Die Leere der Sprache. Die Sprachkrise bei Hofmannsthal und Nietzsche

"Der Brief des Lord Chandos" von Hugo von Hofmannsthal und "Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne" von Friedrich Nietzsche


Seminararbeit, 2019

14 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Sprachkrise um 1900
2.1. Hintergründe
2.2. Der Wandel der Sprachauffassung

3. Sprachkrise in “Ein Brief”?
3.1. Hinweise auf eine Sprachkrise bei Hofmannsthal
3.2. Zwei Arten der Poetik bei Hofmannsthal
3.2.1. Laktopoetik
3.2.2. Sakrifizielle Poetik
3.3. Die Ratten-Szene
3.3.1. Wechsel der Poetiken
3.3.2. Das Tierbild der Ratten bei Hofmannsthal

4. Die Sprachkrise bei Friedrich Nietzsche
4.1. Anthropozentrismus der Sprache
4.2. Die Sprache als Metapher
4.3. Das Vergessen des Vergessens

5. Sprachkrise - Hofmannsthal vs. Nietzsche

6. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Auch wenn man bei dem Begriff “Medium” nicht unbedingt als Erstes an die Sprache an sich denkt, so ist sie doch das mit Abstand am häufigsten verwendete Medium. Die menschliche Sprache ist ein Phänomen, das als wichtigstes Kommunikationsmittel der Spezies nicht mehr wegzudenken ist und dessen immerwährende Omnipräsenz mit einer Selbstverständlichkeit hingenommen wird, wie bei keinem anderen existenten Medium.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts trat erstmals ein Wandel in Bezug auf die bisherige Unantastbarkeit der Sprache als unfehlbares Kommunikationsmittel auf. Dieser wirkte bis in das 20. Jahrhundert hinein und wurde von mehreren Schriftstellern in ihren Werken thematisiert.

Unter den zahlreichen Texten, die sich mit der Sprachkrise beschäftigen, wird in dieser Proseminararbeit ein besonderes Hauptaugenmerk auf die Texte “Der Brief des Lord Chandos” von Hugo von Hofmannsthal und “Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne” von Friedrich Nietzsche gelegt. Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, welche Hinweise sich auf die damals herrschende Sprachkrise in den beiden oben genannten Texten finden lassen, und wie diese Texte anhand ihres Inhalts miteinander verbunden werden könnten.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile, wobei im ersten Teil der Begriff der Sprachkrise in Bezug auf ihr Auftreten und ihre Auswirkungen in der Literatur und die Hintergründe zu deren Entstehung beschrieben wird. Anschließend werden bei den beiden oben genannten Texten mithilfe von Sekundärliteratur mehrere Zugänge erschlossen, mit deren Hilfe man die Schriftstücke auf diverse Kriterien, die auf eine Sprachkrise hinweisen könnten, untersucht und analysiert. Der Text “Der Brief des Lord Chandos” enthält eine wichtige Schlüsselszene, deren Analyse einen kurzen Überblick über die Rolle der Tiere in Hofmannsthals Literatur um 1900 geben soll. Am Ende der Arbeit werden die beiden Texte in eine Beziehung zueinander gebracht und die Zusammenhänge abschließend in argumentierender Form und mithilfe von ausgewählten Textstellen erläutert.

2. Die Sprachkrise um 1900

2.1. Hintergründe

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten erstmals Hinweise auf eine sich anbahnende Wende ein, die Reformen in mehreren Bereichen verursachte. Zurückzuführen ist jene unter anderem auf die zahlreichen neuen naturwissenschaftlichen Errungenschaften. Jedoch waren nicht nur Naturwissenschaften, sondern auch humanwissenschaftliche Disziplinen wie die Psychologie und Geisteswissenschaften wie beispielsweise Musik und Malerei davon betroffen und wurden dementsprechend beeinflusst. Die dadurch neu eröffneten Perspektiven sorgten für ein Umdenken in Bezug auf die bisherigen Auffassungen von Bewusstsein und Wahrnehmung. Um 1900 erreichte die Wende schließlich ihren Höhepunkt, weswegen sie auch als “epochale” Wende des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. (Vgl. Andreotti 2002, S. 146)

2.2. Der Wandel der Sprachauffassung

Die Auswirkungen des Umdenkens, welches während der epochale Wende zustande kam, lassen sich in Bezug auf die Sprache vor allem in der allgemeinen Sprachauffassung finden. Ihre bisherigen Funktionen und Möglichkeiten wurden in Frage gestellt. Zuvor ging man fest davon aus, dass es eine Verbindung zwischen dem jeweiligen Objekt und dessen dazugehöriger sprachlichen Benennung gibt. Folglich “entspricht die Ordnung der Sprache der Ordnung des Seins”, was weiterführend zu der Annahme führte, dass die Sprache nichts anderes als die Wirklichkeit abbildet. Die Idee, die Sprache wäre eine Abbildung der Wirklichkeit, existierte bereits zu Zeiten Aristoteles, der auch zur damaligen Zeit schon von “adaequatio intellectus et rei” sprach, was übersetzt “Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand” oder “Einheit von Sein und Denken” bedeuten kann. Dieser Auffassung nach ist es dem Menschen sogar möglich, die Wirklichkeit durch seine Sprache zu formen und zu bestimmen.

Der neue Ansatz zur Sprachauffassung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann unter anderem mit dem französischen Symbolismus, der unter anderem vom Schriftsteller Charles Baudelaires geprägt wurde, dessen Gedichteband “Les fleurs du Mal” eines der ersten Schriftstücke darstellte, in dem eine vollständige Ablösung der Sprache von der Realität, welche sie umgibt, geschieht und die dementsprechend auch in keinerlei Zusammenhang mit der Wirklichkeit steht. Dies markierte den Beginn der Dichtung, die sich nun zu einer Sprachkunst hin wandelte, die von Autonomie geprägt wurde und das Prinzip “L’art pour l’art” (“die Kunst um der Kunst willen”) verfolgte. Obwohl sich mit den Naturalisten, die weiterhin zu beweisen versuchten, dass mithilfe von Sprache die Wirklichkeit widergespiegelt werden könne, eine starke Gegenströmung bildete, führten ihre Bemühungen nur zu einer Bestärkung im Glauben, dass die Wirklichkeit niemals zur Gänze mithilfe von sprachlichen Mitteln abgebildet werden könne. Diese Einsicht, dass Sprache und Wirklichkeit einander niemals vollständig abdecken, führte folglich bei viele Autoren zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu der Erkenntnis, dass zwischen dem Sein und der Sprache keine Identität vorliege. (Vgl. Andreotti 2002, S. 147 f.) Die daraus resultierende Sprachkrise beschreibt eine Art “Verfall”, da das Medium Sprache in seiner Funktion nicht nur eingeschränkt wird, sondern auch eine gewisse Weltfremdheit ausstrahlt. Die Tatsache, dass man mithilfe des Mediums Sprache über das große Problem des Mediums Sprache spricht, scheint besonders paradox. (Vgl. Schwering 2011, S. 61) Die Kritik, welche durch die neuen, von der Sprachkrise beeinflussten, Erkenntnisse entstand, bezog sich hauptsächlich auf den arbiträren Abbildungscharakters der Sprache sowie auf die “ideologisch gewordenen Sprachkonventionen”. (Vgl. Andreotti 2002, S. 148)

“Auf diese Weise nährt die Sprache eine Skepsis gegen sich selbst bzw. artikuliert primär gegen ein Misstrauen”. (Vgl. Schwering 2011, S. 70) Da viele Autoren zu dieser Zeit das Gefühl empfanden, sie konnten der Sprache nicht mehr “vertrauen” und ihr dadurch mit einem gewissen Misstrauen gegenübertraten, bietet sich als Beschreibung des Zustandes, in dem sich viele Autoren befanden, das Wort “Sprachskepsis” an. (Vgl. Schwering 2011, S. 60)

3. Sprachkrise in “Ein Brief”?

3.1. Hinweise auf eine Sprachkrise bei Hofmannsthal

“[...] die abstrakten Worte, deren die Zunge sich doch naturgemäß bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu legen, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.” (Hofmannsthal 2015, S. 37)

Dieses sehr bekannte Zitat von Hugo von Hofmannsthal beschreibt die zur damaligen Zeit vorherrschende Sprachkrise sehr gut und gilt als eines der berühmtesten Sätze, welche sich mit dem Problem der Sprachskepsis auseinandersetzen. Besonders bemerkbar ist hier vor allem die Tatsache, dass Lord Chandos größtes Problem darin besteht, sich mithilfe von Worte auszudrücken, jedoch in dem Brief, in welchem er sein Leiden schildert, dieses Problem auf eine höchst eloquente und rhetorisch sehr geschickte Weise beschreibt. Hier widerspricht also die äußere Form des Textes dessen Inhalt, hier öffnet sich also ein Paradoxon. (Vgl. Schwering 2011, S. 70 f.)

Lord Chandos beschreibt in “Ein Brief” seine hilflose Lage, da er sich in einem Zustand “geistiger Starrnis” (Hofmannsthal 2015, S. 33) befindet und sich scheinbar daraus nicht mehr befreien kann. Sein größtes Problem liegt darin, dass ihm “völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen” (Hofmannsthal 2015, S. 37) sei. Lord Chandos entschuldigt sich jedoch nicht nur für seine Abwesenheit in den letzten zwei Jahren, am Ende des Briefes gibt er noch eine Erklärung ab, dass “ich auch im Kommenden und im Folgenden und in all den Jahren dieses meines Lebens kein [...] Buch schreiben werde” (Hofmannsthal 2015, S. 44), da er von der Sprache, in welcher er denken und schreiben könne, kein einziges Wort kenne. (Vgl. Hofmannsthal 2015, S. 44)

3.2. Zwei Arten der Poetik bei Hofmannsthal

Einen zweiten Zugang, der den Zustand des Lord Chandos eher nicht einer “Sprachskepsis” zuordnet, liefert David E. Wellbery in seinem Aufsatz “Seiltänzer des Paradoxalen”. Stattdessen teilt er Lord Chandos Brief in drei Phasen auf, wobei er den ersten Teil als Phase der “Laktopoetik” bezeichnet, Phase zwei als eine Art Übergangsphase und der dritten Phase den Begriff “sakrifizielle Poetik” zuschreibt. (Vgl. Wellbery 2006, S. 204-215)

3.2.1. Laktopoetik

Bei der Laktopoetik steht das Prinzip des Milchstroms im Vordergrund. Den Zustand, den Hofmannsthal Generell fällt auf, dass Hofmannsthal oft Begriffe verwendet, die mit Liquidität in Zusammenhang stehen. Lord Chandos spricht beispielsweise davon, dass “ [...] die mir im Munde zuströmenden Begriffe plötzlich eine solch schillernde Färbung annahmen und so ineinander überflossen [...]”. (Hofmannsthal 2015, S. 37) In einem weiteren Zitat wird die Milch nicht nur in metaphorischer Weise, sondern wortwörtlich konkretisiert. [...] wenn ich auf meiner Jagdhütte die schäumende laue Milch in mich hineintrank, die ein struppiges Mensch einer schönen, sanftäugigen Kuh aus dem Euter in einen Holzeimer niedermolk, so war mir das nichts anderes, als wenn ich, in der dem Fenster eingebauten Bank meines studio sitzend, aus dem Folianten süße und schäumende Nahrung des Geistes in mich zog. (Hofmannsthal 2015, S. 36)

Die Laktopoetik zeichnet sich durch 3 Merkmale aus: Einerseits durch die “Erfahrung einer kosmischen Alleinheit” und andererseits durch eine starke Ich-Bezogenheit, aus der jedoch eine Einung des Subjekts mit der ganzen Natur hervorgeht, geht man noch weiter, kann man sogar von einer “Bemächtigung und Aufschlüsselung der ganzen Schöpfung” sprechen. In der laktopoetischen Phase finden wir außerdem die literarischen Erfolge des Lord Chandos. (Vgl. Wellbery 2006, S. 204-207) Die sogenannte Sprachskepsis, unter der der junge Lord leidet, lässt sich als eine Strafe auf ein laktopoetisches Vergehen verstehen, da er versucht, die “infantile Phantasiesphäre in der Sprache der Existenz” wirklich werden zu lassen. Nun ist es kein Zufall, dass die Strafe genau dort wirkt, wo das Vergehen begangen wurde, nämlich am Mund, was zu einer Verstummung des Lord Chandos führt. (Vgl. Wellbery 2006, S. 208)

3.2.2. Sakrifizielle Poetik

Die zweite Poetik, die man in Hofmannsthals Text finden kann, ist die sakrifizielle Poetik bzw. die Opferpoetik. Auch hier spielen Begriffe, die in Zusammenhang mit dem Schema Flüssigkeit stehen, eine wichtige Rolle, Lord Chandos wendet beispielsweise die Worte “ein Hinüber fließen in jeme Geschöpfe oder ein Fühlen, das Fluidum des Lebens und Todes, des Traumes und Wachens für einen Augenblick in sie hinüber geflossen ist [...]”. Im Gegensatz zur Laktopoetik, bei der der Strom von Milch im Fokus stand, steht hier das Motiv des Blutes im Vordergrund. Bei der Opferpoetik steht die Ambiguität des Opfers im Vordergrund, in das man sich hineinversetzt, dem zwei verschiedene Rollen zugewiesen werden: Einerseits die Rolle des “Geächteten”, andererseits die von etwas Übernatürlichem. Anstelle Ersteren tritt nun die Fokussierung der “absoluten Verlassenheit”, also des Loslösen von jeglichen Beziehungen des Gegenstandes, in den Mittelpunkt. Die daraus folgende Stummheit darf nicht als ein willkürliches Charakteristikum verstanden werden, vielmehr handelt es sich hier um die “appellosen Ausgesetztheit des nackten Lebens”, wobei hier das “dem Tode ausgesetzt sein” gemeint ist. Die daraus folgende Sprachlosigkeit resultiert einerseits in einer “Neubegründung in einem Bereich jenseits von Kultur” an, andererseits wird durch die Erzeugung von diversen Gefühlsregungen eine spezielle Bindung zwischen dem Zusehenden und dem Opfer erzeugt. Aus dem anschließenden Mord an dem Opfer entspringt nun die Wirkung des Übernatürlichen. (Vgl. Wellbery 2006, S. 226 f.)

[...]

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Details

Titel
Die Leere der Sprache. Die Sprachkrise bei Hofmannsthal und Nietzsche
Untertitel
"Der Brief des Lord Chandos" von Hugo von Hofmannsthal und "Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne" von Friedrich Nietzsche
Hochschule
Universität Wien
Note
2,0
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V983747
ISBN (eBook)
9783346340245
ISBN (Buch)
9783346340252
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachkrise, Hofmannsthal, Nietzsche
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Die Leere der Sprache. Die Sprachkrise bei Hofmannsthal und Nietzsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983747

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