Die ästhetisierende Verfremdung von Gewaltszenen durch Musik in Stanley Kubricks "A Clockwork Orange“


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Wirkungsweise von Musik

3. Die intentionale Verwendung von Musik in Gewaltszenen in „A Clockwork Orange" ...
3.1 Die intentionale Verwendung von Musik im Film
3.2 Szenenanalyse „Vergewaltigungsszene" (TC 00:04:26 - 00:07:29)
3.3 Szenenanalyse „Misshandlung von Mr. und Mrs. Alexander" (TC 00:10:40 - 00:13:19)
3.4 Szenenanalyse „Zuhause mit Ludwig Van" (TC 00:18:24 - 00:20:00)

4. Bedeutung der Musik in „A Clockwork Orange" im späteren Handlungsverlauf
4.1 Die Bedeutung von Beethovens neunter Sinfonie und Alex' Aversionstherapie
4.2 Die Bedeutung von „Singin' in the Rain"

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ein Alptraum aus Sex, Gewalt und Beethoven“.1 So lautet ein Zeitungsartikel der Zeit, der den Film „Uhrwerk Orange“ (Originaltitel: „A Clockwork Orange“)2 rezensiert. Der Film aus dem Jahr 1971 ist ein Werk des Regisseurs Stanley Kubrick und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Anthony Burgess.3

Der Film „A Clockwork Orange“4 handelt von dem jungen Protagonisten Alex, der als Erzähler im „Off“ seine Geschichte erzählt. Sie beginnt mit seiner Zeit als Anführer einer kriminellen und gewalttätigen Jugendbande, die Raubzüge, Vergewaltigungen und letztendlich sogar einen Mord verübt. Es folgt die Inhaftierung des Protagonisten Alex wegen Mordes. Während seiner Gefangenschaft wird Alex einer Rehabilitation mittels Aversionstherapie unterzogen. Die Folgen dieser Maßnahme resultieren in einem Selbstmordversuch nach seiner Freilassung, den der Protagonist jedoch überlebt.

Die offensiven Gewaltdarstellungen in „A Clockwork Orange“ lösten beim Publikum gemischte Emotionen aus: Einerseits waren die Zuschauer geschockt, andererseits auch fasziniert.5 Oftmals wurde dem Film eine Ästhetisierung von Gewalt vorgeworfen.6 Dieser Eindruck wird in „A Clockwork Orange“ insbesondere durch den Einsatz von Musik erzielt. Im Folgenden soll die Funktion der Musik und ihr Einfluss auf die Wirkung einzelner Szenen beurteilt werden. Dazu wird zunächst eine Einführung in die Wirkungsweise von Musik im menschlichen Gehirn geboten. Anschließend daran wird auf die intentionale Verwendung von Musik in Filmen eingegangen. Mit Blick auf den Einsatz von Gewaltdarstellungen und deren musikalischer Untermauerung, werden schließlich drei exemplarische Szenen aus „A Clockwork Orange“ auf ihre emotionale Wirkung hin untersucht. Das letzte Kapitel bietet einen Ausblick auf weitere Verwendungsweisen von Musik und die daraus folgende Intention, die Stanley Kubrick in „A Clockwork Orange“ verfolgt haben könnte.

Um den Rahmen dieser Arbeit etwas einzugrenzen, wird sich auf zwei Szenen aus „A Clockwork Orange“ konzentriert. Diese werden mit Rückgriff auf filmanalytische Fachbegriffe aus den Büchern „Studienhandbuch Filmanalyse“7 und „Filmanalyse“8 in Bezug auf ihre Darstellung von Gewalt analysiert. Die Stellung der Musik wird in diesem Zusammenhang versucht mittels unterstützender Sekundärliteratur einzuschätzen. Aufgrund des geringen Umfangs dieser Arbeit kann längst nicht auf alle Aspekte, die das Thema der ästhetisierenden Verfremdung der Gewalt durch Musik in „A Clockwork Orange“ umfassen, eingegangen werden. Es soll lediglich ein kleiner Einblick in die weitläufige Thematik geboten werden.

2. Die Wirkungsweise von Musik

Wie Musik das menschliche Gehirn unterbewusst beeinflusst, ist bereits gut erforscht. Ulrike Quast fasst die Thematik in ihrem Buch „Leichter lernen mit Musik“9 gut zusammen: Durch Musik werden im Gehirn evolutionsbiologisch ältere Teile im Stammhirn aktiviert. Die Nervenbahnen laufen über das Zwischenhirn weiter zum limbischen System. Dort befindet sich unser Motivationsund Emotionszentrum sowie auch das vegetative Nervensystem, welches sich nicht willentlich steuern lässt. Damit lassen sich emotionale Reaktionen auf Musik erklären: Informationen, welche mit Musik einhergehen, bilden so im subkortikalen Bereich die Grundlage dafür, dass spezifische Verhaltensweisen ausgelöst werden.10

So wurde Musik aufgrund ihrer Einsatzfähigkeit zur emotionalen Steuerung schon seit der Antike zur Machtausübung und zur staatlich geregelten Kontrolle verwendet. Auch im deutschen Nationalsozialismus wurde Musik in ihrer Funktion zur Beherrschung der Emotionen der Bevölkerung eingesetzt.11 Dass Musik einen stark beeinflussenden Charakter hat, ist somit außer Frage. Auch in Filmen wird sie intentional dazu eingesetzt, den Rezipienten zu beeinflussen und emotional zu steuern. Im Folgenden wird darauf näher eingegangen.

3. Die intentionale Verwendung von Musik in Gewaltszenen in „A Clockwork Orange"

3.1 Die intentionale Verwendung von Musik im Film

In der Regel werden Handlungsabläufe durch Filmmusik unterstrichen, etwas angekündigt oder eine Verbindung zwischen dem Gezeigten gezogen. Sie wird aber vor Allem für eine emotionale Steuerung des Rezipienten eingesetzt.12 Diese funktioniert am besten unbemerkt, also im Unterbewusstsein des Menschen.13

Die Wahrnehmung einer Filmszene hängt also stark von der hinterlegten Musik ab. Während in älterer Literatur die Hauptaufgabe der Musik im Film noch als begleitende Musik, die den Stimmungsgehalt der Filmbilder betont, gesehen wurde14, weiß man heutzutage, dass es weitaus mehr Funktionen von Filmmusik gibt. So kann die Musik sich, anstatt das Geschehen zu unterstreichen und in seiner Wirkung zu verstärken, auch kommentierend oder kritisch distanzierend zum Gezeigten verhalten.15

Im extremsten Fall widerspricht die Musik voll und ganz den Bildinhalten des Films. Der renommierte Musikwissenschaftler Hansjörg Pauli spricht in diesem Fall von einer Kontrapunktierung.16 Darunter versteht er, dass der Ausdruck der Musik „zum Ausdruck der Bilder in klarem Widerspruch steht“.17 Das Gesehene ruft somit beim Rezipienten konträre Emotionen hervor, zu denen, die durch das Gehörte hervorgerufen werden.

Die zu untersuchenden Szenen aus dem Film „A Clockwork Orange“ stellen auf der bildlichen Ebene Gewalt dar. Auf der akustischen Ebene jedoch hört man etwa heitere Musik, die dem emotionalen Gehalt des Gezeigten widerspricht. Im Folgenden soll diese Kontrapunktierung und die damit verbundene Wirkung auf den Rezipienten anhand dreier Beispielszenen genauer betrachtet werden.

3.2 Szenenanalyse „Vergewaltigungsszene" (TC 00:04:26 - 00:07:29)

Relativ zu Anfang des Films wird die der Kampf zwischen Alex‘ Jugendgang einer verfeindeten Gang dargestellt. Während der Szene hört man einen heiteren Part aus der Ouvertüre von „La gazza ladra“ („Die diebische Elster“) von Gioachino Rossini.18

Die Szene spielt bei einem alten, verlassenen Spielcasino. Auf einer Konstruktion, die sehr nach einer Bühne aussieht, versucht „Billyboy“ mit seinen vier „Droogs“ eine Frau zu vergewaltigen, oder wie Alex es nennt „das alte Rein-Raus-Spiel“ (TC 00:04:48) zu spielen. Die Frau kreischt und wird von den Männern hin- und hergerissen. Es sieht aus wie eine Choreographie zu der Musik von Rossini, die auf einer Bühne vorgeführt wird. Jedoch stellt die Szene eine Gewalttat dar. Billy Boy und seine Bande werden von Alex und seinen Freunden unterbrochen, sodass die Frau fliehen kann. (ab TC 00:05:47) Es folgt eine Massenschlägerei zwischen den verfeindeten Banden. (ab TC 00:06:23) Auch hier wirkt es teilweise so, als seien die schlagenden, tretenden und fallenden Personen und die Zertrümmerung von Gegenständen wie in einer „Prügel-Choreographie“ auf die Musik angepasst. Als die Schlägerei dadurch, dass Alex innehält und die anderen alarmiert, weil er Polizeisirenen hört, langsam ein Ende nimmt, wird auch die Musik ruhiger. (00:07:11) Sie nimmt wieder Fahrt auf, als Alex‘ Bande aufspringt und flüchtet. (00:07:24)

[...]


1 Die Zeit, ZEIT ONLINE GmbH, unter: https://www.zeit.de/1972/13/ein-alptraum-aus-sex- gewalt-und-beethoven[abgerufen am 01.03.2019].

2 Uhrwerk Orange, Regie: Kubrick, Stanley, DVD, Warner Bros. 1971.

3 Anthony Burgess: A Clockwork Orange, London 1962.

4 Aus Gründen der Einheitlichkeit und aufgrund des hohen Wiedererkennungswerts des Originaltitels „A Clockwork Orange“, wird der Film in dieser Arbeit mit dem englischen Originaltitel angesprochen.

5 Vgl. Andreas Ja>

6 Vgl. z.B. Stephan Sperl: Die Semantisierung der Musik im filmischen Werk Stanley Kubricks, Würzburg 2006, S. 15 ff.

7 Benjamin Beil/ Jürgen Kühnel/ Christian Neuhaus: Studienhandbuch Filmanalyse. Ästhetik und Dramaturgie des Spielfilms, Stuttgart 2012.

8 Oliver Keutzer: Filmanalyse, Wiesbaden 2014.

9 Ulrike Quast: Leichter lernen mit Musik. Theoretische Prämissen und Anwendungsbeispiele für Lehrende und Lernende, Bern 2005.

10 Vgl. ebd., S. 43.

11 Vgl. Manfred Spitzer: Musik im Kopf. Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk, Stuttgart 2009., S. 383.

12 Vgl. ebd., S. 418.

13 Vgl. ebd., S. 424.

14 Vgl. Rudolf Arnheim: Film als Kunst. Mit einem Vorwort zur Neuausgabe, München 1974, S. 302ff.

15 Vgl. Wolfgang Thiel: Filmmusik in Geschichte und Gegenwart, Berlin 1981, S. 65.

16 Vgl. Hansjörg Pauli: „Filmmusik: ein historisch-kritischer Abriß", in: Musik in den Massmedien, Rundfunk und Fernsehen, hg. v. Hans-Christian Schmidt, Mainz 1976. S. 91-119, S. 104.

17 Ebd.

18 Rossini, Gioachino/ Benda, Christian: „La gazza ladra", spotify:track:3VaCpod81lyosglnknTNlg, Naxos 2012.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die ästhetisierende Verfremdung von Gewaltszenen durch Musik in Stanley Kubricks "A Clockwork Orange“
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
„Film und Filmpraxis: Filmproduktion - Von der Idee bis zur Premiere“
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V983748
ISBN (eBook)
9783346340221
ISBN (Buch)
9783346340238
Sprache
Deutsch
Schlagworte
A Clockwork Orange, Uhrwerk Orange, Musik, Ästhetik, Verfremdung, Psychologie, emotionale Steuerung durch Musik, Filmmusik
Arbeit zitieren
Mia Dshamilja Aimée Paetzold (Autor), 2019, Die ästhetisierende Verfremdung von Gewaltszenen durch Musik in Stanley Kubricks "A Clockwork Orange“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983748

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