Massenmedien im Diskurs um das vermeintliche Waldsterben in der Bundesrepublik Deutschland der 1980er Jahre

Eine Untersuchung am Beispiel der Zeitschrift "Spiegel"


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das „Waldsterben“ in Westdeutschland
2.1 Ursprung
2.2 Verlauf

3. Das „Waldsterben“ in den Medien
3.1 Der „Spiegel“ und die Entdeckung des „Waldsterbens“
3.2 Darstellung der Thematik in der Zeitschrift
3.3 Das Bild vom „Waldsterben“ in anderen Quellen

4. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die zunehmenden Schäden des deutschen Waldes wurden öffentlichkeitswirksam erstmals in den 1970er Jahren festgestellt und erwuchsen sich in dem darauffolgenden Jahrzehnt zu einem gesamtgesellschaftlichen Politikum der Bundesrepublik Deutschland. Auch in den Medien war das „Waldsterben“ allgegenwärtig, allen voran im Spiegel mit seiner dreiteiligen Reihe „Schwefelhaltige Niederschläge vergiften Wälder, Atemluft und Nahrung“ von 1981. Im Fokus der Seminararbeit soll folglich stehen, wie die Printmedien, vertreten durch die Zeitschrift „Spiegel“, mit diesem Thema umgingen. Genauer genommen, soll ergründet werden inwieweit sie den öffentlichen Diskurs formten. Dazu sollen zunächst, in kürzerem Umfang, Ursprung und Verlauf des „Waldsterbens“ in der Bundesrepublik erörtert werden. Den Hauptteil wird die Untersuchung der Artikelreihe des „Spiegel“ bilden. Hierbei soll vor allem die Darstellung der Thematik untersucht werden. Abschließend wird noch ein Ausblick darauf gegeben, ob das von dem „Spiegel“ gezeichnete Bild ein Ausreißer im Vergleich zu den anderen Quellen darstellte, oder ob eher ein Konsens in der damaligen Medienlandschaft bestand.

2. Das „Waldsterben“ in Westdeutschland

2.1 Ursprung

Schon lange vor 1981 war in forstwissenschaftlichen Kreisen die Rede von einem Sterben der Wälder. Bereits 1930 gab es Meldungen von Schäden durch Luftverschmutzung und Auswirkungen des Bergbaus im Ruhrgebiet. Ebenso wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Borkenkäferplagen und die Abholzung im Zusammenhang mit Reparationszahlungen beklagt.1 Zum Ende der 1970er Jahre häuften sich, jedoch Schäden an Tannen in der südwestlichen BRD, welche sich Förster und Wissenschaftler allerdings nicht eindeutig erklären konnten.2 Auch gab es Berichte über Schäden, oder Anomalien an „Buchen[,] [...] Tannen, Fichten und Douglasien“.3 Hierfür ließen sich keine einfachen Erklärungen finden. Stattdessen lieferten die Wissenschaftler Theorien mit vielen verschiedenen interdependenten Akteuren und Auslösern.4

2.2 Verlauf

Durch ein rasch aufkommendes Medieninteresse rückte das Thema ab 1980 in den Fokus der Politik.5 Durch das gewaltige Interesse auf Seiten der Bevölkerung entstand ein großer öffentlicher Druck, was die verantwortlichen Politiker zu raschem Handeln zwang. Nachdem zunächst einige Expertengremien einberufen worden waren um sich mit Hilfe der Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen ein Bild über die Schwere der Problematik zu machen und die Bundesregierung überzeugt worden war, dass es sich um ein äußerst dringliches Problem handelte, wurden diverse Maßnahmen eingeleitet.6 „Dazu gehörten erste Bestandaufnahmen der Schäden, die Einberufung einer Expertenkommission, erste Forschungsprogramme sowie die Vorbereitung von Verordnungen zur Verminderung der Luftverschmutzung.“7 An dieser Linie wurde auch nach dem Regierungswechsel festgehalten. Die „GroßfeuerungsanlagenVerordnung von 1983“ schrieb vor, dass Elektrizitätswerke zukünftig Filteranlagen zur Vermeidung von Schwefeldioxidemissionen einzusetzen hatten.8 Diese Bemühung gab laut Radkau den Anstoß dazu, „dass der Waldsterben-Alarm statt zu einer self-fulfilling zu einer self-refuting prophecy wurde“.9 Sie war, jedoch nur ein Teil des umfangreichen ^Aktionsprogramm Rettet den Wald‘“ von 1983, welches noch bis 1989 erweitert wurde und eine Vielzahl von „Initiativen zur Luftreinhaltung“, „sowie waldbauliche Maßnahmen zur unmittelbaren Schadensminderung“ umfasste.10 Nachdem die installierten Maßnahmen in kurzer Zeit zufriedenstellende Ergebnisse produzierten, flachte die Aufmerksamkeit von Seiten der bundesdeutschen Bevölkerung schnell ab. Schon im folgenden Jahrzehnt interessierten sich die Westdeutschen kaum noch für das „Waldsterben“.11

3. Das „Waldsterben“ in den Medien

3.1 Der „Spiegel“ und die Entdeckung des „Waldsterbens“

Im Zuge zu Forschungen zu der „Waldsterben“-Debatte wurde und wird die Rolle der „Spiegel“-Reihe und deren Auswirkung auf die Öffentlichkeit viel diskutiert. Diese wurde bisweilen so hoch bemessen, dass die Meinung der „Spiegel“ hätte das Waldsterben entdeckt in den ersten Abhandlungen zu der Thematik weit verbreitet war und bei den Historikern zum Teil bis heute ein Streitthema ist.12 Warnungen von den Experten wurden bis 1978 fast vollständig ignoriert und auch im Zuge der Luftverschmutzungsdebatte in den 1970ern wurde der Wald in diesem Bezug nicht beachtet.13 Das Problem war jedoch schon bekannt und wurde als solches vereinzelt auch bereits diskutiert, aber ohne Resonanz in der Gesamtgesellschaft zu finden.14 So erschien schon 1979 eine größere Abhandlung mit dem Titel: „,Rettet den Wald‘“.15 Allerdings schrieb man in diesem aber noch nichts von Luftverschmutzung oder saurem Regen. Das Werk lässt sich viel eher als ein Plädoyer für den Erhalt natürlicher Mischwälder charakterisieren.16 Noch weitere fünf Jahre davor versuchten schwedische Forscher bereits die Welt auf die Problematik des sauren Regens und dessen ökologisches Schadenspotential aufmerksam zu machen, was jedoch größtenteils auf taube Ohren stieß.17

„Ursprung des Alarms waren nicht die Medien allein, sondern ein Wechselspiel zwischen Medien und Wissenschaft.“18 Das Aufkommen des ökologischen Denkens in den 1970er Jahren bildete höchstwahrscheinlich das Fundament für die gesellschaftspolitische Relevanz des „Waldsterbens“. Dieses neuentfachte Interesse wird als einer der zentralen Gründe genannt, warum aus dem reinen Umweltproblem „ein gesellschaftliches Problem ersten Ranges“ erwachsen konnte.19 Ohne die Berichterstattung in den Massenmedien, wie dem „Spiegel“, die Millionen von Westdeutschen auf das Thema aufmerksam machte, wären die politischen Maßnahmen wohl kaum so umfangreich gewesen. Diese Medien übten einen, kaum zu unterschätzenden, Einfluss auf die Wahrnehmung der Problematik in der Gesellschaft aus, der einen enormen Druck auf die Politik nach sich zog.20 Hierbei wird in der Literatur häufig auf die Bedeutung des „Spiegel“ wegen dessen Reihe zum „Waldsterben“ von 1981 verwiesen.21 Nichtsdestotrotz, sollte man diese Zeitschrift aber nicht als alleinigen Entdecker der Problematik sehen. So fanden Berichte zu der Thematik schon eine Dekade früher Einzug in die Massenmedien und auch die bildliche Illustration des Waldes der von Industrieemissionen aufgefressen werden zu scheint, reiht sich ein in eine Tradition aus der beginnenden zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.22 In diesem Sinne kann man, wie Martin Bemmann, zu dem Schluss gelangen, dass der „Spiegel“ zwar kein Entdecker, aber ein „folgenreicher Katalysator einer laufenden und an Fahrt gewinnenden Debatte“ war.23

3.2 Darstellung der Thematik in der Zeitschrift

Der „Spiegel“ ist eine Zeitschrift klar adressiert an eine bildungsbürgerliche Leserschaft was besonders an der sprachlichen Gestaltung der Artikel deutlich wird. So wird sich stets bemüht ein besonders intellektuell anmutendes, sowie von fachsprachlichen Metaphern und Anspielungen durchsetztes Deutsch zu schreiben.24 Diese Tatsachen tragen dazu bei, dass die Zeitschrift mitunter sehr negativ aufgenommen wird.25 Im Folgenden soll es sich jedoch nicht um persönliche Meinungen, sondern um einen kritischen Blick auf die Aufbereitung der „Waldsterben“-Problematik durch die Zeitschrift handeln.

Schon im ersten „Spiegel“-Artikel der Serie von 1981 werden die Schäden am Wald mit einer Gefahr für den Menschen verbunden, was später in dem Slogan „Wenn der Wald stirbt, stirbt der Mensch“ auf den Höhepunkt gebracht wurde.26 Als Ursache der Waldschäden werden dabei „saure Niederschläge“ benannt.27 Belegt werden die Äußerungen durch Zitate von Experten.28 Von Anfang an trägt der „Spiegel“ zur Verbreitung von Alarmismus bei, indem Weltuntergangszenarien prophezeit werden.29 Es wird offen von einem vermeintlichen „Zusammenbruch des gesamten Ökosystems“, gestützt durch „wissenschaftliche^] Indizien“, gesprochen.30 In den Artikeln werden zahlreiche Experten und deren Äußerungen zu der Thematik, oft wortwörtlich, als Quellen angeführt.31 In diesem Bezug weist Roland Schäfer in seiner umfassenden Untersuchung jedoch darauf hin, dass es sich bei diesen Wortmeldungen häufig nicht um Ausschnitte aus Interviews mit Redakteuren handelt, sondern diese lediglich aus „anderen Medienberichten übernommen wurden“.32 Weiterhin neigten die Autoren der Artikel dazu, Aussagen durch Auslassungen zu dramatisieren.33 So kürzten sie beispielsweise eine Stellungnahme des Forstwissenschaftlers Professor Bernhard Ulrich gegenüber dem Hamburger Abendblatt: „Die ersten großen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben. Sie sind nicht mehr zu retten.“ als Unterschrift eines Bildes zu: „Die großen Wälder sind nicht mehr zu retten.“.34 Das von der Industrie emittierte „Schwefeldioxid“ wird in dem Auftaktartikel von 1981 als „satanische Substanz“ bezeichnet.35 Im Weiteren wird dessen Schadenspotential auf Umwelt und Gesundheit vorgestellt, wobei die Redakteure des „Spiegel“ berichten, dass dessen Gefahrenpotential bereits seit mehreren Dekaden hinreichend erwiesen wäre.36 Als Belege für die Gefahr wird an dieser Stelle vom „Patient Wald“ abgewichen. Stattdessen wird beispielsweise angeführt, dass „chronische Lungenkrankheiten“ in städtischen Gebieten häufiger vorkämen, als auf dem Land.37 Als Ursache hierfür wird eine Kombination aus Schwefeldioxid- und Kohlenmonoxidbelastung der Luft angeführt.38 Somit wird an dieser Stelle impliziert, dass die Bundesregierung es, entgegen besserem Wissen, billige, dass die Industrie die Umwelt und ihre Bürger vergifte. Angaben, auf welche Zahlen sich konkret bezogen werden fehlen. Allgemein sind die Behauptungen nur sehr vage untermauert mit Formulierungen wie: „überdurchschnittlicher Belastung“, „bis zu viermal so viele“, oder „weit über dem Bundesdurchschnitt“.39 Es soll ein möglichst drastisches Bild gezeichnet werden, ohne der Leserschaft einen wirklichen Überblick zu geben. Neben dem Wald, seien laut dem „Spiegel“ auch architektonische Kulturheiligtümer der Deutschen, wie der Kölner Dom, in Gefahr.40 Der saure Regen greife die Bausubstanz der „Kunstdenkmäler Westdeutschlands“ und ebenso Stahlbeton an, was in naher Zukunft neben Instandhaltungskosten in Milliardenhöhe, auch Katastrophen wie das Zusammenstürzen von Brücken nach sich ziehen würde.41 Die Autoren des Artikels holen somit zu einem rhetorischen Rundumschlag aus, indem sie den sauren Regen nicht nur als Wald-, sondern auch als Gesundheits-, Kultur- und Wirtschaftskiller darstellen.

[...]


1 Vgl. Schäfer, 2012, S. 9.

2 Vgl. Metzger, 2015, S. 137.

3 Metzger, 2015, S. 136.

4 Vgl. Kloepfer, 1995, S. 116.

5 Vgl. Metzger und Schäfer, 2009 , S. 205.

6 Vgl. Metzger und Schäfer, 2009, S. 205.

7 Metzger und Schäfer, 2009, S. 205.

8 Radkau, 2011, S. 238.

9 Radkau, 2011, S. 238.

10 Metzger und Schäfer, 2009, S. 205.

11 Vgl. Metzger und Schäfer, 2009, S. 209.

12 Vgl. Brüggemeier, 2011, S. 257; Radkau, 2011, 236; Anders und Uekötter, 2004, S. 112; Brüggemeier, 2004, S. 120; Holzberger, 1995, S. 70; Kloepfer, 1995, S. 116,117.

13 Vgl. Metzger, 2015, S. 135.

14 Vgl. Bemmann, 2012, S. 445.

15 Radkau, 2011, S. 236.

16 ebd.

17 Vgl. Radkau, 2011, S. 237.

18 Radkau, 2011, S. 239.

19 Bemmann, 2012, S. 446.

20 Vgl. Bemmann, 2012, S. 450; Schäfer, 2012, S. 96; Anders und Uekötter, 2004, S. 119.

21 Vgl. Brüggemeier, 2011, S. 257; Anders und Uekötter, 2004, S. 119, 120; Holzberger, 1995, S, 70-77.

22 Vgl. Bemmann, 2012, S. 450.

23 ebd.

24 Vgl. Bucher, 1991, S. 141, 142.

25 Vgl. Bucher, 1991, S.142. Der Autor nimmt eine außerordentlich kritische Haltung gegenüber dem „Spiegel“ ein und untermauert diese noch durch ein abschätziges Zitat aus der „Financial Times“.

26 Vgl. Spiegel, 1981 (47), S. 96 und Spiegel, 1984 (02), S. 36.

27 Spiegel, 1981 (47), S. 96.

28 Vgl. Spiegel, 1981 (47), S. 96

29 ebd.

30 Spiegel, 1981 (47), S. 97, 99.

31 Vgl. Schäfer, 2012, S. 97.

32 Schäfer, 2012, S. 97.

33 Die Zeitschrift gibt bei den bearbeiteten Artikel generell keine konkreten Autoren an. Hans-Jürgen Bucher bemerkt in diesem Zusammenhang, dass beim „Spiegel“ generell eine Vielzahl von Redakteuren an einer Geschichte arbeiten würden. Den finalen Feinschliff übernehme dann ein sogenannter „Chefschreiber“. Vgl. Bucher, 1991, S. 141.

34 Schäfer, 2012, 97 und Spiegel, 1981 (47), S. 106.

35 Spiegel, 1981 (47), S. 99.

36 ebd.

37 ebd.

38 ebd.

39 ebd.

40 ebd.

41 Spiegel, 1981 (47), S. 101.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Massenmedien im Diskurs um das vermeintliche Waldsterben in der Bundesrepublik Deutschland der 1980er Jahre
Untertitel
Eine Untersuchung am Beispiel der Zeitschrift "Spiegel"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Geschichte)
Veranstaltung
Krisen, kultureller Wandel und Konsum in der Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre – Wandel im Konsumverhalten?
Note
2.3
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V988738
ISBN (eBook)
9783346351562
ISBN (Buch)
9783346351579
Sprache
Deutsch
Schlagworte
BRD, Bundesrepublik, Konsumgeschichte, Waldsterben, Printmedien, Zeitschriften
Arbeit zitieren
Tom Reichelt (Autor), 2020, Massenmedien im Diskurs um das vermeintliche Waldsterben in der Bundesrepublik Deutschland der 1980er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/988738

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