Komplexe Welt und planendes Handeln am Beispiel zweier Figuren aus Alan Moores "Watchmen"


Seminararbeit, 2000

12 Seiten


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GLIEDERUNG

1. Zielsetzung

2. Komplexe Welt und planendes Handeln am Beispiel zweier Figuren aus Alan Moores Watchmen
2.1. Adrian Veidt
2.1.1. Veidts Ziele
2.1.2. Veidts Methode um seine Ziele zu erreichen
2.1.3. Der intertextuelle Zusammenhang der Figur des Ozymandias
2.2. Rorschach
2.2.1. Rorschachs Ziele
2.2.2 Rorschachs Methode um seine Ziele zu erreichen

3. Schlussbemerkung

1. ZIELSETZUNG

In wie weit ist planendes Handeln möglich? Ist Planung überhaupt möglich? Oder ist das, was wir als durchdachtes Handeln ansehen nur eine Illusion? Mit diesen Fragen sehen sich die Figuren in Alan Moores 1985 erschienen Comic - Roman Watchmen konfrontiert. Der Versuch, die Realität als Ganzes zu erfassen und zu beeinflussen ist der grundlegende Wunsch der zwei Hauptakteure dieses Buches. Adrian Veidt wie auch Rorschach wollen aus ihrer limitierten Sicht die Welt verstehen und mit ihren beschränkten Mitteln das Leben beeinflussen. In wie weit dieser Wunsch nach Planbarkeit und die Realität übereinstimmen, wird hier nun untersucht. Die Möglichkeit eine Utopie zu erschaffen und Handlungsmöglichkeiten ausserhalb der Gesellschaft zu ergreifen, ist das zentrale Thema, das das Individuum als Einzelnen gegen den Staat aufbegehren lässt. Diese libertären Ideologien vertritt auch der Autor Alan Moore selbst, der sich von den Mainstream - Comics, die er anfänglich zeichnete, löste und diese dystopische Utopie schuf. Die Absolutsetzung der Rechte des Einzelnen zeigen sich ganz deutlich in den beiden Hauptakteuren Ozymandias, alias Adrian Veidt und Rorschach, alias Walter Kovacs, die versuchen ihre Werte, Vorstellungen und Ziele mit allen Mitteln durchzusetzen. Der Staat spielt dabei immer eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Er dient einzig und allein dazu, die Freiheit des Einzelnen zu schützen. Diese Ideale tendieren zum Anarchismus. Eng damit verknüpft ist auch die Idee der Selbstorganisation, die sich in Watchmen ebenfalls in den Figuren des Ozymandias und des Rorschachs ausdrückt. Jedoch auf sehr unterschiedliche Weise. Ozymandias will die Macht an sich reissen und die Regierungen unbemerkt manipulieren, Rorschach dagegen hat ihr den offenen Kampf angesagt. Doch in wie weit die Beiden ihre Pläne verwirklichen können, soll in dieser Arbeit untersucht werden.

2.1. ADRIAN VEIDT

2.1.1. Veidts Ziele

Veidts oberstes Ziel ist es, die Kriege und die Gewalt zu beenden (11.24.6 / 11.25.7)1 und damit Friede auf Erden zu schaffen um die Welt zu verbessern und zu erleuchten (11.8.9 / 11.18.2). Er möchte das momentane Chaos dieser Welt bereinigen, die von ihm so genannte ,,Krankheit" kurieren und Ordnung schaffen (11.19.2 / 11.19.6 / 11.19.7 / 11.31). Um für Gerechtigkeit sorgen zu können, will er das Böse, das die Menschheit fesselt, erobern (11.11.2). Veidt strebt daher in der angenommenen Identität des Ozymandias die Vereinigung der Welt (11.25.4) unter seiner Führung, wirtschaftlich wie politisch, an (12.20.1 / 11.22.3). Eine Herrschaft ohne Barbarei nach dem Vorbild Alexanders des Grossen (11.7.3 / 11.8.7) und das Schaffen eines ewigen Weltreichs ist dabei seine Motivation (11.10.5). Um diesen Plan zu verwirklichen sieht er sich gezwungen, Gewalt anzuwenden (11.21.7), er möchte die Vergangenheit auslöschen, die Gegenwart der Erde beenden, um die Zukunft zu beginnen (11.22.6). Auch hier orientiert er sich an seinen ägyptischen Vorbildern, die im Ende der Welt einen Neubeginn sahen (10.20.8). Seiner Berufung folgend (12.27.2) will er die Welt überlisten (11.24.4) und plant eine gross angelegte, Verschwörung um die von ihm mit dem Gordischen Knoten verglichene Situation zu lösen (11.21.4 / 11.25.5) um sie in ein neues Utopia zu führen (12.20.1). Der Kalte Krieg ist für Veidt die Ursache für den ökologischen wie wirtschaftlichen Zerfall (11.21.3 bis 5). Das Wettrüsten verschlingt Geld, das dann bei der Versorgung sozial Schwächerer, wie zum Beispiel den Armen und Kranken, fehlt. Die internationalen Schulden wachsen damit und die Dritte Welt Länder schlachten ihre Rohstoffquellen aus, um ihre wachsenden Schulden zu bezahlen. Die Umweltzerstörung wird noch zusätzlich durch die Belastung mit Atommüll vorangetrieben (11.21 / 11.22). Jon gilt für Veidt als Symbol für die Probleme der Menschheit, das diese Entwicklung beschleunigt (11.22.2). Seine soziale Verpflichtung gegenüber den Schwachen zeigt sich auch in seinem sozialen Engagement, er spendet zum Beispiel für wohltätige Zwecke (11.Anhang 29 - 32). Er ist sich jedoch bewusst, dass er kein Utopia ohne neue, technische Probleme schaffen kann. Für ihn ist keine Entwicklung ohne Konflikte möglich (11.31)

2.1.2.Veidts Methode um seine Ziele zu erreichen

Adrian Veidt benutzt seinen Intellekt als Waffe, die ihm alles ermöglicht. Seine geistige Überlegenheit lässt ihn alle Probleme mit dem Verstand lösen. Diese Fähigkeit hält er jedoch für erlernbar, wie er in ,,The Veidt Method" erklärt (11.8.3 / 10.32). Ob ihn diese Methode allerdings zum ,,klügsten Mann der Welt" (1.17.2 / 10.20.6) macht, wie seine ,,übereifrigen P.R.Leute" (1.17.3) behaupten, bleibt dahin gestellt. Trotz seines Strebens nach Perfektion, hält er sich selbst für nichts besonderes (1.17.3). Jedoch glaubt er durch seine geistige und körperliche Überlegenheit keine Feinde zu haben (,,I don't have any enemies", 5.16.8). Er verlässt sich nur auf sich selbst (11.30), seinen Verstand und das was er mit eigenen Augen sieht und was er weiss (,,What's significant is what I know.", 12.27.2). Diese Selbstbestimmung zeigt sich auch deutlich darin, dass er alle Entscheidungen, privat wie geschäftlich, selbst trifft und alle Fäden in der Hand hält (10. Anhang 29 bis 32). Deswegen tötet er auch jeden der ihm wissentlich und unwissentlich bei der Ausführung seines Planes hilft. Jon, Daniel und Laurie sind die Ausnahmen in dieser ,,Todespyramide" (12.10.6). Laterales Denken ist dabei eine grundlegende Voraussetzung um diesen ,,Gordischen Knoten" lösen zu können (11.10.2 / 11.25.5) Adrian zieht sich hierfür vom aktiven Heldendasein sowie der Welt zurück und versucht die Realität als Ganzes zu betrachten und damit erkennen zu können (11.21.2). Als weitere Informationsquelle dienen ihm hierfür seine zahlreichen Fernseher. Mit deren Hilfe will er die momentane Stimmung der Welt und die Entwicklung der politischen, sowie natürlich der wirtschaftlichen Lage voraussagen (10.8.1. bis 10.8.3). Er vergleicht dieses Deuten aus Bruchstücken mit der Methode der Schamanen, die die Zukunft mit Hilfe von Ziegeninnereien voraussagten (11.2.1.) und mit William S. Burroughs (1914 - 1997) ,,Cut- Up" Technik (11.1.2 bis 6). Für ihn ist Information die ultimative Waffe (12.18.4 und 5). Auf seinem Weg nimmt der Pazifist dennoch Opfer, wie zum Beispiel Edward Blake2 oder halb New York (11.26.4), billigend in Kauf (11.8.7). Er orientiert sich auch hierbei stark an der ägyptischen Mythologie (11.10.7) und an der Lebensweise Alexanders des Grossen (11.8.5 / 11.8.6). So ist für ihn das Leben nur ein Übergang, die Vorbereitung auf den Tod und das Leben danach (10.20.3 / 10.20.8). Dies bedeutet für ihn, dass ein gewaltsames Ende der Welt um einen höheren Zweck zu erfüllen, nämlich die Vereinigung der Welt, durchaus legitim ist (11.8.7 / 11.10.6 / 12.20.3). Die Apokalypse wird von ihm als Transformation angesehen (11.25.7). Seine Gefühle spielen eine untergeordnete Rolle (12.27.1 und 2), da er annimmt, dass das Schicksal der Menschheit in seinen Händen liegt (,,Humanity's fate rested safely in my hands.", 11.26.2) und er diese Verantwortung übernimmt (12.27.2). Um also die Menschheit vor ihrem Untergang zu retten (11.22.5 / 11.25.3), hat er einen langfristigen Plan, eine gross angelegte Verschwörung, im Sinne von geheimen Handeln im Verborgenen, erarbeitet (11.24.4).

Als ersten Schritt zog er sich vom aktiven Heldendasein zurück (11.21.2), trainierte aber weiterhin seinen Körper und Geist. Er stärkte seinen politischen wie wirtschaftlichen Einfluss indem er seine Firmen durch technische Revolutionen, wie zum Beispiel der Einführung elektrisch betriebener Autos (Patent Spark Hydrants), zu Marktführern machte (11.22.4). Beinahe jede in Watchmen erwähnte Firma scheint Veidt zu gehören und ihn reich zu machen (1.17.1 / 10.19.4 und 21.2 / 10.29 bis 32). Er beschäftigte sich intensiv mit den Möglichkeiten der Genetik, deren Ergebnis der genetisch veränderte Luchs Bubasis ist, sowie der Teleportation, die Jon als durchführbar erwiesen hat (11.22.2).

Neben der wirtschaftlichen Kontrolle, versucht er gezielt die Helden auszuschalten, die ihm gefährlich werden könnten. Im Konkreten heisst das, dass er Blake eigenhändig umbringt (11.24.5) und Jon ins Exil treibt. Adrian stellt Jons ehemaligen Kollegen Wally Weaver in seiner Firma Dimensional Development, sowie seine ehemalige Geliebte Janey Slater und den ehemaligen Verbrecherkönig Moloch. Er setzt sie kontrolliert ständiger Strahlung aus, um bei ihnen Krebs zu verursachen (11.24.1 / 11.24.2). Durch gestohlene psychiatrische Gutachten, die Jons geistigen Rückzug attestierten, trieb er ihn mit den Beschuldigungen, Krebs zu verursachen in das Exil auf den Mars (11.26.1). Durch den vorgetäuschten Mordanschlag auf ihn unterstützt er Rorschachs falsche ,,Maskenkiller" - Theorie und lenkt den Verdacht von sich ab (11.26.1). Auf der von ihm 1970 gekauften Insel lässt er währenddessen von ihm entführte Malerin Hira Manish, die Schriftsteller Max Shea und James Trafford March, der Architekt Norman Leith, sowie einige bedeutende Wissenschaftler, unter anderem Dr. Whittaker Furnesse, einen ,,Ausserirdischen" konstruieren (11.25.1 / 11.25.2). Dieser falsche Alien soll, versehen mit dem genetisch veränderten Gehirn des verstorbenen Mediums und Hellsehers Robert Deschaines, bei seiner Teleportation nach New York City sterben und eine psychische Schockwelle auslösen (11.26.3 und 4). Mit diesem vorgetäuschten Angriff Ausserirdischer will er die amerikanische und russische Regierung zur Zusammenarbeit zwingen (,,To frighten governments into co-operation", 11.25.4). Dieser genau abgestimmte Plan zeigt ganz deutlich Adrians Fähigkeit zu lateralem Denken und zu exakter Planung (,,Each step was synchronized.", 11.24.1). Ebenfalls bewundernswert ausgeprägt sind seine Weitsicht und Vorsicht: so erläutert er seinen Geniestreich Rorschach und Dan Dreiberg3 erst nach seiner Ausführung (11.27.1). Jedoch hätte er gern von Jon4, den er als letzte übergeordnete Instanz sieht, Anerkennung und Bestätigung für die Richtigkeit seines Plans erhalten (12.27.4). Leider muss ihm Jon diese Bestätigung verweigern mit dem Hinweis darauf, dass nichts jemals endet (12.27.5). Genau so wie das Ende des Comics offenbleibt. Der Verleger des ,,New Frontiersman" legt das Schicksal Veidts neuer Gesellschaft in die Hände seines etwas dümmlichen Assistenten indem er ihm die Verantwortung überträgt was er aus dem Stapel der ,,Crank Files" (12.32.4) - wo auch Rorschachs Tagebuch liegt - veröffentlichen soll (12.32.6 und 7).

2.1.3. Intertextueller Zusammenhang der Figur des Ozymandias

Adrians angenommener Heldenname Ozymandias ist der griechische Name für den ägyptischen König Ramses II. (1290- 1224 v. Chr.). Allein schon dieser Name zeigt Adrians zwei wichtigsten Einflüsse, nämlich die ägyptische sowie die griechische Kultur und Mythologie. Ramses II. galt als einer der grössten Bauherren Ägyptens und wurde als Pharao, dass heisst als gottgleicher Herrscher, verehrt. Sowie Alexander III. (356- 323 v. Chr.), auch Alexander der Grosse genannt, wurde, obwohl griechischer Heerführer, zum Pharao gekrönt. Adrian nennt Alexander, der den Gordischen Knoten löste, als sein Vorbild, an dem er seine Erfolge messen will (11.8.5 bis 9). Adrian schmückt seine Wände mit ägyptischen und griechischen Gemälden und Ornamenten, ebenso erinnern seine Bauwerke an seine ägyptischen Vorbilder, genau wie sein Kostüm. Auch bei der Namensgebung seiner Firmen (Pyramid Deliveries, Gordian Knot Lock, Prometheus Caps), seiner Festung Karnak in der Antarktis, oder seinem Luchs Bubastis. Veidt fühlt sich seelenverwandt mit ihm und sich damit verpflichtet Alexanders Plan von einem ewigen, vereinten Weltreich zu vervollständigen (11.8.7). Alexander der Grosse, König und Heerführer von 336 bis zu seinem frühen Tod (10.6.323), gelangte auf seinen zahlreichen Kriegszügen nach Ägypten, wo er als Sohn des Amun, der Richter über die Toten war und dessen Name ,,der Versteckte" bedeutete, anerkannt wurde. Als Pharao stellte er also den alten ägyptischen Kulturkreis wieder her (11.10.3) und versuchte aus den verschiedenen kulturellen Einflüssen eine innere Einheit zu formen (Brockhaus). Adrian machte sich auf die Suche nach den Spuren seines grossen Vorbilds, reiste jedoch weiter als Alexander umkehrte (11.10.4). Auch erkennt Veidt das letztliche Scheitern Alexanders ein ihn überdauerndes Reich zu schaffen (11.10.5). Trotz seiner Bewunderung wollte Veidt Alexanders Pläne überbieten und perfektionieren (12.20. bis 3). Er stellt sich durch die Wahl seines Namens mit den Pharaonen und damit den alleinigen, gottgleichen Herrschern des alten Ägyptens gleich (11.11.2). Darin zeigt sich deutlich sein Streben nach Macht und Kontrolle. Vielleicht zerstört er deswegen das von ihm geschaffene Vivarium (11.7.2), eine tropische Welt in der Antarktis, geschützt durch dünnes Glas, und begräbt seine Diener, denen er sein Geheimnis anvertraut, nicht unter Sand, aber in den Schneestürmen des Südpols (11.11.1 / 11.12). Das Motiv Leben zu schaffen in einer lebensfeindlichen Umgebung und die Macht zu haben es wieder zerstören zu können scheint Adrian zu faszinieren. Adrians Todesobsession zeigt sich auch in den Figuren des Anubis, des schakalköpfigen Wächters der Toten, in seinem Büro in New York. Auch hier dringt der alte ägyptische Gedanke durch, dass das Leben erst beendet werden muss um eine neue, höhere Daseinsform ermöglichen zu können.

Ob sein Plan längerfristig funktioniert bleibt jedoch sehr zweifelhaft. Zahlreiche Hinweise deuten auf die Kurzlebigkeit seines neu geschaffenen Reiches hin. Schon das Reich seines Vorbilds Alexander überdauerte seinen Erschaffer nicht, auch Jons Antwort auf seine Frage nach Bestätigung lässt die Kurzsichtigkeit seiner Verschwörung erahnen (12.27.5). Ein weiterer Hinweis auf Ozymandias Scheitern verbirgt sich in dem Gedicht ,,Ozymandias" von Percy Bysshe Shelley (1792- 1822), das dem elften Kapitel als Überschrift und Leitfaden dient. Es handelt von den Überbleibsel einer Statue Ramses II, die ein Reisender im Sand der Wüste findet. Auf dem Sockel stehen die Worte ,,My name is Ozymandias, king of kings: Look on my works ye mighty and despair!" (V.10 und 11, Romantic Circles High School. Percy Bysshe Shelley, ,,Ozymandias"), die diesem Kapitel angefügt sind und einen Eindruck von Macht und Dauerhaftigkeit vermitteln (11.28.14). Im Gedicht folgen jedoch die Worte ,,Nothing beside remains." (V.12, Romantic Circles High School. Percy Bysshe Shelley, ,,Ozymandias"), die Statue ist in Einzelteile zerbrochen, alles scheint vom Sand verschluckt zu werden. Auch der Rest des Sonetts zeichnet ein eher trostloses Bild von der Vergänglichkeit des einst mächtigen Herrschers und Bauherren. Die Wahl dieses Ausschnitts als Kapitelleitfaden zeigt das Adrians Plan als Momentaufnahme betrachtet, sehr vielversprechend aussieht. Betrachtet man aber das Ganze, den grossen Zusammenhang, so ist er wohl zum Scheitern verurteilt wie seine beiden grossen Vorbilder Alexander III und Ramses II, deren ,,Weltreiche" ihren Tod nicht überdauern konnten. Diese These unterstützt auch Jons Aussage, dass nichts jemals endet (,,Nothing ever ends.", 12.27.5) als Adrian lieber seine Bestätigung oder Anerkennung gehört hätte (,,I did the right thing, didn't I?", 12.27.4).

2.2. RORSCHACH

2.2.1. Rorschachs Ziele

Rorschachs Anliegen unterscheidet sich von Adrians nur wenig. Auch er möchte das Böse besiegen und hat dem Verbrechen den Kampf angesagt (1.24.6 / 5.28.7 / 12.23.5). Er kämpft jedoch gegen einzelne Gangster, den Abschaum der Gesellschaft, die Unmoral, den Schmutz und das Chaos, die Ungerechtigkeit, sowie gegen die Gewalt. Ebenso machen ihm die Gleichgültigkeit der Menschen (1.24.4 / 6.10.7 und 8), der Verfall der Werte und der Moral zu schaffen (1.1.5). Er hofft das bevorstehende Ende der Welt damit hinaus zu zögern, weiss aber dass er als Einzelner nur wenig ausrichten kann. Sein ewiger Kampf im Kleinen scheint am Rande des Abgrundes (1.1.6) als hoffnungsloses Unterfangen, da ihm wohl nicht genügend Zeit bleibt um alle Verbrecher zu bestrafen (1.24.6 und 7). Er gibt aber trotzdem nicht auf (1.16.9 / 5.25.4). Rorschach schreckt dabei vor brutaler Gewalt zurück (1.15.5) und orientiert sich an dem alttestamentarischen Leitsatz ,,Auge um Auge, Zahn um Zahn" (6.12.3 und 5), ist kompromisslos (1.17.6 und 7). Auch liebt er es Metaphern aus dem Alten Testament zu verwenden, wenn er in seinem Tagebuch von der drohenden Apokalypse schreibt (,,Now the whole world stands on the brink, staring down into bloody hell,...", 1.1.6) oder Daniel seine Gedanken anvertraut (10.19 und 20). Er ist der Ansicht, dass selbst im Angesicht des Weltuntergangs oder seines eigenen Todes das Böse bestraft werden muss (1.24.6 / 12.20.8 und 9). Selbst sein Leben ist ihm nicht so viel Wert wie seine moralische Verpflichtung, für sein Vaterland zu sterben (1.17.6 und 7), alle anderen moralischen Aspekte spielen für ihn eine untergeordnete Rolle (1.21.8). Das zeigt sich auch sehr deutlich in seinem schwarz - weissen Weltbild, er verdächtigt jeden und alles. Ebenso hält er sehr wenig von seinen ehemaligen Mitstreitern, die er -mit Ausnahme von Edward Blake- alle für verweichlicht (6.14.8), gestört, liberal oder gar homosexuell hält (1.17.6 und 7 / 1.19.2 und 3). Im Grunde bekämpft er jeden Einzelnen und vermutet überall Verschwörer und Verrat (1.12.4 bis 7 /1.17.4 bis 7). Rorschachs Realität scheint sehr düster und gefährlich, verfolgt und bedroht von dunklen Gestalten und Illuminaten. Der drohende Weltuntergang, den er als Kovacs ,,verkleidet" mit einem Schild durch die Strassen New Yorks gehend propagiert (1.1.3 / 1.4.8 / 2.2.4 / 3.2.9) wird mit Jons Verlassen der Erde eingeläutet (3.3.1 und 2 / 3.22.3 und 4). Er deutet die Zeichen, beobachtet die Stadt und ihre Einwohner, versucht sie durch die von ihren ,,Parasiten" weggeworfenen Dinge zu verstehen (5.11.8 und 9). Rorschach verlässt sich ausschliesslich auf sich selbst und das Selbstgesehene (,,I've seen signs", 3.3.2), zieht daraus seine Schlüsse und entwickelt seine Theorien über das Geschehene; in wie fern diese mit der Realität übereinstimmen ist jedoch fraglich (2.25.5 / 5.11.6 / 5.24.2 und 3). Eine andere Informationsquelle Rorschachs ist die rechts orientierte Zeitschrift ,,New Frontiersman" (3.3.1 / 3.22.1) und den ,,National Examiner" (3.3.2), eine nicht sehr seriöses Revolverblatt. Er ist durch und durch ein Einzelgänger und Einzelkämpfer. Dennoch hat Rorschach seine Vorbilder, in deren Fusstapfen er gerne treten würde, wie zum Beispiel Ex - Präsident Truman oder seinen Vater, den er zwar nie kennen gelernt hat (6.2.2), der aber für ihn den ehrlichen, hart arbeitenden kleinen Mann verkörpert (1.1.4).

2.2.2. Rorschachs Methode um seine Ziele zu erreichen

Rorschachs meist angewandte Methode seine Ziele zu erreichen ist Gewalt (1.4.7). Er geht bei seiner ,,Recherche" wie auch bei der Bestrafung der Verbrecher mit äusserster Brutalität (5.6.4 / 6.24 und 25) vor. Er vergilt ,,Gleiches mit Gleichem" (6.14.6 / 6.18.3) und geht dabei keinerlei Kompromisse ein (10.22.6), wie man in der Missachtung des so genannten Keene Acts5 von 1977 und seiner Bereitschaft für seine Ideale zu sterben (12.24.4). Jedoch übernimmt er jede Verantwortung für sein Handeln, da er davon ausgeht, dass das Leben zufällig und ohne jeden Sinn ist. Rorschachs Überzeugung nach gibt es nichts Gottähnliches, das dem Menschen eine Richtung für sein Handeln vorgibt oder moralische Grundprinzipien definiert (6.26.2 bis 5). Die Menschheit ist auf sich allein gestellt und muss die Verantwortung für ihr Handeln selbst tragen, hat aber dafür auch immer die Wahl das Richtige zu tun (,,Don't tell me they didn't have a choice.", 1.1.5). Er selbst rechtfertigt sein Tun mit seiner Berufung das Böse zu bekämpfen als animalischen Trieb, als inneren Drang oder als seine Persönlichkeit (2.26.5 / 6.15.6). Diese unterlag in seinem Fall einer tiefgreifenden Veränderung als er von Kovacs zu Rorschach, den er als seine wahre Identität sieht, wurde und seine Maske seit dem als sein wahres Gesicht sieht (5.11.1 und 3 / 5.18.6 und 7 / 5.28.7). Die Maske, selbst geschneidert aus einem Kleid (6.10.4 und 9), verändert sich, ist ohne Konturen und erinnert an den Rorschach - Test und gab Walter Kovacs seinen ,,Superhelden"- Namen. Walter Kovacs ist für ihn seither nur noch eine Tarnung um tagsüber unerkannt durch die Stadt laufen zu können (5.11.3). Kovaks ist unauffällig, wortkarg (6.1.3), klein (5.28.6 / 6.2.3) und hässlich (5.28.7 / 6.1.5), obwohl er nicht dumm zu sein scheint, da er in seinem Tagebuch, das er als Rorschach schreibt, viele Metaphern und Zitate verwendet (1.14.3 / 1.16.8). Die meistens auf den Tod, Verfall und die Vergänglichkeit oder auf das Alte Testament beziehen (10.20.7 / 10.22.3). Der tiefe Einschnitt veränderte sein ganzes Wesen, seine Stimme veränderte sich, seine Sprache wurde abgehackter, er spricht in unvollständigen Sätzen, wirkt unmenschlich und hart (6.14.4 und 5). Er wird zum Einzelkämpfer, der keine Freunde hat (2.26.2 / 6.2.4 / 6.15.1). Dass er weder Lust, noch Schmerz, noch Angst, noch Schwäche spürt (5.18.6) verstärkt diesen Eindruck noch zusätzlich. Auch seine Eigenarten nur nachts (1.14.2), in der Dunkelheit und in der Unterwelt zu arbeiten (1.14.6 / 10.9.5 und 6), immer ungefragt und unerwartet (1.20.7 / 5.4.1) in fremden Wohnungen durch die aufgebrochene Hintertür (1.10.3 / 1.19.6 /3.24.5 / 5.23.6 / 6.18.7 / 12.14.5) oder das Fenster aufzutauchen (1.6.1 / 1.18.2 / 10.19.1), wirken zusätzlich unterstützend. Das gibt ihm auch eine Aura der Unfassbarkeit und der Unberechenbarkeit und lassen ihn dadurch mysteriös und unheimlich erscheinen. Obwohl sein Äusseres sehr ungepflegt (1.14.2 / 5.11.4) und abstossend wirkt, erinnert sein Outfit mit dem Hut, Trenchcoat und den Handschuhen (5.18.6) an einen Geheimagenten oder einen Privatdetektiv. Aber betrachtet man das dem fünften Kapitel seine Überschrift gebende Gedicht ,,The Tyger" (1794, ,,Songs of Experience") von William Blake (1757 - 1827), kann man die drohende Gefahr, die von Rorschach ausgeht ahnen. ,,Fearful Symmetry" (V.4, Minstrels. The Tyger - William Blake) ist der Leitfaden, der die angsteinflössende Zeichnung eines lauernden Tigers bezeichnet und der hier an Rorschachs Maske mit ihrem wechselnden Ausdruck erinnert und sich durch das ganze Kapitel durchzieht. Der beschriebene Tiger, der im nächtlichen Wald seinem Opfer auflauert, dient als Metapher zu Rorschachs ganz eigene, animalische Art (5.26.9) auf ,,Informantensuche" zu gehen. Gleichzeitig ist die Frage der nächsten beiden Zeilen (,,What immortal hand or eye / Could frame thy fearful symmetry?", V.3 und 4, Minstrels. The Tyger - William Blake) eine Andeutung auf Rorschachs Verhaftung durch Veidts Komplott (5.25.3 und 28.3) und seinen Tod in der Antarktis durch Jons unsterbliche Hand (12.24.4). Das Gedicht handelt im Ganzen von ,,der dunklen Seite" der Schöpfung, der Frage ob der Schöpfer wohl gelächelt hat als er den Tod bringenden Tiger erschuf. Dieses Gedicht muss auch im Zusammenhang und Widerspruch mit dem Gedicht ,,The Lamb" aus ,,Songs of Innocence" (1789, Romantic Circles High School. William Blake, ,,The Tyger" and ,,The Lamb") gesehen werden. Das Lamm und der Tiger zeigen die zwei konträren Seiten der menschlichen Seele, die Unschuld und die Lebenserfahrung. Blake Ansicht nach entwickelte der Mensch sich durch das Durchleben beider Stadien und erreichte dadurch letztendlich eine höhere Bewusstseinsstufe (Minstrels. The Tyger - William Blake. 15.09.2000.). Demnach hat Rorschach also eine Entwicklung vom unschuldigen Kind (,,das Lamm") zum animalischen Rächer (,,der Tiger") durchgemacht. Geprägt von Gewalt, die er als kleiner Junge von seiner Mutter erfuhr (6.4.5 bis 8) und mit der er immer wieder im Laufe seines Lebens konfrontiert wurde (6.6.9), kann er nicht anders als mit Gewalt reagieren (6.7.2 bis 6). Daran lehnt sich auch das Zitat des sechsten Kapitels von Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) an. ,,The Abyss gazes also" (146, Nietzsche, Friedrich Wilhelm. Beyond Good and Evil) aus ,,Jenseits von Gut und Böse" (1886) deutet Rorschachs Konditionierung seit frühester Kindheit an. ,,Battle not with monsters, lest ye become a monster" (6.28.9) veranschaulicht, dass Rorschach durch die ständige Konfrontation mit Gewalttätern wohl selbst zu einem ,,Monster" wird. Das einschneidenste Ereignis auf diesem Weg dorthin ist die Entführung der kleinen Blaire Roche 1975 (6.18.1 und 2). Als er ihren Tod auf grausamste Weise rächt (6.18 bis 26), wird aus Kovacs, dem ,,Mann in einem Kostüm" (6.15.1), Rorschach, neugeboren und befreit seinen eigenen moralischen Vorstellungen zu folgen (6.26.6). Der Abgrund in den er starrt als er in das Feuer sieht (6.25.8), scheint also auch ihn an zu starren (,,and if you gaze into the abyss, the abyss gazes also into you"; 6.28.9). Dieses Motiv findet sich auch noch einmal in der Beschreibung des Gefängnispsychiaters wieder (6.1.5 / 6.2.1 / 6.16.4). Ob Rorschach jedoch ,,nur" auf die Gewalt und Ungerechtigkeit seiner Umwelt überreagiert (6.16.2) oder ob er das ,,wahre Gesicht" der Welt erkannt hat (,,I have seen its true face.", 1.1.1) bleibt dahin gestellt. Letztendlich kostet ihn seine Überzeugung und sein Kampfgeist das Leben (,,Never compromise.", 12.20.9)

3. SCHLUSSBEMERKUNG

Ist planendes Handeln also möglich? Nur sehr bedingt, wie wir an den Figuren in Watchmen sehen können. Rorschach und Adrian Veidt versuchen beide das Schicksal der Welt zu lenken. Sie glauben durch ihr Wissen alle Faktoren berücksichtigen zu können und die Realität als Ganzes zu erfassen. Jedoch scheitern beide daran, dass die Wirklichkeit zu komplex und kompliziert ist um jemals ganz verstanden zu werden. Rorschach opfert für seine Ideale sein Leben. Seine Prinzipien lassen ihm keinen Spielraum und keine Ausweichmöglichkeiten. Auch geistig bewegt er sich in seiner eigenen Realität und verfolgt nur sein, von seinen moralischen Werten festgelegtes Ziel. Veidt muss, trotz seiner umfassenden Planung und seinem unerschöpflichen Drang nach Information, erkennen, dass er niemals alle Faktoren berücksichtigen kann. Letztendlich scheitern beide an der Unberechenbarkeit der Welt.

Bibliographie

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Romantic Circles High School. William Blake, "The Tyger" and "The Lamb". Hypertext Reader. 15.09.2000. [http://www.rc.umd.edu/rchs/reader/tygerlamb.html].

[...]


[1] Die Zitierweise stellt sich wie folgt dar: die erste Ziffer bezeichnet das Kapitel, die zweite die Seite und die dritte das Panel

[2] Ein weiterer ,,kostümierter Held", der als Comedian für die Regierung arbeitete

[3] Daniel Dreiberg, der als Night Owl verkleidet ebenfalls Verbrecher bekämpft

[4] Jon Osterman, alias Dr. Manhatten, der einzige ,,wirkliche" Superheld mit übernatürlichen Kräften

[5] Ein Gesetz, dass die maskierte Verbrechensbekämpfung, ausgenommen im Dienste des Staates, untersagt.

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Details

Titel
Komplexe Welt und planendes Handeln am Beispiel zweier Figuren aus Alan Moores "Watchmen"
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V98190
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Komplexe, Welt, Handeln, Beispiel, Figuren, Alan, Moores, Watchmen
Arbeit zitieren
Franziska Kaltenegger (Autor), 2000, Komplexe Welt und planendes Handeln am Beispiel zweier Figuren aus Alan Moores "Watchmen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98190

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