Die Ungleichheitsstrukur in der Ständegesellschaft


Seminararbeit, 2000

10 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung

3. Die Ungleichheitsstrukur in der vorindustriellen Gesellschaft
3.1. Die ländliche Sozialstruktur
3.1.1. Der Adel
3.1.2. Die Geistlichkeit
3.1.3. Die Bauern
3.2. Die städtische Sozialstruktur
3.2.1. Die Patrizier
3.2.2. Bürgerliche Gruppen
3.2.3. Unterbürgerliche Gruppen
3.2.4. Bevölkerungsgruppen jüdischen Glaubens

4. Fazit

1. Einleitung

Der Begriff ,,Soziale Ungleichheit" wird im alltäglichen Sprachgebrauch mit Sozialer Ungerechtigkeit gleichgesetzt. In unserer heutigen freiheitlichen Demokratie mit ihrer Idee der Gleichheit wird sie oft als störend empfunden. Dies geschieht vor allem dann, wenn die soziale Ungleichheit sich von nicht beeinflußbaren Determinanten, wie etwa dem Geschlecht, ableiten läßt. Die derzeitige Regierung um Bundeskanzler Gerhard Schröder hat es sich gar auf die Fahnen geschrieben, für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen - sicher mit ein Grund, weshalb die Wahlen 1998 gewonnen wurden; soziale Ungerechtigkeit (beziehungsweise soziale Ungleichheit) ist ein Thema, welches die Bevölkerung mobilisieren kann.

Die soziale Ungleichheit, wie wir sie heute in unserer Gesellschaft vorfinden können, ist kein Phänomen, daß plötzlich erschienen ist. Vielmehr ist sie eine lange Entwicklung, deren Anfang schwer zu greifen ist. Ein Blick auf die Geschichte der Menschheit belegt, daß seitdem Menschen zusammen leben soziale Ungleichheit existiert. Versuche, Gesellschaftsformen einzuführen, die soziale Ungleichheit theoretisch unmöglich machen, sind gescheitert.

Doch soziale Ungleichheit ist nicht immer ein unerwünschtes Phänomen - viele Wissenschaftler (zum Beispiel die Parsons-Schüler Kingsley Davis und Wilbert E. Moore) behaupten, soziale Ungleichheit sei ein funktionales Erfordernis für Gesellschaft.

In der Ständegesellschaft wurde soziale Ungleichheit von jedermann als etwas Selbstverständliches angesehen. Die vertikale Sozialstruktur war ,,gottgewollt".

Die Ungleichheitsstrukur in der vorindustriellen Gesellschaft wirkte auf den Prozeß der Industrialisierung und somit auf die heutigen Ungleichheitsstrukuren ein; die soziale Ungleichheit, wie sie heute vorliegt, läßt sich besser verstehen, wenn man die historischen Hintergründe für ihre Entstehung kennt.

Aus diesem Grund beschäftigt sich vorliegende Hausarbeit mit der Ungleichheitsstruktur in der vorindustriellen Gesellschaft.

Bevor jedoch auf diesen Zeitabschnitt eingegangen wird, der in Deutschland bis in das 18. Jahrhundert andauerte, wird der Begriff ,,Soziale Ungleichheit" erläutert, da er sich, wie oben angesprochen, von der landläufigen Definition unterscheidet; die wissenschaftliche Begriffsbestimmung wird vorgenommen, um Mißverständnisse und Verwechslungen zu vermeiden.

2. Begriffsbestimmung

Eine populäre Definition besagt, daß ,,wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den ,wertvollen Gütern` einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten" (Hradil 1999, S.26) soziale Ungleichheit vorliegt.

Diese Definition umfaßt die drei grundlegenden Bedingungen für soziale Ungleichheit:

a. Der Begriff bezieht sich auf bestimmte ,,wertvolle Güter", die deshalb so wertvoll sind, da sie knapp und begehrt sind. Geld ist beispielsweise fast überall auf der Welt ein solch knappes, begehrtes Gut. Aber ebensogut kann Wasser ein sehr wertvolles Gut sein, beispielsweise in arabischen Ländern.

Der Besitz wertvoller Güter begünstigt die Lebensbedingungen dadurch, daß Menschen ohne ihren Besitz wesentliche Nachteile gegenüber Besitzenden haben.

b. Diese wertvollen Güter sind ungleich verteilt, daß heißt, daß die Güter in der Gesellschaft nicht gleichmäßig verteilt sind. So ist zum Beispiel das Einkommen eines Bauarbeiters niedriger als das eines Spitzenmanagers; dies ist eine eindeutig ungleiche Verteilung des wertvollen Gutes ,,Geld".

c. Die wertvollen Güter sind regelm äß ig ungleich verteilt . Das in Punkt 2 angesprochene Beispiel stellt eine regelmäßige ungleiche Verteilung dar, weil der Lohn des Bauarbeiters monatlich - folglich in regelmäßigen Abständen - immer niedriger ausfallen wird als der des Managers.

Eine andere Definition besagt, daß soziale Ungleichheit ,,allgemein das Ergebnis der unterschiedlichen Bewertung, Anerkennung, Privilegierung, Rechte-Pflichten-Situation, Einkommens- oder Vermögenslage einzelner Menschen in der Gesellschaft" (Hillmann 1994, S.890) ist.

Bei dieser Begriffsbestimmung geht der Autor indirekt auf die Dimensionen sozialer Ungleichheit ein. Die vier wichtigsten Dimensionen sind Wohlstand, Macht, Prestige und Bildung1. Hinzugekommen sind in modernen Gesellschaften die Arbeits-, Wohn-, Umwelt- und Freizeitbedingungen (vgl. Hradil 1999, S.27).

Der Wohlstand eines Menschen definiert sich schlußfolgernd durch seine Einkommens- und Vermögenslage, die Macht durch die vorliegende RechtePflichten-Situation und das Prestige über die Anerkennung durch andere Gesellschaftsmitglieder.

3. Die Ungleichheitsstrukur in der vorindustriellen Gesellschaft

Die mittelalterliche Ständegesellschaft war dadurch gekennzeichnet, daß - ganz im Gegensatz zu heute - ein großer Teil der Bevölkerung auf dem Land und ein kleiner Teil der Bevölkerung in der Stadt lebte. Dies hatte auch eine unterschiedliche Ungleichheitsstruktur zur Folge, die im Folgenden differenziert betrachtet werden soll.

3.1. Die ländliche Sozialstruktur

In West- und Mitteleuropa war die ständisch gegliederte Gesellschaftsform ,,Feudalismus" besonders verbreitet. Der Feudalismus beruht im wesentlichen auf gegenseitigen Pflichten und Leistungen zwischen dem Feudalherren und seinen adligen Untergebenen, den Vasallen.

Der Feudalherr stellt seinen Vasallen Grund und Boden (,,Belehnung"), wofür diese diverse Leistungen wie Waffenhilfe, Abgaben und Verwaltungsdienste erbringen müssen. Der Vasall wiederum spinnt ein Netz von sogenannten Untervasallen, denen er wiederum sein belehntes Land verpachtet. Im Gegenzug sind die Untervasallen ihrem Herren zu Frondiensten verpflichtet.

Wie man erkennt, ist die feudale Gesellschaft durch die sogenannte ,,Lehenspyramide" gekennzeichnet, die durch eine sehr hohe soziale Ungleichheit charakterisiert ist: je höher man in der Pyramide steht, desto besser ist man gesellschaftlich gestellt, was bedeutet, daß man in allen Dimensionen sozialer Ungleichheit einen höheren Status hat. Der Lehensherr ist immer wohlhabender, mächtiger und angesehener als sein Vasall.

Zu unterscheiden sind auf dem Land die drei ständischen Bevölkerungsgruppen: Adlige, Geistliche und Bauern. Die einzelnen Stände unterscheiden sich grundlegend durch die verschieden Funktionen, die sie erfüllen, doch muß man auch innerhalb eines Standes die soziale Position differenzieren. Zwar ist die Stellung im Gefüge sozialer Ungleichheit im wesentlichen durch Geburt in einen Stand festgelegt, jedoch können zum Beispiel die Machtverteilungen innerhalb eines Standes stark voneinander abweichen. Auf die drei Stände wird in den folgenden Kapiteln eingegangen.

3.1.1. Der Adel

Adlige unterschieden sich in ihrer Position in der Gesellschaft in erster Linie von der Größe des Landes, das sie unter ihren Untergebenen verteilen konnten. Oftmals war der Grundbesitz so gering, daß ein standesgemäßes Leben nicht zu finanzieren war, und daß es sogar freien Bauern materiell besser erging (vgl. Hradil 1999, S.47). Anders verhielt es sich bei der Hocharistokratie, welche die wichtigste Gruppe nach dem König repräsentierte. Ihre Lehen waren so groß, daß sie von den Abgaben der Untergebenen standesgemäß leben konnten.2

Eine besondere Gruppierung innerhalb des Adels ist die freie Ritterschaft. Sie besteht aus Personen, die meist aufgrund kriegerischer Verdienste geadelt worden war (vgl. Hradil 1999, S.47). Der Ritterschlag war seinerzeit eine der sehr wenigen Möglichkeiten, seinen durch Geburt bestimmten Stand zu verlassen und sozial ,,aufzusteigen".

Die Ritter hatten unter anderem die wichtige Aufgabe, bestehende Herrschaftsgebiete zu erweitern und neue Lebensräume zu schaffen. Allerdings verlor die Ritterschaft gegen Ende des Mittelalters zunehmend an Bedeutung; einer der wichtigsten Punkte ist die Erfindung von Schußwaffen (vgl. Hradil 1999, S.48).

3.1.2. Die Geistlichkeit

Die Geistlichkeit kann man in zwei Gruppen teilen: den hohen und den niedrigen Klerus. Die hohe Geistlichkeit war aufgrund ihres Landbesitzes rege an der Lehensvergabe beteiligt. Sie konnte im Laufe der Jahrhunderte auch konsequent ihren Besitz vermehren, unter anderem durch Schenkungen von Besitzenden, die sich von ihrer Spende ein besseres Leben im Jenseits versprachen. Außerdem war der hohe Klerus hinsichtlich anderer Privilegien dem Adel in nichts benachteiligt (vgl. Hradil 1999, S.49).

Der niedrige Klerus hielt ,,als Hüter der Schriftlichkeit eine Sonderstellung" (Hradil 1999, S.49) inne. Vor allem Mönche kann man als die am Höchsten gebildeten Menschen des Mittelalters betrachten. Sie hatten die Aufgaben des Arztes und Lehrers zu erfüllen und standen auf diese Weise in Kontakt mit der restlichen Gesellschaft. Geistlichkeit und Adel waren die Stände, aus denen sich die Herrscher rekrutierten. Die mächtigsten Menschen waren der König, die Herzöge, die Grafen und Markgrafen auf der Seite des Adels und Bischöfe, Erzbischöfe und Äbte auf der Seite des Klerus. Die Macht lag in den Händen von nur wenigen Männern. Frauen übten keine politische Macht aus; die wichtigen (und auch die weniger wichtigen) Positionen waren Frauen grundsätzlich versperrt.

3.1.3. Die Bauern

Dieser Stand ist die in Zahlen größte (und ärmste) Bevölkerungsgruppe; etwa neun von zehn Menschen waren Bauern. Auch hier muß man innerhalb des Standes differenzieren, da es große Unterschiede im sozialen Status untereinander gibt. Besonders wohlhabend waren freie Bauern mit Landbesitz, da sie oft einen Überschuß erzielen konnten, welcher in der Stadt verkauft werden konnte. Dadurch war ihr Lebensstil aufgrund der hohen Einkünfte mit dem des Landadels vergleichbar. Außerdem konnten diese Bauern oft ihre politischen Interessen im Kleinen durchsetzen (vgl. Hradil 1999, S.50).

Freie Bauern ohne Landbesitz hatten gegenüber Landbesitzenden den erheblichen Nachteil, daß sie große Abgaben an ihren Herren abführen mußten. Deshalb waren sie natürlich wirtschaftlich schlechter gestellt als diese. Erschwerend kam hinzu, daß aufgrund des Zwanges zu Heerfolge die Landarbeit notgedrungen eingestellt werden mußte, was für den Bauern fatale wirtschaftliche Konsequenzen bedeutete. So wurden viele freie Bauern in die Unfreiheit gedrängt, da sie sich einem größerem Grundherren anschlossen und für ihn Frondienste ableisten mußten; dies war die einzige Möglichkeit, sich dieser Verpflichtung zu entziehen (vgl. Hradil 1999, S.50). Im späten Mittelalter lag die Zahl der Bauern, die ständig Not litten, bei etwa zwei Dritteln. In schlechten Erntejahren war die Existenz gar ernsthaft bedroht, da ein Bauernhof nicht in der Lage war, große Mengen an Vorräten für Notfälle zu horten (vgl. Geremek 1988, S.68ff, zitiert nach Hradil 1999, S.51).

3.2. Die städtische Sozialstruktur

Wie schon im letzten Kapitel erwähnt, lebte nur ein kleiner Teil der Bevölkerung in einer Stadt. Aus heutiger Sicht waren mittelalterliche Städte eher Dörfer: die meisten zählten weniger als 2000 Einwohner. Nur in den Städten Köln, Prag, Nürnberg, Augsburg, Lübeck und Danzig lebten mehr als 25000 Menschen (vgl. Rabe 1991, S.42, zitiert nach Hradil 1999, S.51).

Das städtische Leben unterschied sich grundlegend von dem Leben auf dem Land. Dies lag hauptsächlich an drei für die Stadt typischen Faktoren (vgl. Hradil, S.54):

a. Der Grundsatz der bürgerlich-rechtlichen Freiheit (,,Stadtluft macht frei").
b. Berufsverbände, Zünfte und Gilden, in denen z.B. die Handwerker organisiert waren. Diese Institutionen reglementierten auf das Genaueste, was ein Mitglied zu tun und zu lassen hatte.
c. ,,Weit ausgeprägter Erwerbssinn" (Hradil 1999, S.53): in Städten war Handel viel besser möglich, da zum Beispiel viele Menschen dicht beieinander wohnten und mit Gütern und Dienstleistungen versorgt werden wollten.

Die Stadt gilt als Vorbereiter der Modernisierung in der Gesellschaft. Dies macht sich unter anderem an der zunehmenden Arbeitsteilung bemerkbar; Handwerker, Krämer und so weiter waren Spezialisten auf ihrem Gebiet, während sich die ländlichen Bauern in ihrer Funktion kaum voneinander unterschieden.

Im folgenden Kapitel werden die verschiedenen städtischen Bevölkerungsgruppen angesprochen.

3.2.1. Die Patrizier

An der Spitze des Statusaufbaus stehen die Patrizier, die sich wiederum in kleinere Untergruppen aufteilen lassen. Zunächst ist die Gruppe der adeligen Ministeralien zu nennen, die sich meist aus Dienstleuten des Feudalherren rekrutierten, welcher die Stadt gegründet hatte. Da diese Bevölkerungsgruppe aufgrund mangelnder Einnahmen eine Erwerbstätigkeit aufnehmen mußte, wurde sie vom ländlichen Adel geächtet und nicht als ihresgleichen angesehen, was sich beispielsweise an der Aberkennung der Turnierfähigkeit beweisen läßt (vgl. Weber 1980, S.623ff, zitiert nach Hradil 1999, S.51). Die zweite Gruppe bilden die Fernhandelskaufleute; sie gehörten aufgrund ihrem ,,Wohlstand, Aktivität und überregionaler Erfahrung" (Hradil 1999, S.54) zur städtischen Elite. Oftmals stellten sie gar durch ihrer starke Einflußnahme auf die Stadtregierung die mächtigste Gruppe in der Stadt dar.

Des weiteren gehören freie Grundbesitzer zur Gruppe der Patrizier. Ihr Wohlstand erklärt sich dadurch, daß die noch erwerbstätigen Vorfahren jener Grundbesitzer ihr Kapital in Grund- und Hausbesitz anlegten; dadurch gehörten sie oft zu den ältesten Familien in der Stadt (vgl. Hradil 1999, S.54). Da freie Grundbesitzer nicht auf Erwerbsarbeit angewiesen waren, übernahmen sie häufig Positionen in städtischen Ehrenämtern.

3.2.2. Bürgerliche Gruppen

Die größte Bevölkerungsgruppe unter den Bürger waren Handwerker, die in manchen Städten mehr als die Hälfte der Einwohner stellten. Für das Mittelalter typisch, waren sie in Zünften organisiert, die ihre Mitgliedschaft genau regelten. Obwohl man versuchte, die Anzahl der Handwerker einer Stadt ihren Bedürfnissen anzupassen, waren viele Handwerker zu arm, um ihre Steuern zu bezahlen (vgl. Hradil 1999, S.55). Weitere bürgerliche Bevölkerungsgruppen stellen die Krämer und die Beamten dar. Die Krämer waren - im Gegensatz zu den Fernhandelskaufleuten - nur in der Stadt kaufmännisch aktiv. Deshalb brachte ihr Geschäft ihnen nur mäßigen Wohlstand und weniger Anerkennung ein. Beamte hingegen nahmen die zwar kleinste, aber einflußreiche Gruppierung unter den Bürgern ein. Sie besetzten wichtige, der Regierung untergebene Ämter der städtischen Exekutive. Zu den wichtigsten Aufgaben gehörten auswärtige Angelegenheiten, Stadtbefestigung, Bauverwaltung, Bewaffnung, öffentliche Gesundheitspflege und Gewerbepolitik (vgl. Hradil 1999, S.55).

3.2.3. Unterbürgerliche Gruppen

Den größten Nachteil den die Unterbürgerlichen hatten, war die Tatsache, keine Bürgerrechte zu besitzen, was für sie unmöglich machte einen Zunftbetrieb zu führen und somit selbständig zu sein. Demzufolge waren sie überwiegend in einem Angestelltenverhältnis tätig, etwa als Magd oder Knecht. Gemeinsam hatten all diese Tätigkeiten, daß damit nur ein sehr bescheidenes Einkommen erzielt werden konnte, was die Unterbürgerlichen oftmals in die Armut drängte.

Neben den Stellen als Bedienstete gab es die sogenannten ,,unehrlichen" Berufe, wie etwa Henker oder Abdecker. Diesen Professionen war das Zunftprivileg versagt. Zu den Ärmsten unter den Stadtbewohnern zählen die Bettler und Invaliden, die sich vor allem in Bischofsstädten versammelten, um zu überleben. In Köln betrug die Zahl jener Hilfsbedürftiger zeitweilig sogar ein Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung (vgl. Hradil 1999, S.56).

Überhaupt war Armut in mittelalterlichen Städten ein ernst zu nehmendes Problem. Aus Steueraufzeichnungen konnte man errechnen, daß die Zahl Armer in der Großstadt Lübeck um 1380 ungefähr 42% betragen haben muß (vgl. Kaller 1975, S.154, zitiert nach Hradil 1999, S.56).

3.2.4. Bevölkerungsgruppen jüdischen Glaubens

In vielen Städten hielten die Juden eine besondere Position inne. Ihr Glauben verbot ihnen nicht, Geldgeschäfte zu betreiben, weshalb sie vor allem im Bankgewerbe tätig waren. Die Integration der Juden ging in manchen Städten so weit, daß man ihnen die sehr hoch angesehene Aufgaben überließ, einen Teil der Stadtmauer zu bewachen (vgl. Hradil 1999, S.57).

Trotz ihres Ansehens waren den Juden die Bürgerrechte aufgrund ihres Glaubens verwehrt. Außerdem waren sie Opfer ständiger Verfolgung, besonders zur Zeit der Kreuzzüge. So wurden beispielsweise Ende des 11. Jahrhunderts in den Städten Mainz, Worms und Speyer Tausende von Menschen jüdischen Glauben umgebracht (vgl. Hradil 1999, S.57).

4. Fazit

Soziale Ungleichheit war in der Ständegesellschaft viel stärker ausgeprägt als in allen nachfolgenden Epochen. Das lag größtenteils daran, daß die Geburt in einen der Stände weitgehend die Position im Ungleichheitsgefüge determinierte. Auch wenn innerhalb der jeweiligen Stände differenziert werden muß, so ist im Allgemeinen die Lage eines in einer höheren Stand geborenen Menschen besser als die Lage eines in einen niedrigeren Stand geborenen. Das beruht auf der Tatsache, daß beispielsweise die Chancen eines Adligen, Land vom König zu lehen, sehr viel höher waren als die eines einfachen Bauern - bei ihm waren die Chancen besser gesagt gleich null.

Wie schon in der Einleitung erwähnt, war diese krasse Ausprägung sozialer Ungleichheit aber absolut legitim, da sie ja ,,gottgewollt" war. Zwar gab es vereinzelt Bauernaufstände, aber diese wurden von den Herrschenden über Jahrhunderte hin erfolgreich niedergeschlagen. Die Gesellschaftsform ,,Feudalismus" wurde über weite Strecken des zweiten Jahrtausends erfolgreich praktiziert und erst von der Industrialisierung endgültig abgelöst.

Es bleibt abschließend zu erwähnen, daß das Thema der vorliegenden Hausarbeit einen sehr breiten Bereich umfaßt, der in diesem Rahmen natürlich nicht vollständig abgehandelt werden kann. Es wurde vielmehr versucht, einen groben Überblick über die Ungleichheitsstrukur in der Ständegesellschaft zu verschaffen, der helfen soll, die heutige soziale Ungleichheit besser zu verstehen.

Literaturliste

Hillmann, Karl-Heinz 1994: Wörterbuch der Soziologie, Stichwort: ,,Ungleichheit", 4., überarbeitete Auflage, Stuttgart: Kröner Verlag

Hradil, Stefan 1999: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 7. Auflage, Opladen: Leske und Budrich Verlag

1 Für die Betrachtung der vorindustriellen Gesellschaft sind nur die ersten drei genannten Dimensionen von Belang. Der Bildungsstand trug nicht viel zur Position in der Ungleichheitsstrukur bei.
2 Am Rande sollte erwähnt werden, daß Erwerbsarbeit zu jener Zeit ,,schlecht" und zu vermeiden war, wenn es im Rahmen der Möglichkeiten lag.

Zur standesgemäßen Lebensführung eines Adligen gehörte unter anderem, sich der ,,Muße" zu widmen. Das war natürlich nur dann möglich, wenn keine ,,lästige" Arbeit zu verrichten war.

9 von 10 Seiten

Details

Titel
Die Ungleichheitsstrukur in der Ständegesellschaft
Autor
Jahr
2000
Seiten
10
Katalognummer
V98118
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"formal korrekte Arbeit, jedoch inhaltlich verbesserungswürdig", so jedenfalls Prof. Hradil, als er mir die Arbeit zurück gab.
Schlagworte
Ungleichheitsstrukur, Ständegesellschaft
Arbeit zitieren
Olgierd Cypra (Autor), 2000, Die Ungleichheitsstrukur in der Ständegesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98118

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