Das Verhältnis von Aristoteles und Phyllis. Böse Verführerin oder verletzte Minneheldin?


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Kapitel:
1. List und Rache
1.1. Inhaltsangabe Aristoteles und Phyllis
1.2. Alexander und Phyllis

2. Kapitel:
2. Der Baumgarten und der Racheplan
2.1. Minnesklaven

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

5. Quellenverzeichnis

6. Anlage

Einleitung

Das Motiv der Phyllis, die auf dem Rücken des Philosophen Aristoteles reitet, ist ein beliebter Schwank. Gerne wird darüber gewitzelt, wie der alte Greis sich von einem jungen Kammerfräulein bloßstellen lassen konnte und wie Phyllis es schaffte, die rationale Vernunft des Weisen mit ihrer Weiblichkeit auszuschalten. Allerdings steckt hinter diesem Motiv mehr, als man vermutet. Dies bringt mich dazu, die Umstände und vor allem die Beweggründe von Phyllis zu hinterfragen und zu untersuchen. Daher beschäftigt mich die folgende Frage: Ist Phyllis eine böse Verführerin, die Aristoteles überlistet oder ist sie eine verletzte Minneheldin, die ihre zerstörte Liebe rächt?

Um diese Frage beantworten zu können, widme ich mich im ersten Kapitel zunächst der Begriffserklärung der Begriffe List und Rache und inwieweit diese Begriffe auf Phyllis und ihr Verhalten zutreffen. Im weiteren Verlauf erfolgt eine Zusammenfassung der Erzählung Aristoteles und Phyllis, welche für die Bearbeitung der Forschungsfrage eine wichtige Rolle spielt. Im zweiten Teil des ersten Kapitels gehe ich auf Phyllis und den Verlust ihres Geliebten ein, ausgelöst durch Aristoteles. Darauf folgt die Durchführung ihres Plans, diesen Verlust zu vergelten und den längeren Prozess ihres Herrichtens für das Treffen mit dem alten Philosophen. Einen Forschungstext aus „Entblößung Verhüllung“ von Martina Feichtenschlager nutze ich für die Interpretation der Kleiderwahl von Phyllis. Das zweite Kapitel behandelt den Ort der Vergeltung, den Baumgarten, welchen ich mit Hilfe des Textes „>Geschlechtsverkehr< in Diskursen des 12. und 13. Jahrhunderts“ von Gert Hübner analysiere. Zur Analyse des Baumgartens beziehe ich ebenfalls das Werk „Das Paradies ein Garten - der Garten ein Paradies“ von Ursula Frühe mit ein. Im zweiten Abschnitt des zweiten Kapitels widme ich mich der Thematik der Minnesklaven und nutze dafür den Aufsatz „Der Topos von den Minnesklaven“ von Friedrich Maurer.

Im dritten und letzten Kapitel ziehe ich das Fazit meiner Bearbeitung der Forschungsfrage.

Um die Forschungsfrage beantworten zu können, müssen wir uns erst einmal der Definition der Begriffe List und Rache zu wenden.

1. List und Rache

Der Begriff der List setzt sich damit auseinander, dass die List ein Mittel ist, um jemanden zu täuschen und somit etwas zu erreichen, was unter den wahren gegebenen Umständen nicht möglich gewesen wäre. Eine Auswahl der Synonyme für den Begriff List sind: Trick, Manöver, Masche, Klugheit, Täuschung, Irreführung. Auf den Begriff der Irreführung würde ich gerne im Zusammenhang mit Phyllis und ihren Plan eingehen. Das Herrichten und Hübsch machen hatte nicht das primäre Ziel Aristoteles in die Irre zu führen, sondern ihn eher zu betören und seine Aufmerksamkeit zu erregen. Die List bestand eher darin, ihm eine gemeinsame Nacht zu versprechen, wenn er sich dafür im Gegenzug wie ein Pferd satteln lässt, so dass sie auf ihm durch den Baumgarten reiten kann.

Der Begriff der Rache beschreibt die Vergeltung einer Tat, bei dem der Beschädigte einen persönlichen Schaden davontrug. Einige Synonyme für den Begriff Rache wären: Lehre, Reaktion, Berechnung, Strafe, Ausgleich und Hass. Der Begriff Ausgleich wäre in diesem Schwank eine Bezeichnung, die passend für das Vorgehen von Phyllis wäre. In dem sie Aristoteles öffentlich zum Narren hält, erhält sie den Ausgleich für den Verlust ihrer Liebesbeziehung mit Alexander und den beinahe Verlust ihres Ansehens vor König Philipp und seiner Frau, der Königin. In der Erzählung spielen List und Rache eine gemeinsame Rolle, beides wird gebraucht, damit Phyllis ihre Schmach vergelten kann.

l.l. Inhaltsangabe Aristoteles und Phyllis

Aristoteles, ein sehr alter und kluger Philosoph, wird von König Philipp als weiser Gelehrter einbestellt und es wird ihm der Auftrag erteilt, seinen Sohn Alexander zu unterrichten.Er nimmt diese Aufgabe dankend an, für die er vom König auch reich entlohnt werden soll.

Der Unterricht läuft anfangs gut und Aristoteles kann seinem Ruf als weiser Mann alle Ehre machen, allerdings bemerkt er eine immer höhere Unkonzentriertheit seines Schülers Alexander und vermutete die Minne dahinter. Er soll Recht behalten, denn während Alexander sich eigentlich auf den Unterricht konzentrieren sollte, verliebt er sich unsterblich in Phyllis, das edle und schöne Kammerfräulein der Königin. Sie treffen sich so oft es möglich ist und auch Phyllis verliebt sich in Alexander. Diese junge Liebe ist gerade am Erblühen, als Aristoteles den Grund für das Versagen von Alexander herausbekommt und dies dem König mitteilt. Der König ist so erzürnt darüber, dass er Phyllis tadelnd zur Rede stellt. Sie beteuert ihre Unschuld und sie und Alexander sind nun fortan unter strenger Beobachtung.

Beide leiden an schmerzhaftem Liebeskummer, beide verspüren keinen Frohsinn mehr und sind unglaublich betrübt. Die Minne hat sie beide so ergriffen, dass sie vor Sehnsucht nacheinander nicht mehr klar denken können. Da fasst Phyllis einen Plan, wie sie sich an dem alten Gelehrten rächen könne. Sie macht sich besonders hübsch und geht anschließend in den Baumgarten des Palastes und tänzelnd im Garten auf und ab, bis der Greis sie durch ein offenes Fenster bemerkt und er wird sogleich von der Minne erfasst, so dass es ihn heiß und kalt erwischt. Das Feuer der Minne entbrennt in ihm und raubt ihm seine Sinne, macht ihn unfähig, sich dagegen zu wehren. Phyllis geht zum offenen Fenster und spricht den alten Mann an, dass sie gerne für eine kurze Zeit bei ihm verweilen würde, dieser freut sich ungemein darüber und bittet sie sogleich einzutreten. Phyllis, so unschuldig sie sich auch benimmt, verfolgt fest entschlossen ihren Plan und tritt in sein Häuschen. Aristoteles, geblendet von ihrer Schönheit und Anmut, gesteht ihr dies und bietet ihr Geld an, wenn sie ihn eine Nacht bei sich schlafen lässt. Phyllis tut empört und betont, dass sie so nicht ihre Unschuld verlieren möchte. In diesem Moment sieht Phyllis einen Sattel an einer Wand lehnen und ihr kommt der Einfall, der ihre Rache komplettiert. Sie überzeugt den klugen Philosophen davon, dass sie ihre Zeit nicht umsonst mit ihm verbringen könne und sie ihm den Sattel auf seinen Rücken auflegen, den Zaum in seinen Mund legen und auf ihm im Baumgarten reiten möchte, da wo keiner die beiden beobachten kann.

Aristoteles, der weiseste und klügste Philosoph, kommt ihrer Bitte nach, denn er begehrt Phyllis so sehr, dass er bereit ist alles zu tun und ihr Untertan zu sein.

So sattelt sie ihn wie ein Pferd auf und reitet auf ihm durch den Baumgarten. Während sie durch den Baumgarten reiten, singt sie ein Minnelied und der närrische Alte krabbelt aufHänden und Knien.

Als sie am Ende des Gartens ankommen, steigt Phyllis ab und offenbart ihren Plan und verwünscht Aristoteles dafür, dass er ihr ihre Liebe weggenommen hat. Sie verwünscht ihn, dass er die Schande für immer davon trägt und das der Teufel ihn holen kommen soll. Diese ganze Szenerie wird von der Königin und ihren Kammerfrauen beobachtet und alsbald weiß der König, der Hof und der ganze Palast von dieser Demütigung. Aristoteles, der diese Schande nicht mehr ertragen kann, verlässt eine Woche später nachts heimlich den Palast und fährt auf einem Schiff in die Stadt Galicia, wo er ein Buch verfasst, die vor den Fähigkeiten und Künsten der schönen und listigen Frauen warnen sollenn, mit dem Rat, sich gar nicht erst auf diese einzulassen.

1.2. Alexander und Phyllis

Alexander, der sich anfangs als Schüler von Aristoteles gut gemacht hat, war mit den Gedanken zunehmend bei seiner geliebten Phyllis, die Minne hat ihn komplett eingenommen. Er kann nur noch an sie denken und sich nicht auf den Unterricht konzentrieren. Er versucht sich so oft es ging mit Phyllis zu treffen und auch sie entwickelt mit der Zeit eine starke Verliebtheit. Die beiden haben als Treffpunkt für ihre Liebesbesiegelung den Palastgarten ausgewählt. Phyllis muss Alexander versprechen, ihn dort zu treffen. Die beiden Verliebten treffen sich in dem Baumgarten und vereinen sich in einem Liebesakt. Obwohl der Baumgarten an dieser Stelle nicht näher beschrieben ist, wird er noch eine sehr wichtige Rolle in der Verwirklichung von Phyllis' Plan spielen. Der Garten ist ein wichtiges Schlüsselelement in der höfischen Dichtung.

Alexander und Phyllis können sich heimlich in dem Baumgarten treffen und ihre Liebe ausleben. Ein Baumgarten war nicht nur ein Stück Land in der Nähe des Palastes, wie Ursula Frühe feststellt:

„Viel öfter als diese einfachen Burggärten werden von den Dichtern die Baumund Rasengärten genannt, die eigentlichen Lustgärten der höfischen Gesellschaft.“ (Frühe 2002: 203).

Phyllis entwickelt erst mit der Zeit dieselben Gefühle wie Alexander und die beiden treffen sich immer öfter bei Alexander, bis schließlich der Moment kommt und die beiden sich zu einer Liaison heimlich im Baumgarten treffen, denn Phyllis bemerkt, das Alexander ein unbändiges Verlangen nach ihr hat und dass sie ihm diesen Wunsch erfüllen will.

Diese Liebesbeziehung, welche einen romantischen Anfang nahm, sollte jäh beendet werden, denn der Lehrer von Alexander bemerkt natürlich die schwachen Leistungen seines Schülers. Alexanders Vater, der griechische König Philipp, hat nach Aristoteles als Lehrer für seinen Jungen verlangt. König Philipp ist sehr mächtig und genießt ein hohes Ansehen in seinem Königreich, so dass Aristoteles sich es mit ihm nicht verderben will. Damit die mangelnden Leistungen seines Schülers nicht ihm angelastet werden, verrät Aristoteles dem König die Liebesbeziehung seines Sohnes und sorgt dafür, dass diese beendet werden musst. Aristoteles betont außerdem, dass der Sohn durch den Kontakt zu seiner Geliebten vom Pfad der Tugend abgekommen ist. Da der König sehr um den Ruf seines Sohnes besorgt ist, stellt er Phyllis zur Rede und rügt ihr Verhalten so sehr, dass sie ihm mehrmals schwören muss, dass sie in dieser Angelegenheit keine Schuld trägt. Aristoteles ist bekannt dafür, der größte Wissenschaftler und Philosoph zu sein und trägt dem König gegenüber eine große Verantwortung, denn er muss seinem Namen alle Ehre und aus seinem Sohn einen ansehnlichen und klugen Mann machen. Die schwachen Leistungen seines Schülers werfen auch auf ihn ein schlechtes Licht, er hat versagt, ihn ordentlich zu belehren. Aristoteles hat überhaupt kein Verständnis für diese junge Liebe und will, dass diese gestoppt wird, schließlich wurde ihm auch eine ordentliche Belohnung versprochen und dazu wäre er in der Gunst des Königs gestiegen. Phyllis weiß nun, wer ihre Liebesbeziehung auf dem Gewissen hat und erleidet heftigen Liebeskummer. Die Minne hat sie vollends eingenommen und sie hat keine Möglichkeit ihr Verlangen nach Alexander zu stillen und ihn zu sehen. In diesen Momenten der Trauer um ihre Liebe, wird der Gedanke der Rache geboren. Dies bringt mich zu meiner anfangs formulierten Frage:

Ist Phyllis eine böse Verführerin, die Aristoteles überlisten will oder ist sie eine verletzte Minneheldin, die ihre zerstörte Liebe rächen will?

Ein unverzichtbarer Teil ihres Planes umfasste eine makellose Erscheinung. Phyllis gibt sich besonders viel Mühe beim Herrichten. Ihr weißes, seidenes Kleid mit kann als Verbindung zu ihrer weißen, seidigen Haut gesehen werden. Der Pelz, den sie unter dem Kleid trägt und der sie leuchten lässt, ist ein Hermelinpelz. Das reine und stolze Hermelin ließ sich einer Legende nach eher töten, als das es sich sein makelloses weißes Fell beschmutzen wurde. Auch Phyllis will ihre beschmutzte Ehre rächen, denn sie fühlt sich entehrt, da Aristoteles sie vor dem König gedemütigt hat. Der filigrane goldene Haarreif, den sie sich aufsetzt, erinnert in Verbindung mit dem weißen Kleid stark an einen Engel mit einem Heiligenschein. Dies ist für Phyllis hilfreich, da eine unschuldige Erscheinung ihr Vorhaben erfolgreich unterstützen kann. Das weiße Seidenkleid spielt eine große Rolle in der Versnovellistik und wird in vielen verschiedenen Texten erwähnt. Martina Feichtenschlager hat dies treffend festgehalten:

Das weiße (möglicherweise seidene) Kleid steht in einer prekären Relation einerseits zwischen dem Aufzeigen körperlicher Schönheit und Fragilität als Symbol für Unschuld und Reinheit und bedeutet andererseits zugleich eine mögliche Angriffsfläche und damit die Verletzbarkeit des weiblichen Leibes. Es metaphorisiert die weiße, reine Haut, die ebenfalls wie das weiße Kleid als Symbol der Unschuld und Jungfräulichkeit gilt. (Feichtenschlager 2016: 161)

Feichtenschlager bezieht sich dabei auf Brünhild aus dem Heldenepos Nibelungenlied, allerdings kann man diese Beschreibung und Interpretation des weißen, seidenen Kleides auch auf das Kleid von Phyllis beziehen.

[...]

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Details

Titel
Das Verhältnis von Aristoteles und Phyllis. Böse Verführerin oder verletzte Minneheldin?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
Text- und Medienanalyse I
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V983947
ISBN (eBook)
9783346340054
ISBN (Buch)
9783346340061
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhältnis, aristoteles, phyllis, böse, verführerin, minneheldin
Arbeit zitieren
Fulya Sen (Autor), 2019, Das Verhältnis von Aristoteles und Phyllis. Böse Verführerin oder verletzte Minneheldin?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983947

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