Rolle des politischen Islams heute


Hausarbeit, 2003

31 Seiten, Note: erfolgreich


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Formen des Islams in Indonesien - Abangan und Santri

2. Das Prinzip der Panca-Sila

3. Modernismus und Traditionalismus

4. Panca-Sila als gesetzlich verankerte Staatsideologie

5. Rückbesinnung auf den Islam

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Islam hat in den letzten Jahrzehnten einen Aufschwung in Südostasien erfahren. In Indonesien leben ungefähr 210 Millionen Menschen, von denen zwischen 85 und 90% dem muslimischen Glauben angehören. Der indonesische Archipel ist somit das bevölkerungsreichste und größte islamische Land der Erde. Trotz dieser Tatsache konzentriert sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema der Islamisierung zumeist auf den nahöstlichen Raum.

Bereits in den 70er Jahren stieg das Interesse in der indonesischen Bevölkerung an der islamischen Lehre, und seit Ende der 80er Jahre sah sich das Suharto-Regime zunehmend genötigt, Muslime zu kooptieren. Das Aufkommen radikaler islamistischer[1] Gruppen ist eine neue Erscheinung.[2] Seit dem Zusammenbruch des Suharto Regimes 1998 wurden bestehende und neugegründete islamische Organisationen und Parteien zu einer bedeutenden politischen Größe. Kein Land sank so tief und rasch in die wirtschaftliche Misere wie Indonesien. Latenter Hass entlud sich gewalttätig gegen Chinesen[3], weil ihnen unterstellt wurde, Hauptnutznießer der Ära Suharto gewesen zu sein. Ethnische Konflikte wurden in Maluku (den Molukken) und auf Sulawesi zunehmend von interreligiösen Feindseligkeiten begleitet.[4] Besondere Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit fand die Lage in Osttimor, wo die politische Gewalt gegen Kritiker einer weiteren Anbindung an Indonesien 1999 eskalierte. Die Situation in Bezug auf bürgerliche Rechte ist besonders in den Konfliktregionen noch immer katastrophal. Im nationalen Menschenrechtsgesetz festgeschriebene Rechte, wie die Freiheit von Einschüchterung, willkürlicher Verhaftung, Gewalt, Diskriminierung, Folter und erniedrigender Behandlung werden nahezu tagtäglich verletzt.[5]

Ethnische Zugehörigkeit ist neben der Religionszugehörigkeit das wichtigste Element, welches die Identität der Indonesier prägt. Die traditionellen Verhaltenkodizes („ Adat“) dieser Gruppen ergänzen religiöse und staatliche Vorschriften, stehen ab und zu wohl auch mit ihnen in Konflikt. Ethnische und religiöse Zugehörigkeit stimmten weitgehend auch mit den Siedlungsräumen überein. Die immer stärkere Übervölkerung Javas veranlaßte Suharto zu einer Umsiedlungspolitik aus Java auf die dünner besiedelten Inseln. Dies führte zu einer Veränderung der traditionellen Gleichgewichte der Strukturen. Der indonesische Multikulturalismus, der zunächst von einer Vielfalt relativ homogener, aber voneinander getrennt lebender ethnischer Gruppen innerhalb des Gesamtstaates geprägt war, erforderte immer stärker ein Zusammenleben verschiedener Ethnien innerhalb kleiner Räume. Die auf Borneo oder den Molukken ausgetragenen Konflikte sind mehrdimensional und lassen sich nicht als rein religiöse Auseinandersetzungen verstehen, obwohl die Solidarisierung und Gruppenbildung oft entlang religiöser Grenzen verläuft. Religionszugehörigkeit eignet sich sehr gut als Mittel, politisch, sozial oder ethnisch motivierte Abneigungen eine scheinbar höhere Wertigkeit zu verleihen, sie zu radikalisieren und zu fundamentalisieren.[6]

Das Hauptgewicht dieser Hausarbeit soll auf der Frage liegen, inwiefern islamische Organisationen und Parteien seit der Unabhängigkeit Indonesiens die politische Entwicklung beeinflussen konnten. In diesem Zusammenhang wird der Aufstieg orthodox-islamischer Gruppen unter dem Regime Suhartos (1965-1998) beschrieben. Es soll deutlich werden, dass der Islam trotz einer demographischen Mehrheit seinen politischen Minderheitsstatus lange Zeit nicht überwinden konnte.[7]

Folgende Fragestellungen sollen zu diesem Zweck zentral betrachtet werden: Welche kulturellen Eigenarten, muslimische Gruppierungen und Organisationen hat der Islam in Indonesien hervorgebracht? Auf welchen Grundlagen basierte die Republik Indonesien, und wie wirkten sich diese auf das Leben der Muslime Indonesiens aus? Wie konnte es Suharto über Jahrzehnte gelingen die muslimischen Bewegungen in Indonesien zu kontrollieren, und was bedingte die seit den 70er und 80er Jahren verstärkt auftretende Rückbesinnung auf den Islam?

Während im ersten Kapitel die spezielle Form des Islams in Indonesien und seine Unterteilung in die Gruppen der Abangan und Santri beschrieben wird, befasst sich das zweite mit dem Prinzip der Panca-Sila als Staatsphilosophie. Besondere Aufmerksamkeit wird dem dritten Absatz gewidmet, welcher die zwei Hauptströmungen, den Modernismus und Traditionalismus, im indonesischen Islam intensiv erörtert. Der vierte Abschnitt beschäftigt sich dann nochmals mit der Panca-Sila, hier jedoch in Anbetracht der Tatsache, dass Indonesien 1985 durch ein Gesetz zum Panca-Sila-Staat wurde. Gegenstand des fünften Kapitels ist die Rückbesinnung auf den Islam seit den 70er und 80er Jahren bis zum Zusammenbruch des Suharto-Regimes.

Die Schlussbetrachtung wirft einen Blick auf die Situation in Indonesien, um aufzuzeigen, von welcher Bedeutung der weltweite geistige Dialog mit dem Islam und den islamischen Ländern ist.

1. Formen des Islams in Indonesien - Abangan und Santri

Im Gegensatz zu den Religionen des Buddhismus und Hinduismus, die bereits seit dem 3. und 4. Jahrhundert die existierenden animistischen Vorstellungen ergänzten und umformten, drang der Islam erst seit dem 13. Jahrhundert in den Archipel vor. Entlang der Handelsrouten entstanden in den folgenden Jahrhunderten islamische Fürstentümer. Erst vier Jahrhunderte später konnte der Islam in bedeutsamem Umfang in das javanische Binnenland vordringen.[8] Fürsten einerseits, die ihre Herrschaft auch religiös legitimierten, und Händler andererseits waren die ersten, die sich zum Islam bekannten.[9] Es war eine von persischen und indischen mystischen Elementen angereicherte Variante des Islams. Sie konnte relativ leicht in die bestehenden hindu-buddhistischen Glaubenssysteme integriert werden.[10]

Orthodoxe Muslime gewannen seit Ende des 19. Jahrhunderts unter den Einheimischen an Einfluss, als reformistische und modernistische Strömungen aus dem Nahen Osten den indonesischen Islam zu beleben begannen.[11] Der Islam gehört in Indonesien praktisch ausschließlich zur Sunna. Seine Anhänger werden meist grob einer von zwei Hauptströmungen zugerechnet. Man unterscheidet im Anschluss an Clifford Geertz zwischen den orthodoxen Muslimen, den Santri („die weißen), und den synkretistischen Muslimen, den Abangan ("die roten").[12] Die Abangan leben einen synkretistischen Islam, der durch religiöse und kulturelle Besonderheiten gefärbt ist. Diese Art des Islams kann ebenfalls mystische Züge aufweisen.[13] In der Praxis sind sie meist sehr tolerant gegenüber anderen, aber auch sich selbst gegenüber. So befolgen sie nicht immer pünktlich alle religiösen Pflichten, wie beispielsweise die fünf täglichen Gebete, den Fastenmonat oder das Gebot der Pilgerfahrt nach Mekka.[14]

Santri werden hingegen die Muslime genannt, die die heidnischen Traditionen der indonesischen Vergangenheit ablehnen.[15] Im Unterschied zu den Abangan sind die Santri stärker arabisiert und befolgen die Gebote strikter.[16] Die Santri werden weitaus häufiger als die Abangan in einem pesantren, einem Schülerheim, islamisch erzogen.[17] Trotz ihrer anderen spirituellen und theologischen Orientierung verstehen sich die Abangan durchaus als Muslime und somit als Teil der umma, der islamischen Glaubensgemeinschaft.

„Während für die Santri-Muslime der Islam die wahre Religion ist und Gehorsam gegenüber dem islamischen Gesetz Bedingung und Garantie, nach diesem Leben in den Himmel zu kommen, fällt für den gebildeten Abangan-Javaner der Islam in die Kategorie des Weges. Ziel religiösen Bemühens ist für ihn die Vereinigung mit Gott. Und zwar nicht so sehr nach dem Tode, sondern, durch mystisches Bemühen, in diesem Leben. [...] In diesem Paradigma ist dann der Islam auch nur ein und nicht der Weg zu Gott.“[18]

Im alltäglichen Leben sind die Grenzen zwischen beiden Gruppen jedoch eher fließend. Santri und traditionalistische Kyai, Lehrer und Rechtsberater, können nach dem Koranunterricht oder dem Gebet durchaus an Feiern oder Zeremonien teilnehmen, die einen ausgesprochenen Abangan-Charakter tragen.[19] Aufgrund einer Untersuchung von Dorfgemeinschaften in Zentraljava kommt Schweizer zu dem Schluss, dass religiöse Ungleichheiten innerhalb der Dorfgemeinschaft nicht zu Spannungen führen, weil erhebliche Gemeinsamkeiten im Hinblick auf kulturelle Werte bestehen und als besonders bedeutsam gelten können.[20]

Konflikte brechen eher zwischen den Abangan und Santri der traditionalistischen Richtung auf der einen Seite und den puritanistischen bzw. in neuerer Zeit den modernistischen Verfechtern auf der anderen Seite auf.[21]

Daneben existieren zahlreiche religiöse Tendenzen, Aliran genannt. Überdies leben Gläubige verschiedenster Religionen in Indonesien, wozu unter anderem Christen, Buddhisten, Konfuzianer sowie Anhänger von Naturreligionen gehören. Für Indonesier war es seit dem Suharto-Regime ratsam einer Religion anzugehören, da sie ansonsten schnell als Kommunisten verdächtigt wurden.[22] Das Beseitigen atheistischer Aspekte wurde als die Wiederherstellung von Ordnung betrachtet. Dieses Vorgehen der Orde Baru diente jedoch nicht dem Zweck, den religiösen Gemeinschaften in irgendeiner Hinsicht mehr Freiheit oder neuen Spielraum zu geben.[23]

„The role of religion(s) was mainly confined to the role of a power legitimizing institution that had the task of supporting and improving that power by conducting its rituals and ceremonies for that purpose.”[24]

Eine Konsequenz daraus war, dass Gruppen, die Kritik an der Regierung äußerten, auch wenn diese positiv und konstruktiv war, als Gegner des Regimes betrachtet und entsprechend behandelt wurden.[25]

Die Santri setzen sich aus zwei Gruppen zusammen. Die eine Gruppe, der die Mehrheit angehört, will ihre Religion friedlich verbreiten, während die andere einen "Muslimischen Staat" mit allen Mitteln anstrebt. Im Zusammenhang mit dieser Strömung spricht man in Indonesien von Dar-al-Islam-Bewegungen, benannt nach einer 1948 begonnenen Aufstandsbewegung, die mit Waffengewalt die Schaffung eines theokratischen Staates anstrebte. Derartige Aufstände wurden von der Armee in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Regionen Indonesiens immer wieder bekämpft und niedergeschlagen: So beispielsweise 1962 in Westjava, 1965 auf Sulawesi und zwischen 1953 und 1961 mehrmals und im Jahr 1990 erneut auf Sumatra.[26]

[...]


[1] Anhänger des Islamismus. Der Islamismus ist neben dem Fundamentalismus und dem Integralismus der wichtigste Begriff zur Kennzeichnung des Phänomens. vgl. Lücke, S. 206

[2] vgl. Werning, S. 124

[3] Die Chinesen bilden in Indonesien etwa drei Prozent der Bevölkerung.

[4] vgl. Werning, S.122

[5] vgl. Ziegenhain, S. 194

[6] vgl. Pähler, S. 13

[7] vgl. Schreiner, S. 163

[8] vgl. Ufen, 2001, S. 1

[9] vgl. Pähler, S. 12

[10] vgl. Ufen, 2001, S. 1

[11] vgl. Schulze, S. 46

[12] vgl. Pähler, S. 13

[13] vgl. Hottinger, S. 117-118

[14] vgl. Pähler, S. 13-14

[15] vgl. Hottinger, S. 117-118

[16] vgl. Pähler, S. 14

[17] vgl. Schulze, S. 46

[18] Magnis-Suseno, S. 7

[19] vgl. Schumann, 1983, S. 22-23

[20] vgl. Schweizer, S. 85

[21] vgl. Schumann, 1983, S. 22-23

[22] vgl. Hottinger, S. 117-118

[23] vgl. Schumann 2002, S. 175

[24] Schumann 2002, S. 175

[25] vgl. ebd., S.175

[26] vgl. Hottinger, S. 117-118

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Rolle des politischen Islams heute
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Kurs: Politischer Islam
Note
erfolgreich
Autor
Jahr
2003
Seiten
31
Katalognummer
V9880
ISBN (eBook)
9783638164740
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politischer Islam, Islam, Indonesien, Pancasila, Abangan, Santri, Modernismus, Traditionalismus, Staatsideologie, Rückbesinnung, Südostasien, NU, Muhammadiyah, Jakarta-Charta, ijtihad, Orde Baru, Ne
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Heike Simons (Autor), 2003, Rolle des politischen Islams heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9880

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