Ferdinand Tönnies - Gemeinschaft und Gesellschaft


Seminararbeit, 2000

12 Seiten, Note: 1


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Ferdinand Tönnies - Gemeinschaft und Gesellschaft

In seinem Buch Gemeinschaft und Gesellschaft 1 (1887) definiert und charakterisiert Ferdinand Tönnies zunächst die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft als verschiedene Ausprägungen des menschlichen Zusammenlebens. Nach der Definition dieser Begriffe wendet er sich in dem Kapitel Formen des menschlichen Willens verschiedenen Denkweisen zu, die sich den zuvor besprochenen Einheiten Gemeinschaft und Gesellschaft zuordnen lassen und die Tönnies als Wesenwille und Kürwille bezeichnet.

Zu Beginn seiner Arbeit geht Tönnies davon aus, daß menschliche Wesen immer in einem Verhältnis zu einander stehen. Dieses Verhältnis kann positiv oder negativ sein, da aber nur das positive (3), bejahende Verhältnis auch ein produktives ist, wendet sich Tönnies in seiner Analyse diesem Verhältnis zu. Diese Verbindung von Personen kann laut Tönnies zwei Ausprägungen annehmen: Das Verhältnis kann entweder ein reales und organisches sein und wird dann als Gemeinschaft bezeichnet, die sich durch das intime Zusammenleben einer eng miteinander verbundenen, kleinen Gruppe definiert; oder es kann eine ideelle und mechanische Verbindung sein und wird als Gesellschaft bezeichnet, die eine größere Gruppen von Menschen umfaßt, die nicht notwendigerweise in enger Verbindung, sondern eher nebeneinander stehen. Gesellschaft wird von Tönnies mit Öffentlichkeit in Zusammenhang gebracht.

Tönnies sieht Gemeinschaft als etwas althergebrachtes und ursprüngliches an, während Gesellschaft etwas neues ist, das in erster Linie mit der Entwicklung der Großstadt in Verbindung zu bringen ist.

Gemeinschaft ist das echte, dauernde Zusammenleben, Gesellschaft nur ein vor ü bergehendes und scheinbares. Und dem ist es gem äß , da ß Gemeinschaft selber als ein lebendiger Organismus, Gesellschaft als ein mechanisches Aggregat und Artefakt verstanden werden soll. (4)

Nach der Beschreibung seiner Absicht wendet sich Tönnies nun einer eingehenden Analyse der Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft zu, in der er Funktionsweisen und innere Zusammenhänge zu beschreiben versucht.

Gemeinschaft

Tönnies geht davon aus, daß Gemeinschaft der natürliche und ursprüngliche Zustand des Zusammenlebens von menschlichen Individuen ist. Die Betonung liegt hier auf Zusammenleben, denn die Verbundenheit, die die Individuen zueinander empfinden, ist ausschlaggebend. Tönnies beschreibt drei Arten von Zusammenleben in der Gemeinschaft: Familie, Dorf und Kleinstadt.

Die vollkommenste und engste Form der Gemeinschaft ist die Familie, denn sie stellt den Naturzustand, sprich den Ausgangspunkt menschlichen Zusammenlebens dar. Das Verhältnis, das die Mitglieder dieser Gemeinschaft zueinander haben, ist ein familiäres. Innerhalb der Familie unterscheidet Tönnies noch einmal zwischen vier Verhältnissen, die sich durch ihre unterschiedliche Ausprägung von instinktiver und geistiger Beziehung voneinander unterscheiden.

1. Die Mutter-Kind-Beziehung zeichnet sich in erster Linie durch den Mutterinstinkt aus, der durch die Geburt zustande kommt. Durch die Abhängigkeit des Kindes von der Mutter entsteht zunächst eine leibliche Verbundenheit, die sich mit dem Heranwachsen des Kindes und abnehmender Abhängigkeit durch Gewöhnung in eine geistige Verbindung wandelt. Dankbarkeit und ein Gefühl der Verpflichtung führen dazu, daß auch zwischen erwachsenen Kindern und deren Müttern eine Beziehung weiter bestehen bleibt.
2. Auch die Beziehung zwischen Mann und Weib zeichnet sich in erster Linie durch Instinkte aus. Sexualinstikte führen dazu, daß eine Beziehung zustande kommt. Die daraus hervorgehenden Kinder und der gemeinsame Besitz führen zu einer Festigung dieser Beziehung. Für Tönnies ist der Begriff der Gewöhnung (8) wichtig, da von Natur aus das Weib dem Mann unterjocht ist, was das Weib in Gefahr bringt vom Mann unterdrückt zu werden. Nur durch Gewöhnung und Gefallen kann eine stabile Beziehung erreicht werden.
3. In der Beziehung zwischen Geschwistern spielen Instinkte keine Rolle, sondern sie kommt vielmehr durch Gewohnheit und Gleichheit innerhalb der Familie zustande. Diese Eigenschaft macht sie für Tönnies zur menschlichsten aller Beziehungen innerhalb der Familie.
4. Eine andere Rolle wiederum spielt die Beziehung zwischen Vater und Kind. Hier spielt der Instinkt eine geringere Rolle. Sie zeichnet sich vielmehr durch die Macht und Herrschaft aus, die der Vater aufgrund seines Alters und seiner Position in der Familie auf die Kinder ausübt. Durch die Institution der Ehe kann der Vater sich seiner Vaterschaft sicher sein. Aus dieser Situation geht der Kulturzustand des Patriarchats hervor (9/10). Seine Herrschaft nutzt der Vater dazu, um durch seine Lebenserfahrung seine Kinder zu erziehen. So gibt der Vater in der Gemeinschaft zum Beispiel seinen Beruf an den ältesten Sohn weiter.

Für Tönnies ist der Begriff, der das Familienleben bestimmt, die Eintracht (216). Die Individuen leben und arbeiten gemeinsam und mit der gleichen Gesinnung auf ein einheitliches Ziel hin. Jeder ist sich seiner Stellung in dieser Gemeinschaft bewußt und niemand versucht den anderen zu übervorteilen. Auch innerhalb der Familie gibt es eine Art Arbeitsteilung, die eng mit der Hierarchie der Familie zusammenhängt. So ist die Frau als Mutter der Kinder dem Haus zugeordnet, während der Vater durch seine körperliche Kraft zur Nahrungsbeschaffung und zum Schutz der Familie prädestiniert ist. Sowohl im praktischen, als auch im geistigen Bereich, zeichnet sich die Familie durch ein enges Geflecht von Verbindungen und Abhängigkeiten aus, aus denen jedes Familienmitglied seine Vorteile zieht.

Die Wirtschaftsform, die Tönnies dieser Gemeinschaftsform zuordnet, ist die Hauswirtschaft (216). Sie beruht auf dem gemeinsamen Streben zur Erhaltung des Eigentums, indem Ackerbau und Viehzucht in gemeinsamer Arbeit betrieben werden. Das Verständnis für die Wichtigkeit dieses Bestrebens und der Gefallen an der eigenen gemeinschaftlichen Schaffenskraft sind die Treibfeder dieser Gemeinschaftsform.

Die nächste Form des gemeinschaftlichen Zusammenlebens ist das Dorf, von Tönnies auch als Gemeinschaft des Ortes bezeichnet. Sie geht im wesentlichen aus der Gemeinschaft des Blutes, der Familie hervor. Sie ist in erster Linie eine Gemeinschaft des Geistes, denn gemeinsames Wirken und Walten, das auf ein gemeinsames Ziel gerichtet ist, bestimmt diese Zusammenleben.

Auch in dieser Gemeinschaftsform unterscheidet Tönnies drei Arten der Gemeinschaft: Verwandtschaft, Nachbarschaft und Freundschaft.

1. Verwandtschaft wird konstituiert durch die Gemeinsamkeit des Blutes und des Hauses. Sie wird in erster Linie durch die Eigenschaften charakterisiert, die schon in der Familie beschrieben wurden. Räumliche Gebundenheit und Nähe sind maßgebende Faktoren der Verwandtschaft. Nur im Kreise seiner Verwandten ist der Mensch völlig in der Lage sich ,,zu Hause" zu fühlen.
2. Das Zusammenleben im Dorf bezeichnet Tönnies als Nachbarschaft, die sich durch gemeinsame Arbeit, Ordnung und Verwaltung auszeichnet. Gemeinsamer Besitz und gegenseitiger Genuß machen ein gemeinschaftliches Leben möglich, da durch gemeinsame Güter und Besitz auch gemeinsamer Genuß und Befriedigung zustande kommen. Aber nicht nur Gemeinacker und andere Güter werden geteilt, auch Bräuche und Sitten existieren auf einer gemeinschaftlichen Basis und machen ein Zusammenleben in Gemeinschaft erst möglich.
3. Die dritte Art der Gemeinschaft, die Tönnies beschreibt, ist die Freundschaft. Sie ist weniger durch gemeinsamen Besitz definiert, als durch gemeinsame Denk- und Lebensart. Sie geht oftmals mit der Gleichheit des Berufs einher oder definiert sich als Glaubensgemeinschaft. Da Stabilisationsfaktoren wie Verwandtschaft oder gemeinsamer Besitz fehlen können, muß ein ausreichend starkes geistiges Band geschaffen werden. Wie schon die Geschwisterbeziehung innerhalb der Familie, scheint die Freundschaft innerhalb der Kategorie des Dorfes die menschlichste zu sein.

Dorfleben definiert sich also nach Tönnies durch die Existenz eines Gemeinwesens (216). Auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene wird das Gefüge durch allgemeingültige Sitten und Bräuche aufrecht erhalten. Die wirtschaftliche Form des Dorflebens ist der Ackerbau, der im Rhythmus den die Natur vorgibt, betrieben wird.

Durch diesen Lauf der Dinge ist der Mensch sowohl an seinen Acker als auch an sein Haus gebunden. Aus dieser Bindung heraus entsteht zwangsläufig das gemeinschaftliche Leben, da durch die Gemeinschaft das Leben und Überleben bedeutend erleichtert werden kann. Tönnies geht so weit ,, Zusammenleben als das von Natur gegebene" (21) zu bezeichnen.

Am Ende kommt er zu dem Schluß, daß das Haus, und somit die Großfamilie, der Ort ist, an dem Gemeinschaft in seiner Reinform auftritt. Land- und Hausbesitz sind seiner Meinung nach ausschlaggebend für das richtige Funktionieren von Gemeinschaft. Tönnies unterliegt hier aber einer Selbsttäuschung, denn die Großfamilie beinhaltet neben mehreren Generationen auch Knechte und Mägde, das Gesinde, das vom gemeinschaftlichen Besitz und Genuß innerhalb des Dorfes ausgeschlossen ist. Tönnies Analyse betrachtet also nur diejenigen Individuen, die innerhalb des feudalen Systems Land besitzen und nicht der Leibeigenschaft unterliegen. Seine Ergebnisse sind also zu einem gewissen Maße zu idealistisch gesehen, denn er läßt ein zentrales Problem der Gesellschaft seiner Zeit außer Betracht.

Die dritte Institution der Gemeinschaft ist die (Klein)Stadt. So beschreibt Tönnies die Stadt als ,,gemeinschaftlich lebenden Organismus" (31), in dem sich die einzelnen Glieder in Abhängigkeit voneinander befinden. Die einzelnen Glieder wiederum setzten sich aus Familien und anderen dörflichen Gemeinden wie zum Beispiel Genossenschaften zusammen. Die Beständigkeit ihrer Gemeinschaft machen in erster Linie Sprache, Brauch, Glauben und städtische Einrichtungen aus. So definiert sich die Stadt unter anderem durch Kunst und Handwerk, die den gemeinsamen Geist der städtischen Individuen (vor allen Dingen durch die Darstellung von Gottheiten und verehrungswürdiger Menschen) darstellen und somit einen engeren Zusammenhalt garantieren.

Diese Abbildung von Gestalten und Göttern ruft das Phänomen der Religion hervor, wo der Dörfler Dämonen und Naturgottheiten verehrt, hat sich der Städter durch die Lust am Gestalten die Idee der Religion geschaffen, die durch ihre Institution, die Kirche, sittliche Lehre und Tugend vermittelt. Mit der Errichtung dieser und ähnlicher Institutionen ist die Stadt nun in der Lage durch die Etablierung von Gewissen ihren inneren Frieden und äußerliche Ordnung zu bewahren. ,,Die Stadt ist eine religi ö se Gemeinde" (33).

Mehr als Familie und Dorf ist die Stadt aber auch eine wirtschaftliche Gemeinschaft, diesen Aspekt behandelt Tönnies jedoch im nächsten Abschnitt seines Werkes, der Abhandlung über die Gesellschaft.

Gesellschaft

Die zweite Form des menschlichen Zusammenlebens bezeichnet Tönnies als Gesellschaft. Im Gegensatz zu Gemeinschaft, die eine Einheit von Menschen bedeutet, die mit- und füreinander leben, ist die Gesellschaft die Lebensweise, in der Menschen getrennt von einanderleben hier ist ein jeder f ü r sich allein und, und im Zustande der Spannung gegen alle ü brigen. (35)

Wo das Dorf eine feste Struktur ist, in der jedes Mitglied seinen angestammten Platz hat, ist die Gesellschaft ein System von wechselnden Beziehung. Menschen kommen zusammen, um z.B. Handel zu betreiben. Sie haben eine gemeinsame Absicht, wenn sie ihr Geschäft abgeschlossen haben, lösen sie ihre Verbindung wieder auf um sich anderen Dingen zuzuwenden.

Tönnies sieht den Beweis für seine Argumentation in der Art und Weise, wie Wirtschaft in Gemeinschaft und Gesellschaft funktioniert. Wo in der Gemeinschaft gemeinsam gearbeitet wird, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, und nicht für jede Leistung eine Gegenleistung erwartet wird, erwartet das Individuum in der Gesellschaft für jede Gabe eine Gegengabe, denn jeder ist nur auf seinen eigenen persönlichen Profit bedacht.

Wie auch die Gemeinschaft, teilt Tönnies auch die Gesellschaft in drei Kategorien auf, die jeweils spezifische Eigenschaften aufweisen: großstädtisches Leben, nationales Leben und kosmopolitisches Leben.

Ein wichtiges Indiz für eine (bürgerliche) Gesellschaft innerhalb der Großstadt ist der Tausch, der sich im Lauf der Zeit zu Handel entwickelt hat. Ausschlaggebend für diese Entwicklung ist erneut die Tatsache, daß jedes Individuum auf seinen Vorteil bedacht ist. Arbeitsteilung ist eine weitere Voraussetzung für die Entstehung einer Tauschbeziehung, denn vom Zeitpunkt der Arbeitsteilung an produziert der Mensch nur noch einen Gegenstand und sieht sich damit genötigt, seine weiteren Bedürfnisse durch Tausch zu decken.

Der Tausch von Gütern beinhaltet das Prinzip, daß der Einzelne dem erstrebten Gut einen höheren Wert zuspricht, als dem Gut, das er selbst zu bieten hat. So haben beide Waren einen subjektiv unterschiedlichen Wert, obwohl der Wert durch das Tauschgeschäft objektiv gleich ist. Nur auf diese Weise kann Handel funktionieren.

Um aber nun diesem Chaos von subjektivem und objektiven Wert Einhalt zu gebieten, muß ein allgemeines und absolutes Kriterium für den Wert einer Ware eingeführt werden. Dazu wird der Wert der Ware auf seine Herstellungskosten (inklusive Arbeitszeit) reduziert. Es wird also nicht mehr die Frage nach der Qualität oder der Nützlichkeit der einzelnen Ware gefragt, was zählt ist das ,,Wieviel", der materielle Wert. Zu der Frage nach den Herstellungskosten kommt noch das allgemeine Begehren, so daß das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage geschaffen ist.

Um den materiellen Wert der Waren bestimmen zu können, hat die Gesellschaft einen fiktiven Wert eingeführt, der die Frage nach dem Wieviel in Zahlen ausdrücken kann: das Geld. Mit der Einführung des Geldes ist ein weiterer Schritt hin zur Trennung der Individuen getan, da die Geldwirtschaft Menschen und Dinge rein sachlich behandelt (Simmel 229). Mit der Einführung des Geldes kann sich auch ein Markt etablieren, da durch den allgemeingültigen Wert des Geldes kein individueller Kontakt zwischen Tauschwilligen mehr nötig ist.

Die Einführung der Geldwirtschaft bringt auch weitere Phänomene mit sich. So leben wir heute in einer Dienstleistungsgesellschaft, in der der Dienst eines Individuums an einem anderen in Geld bezahlt wird. Doch dies ist nicht die einzige Möglichkeit Geld ohne Tausch zu verdienen: auch durch Spekulation an der Börse läßt sich Geld verdienen. Diese ,,tauschlosen Verdienstmöglichkeiten" führen dazu, daß der Geldwert eines Landes in der Regel nicht mehr durch einen harten Wert (zum Beispiel durch Gold) gedeckt werden kann. Dadurch wird die Stabilität des Wirtschaftssystems beeinträchtigt.

Handel ist also nach Tönnies die Geistesrichtung der Großstadt. Geld bestimmt aber auch die Hierarchie in der Großstadt, es ist nicht mehr wichtig wer ich bin, sondern eher was ich bin, wieviel Geld und Einfluß ich habe. Wo in der Gemeinschaft Hierarchien nach sozialen Kriterien gebildet werden (der Vater ist das Oberhaupt der Familie) wird in der Gesellschaft in erster Linie nach materiellen Kriterien bewertet.

Weiterhin führt Tönnies das Nationale Leben (216) an, das in der Politik verankert ist. Der Ort, an dem sich dieses Prinzip konstituiert ist der Staat. Die Wirtschaftsform des Staates sieht Tönnies in der Industrie, in ,, vern ü nftiger produktiver Anwendung von Kapital und des Verkaufes von Arbeitskraft" (216). Arbeitsteilung wird in dieser Gesellschaftsform einen Schritt weitergeführt: der Arbeiter ist nicht der Besitzer des Produktes, an dem er arbeitet. Dieses gehört dem Fabrikanten, der dem Arbeiter eine Aufwandsentschädigung für die aufgewendete Arbeit zahlt. Damit begibt sich der Arbeiter jedoch in Abhängigkeit vom Fabrikbesitzer. Diese Arbeitsweise ruft auch eine Entfremdung beim Arbeiter hervor, da dieser sich nicht mit seiner Arbeit und dem Produkt identifizieren kann (vgl. Marx).

Die dritte und letzte Form der Gesellschaft ist nun das kosmopolitische Leben, das in der öffentlichen Meinung zum Ausdruck kommt und das sich nach Tönnies in einer Gelehrten- Republik (216) konstituiert. Die damit verbundene Geistesrichtung ist die Wissenschaft, die durch Fragen und Forschung Gesetze aufstellt, die allgemeingültig sein sollen. Diese Meinungen und Ansichten publizieren die Gelehrten in Presse und Literatur (und heute im Fernsehen und Radio) und leisten somit einen maßgebenden Beitrag zur Meinungsbildung. Das kosmopolitische Leben in der Weltstadt verliert aber durch die Vereinnahmung von ,,Welt" ihr individuelles Gesicht, da sie eine Kombination von Menschen und Meinungen aus allen Bereichen ist. (Was ihr meiner Meinung nach aber auch wieder ein neues Gesicht gibt - hier zeigt Tönnies wohl etwas Nationalismus).

Die Hierarchie der Großstadt wird an Intellektualität und Einfluß gemessen. Hier treffen sich Wissenschaftler und Intellektuelle aus allen Teilen der Welt und tauschen sich aus. Wer gehört oder gelesen wird, nimmt eine hohe Position in dieser Gesellschaft ein.

Wesenwille und Kürwille

Neben den Begriffen Gemeinschaft und Gesellschaft formt Tönnies auch die Begriffe Wesenwille und Kürwille. Diese beiden Begriffe stellen zwei Aspekte da, wie das Zusammenleben von Menschen beschrieben werden kann.

... Wesenwille beruht im Vergangenen und mu ß daraus erkl ä rt werden, wie das Werdende aus ihm: K ü rwille l äß t sich nur verstehen durch das Zuk ü nftige selber, worauf er bezogen ist. Jener enth ä lt es im Keime; dieser enth ä lt es im Bilde. (73)

Tönnies unterscheidet zum einen den Wesenwillen, der eine Art soziale Ordnung darstellt, die aufgrund einer natürlichen Ordnung automatisch zustande kommt. Diese Ordnung ist stark von Sitten und Bräuchen und von Religion beeinflußt und kommt in erster Linie in der Gemeinschaft vor. Es ist ein System von Normen, die sich durch den göttlichen Willen rechtfertigen. Diese Normen sind oft nicht gesetzt sondern entstehen je nach Bedarf sozusagen im Unterbewußtsein der Gemeinschaft, so daß sich mit dem Wandel der Zeit auch die Normen ändern.

Begriffe, die Tönnies mit dem Wesenwille in Verbindung bringt, sind unter anderem Gefühl (84), Gefallen und Gedächtnis (85). Diese Begriffe verwendet Tönnies schon, wenn er die Verhältnisse in der Familie beschreibt. Die menschlichen Eigenschaften, die mit dem Wesenwillen in Zusammenhang zu bringen sind, sind die Tugenden: Energie, Tapferkeit und Fleiß(86), daneben Aufrichtigkeit, Güte und Treue (87). Dies sind Charaktereigenschaften, die im Menschen von vornherein angelegt sind und die nicht von außen zu beeinflussen sind. Die Verwendung dieser Begriffe deutet also darauf hin, daß es sich beim Wesenswille um etwas organisches, spontanes und unüberlegtes handelt, das nicht direkt der menschlichen Kontrolle unterliegt. Darüber hinaus sind die Begriffe positiv konnotiert, da sie sich auf das Allgemeinwohl beziehen.

Im Gegensatz dazu entsteht der Kürwille nicht automatisch, sondern auf Beschluß und Betreiben der Individuen hin, die sich ihm unterwerfen sollen. Wo man in der Gemeinschaft von Normen spricht, spricht man in der Gesellschaft von Gesetzen, die durch die Institution des Staates durchgesetzt werden. Diese Gesetze werden geschaffen, um die Verhältnisse und Vorgänge innerhalb der Gesellschaft zu regulieren und um einen geregelten Ablauf von gesellschaftlichen Aktivitäten (wie zum Beispiel Handel) zu garantieren.

Im Zusammenhang mit Kürwille spricht Tönnies von drei Gestaltungen: Bedacht (91), Belieben (92) und Begriff (93) . Diese Begriffe beschreiben weniger charakterliche Eigenschaften als vielmehr menschliche Handlungsweisen. Sie hängen eng zusammen mit dem menschlichen Bewußtsein (95). Es läßt sich also aus diesen Begriffen folgern, daß Kürwille nicht wie der Wesenwille etwas urwüchsiges ist, sondern vielmehr etwas Gemachtes. Kürwille bezieht sich auf eine Tätigkeit, er geht aber nicht wie der Wesenwille in der Tätigkeit auf, sondern bleibt außer ihr. Er ist ein Entschluß, ein Konzept, das zu einem Ziel führt.

Die Gesamtform des K ü rwillens - welche die Elemente des Wesenwillens in sich enthalten - sollen hiernach begriffen werden als Systeme von Gedanken, n ä mlich Absichten, Zwecken und Mitteln, welche ein Mensch als seinen Apparat im Kopfe tr ä gt, um damit die Wirklichkeit aufzufassen und anzufassen, woraus mithin wenigstens die Grundz ü ge seiner willk ü rlichen Handlungen , sofern sie nicht aus den Gesamtformen seines Wesenwillens hervorgehen, abgeleitet werden d ü rfen. (93/94)

Wichtig für das Konzept des Kürwillens ist also das Streben: In §14 beschreibt Tönnies menschliche Eigenschaften, die mit dem Kürwillen einher gehen: Eitelkeit (97), Genußsucht, Geldgier (98), Wißbegier und Herrschaft. Diese Begriffe sind negative belegt, da sie sich nicht auf das Gemeinwahl, sondern auf das individuelle Wohl beziehen.

Ausblick

Gemeinschaft und Gesellschaft lassen sich nicht immer ganz eindeutig trennen. Die Sphären (Großstadt, nationales Leben und kosmopolitisches Leben) sind nicht rein gesellschaftlich, obwohl man von der Familie über die Kleinstadt zu Großstadt bis hin zum kosmopolitischen eine stetige Steigerung der gesellschaftlichen Merkmale beobachten kann. Repräsentiert also die Familie die reinste Form der Gemeinschaft, so finden wir im kosmopolitischen Leben die reinste Form der Gesellschaft.

Es lassen sich jedoch bis heute gemeinschaftliche Züge in der Gesellschaft finden. Mit der Entwicklung der Großstadt ist die Destruktion der Familie als der Hort der Gemeinschaft einher gegangen. Dieser Verlust an Gemeinschaft hat eine gewaltige soziale Umwälzung mit sich gebracht, die sich in vielzähligen Problemen äußert. So läßt sich die zunehmende Jugendkriminalität der heutigen Zeit zu einem gewissen Maße mit dem Verlust der Familie begründen, da der Jugend von heute oftmals der Halt und die Bestätigung innerhalb fehlen.

Tönnies ist jedoch der Meinung, daß mit zunehmender Vergesellschaftung die Gemeinschaft verloren geht:

Zwei Zeitalter stehen mithin, um diese gesamte Ansicht zu beschlie ß en, in den gro ß en Kulturentwicklungen einander gegen ü ber: ein Zeitalter der Gesellschaft folgt einem Zeitalter der Gemeinschaft. (215)

Tönnies steht mit dieser Meinung aber nicht alleine da. Spengler nimmt sich in seinem Roman Der Untergang des Abendlandes dieses Themas an. Auch Großstadtroman und Film der Moderne haben den Verlust von Gemeinschaft zum Thema, zum Beispiel in Metropolis und in Döblins Berlin Alexanderplatz.

Neben Beschreibungen des Lebens in der Großstadt finden sich aber auch Verherrlichungen der Gemeinschaftsidee, zum Beispiel in Grimms Volk ohne Raum. Der Autor Grimm geht davon aus, daß der Lebensraum in Deutschland zu klein wird, als daß alle Menschen in dörflichen Gemeinschaften leben können. Als Alternative zum Stadtleben, das seiner Meinung nach schlecht, weil nicht natürlich ist, will er durch koloniale Landnahme Lebensraum für alle in Afrika schaffen.

Ferner stellt sich auch die Frage, ob und in wie fern Tönnies in seiner Analyse von Gemeinschaft und Gesellschaft ein Werturteil abgibt .

Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll, sondern nur was er kann und - unter Umst ä nden - was er will. 2

Bei Tönnies Text handelt es sich um eine soziologische Analyse von Gemeinschaft und Gesellschaft. Nach Max Weber muß aber die Soziologie immer werturteilsfrei bleiben. Wenn man aber nun Gemeinschaft und Gesellschaft betrachtet, so können Kritiker behaupten, daß Tönnies eine Wertung zugunsten gemeinschaftlicher Lebensformen vornimmt. So bezeichnet er das Leben in der Großfamilie als den Ort, an dem der Mensch bei sich (13) ist. Auch sieht Tönnies meiner Meinung nach die Gesellschaft in einem zu schlechten Licht. Immerhin ist Gesellschaft nichts weiter als ein Versuch, menschliches Zusammenleben auf engstem Raum so zu organisieren, daß ein (Über)Leben möglich ist. Natürlich müssen dabei Abstriche gemacht werden, aber Tönnies übersieht die Vorteile, die sich aus dieser Lebensweise ergeben.

So hat der Mensch innerhalb einer Gesellschaft ein höheres Maß an persönlichen Freiheiten, die ihm in der Gemeinschaft durch das Eingebundensein in die Gruppe nicht ermöglicht wird (Simmel 235). Großstadtleben, neben allen seinen Nachteilen, ermöglicht es also dem Menschen, seine geistige Individualität zu entwickeln (Simmel 239), so daß der Einzelne sein Leben unabhängig von den Menschen um ihn herum frei gestalten kann.

Nach Tönnies bedeutet diese Entwicklung jedoch, daß mit zunehmender Individualisierung jede Handlung innerhalb der Großstadt nur noch als Mittel und Werkzeug zum eigenen Zweck zu sehen ist (212). Die Gesellschaft ist bestimmt von Handel und Geld, die Auswirkungen manifestieren sich in Wucher, der Ausbeutung von Arbeitskräften, der Kapitalisierung von Kunst und der Beeinflussung der allgemeinen Meinung durch Gelehrtenmeiungen.

Tönnies hat hier eine morphologische Auffassung von Abendland, er geht davon aus, daß die Welt, wie wir sie heute kennen, ihrem Ende entgegensieht. Konsequenz wäre also eine Gesellschaft, die alle Eigenschaften der Gemeinschaft verloren hat und in der die Individuen so sehr individualisiert sind, daß keine gemeinschaftlichen Gefühle mehr möglich oder gar nötig sind. Das bedeutet aber auch den Tod der Gesellschaft.

Es mag wahr sein, daß die Familie als Dreh- und Angelpunkt zunehmend an Bedeutung verliert. Würde man jedoch Tönnies folgen, so müßte die Welt mit dem Verlust der Gemeinschaft in ein Chaos stürzen. Es zeigt sich jedoch, daß der Mensch in der Lage ist, andere Gemeinschaften zu bilden, die seinem Leben Halt geben. So lassen sich auch in der Großstadt Freundschaften finden, in denen Menschen gemeinschaftliche Verhältnisse finden. Viele Menschen finden diese Geborgenheit in Kirchen oder in Clubs und Vereinen.

[...]


1 Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft

2 Weber, Max: Die "Objektivit ä t" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1904), in Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1951, S. 151.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Ferdinand Tönnies - Gemeinschaft und Gesellschaft
Veranstaltung
German Culture
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V98548
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ferdinand, Tönnies, Gemeinschaft, Gesellschaft, German, Culture
Arbeit zitieren
Marion Helmle (Autor), 2000, Ferdinand Tönnies - Gemeinschaft und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98548

Kommentare

  • Gast am 19.6.2001

    Reine und angewandte Soziologie bei Tönnies.

    Um Vergebung, wenn ich beim "Ausblick" dieser tüchtigen Übersicht stocke und meine, eine Unklarheit zu erkennen. (Ja, wo denn sonst, als in einem "Ausblick"?)
    In der "Reinen Soziologie" (in der Welt der Begriffe) bei Tönnies sind "Gemeinschaft" und "Gesellschaft" unvereinbar, sie lassen sich IMMER und GANZ EINDEUTIG trennen. Denn: In "Gemeinschaft" (zB Freundschaft, Familie) bejahen deren Mitglieder einander, weil sie diese für den Endzweck, sich selbst für ein Mittel dazu halten. In der "Gesellschaft" (zB moderner Staat, AG) bejahen sie einander, weil sie ebendie "Gesellschaft" für ein gutes Mittel halten, um sich selbst als Endzweck zu nützen. Begrifflich gilt hier: Entweder|Oder. -
    Aber in der historischen (wirklichen) Welt (wo nach Tönnies die "Angewandte Soziologie" ihren Platz hat), ist die Mischung beider unvermeidbar (normal), und man kann den Übergang von "gemeinschafts"-orientierten zu "gesellschafts"-orientierten Kulturen gut verfolgen (vgl. Tönnies in "Geist der Neuzeit" 1936/1998). In beiden Fällen wertet Tönnies nicht. Auch, wenn er voraus sieht, dass eine "gesellschafts"-orientierte Kultur nur gelegentlich zu "Gemeinschaften" zurück steuern kann und an dem Vorwalten "gesellschaftlicher" Formen (wie die Spätantike) untergehen wird. Skepsis gegenüber den Zukunftschancen (neudeutsch: der "Nachhaltigkeit" eines Kollektivs, einer Kultur) kann einfach ein analytisches Urteil sein, ein "Sein" betreffen. Es ist keines Falls notwendig deontologisch (ein "Sollen" aussagend).
    Gruß Ihres Lars Clausen
    Das Thema war damals üblich, freilich ist es sehr boshaft, Spenglers "Untergang des Abendlandes" einen "Roman" zu nennen; er hat es selbst als synthetische ("morphologische") Zeitanalyse angesehen.

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