Menschenwürde in den Werken von Franz Kafka am Beispiel von "Das Urteil", "Die Verwandlung" und "In der Strafkolonie"


Masterarbeit, 2019

46 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstrakt

1. Einleitung

2. Die Auswahl des Forschungsauftrags

3. Warum habe ich nur diese drei Werke von Kafka ausgewählt?

4. Vor dem Hintergrund des Begriffs der Menschenwürde

5. Die Menschenwürde in den drei Werken von Kafka, nämlich „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „In der Strafkolonie“
5.1 Das Urteil: Die Wahrung der Menschenwürde durch wahrhaftige Hingabe zum Todesurteil
5.2 Die Verwandlung: Reise auf der Suche nach Menschenwürde
5.3 In der Strafkolonie: Menschenwürde in verschiedenen Dimensionen der drei Protagonisten

6. Das Schlusswort

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

Abstrakt

Die Menschenwürde als Oberbegriff oder immanente Idee in den Werken von Kafka bleibt trotz aller Herausforderungen und Widrigkeiten immer unzerstörbar. Seine Protagonisten sind bereit, für ihre geistige Freiheit oder mit anderen Worten für die Wahrung der Menschenwürde einen Preis der Entmenschlichung zu zahlen. Sie sind der festen Überzeugung , dass der innere Ruf nach Menschenwürde auch unter den quallvollsten Bedingungen des Lebens oder sogar angesichts des Todes bestehen bleiben müsse.

In ihrer eigenwilligen Chrakterisierung erscheinen Kafkas Protagonisten als absolutes Bild der Menschenwürde, selbst wenn sie sich einer Selbstentmenschlichung unterziehen, z.B. Gregor Samsa in Die Verwandlung oder wenn sie durch bekannte oder unbekannte Mächte entmenschlicht werden, wie Georg Bendemann in Das Urteil oder in dem Fall wenn sie einem entmenschlichenden und unempfindlichen System oder einer systemastischen Barberei zum Opfer fallen, die von Menschen auf ihre Mitmenschen ausgeübt wird, bzw. In der Strafkolonie.

Stichwörter : Menschenwürde, Entmenschlichung, Dichotomie, geistig, körperlich

1. Einleitung

Noch bevor man eine gründliche Diskussion über Kafka im Zusammenhang mit Indien aufnehmen könnte, müsste man zunächst mit einiger Schärfe abwägen, dass Kafka unter deutschen Schriftstellern in Indien lange Zeit kaum so bekannt gewesen war. Der Grund dafür könnte vielleicht darin liegen, dass Kafka als Angehöriger irgendeines ‚Niemandlandes‘ hervortrat, der keinen Anhänger fand, damit er sich in einem neuen literarischen Milieu zurechtfinden kõnnte. Er trat als Einsamer hervor, dem nicht voranging. Da er scheinbar frei von jeglichen hisorischen und geographischen Bindungen kam, dauerte es eine Weile, bis man wissen konnte, wer er war und wofür er stand. Daher erfolgte Kafkas Empfang in Indien etwas spät.

An dieser stelle lohnt es sich zu beachten, dass Bertolt Brecht, ein anderer Star der deutschen Literatur in der Zwischenzeit bereits einen groβen Schritt in den Literaturkreis Indiens gemacht hatte. In Indien nehmen viele Literaturwissenschaftler Bertolt Brecht zwar als einen Schriftsteller an, der in vielerlei Hinsicht mit fortschrittlicher indischer Weltanschauung auf Deutsch schreibe. Vor einem optimistischen Diskussionsstart über Kafka und seine Werke in jüngster Zeit hat Bertolt Brecht bereits einen großen Raum im indischen akademischen Panorama eingenommen und war überall bei den Geisteswissenschaftlern und Akademikern viel beliebter. Er war überall bei den Geisteswissenschaftlern und Akademikern viel beliebter. Er fand großen Anklang bei Lehrern, Studenten, Übersetzern und Autoren in ganz Indien und zwar an Institutionen mit einer besonderen linken Neigung. Verschiedene Seminare und Workshops wurden an verschiedenen Orten über Bertolt Brecht organisiert. Aus seinen Werken adaptierte Dramen wurden in den Metropolen Indiens aufgeführt. Ausgehend von der deutschen Literatur wurde er immanent in verschiedenen literarischen Strömungen in Indien, die weiter verschiedene Gattungen der indischen Literatur beeinflussten und inspirierten. Er wurde fast ein großes Vorbild für Dichter, Schriftsteller sowie für Literaturkritiker und Soziologen. Professor Anil Bhatti vom Zentrum für Germanistik der Jawaharlal Nehru Universität schrieb 1981 sogar einen Artikel Brechtrezeption in der Hindi‑Lyrik. 1996 erschien auch in Delhi die Gedichtsammlung Har Shai Badalti Hai von Bertolt Brecht, die Giridhar Raathi mit Rainer Lotz ins Hindi übersetzt hatte. Brecht wurde in Indien fast zum Synonym für das, was man in der interkulturellen Debatte interkulturelle Kommunikation und interkulturelle Assimilation nennt.

Der Grund für die Popularität von Brecht in Indien liegt in sozialpolitischen Verhältnissen, die nach der Unabhängigkeit in Indien herrschten. Darüber hinaus gab es auch Verfügbarkeit seiner Werke in Indien durch die Übersetzung in veschiedene indische Sprachen. Er hinterließ einen großen Einfluss auf Marathi, Hindi und Bangla Literatur, insbesondere auf ihre Theateraufführung mit seinem Verfremdungseffekt. Man kann die Tatsache nicht leugnen, dass er beabsichtigte Wirkung auf die Werke von Girish Karnard, Vijay Tendulkar und P.L.Deshpande ausgeübt hat. Man darf auch nicht vergessen, dass in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg die Deutsche Demokratische Republik entstand, der ein kommunistischer Staat war, und zu dieser Zeit in Indien die kommunistische Bewegung einen großen Einfluss auf das politische und soziale System hatte. In der DDR fand Bertolt Brecht nach seiner Rückkehr aus dem USA-Exil einen Status, der sich für einen Nationaldichter lohnte. Zu dieser Zeit hatte Indien ein sehr gutes Verhältnis zur DDR. Lehrer, Studierende und Schriftsteller standen dort in ständigem Kontakt mit ihren Kollegen.

In der Zwischenzeit blieb die literarische Riesenfigur von Kafka hinter den Kulissen verborgen. In keinem der beiden deutschen Bundesländer wurde er in eine aktive literarische Debatte einbezogen. Der Grund war, dass Deutschland gerade aus dem Holocaust hervorgegangen war und die Umstrukturierung beider Nationen im Gange war, obwohl sie auf unterschiedlichen Linien geschah. Irgendeine Art von Verwirrung erfasste beide Teile Deutschlands in Bezug auf Kafka, da verschiedene Gruppen und Institutionen sich nicht entscheiden konnten, wie er in die gängige Literaturkritik einbezogen werden könnte oder ob man ihn überhaupt in die Mainstream- Literaturgesellschaft aufnehmen sollte. Zweitens wirkten sein jüdischer Hintergrund und der Charakter seines Schreibens als Stolpersteine ​​auf dem Weg zur Verbreitung seiner Werke. Also musste Kafka sowieso in Deutschland warten.

Auf der anderen Seite hat Kafka in der Zwischenzeit in England bereits schnelle Schritte zur Anerkennung unternommen. England war frei von solchen Vorurteilen gegenüber Kafka, wie sie in Deutschland vorherrschend waren. Seine Werke wurden dort als frischer Wind gesehen, der von keinem ‚Ismus‘ gebändigt wurde. Daher wurde Kafka in England mit ausgestreckten Händen empfangen und wurde infolgedessen ein großer Star. Dort stand er in der gleichen Reihe, in der auch Goethe stand, und freute sich darauf, eine der am meisten interpretierten literarischen Figuren zu werden. Erst dann konnte vielleicht die deutsche Geisteswissenschaftswelt erkennen, dass sie mit dem Wunderkind der deutschen Literatur, Franz Kafka, im Rückstand war. Mit dieser Erkenntnis wurde Kafka in Deutschland mit großem Respekt und Dankbarkeit wieder entdeckt und anerkannt. Durch das Erkennen und Schaffen eines großen literarischen Stars in Franz Kafka und die anschließende Präsentation desselben in Deutschland hat England seine literarische Schuld gegenüber Deutschland zurückgezahlt. Es gibt eine interessante Tatsache, die in diesem Zusammenhang erwähnt werden muss. George Bernard Shaw, der große englische Dramatiker und Schriftsteller, war auch auf gleiche Weise in Österreich und Deutschland hoch verehrt und beliebt und erst dann wurde er eventuell in England und weltweit berühmt. Er ging selbst so weit, diese Bemerkung zu machen:

“Deutsch und Spanisch sind für Ausländer zugänglich: Englisch ist nicht einmal für Engländer zugänglich.“ [Der originale Text auf Englisch: “German and Spanish are accessible to foreigners: English is not accessible even to Englishmen.”1 ]

Auf diese Weise schloss sich der Kreis des literarischen Austauschs zwischen England und Deutschland für die Literaturwelt eher positiv. Aber so weit es die Rezeption von Kafka in Indien betrifft, so könnte es erst in jüngster Zeit in großem Umfang geschehen. Wie ich bereits erwähnt habe, war seine Erwähnung im Literaturkreis in Indien nach der Unabhängigkeit ziemlich winzig. Die früheste Erwähnung von Kafka findet man, als ein Urdu-Kurzgeschichtenautor, Intizar Husain 1962 die Erzählung Kaya – kalp schrieb, die auf Kafkas Die Verwandlung beruhte. Trotzdem kam Kafkas Zusammenschluss in irgendeiner Art von sozialem, kulturellem oder literarischem Milieu in Indien lange nicht zustande, da Brecht in diesem Milieu weiterhin eine Lieblingsfigur blieb. Aber im Laufe der Zeit mit dem Schwinden der kommunistischen Ideologie in Indien ist das Interesse an Kafka um ein Vielfaches gestiegen. Seine Kurzgeschichten sind nicht nur ein Teil des ‚DaF-Unterrichts‘ geworden, sondern es sind auch zahlreiche Dissertationen, Forschungsarbeiten und Vorträge über sein Leben und Werk in vielen Fachzeitschriften veröffentlicht und in verschiedenen Workshops, Seminaren und Symposien präsentiert worden. Dazu haben wir jetzt Geisteswissenschaftler und Experten für Kafka, die man Kafkaloge nennt und dann ist auch eine neue Terminologie, d.h. ‚Kafkaesque‘ als Adjektiv (was bizarre, surreale, alptraumhaft komplexe Erfahrung bedeutet, in der man von einer unbekannten, unsichtbaren Kraft kontrolliert werden kann) bereits schon entstanden. In diesem Zusammenhang ist die interessante Tatsache zu beachten, dass Kafka vielleicht der einzige Schriftsteller der Welt ist, bei dem dieses einzigartige Phänomen vorkommt. In dieser Hinsicht hãtte man versucht, herauszufinden, ob man jemals im Bereich der Literaturkritik von Goethelogen, Brechtlogen oder Shakespearelogen usw. gehört hat? Die Einzigartigkeit von Kafka endet hier nicht. Jetzt haben die seriösen Leser begonnen, sogar Humor in Kafkas Texten zu entziffern und diese neue Ansicht über Kafka auch im DaF Unterricht zu behandeln. Im Jahr 2003 wurde ein Seminar über dieses Thema unter der Leitung von dem damaligen Direktor des Goethe Instituts (Neu Delhi) Herrn Walter Schweppe selbst am selben Ort d.h.Max Mueller Bhavan (Goethe Institut), Neu Delhi veranstaltet. Herr Schweppe, selbst ein bekannter Literat führte das Thema ‚Humor in Kafka‘ ein und die anderen Teilnehmer haben auch über Humor in einigen Texten von Kafka ausführlich gesprochen.

Es gibt jedoch eine wichtige Tatsache, die hier beachtet werden muss, dass verschiedene Werke dieses Schriftstellers mit einzigartiger Substanz niemals ans Licht gekommen wären, hätte sein Freund Max Brod seiner Bitte nach Zerstörung seiner Werke zugestimmt. Erwähnenswert ist hier, dass dieser sehr enge Freund von Kafka, den er 1901 im ersten Studienjahr an der Deutschen Karl-Ferinands-Universität Prag kennengelernt hatte, eine unbezwingbare Leidenschaft und ein tiefes Mitgefühl für Kafka besaβ und den Schöpfergeist von Kafka sofort bemerkt hatte. Brod hatte eigentlich einige bemerkenswergte Eigenschaften bei Kafka erkannt: d.h. erstens eine „absolute Wahrheit“2 und zweitens eine „präzise Gewissenhaftigkeit“3 . Außerdem bemerkte er, dass Kafka ein auβergewöhnlicher Rezitator war, der seine Rede so formulieren konnte, als ob es Musik wäre und wodurch sein Gesprächstoff immer und ununterbrochen so interessant wurde. Man kann sich vielleicht kaum vorstellen, was für eine unglaubliche Faszination dieser Mensch (Kafka) auf Max Brod ausübte. Es war wieder Brod, der den Begriff „der enge Prager Kreis“4 . prägte, um Schriftsteller wie Kafka, Felix Waltsch und ihn selbst mit einzubeziehen. Lebenslang blieb er Kafka vebunden und verantwortete selbst, alle unveröffentlichen Werke von Kafka zur Welt zu bringen.

Wenn man kurz das Leben von Franz zusammenfasst, stellt man fest, dass Franz Kafka als das älteste von sechs Kindern in einer deutschsprachigen jüdischen Familie am 3.Juli 1883 in Prag, Böhmen (heute Tschechien) geboren. Sein Vater Hermann Kafka wird als riesiger häuslicher Tyrann beschrieben, der seinen Zorn mehrmals auf seinen Sohn Franz richtete und sein Lieblingsengagement mit der Literatur überhaupt nicht respektierte. Als Geschäftsmann war er sehr erfolgreich. Sein ganzes Leben lang hatte Kafka Schwierigkeiten mit seinem autoritären Vater gehabt. Es war auch wegen des Wunsches seines Vaters nach sozialem Aufstieg, dass er in eine deutsche Schule geschickt wurde und nicht in eine tschechische Schule. Seine Mutter Julie war eine sanftmütige Frau aber besser ausgebildet als ihr Ehemann. Sie hat ihrem Mann im Geschäft immer groβe Hilfe geleistet und arbeitete zwar 12 Stunden pro Tag.

In den Schulen hat Kafka immer gute Leistungen erbracht. Nach dem Abitur ging er an die Charles Ferdinand University, wo er Jura studierte. Am 18. Juni 1906 promovierte er zum Doktor der Rechtswissenschaften. Nach einem Pflichtjahr unbezahlten Dienstes als Gerichtsschreiber bei den Zivil- und Strafgerichten fing er mit seinem Beruf an. Aber was wir in der Entstehung von Kafka als Schriftsteller sehen, kann in hohem Maße mit dem Ergebnis der industriellen Revolution zusammenhängen, die Europa zu seiner Zeit inmitten politischer Turbulenzen erfasste. Die politische Situation in Europa zu dieser Zeit führte zu großen Umwälzungen, da ein Weltkrieg schon vorbereitet wurde, der das Leben und die Weltanschauung der Menschen wie nie zuvor ändern würde. Während dieser Zeit (von 1908 bis 1922) war Kafka selbst als Versicherungsbeauftragter an der „Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt“5 . für das Königreich Böhmen in Prag tätig. Seine Aufgabe bestand darin, die Entschädigung von Arbeitnehmern, die unter sehr unsicheren Bedingungen in Fabriken arbeiteten, auf Personenschäden zu untersuchen und diese zu bewerten. Alle diese Umstände, abgesehen von der anhaltend schwierigen Beziehung zu seinem Vater in der Familie, wirkten sich stark auf seinen zu sensiblen Verstand aus. In dieser Beziehung ist man sich im Allgemeinen einig, dass Kafka sein ganzes Leben lang an klinischen Depressionen und sozialer Angst gelitten hatte.

Mehrmals hatte er auch enge Beziehungen zu verschiedenen Frauen gehabt, welche aber aber nie zu einer richtigen und ordnungsgemäβen Ehe führten.

Kafka hatte sicherlich auch sozialistische Neigungen gezeigt, obwohl er von der bolschewistischen Revolution in Rußland ohnehin nicht berührt worden war. In solchen Situationen, sowohl in seiner Familie als auch an seinem Arbeitsplatz, konnte er vielleicht sehen und erleben, wie die Menschenwürde zugrunde gegangen war und wie sich die Menschen in einem Prozess der Verdinglichung befanden. Daher findet man in seinen Werken auch immer einen unbekannten entmenschlichenden Zustand, unter dem seine Protagonisten sich ständig befinden. In meinem vorliegenden Forschungsauftrag habe ich auch versucht, die ‚Menschenwürde‘ bei den Protagonisten von Kafka zu verstehen. Zugrunde dieses Versuchs liegt der Ansatz, dass die Menschenwürde als endgültige treibende Kraft bei allen eigenartigen Benehmungen von Kafkas Protagonisten bestehe.

Dieser Ansatz wird hauptsätzlich im Hinblick auf sein Werk Die Verwandlung und teilwweise auch in Werken wie das Urteil als auch in der Strafkolonie analysiert. Zu diesem Zweck ist das ganze Werk in vier Abschnitte gegliedert.

Im allerersten Abschnitt habe ich versucht herauszufinden, wie und woher ich auf die Idee gekommen bin, dieses Forschungsthema zu wählen. In gewissem Umfang werde ich auch diskutieren, aus welcher Perspektive ich vorhabe, das Thema ‚Menschenwürde in Kafkas Werken‘ zu betrachten.

Im zweiten Abschnitt wird vor den Hintergrund des Begriffs der Menschenwürde sowohl in den literarischen Traditionen als auch aus den gesellschaftlichen Perspektiven und zwar durch individuelle Sensiblität betrachtet. Dazu wird auch diskutiert, wie sich der Begriff bei verschiedenen Denkern entfaltet hat und mit welcher Bedeutung er noch vorangeht.

Im dritten Abscnitt werde ich mich mit dem Kernstück meiner vorliegenden Arbeit auseinandersetzen. Darin habe ich vor, ein gewisses Verständnis für die Rolle der Menschenwürde in den drei obenerwähnten Werken Kafkas aufzuzeigen. In seinen Werken kann man erfahren, wie die Protagonisten unter verschiedenen Umständen kontinuierlich leiden können, ohne ihre Menschenwürde preiszugeben.Weiterhin kann man auch den erstaunlichen Eindruck gewinnen, dass der Leser in den Protagonisten selbst den Verfasser zu spüren bekommen könne.

Am Ende kommt das Schluβwort. Man hätte es Kafka zu verdanken, seine eigene Gefühle einer breiten Masse aufzuzeigen, und zwar seine Figuren, die Schatten seines Ichs, in einen schwer durchschaubaren Sprachnebel zu hüllen. Aber als Leser und Kritiker seiner Werke ist es unsere Aufgabe, die verborgenen Bilder und Bedeutungen darin aufzudecken. Dies mag der schwierigste Teil einer Forschung sein, aber ohne dies würde die Arbeit eines Forschers unvollständig bleiben. Dieser Teil enthält eine Zusammenfassung der gesamten Dissertation sowie eine gründliche kritische Analyse, in der es gezeigt wird, wie Menschenwürde in dichotomischer Beziehung zur Entmenschlichung in Kafkas Werken steht.

Ganz am Ende gibt es auch eine kurze Chronologie von dem Leben und den Werken Franz Kafkas, an die man sich immer wenden kann, wenn man irgendein Stück seiner Arbeit einem Teil seines Lebens gegenüberstellen will.

Das Werk baut sich wie folgend auf:

2. Die Auswahl des Forschungsauftrags
3. Vor dem Hintergrund des Begriffs der Menschenwürde
4. Die Menschenwürde in den drei Werken von Kafka, nämlich ,,das Urteil”,die Verwandlung” und ,,in der Strafkolonie”
5. Das Schlusswort

Anhang : Die Chronologie des Lebens und der Werke Franz Kafkas

2. Die Auswahl des Forschungsauftrags

Im Hinblick auf besondere Merkmale in Kafkas Werken kann man bestimmte Merkmale nennen, wodurch er sich hervorhebt. In meiner Kindheit habe ich vielmal Ramayana (die Geschichte von Rama) gelesen und gehört. Da himmelt Goswami Tulsidas, der Dichter des Buches selbst den Namen Ramas durch eine Zeile an:

„wie weit kann ich über die wahre Gröβe des Namens sagen. Sogar Rama selbst kann auch nicht den Wert seines Namens völlig beschreiben.“ [Der originale Text auf Hindi: Kahŏn kahān lagi nām badai / Rām na sakahin nām guna gāi // ]6

So weit es um Kafka und seine Werke geht, gilt gewissermaβen auch dasselbe. Kafka, der sogar einmal darauf bestand, dass seine Schriften vernichtet werden sollte, hätte sich kaum vorstellen können, dass seine Werke immer wieder zu einer neuen Interpretation veranlassen werden.

Es gibt bereits unzählige Forschungsbeiträge aus verschiedenen Perspektiven über Kafkas Werke, da Kafka einer der beliebtesten Autoren des 20.Jh. ist. Je tiefer man eigentlich in seinen Werken eintaucht, desto neuere intellektuelle, philosophische und geisteswissenschaftliche Aspekte kann man in ihnen finden. Die amerikanische Kritikerin Susane Sontag macht es sehr verständlich:

„Das Werk von Kafka zum Beispiel wurde von nicht weniger als drei Armeen von Interpretern massenhaft verheert. “[Der originale Text auf Englisch: The work of Kafka, for example, has been subjected to a mass ravishment by no less than three armies of interpreters.]7

So gibt es einen bestimmten Ausgangspunkt oder eine psychoanalystische Stellungnahme, anhand dessen oder deren Kafka immer wieder interpretiert wird. Als ich mich schlieβlich entschieden habe, eine Forschungsarbeit über Kafka zu schreiben, was es für mich zunächst sehr schwierig, einen neuen Standpunkt zu finden, um seine Werke zu betrachten. Aber es ist Peter Staengle zu verdanken, dass er darauf hinzudeutete, dass Kafkas Werke auch in der Hinsicht der Menschenwürde betrachtet werden könnten.

Anhand der oben erwähnten Werke von Kafka (d.h. Das Urteil, Die Verwandlung und In der Strafkolonie) habe ich vor, von dem gleichen Ausgangspunkt wie die von Peter Staengle formulierter Frage (die auf dem hinteren Umschlag von dem Manesse Verlag gedruckten „Verwandlung“ von Kafka schon besteht) zu untersuchen, >> ob und unter welchen Bedingungen die Wahrung von Menschenwürde möglich ist<<.(Staengle 1999) Auβer dieser Erwähnung der Problematik gibt es überhaupt keine weitere Forschung über das Thema. Aber selbst diese Annahme von Staengle war für mich ein toller Anlaβ, Kafkas Werke aus einer neuen Perpektive, d.h. aus der Perspektive der Menschenwürde zu betrachten.

Aber zum Glück erhielt ich dafür eine weitere Zustimmung von niemand anderem als seinem besten Freund und einer Art Fackelträger und ernsthaftem Forscher der Kafka-Bewegung, dessen weltbekannter Name Max Brod ist. Brod vertritt die folgende Meinung über die Chrakteristik von Kafkas Werk:

„[...] Hier sei daran erinnert, eine wie groβe Rolle bei Kafka neben Elementen der Menschenwürde, also der Demokratie, doch aus das Prinzip der Autorität spielt, [...]“8

Um dieses Element der Menschenwürde in meiner Forschungsarbeit aufzuzeigenen, habe ich versucht, sowohl aus den Originalwerken von Franz Kafka als auch aus der mir zur Verfügung stehenden Sekundärliteratur die maximal relevanten Punkte zu extrahieren.

3. Warum habe ich nur diese drei Werke von Kafka ausgewählt?

Zuallererst sind diese drei Werke in jedem Fall repräsentative Werke von Franz Kafka und auch weltweit bekannt. In gewisser Weise sind sie der Kern, aus dem die Eigenart von Kafkas Figuren hervorgeht und durch die das Wesen von Kafka erkannt werden kann.

Zweitens konnte ich bei meiner Studie dieser Werke eine neue Unterströmung der Menschenwürde entdecken, die in all diesen Weken unblässig floss. Es war für mich eine Art Offenbarung über einen unbekannten Aspekt von Franz Kafka und seinen Werken, der mich wirklich faszinierte.

Drittens wird es nicht zwecklos sein, an dieser Stelle diesen Punkt nochmals anzusprechen, um zu rechtfertigen, warum ich das Werk und das Thema für meine Forschung ausgewählt habe. Die Bestätigung meiner Forschungsidee erhielt ich, als ich einmal eine Ausgabe von die Verwandlung mit Nachwort von Peter Staengle las. In seinem Nachwort weist er leidenschaftlich darauf hin, dass eine Interpretation dieses Werkes unter dem Gesichtpunkt der Menschenwürde sehr möglich ist, was mich schlieβlich zu diesem Research führte. Dadurch konnte ich auch die gewünschte Leinwand bekommen, auf der ich genügend Platz habe, um weitere Farben und Bilder in Form von das Urteil und in der Strafkolonie hinzuzufügen.

4. Vor dem Hintergrund des Begriffs der Menschenwürde

In der heutigen, modernen und zivilisierten Gesellschaft kommt es gar nicht darauf an, ob man im Westen oder Osten lebt, sondern auf den weltanschaulichen Grundsatz der Menschenwürde und zwar auf die Bewahrung der Menschenwürde, die zum wichtigsten Maβstab genommen wird, verschiedene Institutionen einer Gesellschaft zu beurteilen und auch ästhetische und kulturgeschichtliche Werte der Gesellschaft erst der Bewahrung der Menschenwürde gegenüberzustellen.

Der Begriff der Menschenwürde findet ihre Entsprechung in der rhetorischen Artikulation von Max Fuchs:

„Würde ist also bereits hier erkennbar als Loslösung von vorgegebenen Autoritäten, als Übernahme von Eigenverantwortung. Der Mensch gilt nunmehr als frei in seiner Gestaltung der Lebensweise. Dazu gehört die Fähigkeit, selbst zu denken, ganz so, wie Kant es später in seiner bekannten Definition von „Aufklärung“ formuliert hat: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“9

In der vorkolonialen und kolonialen Zeit gab es Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Menschenwürde, wodurch der Begriff der Menschenwürde durch die internationalen Gerichte und die Vereinten Nationen neu definiert wurde. Um die ganze Proklamation der Menschenwürde relevant zu machen, wurde sie unter philosophischen, religiösen und rechtlichen Gesichtspunkten definiert.

Der Art. 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland lautet auch:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“10

Allerdings könnte man hier diese grundsätzliche Frage anschlieβen: Was sollte man unter dem Begriff der Menschenwürde verstehen?

Im gegenwärtigen Sinne kann man unter diesem Begriff verstehen, dass alle Menschen, ungeachtet ihrer Kaste, ihres Glaubens, Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Alters oder ihres Zustands denselben Wert haben. Die Menschenwürde ist eigentlich der Kern der menschlichen Identität, sie ist unantastbar und muss in allen Fällen respektiert und geschützt werden. Weiter versteht man darunter, dass sie nicht nur das Grundrecht an sich sei, sondern auf jeden Fall die Grundlage für Grundrecht bilde. Bei einem Menschen, der als höchstes Lebewesen angesehen wird, wird eher Würde als Menschenwürde im ansprechenden Sinne verwendet.

Jedenfalls ist sie die konzeptionelle Grundlage für die Formulierung und Durchsetzung der Menschenrechte und kann weder von der Gesellschaft gewährt noch von der Gesellschaft legitimiert werden, sondern dass das Menschsein selbst den vollen Anspruch auf Menschenwürde haben müsse und zwar keiner äußeren Entität oder Institution zur Legitimierung bedürfe. Beim Gedankengang von Ruud ter Meulen kann man auf die gleichen Ideen für Menschenwürde treffen, wenn er sagt:

„Die Menschenwürde ist ein Selbstwertgefühl. Daher ist Würde ein Gefühl des Stolzes auf sich selbst, das ein Mensch bei sich hat. Dieser bewusste Sinn gibt ihm das Gefühl, dass er Respekt und Ehre von anderen Menschen verdiene. Viele Wissenschaftler argumentieren, wenn ein Mensch sich in einer demütigenden oder kompromittierenden Situation befindet, ist dann seine Würde doch in große Bedrohung geraten. Aber die Menschen können sich jedoch immer noch durchsetzen, dass sie Anspruch auf Würde haben, obwohl sie sich in solchen Situationen befinden. Alles in allem verdienen Menschen Würde nicht wegen ihrer lebenslangen Erfolge, sondern weil sie bereits Menschen sind.“ [Der originale Text auf Englisch: Human dignity is a sense of self-worth. Therefore, dignity is a sense of pride in oneself that a human being has with them. This conscious sense makes them feel that they deserve respect and honour from other human beings. Many scholars argue that if a human being is in a humiliating or compromising situation then this is a major threat to their dignity. However, other human persons may still assert that they have dignity even though they find themselves in such situations. All in all, humans deserve dignity not because of their lifelong achievements but by the fact they are already human beings.]11

Im gleichen Sinne hat Andry R Chapman es auf folgendermaβen erklärt:

„Eine gewisse Folgerung der Menschenwürde ist, dass jeder Mensch mit einem einzigartig freien Ausdruck ihres Rechts auf Leben, integrierter körperlicher Eigenschaften und ihrer spirituellen Natur als ein äußerst wertvolles Mitglied der Gemeinschaft angesehen werden sollte.“ [Der originale Text auf Englisch: An imperative implication of human dignity is that every human being should be regarded as a very invaluable member of the community with a uniquely free expression of their right to life, integrated bodily attributes and their spiritual nature.]12

In seinem Essay, das Antoon De Baets von der Groningener Universität unter dem Titel “A Successful Utopia: The Doctrine of Human Dignity” zusammenfasst, bezeichnet er den grundlegenden Begriff der Menshenwürde als Kerngedanke aller haupt religiösen Traditionen und ethischen Systeme in ihrem Streben nach Heiligkeit und Gottnatur:

„Der Begriff der Würde wird zunehmend in der rechtlichen Auseinandersetzung und im politischen Diskurs verwendet. Und natürlich ist die Menschenwürde für alle wichtigen religiösen Traditionen und ethischen Systeme von zentraler Bedeutung, wenn sie über die Heiligkeit des menschlichen Lebens sprechen.“ [Der originale Text auf Englisch: The concept of dignity is increasingly used in legal argument and political discourse. And of course, human dignity is central to all major religious traditions and ethical systems when they speak about the sacred nature of human life.]13

Der groβe indische Gelehrte ist der gleichen Meinung, wenn er in seinem Vivek Choodamani erklärt: „Unter allen Lebewesen ist die Geburt als Mensch am würdigsten.“ [Der originale Text auf Sanskrit: // Sarv Jantoonãm Nar Janm Durlabham // ]14

[...]


1 Shaw, George Bernard. “Pygmalion (Illustrated Edition): A Satirical Take on English Language and Englishmen From the Author of Renowned Plays like Mrs. Warren’s Profession, Arms and The Man, Caesar And Cleopatra, Man and Superman”. 2015. Im Internet: https://www.azquotes.com/quote/1268847 [21.07.2019]

2 Brod, Max (1974): Über Franz Kafka. Frankfurt: Fischer. 1974. S. 49. Print

3 Ebd.

4 Ebd. S. 368

5 Ebd. S. 74

6 Tulsidas. Ram Charit Manas. 21. Aufl.; Gorakhpur: Gita Press. 2003. S. 30. Print

7 Sontag, Susan. Against Interpretation. New York: Farrar, Straus and Giroux. 1966. S. 6. Print

8 Brod, Max (1974): Über Franz Kafka. Frankfurt: Fischer. 1974. S. 28. Print

9 Fuchs, Max Fuchs . Menschenwürde, Bildung und Widerständigkeit. 1. Zur Menschenwürde. 2014. Im Internet: www.maxfuchs.eu/wp-content/uploads/2014/.../menschenwürde.rtf [12.07.2019]

10 Grundgesetz. Bonn: le- publishing services. 2012. S. 6 Print.

11 Meulen, Ruud ter. Human Dignity. 2002. Im Internet: https://doi.org/10.1080/...[1.12.2012]

12 Chapman, Audrey. Human dignity, bioethics, and human rights. 2011. Im Internet:http://amsterdamlawforum.org/article/view/177[08.06.2016]

13 Beats, Anton De. A Successful Utopia: The Doctrine of Human Dignity. 2012. Im Internet: http://dx.doi.org/10.12681/historein.51[25.06.2016]

14 Adi Shankaracharya. Vivek Choodamani. Mayavati: Advaita Ashrama.1921.S.2. Print.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Menschenwürde in den Werken von Franz Kafka am Beispiel von "Das Urteil", "Die Verwandlung" und "In der Strafkolonie"
Autor
Jahr
2019
Seiten
46
Katalognummer
V988254
ISBN (eBook)
9783346347510
ISBN (Buch)
9783346347527
Sprache
Deutsch
Schlagworte
menschenwürde, werken, franz, kafka, beispiel, urteil, verwandlung, strafkolonie
Arbeit zitieren
Jivendu Prasad Karna (Autor:in), 2019, Menschenwürde in den Werken von Franz Kafka am Beispiel von "Das Urteil", "Die Verwandlung" und "In der Strafkolonie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/988254

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