Sexualität und Sprache


Seminararbeit, 1999
19 Seiten, Note: 1

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Inhalt:

1. Einleitung

Sexualität - ein selbstverständliches Thema in unserer Gesellschaft?

2. Wie wird innerhalb unserer Gesellschaft über Sexualität gesprochen?
2.1 Sexualität und Sprache - ein doppeltes Tabu
2.2 Zwischen Tradition und Enttabuisierung
2.3 Die Frage der angemessenen Sprachebene
2.4 Verschiedene sexualsprachliche Ebenen und ihre Unterschiede
2.5 Statistische Untersuchungen zum Sexualsprachgebrauch

3. Wie äußert sich Sexualität in der Sprache von Kindern und Jugendlichen?
3.1 Die Vulgärsprache - ein Zeichen unterschiedlicher Bedürfnisse und Probleme
3.2 Auswirkung des gesellschaftlichen Tabus auf die Sprache der Kinder und Jugendlichen
3.3 Andere Einflüsse auf den Sprachgebrauch

4. Welche Bedeutung hat das Thema Sexualsprache für Schule und Unterricht?
4.1 Das Sprechenlernen über Sexualität
4.2 Die Sache mit den Vulgärausdrücken
4.3 Vulgärsprachliche Begriffe im Unterricht und mögliche Herangehensweisen
4.4 Vulgärsprachliche Begriffe im Unterricht und mögliche Probleme
4.5 Die Notwendigkeit des Thematisierens vulgärsprachlicher Begriffe im Unterricht

Literatur

1. Einleitung

Sexualität - ein selbstverständliches Thema in unserer Gesellschaft?

Es scheint fast so, schließlich ist die Sexualität mittlerweile zu einem alltäglichen Gegenstand geworden, dem man mittlerweile in fast allen Lebenslagen, an allen Tageszeiten und Orten begegnen kann. Besonders die Fernseh- und Printmedien haben sich den Reiz dieses Themas zu Nutzen gemacht, denn Auflagen und Einschaltquoten bestimmen die Werbeeinnahmen und entscheiden über wirtschaftlichen Erfolg.

So gibt es auch kaum einen Film nach 20 Uhr, der ohne Bettszene auskommt, kaum ein Tag an dem nicht im Spätprogramm ein Sexfilm oder ein Magazin zu diesem Thema gesendet wird. Selbst zur täglichen Mittagszeit gibt es Talkshows, in denen sich oftmals das Gespräch nur um ,,das Eine" dreht. In Boulevard-Zeitschriften wird nach intimen Geschichten aus der Welt der Stars gefahndet und selbst seriösere Tageszeitungen und Nachrichtensendungen sparen nicht mit Berichten über Vorkommnisse sexueller Art. Die Clinton-Affaire steht als Beispiel für das allgemeine öffentliche Interesse an intimsten Geschichten und Fakten. Aber auch auf nicht ganz so drastische Weise werden wir täglich mit Sexualität konfrontiert. Die Werbeindustrie hat längst die verkaufsfördernde Wirkung von sexuellen Reizen erkannt und wendet diese oftmals unterschwellig in ihren Spots an. Nicht umsonst präsentieren beispielsweise auch die zwei führenden deutschen TV-Zeitschriften ausschließlich spärlich bekleidete Models oder Schauspielerinnen auf ihren Titeln. Am Zeitschriftenregal des Supermarktes oder im Katalog des Möbelhauses, überall soll der Konsument mit sexuellen Reizen gelockt werden. Und nicht zu vergessen die Musik, welche oft nur zu Zwecken der Berieselung aus dem Radio ertönt. Ganz gleich ob Pop-, Schlager- oder Volksmusik - in den Texten geht es nicht gerade selten nur um den sich anbahnenden oder erlebten Geschlechtsverkehr.

Das Thema Sex ist zumindest in unseren Breiten allgegenwärtig, auch wenn es natürlich auch auf die persönliche Wahrnehmung eines Jeden ankommt. Nicht zu leugnen ist das große Angebot an alltäglichen sexuellen Reizen, welche natürlich auch das Resultat einer gewissen Nachfrage sind. Eine Art ,,magische Anziehungskraft" geht von all diesen Dingen aus. Aber nicht nur Jugendliche und Erwachsene fühlen sich angezogen. Auch bei Kindern besteht eine natürliche sexuelle Neugierde. Sie möchten etwas aus der ,,Welt der Großen" erfahren, besonders dann, wenn dies zusätzlich mit einem Verbot belegt ist und sich somit als noch reizvoller darstellt. Denn Sexualität ist nicht auf ein spezifisches Lebensalter beschränkt, sie äußert sich nur unterschiedlich.

Angebot und Nachfrage sind wie gesagt groß, was die alltägliche Sexualität betrifft. Mit einer Art Selbstverständlichkeit werden diese Dinge im täglichen Leben hingenommen, so dass man fast annehmen könnte, die Menschen hätten ihre Berührungsängste mit diesem so lange Zeit streng tabuisierten Thema überwunden.

Doch der Schein trügt. Wenn es nämlich darum geht, über sexuelle Dinge als solche sprechen zu müssen, entsteht oftmals gerade bei erwachsenen Menschen eine Art ,,Sprachlosigkeit". Eine ,,Sprachlosigkeit", welche in dieser Form so bei keinem anderen Thema zu beobachten ist. Scheinbar ist Sexualität in unserer Gesellschaft doch nicht so selbstverständlich wie uns die Medien immer wieder weismachen wollen und wie es auf den ersten Blick den Anschein hat...

2. Wie wird innerhalb unserer Gesellschaft über Sexualität gesprochen?

2.1 Sexualität und Sprache - ein doppeltes Tabu

Fakt ist, über Sexualität wird anders gesprochen als über andere Themen. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, Sexualität überhaupt zu Wort kommen zu lassen. Vor allem in den Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern - z.B. in der Schule - ist dieses Thema irrationalen Tabus unterworfen, die so von Generation zu Generation weitervermittelt werden. (vgl. Beispiele - Sexualerziehung, S.26)

Es offenbart sich eine allgemeine Unfähigkeit über Sexualität zu sprechen, da hierfür scheinbar keine geeigneten Worte zur Verfügung stehen. Zwar gibt es eine Reihe von Ausdrücken, medizinischer, vulgärer oder auch verschleiernder Art, die aber alle meistens nicht wirklich das beschreiben, was man meint. Eine Verständigung über Sexualität ist somit nicht oder nur unzureichend möglich. Der sexuelle Bereich mit Vorliebe aus der Sprache verdrängt und da, wo dies nicht möglich ist, auf reine Körperlichkeit reduziert. (Lang, S.10) Die Ursache hierfür liegt darin, dass die Tabuisierung der Sexualität die Ausbildung einer Sprachschicht verhindert hat, die zum täglichen Gebrauch geeignet wäre. Infolge dieses Tabugebots sind auch wissenschaftliche Arbeiten zur Sexualsprache ausgesprochen rar, was auch mit daran liegt, dass der Fachbegriff ,,Sexualsprache" kaum bekannt ist. ,,Man wird Mühe haben, diesen Fundamentalbegriff in allgemeinen Nachschlagewerken und in der Fachliteratur überhaupt, geschweige denn hinreichend definiert vorzufinden." (Kluge, 1997 S.8)

Schließlich handelt es sich bei dem Thema Sexualität und Sprache um ein doppeltes Tabu. Einerseits ist die Sache selbst, das Sprechen über Sexualität tabu - jedenfalls in der sogenannten guten Gesellschaft - andererseits sind die entsprechenden Wörter tabu.

Das betrifft nicht nur die umgangssprachlichen oder derben Wörter, die anschaulich oder lustvoll die Sache beim Namen nennen wie beispielsweise ,,Schwanz", ,,vögeln", (arsch-) ,,ficken" oder ,,Titten"; es betrifft auch weniger drastische und als normalsprachlich geltende Wörter wie Glied, Geschlechtsverkehr, Busen, Scheide oder fremdsprachliche Benennungen wie Penis, Vagina oder Analverkehr. Diese sind zwar nicht stilistisch, nicht als Wörter an sich tabu, sie sind es allein wegen ihres Inhalts. Die derben bzw. anschaulichen Ausdrücke sind noch zusätzlich belastet. Sie sind nicht nur vom Inhalt her, sondern auch noch unter stilistischem Aspekt tabu; sie sind also ,,tabuer" als die normalsprachlichen. Selbst in Zusammenhang mit Funktionen oder Krankheiten sind sexuelle Körperteile oder Organe mit Peinlichkeiten besetzt. ,,Darüber spricht man nicht so gern. Es besteht eine Sexophobie." (Wolfgang Müller, S.14)

Da aber oftmals gesagt werden muss, was keiner so richtig aussprechen mag, werden innerhalb aller gesellschaftlichen Tabubereiche (z.B. Sexualität, Krankheit oder Tod) beschönigende (euphemistische) Hüllwörter verwendet. Diese sind im Bereich der Sexualität als unterschiedliche Metaphern zu finden. So wird beispielsweise der Begriff ,,Geschlechtsverkehr" euphemistisch mit ,,miteinander schlafen" umschrieben, obwohl jeder weiß, dass man beim Geschlechtsverkehr alles andere tut, nur nicht das, was mit dieser Metapher ausgesagt wird. Diese Methode, das Selbstverständliche nicht beim Namen nennen zu müssen, machte es erst möglich, sexuelle Inhalte und Grundbegriffe in der Öffentlichkeit verwenden zu können.

Das Problematische an dieser Vorgehensweise ist jedoch, dass diese standardsprachlichen Begriffe im Grunde das Tabu nur noch weiter verstärken als helfen, es abzubauen. Sachverhalte werden auf diese Weise nur indirekt angesprochen und verschleiert. Hinter diesem Vorgehen verbirgt sich die seit den Griechen bekannte Taktik, etwas, was unheimlich und bedrohlich wirkt, wenigstens sprachlich angenehm und positiv zu benennen. (vgl. Kluge 1997, S.7-8; 15)

Bei dieser Tabuisierung der Sexualsprache geht es einerseits um die Beibehaltung von Sprachtraditionen, andererseits scheint man aber auch die Sprache instrumental einsetzen zu wollen. Ein Ziel könnte dabei sein, in gewisser Weise auf Sexualität Einfluss nehmen zu können und beim Sprechen über Sexualität eine anschauliche Sinnlichkeit und Lust zu eliminieren. Schließlich wird von vielen konservativen Menschen noch immer die Meinung vertreten, Sexualität sei etwas Schlechtes, etwas Sündenbehaftetes. Durch eine solche Tabuisierung der Sexualsprache soll schon von klein auf Sündenbewusstsein und Lustfeindlichkeit vermittelt werden. Denn im Grunde werden nicht die Wörter - zumindest nicht die standardsprachlichen - als schlecht oder schmutzig angesehen, sondern die Sache an sich. Zum Beispiel ist das Wort ,,Schwanz" zur Bezeichnung eines tierischen Körperteils in Ordnung und gilt als normalsprachlich. In der Bedeutung von Penis gilt es aber meist als vulgär, obwohl das lateinische Wort ,,Penis" übersetzt ebenfalls Schwanz heißt... Bis hinein in die heutige Zeit wirken solche sexuellen Vorbehalte. Eine spezielle Form der bereits weiter oben angesprochenen Sexophobie ist die Homophobie. Homosexuelle Verhaltensweisen sind gegenüber den heterosexuellen noch mit einem zusätzlichen Tabu belegt. Besonders bei diesem Thema stellt sich das sexuelle Weltbild vieler Menschen als noch immer sehr festgefahren heraus. (vgl. Wolfgang Müller, S.15-17) Andererseits ist in unserer Gesellschaft aber auch festzustellen, dass z.B. ein Wort wie Kondom, welches früher in der Öffentlichkeit wohl kaum ohne weiteres hätte ausgesprochen werden können, sich in Zusammenhang mit der AIDS-Bedrohung und -Aufklärung zu einem weniger ,,schlimmen" Wort gewandelt hat. Noch akzeptierter sind mittlerweile Begriffe aus dem Bereich der weiblichen Monatshygiene. Fernsehwerbung für Binden und Tampons sind mittlerweile selbstverständlich, während noch vor einigen Jahren die Fußballmannschaft des FC Homburg durch die Kondomwerbung auf ihren Trikots argen Diskussionen ausgesetzt worden war.

So lange also die Sache an sich suspekt ist, bleiben es auch die dazugehörigen Wörter. Wird die Sache jedoch als nicht mehr obszön angesehen, dann können auch die Wörter vom Makel des Obszönen befreit werden. Ein sprachliches Tabu hängt natürlich auch von der persönlichen Einstellung und Herkunft des Sprechers/ des Schreibers bzw. des Hörers/ des Lesers ab.

Es wäre allerdings zu überlegen, ob diejenigen, die derbe sexuelle Wörter benutzen, diese selbst auch als vulgär empfinden oder ob sie die Wörter verwenden, weil für sie Sexualität nichts Peinliches darstellt, sondern sie als etwas Natürliches und Selbstverständliches betrachten. (Wolfgang Müller, S.20)

2.2 Zwischen Tradition und Enttabuisierung

Auch die Wörterbuchautoren taten sich schon seit jeher schwer mit dem Wortschatz der Sexualität. Dieses Problem betraf vor allem die Wörter der Umgangs- und Vulgärsprache. Während man sich vor dem 18. und 19. Jahrhundert nicht so zierte, auch derberes Vokabular aus dem Bereich der Sexualität aufzunehmen, folgte innerhalb der letzten drei Jahrhunderte eine zunehmende Ignoranz von anschaulichen und konkreten Wörtern. Ein Wandel kam erst wieder in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts auf. Auch Vokabular der sexuellen Umgangs- und Vulgärsprache fand wieder Einzug in die Wörterbücher. Manch Erwachsener war davon peinlich berührt, wo hingegen bei Jugendlichen dadurch das Interesse an diesen Nachschlagewerken erst geweckt wurde.

Doch auch das Stilgefühl hat sich im Laufe der Zeit verändert. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges galt dem Bürgertum die Sprache der literarischen Klassiker als Vorbild. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts lenkten Sprachwissenschaftler jedoch ihr Augenmerk von der Sprachgeschichte weg, hin zur Gegenwartssprache. Die Umgangssprache erfuhr hierdurch eine Aufwertung und auch das sexuelle Vokabular wurde von dieser Umorientierung betroffen. Dass heutzutage noch viele alte Menschen auf lockere Umgangsformen empört reagieren, ist nicht selten auf diese älteren Sprachtraditionen zurückzuführen. Man kann daher behaupten, dass so etwas wie ein sprachlicher Generationskonflikt entstanden ist. (vgl. Wolfgang Müller, S.18) Wie gesagt: anschaulich-derbes Vokabular als Stilmittel in der Literatur, weckt im allgemeinen die Leseneugier - nicht nur bei Jugendlichen.

Deutliche Worte fanden zunehmend auch in Filmen der letzten 25 Jahre Einzug. Während sich die Hollywood-Produktionen auch heute noch in dieser Beziehung etwas zurückhaltender präsentieren, gibt es beispielsweise in deutschen Kriminalfilmen die ganze Bandbreite vulgärsprachlicher Ausdrücke zu hören. In der letzten Zeit gerieten auch einige der täglichen Talkshows (u.a. Bärbel Schäfer, Sonja, Arabella) in die Schusslinie selbsternannter Moral- und Sittenwächter, da in diesen Sendungen von Seiten der Talk-Gäste kaum noch sprachliche Tabus eingehalten wurden. Nach dieser Kritik ist man bei einigen dieser Sendungen neuerdings dazu übergegangen, vulgäre Sexualausdrücke per Piepton zu überdecken. Auf der anderen Seite gibt es Fernseh-Satiriker wie Oliver Kalkhofe (,,Kalkhofes Mattscheibe"/ Premiere), die sich um das Gegenteil einer euphemistischen Sprache bemühen. In diesem Fall wird unter anderem versucht, verschleierte sexuelle Inhalte (z.B. in der Volksmusik) aufzudecken und verlogenem, künstlich-sauberem Verhalten mit vulgärer Sprache zu kontern. Diese Form der Konfrontation kann oftmals auch sehr drastisch und diskriminierend empfunden werden und ist daher für Kinder oder Menschen mit eingeschränktem Weltbild nicht unbedingt zu empfehlen.

2.3 Die Frage der angemessenen Sprachebene

Jeder hat in seiner Sozialisation wahrscheinlich schon sehr früh erfahren, dass es

Sexualwörter gibt, die man z.B. unter Freunden ungeniert aussprechen kann. Gebraucht man sie jedoch in Gegenwart von Eltern oder anderen Erwachsenen, dann ist sogleich mit Ablehnung und erzieherischen Gegenmaßnahmen zu rechnen. Dies gilt vor allem für vulgäre Bezeichnungen der Geschlechtsmerkmale oder des Geschlechtsverkehrs. Vokabular, welches als obszön gilt, ruft Kritik hervor und bewirkt Sanktionen seitens der Gesprächspartner. ,,Denn wer es wagt, die gesellschaftlichen Tabuwörter nicht normengerecht zu gebrauchen, wird deshalb doppelt bestraft." (Kluge 1996 S. 33) Auch solche Reaktionen der Öffentlichkeit lassen erkennen, dass der Themenbereich Sexualität zu den großen Tabubereichen der europäischen Industriegesellschaften gehört. Ob direkt oder indirekt: In der Öffentlichkeit wird über sexuelle Fragen nicht gesprochen. Wenn überhaupt, dann in der angemessenen

Sprachebene.

Alle Wörter haben im Gesamtwortschatz ihren speziellen stilistischen Stellenwert. Welches Wort ein Schreiber wählt, hängt von der Textsorte und der Zielgruppe ab. Schließlich sollte ein wissenschaftlicher Aufsatz über Sexualität einen anderen Wortschatz besitzen, als ein Text der Jugendliche zum Lesen über Sexualität motivieren soll.

Es werden daher verschiedene sexualsprachliche Ebenen unterschieden:

2.4 Verschiedene sexualsprachliche Ebenen und ihre Unterschiede

Als die wichtigsten Sexualsprachformen gelten (nach Kluge) die Fach,- Vulg ä r- Umgangs,Standard- und Kindersprache.

Die wissenschaftliche (medizinische, biologische) Fachsprache beschreibt Dinge distanziert, objektiv, oft mit Fremdwörtern lateinischer Herkunft (Kopulation, Vulva, Phallus, Masturbation). Diese Sprache ist meist nur Erwachsenen mittlerem und höherem Bildungsgrad bekannt und somit Verständigungsmittel einer bestimmten Schicht. Diese Sprache wirkt auf Außenstehende distanzierend und unverständlich, ist aber gerade bei vielen Erwachsenen beliebt, da bei ihr nicht das ausgesprochen werden muss, was umgangssprachliche Wörter nur allzu offen zum Ausdruck bringen würden Die Fachsprache, die ihre Verwendung u.a. in Biologiebüchern findet, ist jedoch nicht geeignet, um über intime Themen oder über Beziehungsangelegenheiten zu sprechen. Mit ihr lässt sich nur ein Teil, nämlich die biologische, wissenschaftliche Seite des Gesamtspektrums der Sexualität ausdrücken, nicht der andere, der sinnlich-lustvolle Aspekt.

Die vulg ä re Sprache findet sich hauptsächlich in derben Witzen, Pornofilmen oder Schimpfwörtern (ficken, Fotze, Wichser) wieder. Es sind meistens metaphorische Ausdrücke, welche einem gewaltbehaftetem oder mechanisch-instrumentellem Feld entlehnt worden sind. Oftmals haben sie auch Bezug zum Tier- und Pflanzenreich. Die meisten dieser Ausdrücke sind verletzend und diskriminierend und werden in der Regel als Schimpfwörter benutzt, oftmals ohne dass ihre Bedeutung überhaupt bekannt ist. Dieses Vokabular richtet sich nicht selten gegen Frauen, Minderheiten oder verbindet Sexualität mit Gewalt und ist somit ebenfalls nicht geeignet, sich ernsthaft und angemessen mit dem Thema Liebe und Sexualität auseinanderzusetzen.

Die Umgangssprache kann sich entweder mit der Vulg ä rsprache oder andererseits auch mit der Standardsprache überschneiden. Der Übergang ist hier oftmals fließend und abhängig vom Sprecher und dessen Herkunft. Vor allem Jugendliche und Kindern sehen oftmals in der Vulgärsprache ihre sexuelle Alltags- und Umgangssprache - trotz mangelnder Akzeptanz ihrer unmittelbaren Umgebung (Kluge 1996, S.35)

Die Standardsprache beinhaltet hauptsächlich euphemistische, den Sachverhalt verschleiernde Begriffe wie z.B. Glied, Scheide oder Beischlaf, die auch in der Öffentlichkeit problemlos auszusprechen sind, da sie die sexuellen Bedeutungen nicht zu offensichtlich in Erscheinung treten lassen.

Bei der Kindersprache handelt es sich um Ausdrücke aus der frühen Kindheit, die meistens im Gespräch zwischen Eltern und Kindergartenkindern verwendet werden. Die sexuelle Kindersprache beschränkt sich hauptsächlich auf die Verniedlichung der männlichen und weiblichen Genitale (Pillemann, Muschi). Es handelt sich allerdings nicht um wirklich kindersprachliches Vokabular, sondern um kindertümelnde Wörter, die Erwachsene für Kinder erfunden haben, um bestimmte ,,unangenehme" Ausdrücke selber nicht verwenden zu müssen.

2.5 Statistische Untersuchungen zum Sexualsprachgebrauch

Über die Verwendung der einzelnen Sprachformen innerhalb unserer Gesellschaft ist zu sagen, dass die Standardsprache die eindeutig akzeptierteste und am häufigsten benutzte Sprachform darstellt. Dies ist das Ergebnis einer 1995 in Deutschland durchgeführten Erkundungsstudie, bei der 1500 Menschen zwischen 14 und 80 Jahren nach ihren bevorzugten Sprachebenen befragt wurden. (s.Kluge 1997)

Etwa 80 Prozent gaben hierbei an, dass sie bei Gesprächen über Sexualität hauptsächlich die Standardsprache verwenden.

Bei der Fachsprache lagen Befürwortung und Ablehnung gleichermaßen dicht beieinander. Die Vulgärsprache wurde von mehr als zwei Dritteln der Befragten abgelehnt. Wobei diese Sprachschicht den Befragten mit höheren Bildungsabschlüssen weitaus häufiger missfällt, als Befragten mit geringerer Bildung. Auch benutzen jüngere Menschen Vulgärausdrücke häufiger als ältere Personen. Je geringer das Alter, desto häufiger werden vulgärsprachliche Ausdrücke verwendet, während etwa 80 Prozent der über 65jährigen diese kategorisch ablehnen. Jungen und Männer verwenden die Vulgärsprache trotz mangelnder Akzeptanz ihrer Umgebung fast doppelt so häufig wie Mädchen und Frauen.

Bei der Verwendung der Fachsprache ist es umgekehrt: Männer verwenden deutlich weniger fachsprachliche Begriffe als Frauen.

Insgesamt gesehen ergab sich eine allgemeine Akzeptanz der Standardsprache, sowie eine von der jeweiligen Sprechsituation abhängige teilweise Befürwortung der Fach- und Vulgärsprache. Auch die Fachsprache erweist sich somit als eine unter Umständen ernstzunehmende Möglichkeit, sich über sexuelle Fragen zu verständigen. Insbesondere bei dieser Sprachschicht ist zu erkennen, dass manch ein Fachbegriff bereits standardsprachliches Niveau erreicht hat. (Kluge 1997, S.127)

Eine maßgebliche Ursache für dieses Umfrageergebnis ist sicherlich die breite gesellschaftliche Akzeptanz bzw. Toleranz von Standard- und Fachsprache. ,,Der direkte Einfluß der öffentlich-rechtlichen Rahmenordnung auf das Individuum und seine Kommunikation wird sich gewiß in der Bevorzugung einzelner Sprachformen manifestieren, die vornehmlich an der sozialen Erwünschtheit ausgerichtet ist." (ebd., S.47)

3. Wie äußert sich Sexualität in der Sprache von Kindern und Jugendlichen?

Je geringer das Alter der Sprecher, desto häufiger werden vulgärsprachliche Ausdrücke verwendet - so lautet ein Ergebnis der oben erwähnten Befragung.

Welche Gründe könnten hierfür ausschlaggebend sein wenn man bedenkt, dass der Einfluss der öffentlich-rechtlichen Rahmenordnung sich nicht nur auf ältere Menschen bezieht und die allgemeine soziale Erwünschtheit von standardsprachlichem Vokabular Kinder und Jugendliche nicht ausschließt?

3.1 Die Vulgärsprache - ein Zeichen unterschiedlicher Bedürfnisse und Probleme

Was in der Sprache dieser Altersgruppe zunächst wie ein freier Umgang mit dem ansonsten so tabuisiertem Thema Sexualität aussieht, stellt sich bei genauerer Betrachtung als ebenfalls problembehaftet dar. Denn selbstverständlich bemerken auch Kinder die Ausdrucksschwierigkeiten der Erwachsenen und übernehmen sie. Auf diese Weise pflanzt sich eine sexuelle Sprachlosigkeit fort. (Lang, S.16)

Durch diese nicht vorhandenen offenen Umgangsformen und fehlende altersgerechte Informationen können gerade bei Kindern Verunsicherung und Ängste entstehen, die mehr von Jungen als von Mädchen kompensiert werden. Dies geschieht dann vor allem durch einen lockeren Gebrauch von sexistischen und obszönen Begriffen, was den Umgang der Geschlechter im Schulalltag sehr belasten kann. (Milhoffer, S.9)

So sind es meist Obszönitäten, die zu einem Ventil werden, um sich überhaupt zum Thema Sexualität äußern zu können.

Grundschulkinder betonen ihre Wissensbedürftigkeit, ihr Interesse am Thema Sexualität, wenn sie sich beispielsweise untereinander Fragen nach der Bedeutung gerade neu aufgeschnappter Vulgarismen stellen. Es ist daher nicht verwunderlich, ,,...daß der mit seiner Wissensgier alleingelassene sich seinen schlimmen Reim auf die zweideutigen Sachen macht." (Rümkorf 1969 zit. in Lang, S. 12ff)

3.2 Auswirkung des gesellschaftlichen Tabus auf die Sprache der Kinder und Jugendlichen

Während viele Erwachsene versuchen, mit Hilfe verhüllender standardsprachlicher Metaphern oder dem Vokabular der Fachsprache das für sie heikle Thema zu umgehen, verwenden Kinder und Jugendliche für den gleichen Zweck vulgärsprachliche Ausdrücke. Auch in diesem Fall bewirkt die gesellschaftliche Tabuisierung einen sprachlichen Deckmanteleffekt. Unsicherheiten und Peinlichkeit werden in dieser Altersgruppe mit Derbheit, Albernheit oder aufgesetzter Coolness überspielt. Somit wird ein Thema, das eigentlich alle brennend interessiert, ins Lächerliche gezogen und abgewertet. Elementare Begriffe werden vulgärsprachlich als Schimpfwörter missbraucht.

Auch an einer solchen Umgehensweise erkennt man den Versuch, sexuellen Sachverhalten aus dem Wege zu gehen.

Daneben finden vulgärsprachliche Ausdrücke auch als Reaktion auf deren allgemeine gesellschaftliche Unerwünschtheit Verwendung. Diese Ausdrücke stellen für Kinder einen besonderen Reiz dar, weil sie ihnen die Möglichkeit bieten, in Dimensionen vorzudringen, in die sie mit herkömmlichen, gesellschaftlich mehr oder weniger akzeptierten Kraftausdrücken nie heranreichen würden. ,,Mist", ,,Idiot" oder auch ,,Scheiße" sind Ausdrücke, die möglicherweise selbst die Eltern gebrauchen und längst nicht die ,,Schockwirkung" von ,,Ficker" oder ,,Wichser" haben.

Der Besitz eines umfangreichen Repertoires an ,,schlimmen" Wörtern kann für Kinder oftmals sehr bedeutend sein. So habe ich selber bei Grundschulkindern beobachten können, wie diese sich gegenseitig über ihren vulgärsprachlichen Wortschatz ausfragten um festzustellen, wer die meisten oder ,,schlimmsten" Wörter kennt. Diese Kenntnis kann - besonders unter Jungen - eine gewisse Art von Prestige bedeuten. Hierbei ist die genaue Wortbedeutung zunächst gar nicht von Belang, sondern nur die Gewissheit, einen Ausdruck zu kennen, der innerhalb der Gesellschaft mit einem Tabu belegt oder zumindest unerwünscht ist. Das zeigt sich nicht nur bei Begriffen aus der Sexualsprache, sondern auch bei anderen Ausdrücken wie z.B. ,,Spasti" oder ,,Nazi", deren Bedeutungen bei jüngeren Kindern ebenfalls noch gar nicht bekannt sind, die aber eine Möglichkeit zur Provokation bieten. Sicherlich fühlen sich viele Erwachsene durch bestimmte Ausdrücke beschämt, da sie selber Probleme mit der Versprachlichung von Sexualität haben. Sie sehen es daher als ein Unding an, wenn Kinder das sagen, was sie als Erwachsene zwar denken, sich aber selber niemals trauen würden öffentlich auszusprechen.

3.3 Andere Einflüsse auf den Sprachgebrauch

Während bei Kindern die Verwendung vulgärsprachlichem Vokabulars hauptsächlich von Wissensdrang sowie dem Reiz an Verbotenem und Neuem ausschlaggebend zu sein scheint, haben Jugendliche hierfür zum Teil andere Gründe. Nicht nur die soziale Herkunft ist in diesem Fall ausschlaggebend, sondern vor allem auch Gruppenzugehörigkeit und eine bewusste Abgrenzung von der Norm bzw. der ,,Erwachsenensprache". Dies hat oftmals die Ausbildung eines eigenen Slangs zur Folge, welcher mit der Aufhebung der eigentlichen Wortbedeutung einhergeht. Hierzu möchte ich folgendes Beispiel anführen, welches mir in den letzten Jahren aufgefallen ist:

Dadurch, dass vor allem die kommerziellen Jugendfernsehsender wie VIVA und MTV afro- amerikanische Rap-Musik in Europa extrem populär machten, haben auch viele deutsche Jugendliche diese Musik und den dazugehörigen Lifestyle für sich entdeckt. Zwar begreifen die wenigsten die kulturellen und ethnischen Unterschiede, die zwischen ihnen und ihren amerikanischen Vorbildern liegen, trotzdem findet die von den Rap-Musikern propagierte Sprache unter hiesigen Jugendlichen viele Nachahmer, die mehr oder weniger originell versuchen, das vulgärsprachliche Vokabular der Amerikaner zu verwenden oder ins Deutsche zu übersetzen.

Dieser Slang aus den Gettos der amerikanischen Großstädte zeichnet sich unter anderem durch einen inflationären Gebrauch vulgärsprachlicher Ausdrücke aus, die dort mitunter bereits umgangssprachliches Niveau erreicht haben. Es sind Begriffe und Redewendungen wie z.B. ,,mothafucka" (Penner), ,,suck my dick" (,,leck mich!" ursprünglich: ,,blas' mir einen"), ,,fuck you!" (,,Schnauze!"/ ,,hau ab!" etc.) die mit ihrer ursprünglichen sexuellen Bedeutung meist nicht mehr viel gemeinsam haben.

Der Fluch ,,fuck!" ist ja mittlerweile im amerikanischen Englisch - obwohl in der Öffentlichkeit verpönt - zu einem fast selbstverständlichen Ausdruck gewachsen, der schon fast auf der ganzen Welt bekannt und als deutlichere Form von ,,shit!" benutzt wird.

Doch auch in der deutschen Sprache gibt es Entwicklungen zu beobachten, die mit dem angeführten amerikanischen Beispiel vergleichbar zu sein scheinen: Mit dem Wort ,,ficken" muss nicht mehr unbedingt der Geschlechtsverkehr gemeint sein, sondern es kann für Bekräftigungen unterschiedlicher Art stehen. Beispiele: ,,fick dich" = ,,hau ab!"/ ,,halt's Maul!" - jmd. ficken = es jmd. zeigen/ jmd. fertigmachen - gefickt worden sein = schlecht behandelt/ betrogen worden sein

In diesem Kontext ist mittlerweile auch schon im Radio das Wort ,,ficken" zu hören. Diese Tatsache beschränkt sich längst nicht mehr nur auf den Untergrund, sondern ist selbst in den Hitparaden (s. Fettes Brot, Fischmob, Fanta4) festzustellen.

Desweiteren ist der Einfluss verschiedener (Immigranten-) Sprachen auf den Vulgärsprachgebrauch von Kindern und Jugendlichen zu beobachten. Besonders innerhalb der multikulturellen Massenwohnquartiere und deren Schulen wird umgangs- oder vulgärsprachlich auf das Vokabular unterschiedlicher Sprachen zurückgegriffen. Es ist also auch in diesem Fall eine Art ,,Gettosprache" zu erkennen, welche die Funktion eines Codes besitzt, der den Benutzer gegenüber Außenstehenden, wie etwa Kinder und Jugendlichen anderer sozialer Herkunft oder Erwachsenen, abgrenzt.

Meine eigene Beobachtung ist, dass in Abhängigkeit der jeweiligen Klassenzusammensetzung und des Freundeskreises z.B. russische, arabische, türkische, polnische und deutsche Vulgärausdrücke nebeneinander benutzt werden. Die Kinder und Jugendlichen verwenden diese Worte meist, ohne dass ihnen die genaue Bedeutung bekannt ist. Da es sich oftmals um sehr derbes sexuelles Vokabular handelt, laufen sie auch Gefahr, mit den Angehörigen der jeweiligen Nationalitäten in Konflikt zu geraten.

4. Welche Bedeutung hat das Thema Sexualsprache für Schule und Unterricht?

4.1 Das Sprechenlernen über Sexualität

,,In der Schule sollen Schülerinnen und Schüler zu den Fragen der menschlichen Sexualität ein sachlich begründetes Wissen erwerben. Dieses Wissen soll es ihnen ermöglichen, auf diesem Gebiet Zusammenhänge zu verstehen, sich angemessen sprachlich auszudrücken und sich ein Urteil - auch über schwierige und ungewöhnliche Erscheinungen - zu bilden." (KMKBeschluss zur Sexualerziehung)

Vor allem die sprachliche Kommunikationsfähigkeit und die Überwindung der weitverbreiteten Sprachlosigkeit auf dem Gebiet Sexualität und Liebe soll zu den obersten Zielen der Sexualerziehung zählen. Heranwachsende sollen somit befähigt werden, sprachliche Ausdrucksformen für verschiedene sexuelle Vorgänge und biologische Gegebenheiten zu erhalten, sexuelle Erlebnisvorgänge sprachlich mitteilbar zu machen und fähig werden, sich in sexuellen Spannungs- und Konfliktsituationen ausdrücken und verständigen zu können.

So ist z.B. in den saarländischen Richtlinien von 1990 festgeschrieben, dass der ,,Prozess des Sprechenlernens über Sexualität und Liebe" zu fördern ist und zur zentralen Aufgabe schulischer Sexualerziehung werden muss. ,,Mit Sexualität umzugehen heißt zu allererst, darüber sprechen zu können." (Walter Müller, S.129ff)

Diese Forderung sieht Walter Müller hauptsächlich darin begründet, dass sich die meisten Schüler zu Hause in einer Art ,,Taubstummensituation" befänden. Es wird über sexuelle Dinge nur unzureichend, verklärt oder gar nicht gesprochen, so dass zu einem späteren Zeitpunkt Strategien und Mittel sprachlicher Art zur Bewältigung sexueller Fragen nicht zur Verfügung stehen. Gerade um über gesellschaftliche, mit Sexualität zusammenhängende Probleme wie AIDS oder Kindesmissbrauch zu sprechen und sich und andere davor schützen zu können, ist es erforderlich, über sexuelle Grundfragen sachgerecht und ausführlich zu diskutieren.

Somit steht die schulische Sexualerziehung vor dieser schwierigen Aufgabe, eine geeignete Sprache für Kinder und Jugendliche zu finden, um sie eben aus dieser ,,Taubstummensituation" herauszuführen.

4.2 Die Sache mit den Vulgärausdrücken

Ungeachtet ihrer Herkunft werden Kinder und Jugendliche, wenn sie die Schule betreten, ihre Sprache nicht vor der Schultür zurücklassen. Aus diesem Grund wird auch die Schule keine Konfrontation mit vulgärsprachlichem Vokabular vermeiden können, solange Schüler in ihr ein- und ausgehen.

Trotz dieser Tatsache scheint es für viele Lehrpersonen nach wie vor ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, gewissen Ausdrücken auf angemessene Art und Weise zu begegnen bzw. den sexuellen Hintergrund zu thematisieren. Vielfach werden Wörter wie beispielsweise ,,Wichser", ,,Hurensohn", ,,Arschficker" oder ,,schwule Sau" lediglich als ,,schlimme" Ausdrücke bezeichnet, die im Klassenraum oder auf dem Schulhof nichts zu suchen haben und gefälligst nicht zu verwenden sind.

Es wird aber oftmals nicht mit einer einzigen Silbe auf die eigentliche Bedeutung dieser Worte eingegangen, obwohl gerade bei Grundschülern nicht davon ausgegangen werden kann, dass der sexuelle Hintergrund der verwendeten Vulgärausdrücke bekannt ist.

Auf den ersten Blick scheint eine Zensur dieses Vokabulars durch die Lehrperson verständlich, schließlich stellen vulgärsprachliche Umgangsformen in Schule und Unterricht eine denkbar schlechte Sprachebene und Kommunikationsform dar. Andererseits bestärkt ein schlichtes Verbot das Tabu nur zusätzlich und somit auch den Reiz, diese in der Öffentlichkeit unerwünschten Wörter weiterhin zu verwenden.

Wie könnten Lehrerinnen und Lehrer mit diesem sicherlich heiklen Thema vernünftig umgehen, um für beide Seiten eine akzeptable Situation zu schaffen? Gibt es möglicherweise einen Mittelweg zwischen konsequenter Verbannung vulgärsprachlichem Sexualvokabulars und völliger Gleichgültigkeit?

4.3 Vulgärsprachliche Begriffe im Unterricht und mögliche Herangehensweisen

In der Grundschule kann zunächst davon ausgegangen werden, dass die Kinder neben der Standardsprache auch Ausdrücke der Kinder-, Vulgär- und Fachsprache verwenden. Aus psychologisch-pädagogischen Gründen sollte man eine nicht standardgemäße Wortwahl der Schüler nicht gleich unterbinden und mit repressiven Mitteln zu verhindern versuchen. Die Kinder sollten anfangs alle Ausdrücke der ihnen bekannten Sexualsprachen verwenden dürfen, und auch die Sexualerziehung sollte zunächst die Sprachebene wählen, die den Kindern oder Jugendlichen vertraut ist. (vgl. Kluge 1996, S.44 u. Wolfgang Müller, S.21) Kluge schlägt daher vor, zunächst von der Vulgärsprache auszugehen und ein klärendes Unterrichtsgespräch darüber stattfinden zu lassen, wie es z.B. auch der neue Bildungsplan für Grundschulen in Baden-Württemberg eigens vorsieht.

Auch Wehr plädiert dafür, im Unterrichtsgespräch der Grundschule zunächst auch andere Sprachebenen zuzulassen und danach die standardsprachlichen Begriffe einzuführen. Dieses Vorgehen übt auf diejenigen, ,,die diese Begriffe bislang unter dem Tisch handelten" eine befreiende Wirkung aus. (ebd., S.13)

Zielsetzung der Schule sollte jedoch sein, Schüler und Schülerinnen in die Lage zu versetzen, sich in Sprechsituationen des öffentlichen Lebens so auszudrücken, dass sie nicht allein wegen ihres Vokabulars in der Öffentlichkeit persönliche Nachteile erleiden. Wichtig ist dabei, dass die Lehrperson selbst ein lebendiges Lernmodell darstellt, sich der sexuellen Standardsprache bedient und versucht, die Kinder behutsam dort hinzuführen. (Kluge 1996, S.42ff)

Lehrpersonen sollten sicherlich, auch um als Gesprächspartner von Kindern und Jugendlichen akzeptiert zu werden, die Vulgärsprache verstehen und auf sie eingehen können. Andererseits kann eine stärkere Berücksichtigung der Umgangs- und Vulgärsprache im Unterricht von den Schülern auch als Anbiederung empfunden werden...

Im Endeffekt ist es jedoch relativ unwichtig, ob man als Lehrperson jetzt fachsprachlich

,,Penis", standardsprachlich ,,Glied" oder umgangssprachlich ,,Schwanz" sagt, ,,wenn man der Sprache als Instrument der Sexualaufklärung grundsätzlich misstraut." (Bornemann, S.141) Sicherlich haben viele Lehrende Probleme, Tabus verbal zu überschreiten, von denen ihre eigene Erziehung nicht frei war. Das ,,Darüber spricht man nicht!" gilt besonders im Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern ja nach wie vor. (Milhoffer, S. 15)

4.4 Vulgärsprachliche Begriffe im Unterricht und mögliche Probleme

Hiesige Schulen sind in der Regel von einem öffentlich-rechtlichen Charakter gekennzeichnete, staatliche Institutionen. Diese Tatsache hat natürlich auch Auswirkungen auf den sprachlichen Umgang der Schüler mit den Lehrpersonen und umgekehrt. Schulische Sexualerziehung besitzt somit andere Voraussetzungen als das Elternhaus, obwohl beide eigentlich das gleiche Ziel anstreben - so sollte man jedenfalls meinen. Der Bezugsrahmen eines Unterrichtsgesprächs wird immer die Öffentlichkeit sein, schließlich wachen auch viele Eltern darüber, in welcher Sprachebene Lehrer mit ihren Schülern kommunizieren und ob diese ihren Vorstellungen entspricht.

Es gilt also zunächst diese Tatsache zu beachten, wenn es darum geht, vulgärsprachliche Ausdrücke im Unterrichtsgespräch zu thematisieren. Schließlich bewegt man sich dabei als Lehrperson auf einem sehr schmalen Grad. Schnell kann das Vorkommen von Vulgarismen im Unterricht von Schülern unreflektiert nach außen getragen werden, worauf Eltern empört reagieren könnten. Aber auch innerhalb des Kollegiums kann es durchaus zu Problemen und Ablehnung führen, wenn nicht eindeutig klar ist, warum bestimmte Ausdrücke in der Klasse thematisiert wurden.

Denn nach wie vor werden die meisten der umgangs- und vulgärsprachlichen Begriffe von Erwachsenen nicht toleriert und von der Öffentlichkeit als provokativ empfunden.

4.5 Die Notwendigkeit des Thematisierens vulgärsprachlicher Begriffe im Unterricht

Sprache, besonders gesprochene Sexualsprache ist ein Instrument der Verständigung, ist eine Möglichkeit der Erkenntnisfindung, der Vermittlung von sachgerechtem, notwendigem Wissen. Außerdem dient sie der Auseinandersetzung mit problemgeladenen Sachverhalten, welche häufig durch vulgärsprachliche Ausdrücke in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden. Die Diskussion bestimmter fragwürdiger Ausdrücke ist daher erwünscht wie auch notwendig.

Denn wie soll ein Kind verstehen, dass es beispielsweise nicht ,,schwule Sau" sagen sollte, wenn es gar nicht weiß, was eigentlich hinter diesem Schimpfwort steht? So verhält es sich mit den meisten dieser Begriffe, welche immer nur in Zusammenhang mit Streitereien sinnentfremdet angewendet werden. Möglicherweise kann der abwertende Charakter der Vulgärausdrücke auch den bezeichneten Gegenstand Sexualität und seine vielfältigen Erscheinungsformen herabsetzen. Hinzu gesellt sich die Problematik, dass Kinder und Jugendliche Sexualität mit Worten kennenlernen, die in der Regel brutal, frauen- oder schwulenfeindlich sind. (vgl. Lang, S.48)

Es macht daher Sinn, anhand einer bewussten Begegnung mit diesem Vokabular, die unterschiedlichen Aspekte von Sexualität zu beleuchten und daran aufzuzeigen, dass die Kinder oftmals unbewusst Dinge aussprechen, die sie eigentlich gar nicht ausdrücken wollen. Sie können so erfahren, dass viele der ihnen selbstverständlichen Ausdrücke und Gesten Gewalt und Erniedrigung darstellen - Sexualität auch ohne Liebe und Zärtlichkeit möglich ist. (Wehr, S.19)

Ein Problem ist dabei sicherlich, dass Zusammenhänge (wie z.B. Homosexualität, Selbstbefriedigung), die hinter bestimmten Vulgärausdrücken stehen, laut Lehrplan erst für höhere Klassen vorgesehen sind. (vgl. Richtlinien und Lehrpl ä ne zur Sexualerziehung) Ein Ansprechen bestimmter Themen in der Grundschule muss daher meiner Meinung nach mit größter Sorgfalt und Sensibilität erfolgen, um die Kinder nicht zusätzlich zu verunsichern oder zu ängstigen.

Eine differenziertere Auseinandersetzung mit vulgärsprachlichem Vokabular bewirkt vielleicht ein Nachdenken bei den Schülern, so dass sie bestimmte Wörter beim nächsten Mal eher vermeiden. So kann möglicherweise durch das gezielte Thematisieren dieses Vokabulars ein umgekehrter Effekt erreicht werden. Eine solche Enttabuisierung könnte zu einer Verminderung des Reizes und der Anwendungsbereitschaft bei Schülern führen. Statt dessen sollten sie meiner Meinung nach dahingehend motiviert und befähigt werden, ein positiveres Sexualvokabular anwenden zu können.

Das Aufzeigen von Sexismus, Gewalt und diskriminierenden Tendenzen im Vokabular der Vulgärsprache ist notwendig, da man sich nur vor den Dingen schützen kann, die man kennt und denen man sich bewusst ist.

Meiner Meinung nach bildet eine tabufreie schulische Auseinandersetzung mit dieser Sprachebene den Grundstein für vernünftige Umgangsformen der Schüler untereinander und leistet zu ihrer Sozialisation einen wichtigen Beitrag.

Verbote oder ein ,,unter-den-Teppich-kehren" nützt Niemandem, außer der weiteren Tabuisierung des Themas Sexualität.

Literatur

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Richtlinien und Lehrpläne zur Sexualerziehung. Köln: 1995

Bornemann, Ernest: Sexualität und Sprache. in: Kluge, Norbert (Hg.): Handbuch der Sexualpädagogik. Band 1; Düsseldorf: Verlag Schwann 1984

Kluge, Norbert (Hg.): Sexualunterricht in der Grundschule: Lehraufgaben, Unterrichtsvorhaben, Erfahrungen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1996

Kluge, Norbert: Sexualsprache der Deutschen: Eine Erkundungsstudie über den aktuellen sexuellen Sprachgebrauch in West- und Ostdeutschland. 1. Aufl. Landau: Verlag Petra Knecht 1997

Lang, Annette: Die Sprache der Sexualerziehung. 1.Aufl. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann 1981

Milhoffer, Petra (Hg.): Sexualerziehung von Anfang an! Gemeinsame Aufgabe von Elternhaus und Grundschule. Frankfurt/Main: Arbeitskreis Grundschule - Der Grundschulverband - e.V. 1995

Müller, Walter: Skeptische Sexualpädagogik: Möglichkeiten und Grenzen schulischer Sexualerziehung. Weinheim: Deutscher Studienverlag 1994

Müller, Wolfgang: Sexualität und Sprache. in: Sabo, Peter/ Wanielik, Reiner (Hg.): ,,Let's talk about sex" - Eine sexualpädagogische Schrift als Streitobjekt. 1.Aufl. Mainz: Verlag Peter Sabo 1994

Niedersächsisches Kultusministerium: Beispiele - Sexualerziehung: Anregungen und Materialien. 3/95 Friedrich Verlag u. Niedersächsisches Kultusministerium 1995

Sielert, Uwe: Sexualpädagogik: Konzeption und didaktische Anregungen. 2. Aufl. Weinheim

u. Basel: Beltz 1993

Wehr, Dagmar: ,,Eigentlich ist es etwas Zärtliches": Erfahrungsberichte über die

Auseinandersetzung mit Sexualität in einer dritten Grundschulklasse. Weinheim u. Basel: Beltz 1992

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Details

Titel
Sexualität und Sprache
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Einführung in die Sexualpädagogik
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
19
Katalognummer
V98759
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Sprache, Einführung, Sexualpädagogik
Arbeit zitieren
Ulrich Kellner (Autor), 1999, Sexualität und Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98759

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