Tolstoj, Leo Nikolaevic - Der Leinwandmesser


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

3 Seiten, Note: gut


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..Der Leinwandmesser" (russ. orig. Titel CHOLSTOMER)

Die Geschichte eines Pferdes ~ Erzählung von Leo Nikolaevic Tolstoj, entstanden 1863.

Der <Held> dieser höchst originellen Erzählung ist ein Pferd, dessen Name sich von der weit ausgreifenden, gleichsam ,,Leinen durchmessenden" Gangart herleitet. Die Eigenart des Werkes besteht vor allem darin, dass der alte scheckige Wallach selbst erzählt. Er ist einst das schnellste, kräftigste und schönste Pferd weit und breit gewesen. Im Alter aber eine ,,lebende Ruine", welche als armseliger Hirtengaul auf einem Gestüt dient und den jüngeren Stallgenossen zum Spott. Er vermag sich nur zu helfen, indem er ihnen von seinem Schicksal berichtet:

Eines Nachts beginnt er den um ihn versammelten Stallgenossen von seinen besseren Tagen zu berichten. Hierbei werden aus der Sicht des Tieres, das wie in der Fabel ein redendes und denkendes Wesen ist, auch Leben und Handeln der Menschen beurteilt, denen ,,der Leinwandmesser" nacheinander gehört und mit denen er meist bittere Erfahrungen machen muss: angefangen beim Stallmeister im gräflichen Gestüt, wo er als geschecktes Fohlen geboren wird, bis zu dem in Saus und Braus lebenden Husarenoffizier <Serpuchovskij>. Der Offizier ist im Alter heruntergekommen und tief verschuldet. Bei einer Wiederbegegnung mit seinem einstmals zuschanden gefahrenen ,,Freund" erkennt er diesen - im Gegensatz zum Pferd - nicht einmal, und schließlich findet er ein noch erbärmlicheres Ende als der ,,Leinwandmesser".

Er ist blutmäßig von äußerst edler Abstammung, doch ein Schecke; das gilt als Makel, was er sein ganzes Leben lang zu spüren bekommt. Unglücklichen ersten Jahren folgt bei einem Offizier die wahrscheinlich schönste Zeit seines Lebens; er schlägt die berühmtesten Rennpferde. Doch derselbe Offizier, der das Tier nach dem größten seiner Siege als Freund bezeichnet, fährt es im Liebesschmerz zuschanden. Danach sind all seine Kraft, seine Schnelligkeit dahin; es folgt Elend und Alter.

Der Autor vermag seiner ungewöhnlichen Erzählung überraschende Sensationen zu geben, so wenn der Wallach peinlich berührt und staunend über den ,,niedrigen und tierischen Instinkt" jener ,,seltsamen Tiergattung" MENSCH, nachsinnt, der sich in der Unterscheidung von mein und dein äußert und der sogar gegenüber Lebewesen wie ihm, dem Pferd, Eigentumsansprüche erhebt. In großartiger Weise werden in diesem Werk Tier und Mensch, letztlich Natur und Zivilisation, gegenübergestellt. Besonders augenfällig dank des Kunstgriffs, das Tier gleichsam auf die Ebene des Menschen zu heben - mündet symbolisch in die im Schaffen Tolstojs oft und in verschieden Verkörperungen anzutreffende, zurückgehende Natur-Zivilisation.

Der durch sein williges und bescheidenes, geduldiges und leidensfähiges Wesen für sich einnehmende, das Mitleid des Lesers erflehende ,,Leinwandmesser" kann auf ein erfülltes Leben zurückblicken; Seiner natürlichen Bestimmung folgend ist er den Menschen bis zuletzt auf seine Weise von Nutzen, während seine Herren und Besitzer ihr im Grunde unnatürliches, weil müßiges, schmarotzerhaftes, sinnloses Dasein als physische und moralische Wracks beschließen. - Auf diese Weise nimmt der Autor mit Hilfe seines Mediums - das staunende Pferd, das selbst sein Leben erzählt - Stellung gegen Institutionen und Konventionen (Abkommen), die sich, wie Tolstoj meint, die Menschen zu ihrer unnatürlichen und sittlichen Verderbnis geschaffen haben und die oft Unheil auch über andere, von ihnen abhängige Wesen bringen.

In der Verwendung der vielfältigen stilistischen Ausdrucksmittel der russischen Sprache erweist sich Tolstoj hier ebenso als Meister (man beachte beispielsweise den geschickten Gebrauch des verlebendigten historischen Ereignisses im achten Kapitel, wo ,,Leinwandmesser" von seinen Erlebnissen und seinem Missgeschick bei dem Husaren berichtet) wie etwa in den übergenauen Beschreibungen der Pferde, ihres Treibens im Stall und auf der Koppel. Der Autor stellt das ,,Innenleben" des <Leinwandmessers> so überzeugend dar, dass der Leser den Eindruck erhält, er habe wirklich dessen ,,Denken" und ,,Fühlen" ergründet und es nur in die menschliche Sprache übersetzt. Die Sympathie des Dichters gilt dem seiner natürlichen Bestimmung hingegebenen Pferd; sein Urteil trifft das alles bloß schmarotzende, moralisch wertlose Menschdasein.

Tolstoj, Leo Nikolaevic .. Graf, russischer Dichter, wurde am 09.09.1828 in Jasnaja Poljana geboren. Er stammt aus einem alten Adelsgeschlecht. Gestorben ist er am 20.11.1910 in Astapovo.

Er fand über das Tagebuch den inneren Zugang zum literarischen Schaffen. Seine ungewöhnliche Begabung zur Analyse des seelischen Lebens ließen ihn zum Kunstmittel des <inneren Monologes> greifen, der seine Art der Darstellung seelischer Zustände und Vorgänge geprägt hat. Es äußert sich in einem Drang nach Wahrheit, macht sich in gewissem Maß in Tolstojs Abkehr von jeglicher literarischer Schablone geltend, wie in der meisterhaften Tiergeschichte ,,Cholstomer" eng mit den künstlerischen Ausdrucksmitteln verflochten.

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3 von 3 Seiten

Details

Titel
Tolstoj, Leo Nikolaevic - Der Leinwandmesser
Note
gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
3
Katalognummer
V98962
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einfache Buchinterpretation
Schlagworte
Inhaltsangabe
Arbeit zitieren
Martina Mayerhofer (Autor), 2000, Tolstoj, Leo Nikolaevic - Der Leinwandmesser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98962

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