Mendelssohn - Schönheitstheorie


Skript, 2000

5 Seiten


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MOSES MENDELSSOHN: THEORIE DES SCHÖNEN

Die Empfindung der Schönheit hängt von den klaren Begriffen ab, die wir von der Schönheit eines Objektes haben. Je klarer sich die Vorstellung eines schönen Gegenstandes präsentiert, desto größer ist auch das Vergnügen, daß daraus hervorgeht (cf. Baumgartens Ausführun- gen über die "extensive Klarheit").

Die Empfindung der Schönheit liegt hingegen nicht in allzu deutlichen und allzu dunklen Vorstellungen, wie Mendelssohn dies innerhalb seiner „Briefe über die Empfindungen“ durch die fiktive Person "Euphranor" (der vermutlich die Gefühlsästhetik Shaftsbury verkörpern soll) hat ausdrücken wollen. Euphranor hatte den unmittelbaren Konnex von undeutlicher Perzeption und der Empfindung der Schönheit exemplifiziert und dabei die Ursache der Glückseligkeit in der dunklen Vorstellung ausgemacht. In diesem Gedankengang wurde schließlich folgende Kausalkette entwickelt:

Dunkle Vorstellung - Empfindung der Schönheit - Glückseligkeit

Euphranors Argumentation zufolge vertreibt die rationale Perzeption den Affekt der Glück- seligkeit; damit entsteht ein Dissens zwischen Wahrheit und Schönheit, h. e. Vernunfter- kenntnis und Empfindung.

Mendelssohn expliziert schließlich das Verhältnis von Schönheit und Empfindungsstärke durch die Kunstperson des "Theokles", der sich mehr zur philosophischen ratio verpflichtet fühlt. Seine Thesen lassen dieses erkennen: Sowohl die perceptio distincta totaliter wie auch die perceptio totaliter obscura vertragen sich nicht mit der Empfindung der Schönheit, denn

1. Die Seele als eingeschränktes Ding vermag seiner Ansicht nach eine Mannigfaltig- keit keinesfalls deutlich und auf einmal zu fassen, sondern wird diese Unternehmung nur partiell ausfahren können (Sulzer!).

2. Die Mannigfaltigkeit des Gegenstandes bleibt durch seine Dunkelheit dem Vorstel- lungsvermögen der Seele verschlossen.

Das bedeutet: Die Schönheit befindet sich in den Grenzen der Klarheit, die klare Vorstellung des Mannigfachen ist Quelle des Vergnügens. Folgender Weg wird dabei beschnitten:

1. Deutliche Vorstellung der dinglichen Konstituanten; darauf folgt

2.die klare Gesamtvorstellung des Gegenstandes, wobei nun die deutlichen Einzelmerkmale hinter die Grenzen der perceptio clara zurücktreten (die Seele vermag ja den gesamten Bereich des Mannigfachen nur in klarer Vorstellung zu fassen).

Die Mannigfaltigkeit wird durch die bloß klare Vorstellung ihrer Gesamtheit faßlicher, 'schöner'.Allerdings ist es zu dieser Empfindung sehr wichtig, daß die Mannigfaltigkeit "überraschend", h. e. "auf einmal" in die Sinne fällt und sub hac conditione klar vorgestellt wird.

Im vierten Brief wiederholt Mendelssohn/Theokles seine Argumentation in aller Kürze. Inte- ressant ist hier die Stellung der Vernunft als principium electionis boni:

® Wahl des Gegenstandes, der dem Menschen für seine Wohlfahrt zuträglich ist. Die- ses geschieht qua Vernunft.

® Empfindung des Gegenstandes. Nun muß das Objekt sensitiv veranschaulicht wer- den, die dingliche Beschaffenheit muß beurteilbar sein.

® Sukzessive und distinkte Erfassung der Einzelteile qua Reflexion. Die geforderte deutliche Identifikation der Bestandteile sollte mit ihrem Bezug auf das Ganze des Gegenstandes geschehen.

® Genuß des Gegenstandes als Ganzheit. Nun treten die deutlichen Einzelteile in den Bereich der Klarheit zurück. Der Genuß des Gegenstandes als Objekt des Vergnü- gens passiert aufgrund der jetzt dominierenden percetio totaliter clara: Das Objekt vergnügt.

In einem Nebensatz verdeutlicht Mendelssohn überdies die Funktion der imaginatio: Sie be- grenzt oder erweitert je nach Beschaffenheit des Gegenstandes (Größe, Proportion) das Er- fassbare in Relation zur Empfindungskraft und bewahrt damit ihre Bedeutung für eine Quel- le des Vergnügens.

Die "Briefe über die Empfindungen", welche die Grundlage für den kleinen Exkurs in die Theorie der Schönheit bei Moses Mendelssohn bilden, untersuchen die Natur der Vergnü- gungen an Gegenständen. Vergnügen kann aus der Perzeption des Schönen hervorgehen, dessen Grundlage die sinnliche Schau einer Vollkommenheit ist.

Die Schönheit, um es noch einmal zusammenzufassen, gründet sich auf den leicht faßlichen, sinnlichen Eindruck einer klar vorgestellten Einheit eines Mannigfachen. Sinnliche Schönheit bedeutet mithin leicht überschaubares Maß ihrer Teile, die keinerlei komplizierte Verwick- lungen duldet, denn in diesem Fall käme es zur Gefährdung des entspannten Genusses:

„Wenn wir eine Schönheit fühlen wollen, so wünschet unsere Seele mit Gemächlichkeit zu genießen.“ Unter diesem Blickwinkel erscheint Mendelssohn der verwickelte, pompöse, gleichsam erhabene gotische Baustil nicht als "schön".

Im fünften Brief nun nennt Mendelssohn/Theokles eine weitere Quelle des Vergnügens, sc. die sogenannte "verständliche Vollkommenheit". Sie ist der "irdischen", "sinnlichen" Voll- kommenheit, sc. der Schönheit insofern entgegengesetzt, als daß jene sich auf die Vernunft- einsicht stützt. Mit ihrer Hilfe gelingt die Einsicht in die Vollkommenheit der natürlichen Dinge, welche der Sinnlichkeit indessen verborgen bleiben. Sollte allerdings die Sinnlichkeit tatsächlich in die Vollkommenheit der natürlichen Dinge Einblick nehmen können, würde diese Vorstellung aufgrund ihrer scheinbaren Disharmonie Unlust erregen: Das Spiel menschlicher Muskeln, keinesfalls leicht faßlich als Einheit im Mannigfachen zu identifizie- ren, wäre nicht mit sinnlichem Vergnügen gekoppelt. Hier ist nun die Vernunfteinsicht ge- fordert, denn sie ist in der Lage, die eigentümliche Mannigfaltigkeit der natürlichen Dinge in einen teleologischen Zusammenhang zu setzen. Das Vergnügen an der Einsicht in den Kon- nex der Dinge übertrifft das Vergnügen am sinnlich Schönen, da es beständig fortwirkt. Die durch die Vernunft ermöglichte, "teleologische" Einsicht schafft hingegen ein unerschöpfli- ches Vergnügen (cf. Chr. Wolff, Dt. Teleologie, § 230) an echter Vollkommenheit, mithin eine "Lust mit zureichenden Gründen". Mendelssohn polarisiert den Gegensatz von "ver- ständlicher Vollkommenheit" und sinnlicher Schönheit (gleichsam eine perfectio apparens) in der Gegenüberstellung von "Irdischem" und "Himmlischem", von "Schwachheit der Sinne" und "vernünftiger, deutlicher Einsicht". Sinnliche Schönheit erweist sich gar als die "sinnli- che Nachahmerin' des wahrhaft Vollkommenen und rechtfertigt sich durch das sensitive Un- vermögen, der perfectio vera teilhaftig werden zu können. Ihr Charakteristikum ist das bloße Gefallen. Der Verdacht liegt nahe, das der Begriff "pulchritudo“ innerhalb der rationalisti- schen Schulphilosophie Wolffscher Provenienz nur sensitives Abbild der perfectio ist; gleichsam sinnliches Abbild der Deutlichkeit. Dafür spricht vor allem der beständige Rekurs auf die Perfektibilität des Menschen im moralischen Bereich, der das menschliche Dasein in erster Linie als persona moralis umfaßt. Es scheint evident, daß dieses Ziel weniger durch eine sinnliche Schönheit, verstanden als perfectio apparens, erreicht werden kann, sondern wohl zuvörderst der belehrenden Einsicht in die wahrhaftigen Vollkommenheiten der Inhalte rationaler Perzeption vorbehalten bleibt:Pulchritudo delectat,sed perfectio vera docet.

Tatsächlich resümiert Mendelssohn mit den schon von Wolff vorgebrachten argumenta ad hominem: Gäbe es kein Vergnügen des Verstandes an der Einsicht in die Vollkommenheit, so wäre das Wollen (per cognitionis viam perfectionis verae ad perfectionem hominum), also gleichsam das Streben nach dem Guten und schließlich auch die menschliche Selbstbestim- mung hinfällig.

Das Mendelssohn letztlich drei Quellen des Vergnügens präsentiert, liegt an der Hinzunahme der sinnlichen Lust, mit der nun die Ursprungstheorie der Vergnügungen komplettiert wird. Der sinnliche Genuß kann durchaus einen verbesserten Zustand der Leibesbeschaffenheit gewährleisten, solange sich die Vernunft über die zukünftigen Wirkungen, die sich aus der sinnlichen Lust ergeben mögen, bewußt ist, h. e. das sinnliche Vergnügen beständig in Rela- tion zur gewünschten Perfektibilität des Menschen setzt. Tatsächlich äußern sich die Wir- kungen des sinnlichen Genusses meistenteils in einem verbesserten Körpergefühl, obschon die Vernunft über die Ursache des körperlichen Wohlbefindens keine Nachricht geben kann.

„Sie (die Vernunft) wird eine Verbesserung, einen Übergang zu einer Vollkommenheit inner- lich fühlen; aber die Art, wie diese Verbesserung entstanden, nur dunkel begreifen. Nimm dieses alles zusammen: sie wird eine undeutliche aber lebhafte Vorstellung von der Voll- kommenheit ihres Körpers erlangen; Grund genug, nach unserer Theorie den Ursprung des Vergnügens zu erklären.“ (Brief 10)

Selbstverständlich sieht Mendelssohn gerade in der sinnlichen Lust, welche gegenwärtig ge- nossen wird, die Gefahr des unvernünftigen Handelns; der Mensch ist in diesem Zustand nicht mehr vermögend, die Konsequenzen seines jetzigen Tuns auf seine zukünftige, womög- lich unvollkommenere Befindlichkeit abzuschätzen. Dieser status vivendi in praesenti gleicht dem "Wahn des Wollüstlings", der, bar jeder vernünftigen Beurteilung seiner Situation, sich "schnöder Wollust" und dem "süßen Genusse" hingibt. Allein die Vernunft gilt Mendelssohn als diesbezügliches Korrektiv; ihre Beurteilung der zu genießenden, sinnlichen Lust verfährt immer nach Maßgabe der erstrebten Vollkommenheit.

"Der Mensch handelt weise, der sich mit den Waffen der Vernunft wider diese Verführerin rüstet und ihr alsdenn nur trauet, wem ihr keine Zukunft widerspricht." (Brief 10)

Mendelssohn stellt demnach eine „dreyfache Quelle des Vergnügens“ fest, aus der sich die schönen Künste speisen:

1.Die (sinnlich perzipierbare) Einheit im Mannigfachen(SCHÖNHEIT)

2.Die Einhelligkeit des Mannigfachen, also die verständliche Vollkommenheit(vernunftge- mäße Einsicht in den Zustand der Dinge)

3. Die dunkle sinnliche Lust, denn diese kann unter Hinzunahme der Vernunft (als Korrek- tiv) durchaus zur Verbesserung unserer leiblichen Befindlichkeit dienlich sein. Mendelssohn rekurriert mit dieser Position auf die "Théorie des sentimens agréables" von Louis Jean Le- vesque de Pouilly (1747), die dieser drei Jahre vor seinem Tode veröffentlicht hatte. Pouilly sieht einen Bezug zwischen einem Lustgefühl bzw. einer sinnlichen Empfindung und dem körperlichen Wohlbefinden: Die sinnliche Empfindung bedingt ein verbessertes Körperge- fühl; mehr noch: Die klare, sinnliche Empfindung wirkt weit intensiver auf das körperliche Wohlbefinden, als eine deutliche es vermag.

Nach Überprüfung aller Kunstsparten und künstlerischer, d.h. schöner Wissenschaften kommt Mendelssohn zu dem Schluß, daß allein die Musik die drei Varianten des Vergnügens auslösen kann. Sie ahmt die menschlichen Leidenschaften nach (Quelle der Vollkommen- heit), sie kann den Geist durch undeutlich erkennbare harmonische Verhältnisse zur Tätigkeit der Assoziation bewegen (Quelle der Schönheit), und charakterisiert sich letztlich durch den Reiz, den sie auf den Körper ausübt, als Quelle der sinnlichen Lust.

Die Empfindung der Schönheit basiert auf der Vorstellung einer sinnlich wahrnehmbaren Vollkommenheit. Unter dieser Voraussetzung wird im menschlichen Gemüt ein Gefallen am vorgestellten Gegenstand erregt, mehr noch: Die bloß sinnlich - klaren Begriffe, durch wel- che sich "Schönheit" erst legitimiert, affizieren das Begehrungsvermögen zu einem Willens- akt: Das Schöne wird gewollt, weil ihr eine Vollkommenheit zugrundeliegt und es dem Men- schen eigentümlich ist, diese zu begehren. Alles das also, was den Sinnen als vollkommen erscheint, kann mithin Grundlage des Schönen sein. Dieses Prinzip gilt in gleicher Weise für die schönen Künste und Wissenschaften, deren Endzweck es ist, zu gefallen. Zu diesem Ziel bedienen sie sich der Naturnachahmung. Mit gutem Grund: Ebenso wie Gott seine Schöp- fung nach einer gewissen inneren Logizität eingerichtet hat, die per se gefällt, so muß auch der imitator naturae, will er gefallen, seine Werke diesen "ursprünglichen Naturgesetzen" unterordnen. Darüber hinaus sollte er diejenigen Phänomene der natürlichen Dinge erwählen, die qua ihrer sinnlichen Vollkommenheit "schön" genannt zu werden verdienen. Dem Künst- ler fällt dabei eine durchaus innovative Rolle zu: Er reduziert gleichsam das unermeßliche Arsenal der natürlichen Dinge "in einem einzigen Gesichtspunkte" und komponiert aus ver- streuten Einzelteilen das "schöne Ganze"; d.h. er "transzendiert" und "verschönert" die Natur sogleich im Zuge der Nachahmung gemäß seines Endzwecks. Der Künstler wird factor et creator mundi ac pulchritudinis, und das um so intensiver, je offenkundiger des Künstlers eigene Vollkommenheit im Kunstwerk wahrzunehmen ist. So delektieren die Arbeiten eines Genies, das sich durch Vollkommenheit der Seelenkräfte und die "Übereinstimmung dersel- ben zu einem einzigen Endzwecke" auszeichnet, selbstverständlich stärker als die Elaborate des bloßen Fleisses.

Durch die imitatio naturae kann der Betrachter illudiert werden. Eine Kunstschönheit ist sehr wohl imstande, das Urbild durch Kunstfertigkeit innerhalb des Nachahmungsprozesses zu erhöhen und proportional dazu eine adäquate Lustempfindung auszulösen; gleichwohl wird der Dissens zwischen Kunst und Natur, welcher dem Endzweck der schönen Kunst, sc. dem Gefallen am Schönen, dienlich war, alsbald offensichtlich: Das Bewußtsein, nur ein Kunst- werk zu betrachten und kein Werk der Natur, führt eine Empfindung der Unlust mit sich, und es entsteht der Wunsch, mit dem Original konfrontiert zu werden.

Folgende Kriterien erfüllen indessen die Bedingungen eines schönen Gegens- tandes:

1. Sinnfällige Übereinstimmung in der Mannigfaltigkeit durch Ord- nung und Harmonie

2. Sinnfällige Abmessungen des Gegenstandes

3. Das Objekt der schönen Künste sollte die Bedingungen der Mo- ralität ebenso einlösen wie Neuheit und Außerordentlichkeit.

Mendelssohns Schönheitsbegriff ist objektbezogen. Mit dieser Einstellung, die weitgehend der Wolffschen Schulphilosophie entspricht, setzt er das Phänomen "Schönheit", die ja nichts anderes als die sinnlich erkannte Vollkommenheit ist, in Form eines qualitativen Merkmals fest. Das Schöne läßt sich nur über einen Erkenntnisakt bestimmen und wird durch diesen als Sonderform der Vollkommenheit identifiziert und eingestuft. Auch dasjenige, was nur mittel- bar in die Sinne fällt, z.B. die Fähigkeiten der Seele, ist in den Bereich des Schönen anzusie- deln. Insofern ist Mendelssohns Kritik an der „sense of beauty“ - Theorie des Francis Hut- cheson allzu verständlich, wenn er befürchtet, dieser sensus sei das Ende jeglicher vernünfti- gen Untersuchung darüber, obschon Mendelssohn selbst keine Bedenken trägt, gleich im Anschluß daran seine Theorie der vom Schöpfer befähigten Seele zum Wohlgefallen zu ver- künden.

5 von 5 Seiten

Details

Titel
Mendelssohn - Schönheitstheorie
Autor
Jahr
2000
Seiten
5
Katalognummer
V98635
ISBN (Buch)
9783656529378
Dateigröße
337 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Exzerpt im Rahmen meiner Dissertation
Schlagworte
Mendelssohn, Schönheitstheorie
Arbeit zitieren
Frithjof Böhle (Autor), 2000, Mendelssohn - Schönheitstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98635

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