Stefan Zweig: `Ungeduld des Herzens`


Ausarbeitung, 2001

7 Seiten, Note: 1


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1. Inhalt

Der einzige vollendete Roman Zweigs handelt vom echten Mitleid, mit dem Schicksal eines Menschen mitzuleiden, aber auch vom falschen, sentimentalen Mitleid, das stets versucht, sich aus bedrängenden Situationen und von Verantwortung freizumachen. In diese Lage gerät im Jahr 1914 der in einer ungarischen Garnison stationierte Leutnant Hofmiller. Die Liebe der gelähmten Edith erwidert er nur halbherzig. Er sieht sich vielmehr durch Zuneigung und Bitten der Familie in einer neuen Rollen, in einem Hochgefühl als wäre er ,,Gott". Er geht soweit, sich mit der jungen Frau zu verloben, leugnet jedoch diese Entscheidung letztlich aus Angst vor Ausgrenzung und Spott aus der Gesellschaft. Durch die eigene Feigheit erleidet Hofmiller einen Zusammenbruch, spielt mit Suizidgedanken. Der Selbstmord Ediths kommt ihm zuvor und ,,um zu sühnen" zieht der Leutnant in den 1.Weltkrieg, aus dem er - für gesellschaftliche Begriffe - als Held zurückkehrt.

- Ethische und psychologische Problematik (Krankheit, Mitleid, unerfüllte Liebe ...)

- Gesellschaftliche und soziale Fragestellungen (Konventionen, Normen, Judentum ...)

- Das Leben in der alten K.u.K. Monarchie ,am Vorabend des Ersten Weltkrieges`

2. Das Bild des Kaiserreiches Österreich - Ungarn in der Literatur nach dem

1.Weltkrieg

Das Österreich im Werk Stefan Zweigs im historischen Kontext des Jahres 1938: Hitlers Ultimatum zwingt den österr. Bundeskanzler Schuschnigg zum Rücktritt; Einmarsch der deut. Wehrmacht in Österreich am 12.März und Anschluss der Ostmark an das Reich. Zweigs Hoffnungen auf eine Rückkehr aus dem englischen Exil sind zerstört; er hat seine Heimat verloren. Selbst wenn er das Los des Exilanten noch in der Biographie des ,Joseph Fouché` in einem Hymnus besungen hat, so trägt er doch schwer an dem eigenen Schicksal

2.1 Gesellschaftsbild:

-,Ungeduld des Herzens` als nostalgische Huldigung an eine untergegangene Welt, geprägt von innerer und äußerer Ordnung, kosmopolitischem Denken und Zusammenleben verschiedener nationaler und sozialer Schichten Die Protagonisten des Romans vertreten einerseits strikte gesellschaftliche Konventionen und Traditionen, andererseits aber ebenso Lebensfreude (Musik, gesellige Feste und Gemeinschaft)
- Die große Idee einer friedlichen Nation mit europäischen Ausmaßen steht im Vordergrund; Schlüsselszene im Roman: Die Hochzeit auf dem Land. ,,[...] wo eine Scheune zum Tanz ausgeräumt worden war, stürzte jetzt, ganz blutrot vor Beflissenheit, der ziemlich korpulente Brautvater heraus, um uns zu bewillkommnen. Vielleicht glaubte er ehrlich, der weltbekannte Gutsherr von Kekesfalva habe eigens das Vierergespann anschirren lassen, um ihm und seinem Sohn die Ehre seiner Gegenwart beim Hochzeitsfest zu erweisen. [...] rings um das Brautpaar die Angehörigen der Familie sowie die unvermeidlichen Honoratioren, der Pfarrer und der Gedarmeriekommandant. Auf der gegnüberliegenden Estrade hatten die Musikanten sich niedergelassen, schnurrbärtige und ziemlich romantische Zigeuner [...] auf dem festgestampften Tanzboden der Tenne drängten sich die Gäste [...]."

2.2 Landschaftsbild:

- Das Geschehen spielt in der panonnischen Ebene des Burgenlandes, dem heutigen österreichisch-ungarischen Grenzgebiet, dem Zentrum der ehemaligen Donaumonarchie
- Die Bevölkerung dieser Region setzt sich bis zum Ende des Kaiserreiches 1918 aus Österreichern, Slowenen, Ungarn, Kroaten und Serbokroaten zusammen, die hier weitgehend friedlich zusammenleben

3. Frauengestalten

3.1 Die Figur der Edith

Edith ist die kranke Tochter des Kekesfalva, die durch einen Virus zu einer Gelähmten wird. Die Liebe zu dem jungen Leutnant Hofmiller gibt ihr neuen Antrieb, gegen die Krankheit zu kämpfen, führt aber letztendlich zu ihrem Selbstmord.

Charakteristisch für Edith sind ständige Gefühlsausbrüche, die immer ins Extreme gehen. Diese Figur des Buches ist äußerst psychologisiert:

3.2 Edith - die Psyche einer körperbehinderten Frau

- Zweig erscheint hier erneut als Psychologe aus Leidenschaft und macht dabei nicht den schlechtesten Eindruck
- Eindringlich beschreibt er Gefühlslagen und Handlungsweisen einer behinderten Frau aus verschiedenen Perspektiven ihres engen Kreis von Bezugspersonen
- Zweig greift in der Anlage der Figur ein Motiv der Psychoanalyse des

19.Jh`s auf: nach der Methode Franz Anton Mesmers gibt es einen Selbstwiderstand beim Kranken, der durch äußere Impulse motiviert werden kann und im Betroffenen Aktivität zum Kampf gegen die Krankheit auslöst Siehe dazu Zweig, Stefan: ,Die Heilung durch den Geist. Mesmer. Baker-Eddy. Freud.´

- Auffällig an der Figur Ediths ist ihre häufige Kontraststellung gegenüber Ilona: das ,,verkrüppelte Kind" versus der ,,knusprigen Nichte"

3.3 Das Frauenbild in Österreich: Ilona

Frauen in der damaligen Zeit hatten so gut wie keine Rechte. Ihre Aufgabe bestand darin, dem Manne zu dienen, ihm ein Heim zu schaffen und Kinder zu bekommen. Trotz der Umbrüche durch die diversen Fauenbewegungen war die Realität in Österreich bei weitem nicht so fortgeschritten. Die Frauen in Österreich waren in der Durchsetzung ihrer Rechte auch nicht so aggressiv wie in manch anderen Ländern. Sie erbitteten ihre Rechte, statt sie zu fordern.

Außerdem bestand eine Diskrepanz zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum. Die bürgerlichen Frauen legten keinen allzu großen Wert auf eine Veränderung ihrer Situation, weil sie ihre Sicherheit und ihre Privilegien des Standes zu sehr schätzten. Dieses Bild der bürgerlichen Frau spiegelt sich deutlich in der Figur der Ilona wieder, die sich ohne zu murrendem Willen des Hausherrn beugt, um dadurch ihre materielle Situation zu sichern. Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse stellt sie zugunsten denen Keksfalvas und Ediths zurück.

Sie wird von Kekesfalva derart beeinflusst, dass sie ihr Leben in den Dienst Ediths stellt. Eine geplante und von ihr gewünschte Heirat wird solange zurückgestellt, bis Edith genesen sein wird.

Ilona verkörpert das Gegenstück zu Edith in ihrem Aussehen und Charakter. Sie ist schön, mit einer natürlichen erotischen Ausstrahlung und einem sanften und lebenslustigen Temperament.

4. Männergestalten

4.1 Die Figur des Leutnant Hofmiller

Leutnant Hofmiller führt ein vorbestimmtes, gesichertes Leben, bis er durch Zufall auf die Familie Kekesfalva trifft. Durch immer weitere Verstrickungen und unumgängliche Begebenheiten verstrickt sich das Schicksal des leicht zu beeinflussenden und privat naiven Hofmillers immer mehr mit dem der Familie, bis er schließlich einer Verlobung mit der kranken Edith zustimmt, sie jedoch kurz darauf bei seinen Kameraden wieder leugnet. Dieses Leugnen bringt Edith dann dazu, Selbstmord zu begehen. Die Geschichte wird erzählt wie ein antikes Schicksalsdrama, bei dem die Hauptperson die Handlung nicht beeinflussen kann. Auffallend dabei ist die unglaubliche Naivität Hofmillers, der die Liebe Ediths über Wochen nicht bemerkt, und als sie ihm dann offenbart wird so erschrickt, dass er zuerst die Flucht ergreifen will. Doch wie schon so oft vorher kann er durch das Zureden durch den Vater und später noch mal durch Dr. Condordazu bewegt werden, sich dieser Liebe zu stellen. Auf Seiten Hofmillers ist das Motiv für die Annäherung an Edith und die Familie reines Mitleid. Er erkennt, dass er mit seiner Person andere beeinflussen, ihnen sogar helfen kann und kostet dieses ,,Mitleid" voll aus. Dieses Mitleid ist jedoch nur eine ,,Ungeduld des Herzens", das Streben danach, das momentane Leid so schnell wie möglich zu beenden, ohne über die weiteren Konsequenzen nachzudenken; eigentlich nur ein Zurückschrecken vor fremdem Leid.

4.2 Leutnant Hofmiller - ein Kind seiner Zeit

- Gesellschaft und Staat fordern von ihm Gehorsam, Einhaltung des militär. Ehrenkodex und geltender Konventionen
- Sein eigener Handlungsspielraum und Antrieb zum eigenen Willen sind begrenzt, sein Verantwortungsbewußtsein schwach ausgeprägt
- Als Mensch versagt er, als Gesellschaftsmitglied wird er zum Helden stilisiert
- Mit dieser Figur (übrigens ein Typus in der österr. Literatur seit 1900 und insbesondere nach dem 1.Weltkrieg) werden auch die Schwächen und schleichende Dekadenz der einst glänzenden Habsburgmonarchie deutlich vgl. Arthur Schnitzler ,Leutnant Gustl` sowie Joseph Roth ,Radetzkymarsch` / ,Kapuzinergruft`

4.2 Dr. Condor

Er ist der behandelnde Arzt Ediths, der über Jahre hinweg das Krankheitsbild Ediths begleitet, beobachtet und alles daran setzt, eine Heilungsmethode zu (er-)finden. Nebenbei versucht er auch Kekesfalva zu therapieren, bei dem er seit Ediths Krankheit eine gesundheitliche Verschlechterung feststellt.

Condor ist das bessere ICH des Leutnant Hofmiller.

Sein Mitleid ist echtes Mit-Leiden, keine ,,Ungeduld des Herzens". Er vertritt die Lebensauffassung, dass man nur dazu da sei, anderen zu helfen, bis hin zur Selbstaufgabe. Dies spiegelt sich auch in der Heirat mit einer seiner Patientinnen wieder. Seiner Meinung nach gibt es keine unheilbare Krankheit und Krankheit ist eine Verletzung der Ordnung, die man auch mit rücksichtslosen Mitteln wiederherstellen muss.

4.3 Kekesfalva

Ein Jude, der aus ärmsten Verhältnissen stammt und durch harte Arbeit seit seiner Kindheit und später durch teils zwielichtige Geschäfte und ohne Gewissen gegen seine Geschäftspartner zu einem großen Vermögen und einem Adelstitel kommt. Erst die Heirat mit seiner Frau und später ihr Tod ändert seine Einstellung. Er begreift, dass Geld nicht das Wichtigste ist und setzt alles daran, dass seine Tochter Edith geheilt wird. An dieser Sorge um sie geht er selbst zugrunde. Auch von dem gesamten Umfeld verlangt er, dass sich alles nur noch um das Wohl Ediths dreht.

So drängt er auch Hofmiller durch Appelle an dessen Mitleid und Ehre zu Dingen, die dieser eigentlich nie tun wollte.

Fazit: der Roman ,Ungeduld des Herzens` als ...

- Huldigung Zweigs an ,seine` verlorene Heimat, an seine zerstörten gesellschaftl. Bindungen
- Rückzug in die alte Welt fern von aktuellen Bezügen
- Relativ unpolitisches Aufleben einer untergegangenen Welt, eines Traumes
- Unhistorische Bearbeitung einzelner Schicksale ohne weitreichende Deutungs- versuche
- psychologisch teilweise gut getroffene Studie
- ein Beweis, dass die breite Epik nicht Zweigs eigentliches Genre war

Zweig, Stefan: Die Heilung durch den Geist. Mesmer. Mary Baker-Eddy. Freud, hrsg. und mit Nachbemerkungen versehen von Beck, Knut, Frankfurt am Main 1983

Zweig, Stefan: Ungeduld des Herzens, Frankfurt am Main 1976

Verwendete Sekundärliteratur:

Cohen, Rosi: Das Problem des Selbstmordes in Stefan Zweigs Leben und Werk in: Eruopäische

Hochschulschriften, Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 576, Bern / Frankfurt am Main 1982

Haenel, Thomas: Stefan Zweig, Psychologe aus Leidenschaft: Leben und Werk aus der Sicht eines Psychiaters, Düsseldorf 1995

Müller, Hartmut: Stefan Zweig, hrsg. von Schröter, Klaus, 5.Aufl., Reinbeck 1994, S. 104 f. sowie S. 116 ff

Prater, Donald A.: Stefan Zweig. Das Leben eines Ungeduldigen, aus dem Englischen übersetzt

von Hohenemser, Annelie, München / Wien 1984

Schmidt, Mirjam: Frauengestalten in den Erzählungen von Stefan Zweig, in: Europäische Hochschulschriften, Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 1651, Frankfurt am Main 1988

Strelka, Joseph: Stefan Zweig - Freier Geist der Mensch, Wien 1981, S. 118 - 123

Trommler, Frank: Österreich im Roman. Eine Untersuchung zur dargestellten Wirklichkeit bei

Joseph Roth, Robert Musil und Heimito von Doderer, Diss., München 1965

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Stefan Zweig: `Ungeduld des Herzens`
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
PS Stefan Zweig
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
7
Katalognummer
V99207
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nach erfolgloser Suche im Internet zum einzigen Roman Zweigs, soll anderen Suchenden mit diesem ausbaufähigen Referat geholfen werden!
Schlagworte
Stefan, Zweig, Herzens`, Stefan, Zweig
Arbeit zitieren
Stephanie Stelzl (Autor), 2001, Stefan Zweig: `Ungeduld des Herzens`, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99207

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