Sport als Interventionsmaßnahme

Der Einfluss von körperlicher Aktivität auf den Umgang mit Stress


Hausarbeit, 2018

27 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer / empirischer Hintergrund

3. Methode und Ergebnisse

4. Diskussion

Literaturverzeichnis

I. Abstract

Besonders in den westlichen Industrienationen ist er ein verbreiteter Begriff: Stress. Schuld daran sind unter anderem täglich wachsende Ansprüche einer Konsumgesellschaft, in der wir leben. Sport dient als physischer und mentaler Ausgleich, als eine potentielle Interventionsmaßnahme. Im empirischen und theoretischen Teil werden die Bedingungen und Auswirkungen von Sport auf den psychosozialen Wohlstand vorgestellt. In der Diskussion werden Aspekte unter der Prämisse der Hypothese beleuchtet und auf ihre Funktionalität in der Realität geprüft.

1. Einleitung

„Ich bin gestresst!“ Diese Aussage wird beständig im Kontext des subjektiven Wohlbefindens geäußert. Auch beim Absagen von Terminen ist Stress ein häufig vorgeschobenes Argument. Aufgrund der Allgegenwärtigkeit der Aussage wird ihr in der Gesellschaft bedauerlicherweise kaum noch Kraft verliehen, obwohl sich nicht selten deutlich mehr dahinter verbirgt, als zunächst angenommen. In der Regel wird Stress bereits mit einem vielseitigen, arbeitsintensiven, bisweilen überfordernden Alltag, oder dem Ausbleiben von Urlaub gleichgesetzt. Es fängt schon im Säuglingsalter an, wenn die Mutter ihr Kind aus den Händen ins Bettchen legt und das Kind anfängt zu schreien. Es empfindet das erste Mal Stress. Menschen klagen täglich über Stress, und in den meisten Fällen wird die Überarbeitung, Sorge oder die fehlende Freizeit damit gemeint. Somit ist das Wort Stress in den alltäglichen Wortgebrauch des Einzelnen eingegangen. Jeder Mensch wird täglich mit ständig wechselnden Anforderungen konfrontiert, auf die er gestresst reagiert. Chronische Zustände und exzessiv anhaltende Stresslevel können einerseits zu schweren physischen Erkrankungen, wie kardiovaskulären Krankheiten, Immunschwächen, Stoffwechselschäden, oder gar zu Schlaganfällen führen, genauso aber auch andererseits psychische Schäden, wie Depressionen oder Burnout verursachen. (vgl. Mücke et al. 2018, S. 3) Da Stress als abstrakter Begriff wie oben beschrieben vielfältigste Interpretationen auslöst und nur schwer greifbar ist, stellen sich signifikante Fragen bezüglich seiner Definition. Was ist Stress per Definition, an welcher Stelle beginnt er, wie weit bleibt er individuell erträglich und wo liegt sein Übergang zur chronischen Krankheit? Wie viele Menschen sind tatsächlich von Stress betroffen? Wie ist mit Stress umzugehen?

Da Berufswechsel oder gar Auszeiten nur selten realisierbar sind, suchen zahlreiche Menschen in ihrer Freizeit oder gar berufsbegleitend einen körperlichen Ausgleich. Sport scheint hier eine gängige Methode zur Stressbewältigung zu sein. Dass dieser aufgrund der Möglichkeit des „Auspowerns“ den „Geist frei machen“ soll, ist in der Gesellschaft eine sehr verbreitete Mutmaßung. In der Fachliteratur ist allerdings nur bedingt eine wissenschaftliche Bestätigung dieser Annahme geliefert. (vgl. Fuchs & Klaperski 2012, S. 100-121) Ob Sport also tatsächlich nachweislich langfristige Erfolge gegen dauerhafte Stresszustände erzielen kann, bleibt zu prüfen. Diese Arbeit versteht sich im Wesentlichen als ein Ansatz, mithilfe der Analyse diverser themenspezifischer Studien, der Fragestellung, inwiefern sportlicher Ausgleich als Interventionsmaßnahme zur Reduktion von Stress führen kann, nachzugehen. Es erfolgt demgemäß eine Untersuchung des Sports hinsichtlich seiner Wirkung als Möglichkeit der Intervention gegen Stress. Dabei werden zunächst im empirischen Teil bereits existente psychologische Theorien in Bezug auf Stressbewältigung mit dem Schwerpunkt ‚sportlicher Aktivität‘ dargelegt. Ebenfalls werden hier eine Reihe von Studien vorgestellt, welche direkte Korrelationen zwischen Sport und Stress empirisch untersuchen. Dabei geht es unter anderem auch um die Wirksamkeit der Prävention und Intervention hinsichtlich möglicher Folgekrankheiten von Stress. Im darauffolgenden Kapitel ‚Methode und Ergebnisse‘ steht die Grundlage, auf der diese Arbeit basiert, im Vordergrund. Hier wird die Studie Entwicklung und Evaluierung eines Stressbewältigungsprogramms für Studierende im Hochschulsetting von Seidl et al. vorgestellt. Sport stellt in Referenz zur Studie ein optionales Interventionsverfahren dar, weshalb es hier thematisiert wird. Die im empirischen Teil geschaffene theoretische Basis legt den Grundstein, um schließlich in der Diskussion, dem letzten inhaltlichen Teil der vorliegenden Arbeit, das Thema zu erörtern. Da besonders seit der gesellschaftlichen Ausbreitung von Zivilisationskrankheiten Interventionen psychologischer Art eine stetig wachsende Bedeutung zugesprochen wird, stellt der letzte Teil durch seine Zusammenführung der zentralen Studie mit dem Interventionsverfahren Sport einen Übergang her, der die Notwendigkeit insbesondere sportlicher Intervention hervorhebt. Dies soll mithilfe eines abrundenden Diskurses mit Beleuchtung der Forschungshypothese der Arbeit gelingen. Ebenfalls wird kritisch mit dem Wert der genutzten Studien umgegangen. Diese werden im Wesentlichen auf ihre Repräsentativität und mögliche operationale Fehler hin geprüft. Auch der Wert der Resultate soll kontrovers diskutiert werden. Das heißt zudem, dass ein Ansatz besteht, die Erkenntnisse dahingehend zu prüfen, ob sich Schlüsse ziehen lassen, die im Optimalfall auch praktisch umsetzbar sind.

2. Theoretischer / empirischer Hintergrund

Bevor die Rolle von Lösungsansätzen, wie dem Sport als Präventions- bzw. Interventionsmaßnahme, bewertet werden kann, ist es unerlässlich, zuallererst aufzuzeigen, weshalb diese stressreduzierenden Eingriffe ausgeführt werden müssen. Es stellt sich nämlich zunächst die Frage, gegen was interveniert wird. Gegen eine Krankheit? Gegen bestimmte Symptome? Gegen kurz- oder langfristigen Stress? Bevor also Stressbewältigungsprogramme bewertet werden, sollte ihr Ursprung an sich untersucht werden: Der Begriff Stress und wie Stress entstehen kann. Es folgt daher eine kurze Begriffsklärung.

Historisch betrachtet, wich die semantische Bedeutung des ehemals physikalischen Begriffs „Stress“ ein Stück weit von der heutigen ab. Der Chemiker und Arzt Selye (1936) verwendete ihn im medizinischen Kontext ursprünglich als „eine Reaktion des Körpers (von Lebewesen) auf starke, die Gesundheit potenziell beeinträchtigende Reize" (Reimann/Pohl 2006, S. 217). Heutzutage ist der Begriff ‚Stress‘ im ICD-10 unter Z73 aufzufinden und entspricht der Bedeutung eines Problems in Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung. Unter anderem wird Stress auch als Zustand der totalen Erschöpfung, Mangel an Freizeit und als psychische und körperliche Belastung beschrieben. Doch In der ICD 10-Klassifikation wird die Definition von Stress nicht als Krankheit angesehen und enthält keine genaue Beschreibung der Symptome, im Gegensatz zu Depressionen, Angstzuständen, etc. Eine Studie, die in Deutschland mit 1200 Menschen durchgeführt wurde, verdeutlicht, dass 46 Prozent der Männer und Frauen sich durch die eigene Arbeit besonders gestresst fühlen. Bei Frauen allein lag der Wert bei 39 Prozent. Bei Männern im Vergleich sogar bei 54%, was in der Praxis impliziert, dass über die Hälfte der berufstätigen männlichen Bürger ein wesentliches Gefühl von Stress im Berufsleben empfinden. Somit wird der eigene Job als Stressfaktor Nummer Eins gesehen. Dicht gefolgt mit einem Wert von 43 Prozent sind die Ansprüche an einen selbst. Übersetzt bedeutet das, dass ein wesentlicher Teil der Menschen sich Ziele setzt, die ohne ein gewisses Stresspensum nicht, oder nur schwer zu realisieren sind. Folgerichtig bleibt aber zu differenzieren, ob dieser entstehende Stress ein hemmender sein muss, oder nicht auch leistungsfördernd sein kann. Die Schwelle, die schließlich zu Folgekrankheiten wie Burnout und Co. führen kann, ist individuell und abhängig davon, wie stressresistent der jeweilige Mensch ist. Platz Drei in dieser Rangfolge nimmt der freizeitliche Terminstress mit einem Wert von 33 Prozent ein. (vgl. TK-Presse & Politik 2016, S. 13) Stress kann sich also chronisch leichter ausweiten, wenn notwendige Erholungsphasen nicht eingehalten werden, in denen entweder die vorherige mentale oder physische Belastung nicht ausreichend verarbeitet wird. Zur kurzfristigen Stressbewältigung greifen viele nach der täglichen "Antistress Zigarette" oder nach dem Genussmittel Alkohol. In Anlehnung an die Definition von Stress bleibt insgesamt festzuhalten, dass Stress keine Krankheit, sondern lediglich eine Ursache für physische und psychische Krankheiten sein kann. Insofern wird der Umgang des Betroffenen mit Stress außerordentlich erschwert, denn Krankenkassen werden kaum für die reine Reduktion von Stress, ohne ein festes Krankheitsbild, Kosten für dessen Bekämpfung übernehmen. Dies impliziert aber auch, dass Stress an sich nur schwer messbar sein kann, denn bevor mögliche Folgekrankheiten eintreten, gibt es wenige Möglichkeiten, die Langfristigkeit des Daseins eines vorhandenen Stresslevels zu beweisen, geschweige denn einzuklagen. Einen Ansatz, wie Stress messbar gemacht werden soll, stellt der Stresstest in der von Mücke et al. verwendeten Studie bezüglich des Einflusses von regelmäßiger physischer Aktivität in Relation zur Stress-Reaktivität dar. Hier wurde als Messinstrument der Trier Social Stress Test (TSST) verwendet. Es ist der am meisten labordiagnostisch genutzte Test, um subjektiven Stress auf eine gesellschaftliche Ebene zu übertragen und messbar zu machen. Die Folge davon ist ein wesentlicher Vorteil hinsichtlich der Repräsentation der Studie. Der TSST kann stärkere Stress Reaktionen hervorrufen als die meisten anderen Stress Test, was ihn so wertvoll für empirische Untersuchungen macht. (vgl. Mücke et al. 2018, S. 1) Der Stress Test setzt sich zusammen aus einer Antizipationsphase zu Beginn, einem fünf minütigen vorgetäuschten Job Interview als zweiten Teil und einer ebenfalls fünf Minuten andauernden anspruchsvollen Rechenaufgabe. Alles muss vor einer nicht reagierenden Jury, bestehend aus zwei oder drei Personen, absolviert werden. Mit dem Verfahren des TSST wurde also eine Methode entwickelt, maximalen Stress auf die Probanden auszuüben. Um ein repräsentatives Ergebnis zu generieren, ist eine gängige Methode, trainierte Probanden, die regelmäßig Sport betreiben, untrainierten Probanden gegenüberzustellen und einen Stresstest unter den gleichen Bedingungen für beide Gruppen durchzuführen. Die zweite Frage, die sich nun stellt, ist, inwiefern dabei das Stresslevel nachgewiesen werden kann. Auch auf diese Frage hatten Entwickler des Stress Tests eine Antwort, denn der menschliche Körper äußert neben seines Verhaltens auch Indikatoren, die den subjektiven Stresspegel nachweislich anzeigen. Als ein erster Parameter ist dabei der Anteil an dem Hormon Cortisol im Körper zu nennen, das entweder über den Speichel oder das Blut nachgewiesen werden kann. Dieses Hormon wird besonders bei der physischen Empfindung von Stress ausgeschüttet. Ebenfalls leicht nachweisbar ist die Herzfrequenz, welche die Reaktivität des Herz-Kreislauf-Systems wiedergibt, das wiederum direkt mit dem autonomen Nerven System abgestimmt ist. Weitere Indikatoren, die allerdings seltener untersucht werden, sind zum Beispiel der Blutdruck, Katecholamine, oder das Level der Alpha-Amylase im Speichel. Die psychologischen Auswirkungen werden in der Regel anhand der Parameter ‚Besorgnis‘, ‚Stimmung‘ und ‚Gelassenheit‘ bewertet. (vgl. Mücke et al., S. 1-3)

Infolge dieser Begriffsklärung von Stress, gilt es nun, darzulegen, warum Sport als ein Faktor betrachtet werden kann, der kurz- und langfristig als eine mögliche Interventionsmethode in den Alltag von gestressten Menschen integriert werden sollte. Dafür folgt eine kurze Beschreibung, was der Autor der hiesigen Arbeit im weiteren Text unter ‚Sport‘, beziehungsweise ‚sportlicher Aktivität‘, versteht. Der Begriff Sport umfasst heutzutage viel mehr als nur einen Leistungsvergleich während der Ausübung von Wettkämpfen. Die sportliche Aktivität umfasst in der Literatur einerseits ein etwas weiteres Feld als der herkömmliche Begriff „Sport“, allerdings bezieht sich der Autor dieser Arbeit, sofern von „sportlicher Aktivität“ die Rede ist, auf den gleichen Begriff, wie wenn das herkömmliche Wort „Sport“ fällt. Der Grund dafür ist, dass sich für beide Begriffe, sowohl für den Sport als auch für die sportliche Aktivität, keine genauen Definitionen nachlesen lassen, die in ihrer Form einheitlich von allen Autoren geteilt werden. Sportliche Aktivität kann auch als körperliche Aktivität verstanden werden, welche die typischen Abläufe des Sports übernimmt, ohne den Charakteristiken des Sports wie zum Beispiel Wettkampf zu folgen. So etwa, wenn ein Mensch einen Langlauf betreibt, ohne in einem Wettbewerb teilzunehmen oder einen Gegner gegenüberzustehen, oder wenn vier Personen mit- anstatt gegeneinander Tennis spielen, also weder ihre Spiele noch ihre Sätze zählen. Der Begriff der sportlichen Aktivität impliziert nicht von vorneherein eine bestimmte Ausrichtung wie etwa beim Leistungssport. (vgl. Fuchs/Schlicht 2012, S. 3)

Grundlegende Argumente in der Wahl von sportlicher Aktivität als Präventiv- und Interventionsmaßnahme liegen zunächst einmal darin, dass körperliche Aktivität eine lebensnotwendige Grundvoraussetzung ist. Folgerichtig sinkt auch durch eine Regelmäßigkeit dieses Vorgehens das Sterblichkeitsrisiko. In der Epidemiologie spricht man, in Anlehnung an weitreichende Studien, von einem etwa 30 prozentigem Unterschied des Gesamtsterblichkeitsrisikos von aktiven im Vergleich zu inaktiven Menschen. Die WHO unterstreicht dieses Ergebnis und weist ebenfalls auf ein bedeutend höheres Mortalitätsrisiko von inaktiven Erwachsenen hin. (vgl. Rütten/Pfeifer 2016, S. 34f.) Schwere Folgeerscheinungen von Bewegungsmangel sind vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Analysen von „kardiometabolischen Risikoindikatoren (Reduktion von LDL-Cholesterin und non-HDL-Cholesterin, Blutdrucksenkung)“ bestätigen dabei äußerst positive Effekte von sportlicher Aktivität und befürworten als besonders gesundheitsfördernde Maßnahme ein mehrmalig pro Woche durchgeführtes aerobes Training (vgl.Rütten/Pfeifer 2016, S. 35). Inwiefern aerobes Training sich auf den psychischen Zustand bei Betroffenen von chronischem Stress auswirkt, wird in einem späteren Teil dieses Kapitels beschrieben. Neben seinem Einfluss auf die Physis besitzt Sport zudem auch einen allgemein positiven Einfluss auf die Psyche. Steigerungen der Lebensqualität, des generellen Wohlbefindens und der mentalen Gesundheit sind nur wenige der zu nennenden Aspekte. Der mentale Ausgleich, sowie das „Auspowern“ durch den Sport können sich des Weiteren auch im Bereich der Schlafqualität bemerkbar machen. (vgl. Rütten/Pfeifer 2016, S. 47) In Bezug auf Stress wäre ein optimierter Schlafrhythmus dabei sehr angebracht, denn kein Körper ist vollständig erholt, wenn er unter Schlafmangel leidet.

Um die Frage beantworten zu können, ab wann es an der Zeit ist, gegen Stress zu intervenieren, ist auch abhängig davon, wie viel Stress jeder Körper individuell verträgt. Von daher kann nicht pauschalisiert werden, ab wann zu viel Stress ungesund ist oder zu starken gesundheitlichen Folgen führt. Zunächst einmal ist es also eine Frage der Dosis. Je intensiver und anhaltender der Stress ist, desto größer ist das Risiko, dass er auf die psychische und physische Gesundheit einwirkt und sie damit gefährden kann. Ob Stress krank macht, hängt aber auch von der Verfügbarkeit über die eigenen Ressourcen ab, die jeder den Belastungen entgegenstellen kann. Je größer der Widerstand, also die Resilienz, desto weniger wirken Stressfaktoren belastend. (vgl. TK Presse 2016, S. 16) Beim Gesundheitsmanagement ist Resilienztraining eine wichtige Aufgabe, da Resilienz bis zu einem gewissen Punkt erlernbar ist. Dazu gehört Eigeninitiative und ein Wille zur Veränderung. Eine Studie zeigt, dass Menschen mit unterschiedlichen Haltungen im Umgang mit Stress individuell verschiedene Strategien zur Stressbewältigung haben. Mögliche sind beispielsweise: „Augen zu und durch“ oder „Duck und weg“ - Die einen warten und hoffen, dass ihre Situation zu keinem Dauerzustand führt, die anderen ziehen sich zurück, bis sich die Lage wieder beruhigt. Der dritte Typus läuft bei Stress erst richtig zu Hochleistungsform auf. Die Mehrheit in Deutschland begegnet großem Stress mit der Haltung: „Augen zu und durch“. 56 Prozent zählen zu den sogenannten Durchhaltern. Der Stress geht ihnen zwar auf die Nerven und saugt viel Kraft und Energie, aber solange dies nicht zum Dauerzustand wird, akzeptieren sie diese Anspannung im Alltag. Weniger verbreitet, mit 22 Prozent der Deutschen, sind die, die Stress versuchen zu meiden. Nur 16 Prozent gehören den Kämpfern, die meinen, dass Stress ein wesentlicher Faktor zum Erreichen persönlicher Ziele ist. Das heißt, er wird bewusst in Kauf genommen, mit dem Willen, gegen diesen resistent zu bleiben. Bei jüngeren Menschen im Alter zwischen 18 und 39 Jahren ist das Durchhaltevermögen gegen Stress vergleichsweise höher als bei älteren Menschen und liegt bei 63 Prozent. (vgl. TK Presse 2016, S. 17f)

Nachdem nun der Begriff ‚Stress‘ definiert, seine Indikatoren erläutert und die unterschiedlichen Typen der Stressbewältigung vorgestellt wurden, gilt es zu klären, inwiefern sich der Sport, beziehungsweise breiter gefasst die physische Aktivität, als eine Interventionsmaßnahme auf einzelne Parameter auswirken kann. In der Gesellschaft ist die These bereits weit verbreitet, dass ein sportlicher Ausgleich positiv zum Abbau von Stress beiträgt, jedoch sollte dieser vermutlich herrschende gesellschaftliche Konsens auch auf seinen Wahrheitsgehalt wissenschaftlich überprüft werden. Denn ohne den wissenschaftlichen Nachweis ist eine Integration von anerkannten Präventiv-/ Interventionsprogrammen nur bedingt durchsetzbar. Ein potentieller Ansatz, der zugunsten des positiven Effekts durch den Sport spricht, ist jener, dass unter der sportlichen Belastung das Stressregulationssystem gefördert wird. Es konnte nachgewiesen werden, dass während körperlichen Ausdauerbelastungen die ACTH und Kortisolkonzentration im Körper mit der fortschreitenden Dauer und Intensität der physischen Beanspruchung zunimmt. Nach besonders intensiven Einheiten kann dieser Hormonspiegel sogar bis zu zwei Stunden aufrecht erhalten werden. Für den Organismus bedeutet das, dass gezielt durch intensive Trainingsreize eine hohe Anzahl an Stresshormonen ausgeschüttet wird. Infolgedessen kann eine Adaption innerhalb des Stressregulationssystems stattfinden, weshalb der Körper auf zukünftige Reize den Hormonspiegel besser regulieren kann. Dies würde, sofern diese sogenannte Cross-Stressor Adaptationshypothese zutrifft, in einem verhältnismäßig besser gesteuerten Umgang mit Stress resultieren. (vgl. Gerber, S. 256-258) Tatsächlich konnte auch bei Gerber kein endgültiges repräsentatives Ergebnis für die Cross-Stressor Adaptationshypothese gefasst werden. Ein Teil der von Gerber untersuchten Studien, wie z.B. die von Crews & Landers 1987, kamen dennoch bei ihren durchgeführten Stress Tests zum Ergebnis, dass etwa zwei Drittel der Trainierten überdurchschnittlich im direkten Vergleich mit den Untrainierten abschnitten. (vgl. Gerber, S. 259) Insofern ist zumindest eine Tendenz zugunsten der trainierten Probanden erkennbar. Eine Erkenntnis, dass alle Sportler jenen untrainierten Probanden signifikant überlegen seien, ist das dennoch nicht.

Körperliche Aktivität wird mit Verbesserungen von mentaler Gesundheit und Wohlbefinden, sowie einigen Bereichen der Lebensqualität assoziiert. Doch was genau passiert im Körper wenn wir uns aktiv betätigen und was bringt uns zur Ruhe und warum? Es wurde klinisch bestätigt, dass Sport die neuronale Plastizität beeinflusst, indem er neurodegenerative Prozesse besänftigt und Wirkung auf bestimmte Neurotransmitter- und hormonelle Systeme ausübt. Und damit wird zum Beispiel ein Einfluss auf den Hypothalamus genommen. Ebenso bedeutsam ist, dass die durch Sport ausgelöste antidepressive Auswirkung durch verschiedene die Hippocampus-Neurogenese beeinflussende Faktoren verursacht wird. Beispielsweise durch eine Zunahme des Serotonins. (vgl. Ernst et al. 2006, S.84) Serotonin ist ein Botenstoff, der Informationen in unserem Körper weiterleitet. Neben vielen anderen Prozessen beeinflusst er auch die menschlichen Emotionen, weshalb man Serotin auch „Glückshormon“ nennt. Zudem wurde durch Sport ein Anstieg an Noradrenalin gefunden. In der Theorie könnte Sport also auch eine ähnliche Wirkung wie Antidepressiva besitzen. (vgl. Dishman 1997, S. 59) Der populäre Ansatz der beta-Endorphine gilt mittlerweile weitgehend als widerlegt, vielversprechend sind jedoch die durch Sport ausgeschütteten Endocannabinoide, die eine dem Menschen wohltuende Wirkung entfalten. (vgl. Dietrich & McDaniel 2004, S.38) Insgesamt kann dem Sport also ein deutlicher Einfluss auf den Hormonhaushalt nachgewiesen werden.

Für einen Großteil der Studien, welche die Wertigkeit von Sport als Intervention zur Stressbewältigung untersuchen gibt es weitere Faktoren, denen verhältnismäßig wenig Rücksicht entgegengebracht wird. Nichtsdestoweniger können sie wesentliche Auswirkungen auf die individuelle Ausschüttung von Stresshormonen und somit auch auf die Schlussfolgerungen der Studien haben. Zu nennen sind dabei unter anderem Alter, Geschlecht und auch die Persönlichkeit. Gerade letzteres kann massive Effekte auf die Wahrnehmung von Stress haben. Beispielsweise ist hier die Charaktereigenschaft „Wettbewerbsfähigkeit“ ein Attribut, welches sich zugunsten einer höheren Stress Resistenz auswirken kann. Da Athleten diesem Wettbewerb auf sportlicher Ebene häufig ausgesetzt sind, könnte dies dafür sprechen, dass ihre Toleranz in Bezug auf Wettbewerbsstress generell höher ist, als bei jenen, die es nicht gewohnt sind. (vgl. Mücke et al., S. 5) Um dieses Argument aber ein Stück weit zu relativieren, sollte hierzu auch festgehalten werden, dass Wettbewerbsstress nicht nur auf sportlicher Ebene stattfindet, sondern ebenfalls zum Beispiel im beruflichen, familiären, oder generell im sozialen Umfeld. Folglich kann nicht pauschalisiert werden, dass nur Sportler eine niedrigere Stress Rückmeldung beim Thema Wettbewerb mitbringen. Ein spezifisches Beispiel könnte ein jüngerer Geschwister-Teil sein, der sich stets gegen die Leistungen des älteren Geschwister-Teils, oder andersrum, behaupten muss. Eine Intensivere Beachtung der Charaktereigenschaften wird dem Thema in der Studie von Kohlmann und Eschenbeck geschenkt. Die Untersuchung der Persönlichkeit in Relation zur Stressbewältigung wird in ihrer Studie in den Fokus gerückt. Jedoch zweifeln sie auf diesem Themengebiet insbesondere die Einheitlichkeit anderer Studien an, was aufgrund sehr unterschiedlicher Messinstrumente und Strategien den Vergleich erschwert. Hervorgehoben werden unter anderem Eigenschaften wie die dispositionelle Achtsamkeit, die mithilfe einer Hemmung von Ablenkung, Selbstmitleid und Grübeln zum individuellen Wohlbefinden beitragen kann. Da eine Überbeanspruchung persönlicher Ressourcen als ein Ursprung für die langfristige Etablierung von Stress betrachtet werden kann, wird auf diese auch ein Augenmerk geworfen. Auf der einen Seite vermag eine Überlastung von Ressourcen zwar zu chronischem Stress führen, auf der anderen Seite sind Ressourcen aber auch ein Faktor, der positiv auf individuell anspruchsvolle Lebensaufgaben wirken kann. Ressourcen gibt es auf verschiedenen Ebenen. Es können sowohl Bedingungen, wie z.B. die Verfügung über finanzielle Ressourcen, eine Immobilie, etc., sein, genauso gibt es aber auch Energieressourcen, wie beispielsweise die Verfügbarkeit von Zeit. Für eine Stressintervention sind jedoch benannte Ressourcen weniger ein Thema, da auf sie in der Regel nicht mit sofortiger Wirkung eingegangen werden kann. Personale Ressourcen in Form von Überzeugungen, Persönlichkeitsmerkmalen oder Fähigkeiten besitzen eine größere Relevanz in Bezug auf eine Stressintervention. Im Bereich der Überzeugungen sagen die Autoren der Studie dem Optimismus eine wesentliche Rolle zu. Metaanalysen lieferten signifikante Hinweise darauf, dass „Optimisten ihr Bewältigungsverhalten stärker als Pessimisten an den situativen Erfordernissen ausrichten“ (Kohlmann/Eschenbeck, S. 57). Das heißt, dass sie aktiver an der Bewältigung einer akuten Situation arbeiten, anstatt aufgrund der Menge der Aufgaben den Zugang zu verlieren. Insgesamt resultiert also das Ergebnis, dass die Persönlichkeit teilweise zu einem vorzeitigen Bewältigungsverhalten von Stresssituationen beitragen kann. Vollständig trifft dieser Faktor allerdings nicht zu. (Vgl. Kohlmann/Eschenbeck S. 51-62) Stellt man nun die Verbindung zum Sport her, zeigt sich, dass jene genannten Persönlichkeitsmerkmale auch besonders im Sport leistungsbestimmende Faktoren sind. Gerade im Wettkampfbereich haben (personale) Ressourcen einen massiven Einfluss. Besonders bei Sportarten, in denen man sich einem direkten Gegner oder der Uhr stellen muss, wirken beispielsweise Überzeugungen leistungsfördernd, während Zweifel leistungshemmend sind. Sofern daher im Sport die Verbesserung dieser Ressourcen erreicht wird, wäre folgerichtig neben der bereits oben im Text erläuterten physischen Adaption auch eine psychologische Adaption durch den Sport eine logische Konsequenz.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Sport als Interventionsmaßnahme
Untertitel
Der Einfluss von körperlicher Aktivität auf den Umgang mit Stress
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart  (DHBW Stuttgart)
Veranstaltung
Psychologischen Grundlagen der Sozialen Arbeit
Note
1,4
Autor
Jahr
2018
Seiten
27
Katalognummer
V985938
ISBN (eBook)
9783346342522
ISBN (Buch)
9783346342539
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheitspsychologie, Sport, Intervention, Interventionsmaßname, Stress, körperliche Aktivitäten, Psyche
Arbeit zitieren
Diana Bukina (Autor), 2018, Sport als Interventionsmaßnahme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/985938

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