Galante Lyrik und die Kunst des Überredens

Inhaltliche und stilistische Struktur galanter Gedichte anhand der Werke "An Lisette", "An Rosetten" und "An Luise"


Hausarbeit, 2019

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Theorie:GalanteLyrik

2. Gedichtanalysen
2.1. AnLisette
2.2. An Rosetten
2.3. An Luise

3. Vergleich

Fazit und Ausblick

Literatur

Anhang

Einleitung

Die letzten siebzig Jahre sind geprägt von einem gesellschaftlichen Wandel, welcher Einzigartig in der Geschichte der Menschheit ist1. Das Leben in unserer westlichen Kultur durchlief auf der gesellschaftlichen, sozialen und technischen Ebene einen Normen-, Werte- und Generationenwandel. Diese Veränderungen in der Gesellschaft ziehen sich durch alle Lebensbereiche, somit auch durch das Liebes- und Sexualleben, sowie dessen öffentliche Wahrnehmung. Das traditionelle Ehemodell, Liebesbeziehungen im Allgemeinen, der Stellenwert von Sex und Sexualität, sowie der Grad an Offenheit mit dem über die Themen im privaten und öffentlichen Raum kommuniziert wird, hat eine neue gesellschaftliche Positionierung und Offenheit im späten 20. und dem frühen 21. Jahrhundert erfahren. Diese sich entwickelnde und steigende gesellschaftliche Toleranz war nicht immer selbstverständlich und die Verurteilung von Sexualität als Sünde, vor allem durch die Kirche, geht viele Jahrhunderte zurück.

Jedoch gab es um 1700 - der sogenannten galanten Zeit - eine poetische Bewegung, in der das Sexuelle noch sagbar war und sein Medium in der Lyrik dieser Zeit fand (vgl. Blinn 1999, S. 100). Diese Gedichte haben die erotische Liebe als Hauptthema und die Autoren ließen sich nicht darin erschöpfen, das körperliche Begehren in all seinen Facetten zu inszenieren (vgl. BUNKE 2018, S. 505). Die aus dieser Zeit stammenden und in dieser Hausarbeit untersuchten Gedichte sind An Lisette von HOFFMANNSWALDAU, An Rosetten von einem anonymen Autor und An Luise von JOHANN CHRISTIAN GÜNTHER. Sie alle haben ihre Adressatengerichtetheit und die Intention des Überredens gemeinsam. Damit ist das Überzeugen des lyrischen Du‘s von den Avancen des lyrischen Ich gemeint.

Die Untersuchung dieser beispielhaften Gedichte der spätbarocken, galanten Lyrik ist fokussiert auf den Inhalt und die Intention, sowie den bildlichen und stilistischen Ausdruck sowie die bedienten Motivfelder. Daraus wird folgende Fragestellung erarbeitet: Inwiefern finden sich Parallelen, beziehungsweise Differenzen zwischen den Gedichten?

In einem ersten Schritt wird die galante Lyrik eingeführt. Dabei sind die historische Einordnung sowie stilistische und inhaltliche Charakteristika von Bedeutung. Anschließend werden die exemplarisch ausgewählten Gedichte unter Punkt zwei -Gedichtanalyseninhaltlich sowie auf der Ebene der Binnenlogik und Metaphorik strophenwiese aufgearbeitet und analysiert. In Kapitel drei werden die erarbeiteten Aspekte zu den untersuchten Gedichten mit einander in Bezug gesetzt und verglichen um abschließend Parallelen und Differenzen rauszuarbeiten.

Um den Lesefluss nicht zu stören wird davon abgesehen die einzelnen Wörter / Begriffe / Verweise im Fließtext mit dem Verweis auf den Anhang zu versehen. Die kompletten Gedichte sind im Anhang chronologisch nachzulesen.

1 Theorie: Galante Lyrik

Die in dem Zeitraum von 1680 bis 1720 ihren Höhepunkt findende Form der galanten Lyrik handelt vorherrschend von dem Thema der sinnlich-erotischen Liebe (vgl. Blinn 1999, S. 105). Und auch wenn bisher eine allgemein gültige Definition dieses, nicht zuletzt modisch stark verunklärten, Stils nicht in ausreichender Weise erbracht worden ist (vgl. SCHÖBERL 1972, S. 15), gelten die sieben Bände Herrn Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auserlesene und bisher ungedruckte Gedichte von BENJAMIN NEUKIRCH als Sammlung der bedeutendsten Werke der galanten Lyrik. Bereits Neukirch verwendete den Begriff galant in seiner Anthologie (vgl. Schöberl 1972, S. 16), ein Modebegriff, dessen Bedeutung sich auf das Amouröse verengt hat (vgl. Meid 2008, S.149 ff.). Somit sind die galanten Gedichte fast ausschließlich der scherzhaften Huldigung der Frauen gewidmet (vgl. Schöberl 1972, S. 16) und der barocke Bildstil ist durch die Häufigkeit metaphorischer Stilmittel, die Tendenz zur ästhetischen Überhöhung und durch metaphorische Verhüllungstendenzen geprägt (vgl. MEID, 2008, S. 4 ff.). Die ästhetische Vermittlung der Lust geschieht dabei über die folgenden Themen- und Motivfelder: Kirchlich-religiös, Natur, Blumen und Pflanzenwelt, Ackerbau, Genuss und Geschmack, allgemein sensuelle Eindrücke, Schifffahrt, das Metaphysische und Mystische (bspw. Venus), Momento mori und Vergänglichkeit, sowie die Natürlichkeit des Geschlechtstriebs (vgl. Blinn 1999, S. 111 ff.).

Der zentrale Reiz der galanten Lyrik liegt jedoch nicht ausschließlich in der metaphorischen Überhöhung und Ausformulierung sexueller Handlungen oder der Klage über eine unnachgiebige Geliebte, sondern in dem metaphorisch geistreich-frivolen Spiel und der ironischen und parodistischen Konnotation (vgl. Meid 2008, S. 141 ff.). Der in den Bänden von Benjamin Neukirch repräsentierte spätbarocke Stil ist somit, vor dem Hintergrund der petrakistischen Tradition, geprägt von dem Nebeneinander von Ironie und Galanterie, dem erotisch-frivolem Spiel und einem tieferen Emst, von Überredung zum Liebesgenuss und Argumenten der Vergänglichkeit (vgl. MEID 2008, S. 145).

Das Ziel der metaphorisch stark überhöhten galanten Lyrik ist das Variieren und Ironisieren der Liebes-Thematik sowie die Funktion gesellschaftlicher Unterhaltung, beziehungsweise der Ausrichtung auf einen gesellschaftlichen Rezeptionskontext (vgl. Blinn 1999, S. 113). Die Dichter beabsichtigten eine scherzhafte Unterhaltung, der Wirklichkeitsbezug und -grad der Gedichte ist somit für das Verständnis nicht von Relevanz (vgl. Schöberl 1972, S. 26). Als Bestandteil der Gesellschaft und der öffentlichen Rezeption sind die galanten Gedichte entprivatisiert und als geistreich dargelegte Fiktion zu betrachten (vgl. Schöberl 1972, 17). Dem Dichter geht es nicht um die Mitteilung einer persönlich-individuellen Erfahrung (vgl. SCHÖBERL, 1972, S. 17), sondern neben der Unterhaltung um das Erreichen eines verständlichen und einfallsreich ironisierenden Stils sowie der Variation der thematischen Grundkonstellationen (vgl. Meid 2008, S. 149 ff.).

2 Gedichtanalysen

2.1 An Lisette

Das Gedicht An Lisette stammt aus der Feder von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, welcher als Vorbild für viele Dichter der galanten Zeit gilt (vgl. Meid, 2008, S. 149ff.). Es hat sieben Strophen mit je 6 Versen, ist formal gleichbleibend und Silben- und Reimschema korrelieren.

Die erste Strophe beginnt mit der direkten Ansprache der Adressierten Lisette. Die gesamte Strophe ist eine rhetorische Frage, welche an das lyrische Du gestellt ist und dessen Entsagungen hinterfragt. Bereits in dem ersten und zweiten Vers wird die sexuelle Motivation des lyrischen Ich deutlich, indem der Begriff „Lust“ mit dem erotisch konnotierten Bildmotiv der weiblichen „schwanenweichen Brust“ in Verbindung tritt.

Das Adjektiv „schwanenweich“ beschreibt die Brust dabei in doppelter Hinsicht, wobei „Schwan“ den weißen Farbwert repräsentiert und „weich“ die sensuelle Haptik. In dem letzten Vers der ersten Strophe wird mit dem Begriff des „Liebeshimmel“ sowohl über das religiöse, beziehungsweise sakrale Motivfeld als auch über den Liebes-Bezug argumentiert. Der Aspekt von Liebe findet sich ebenfalls in der zweiten Strophe, dieses Maljedoch in der Verbindung von Kuss, Wollust und Herz. Der Weg in das Herz des lyrischen Du, sowie die Entzündung von „Wollust“ und „Glut“ geschieht dabei über einen Kuss. Der Kuss fungiert damit als Auslöser und als Erreger der Empfindungen des lyrischen Ich und seiner Avancen, sowie als Mittel der Argumentation und Legitimation. Eine weitere Auffälligkeit ist die Benennung eines weiteren Körperteils - der Lippen. Durch die Verwendung des Ausdruckes „Lippen Blut“, wird eine weitere sensuelle Metapher geschaffen, in der „Blut“ als metaphorischer Farbträger fungiert.

Von besonderer Bedeutung ist die dritte Strophe. Sie beginnt, ähnlich wie die erste Strophe, mit einer rhetorischen Frage an das lyrische Du, die darauf abzielt in Erfahrung zu bringen, ob sich das lyrische Du dem lyrischen Ich auf sexueller Ebene fügen, beziehungsweise öffnen wird. Was diese Strophe von den Vorherigen unterscheidet ist, dass sie erstmalig vermehrt Metaphern und stilistische Ausführungen verwendet, welche den eigentlichen Gegenstand der Aussagen außen vorlassen. Dies führt dazu, dass diese Strophe verschiedene, spekulative Bedeutungen haben kann. Die metaphorische Ausklammerungs-, Verschleierungs- und Andeutungstendenz der eigentlichen Aussage geht einher mit der Intention der galanten Dichter in scherzhafter Weise zu unterhalten und hat die Funktion den pointierten Aussagen mehr Reiz durch das Spiel mit Zweideutigkeiten zu geben (vgl. Schöberl, 1972, S. 141). Eine mögliche Auslegung dieser Strophe ist, dass der rhetorischen Frage eine zotige, jedoch metaphorisch dargestellte Schilderung des Sexualaktes, sowie die Beschreibung des weiblichen und männlichen Orgasmus folgt. Die genauere Betrachtung der verwendeten Stilmittel soll diese These stützen. Die in Frage kommenden Verse lauten wie folgt:

Wird meine Gunst nun weiter gehn
Und heiß entzückt vor dir stehn
Wirst du als Rose dich aufschließen?
Wenn dein verliebtes Auge lacht
Dort in der Blätter Purpurnacht

Die ersten drei Verse bilden die rhetorische Frage, welche sich an das literarische Du richtet. Die ersten zwei Verse hingegen beziehen sich auf das lyrische Ich und seine sexuelle Erregung, die er dem lyrischen Du offenbart. Ob sich „heiß entzückt vor dir stehn“ dabei auf sein erigiertes Glied bezieht oder nur allgemein den erregten Gemütszustand beschreibt, kann nicht endgültig geklärt werden. Deutlicher hingegen ist der darauffolgende dritte Vers und das Naturmotiv der Rose. Naturmotive sind für die galante Lyrik klassisch (vgl. Blinn 1999, S. lllff.), jedoch besitzt die Rose als spezifisches Motiv mehr inhaltliches Gewicht. Während Rosen generell mit Liebe oder auch Liebesschmerz assoziiert werden, symbolisieren sie ebenso Frauen, weshalb sie hier dem lyrischen Du zugewiesen ist (vgl. BUTZERUND JACOB 2008, S. 301ff.). Eine weitere Assoziationsmöglichkeit mit der Rose ist die der Vergänglichkeit, welche vor allem in Bezug auf Erotik die Maxime des Carpe diem (Stichwort Momento mori) unterstreicht (vgl. BUTZER UND JACOB 2008, S. 301ff.) und erneut ein zentrales Thema der galanten Dichtung darstellt (vgl. Blinn 1999, S. lllff.).

Wenn man nun zurückgeht auf die Verwendung der „Rose“ in der rhetorischen Frage zu Beginn des Verses kann sie für all diese Dinge stehen. Gleichzeitig aber wird die inhaltlichmetaphorische Bedeutung des Rosen-Motivs final von dem ihr folgenden Verb „aufschließen“ definiert. Dies impliziert das die „Rose“ des lyrischen Du etwas Wertvolles ist, das verschlossen, beziehungsweise dem lyrischen Ich unzugänglich ist. Die Rose kann also für das weibliche Geschlechtsteil, Jungfräulichkeit oder die allgemeine sexuelle Zugänglichkeit das lyrischen Du stehen. Das lyrische Ich verfolgt dabei das Ziel, das lyrische Du dazu zu bewegen, ihre „Rose“ zu öffnen. In dem darauffolgenden Vers findet sich die Metapher „Auge“, welche personifiziert wird durch die Verben „verliebt und lachen“. Ein (leuchtendes) Auge kann Liebreiz oder Reinheit bedeuten (vgl. BUTZERUND JACOB 2008, S. 29 ff.), in diesem Zusammenhang kann diese Metapher jedoch ebenfalls durch die darauffolgenden Verse näher bestimmt werden.

In dem fünften Vers findet sich das Naturmotiv „Blätter“ in Verbindung mit „Purpurpracht“. Purpur ist Bestandteil des Beschreibungsinventar des Petrarkismus und somit ein Symbol für Liebe (vgl. BUTZERUND JACOB 2008, S. 282), allerdings auch ein Farbträger, welcher sich wiederum auf die Rose beziehen kann.

Wenn man nun davon ausgeht, dass die Rose für das weibliche Geschlechtsteil des lyrischen Du steht, und das Auge, wichtig: Singularform, in „der Blätter Purpurpracht“ lacht, kann es symbolisch für die Klitoris oder auch den weiblichen Orgasmus im Allgemeinen stehen. Der sechste und letzte Vers beendet die dritte Strophe mit einer ähnlichen Bildmetapher:

Einperlenrunder Tau kommt fließen.

„Tau“ erfährt hier eine ironische Umdeutung und wird durch die Bewegungsverben „kommen“ und „fließen“ näher definiert. Das Hinzufügen von Bewegung erzielt einen größeren Effekt als ein ruhender Reiz und löst die Statik der Metaphorik auf. Mit Blick auf die vorhergehenden Verse kann argumentiert werden, dass Hoffmannswaldau die traditionellen Bedeutungskomponenten der Naturmotive zu Nutzen macht, um die Erotik auszuschmücken und somit in dem letzten Vers den männlichen Orgasmus beschreibt (vgl. SCHÖBERL 1972, S. 44f.). Hierbei ist wichtig festzuhalten, dass es zu diesem Punkt in dem Gedicht noch zu keiner sexuellen Handlung zwischen dem lyrischen Du und lyrischen Ich gekommen ist. Vielmehr dient diese Strophe der Argumentation und Überredung des lyrischen Du.

Die darauffolgende vierte Strophe beschreibt das Lustempfinden des lyrischen Du in den ersten drei Versen. Es ist die Rede von der Unruhe, beziehungsweise sexuellen Erregung des lyrischen Du und von „Das süße Wesen“, welches das typische sensuelle Motivfeld des Geschmacklichen der galanten Lyrik aufgreift (vgl. BLINN 1999, S. 111). Diese Ausführungen zum Lustempfinden etablieren eine gewisse Mitverantwortung auf Seiten des lyrischen Du und argumentieren, dass der Sexualakt von beiden Parteien gewünscht sei. Darüber hinaus wird in dieser Strophe die Fragmentierung des weiblichen Körpers fortgesetzt: Strophe eins behandelte die weibliche Brust, Strophe zwei die Lippen, Strophe drei das Auge, die vierte Strophe nun spricht „Mark und Bein“ an. In den letzten drei Versen ist des Weiteren die Rede von „Lenden“ und „Hinterberg“. Beide beziehen sich auf den Körper des lyrischen Du und stellen eine einladende Instanz für das lyrische Ich dar. Gerade die Aussage „mich tiefer soll verfügen“ deutet auf die explizit sexuelle Natur dieser Ausführungen hin.

Die fünfte Strophe beginnt, wie die erste, mit der direkten namentlichen Ansprache der Adressierten Lisette und das lyrische Du wird erneut aufgefordert, sich dem lyrischen Ich hinzugeben. Das der Sexualakt weiterhin das Ziel der Argumentation ist, wird deutlich durch Ausführungen wie „versinken“ und „in diesem Grabe sterben“: sie können erneut eine Metapher für den Orgasmus des lyrischen Ich darstellen. In Vers drei erfährt die zunächst negativ konnotierte Metapher des Grabes im galanten Kontext eine ironische Umdeutung ins Positive (vgl. SCHÖBERL 1972, S. 24). Die darauffolgenden Verse behandeln das Wiedererlangen der Kräfte des lyrischen Ich nach „einer Stunde Lauf“ und die darauffolgende Möglichkeit „größre Gunst“ zu erreichen. Beides kann wieder auf sexuelle Handlungen bezogen werden und steigern den ironisch-galanten Unterton. An diesem Punkt im Gedicht ist ebenfalls das zweite Mal die Rede von wachsender „Gunst“, das erste Mal in Strophe drei. Eine weitere Parallele zu Strophe drei sind die ironisch anmutenden Metaphern, welche die eigentliche Aussage in einer metaphorischen Verschleierungs- und Andeutungsstrategie ausklammern und somit erneut mehr Reiz durch das Spiel mit Zweideutigkeiten schaffen (vgl. SCHÖBERL 1972, S.141).

In der sechsten Strophe wird die Thematik von einer „zweiten Runde“ weitergeführt, wobei dieses Mal dem lyrischen Du eine noch größere Rolle als Objekt der Begierde zufällt. Der Enthusiasmus des lyrischen Ich wird durch die Metapher „Glut“ und den Pleonasmus „heiße Flammen“ in den ersten drei Versen verbildlicht. Die letzten drei Verse widmen sich dem lyrischen Du und seinem Körper. Beschrieben wird es als „sanfter Pfühl“ und „zarten Glieder Marmorspiel“, wobei Marmor dabei stellvertretend ist für Eigenschaften wie Farbe, Glanz und Glätte (vgl. SCHÖBERL 1972, S. 28). Diese Beschreibungen stehen im direkten Kontrast zu den Metaphern der ersten drei Strophen: wo das lyrische Ich entflammt ist, ist das lyrische Du sanft. Der letzte Vers stellt die zotige Pointe der Strophe dar und positioniert das lyrische Du in einer klar sexuellen Position unter den Hüften des lyrischen Ich.

Die finale siebte Strophe beginnt ein weiteres Mal mit der direkten Ansprache der Adressierten Lisette und hat somit Appellcharakter. Das lyrische Du deutet ein weiteres Mal einen männlichen und weiblichen Orgasmus an durch die Aussage „von uns spritzen“.

Es ist die Rede von „Geist, Seel und Leben“, was zusammen mit der Referenz zum „Himmel“ im fünften Vers eine Rechtfertigung für die sexuelle Vereinigung durch religiöse Motivfelder schafft und die körperliche Liebe in die Sphäre der sakralen Handlung hinüberspielt (vgl. SCHÖBERL 1972, S. 25). Dadurch wird die Argumentation des „Liebeshimmel“ aus der ersten Strophe erneut aufgegriffen, das religiöse Motiv als Bildgut in die Liebeslyrik aufgenommen und bildet einen strukturellen Argumentationsrahmen um das Gedicht (vgl. SCHÖBERL 1972, S. 24).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Gedicht An Lisette die Intention verfolgt, ein Liebesverhältnis, beziehungsweise eine sexuelle Vereinigung zu erzielen und dabei galante, gewagte und erotische Sujets erfüllt. Argumentative Gründe für die Vereinigung sind dabei sowohl Liebe, Leidenschaft und das Metaphysische, als auch impliziert die Vergänglichkeit. Hoffmannswaldau bespielt somit ganz klar das Hauptthema der galanten Lyrik, die erotische Liebe, behält aber eine geistreiche, ironische Haltung bei. Er vermittelt die Lust ästhetisch, verwendet zahlreiche Stilmittel und bleibt seiner stilistischen Tendenz, durch dinglich-sensuelle Polaritäten einen gedanklich-abstrakten Inhalt auszudrücken, treu (vgl. SCHÖBERL 1972, S. 37).

2.2 An Rosetten

Ein weiteres klassisch galantes Gedicht trägt den Namen An Rosetten. Es hat vier Strophen mitje sechs Versen und eine formal gleichbleibende Struktur.

In der ersten Strophe drückt das lyrische Ich seinen Wunsch nach der „zuckersüßen Stunde“ aus und offenbart somit indirekt seine sexuelle Motivation. Das Adjektiv „zuckersüß“ ist dem für die galante Lyrik typischen Bild- und Motivfeld des Geschmacklichen zuzuordnen (vgl. BLINN 1999, S. 111). Durch die wiederholte Symptominterjektionen „Ach komm“ in sowohl Vers eins wie zwei, sowie die rhetorische Frage, erhält die Strophe eine Appellfunktion und bildet somit die Basis für die Argumentationen der folgenden Strophen. In Vers drei und vier wird mit der Metapher „aus der Rosetten Munde“ und „Der Liebe Julep saugen“ höchstwahrscheinlich ein ersehnter Kuss im Kontext von einem romantischen Liebespathos beschrieben. Der Einstieg in das erotische Sujet wird somit über die Kusshandlung initiiert und ihm folgen die Auswirkungen, die all dies auf das lyrische Ich hat:

[...]


1 Die gesellschaftlichen Normen; Entwicklungsstände; Traditionen sind weltweit sehr variabel. So greift die vorliegende wissenschaftliche Arbeit lediglich die westlichen gesellschaftlichen Normen auf, wobei speziell deutschsprachige Literatur und nationale sozial-politische Entwicklungen berücksichtigt werden.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Galante Lyrik und die Kunst des Überredens
Untertitel
Inhaltliche und stilistische Struktur galanter Gedichte anhand der Werke "An Lisette", "An Rosetten" und "An Luise"
Hochschule
Universität Paderborn  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Galante Lyrik
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V991368
ISBN (eBook)
9783346367297
ISBN (Buch)
9783346367303
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Galante Lyrik, Lyrik, Gedichte, Literaturwissenschaften
Arbeit zitieren
Anna Kriens (Autor), 2019, Galante Lyrik und die Kunst des Überredens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/991368

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