Kraft zur Veränderung und den Mut zur Auseinandersetzung mit dem Verhalten anderer. Insofern kann mit reflektierter Jungenarbeit sofort begonnen werden und nicht erst nach der Absolvierung mehrerer Männergruppen - so nützlich diese auch werden können." (SIELERT, 1989, S.69f)

Trotzdem gibt es eine Menge Fragen, die wichtig sind und Möglichkeiten für das "zentrale Entwicklungsfeld für uns Männer" (HVHS FRILLE, 1988, S.81)

_ "Wie gehen wir Männer mit uns als Männer um? _ Wie gehen wir mit unserer Homophobie um?

_ Wie offen benennen wir unsere Sympathien und Antipathien in der Männergruppe?

_ Erkennen wir offene und verdeckte geschlechtsspezifische Diskriminierungen?

_ thematisieren wir geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in allen Bereichen ... ?

_ Unterstützen wir Verhaltensweisen, die die Gleichheit der Geschlechter fördern?

_ Wo hebt unser alltägliches Verhalten unsere antisexistischen Ansprüche auf?

_ Wo halten wir Männer aus Statusgründen an unseren männlichen Privilegien fest?" (ebd., S.81f)

Oder Fragen, die Uwe SIELERT (s.o. S.72) stellt:

"Wie verstehe ich mich heute als Mann? Wie hat meine männliche Sozialisation ausgesehen? Ist in meiner Kindheit und Jugend mein Vater deutlich in Erscheinung getreten? Woher stammen meine männlichen Rollenbilder? Wie wirke ich auf andere Männer und andere Frauen und was lösen die direkten und indirekten Rückmeldungen bei mir aus? Welche leidvollen Erfahrungen habe ich gemacht und welche Konsequenzen habe ich daraus gezogen?"

Es gibt haufenweise Fragen, auf die wir Antworten suchen müssen. Ein Prozeß, der sicher nie abgeschlossen wird, also lebenslang bleibt. Eine Erfahrung die wir bei den Zielen der Jungenarbeit nicht vergessen dürfen.

6.3. Persönliche Betroffenheit

Aus meinen Gesprächen mit Personen, die mit Jungen arbeiten und meinen eigenen Erfahrungen weiß ich, daß diese Arbeit verändert. Ich werde in verschiedenen Bereichen sehr stark gefordert und komme an meine Grenzen und darüber hinaus.

In meiner Arbeit mit Jungen bin ich häufig auf meine eigenen Probleme gestoßen. Auf persönliche Erfahrungen von Hilflosigkeit und Angst. Angst vor anderen, Angst als Mann nicht akzeptiert zu werden. Wie handele ich in der Praxis? Setze ich mich mit `Gewalt' durch (Kraft oder amtliche Autorität) unter dem Motto ich darf in keiner Situation die `Herrschaft' und `Führung' verlieren (was dem Männerbild entspricht)? Kann ich Niederlagen einstecken, auf die Gefahr hin, daß dies dann häufiger passiert und meine Autorität (Ansehen als Mitarbeiter und Aufsichtspflichtiger) verloren geht? Wie gehe ich mit massiver Gewaltandrohung um?

In meiner praktischen Arbeit habe ich häufiger Drohgebärden und Rempeleien erlebt, auf die manchmal ein Spruch wie der hier benannte folgte: "Wenn ich dich auf der Straße sehe, dann trete ich dir die Rübe weg!" Ich bin mir unsicher, wie ich auf diese Sprüche und Verhaltensweisen reagieren soll.

Anstrengend ist die Häufigkeit solcher Situationen. Es gibt nur wenig wirklich positiver Rückmeldungen. Oft kann nach einem `guten, ruhigen und entspannten' Tag, die Stimmung wieder eine ganz andere Richtung einnehmen.

"Die Jungen können sich die schönen Seiten nicht zugestehen und müssen den `alten Status quo' wieder herstellen (indem sie z.B. jemanden Schlagen). Zu hart sind die `Rollenanforderungen', als daß sie Nähe und Weichheit zulassen können, ohne gleich wieder völlig `cool' zu sein." (Heimleiter einer Jungeneinrichtung)

Durch die täglichen Auseinandersetzungen hat sich meine Wahrnehmung verändert. Ich habe angefangen, nach Vorbildern für dieses Verhalten zu suchen, nach Hintergründen und nach anderen Verhaltensmustern. Negative Beispiel gibt es genug. Die tägliche Werbung im Fernsehen arbeitet sehr stark mit `alten Rollenmustern'. Leinwandhelden sind selten realistische Vorbilder. Entweder sind sie `vom alten Schlag', oder sie sind dermaßen herzzerreißend oder werden als typische `Verlierer'dargestellt, daß es peinlich ist, mit ihnen verglichen zu werden. Realistische Vorbilder sind Mangelware. Positive Vorbilder sind ebenso sehr selten.

6.4. Motivation zur Veränderung

Dies wurde für mich im Laufe der Arbeit ein immer spannenderer und wichtigerer Punkt. Warum sollen sich Jungen verändern? Warum sollen sie ihre bekannten Verhaltensweisen aufgeben und wofür? Warum sollen sich Männer verändern, sind sie nicht seit Jahrhunderten `erfolgreich' mit ihrem Verhalten? Warum beschäftige ich mich mit Jungen?

Aus meiner Erfahrung und den geführten Gesprächen weiß ich, daß die Jungen selbst keine Motivation zur Veränderung mit sich bringen, sondern dies erst mit zunehmenden Alter eine Rolle spielt.

7. Motivation

7.1. Die Motivation der Jungen

7.1.1. Eigenmotivation

"Eine Eigenmotivation von Jungen ist im großen und ganzen nicht festzustellen. Die dem Mann zugedachten Eigenschaften und Verhaltensweisen beinhalten nicht, daß er Probleme hat. Weil er keine Probleme haben darf, nimmt er, falls doch welche vorhanden sein sollten, diese nicht wahr. Er baut einen Panzer um sich auf, der verhindert, Leiden zu fühlen. Es entsteht kein Leidensdruck, der den einzelnen Mann aus sich heraus dazu bringt, männliches Verhalten in Frage zu stellen." (HVHS ALTE MOLKEREI FRILLE, 1988, S.78)

Ein Prozeß der dieser Hinterfragung zusätzlich im Wege steht, ist die Verunsicherung, die mit der Hinterfragung der Verhaltensweisen einhergeht. Dies führt vor allem bei Jungen in unsicheren Lebenssituationen dazu, sich verstärkt auf "die alten Männlichkeitsideale" (ebd.) zu beziehen. Hier setzt ein weiterer Prozeß ein, der die Situation schwieriger macht.

Diese alten Ideale sind im Berufsleben weniger gefragt und werden verstärkt im privaten Bereich ausgelebt. Je stärker dies passiert, desto geringer sind später die Chancen auf ein `geregeltes, normales Leben'. Diesen Verlauf habe ich in meiner praktischen Arbeit wiederentdeckt. Die Jugendlichen, die ich betreut habe, hatten, was ihre Zukunft betraf, keine oder sehr negative Erwartungen. Sie fühlten sich chancenlos im Leben, hatten auf der anderen Seite aber ein ganz stark an den alten Idealen ausgerichtetes Sozialverhalten.

Der zwöfljährige Sven (Name verändert), den ich aus der Inobhutnahme kenne, schafft in seiner (Haupt-) Schulklasse jede Verstzung nur mit Mühe. Er ist ein Außenseiter. Sein `Ansehen' unter den Mitschülern in seiner Klasse (und den Jungen in der Inobhutnahme) verschafft er sich durch `cooles' Auftreten. Mehrmals durchtrat er eine Glasscheibe. Er verstößt gegen viele Regeln (räumt nicht auf, kommt nicht zu verabredeten Zeiten ...), schlägt die anderen Mitbewohner und hat ein unglaubliches Repertoire an sexistischen Sprüchen. Kaum ein Werbespot im Fernsehen, der nicht kommentiert wird, selten, daß Mitarbeiterinnen nicht mit frauenverachtenden Sprüchen konfrontiert werden.

Der Unterschied in der Motivation der Jungen in den beiden oben genannten Modellen der Jungenarbeit, ist auf die unterschiedlichen Zielgruppen zurückzuführen. Die pessimistische Aussage der HVHS FRILLE habe ich oben zitiert. Das Modellprojekt der KSJ-GCL richtet sich an Verbandlich orientierte Jungen und Männer, die eher der `Mittelschicht' zuzurechnen sind. Diese zeigen ein Bewußtsein davon, "daß sie sich zwischen verschiedenen männlichen Selbstbildern und Lebensentwürfen entscheiden können und müssen ... Die dafür nötigen Reflexionsräume zur Verfügung gestellt zu bekommen, ist eine Erwartung der Verbandsmitglieder an ihre Jungen- und Männerarbeit." (KINDLER, 1993, S.66)

Diesem Konzept nach wirken sich auch die "Enttraditionalisierung und Individualisierung" (ebd.) auf die Zukunfts- und Lebenserwartung der jungen Männer aus. Sie Planen ihr Leben, anders als dies die `alten Männlichkeitsideale' erfordern, in einem "Balance-Konzept, das Beruf und Partnerschaft gleiche Bedeutung einräumt." (ebd.) Aufgrund dieser Veränderung scheint auch:

"Die Suche nach sozialer Anerkennung ist möglicherweise ein weiteres Motiv, das dazu beiträgt, die Bereitschaft junger Männer zu erhöhen, ihr Selbstbild und ihre Lebensplanung stärker als bisher in Gleichaltrigengruppen, also auch im Jugendbereich zu thematisieren."(ebd., S.67)

7.1.2. Fremdmotivation

"Unter Fremdmotivation verstehen wir einen von außen an den Jungen/Mann herangetragenen Anspruch, sich mit dem `Mann-Sein' auseinanderzusetzen." (HVHS FRILLE, 1988, S.78)

Dieser Druck wird zum einen von Frauen aus der Frauenbewegung sowie den Partnerinnen am stärksten geleistet, aber auch eine Besinnung durch "Krankheit, veränderte Anforderungen im Berufsleben, Arbeitslosigkeit oder psychische Disposition können Männer zum Nachdenken zwingen. Diese Auseinandersetzung findet eher im mittelschichtsorientierten Zusammenhängen statt. Sie ist ein Teil unserer Motivation, antisexistische Jungenarbeit zu entwickeln. Diese Art der Fremdmotivation spielt für Jungen, mit denen wir arbeiten, eine geringe bis gar keine Rolle." (ebd., S.79)

Neben diesen Gründen gibt KINDLER auch die Bereitschaft sich mit "der eigenen Beziehungsfähigkeit zu beschäftigen und Unterstützung bei anderen Männern zu suchen" (1993, S.68) und eine Auseinandersetzung mit akuten Problemen als Motivation an. Aufgrund der Älteren und nicht als benachteiligt geltenden Jungen- und Männern finden sich hier bereits ähnliche Motivationen, wie bei den Männern, die sich selbst verändern und Jungenarbeit leisten wollen.

7.1.3. Prozeßmotivation

Da wenig bis keine Eigen- und Fremdmotivation bei den (sozial benachteiligten) Jungen vorhanden ist, kommt der Prozeßmotivation eine entscheidende Bedeutung zu. Um dies zu ermöglichen muß eine

"Atmosphäre geschaffen werden, in der das traditionelle Konkurrenz-verhalten tendenziell abgebaut ist, in der ein vertrautes und vertrauensvolles Umgehen miteinander möglich ist, in der nicht ständig die Gefahr des Ausgelacht-Werdens, des Lächerlich-Gemacht-Werdens besteht." (HVHS FRILLE, 1988, S.80)

In dieser Atmosphäre kann es gelingen, den von den Jungen erlebten Brüchen, Ambivalenzen und Unsicher-heiten einen Raum zu bieten, in dem sie dies aufgreifen und aufarbeiten können. Den Jungen können so neue "Lernmöglichkeiten und Erfahrungen" (ebd.) eröffnet werden, ebenso kann ihre "Wahrnehmungs-Möglichkeit" (ebd.) erweitert werden.

"Das Arbeiten in reinen Jungengruppen unter den o.g. Bedingungen ermöglicht den Jungen zu erleben, daß ihre Schwierigkeiten und Freuden mit dem `Mann-Sein' nicht allein ihr individuelles Problem sind, sondern daß das herrschende Bild vom Mann ein unerreichbares Ideal darstellt. Versagensängste sind kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles aller Männer." (ebd.)

Diese Prozeßmotivation beschreibt auch Burkhart OELEMANN (1994, S.124ff). Er beschreibt einen geschlechtsspezifischen Workshop zum Thema "Junge sein/ Mann werden".

"Es zeigte sich, daß die Jungen sich unter diesen Themen nur abstrakt etwas vorstellen konnten ... Dieser Wahrnehmungsbetonte Zugang berührte die Jungen emotional. Sie entdeckten die Männliche Welt mit all ihren Brüchen, Normalitäten, wenig spektakulären Alltäglichkeiten. Dieser gewonnen Eindruck wurde im Verlauf der Woche immer wieder thematisiert ... Insbesondere, wenn die befragten Männer unsicher wurden, diese Unsicherheit aber zu kaschieren versuchten, lebten die Jungen auf ... (beim) Abschied wurde für die Betreuer deutlich, daß nun für die Jungen ihre Geschlechterrolle ein Gesprächs- und gedankliches Thema sein und bleiben wird."

Es scheint das Wichtigste zu sein, den Jungen erstmals diesen Zugang zu sich selbst und Anregungen für die Auseinandersetzung mit sich zu bieten. Ist das geschafft, beginnt eine Eigenmotivation bei den Jungen.

7.2. Die Motivation der Jungenarbeiter

Die Motivation der Jungenarbeiter hängt häufig eng zusammen mit ihrer persönlichen Lebenserfahrung und ihrer Einstellung zur Gesellschaft. Sie ist sehr vielschichtig, so daß ich nur einige Gründe angeben kann.

Ein großer Anspruch leitet sich ab aus der in 6. beschriebenen Situation der Männer selbst und ihrer unter 3. beschriebenen Auffassung vom alten Männlichkeitsideal, welches ihren Wertvorstellungen und Zielen nicht mehr entspricht.

Ihre Motivation für die Jungenarbeit hat zwei Schwerpunkt: Einen der persönlichen Weiterentwicklung, denn Jungenarbeit zwingt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit, vom Austausch mit anderen Männern in einem geschützten Rahmen. Auf der anderen Seite wünschen sie den Jungen die Möglichkeit andere Vorbilder zu erleben, sie wünschen ihnen einen anderen Zugang zu ihrem eigenen Geschlecht. Sie wünschen sich, daß Jungen und Männer nicht weiter auf ihre aktive, starke Seite reduziert werden und damit die Möglichkeit zu einer gleichberechtigten Gesellschaft mit der Gleichwertigkeit der Geschlechter ohne den oft zitierten Geschlechterkampf zu schaffen.

Diese Motivation bestätigte sich in meinen Gesprächen mit Kollegen. Sie betonten, daß der Anstoß, sich mit ihrer eigenen Person und anderen Männern zu beschäftigen, häufig von Frauen und dem Kontakt mit der Frauenbewegung ausging. Einmal angefangen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, blieb diese Motivation oft über Jahre erhalten.

Die Männer berichteten von eigenen Erfahrungen in Berufs- und Männergruppen, in denen sie eigene Empfindungen und persönliche Ohnmachtserlebnisse aufarbeiten konnten. Sie hatten einen Raum, in dem sie ohne Vorbehalte ihre Träume und Phantasien ansprechen konnten (z.B. über Gewalt und Sexualität). Sie mußten sich deswegen nicht schlecht oder verwerflich fühlen, da sie diese Tendenzen bei allen Beteiligten wiedertrafen - eine für viele Männer neue Erfahrung.

"Es wurden vor allem drei Motivkomplexe genannt: Der Wunsch nach einem intensiveren Austausch mit anderen Männern (1), die Aussicht auf einen Raum, in dem nicht-traditionelle Haltungen ausgelebt werden können (2) und die wahrgenommene Verpflichtung, sich für eine Veränderung der bestehenden Geschlechterverhältnisse einzusetzen (3)." (KINDLER, 1993,S. 131)

8. Schluß

Den Schluß meiner Arbeit kann ich zusammenfassen indem ich den Titel eines mehrfach genannten Buches erwähne:

"Was fehlt, sind Männer!"

Männer fehlen auf vielen verschiedenen Ebenen: Zum einen fehlen sie real in der Kindererziehung und Hausarbeit, weiter fehlen sie als Freunde, mit denen Man(n) reden kann und zum dritten fehlen sie als Vorbilder (für ein neues `Bild vom Mann')!

Auf dieses neue `Bild vom Mann' möchte ich zunächst eingehen. Es gibt keine Vorbilder oder Ideale. Jeder Junge und Mann muß sich sein eigenes Bild von einem Ideal zusammenstellen. Diese Erfahrung habe ich selbst sowie auch viele der von mir befragten Personen gemacht.

Die Bilder der sechziger und siebziger Jahre greifen nicht mehr. Der `Macho' ist menschenverachtend und sehr eingeschränkt in seiner Persönlichkeit. Der `Softie' ist ebenso eingeschränkt. Nur zur anderen Seite hin. Die in der Person des `Softie' so ausgeprägte Achtung vor anderen Menschen, der Umwelt, seine Beziehung zu sich und seinen Gefühlen sind sehr positive und empfehlenswerte Eigenschaften. Viele dieser Eigenschaften habe ich als Zielvorgaben der Jungenarbeit bereits beschrieben. Dennoch fehlt ihm die Kraft!

Die Kraft, Entscheidungen zu treffen. Die Kraft, laut und unmißverständlich zu sagen, was er will. Die Fähigkeit des Mannes, zu schreien und zornig zu sein, bedeutet nicht, daß er dominiert oder Menschen wie Objekte behandelt.

Im dritten Kapitel habe ich die Mythen der Männlichkeit beschrieben. Darin u.a. auch den Mythos vom Krieger. In der dort beschriebenen Form sind sie krankhaft und gefährlich. Es gibt aber auch gute Seiten an ihnen. Sie sind stark und haben Mut. Sie sagen, was sie wollen. Sie stellen sich in den Weg, wenn ihnen etwas nicht passt. Zivilcourage ist etwas, was in unserer Gesellschaft fast völlig verloren gegangen ist.

Ich denke, es muß ein erstrebenswertes, reizvolles positives `Bild vom Mann' entwickelt werden. In dieses Vorbild gehört ein Stück Wildheit und Stärke, Kraft und Anmut, Selbstsicherheit und Aufrichtigkeit. Aber es gehört auch die andere Seite dazu, Gefühle zu erleben und zu zeigen, Schwäche und Ängste eingestehen zu können und sich einfühlen können in andere Menschen und die Natur.

In unserer Zivilisation ist dieses positive Bild verloren gegangen. `Alte' Kulturen, wie die der Indianer, der Griechen ... haben ein solches Männerbild. Die Versuche, diese Ideale in die heutige Zeit zu übernehmen, sind meist gescheitert. Diese Kulturideale können nicht übernommen werden, aber wir können von ihnen lernen.

Die Jungenarbeit und allgemein die Beschäftigung mit sich und anderen Männern ist ein Weg, Einfluß auf die Gesellschaft zu nehmen. Ein Weg, der notwendig ist. Er allein kann jedoch nicht viel verändern.

Die Literaturstudie von BRZOSKA/HAFNER 1988, S.200ff stellt ihren Empfehlungen zur Veränderung hegemonialer Männlichkeiten zwei grundsätzliche Bedenken voran:

1. "isolierte Reformen der `Hegemonialen Männlichkeit' zeigen nur geringe Wirkung
2. Schritte zur antisexistischen Veränderung der Männer können nicht losgelöst von Frauenpolitik diskutiert werden."

Die Autoren stellen die "Appelle an die Männer oder das bloße Aufzeigen der für sie positiven Seiten ihrer Veränderung relativ wirkungslos dar, weil sie den Verlust an Macht und Privilegien auf Seiten der Männer und daraus folgend ihren offenen oder verdeckten Widerstand nicht einkalkuliert." (ebd., S.201)

Die Autoren gehen nicht davon aus, daß ein gesellschaftlicher Wandel durch persönliche Veränderung der Männer möglich sei. Die `Hegemoniale Männlichkeit' ist sowohl in der "Triebstruktur" (ebd.) der Männer als auch in der gesellschaftlichen Struktur verankert. So sind Einzelmaßnahmen (gleich welchen Ausmaßes) wirkungslos. Führt man z.B. einen allgemeinen Sechs-Stunden-Erwerbsarbeitstag mit dem Ziel ein, Männer verstärkt für den Reproduktionsbereich freizustellen, so gehen sie aufgrund unterschiedlichen Freizeitverhaltens nicht darauf ein, sondern verbringen die neue Freizeit weiterhin außer Haus.

Um eine gesellschaftliche Veränderung möglich zu machen, muß ein umfassendes politisches Konzept erarbeitet werden. Gesellschaftliche Veränderungen müssen gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen einsetzen. So ist es sinnvoll z.B. in "Männerdomänen" wie den Sport-, Arbeits- und Soldatenbereichen anzusetzen. Es gibt z.B. in Schweden Projekte, bei denen Soldaten während des Militärdienstes an Kursen über Gleichstellung und Geschlechtsrollen teilnehmen.

"Das Theaterstück von Allan Ackerlund, in dem es um die traditionelle Sicht von Männern auf Frauen und Frauenmißhandlung geht, wurde den Wehrpflichtigen als Teil der Ausbildung in 18 Vorstellungen gezeigt. Anschließend wurde über das Theaterstück diskutiert ... (In einem anderen Projekt) wurde ein Anleitungsheft für einen Kursus über Männer und Gleichstellung geschrieben und hergestellt (JOHANSSON 1986). Die InitiatorInnen wollten erreichen, daß dieses Studienmaterial Teil des obligatorischen Unterrichts der Wehrpflichtigen wird."(ebd., S.124)

Insgesamt sollten aber nicht nur Kurse bei Soldaten, sondern noch allgemeiner an Schulen stattfinden. In diesen Kursen sollten "die Männer lernen können, bessere Fähigkeiten für das Zusammenleben zu entwickeln - sowohl betreffend praktischer Reproduktionsarbeit als auch der emotionalen Reproduktion." (ebd., S.126)

In diesem Rahmen ist auch die Jungenarbeit zu sehen. Sie muß als Teil der gesellschaftlichen Veränderung gesehen werden. Jungenarbeit bietet die Möglichkeit, nicht erst bei den Erwachsenen zu beginnen. Jungenarbeit bietet aber auch eine Veränderung, wie oben beschrieben, für Jungenarbeiter an. So kann und muß auf vielen Gebieten gleichzeitig etwas passieren.

Aus diesem Grund habe ich mich mit dem `Mann-Werden' beschäftigt und ich bin auch intensiv auf Veränderungen bei Jungenarbeitern und einer Motivation zu persönlichen Veränderungen eingegangen.

Jungenarbeit kann nicht alleine für diese Hoffnung stehen. Jungenarbeit bietet (vielen) Einzelpersonen die Möglichkeit, sich zu verändern, sich mit sich selbst und anderen zu beschäftigen. Die Jungen und Männer, die daran teilgenommen haben, beschäftigen sich mit sich selbst. Sie haben einen Zugang zu sich bekommen. Damit dieser Zugang bestand haben kann müssen aber auch in anderen Bereichen Zugänge ermöglicht werden.

Ein wesentlicher Anspruch ist die Beschäftigung (Einbeziehung) der Männer in die Hausarbeit und Kindererziehung. Ein Trend, der sich gerade jetzt in der öffentlichen Diskussion befindet.

Um Männer verstärkt dazu zu bewegen, sich mehr ihrer Familie zu widmen, müssen die Rahmenbedingungen der Hausarbeit und der Erziehung der Kinder verändert werden.

"Wir halten einen Elternurlaub, während dessen der Einkommensausfall gedeckt wird, für ein Mittel, das viel eher geeignet ist, Männer dazu zu bewegen, sich zugunsten ihrer Kinder beurlauben zu lassen ... Eine Quotierung des Elternurlaubs halten wir genauso wie die schwedische Arbeitsgruppe zur Männerrolle für nötig, um tatsächlich zu gewährleisten, daß eine größere Anzahl von Vätern den Urlaub wahrnimmt." (ebd., S. 202)

Ob nun Männer die freie Zeit bei ihren Kindern verbringen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Da wären die "Sozialisation zum (Nicht) Vatern, die gesellschaftliche Bewertung von Erwerbs- und Hausarbeit, den Einflüssen der Medien, der Vorbildfunktion von Politikern, etc." (ebd., S.203)

Die Kindererziehung durch die Väter kann ein Weg zur Einübung in nicht-hegemoniale Männlichkeit sein. Die Erfahrungen an Zärtlichkeit, Körperlichkeit, etc. werden die Männer verändern. Die Sorge für die Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse (Nahrung, Ausscheidung, Reinigung, Kleidung, etc.) der Kinder wirkt der Geringschätzung der traditionell weiblichen Aufgabenbereiche entgegen. Hier denke ich nicht nur an das Spielen der Väter mit ihren Kindern. Ich meine eine verantwortungsvolle Übernahme aller reproduktiven Tätigkeiten.(vgl. `Familie als Tätigkeitsgemeinschaft' GIESECKE, 1985, S.89) Bis zur Einführung des Sechs-Stunden-Erwerbsarbeitstages oder eines Gesetzes, welches die 50% Beteiligung der Männer an der Hausarbeit vorschreibt, wird meines Erachtens noch einige Zeit vergehen. Ob es allerdings so weit kommen muß, daß uns die GesetzgeberInnen vorschreiben, daß wir gemeinschaftlich die Hausarbeit erledigen, ist eine andere Frage.

Ich hoffe, daß die Männer die begonnenen Aktivitäten zur Veränderung ihrer Persönlichkeit nicht wieder einstellen, sondern im Gegenteil, motiviert durch erste Veränderungen ihr Engagement verstärken und somit andere mitreißen können.

9. Literaturliste

_ BECK, Ulrich; BECK-GERNSHEIM, Elisabeth: Das ganz normale Chaos der Liebe; Frankfurt a.M.; 1990

_ BEM, Sandra: Die Harten und die Zarten; In: Psychologie heute März 1973, S:54-59

_ BENTHEIM, Alexander: Unv. Diplomarbeit an der Universität Oldenburg zum Thema: Sexualität und Gewalt im männlichen Lebenszusammenhang, Mai 1987

_ BENTHEIM, Alexander, FIRLE, Michael: Männerberatung zum Thema Gewalt, Arbeitspapier zum Männerforum, München, 1990

_ BLOCK, Jean: Conceptions of sex Role; In: American Psychologist, 6/1976, S.512-526

_ BLY, Robert: Der wilde Mann: Ein Modell der Männlichkeit? In: psychologie heute, Juli 1991

_ BOCK, Ulla: Androgynie und Feminismus; Berlin 1989

_ BÖHNISCH, Lothar; WINTER, Reinhard: Männliche Sozialisation; Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität im Lebenslauf; Weinheim 1993

_ BROWNMILLER, Susan: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft, Frankfurt a.Main, 1978

_ BRZOSKA, Georg; HAFNER, Gerhard: Möglichkeiten und Perspektiven der Veränderung der Männer, insbesondere der Väter - Forschung, Diskussion und Projekte in den Vereinigten Staaten von Amerika, Schweden und den Niederlanden; Literaturstudie im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, 1988

_ DISSENS e.V.: Der Dissens mit der herrschenden Männlichkeit, Konzept für eine aktive Patriarchatskritik von Männern, Berlin, 1990

_ DÜCHTING, Franz: Man wird Mann so ganz nebenbei; In: Sozialmagazin Extra, 10/87

_ ENDERS-DRAGÄSSER, Uta; FUCHS, Claudia: Jungensozialisation in der Schule. Eine Expertise im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Darmstadt/Frankfurt 1988

_ ENDERS-DRAGÄSSER, Uta: Vortrag am 13.03.1990 Pol. Akademie Biggesee:

Geschlechtsspezifische Lebenslagen von Mädchen und Jungen

_ ENDERS-DRAGÄSSER, Uta: Überarbeitete Fassung des Vortrags vom 13.03.1990. In: Geschlechtsbezogene Pädagogik; Hrsg.: Glücks/Ottemeier-Glücks; Münster, 1994

_ GIESECKE, Hermann: Das Ende der Erziehung, Stuttgart, 1985

_ GILMORE, D.: Mythos Mann. Rollen, Rituale, Leitbilder. München und Zürich 1991

_ GLÜCKS, Elisabeth: Sichtweise auf das Geschlechterverhältnis; In: Seminarreader 1.Baustein "Geschlechtsspezifische Lebenszusammenhänge von Mädchen und Jungen" HVHS Alte Molkerei Frille; Petershagen 1991

_ GLÜCKS, Elisabeth und OTTEMEIER-GLÜCKS, Franz-Gerd: Geschlechtsbezogene Jungenarbeit; Votum-Verlag 1994

_ GOLDSTEIN u. KANT: Pornographie and Sexual Deviance (University of California Press , 1973)

_ GRABRUCKER, Marianne: Typisch Mädchen ..., Prägung in den ersten drei Lebensjahren; Frankfurt a. Main; 1985

_ GRUEN, Arno: Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, München, 1992

_ HAMMER, Eckart: Zehn Thesen zur Erziehung von Jungen in der Jugendhilfe; In: Unsere Jugend 7/91

_ HEIMVOLKSHOCHSCHULE ALTE MOLKEREI FRILLE: `parteiliche Mädchenarbeit und antisexistische Jungenarbeit'; Abschlußbericht des Modellprojektes "Was Hänschen nicht lernt, verändert Clara nimmer mehr!" geschlechtsspezifische Bildungsarbeit für Jungen und Mädchen. Petershagen 1988

_ HOMER:Ilias:zitiert nach Slater 1968 S. 35

_ JANSSEN-JUREIT, M.: Diskussionsbeitrag zum Referat von R. Jokisch. In: SchaefferHegel, B. (HgIn.) Frauen und Macht. Pfaffenweiler. 1988

_ KEEN, Sam: Feuer im Bauch, Bergisch-Gladbach 1992

_ KERSTEN, Joachim: Der Männlichkeits-Kult In: psychologie heute 09/1993, S. 50-57

_ KINDLER, Heinz: Maske(r)ade. Jungen- und Männerarbeit für die Praxis. MännerMaterial 4; Schwäbisch Gmünd und Tübingen 1993

_ KUNTZ-BRUNNER, Ruth: Aufbruch in eine gewaltfreie Zeit? In: pro familia magazin 4/91 _ LAUTMANN, Rüdiger: Männer - Gewalt - Sexualität In: pro familia magazin 4/93

_ MILLER, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. Frankfurt 1983

_ NEUTZLING, Rainer, FRITSCHE, Burkhard: Ey Mann, bei mir ist es genauso! , Cartoons für Jungen - hart an der Grenze zum Leben selbst gezeichnet; Zartbitter e.V.; Köln 1992

_ POHL, Rolf: Geil auf Gewalt In: pro familia magazin 4/93

_ OELEMANN, Burkhart: Verstehende Jungenarbeit, IN: Jugendarbeit - Gewaltig gegen Gewalt?, Berichte und Materialien; Berlin 1994

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_ POPITZ, Heinrich: Phänomene der Macht. Autorität, Herrschaft, Gewalt, Technik; Tübingen, 1986

_ PURVIS, Kenneth: Das große Buch vom kleinen Mann; "En Guide til Mannes Underliv"; Gyldendal Norsk Forlag 1991

_ RAUCHFLEISCH, Udo: Die alltägliche Gewalt in uns, In: psychologie heute, Januar 1993

_ RIEDERLE, Josef: Vortrag bei der Tagung zum Thema: Jungen ein Problem; Osnabrück, 07.6.1995

_ RUHL, Ralf; KRÜGER, Albert: Jungen sind noch kleine Männer; Thesen zur Notwendigkeit geschlechtsspezifischer Arbeit; In: pro familia magazin 2/90

_ SCHENK, Michael: Emanzipatorische Jungenarbeit im Freizeitheim. Zur offenen Jugendarbeit mit Unterschichtsjugendlichen; In: Was fehlt, sind Männer! Hrsg.: Winter/Willems; Schwäbisch Gmünd und Tübingen 1991

_ SCHNACK, Dieter; NEUTZLING, Rainer: Horizonte: Kleine Helden in Not, Radiosendung vom 31.07.1989 von 10.05-11.00 Uhr NDR 4

_ SCHNACK, Dieter; NEUTZLING, Rainer: Kleine Helden in Not; Jungen auf der Suche nach Männlichkeit; Hamburg, 1990

_ SCHNACK, Dieter; NEUTZLING, Rainer: Die Prinzenrolle; Über die männliche Sexualität, Hamburg, 1993

_ SHATAN Chaim F.: In: pro familia magazin 4/93 S.20

_ SIELERT, Uwe: Jungenarbeit. Praxishandbuch für die Jungenarbeit; Weinheim und München 1989

_ STROB, Michael: Geschlechtsspezifische Pädagogik mit Jungen; Unv. Diplomarbeit a.d. Westfälischen Wilhelms Universität zu Münster; 1992

_ WELSER, von Maria: Am Ende wünscht du dir nur noch den Tod; Die Massenvergewaltigungen im Krieg auf dem Balkan, München 1993

_ WILLEMS, Horst; WINTER, Reinhard: Fehlen Männer? In: Was fehlt, sind Männer! Ansätze praktischer Jungen- und Männerarbeit - MännerMaterial Band 2; Tübingen; 1991

_ WINTER, Reinhard: Theorien männlicher Sozialisation In: Stand by me; Dokumentation zur Fachtagung Jungen- und Männerarbeit; Nürnberg 11./12. Juni 1992

_ ZIESKE, Andreas: Das Koordinatensystem `patriarchatskritischer Bildungsarbeit; In: Jungen, Mädchen und Gewalt- ein Thema für die geschlechtsspezifische Jungenarbeit?! IFFJ Schriften 8, Berlin; 1994

_ ZILBERGELD, Bernie: Männliche Sexualität, Tübingen 1983

73 von 73 Seiten

Details

Titel
Notwendigkeit einer speziellen Jungenarbeit
Autor
Jahr
1995
Seiten
73
Katalognummer
V98081
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Notwendigkeit, Jungenarbeit
Arbeit zitieren
Norbert Jansen (Autor), 1995, Notwendigkeit einer speziellen Jungenarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98081

Kommentare

  • Gast am 17.1.2001

    Jungenarbeit.

    hallo norbert, ich habe gerade deine abhandlung über jungenarbeit gelesen. einiges daran hat mir gut gefallen, vor allem ist die argumentationslinie klar und einfach, so dass man leicht nachvollziehen kann, was du jeweils sagen willst. ich kann allerdings das von dir positiv bewertete modell eines "häuslichen" mannes nicht als allein glücklichmachend akzeptieren. männer, die gern väter sind und soviel zeit, wie möglich mit ihrer familie und ihren kindern verbringen, gibt es schon jetzt wie "sand am meer". wieder andere haben auf "familien-leben" keinen bock und gehen lieber arbeiten. letztlich geht es männern darum, etwas zu erreichen, sei es durch taten, z.b. im beruf (künstler, selbstständiger, abteilungsleiter, soldat usw.) oder durch die zeugung, hege und pflege von nachkommen (gern jungen, weil man sich selbst neu erschaffen will). die politik sollte sich tunlichst aus dem privaten bereich heraushalten, sonst ist es bald soweit, daß ein gesetzesentwurf erarbeitet wird, in dem genau festgelegt wird, wieviele tage die woche der mann und wieviele tage die frau das abendliche fernsehprogramm auswählen darf! angesichts immer grösser werdender globaler konkurrenz halte ich eine weitere reduzierung der wochenarbeitszeit, wie von dir angesprochen, volkswirtschaftlich für undurchführbar, sogar gefährlich. ganz im gegenteil sollten tugenden wie leistungsbereitschaft, einsatz und pflichterfüllung (sich selbst, seiner familie und seinem unternehmen gegenüber) verstärkt gefördert werden. in david finchers film "fight club" finde ich mehr antworten zum thema "mann sein im 21sten jahrhundert". vielleicht ist es wahr, und wir sind wirklich die "angeschissene generation ohne grossen krieg, ohne grosse depression ohne echte herausforderung". ich denke, dass es darum geht, sich einer herausforderung zu stellen und diese zu meistern. sinnvolle "jungenarbeit" kann aus meiner sicht nur das leben selbst sein. jede erfahrung, die man macht, jeder rückschlag, jede enttäuschung auf dem persönlichen lebenswerk hinterlassen ihre spuren in der seele des mannes und formen in der zeit seinen character. männer sind stärker, als manche meinen...

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